Dienstag, 12. Juli 2016

Den Schuss nicht gehört

In der Süddeutschen Zeitung steht heute ein schöner Kommentar von Jörg Häntzschel über die Schwierigkeit, angemessen in deutscher Sprache über amerikanische Gewalttaten zu berichten. Auszug: "Mit 'Schießerei' lässt sich ein shooting wie das von Dallas jedenfalls nicht übersetzen. Schießerei, das klingt nach Clint Eastwood, wiehernden Pferden und splitternden Whiskeyflaschen, nach Desperados, die nichts zu verlieren haben - einem shootout." Immerhin: Mit "Polizeischießereien" sind police shootings noch nicht übersetzt worden, soweit ich das überblicken kann. Was sollte man sich auch darunter vorstellen? Polizisten, die auf einander schießen? 

Die Wiedergabe von shooter mit "Schütze", auf die der Artikel weiters eingeht, finde ich am wenigsten problematisch, auch wenn eine (holprige) Wortwahl wie "Abfeuernder" oder "(um sich) Schießender" geeigneter wäre – je nach Täterverhalten bzw. -vorsatz. Hier der m.M.n. wichtigste Punkt: "Nicht einmal für das transitive Verb to shoot gibt es ein Äquivalent. Im Englischen bleibt erst mal offen, was genau die Kugel angerichtet hat. [...] Deshalb behelfen sich deutsche Synchronisierungen englischsprachiger Filmen gern mit Euphemismen wie 'Ich hab' ihn erwischt', wenn es im Original 'I shot him' heißt." Das hat mich schon immer an dem deutschen Titel der Simpsons-Folge "Who Shot Mr. Burns?" gestört, der da lautet: "Wer erschoss Mr. Burns?" Mr. Burns wird in dieser Episode eben nicht er-, sondern angeschossen!

Noch einmal zum shooting: Auf leo.org diskutiert man das Wort "shooting victim", wobei die Frage aufkommt "Aber was ist der Unterschied zwischen Schießerei und Schusswechsel? Ist eine Schießerei, wenn nur einer eine Waffe hat? Oder ist Schießerei im kriminellen Bereich und Schusswechsel militärisch?" Ich habe keine Lösung für all diese Sprachbarrieren. Vielleicht sollte man sich wortbildungsmäßig nah an das englische Vorbild halten und für shooting den substantivierten Infinitiv aktivieren, wie im berühmten "Hornberger Schießen", von dem man übrigens bis heute nicht genau weiß, welcher Art dieses Schießen überhaupt war. Andererseits klingt "Polizeischießen" wiederum nach einem launigen Programmpunkt auf dem jährlichen Dorffest.

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