Sonntag, 2. Februar 2014

Die Versenfung der Welt

"Jetzt also Senf." 
Der Artikel aus dem aktuellen Zeit-Magazin bringt es mit diesem ersten Satz auf den Punkt. Es geht in dem Beitrag um das neueste, nun ja: Opfer des zeittypischen Lebensmittelveredelungswahns. Immer mehr crazy Sorten in immer mehr Senfmanufakturen erobern den Markt, immer mehr "Senfmüller" (so die traditionelle Berufsbezeichnung) buhlen mit ihren eigenen, natürlich streng geheimen Rezepturen und Geschmacksideen um unser Geld. Jeder Maître de Moutard (Bezeichnung erfunden) hat natürlich seine eigene Senfmühle, auf die er schwört und die allein seine Senfe so speziell macht. Wacholder-Granatapfel-Senf, Ananas-Curryketchup-Senf, Zwiebel-Speck-Mostrich: alles Sorten, die es tatsächlich geben könnte bzw. wahrscheinlich gibt. 
"Was ist eigentlich dein Problem, Mann?", kann man mich jetzt mit Fug und Recht fragen. Meine Antwort: Es gibt keins. Ich bin kulinarischen Experimenten gegenüber sehr aufgeschlossen, das sollte in all den Jahren des Bloggens deutlich geworden sein. Und all diese extravaganten Senfkreationen (Eierlikör-Senf, Lakritzsenf, Frankfurter Apfelwein-Senf*) sind bestimmt eine Verkostung wert. Nur: Wozu soll man diese phantastischen Senfe hinzugeben? Überdeckt der Eigengeschmack nicht alles, was man mit den irren Cremes beschmiert? Eignen sie sich mithin nicht eher als vollwertige Brotaufstriche? Mir persönlich reicht zur Bratwurst der gute, ehrlich-einfache Bautz'ner Mittelscharfe; zur Weißwurst darf's Süßer sein. Schon Feigensenf zum Käse ist mir – so fein er auch schmecken mag – meist "too much". 
Ich könnte mir vorstellen, dass in ein paar Jahren ein Paradigmenwechsel einsetzt: back to the seed sozusagen. Der stinknormale, orangefarbene Tafelsenf lebt wieder auf! ... Freilich werden die Hipster-Senfmeier genau darauf ihre Vermarktungsstrategie aufbauen. Ich seh' den Slogan schon vor mir: "senf. sonst nichts."

Das ist Berlin. Aber auch das Bild Ihrer Stadt werden die Senfläden bald in ungekanntem Ausmaß prägen! (Dank an Leo Fischer für das Foto!)
 
* Diese Sorten gibt es wirklich, nämlich in der "Frankfurter Senfgalerie". Man sieht: Es ist inzwischen unmöglich, sich etwas auszudenken, was nicht existiert!

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