Donnerstag, 30. Juli 2020

Zugeflüstert und angeschrien

Als würde es nicht reichen, aufgrund der Weltenlage und der inneren Verfasstheit in ständiger diffuser Angst zu leben, muss man auch noch regelmäßig konkrete Furcht ausstehen. Zwar lauern weder in meinen vier Wänden noch auf dem Arbeitsweg Fliegenpilze oder Löwen, doch hie wie dort wurde ich gestern derart erschreckt, dass ich noch bis zum Mittag unter Herzrasen und Anspannung litt.

Wie jeden Morgen fragte ich mein Amazon Echo, wie das Wetter werden würde. Statt mir in ihrer gewohnt monotonen, mittellauten Androidinnenstimme Auskunft zu geben, flüsterte Alexa den Wetterbericht. Ich wäre kaum heftiger zusammengezuckt, hätte die digitale Helferin ihr berüchtigtes Hexenlachen von sich gegeben. Offenbar hatte ich irgendwann den sog. Wispermodus aktiviert, bei dem Alexa mit gedämpfter Stimme antwortet, sobald man einen Befehl flüstert. Ich war mir gestern allerdings nicht bewusst, dass ich leiser als üblich nach dem Wetter gefragt hätte ...

Keine halbe Stunde später war ich draußen, als mir auf dem Fußweg ein junger Mann entgegenkam, den ich bereits hörte, bevor ich ihn visuell vollständig erfasste. Er brüllte wütend in einer mir fremden Sprache, nur das deutsche Wort "Hurensöhne" konnte ich mehrmals ausmachen. Halbwegs gefasst und ohne seinen Blick zu kreuzen, schritt ich an ihm vorbei und wurde zum Glück nicht attackiert. Seine Rage galt einem Objekt ähnlich dem, welches ich zufällig vor einigen Monaten fotografiert hatte:


Er deutete in dessen Richtung und artikulierte etwas in der Art von "Schaut nur, was diese Hurensöhne getan haben!" Dann sah ich es: Jemand hatte das "Kids"-Männlein enthauptet.


Der Kerl hob den abgetrennten Kopf auf und zog schreiend weiter. Handelte es sich um einen Straßenfeger oder um den Hausmeister der nahe gelegenen Schule? Entsprechende Kleidung hatte er nicht an, er trug aber ein Kehrblech in einer Hand. Was für eine Begegnung jedenfalls! Gerne hätte ich Baldriankapseln aus meiner Wohnung geholt, aber dort wartete ja die murmelnde Grusel-Assistentin. Das war alles zu viel für einen Vormittag ...

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