Sonntag, 1. Mai 2016

Abreißkalenderhumor – Special edition

Am 21.05.2005 riss ich wie jeden Morgen ein Abreißkalenderblatt ab. Auf dessen Rückseite stand folgender Witz geschrieben:

Diebe
Ein Dieb raubt einen reichen Mann aus. Dieser will dem Dieb behilflich sein, um schneller aus seiner Misere herauszukommen und reißt sich seine schöne Halsbinde ab. Schreit der Dieb wütend: "Jetzt ruinierst du unsere schöne Krawatte!"

Ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass mich dieser Witz ziemlich verständnislos stehen ließ. In einem Internetforum fragte ich um Rat und erhielt diese Antwort:

"Der Witz ist wohl aus dem Ende 19. Jahrhundert oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Jedenfalls aus der Zeit als die Krawatte die Halsbinde ablöste. [...] Die Halsbinde umschließt den Kragen nicht etwa vollständig, sondern nur fast; die zwei losen Enden im Nacken werden mit einer Schnalle befestigt. Daher kann man sie sich mit einem Ruck vom Hals schaffen, ohne ihre Substanz zu verletzen. Der doofe Dieb aber dachte, eine Krawatte vor sich zu haben, die nun entzwei gegangen ist."

Mir leuchtete jedoch immer noch nicht ein, wieso der Mann die Halsbinde abnahm, um dem Dieb zu helfen ..., womit ich nicht alleine dastand. Ich wies die anderen darauf hin, worauf entgegnet wurde:

"[D]ieser Umstand hat auch mir zunächst Kopfzerbrechen bereitet. Ich hatte schon befürchtet, als Einziger dem (dann als solches erkannten) Missverständnis aufgesessen zu sein, so dass ich in meiner ersten Reaktion nicht weiter darauf einging. Hier nun also des vorletzten Rätsels Lösung:
{Zitat von Besser ungenannt bleibender Kalenderblattwitzautor}
'Dieser will dem Dieb behilflich sein, um schneller aus seiner Misere herauszukommen'
--> Der Beraubte ist mithin weniger darauf aus, die womöglich prekäre wirtschaftliche Lage des Räubers zu verbessern (sonst wäre es 'dessen Misere' gewesen), als vielmehr die Dauer seines Beraubtwerdens zu verkürzen.
edit: 
Nach wie vor seltsam erscheint mir die numerisch wie juristisch angreifbare Überschrift des Witzes. Sie begünstigt das oben geklärte Missverständnis ebenso wie die Fraternisierung des Räubers mit dem Beraubten ('unsere schöne Krawatte'). Hmm – vielleicht ist 'Diebe' ja so zu verstehen wie der Ausspruch 'Frauen' nach Beobachtung eines zehnminütigen Einparkvorgangs."

Ein anderer Forumsuser lieferte die – m.M.n. wenig befriedigende – Zusatz-/ Alternativlösung:

"Tatsächlich glaube ich, dass das Wörtchen 'unser' der Schlüssel zum Erfolg ist. Nehmen wir an, der Witz ist zu Zeiten der Weimarer Republik entstanden (worauf die 'Halsbinde' deuten könnte) und man den damaligen politischen Hintergrund bedenkt (Kapitalismus gegen anwachsende kommunistische Kräfte), so stellt sich also eine Situation dar, in der ein 'Taugenichts' aus dem einfachen Volke (stellvertretend für den Kommunisten) einen 'reichen Mann' (also den Kapitalisten) ausraubt. Der Kommunist, der naturgemäß kein privates Eigentum kennen sollte, zeigt just in dem Moment, in dem der fremde Besitz in seine Hände übergeht, seine wahre Geisteshaltung und verrät sich durch das Wörtchen 'unser'. Ob die Halsbinde damals einen gewissen Wert darstellte oder hier nur aus symbolischer Bedeutung den Besitzer wechselt, vermag ich nicht zu sagen. Also ein Witz über den Kommunismus aus der damaligen Sicht der Kapitalisten. Oder wie man heute sagen würde: Die Linken, alles Verbrecher! Rollt der Rubel erst einmal, ist schnell aller Idealismus über Bord geworfen. Andererseits: Kennen Sie 'Die Filmkritik' von Loriot? Auch hier wurde in eine nichtssagende Slapstick-Szene mit Buster Keaton wunderschön überinterpretiert..."

Schon erstaunlich, was ein kleiner Zettel für Gedankenramenterei auszulösen vermag. 
Im August desselben Jahres stand auf dem Kalenderblatt dann folgende Posse, bei deren Interpretation mir allerdings niemand helfen konnte:

Was ist ein einzelner Engländer? - Ein Gentleman.
 Zwei Engländer? - Ein Klub.
 Drei Engländer? - Ein Empire (früher..)
 Ein Deutscher? - Ein Philosoph.
 Zwei Deutsche? - Ein Gesangsverein.
 Drei Deutsche? - Eine Bürgerinitiative.

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