Donnerstag, 1. August 2013

Sekt oder Selters (oder Tee)

Im strengen Lichte der Objektivität besehen, ist Sekt eine reichlich überflüssige Flüssigkeit. Niemand sagt "Ahhh, zu diesem Essen passt ein guter Sekt" oder "Sekt ist doch die beste Erfrischung bei dieser Hitze!"

Sekt trinkt man weder zum Durstlöschen noch aus Geschmacksgründen, sondern nur zu irgendwelchen "Anlässen". Eine gesellschaftliche Konvention, die schwer nachzuvollziehen ist. Kann man ein besonderes Ereignis nur würdigen, indem man mit hochpreisigen Getränken anstößt? Warum dann ausgerechnet mit Sekt? Man könnte ja zum Beispiel auch mit einem edlen Jahrgangswein das Glas erheben. Was macht Champagner überhaupt so teuer? Ich würde nicht mal einen Euro für den Dreck bezahlen. Macht seine Farbe den Sekt zu etwas Besonderem, oder ist es das Prickeln?

Das Gegenteil von Sekt ist Tee. Klassische Situation: Eine Frau sitzt mit angewinkelten Beinen und in einen Plaid gewickelt auf der Couch ihrer besten Freundin und trinkt einen dampfenden Pott Kamillentee. "Heute ist es passiert", schluchzt sie, "Karin hat mit mir Schluss gemacht." (Ja, die Frau in diesem Beispiel ist lesbisch – habt ihr ein Problem damit???) Oder: "Heute war der schlimmste Tag der Woche. Ich habe aus Versehen mein Frettchen Karl mit in den Wäschetrockner gesteckt. Er ist TOT!" – "Warte, ich brühe dir erstmal eine schöne Tasse Tee auf. Du armes Ding, erst die Sache mit Karin und jetzt Karl ..." (Ja, das ist dieselbe Frau wie im ersten Beispiel. Hat jemand ein Problem damit?)

In einem Paralleluniversum sind die sozialen Funktionen von Tee und Sekt umgekehrt. Sobald man Grund zum Feiern hat, köpft man nicht die Rotkäppchen-Flasche, sondern setzt eine Kanne Tee auf. "Schnüff, mein Vermieter will mich rausschmeißen, weil ich Frettchen in meiner Wohnung halte." – "Okay, ganz ruhig, Liebes! Darauf trinken wir gleich ein Gläschen Söhnlein Brillant." Auf Galas, Empfängen und Matinées hingegen baut man riesige Pyramiden aus Teetässchen auf, von denen sich die Gäste nach dem Erscheinen bedienen. Schön ist es auch anzusehen, wenn Formel-1-Gewinner von rotwangigen britischen Landladys mit Earl Grey beträufelt werden. Und neugebaute Schiffe lässt man erst vom Stapel laufen, nachdem man einen vollen Teekessel gegen den Rumpf geknallt hat.

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