Freitag, 5. Juli 2013

Kannibalismus, durch die historische Lupe betrachtet

Das ist echt komisch: Der Artikel "Kannibalismus" ist mittlerweile der meistgelesene auf diesem Blog, und bei den Suchanfragen, die auf Kybersetzung.net führen, liegt "Kannibalismus" auf Platz 2. Das offensichtliche Interesse an diesem Thema möchte ich hiermit stillen. Bei meiner Recherche (= Rumgoogelei) bin ich auf die kostenlos bei Google Books verfügbare Monographie "Von Menschenfressenden Völkern und Menschenopfern" gestoßen (Friedrich Ludwig Walther, Hof: 1784). Die ersten paar Seiten des alten Schmökers habe ich durchgesehen, und ein paar der darin verzeichneten Beispiele für Kannibalismus gebe ich an dieser Stelle wieder.

Da ist etwa der Fall des Schiffs "Peggy", das 1766 in London von einer Reise zurückkehrte, und dessen Captain Folgendes unter eidesstattlicher Versicherung erzählte. Das Schiff war Ende 1765 auf dem Weg von den Azoren nach New York leckgeschlagen und konnte fortan nur mit stark verringerter Geschwindigkeit fahren, weshalb es zu Lebensmittelknappheit kam.

"Eine Kazze und zwo Tauben, die einzigen noch lebendigen Thiere an Bord, wurden izt geschlachtet und aufgetheilt. Der Capitaen erhilt den Kazzenkopf. Nach diesem krazten sie die Muscheln ab, die sich oberhalb des Wassers an das Schiff angesezt hatten. So schwanden nach und nach 16 kummervolle Tage […] Indessen hatten sie alle Knöpfe von ihren Jakken, Licht, Oehl und das Leder von den Pumpen aufgegessen und noch konnten sie kein Schiff erblikken. Sie zogen also das Todes-Loos. Es traf ihren einzigen Neger, der auch sogleich erschossen und in Stükken zerhauen wurde. Dreizehn Tage lang asen sie Negernfleisch, aber nunmehro gieng es zu Ende und nach einem abermaligen zweitägigen Fasten, wurde zum zweitenmahle gelost. Das Loos traf einen Matrosen, den sie alle sehr lieb hatten."

Dem Auserwählten wird eine Gnadenfrist gesetzt, binnen welcher die Mannschaft – o göttliche Fügung! – auf ein anderes Schiff trifft, das sie errettet. So musste am Ende allein der "Neger" dran glauben (ja ja, "Losziehung", schon klar); wobei man dem Kapitän zugute halten muss, dass er dieses grausame Menschenopfer hinterher freiwillig eingestanden hat (Er hätte ja auch sagen können: "Och, der ist ertrunken."). Ein weiteres Exempel wird aus dem Herzen Deutschlands berichtet: 

"Im Jahr 1772, da Teutschland Miswachs hatte und vile Provinzen Hunger leiden musten, ward aus den Boineburgischen Gütern, an der Grenze von Thüringen (im Fuldaischen) ein Hirte eingezogen, der durch Hunger gezwungen, einen iungen Burschen erschlagen und gefressen, auch verschiedene Monate lang in gleicher Absicht blos des Wohlschmaks wegen, zu morden fortgefahren hatte. Er sagte im Verhöre aus, daß ihm das Fleisch iunger Leute vorzüglich gut geschmekt habe."

Dann geht es endlich nach Afrika:

"Odoardo Lopez aus Benevento in Portugal, der 1578 und 1589 als Religionslehrer sich einige Jahre in Congo in Süd Guinea aufhielt erwähnt der Ansiger, (Anziker) Völker [...] als einer grausamen Menschenfressenden Nation. Sie sind von einem wilden kriegerischen Carakter und fressen das Fleisch nicht etwa ihrer getödeten Feinde oder Kriegsgefangenen, sondern ihrer eigenen Sklaven / Freunden, und Anverwanden und handeln mit ihrem Fleische als mit einem Lebensmittel. Auf ihren Märkten wird Menschenfleisch, wie bei uns Rind- oder anders Thier-Fleisch verkauft. Sie verkaufen ihre Sklaven an Mezger um von diesen geschlachtet zu werden." [Fußnote: Bemerkenswert, dass die von mir an anderer Blogstelle dokumentierte "um zu"-Schlamperei bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert zu finden ist!] "Vile suchen eine Ehre darinnen fuer den Gaumen ihrer Beherrscher zu sterben und für diese aus ihrem eigenen und ihrer gemästeten Sklavenfleische wohlschmekkende Gerichte zubereiten zu lassen."

Mit "Odoardo Lopez" ist Duarte Lopes gemeint, der als Abgesandter des Heiligen Stuhls im Königreich Loango unterwegs war (dazu vielleicht ein andermal!). In der Tat findet sich auf der Karte der Region von ca. 1630 ein Eintrag "Anzicana, cujus populi Anthropophagi" ("... dessen Bewohner Menschenfresser sind"); ich konnte jedoch nichts Näheres über dieses sagenhafte Volk herausfinden. Genau hierin liegt auch das Problem: Wir müssen uns auf die Berichte von einzelnen Reisenden europäischer Provenienz verlassen, die stets einem gewissen Bias unterworfen waren. Selbst Walther war sich dessen bewusst, wie aus einem hübschen Halbsatz hervorgeht:

"Wäre Lopez der einzige Augenzeuge der dies von ihnen erzählte, so hätte man einem wahrscheinlichen Grund in seine Erzählung Mistrauen zu sezzen, da die Missionare nicht immer die hellesten Köpfe und glaubwürdigsten Leute sind; aber so erwähnen fast alle Reisebeschreiber der Anziger als der grimmigsten Menschenfresser." 

Kolonialphantasien allenthalben? Man weiß es nicht. Schaurig-vergnüglich ist solche Kunde von anno dazumal trotzdem zu lesen. Fortsetzung folgt.

(Wikimedia Commons)

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