Sonntag, 7. Februar 2021

Ich will "keine" Schokolade

Als es vor schätzungsweise einem Jahrzehnt losging mit immer kakaoigeren Süßigkeiten – Schokolade mit 75 % Kakao aus São Tomé; Zartbitter mit 80 % Kakaoanteil; etc. –, haben wir noch gescherzt: "Bald gibt es bestimmt Tafeln mit 99 Prozent Kakao, pruuust!"

Wir konnten ja nicht ahnen, dass die Überbietungslogik im Jahr 2021 von Ritter-Sport auf die Spitze getrieben würde: Mit "Cacao Y Nada" wurde eine Sorte mit dem unfassbaren Versprechen "100 % Kakao" kreiert. Diese Schokolade enthält laut Firmenhomepage ausschließlich Zutaten, "die aus der Kakaofrucht gewonnenen [sic] werden: Kakaomasse, Kakaobutter, Kakaopulver und Kakaosaft", weswegen sie, wie es weiter unten heißt, offiziell gar nicht so genannt werden darf.

Darauf sprangen wie zu erwarten Dutzende Medien an und kolportierten die Meldung, ein "absurdes Lebensmittel-Gesetz", das vorschreibe, Schokolade müsse Zucker enthalten, verbiete Ritter-Sport, sein zuckerfreies Produkt so zu nennen (beispielhaft Chip). Wenig später kam ans Licht: Fake News! "Die Kakaoverordnung begrenzt die Verwendung zuckerhaltiger Zutaten nicht auf bestimmte Zuckerarten. Deshalb müsste ein Produkt, das natürlichen Kakaosaft verwendet, nach Einschätzung unseres Ministeriums auch unter der Bezeichnung Schokolade verkauft werden dürfen", stellte Julia Klöckner gegenüber der WirtschaftsWoche klar.

Die Rechnung geht auf: Während ich diese Zeilen schreibe, erzielen im Internet angebotene Exemplare von "Cacao Y Nada" Mondpreise. Neben der Lebensmittelrechtsposse hat Ritter-Sport nämlich zusätzlich auf das Mittel der künstlichen Verknappung gesetzt, um den Hype zu befeuern. Von den mit stattlichen 4,99 € bepreisten 57-Gramm-Tafeln wurden gerade mal 2300 Stück produziert. Die waren natürlich im Nu ausverkauft und tauchen inzwischen nur noch vereinzelt bei eBay auf.

Kapitalismus (Symbolbild); Screenshot: 05.02.2021, 15 Uhr

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