Mittwoch, 12. Juni 2024

Servicepost

Auf mein PPS im Beitrag vom Samstag erreichte mich erfreulicherweise Feedback. Tenor: Das Lehnwort Service mit der Bedeutung "zusammengehöriges, mehrteiliges Essgeschirr" wird tatsächlich "vor allem in Sachsen" und dort "von älteren Menschen (bis ca. Boomer)" (Zitat Kommentator M.L.) als "Servie" ausgesprochen. Ich hatte mich also doch nicht falsch erinnert!

Sowohl mein Langenscheidt-Französisch-Wörterbuch aus der Schulzeit als auch der Duden kennt allein die Aussprache mit hörbarem Schluss-s. Warum also verschlucken es manche Deutschsprechende? Das lässt sich mit einem Phänomen erklären, das in der Linguistik als "Hyperkorrektheit" bezeichnet wird. Den Sprechenden ist bekannt, dass französische Wörter oft "stumme Buchstaben" enthalten, vor allem am Wortende. Also lassen sie, sozusagen im Übereifer, auch das finale -ce in (Tee-, Kaffee-, ...)-Service weg, weil diese Buchstabenfolge "bestimmt anders behandelt wird als in dem aus dem Englischen übernommenen Service". Eine Parallele dazu ist die Aussprache vieler Englisch-Muttersprachler von coup de grâce ("Gnadenstoß") als "cou de gra". Lieber zu wenig als zu viel artikulieren, scheint die Devise zu sein, vgl. auch "Louv" statt "Louvre", wobei hier zusätzlich der äußerst spannende Komplex des finalen Schwa im Englischen hineinspielt (man denke an "Porsch" vs. "Porschah", tertium non datur).

Bleibt die Frage, warum die "Servie"-Variante (ausschließlich?) in Sachsen verbreitet ist. Eine heiße Spur könnte sein, dass das Geschirr-Wort im Sorbischen (!) kein Schluss-s enthält: Sowohl auf nieder- als auch auf obersorbisch heißt es laut Wiktionary serwij. Wegen der räumlichen Nähe könnte es sich um eine Folge von Sprachkontakt handeln. Was freilich immer noch nicht klärt, wieso die hyperkorrekte Aussprache von Älteren bevorzugt wird. Nun gut, jüngere Leute werden sich insgesamt viel weniger häufig über Sammeltassen und Kuchenteller unterhalten als ihre Großeltern ... Dass früher andere Regeln galten, kann ausgeschlossen werden; ein Aussprachewörterbuch von 1833 gibt für service "serwihß'" an. Andererseits fand ich in einem anderen Handbuch aus ungefähr demselben Jahr die Schreibweise "Thee-Servis", und wenn man "Servis" nun wiederum französisch ausspricht, landet man bei "Servie".

Wisst ihr was? Ich werde jetzt einem der Verantwortlichen des "Atlas zur deutschen Alltagssprache" vorschlagen, in die nächste Runde eine entsprechende Umfrage zu integrieren!

Montag, 10. Juni 2024

Was blüht denn da?

Lange war ich erfolglos auf der Suche nach der perfekten Pflanzenbestimmungs-App gewesen. Dann wurde mir "PlantNet" empfohlen, und diese Empfehlung möchte ich weitergeben. PlantNet ist auch in der Gratis-Version mit allem ausgestattet, was man braucht. Bevor man eine Pflanze identifizieren möchte, muss man die Region auswählen, in der man sich befindet, wobei man dem Programm auch erlauben kann, je nach durch GPS ermitteltem Standpunkt automatisch in die entsprechende Flora zu wechseln. Die Datenbank für Mitteleuropa umfasst derzeit 4791 Arten, die weltweite gut das Zehnfache. Erst einmal ist es mir passiert, dass eine Pflanze nicht bestimmt werden konnte, weil sie in Mitteleuropa nicht vorkommt; da bin ich einfach – das hat die App von sich aus vorgeschlagen – auf "Weltweit" gewechselt, und schon wusste ich, worum es sich bei dem (in einem Stadtpark zur Zier gepflanzten) Gewächs handelte. Es macht Spaß, neue Arten kennenzulernen und sich mit der Zeit ein digitales Herbarium aufzubauen. Die Fotos, die man von den Pflanzen(teilen) macht, werden nämlich samt Identifikations-Ergebnis und Aufnahmezeitpunkt gespeichert.




