Sonntag, 26. April 2026

Wer den Cent nicht ehrt ...

Entgegen der Behauptung eines zum Glück inzwischen eingemotteten Werbespruchs ist Geiz nicht geil, sondern hässlich, so hässlich wie jener Saturn-Slogan. Sparsamkeit hingegen: gut. Doch der Übergang ist fließend. In einer seiner FAS-Kolumnen, die in dem 2023 erschienenen Band "Zu Hause an den Bildschirmen: Schmidt sieht fern" versammelt sind, schreibt Jochen Schmidt:
Ich freue mich immer, wenn ich eine Möglichkeit entdecke, Geld zu sparen, zum Beispiel, indem ich beim Einkaufen die grünen Stengel der Rispentomaten vor dem Wiegen entferne, beim Knäckebrot die flache Seite schmiere, weil auf der anderen Seite so viel Belag in den Kuhlen verschwindet, alte Kalender kaufe und das Datum mit Hand ändere. Statt Nagellack zu benutzen, kann man zu enge Schuhe tragen, bis sich die Zehennägel blau färben, und beim Nachdenken kann man sich angewöhnen, das Schreibtischlicht zu löschen.
Die letzten zwei Beispiele sind natürlich als Verlängerungswitz gemeint, aber das Rispenentfernen, das Knäckeschmieren und das Kalenderrecycling nehme ich dem Autor ab. Nicht dass ich dergleichen selbst tun würde (noch je auf die Idee gekommen wäre), aber ich verstehe das Mindset dahinter. Schmidt ist zum einen in der DDR aufgewachsen, hat zum anderen als 1970 Geborener noch aus erster Hand Zeugnis davon erhalten, wie es in der schweren Zeit war.
Für die Generation, die noch den Krieg erlebt hat, war solche Sparsamkeit, die heute als Geiz gilt, selbstverständlich; so erklärte Tante Lore aus Köln meinen Eltern einmal, sie würden sich erst einen Fernseher leisten, wenn der Farbfernseher erfunden wäre, denn dann würden sie einfach einen Schwarzweißfernseher kaufen, die ja dann sicher billiger würden. Tante Lore und ihr Mann aßen auch, wenn sie in die Toskana fuhren, nach der Ankunft eisern ihre für unterwegs geschmierten Stullen auf, bevor sie sich der italienischen Küche widmeten.
Dass man seinen Reiseproviant bis zum letzten Krümel vertilgt und überhaupt Nahrung nur wegschmeißt, wenn sie verdorben ist, versteht sich ja wohl hoffentlich auch heute noch von selbst! Hier geht es nicht nur darum, Geld zu sparen, sondern um das Eindämmen von Lebensmittelverschwendung. Manche Pfennigfuchsereien sind universell und generationenunabhängig, andere sind den Nachwachsenden vorbehalten: 
Meine Tochter erklärte mir, nach Partynächten kaufe man sich als mittelloser Schüler heutzutage am Dönerstand «Saucenbrot», also einen Döner ohne Inhalt, nur mit Sauce, für 1 Euro.
"Schülerdöner": das habe ich auch schon irgendwo auf einer Imbisstafel gelesen! Und einmal beobachtete ich gar, wie zwei Grundschüler einen Dönermann fragten: "Kriegen wir einen Döner geschenkt?" Womöglich funktioniert diese Masche gelegentlich, und sei es nur mit dem Resultat, ein "Saucenbrot" oder ein "Fladenbrot ohne alles" abzustauben.

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