Sonntag, 19. Juli 2020

Videospielnichtempfehlung: Broken Age

Mit ein paar Jahren Verspätung kann ich endlich ein Urteil über Broken Age fällen, und es ist kein gutes. Das unter dem Arbeitstitel "Double Fine Adventure" kickstarter-finanzierte Comic-Abenteuer von Lucas-Arts-Veteran Tim Schafer ist weit hinter meinen hohen Erwartungen zurückgeblieben. 
Wir sprechen hier von dem Mann hinter Point-&-click-Klassikern wie "Monkey Island" und "Day of the Tentacle"! Wo jedoch ist bei "Broken Age" der geniale Humor geblieben, der diese Kultspiele auszeichnete? Sämtliche Witzversuche wirken extrem bemüht, die meisten Nebencharaktere erscheinen wie sediert, auch den Hauptfiguren fehlt jeglicher Esprit, und die Handlung schlägt kaum überraschende oder irgend unterhaltsame Volten. Manche "Running Gags" haben mich zuletzt richtig aufgeregt, etwa die Namen der Mitglieder einer Familie, bei denen jeweils ein Buchstabe fehlt ("M'ggie", "Walt'r"). Auch die Geschichte vermag nach einem neugierig machenden Beginn kaum zu fesseln. Wir werden in zwei komplett verschiedene Szenarien katapultiert: in die Märchenwelt des Mädchens Vella, das sich als Menschenopfer für ein riesiges Monster bewirbt, und in die heile Isolation des Jungen Shay, der in einem Raumschiff ziellos durchs All tuckert. Das sind jeweils spannende Prämissen, und auch die Möglichkeit, jederzeit zwischen den beiden Protagonisten hin und her zu wechseln, ist, wenn auch nicht neu, anfangs vergnüglich. Man erwartet nun, dass sich die Wege von Vella und Shay irgendwann kreuzen, doch das geschieht nicht einmal im zweiten der zwei Akte; die Story plätschert vor sich hin, die Heldenreisen sind schleppend-zäh, die Atmosphäre ist bedrückend, selbst die Musik nervt irgendwann.
Das alles wäre eventuell zu verschmerzen, wenn wenigstens die Rätsel vergnüglich wären. Die aber sind wahlweise bockschwer (Schalterrätsel aus der Hölle; Knoten anhand von abwegigen Beschreibungen identifizieren), ermüdend (immergleiche Laufwege) – oder schlicht unlösbar. Zumindest in der deutschen Version lässt sich eine Aufgabe aufgrund einer Sprachbarriere nur durch Trial&Error bewältigen: Wir müssen einen sprechenden Baum zum Lachen bringen, damit er sich schüttelt, auf dass ein Fisch aus seinem Astwerk fällt. Dazu erzählen wir ihm einen Witz, den wir aus drei Teilen zusammensetzen: "Wie heißt der kleinste ausgewachsene Baum, von dem du je gehört hast? / Ich habe einen gesehen, der war nicht größer als meine Hand. / Eine Palme." Wie soll man darauf kommen, wenn man nicht weiß, dass sowohl "Palme" als auch "Handfläche" auf englisch palm heißen? An der Stelle (es war schätzungsweise im letzten Drittel) habe ich das Spiel abgebrochen.
Bei aller Kritik darf das Positive nicht unerwähnt bleiben. Sprachliche Schnitzer wie der eben genannte sowie die Tatsache, dass man ständig merkt, dass man es mit einer Übersetzung zu tun hat, beiseite, ist die Lokalisation doch gelungen, die Sprecherinnen und Sprecher sind gut gewählt. Auch den wirklich "hübschen Kinderbuch-Grafikstil" (PC Games) schaut man sich gerne an. Zu guter Letzt kann die Bedeutung von Tim Schafers Crowdfunding-Projekt für die Finanzierungskultur im Game-Bereich und speziell im Adventure-Genre kaum unterschätzt werden, "inspiring several other established adventure game developers to use Kickstarter as a means to return to the genre. In the months following its release, the creators of Broken Sword, Gabriel Knight, Leisure Suit Larry, Space Quest and Tex Murphy have all managed to raise amounts in excess of Schafer's original goal of $400,000." (Wikipedia)
Zwischen dem Start der Kickstarter-Kampagne und dem Release sind über drei Jahre vergangen, und dann noch mal über fünf Jahre bis zu meiner Rezension ... die ich natürlich nur so lange herausgezögert habe, um dem Erfolg von "Broken Age" nicht zu schaden, haha.

 

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