Samstag, 8. Juni 2024

Auf großem Fuß

In einem Flensburger Hotel fand ich ein geniales technisches Gerät vor, das ganz wunderbar in dieses im guten Sinne altmodische Haus passte und bei dem ich mich fragte, warum es sich nicht durchgesetzt hat: einen Wasserkocher, dessen Kontaktfuß zugleich ein Tablett / eine Anrichteplatte ist.



Eine Steigerung wäre nur noch gegeben, wenn der Kontakt in die darunter stehende Kommode eingebaut wäre.

PS: Ich schätze es, wenn Hotels Wasserkocher nebst einer Auswahl an löslichen Heißgetränken bereithalten, aber wenn schon Kaffee, dann bitte richtigen Instant-Kaffee und nicht diese elenden 3-in-1-Mischungen. Ich hasse die! Mit Kaffee haben die nix zu tun: In "Nescafé 3 in 1" beträgt der Anteil an löslichem Bohnenkaffee 7,6 Prozent, in der Jacobs-Variante "immerhin" 8,0 Prozent, die Hälfte ist Zucker, der Rest Milchpulver und Gedöns – eine absolute Unverschämtheit!

PPS: Gestern erinnerte ich mich daran, dass ich in meiner Kindheit und Jugend einige Menschen kannte, vor allem ältere, die das Wort Service (nicht das englische, sondern das französische, wie in "Kaffee-, Teeservice") ohne den finalen Zischlaut aussprachen, also etwa "Servie". Ich fragte meine Kollegen, ob jemand diese Aussprachevariante auch schon mal gehört habe, worauf alle den Kopf schüttelten. Habe ich mir das nur eingebildet? Schreibt mir bitte, wenn euch "Servie" bekannt vorkommt oder ihr das Wort gar selbst so aussprecht.

Donnerstag, 6. Juni 2024

Nomen est ... ja, was eigentlich?

Vorgestern konnte ich endlich "Jeopardy! Masters" zu Ende schauen. Im dritten Halbfinal-Match wurde für 200 Punkte* folgende Frage in der Kategorie "There's 'A' noun for that" gestellt: "A person or thing that's out of place in time". Die Kandidatin Victoria Groce, die später Siegerin werden sollte, antwortete mit "What is 'anachronistic'?", was Ken als korrekt durchgehen ließ. Ich dachte in dem Moment: 'Na na na, es sind doch eindeutig nouns gefordert, also Substantive!' Wie ich soeben ergoogelte, ging es nicht nur mir so, auch im Subreddit r/Jeopardy (ich wusste gar nicht, dass es das gibt, aber ich bin eh so gut wie nie bei Reddit) sprangen mehrere Leute darauf an:


Tatsächlich, nach der Werbepause wurde die Entscheidung revidiert, nur "What is 'anachronism'?" hätte als richtig gegolten.

Dann aber schoss mir dies durch den Kopf: In der deutschen Grammatik (und in anderen, wie z.B. der altgriechischen) umfasst Nomen sowohl Substantive als auch Adjektive, es hätten also sowohl "Anachronismus" als auch "anachronistisch" gepasst und somit auch, zumindest wenn man Nomen mit noun gleichsetzt, sowohl "anachronism" als auch "anachronistic".

Wikipedia (zum Konsultieren von Fachliteratur fehlt mir gerade die Zeit) stellt dazu fest: "Similarly, the Latin term nōmen includes both nouns (substantives) and adjectives, as originally did the English word noun, the two types being distinguished as nouns substantive and nouns adjective (or substantive nouns and adjective nouns, or simply substantives and adjectives). (The word nominal is now sometimes used to denote a class that includes both nouns and adjectives.)" Mit viel Toleranz hätte man also das Adjektiv akzeptieren können. Spielte in diesem Fall eh keine Rolle. Mir war die Diskussion um Wortarten schon immer einerlei. Ich war bass erstaunt, als ich in einer der ersten von mir besuchten Linguistik-Vorlesungen lernte, dass die Einteilung von Wörtern derart umstritten und uneindeutig ist, wie sie ist. Gibt es nicht Wichtigeres und Spannenderes? (Ja, gibt es.)

* Bei "Jeopardy! Masters" wird um Punkte statt um Dollar-Beträge gespielt, weil die Preisgelder fix sind (500.000 $ für den oder die Gewinner/in, 250.000 $ für Platz 2 und immerhin 150.000 $ für Platz 3).

