Samstag, 20. Februar 2021

No news is good news

Seit ein paar Jahren kommt kein Magazin, keine Zeitung mehr aus ohne größere und kleinere, unregelmäßige oder serielle Features darüber, dass trotz der düsteren Weltlage "alles immer besser" werde. Die Zeit überschrieb ihren Rückblick auf das vergangene Horrorjahr mit der Frage "Ist 2020 doch besser als sein Ruf?" und listete darunter "50 Dinge, die gar nicht übel waren dieses Jahr" auf. Und wie viele Interviews mit Steven Pinker müssen wir eigentlich noch ertragen? Besonders nervig finde ich den bemühten Optimismus in der Stern-Rubrik "Das sind ja mal gute Nachrichten". Wie in der genannten Zeit-Strecke finde ich hier so gut wie nie irgendetwas, das mich von meinem Fatalismus bezüglich der Menschheit abbringen könnte. Die angeblich positiven Meldungen in der letzten Ausgabe habe ich beispielhaft abgeschrieben:

  • Das "virale" Gedicht, das die junge Amerikanerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung Joe Bidens vorgetragen hat, erscheint im März in deutscher Fassung.
  • Der britische Kontaktlinsenhersteller LGL entwickelt eine "iLens", die sich im Auge "mit dem Handy verbinden" lässt und "auf Zwinkern Fotos machen" kann.
  • Der Bierkonsum der Deutschen ist 2020 um 5,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.
  • Makaken auf Bali haben eine Art "ökonomischen Sachverstand" entwickelt: Sie tauschen geklaute Sonnenbrillen, Hüte etc. bei Tempelmitarbeitern gegen Leckerli ein.
  • "Das Schlosshotel Kronberg [...] ist Kulisse für den Film 'Spencer', ein Drama über das Leben der britischen Prinzessin."
Keine einzige dieser Neuigkeiten betrifft mich in irgendeiner Weise oder ist geeignet, das Leben von jemandem, den ich kenne, zu verbessern. Die genannten Fakten und Entwicklungen sind trivial, bestenfalls kurios und in einem Fall (Kontaktlinsen) sogar beängstigend. Welche Person liest so einen Beitrag und denkt sich: Och, stimmt, wir sind viel weniger übel dran als gedacht ...

Ich möchte stets fair sein. Deswegen habe ich nach dem Kopieren der Stern-Seite nicht sofort mit dem Verfassen dieses Blogeintrags begonnen, sondern eine Woche gewartet. Ich wollte weitere Beispiele ins Feld führen. Wie um meine These vom so fruchtlosen wie krampfhaften Selbstverständnis der Medien als Grundhaltungs-Korrektiv hohnlachend zu widerlegen, sind die "guten Nachrichten" im aktuellen Stern tatsächlich einigermaßen erfreulich:
  • Neue markante Flatterleinen vor der namibischen Küste könnten die Zahl der durch Fischerboote mitgetöteten Seevögel um 98 Prozent senken.
  • "Das Empire State Building deckt seine Stromversorgung jetzt zu 100 Prozent aus Windkraft."
  • In Berlin gibt es inzwischen drei mobile Stroke-Units, also auf Schlaganfälle spezialisierte Einsatzwagen.
  • Die Investitionen in umweltfreundliche Projekte, sog. Green Bonds, könnte in diesem Jahr 450 Milliarden Dollar betragen.
  • Ein Team des MIT hat Spinatwurzeln mit Nanotechnologie aufgerüstet, die "Hinweise auf Minen im Boden finden" soll.
Ja mei. Wie wäre es denn, nicht auf Teufel komm raus jede Woche fünf rosige Mitteilungen zusammenzutragen, sondern die good news so zu präsentieren, wie sie anfallen? Ich gebe ja zu, dass die Gegenwart nicht ausschließlich niederschmetternd ist. Dennoch halte ich Erfolge wie die fünf zuletzt aufgeführten für prä-mortale Zuckungen und bin mir zu 100 % sicher, dass der Niedergang der Menschheit und ihres kleinen blauen Heimat-Geoiden unabwendbar ist.

Kommentare:

  1. Leider sehe ich das nicht so, sondern viel schlimmer. Meiner Meinung nach hat die Menschheit mitlerweile einen Technologiegrad erreicht, der es ihr leicht möglich macht, Flora und Fauna soweit kaputtzumachen, dass diese sich nicht mehr selber heilen können, aber die Menschhheit wird selber weiter existieren. Solange, bis keinerlei Leben für Tiere auf der Erde mehr möglich ist, außer in Zoos und anderen besonders geschützten Bereichen. Die Menschen werden sich stattdessen von künstlichem Fleisch, Soja und Hefe-Nahrung ernähren, und Sauerstoff aus Luftaufbereitern atmen. Weil jeder sein eigenes Haus, Auto und Helikopter haben will, wird alles Land, was irgendwie verfügbar ist, versiegelt und plattgemacht. ... Und dann leben wir irgendwann auf einem riesigen Planeten Coruscant (Zitat Wikipedia: "Der Planet Coruscant ist eine einzige Stadt, eine sogenannte Makropole.").

    PS: Seit neuestem kann ich auf Blogger nicht mehr mit Firefox kommentieren, da erscheint immer eine Fehlermeldung. Geht das nur mit so? 🤔

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    1. Seltsam, aber dazu kann ich nichts sagen, mit Firefox kenne ich mich nicht aus.

      Hm, aber ob Leben für die Menschen ohne Pflanzen und Tiere wirklich möglich ist, Stichwort Ökosysteme?

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    2. Ich mach das jetzt hier mit Google Chrome...

      Naja, Menschen wollen ja auch auf dem Mond oder den Mars übersiedeln, in künstlichen Behausungen. Und können jetzt schon dauerhaft im All auf der ISS leben und Nahrung künstlich herstellen. Ich denke schon, dass das geht. Ist nur super langweilig.

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  2. Ja, stimmt, das denke ich auch ... aber wer wird dabeisein? Leider nur eine kleine Gruppe Privilegierter (sprich: Reicher).

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