Mittwoch, 31. Januar 2018

Der perfekte Tweet


Dies ist für mich das prototypische Beispiel für die optimale Nutzung von Twitter als Witzerzeugungs-Tool. Ins klassische Witzformat übertragen, würde der Kurztext von @DanMentos weder geschrieben noch gesprochen so funktionieren wie auf dieser Plattform:

Ein Zauberer gewährte mir, mit einer beliebigen historischen Figur zu Abend zu essen. Ich entschied mich für Beethoven. Enttäuscht musste ich beim Dinner feststellen, dass ich die Hundeleckerli umsonst mitgebracht hatte.

Sofort merkt man zuungunsten des komischen Effekts, wie konstruiert diese Kurzgeschichte ist. Der erste Kniff des Twitterers besteht nun darin, den Ich-Erzähler zuerst etwas sagen zu lassen, und zwar lediglich eine Ellipse: "Irgendeine historische Figur?" Ohne Kontext wissen wir an dieser Stelle noch nicht, worauf sich die (Gegen-)Frage bezieht. Unsere Neugier ist geweckt. Erst die zweite und die dritte Zeile verschaffen Klarheit: Ein Zauberer sagt "So ist es", worauf die Regieanweisung "Später beim Dinner" den finalen Hinweis gibt und zugleich einen Szenenwechsel einläutet. In nur zehn(einhalb) Wörtern werden nicht nur zwei Protagonisten eingeführt, es wird auch etwas aufgebaut, das wir mithilfe unseres kulturellen Wissens bzw. unseres Erfahrungsschatzes als ziemlich komplexe Witzprämisse entschlüsseln: Ein Zauberer stellt einem sterblichen Menschen die abgedroschene Frage, mit welcher Person der Weltgeschichte er gerne einmal gemeinsam dinieren würde, als nicht-hypothetische, sondern als qua Magie realisierbare. In der vierten Zeile lernen wir den dritten Akteur kennen: Beethoven. Das war also die Antwort auf die (uns nur implizit bekannte) Frage nach der historischen Figur! "Sie wirken enttäuscht", fragt das herbeigezauberte Dinnerdate, und wir glauben natürlich, dass der Ich-Erzähler tatsächlich enttäuscht ist. Warum, lernen wir in der fünften und letzten Zeile: weil er sich nicht den Komponisten Beethoven gewünscht hat, sondern den Hund namens Beethoven aus dem Film "Ein Hund namens Beethoven". Diese Auflösung hätte uns abermals sehr direkt präsentiert werden können, etwa mit dem Satz "Ich hatte mir eigentlich den Hund aus diesem Film gewünscht ..." Stattdessen wird mit der beschreibenden Phrase "versteckt Hundeleckerli" das ganze Ausmaß der Verwechslung deutlich; der Ich-Erzähler hat zu der Verabredung mit dem vermeintlichen Hollywood-Köter sogar Belohnungs-Naschereien mitgebracht. Dass die Pointe nicht das Allerletzte ist, das wir lesen, sehe ich als zusätzlichen Pluspunkt. Dank des lakonischen "Schon okay" lachen wir nicht nur über die negative Erfahrung der kindlich-naiven Hauptfigur und deren Versuch, die offensichtliche Enttäuschung zu verbergen, wir fühlen auch mit ihr mit – aber nicht so stark, wie wenn der letzte Satz "yes, I am" oder ähnlich lauten würde. Außerdem macht das "It's fine" die Zeilen 4 und 5 erst zu einem richtigen Dialog und den gesamten Tweet zu einem Dramolett, das schlicht genial zu nennen ist. Was ich hiermit hoffentlich bewiesen habe.

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