Dienstag, 4. Juni 2024

Serientagebuch 05/24

03.05. Baby Reindeer 1.05
04.05. Shining Vale 2.05
Baby Reindeer 1.06
Baby Reindeer 1.07
05.05. 3 Body Problem 1.05
06.05. Will Trent 1.12
Will Trent 1.13
09.05. The Simpsons 35.16
10.05. Shining Vale 2.06
13.05. Shining Vale 2.07
3 Body Problem 1.06
14.05. The Simpsons 35.17
Shining Vale 2.08
Doctor Who 14.01
Doctor Who 14.02
16.05. Quiz 1.01
Quiz 1.02
Quiz 1.03
19.05.
Doctor Who (Classic) 19.7.1
Doctor Who (Classic) 19.7.2
Doctor Who (Classic) 19.7.3
Doctor Who (Classic) 19.7.4
21.05. The Simpsons 35.18
22.05. Doctor Who 14.03
26.05. Gotham 4.08
28.05. Jury Duty 1.01
30.05. Jury Duty 1.02
Gotham 4.09

Man möchte jedem, der aufgrund des Hypes Baby Reindeer anzusehen plant, raten, um des Überrumpelungsfaktors willen völlig unvorbereitet an diese britische Dramedy heranzugehen. Gleichzeitig möchte man davor warnen, in welche menschlichen Tiefen das, was als gleichermaßen spannende, emotionale, aber auch quirky-sitcom-artige Stalker-Geschichte anhebt, nach wenigen Episoden führt. Eine entsprechende Inhaltswarnung wird zum Glück rechtzeitig vorangeschickt. Leichte Unterhaltung ist das nicht.
Dem narrativen Sog kann man sich nicht entziehen, zumal er von den aus dem Off eingesprochenen Tagebuchnotizen des Ich-Erzählers noch beschleunigt wird.

In dem gegenwärtigen Überangebot an hochkomplexen High-Prestige-Serienstoffen war Will Trent genau das willkommene Kontrastprogramm, das ich mir seit Langem herbeigesehnt hatte: ein Polizei-Procedural mit nur rudimentärem folgenübergreifenden Handlungsbogen, das einen nicht überfordert. Tatsächlich hätte die erste Staffel (eine dritte wurde kürzlich bestellt) genau so Anfang der 2000er auf jedem beliebigen Network-Sender laufen können, mit mindestens 20 statt 13 Episoden – und mit mehr "Copaganda", aber in der Hinsicht hat man gelernt, beispielsweise wurde auf die Einschüchterung von Verdächtigen mit der Aussicht auf prison rape verzichtet, das ist ja schon mal was.
Weiter werde ich die Serie allerdings nicht verfolgen, es sei denn, ich bedarf in ein paar Jahren mal wieder eines palate cleansers und habe keine Alternative zur Hand. Die Plots sind doch arg simpel gestrickt, man weiß praktisch nach zehn Minuten, wie der Hase läuft bzw. wer der Täter ist. Karin Slaughter, von der ich den einen oder anderen Thriller gelesen habe, ist als Ausführende Produzentin beteiligt, leider konnte sie sich nicht dazu durchringen, an einem Drehbuch mitzuwirken. Ins Schwarze getroffen hat man immerhin mit der Besetzung der Hauptfigur: Aussehen und Manierismen dieses Will Trent (Ramón Rodriguez) sind exakt so, wie sie beim Lesen der Atlanta-Romane vor meinem geistigen Auge entstanden sind. Beim übrigen Casting hatte man kein glückliches Händchen. Zu bemängeln ist auch der unausgegorene Tonfall: Das gelegentliche Vorkommen markiger Sprüche und witziger asides seien selbst einer grundsätzlich ernsten Krimiserie zugestanden, doch bei den mitunter reichlich düsteren Komplexen sind sie hier oft fehl am Platze.

Habe ich die erste Staffel von Shining Vale – nach anfänglicher Irritation – noch gelobt, fällt mir das in der Fortsetzung schwerer. Pah, das ist eine maßlose Untertreibung: Während der sechsten Folge war ich kurz davor, das Ding abzubrechen. Die Wendungen wurden immer hanebüchener, die Witze immer fragwürdiger, die Figuren immer depperter. Vor allem geriet der zuvor noch clevere, weil subversive Umgang mit Horrorklischees schlicht geist- und lieblos. Wenn zum dritten Mal ein Omnibus mit 100 km/h durch eine geschlossene Ortschaft rauscht und scheinbar weder über eine Bremse noch einen sehenden Fahrer gebietet und es zu einem ausgenudelten "Hit by a bus"-Jumpscare kommt, fühle ich mich als Tropenkundiger regelrecht beleidigt. Und nicht nur ich; die Quoten gingen ab der Hälfte der Staffel merklich nach unten.
Courteney Cox und Greg Kinnear können freilich nix dafearfür. Die beiden spielen, wie in meiner Humorkritik letztes Jahr lobend bemerkt, brillant.

