Samstag, 7. Juli 2012

Sand im Kopf

(Unkenntlichmachung von mir)

Immer wenn man denkt, dümmer und schlimmer könne die Bild-Zeitung inzwischen eigentlich nicht mehr werden, verirrt man sich auf bild.de und wird eines Besseren belehrt.

Auf der Insel Amrum ist ein kleiner Junge in einem Sandloch erstickt bzw. laut Bild online ja vielmehr "ertickt". Das ist ohne Frage sehr traurig. Für Bild-Redakteure ist das aber auch das Ende der Welt, wie wir sie kennen. "Der Sand hat seine Unschuld verloren".

Dass Bild sich an toten Kindern aufgeilt, ist hinlänglich bekannt. Dass Bild tragische Einzelschicksale überdramatisiert, auch. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist aber schon beispiellos perfide. Lesen wir einmal - *schauder* - den vollständigen Artikel:

"Der Himmel weint milde Nieseltränen auf die Nordsee vor Amrum. [...] Die Fähre 'Schleswig-Holstein' öffnet ihr weißes Maul und spuckt Hunderte Familien an Land." Ja, wie kann diese Scheißfähre es wagen?! Hier ist gestern ein grauenhafter Unfall geschehen, hier "ist nichts mehr, wie es war", sogar der Himmel weint, und Hunderte Familien gehen einfach so "zum fröhlichen Löcherbuddeln" an den Strand, als wäre alles eitel Sonnenschein! "Es war eine merkwürdig zwiespältige Stimmung an Bord, als wir, die BILD-Reporter, die Fähre nach Amrum betraten. Es war der Tag danach." Man kann nur hoffen, dass die zu dieser traurigen, aber leider journalistisch notwendigen Dienstreise gezwungenen Bild-Reporter das nötige Maß Pietät an Bord gebracht haben.

"Da ist kein Loch im Sand, er ist fein, glatt, rinnt unschuldig durch die Finger, und doch ist es genau hier passiert." Und schöpfte man einen Eimer Wasser aus dem Pazifik, in dem immer wieder Tsunamis wüten und Tausende Todesopfer fordern - es würde genauso unschuldig durch die Finger rinnen. Wie kann Gott nur so zynisch sein? "Wenn der Sand Kinder verschluckt, spurlos und heimtückisch, unsichtbar und schweigend, dann kann das morgen wieder ..." Die Autoren wagen nicht, den Satz zu Ende zu schreiben. Zu denken allerdings schon, denn insgeheim fänden sie's natürlich super, wenn "das morgen wieder" passierte. Wie viele Seiten sich mit dem Thema füllen ließen, wie viele Schlagzeilen sich ergäben! Darf man je wieder das Sandmännchen gucken? / Frau Merkel, wann verbieten Sie endlich den teuflischen Nordseesand?

"Die weiße Fähre spuckt die nächste Ladung Familien aus, mit Eimerchen, Förmchen, Schaufeln und Spaten. Alles, was man braucht zum fröhlichen Buddeln im Sand." So endet der Beitrag, und man weiß nicht, was ekelhafter ist: die schwülstig-prosaische Schreibe oder die Implikation, welche die Aussage, der Sand habe "seine Unschuld verloren", hat. Sandstürme, Erdrutsche, Treibsand - das gibt's doch alles gar nicht. Nein nein nein, erst wenn ein einzelnes Kind auf unserem schönen unschuldigen Amrum verunglückt, dann hat der Sand seine Unschuld verloren. 

Wann die Bild-Mitarbeiter Hauke Brost und Thomas Knoop ihren Verstand verloren haben, ist leider nicht überliefert.

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