Mittwoch, 29. Mai 2019

Stimmt so?

Ich sah eine amerikanische Serie, und darin passierte Folgendes: Ein Mann hat gerade in einem Hafen-Diner gegessen und möchte bezahlen. Die Summe beträgt 18,50 $. Der Gast wühlt in seinem Portemonnaie und erklärt dann, sichtbar peinlich berührt, dass seine Kreditkarte gerade nicht funktioniere und er nur 20 $ in bar dabei habe. "Ich weiß, das ist nicht besonders viel Trinkgeld", entschuldigt er sich. In der nächsten Episode trifft er die Servierkraft in einem Waschsalon wieder und überreicht ihr als Wiedergutmachung bzw. "Nachzahlung" einen 10-$-Schein! Dazu muss man wissen, dass der Mann das Vertrauen der Frau, über welche er eine Ermittlung anstellt, gewinnen will und die Begegnung im Waschsalon kein Zufall war. Dennoch fand ich das bemerkenswert. Während man in Deutschland 20 Euro für den perfekten Betrag halten würde, wenn ein Essen 18,50 € kostet, geben 20 US-$ für eine 18,50-Mahlzeit – in einem übrigens nicht sonderlich edlen Lokal – Anlass zu Scham und Erklärungsdruck. In anderen Filmproduktionen sah man schon Fünfziger den Besitzer wechseln und Knausrigkeitsvorwürfe nach einem 20-Dollar-tip aufbranden.

Es ist aber auch kompliziert! Reist man in ein fremdes Land, ist man gut beraten, sich im Vorfeld intensiv mit den dortigen Trinkgeldgepflogenheiten zu befassen. Hätte ich jemals vor, die USA zu besuchen, würde ich stundenlang YouTube-Tutorials zum Thema (die es garantiert gibt) studieren. Anderswo ist es eine grobe Verfehlung, überhaupt Trinkgeld zu geben. Manchmal heißt es auch "Tipping ist in der Regel unerwünscht, in westlichen Restaurants gilt es hingegen als unhöflich, nichts zu geben". Kann man sich nicht mal auf einen weltweiten Standard einigen? Was macht die UNO eigentlich den ganzen Tag?

In Deutschland habe ich mir angewöhnt, bei Gaststättenbesuchen möglichst genau 10 Prozent zu geben, und habe dafür noch nie säuerliche Blicke geerntet. Im Taxi runde ich auf den übernächsten Euro auf, Bringdienstpersonen drücke ich je nach Lieferzeit 1 oder 2 Euro extra in die Hand. Was in gehobenen Hotels fürs Koffertragen oder was gegenüber Möbelpackern angemessen ist, wüsste ich nicht; zum Glück komme ich eher selten in die Verlegenheit, mir darüber Gedanken zu machen.

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