Die dreiteilige Fiktionalisierung des "Hust-Skandals" in der britischen (i.e. der Original-)Version von "Wer wird Millionär?" stand schon lange auf meiner Watchlist, Quiz lief bereits 2020 auf ITV. Sie ist, auch wenn man den Ausgang des Gerichtsverfahrens kennt, mitreißend, zudem toll besetzt (u.a. tritt die extrem lustige Aisling Bea in einer leider ihr Potenzial nicht würdigenden Nebenrolle auf) und fernsehgeschichtlich interessant.

Ein Classic-Serial von Doctor Who hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Eine Story mit dem fünften Doktor sollte es nun sein, und zwar der 1982 direkt nach "Earthshock" ausgestrahlte Vierteiler "Time-Flight" (deutsch "Zeitflug"), für den sich einige Beteiligte heute schämen: "Peter Davison has said Time-Flight was the biggest disappointment from his time on the series, stating it was a 'very good story, but we had run out of money. We filmed the prehistoric landscape of Heathrow airport in Studio 8 [at TV Centre] with a model Concorde in the back of the studio. The monsters were bits of foam. We didn't do the story justice.'" Im DVD-Booklet findet sich ein Grußwort von Adric-Darsteller Matthew Waterhouse, das in dieselbe Kerbe schlägt. Nun ja, für mich sind die charmanten Billo-Effekte oft ein Mehrwert; mir wird bewusst gemacht: So sah "Doctor Who" halt mal aus, und auch deswegen ist es Kult. Zugeben muss ich jedoch, dass auch einige nicht dem Budget geschuldeten Entscheidungen fragwürdig sind: Warum zum Beispiel wählt der Master diese Verkleidung/persona? Sei's, wie es ist. Die Concorde in ein "Doctor Who"-Abenteuer einzuarbeiten, war eine schöne Idee. Wäre ja heute gar nicht mehr möglich!

Die 35. Staffel der Simpsons war, wegen des Autoren- und des Schauspieler-Streiks 2023, die kürzeste seit der ersten. Mir hat sie deutlich besser gefallen als die vorherigen, insbesondere die letzten vier Folgen kamen mir richtig "klassisch" vor. Es wurde auf das schon zur Gewohnheit gewordene krampfhafte Verhandeln von Popkultur-Phänomenen und kurzlebigen Modeerscheinungen verzichtet. Ein Schritt in die richtige Richtung!

Sonntag, 2. Juni 2024

Das gute Sonntagsvideo

Nanu? Ein Monat, in dem der erste Blogpost nicht das Serientagebuch ist? Erklärung: Ich bin immer noch on the road (wer mir auf Facebook oder Instagram folgt, ist im Bilde), und frühestens am Dienstag würde ich zum Rezensieren kommen. Einen kurzen Youtube-Tipp kriege ich aber gerade noch hin (längere Beiträge könnte ich nicht mit der Blogger-App verfassen), und der liegt mir wirklich am Herzen, denn das Video streift ein Thema, das hier im Blog schon das ein oder andere Mal auftauchte. Viel Spaß!

Donnerstag, 30. Mai 2024

TITANIC vor zehn Jahren: 6/2014

Abermals doppeln sich die Ereignisse (was in diesem Fall kein allzu unvorhersehbarer Zufall war): Während in der Gegenwart die Fußball-EM eingeläutet wird, stand 2014 die – für Deutschland nicht gerade erfolglose – Weltmeisterschaft an, was uns zu diesem feucht-fröhlichen Cover in Brasiliens Nationalfarben inspirierte:


Man muss konstatieren, dass Fußball-Titel nie die Stärke von Titanic waren; meist sind es unter Druck und Stress gezeugte Kopfgeburten, die man sich abringt, weil man das Gefühl hat, irgendwas zu dem Thema machen zu müssen. (Die aktuelle Ausgabe 6/24 hat fast keinen Ballsportbezug vorne drauf – bitte kaufen!)

