Montag, 24. Oktober 2016

Unausgegorenes, Halbgares und Nichtfertiggestelltes

Den 1000. Blogeintrag möchte ich nutzen, um einige Textfragmente, die zum Teil seit Jahren in meinem Ideendokument lagern, rauszuhauen. Es handelt sich um Rohmaterial, von dem ich weiß, dass ich es eh nicht mehr in einen veröffentlichungswürdigen Zustand überführen kann. Aber vielleicht sind ja einige meiner geschätzten Leserinnen und Leser an einem kleinen Einblick in meine digitale Werkstatt interessiert.

Folgende Zeilen schrieb ich Anfang 2009, als das Wort "(Not-)Wasserung" durch alle Kanäle galoppierte, nämlich nach Captain "Sully" Sullenbergers spektakulärer und jüngst verfilmter Notlandung auf dem Hudson River:

Der Vorwurf, der von Sprachpuristen am häufigsten gemacht wird, lautet, wir Deutschen griffen heute bei der Bildung neuer Wörter nicht mehr auf ererbtes Material zurück, sondern entlehnten alles aus dem Englischen. Zur Zeit geistern aber drei ziemlich deutsche Wörter durch die Medien, von denen zwei nicht mal im Duden stehen. Eine Wasserung ist, wenn man ein Flugzeug in einem Fluss landet, eine Abwrackprämie bekommt man für sein altes Auto, wenn man sich dafür ein neues kauft, und das Konjunkturpaket ist zwar nicht wirklich deutsch, aber zumindest Paket wird kaum noch als Fremdwort empfunden. (Mich wundert, dass wir nicht das kurze, prägnante englische bailout verwenden.) Fazit: Da kann man mal sehen!

Supergähn! Ähnlich erkenntnismehrend war diese Einlassung zum kurzen Wiederaufleben der Vokuhilas, ebenfalls aus dem Jahr 2009 (Auszug):

Für die, die es nicht wissen: "Vokuhila" steht für "vorne kurz, hinten lang" (eine so genannte Silbenkürzung) und bezeichnet nicht nur die "Frise" (Jugendsprache) an sich, sondern auch deren Träger (sog. pars pro toto). Zu meiner Schulzeit haben wir uns gern und ausgiebig über Vokuhilas lustig gemacht. Es ist betrüblich, dass diese Kopfhaartorheit heute unter jungen Douchebags ein Revival erfährt. Durch rote oder andersfarbige Tupfer ergänzt, sieht die 2000er-Variante sogar noch grausiger aus als der 80er-Jahre-Prototyp.

Über Äußerlichkeiten bzw. den medialen Umgang mit ihnen wollte ich mich auch 2010 beschäftigen. Ein Entwurf mit dem vielversprechenden Titel "Hurra! Ein längst überfälliger rant über den Beruf des Models" wurde leider nicht viel substantieller als dieser lieblos hingekritzelte Assoziationsklumpen:

Die Modelsuchsendungen im Fernsehen haben mehrere Aufgaben. Eine davon ist, das Ansehen von Models zu verbessern. Model, so denkt man sich, ist der wohl einfachste Beruf der Welt. Man muss nichts können außer sich fotografieren zu lassen und/oder über einen Steg zu laufen. Bei der beliebten Topmodel-Show mit Heidi Klum müssen die Kandidatinnen jedoch zusätzlich model-untypische Aufgaben absolvieren wie schwimmen oder gefährliche Tiere tragen. (Zumindest bilde ich mir ein, das irgendwo gelesen zu haben.) Diese Aufgaben sind aber für die zukünftige Karriere irrelevant, denn mir kann niemand erzählen, dass die Damen im echten Modelalltag irgendeine Tätigkeit ausführen müssen, die über bloßes Posieren hinausgeht, da können die noch so oft beteuern, dass das "eine unheimlich harte Arbeit" ist.
Wozu gibt es Models? Ist es nicht ein abwegiges Unterfangen, Schönheit zu objektivieren? Sicher, die biometrischen Daten der Topmodels entsprechen bestimmt den Idealen frigider Attraktivitätsmathematiker, doch will/soll man so etwas bewundern? Bedenklich wird es dann, wenn gewisse Mindestmaße vorausgesetzt werden. Um Model werden zu können, muss eine Frau mindestens 170 cm groß sein. Fakt: Auch wer in die SS eintreten wollte, musste wenigstens 1,70 m messen! Und dann immer diese Magersucht und das frostige Lächeln – das ist doch völlig widernatürlich! Überhaupt: Wenn ich über den Campus gehe, sehe ich Hunderte Mädchen, die tausendmal hübscher sind als die Püppchen aus dem Fernseher. [usw. ad inifnitum]

