Dienstag, 30. Juli 2013

Gedankenexperiment

Wir leben bekanntlich im Remix-Zeitalter. Alles baut auf Bekanntem auf, jedes neue Kulturerzeugnis ist Anspielung, Re-Interpretation, Variation von vorher Dagewesenem. Selbst die Negation von Konventionen ist nicht möglich ohne Bezugnahme auf nämliche Konventionen (duh!). Was einerseits zu der Frage führt, womit man post-postmoderne Konsumenten überhaupt noch überraschen kann, andererseits zu folgender Gedankenspielerei, die an Mary's Room erinnern mag:

Man lasse einen Menschen aufwachsen und bilde ihn zum Kunstschaffenden aus – ohne ihm dabei irgendeine Art von Kunst zugänglich zu machen. Das heißt, dieser Mensch lernt zwar (etwa durch Vorträge oder hochtheoretische Literatur), was Kunst ist, aber jedwede Beispiele werden ihm vorenthalten. Am Ende kann er beispielsweise genau definieren, was einen Film ausmacht und welche geistigen und technischen Mittel nötig sind, um einen zu produzieren, aber er hat noch keinen einzigen Film gesehen. Nun ist die Frage: Wie würde ein Werk dieses Kunst-Kaspar-Hausers ausschauen? Um beim Beispiel Film zu bleiben: Was wäre das für ein Film? Lediglich eingefangener Alltag, eine Dokumentation? Oder das Gegenteil? Und was würde diese Versuchsperson zeichnen, wenn man ihr Pinsel, Farbe und Leinwand zur Verfügung stellte? Man weiß ja aus der Menschheitsgeschichte, dass die ersten Kunstwerke eben nicht ausschließlich Darstellungen der Wirklichkeit waren. Die Venus von Willendorf zum Beispiel ist bereits eine Variation der Wirklichkeit, ein Remix letztlich, und bei einigen der ältesten Götterstatuetten fragt man sich, wo da überhaupt das Vorbild lag.

Ist uns Kreativität womöglich ins Erbgut geprägt worden? Erkennen wir Kunst nur, wenn wir wissen, was Kunst ist? Was ist der Unterschied zwischen "schlechter Kunst" und "Nicht-Kunst"? Wäre ein Kunstbanause, der zum ersten Mal mit Warhol oder Tarantino konfrontiert wird, sofort begeistert oder würde er nur mit den Schultern zucken? Sind diese Fragen gar zu naiv? Soll ich aufhören? Okay.

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