Montag, 5. Januar 2015

Über "PC"

"Brain Droppings" von George Carlin war, glaube ich, das erste englischsprachige Buch, das ich, als circa Achtzehnjähriger, freiwillig gelesen habe. Es hat mich, wie der leider schon 2008 verstorbene US-Comedian überhaupt, schwer beeindruckt. Nicht nur war es das bis dahin Lustigste, was mir je unter die Augen gekommen war, es gab mir auch einige Denkanstöße. Carlin hat sich häufig und gerne mit Sprache beschäftigt, vor allem mit Miss- und Falschgebrauch derselben. In "Brain Droppings" (erstmals 1997 erschienen) gibt es einen längeren Aufsatz mit dem Titel "Politically Correct Language", den der Autor so einleitet: "I know I'm a little late with this, but I'd like to get a few licks in on this bogus topic before it completely disappears from everyone's consciousness." Nun, aus der Wahrnehmung ist "PC" nicht verschwunden, aber die Wahrnehmung und die Behandlung des Begriffs haben sich gehörig verändert. Dazu gleich. 

In Carlins Text geht es darum, wie diverse "Opfergruppen" auf politisch korrekten Bezeichnungen bestehen – Gruppen, die aber (gerade in den Vereinigten Staaten) keine Opfer sind. (Money quote: "I'm more interested in real victims. People who have been chronically and systematically fucked over by the system. Because the United States is a Christian racist nation with a rigged economic system run for three hundred years by the least morally qualified of the two sexes, there were bound to be some real victims.") Und es geht darum, wie man Wörter, die etwas Problematisches bezeichnen, durch etwas Unverfängliches, Verfälschendes, die Realität Ausblendendes ersetzt, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Letzteres kommt noch stärker in einem anderen Carlinschen Text zum Ausdruck, "Euphemisms: Shell Shock to PSD", erschienen in "Napalm & Silly Putty" (2001). Zusammenfassung: Wer 1917 traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist, hatte einen shell shock. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß derselbe Zustand plötzlich battle fatigue. Koreakrieg, 1950: operational exhaustion. Nach dem Vietnamkrieg schließlich: post-traumatic stress disorder. In dieser Entwicklung steckt alles, was es an politisch korrekter Sprache im erweiterten Sinne zu kritisieren gibt. Wenn Regierungen die Sprache verändern, sollte man vorsichtig sein; man kann sich auch darüber mokieren, wenn wieder mal ein total missglücktes Unwort geschaffen wird, sei es von der Politik, der Werbeindustrie oder den Medien. In dem "Euphemisms"-Text gibt George Carlin weitere Beispiele für Bullshit-Beschönigungen: "Poor people used to live in slums. Now the 'economically disadvantaged' occupy 'substandard housing' in the 'inner cities.' And a lot of them are broke. They don't have 'negative cash flow.'" Auch eher banale Neologismen werden aufgezählt: "toilet paper" = "bathroom tissue", "false teeth = dental appliances", "drug addiction = substance abuse". Usw. Solche Wort(gruppen)ersetzungen kann man mit ein wenig Fantasie selbst erfinden. Anfang des Jahrtausends war das noch lustig.

Sprung ins Jahr 2015. Wenn ich heute das Schlagwort "politisch korrekt" lese oder höre, will ich auf der Stelle nicht mehr weiterlesen oder -hören. Ich weiß sofort, was dann kommt, nämlich in der Regel das Gejammer eines älteren weißen Mannes, der sich darüber aufregt, dass er angeblich nicht mehr "Zigeunerschnitzel" und "Mohrenkopf" sagen darf. Die Wörter "Zensur", "verhunzt", "Bevormundung" und "Steuergelder" folgen dann meist noch, und natürlich die (Anfang des Jahrtausends noch lustig gewesenen) Verlängerungswitze: "Muss ich demnächst beim Bäcker einen 'Maximalpigmentiertenkuss' bestellen?" Höhöhö. Hier entlädt sich kein gerecht(fertigt)er Zorn gegen politisch geleitete Missstandsbeschönigung und Augenwischerei, hier herrscht die bloße Empörung über jeden Versuch, verbale Diskriminierung einzudämmen. Dass ein solcher Versuch selbstverständlich mal daneben gehen kann, sollte keinen modernen Vernunftsmenschen zu einem verbitterten Meckeronkel à la Walter Krämer oder Harald Martenstein werden lassen. Sollte.

Es ist immer schlimm, wenn sich die Rechte ehemals völlig anders motivierte Formulierungen und Begrifflichkeiten aneignet, um sich als das entmündigte Volk zu gerieren, das es schon angesichts von verfassungsmäßig garantierter Meinungs- und Versammlungsfreiheit niemals sein kann. Eine nicht erst seit Pegida beliebte Masche. Die Mär von der "gleichgeschalteten Presse" zum Beispiel soll folgenden Gedanken auslösen: "Aha! Gleichschaltung, das gab's doch in der NS-Zeit! Wenn die das anprangern, wer sind dann hier die echten Nazis?" Noch tumber und perfider ist die Phrase vom "linksgrünen Faschismus". Ich bin ja gespannt, wann und wo zum ersten Mal das Wort "Gleichberechtigungs-Holocaust" fällt. Google findet noch keinen Beleg dafür. Bedient euch also ruhig bei mir, ihr "herrlich politisch unkorrekten" PC-Wüteriche!

Keine Kommentare:

Kommentar posten