Was jetzt kommt, verfasste ich auf dem Höhepunkt des Wirtschaftscrashs im Herbst 2008. Seinerzeit war ich einem leichten studentischen Antiamerikanismus verfallen. Dass ich meinem Gedankengang selbst nicht recht traute, kann man am letzten Satz erkennen.

Ich habe mich schon immer gefragt, ob, und wenn ja, warum der Durchschnittsamerikaner reicher ist als der Durchschnittseuropäer. Man liest Bücher, schaut Filme, und immer wohnen alle in Einfamilienhäusern, fahren mehrere Autos, gehen jeden Abend essen und lachen alle aus, die weniger als 40.000 im Jahr verdienen! Gleichzeitig liest/hört man, wie die Leutchen dort über Hypotheken, unbezahlte Rechnungen und überzogene Kreditkarten jammern. Jetzt, im Zuge der Wirtschaftskrise, wurde es aufgedeckt. Die Amis können nicht sparen! Nicht nur das – sie leben auf Pump! Alles, was sie verdienen, wird sofort in Einfamilienhäuser, mehrere Autos und Abendessen gesteckt; bezahlt wird mit Plastik. Nur 5% werden angelegt, hieß es gestern in einer Fernsehsendung. Der Grund dafür ist, dass niemand auf etwas verzichten möchte; jeder will mindestens so reich sein wie sein Nachbar. Ich bin schon seit langem der sympathischen Meinung, dass sich jede/r nur das kaufen soll, was sie/er sich leisten kann. Kredite würde ich als Bank nur in absoluten Notfällen vergeben, keineswegs für Segelyachten und so 'nen Quatsch. Nur Reiche sollen sich Prestigeobjekte zulegen können, dann schrumpft die Menge der tatsächlich Reichen nämlich zusammen, und so etwas [hier stand ein inzwischen toter Link zu einem Artikel über die damals neueste OECD-Studie] kann zu Gunsten einer erstarkenden Mittelschicht gar nicht mehr passieren.
Mh, wahrscheinlich habe ich gerade totalen Unsinn geschrieben, denn die "klaffende Arm-Reich-Schere" in Deutschland hat ganz andere Ursachen.

Zum Abschluss eine Notiz, die tatsächlich im Januar 2012 auf dem alten Platz meines Blogs veröffentlicht wurde, sich des Umzugs zu Blogger aber als nicht würdig erwies, obwohl ich der Grundaussage und -wut noch immer zustimme:

YouTube nervt! Erinnert ihr euch noch an vor fünf, sechs Jahren, als es ALLES, wirklich alles bei YouTube gab? Jede kleine, noch so abwegige Szene aus einem Film oder einer Serie, die einem gerade einfiel, konnte man auf der Videoplattform insta anschauen. Es war die Zeit der "YouTube-Sessions", die auf Privatpartys zu fortgeschrittener Stunde einberufen wurden. Man setzte sich an einen Rechner und konsumierte Dutzende von Videos; jeder hatte etwas beizutragen, und alles war vorrätig. Heute ist YouTube die machtlose Bitch der großen Netzwerke, die alles rigoros löschen lassen. Mindestens genau so schlimm wie mit Fernseh-/Filmclips verhält es sich mit Musikvideos und Liedern. Alles weg. Im Grunde wäre jetzt der richtige Punkt für eine Renaissance der Musiksender.

Und im Grunde ist jetzt der richtige Punkt für ein Ende dieser Recycling-Session.

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