In den Beiträgen zu den weltpolitischen Geschehnissen jener Tage finden sich ebenfalls Parallelen zum Heute. So heißt es im Aufmacher-Fotoroman "Jagd auf Roter Zinnober" (S. 14-17): "Der Verfassungsschutz warnt: Russische Spione sind unter uns". Und auch das involvierte Personal ist gar zu vertraut.


Der zweite Aufmacher bestand in einer Aktion, die ich komplett vergessen hatte! Bis ich die Reportage vor ein paar Stunden aufschlug, hätte ich nicht einmal sagen können, ob ich dabei mitgemacht habe. Worum ging's? Um die sog. Montagsdemos, auf denen sich zunehmend entrücktere Käuze zu versammeln pflegten, von Querfront-Agitatoren bis zu strammen Verschwörungsheinis. Um vor allem Letztere nicht nur näher kennenzulernen, sondern auch ein bisschen zu verwirren bzw. in ihrem verschrobenen Weltbild zu stärken, mischten wir uns als "Bilderberger" unter die "ganz normalen Menschen" auf der Frankfurter Hauptwache und verteilten Pamphlete unserer "Ordo Novus" getauften Subsektion. Wie durch ein Wunder wurden wir nicht verhaftet oder -möbelt.


Am Puls der Zeit: Valentin Witt stellte auf den Seiten 58-60 Influencer vor, die damals noch nicht so hießen und deren Namen mir, bis auf "LeFloid", nichts mehr sagen. Sind diese Erklärbären der "Generation Sprachrohr" heute noch auf Youtube aktiv oder sind die allesamt zu TikTok oder "Funk" abgewandert?


Zum World Cup in Brasilien hatten wir dann doch noch was Größeres: eine fabelhafte Strecke (Hürtgen/Rürup, S. 44ff.), in denen u.a. zur Sprache kam, dass das FIFA-Fest im Gastland von sozialen Unruhen begleitet wurde, ein Fakt, der mir auch schon wieder entfallen war. "Na schön, zugegeben: Es gibt sie, die vereinzelten Proteste einiger weniger hunderttausend Brasilianer. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und in vier Wochen WM unmöglich zu bewältigen. Mit Fußball hat all das jedenfalls nichts zu tun. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die offizielle und ausführliche Informationsseite unter www.fifa.com/404/pagenotfound"


Als Querverbindungs-, Referenz- und Überschneidungs-Topic bot sich das Sportspektakel freilich an; ob wir diesen zugegebenermaßen satirisch schwer zu rechtfertigenden Witz wirklich bringen sollten, darüber hatten Tim Wolff und ich lange diskutiert, entschieden uns am Ende aber vor allem angesichts der unbestreitbar ulkigen Optik dafür:


Ladies and gentlemen, we have a major recurring character debut! Zum ersten Mal tritt Der Graf von Unheilig in einem Comic von Leo Riegel auf, als Hauptfigur. "Der Graf himself" (S. 64-65) wurde dermaßen zum Kult, dass diese Figur seitdem in jedem von Leos Wimmelbildern irgendwo versteckt ist (auch auf der Kreuzfahrt-Doppelseite in der aktuellen Ausgabe – bitte kaufen!).


Der ehemalige Katzenkrimi-Autor Akif Pirinçci sorgte ab Frühling 2014 mit seinem entsetzlichen Pöbelschinken und mit etlichen weiteren Entgleisungen für gute Unterhaltung, vgl. auch die Kampagnenanzeige auf S. 33. Fast unangefochtene Bestseller-Dominatrix war bis dahin indes Giulia Enders mit ihrem Tabubruch-Sachbuch (toller Zungenbrecher!) "Darm mit Charme". Das veranlasste Michael Ziegelwagner und mich, eine Kulturtipp-Doppelseite zu kompilieren, die das Pubertärst-Niveauloseste sein dürfte, was wir beide jemals (unter bestialischen Lachanfällen) in die Tastatur gekhackt haben.


Ungewöhnlich: In einer kleinen Anzeige in den BadL-Seiten (vermutlich musste noch Platz gefüllt werden) wird auf die hübsche Online-Rubrik "Die offene Tür" verwiesen. Einfach mal im Newsticker nach "offene tür" suchen! Ungewöhnlich²: Ich selbst habe nie etwas für diese Reihe geschrieben.


Weiteres Notierenswertes
- Ah, diese Ausgabe enthält auch meinen liebevollen Bericht über eine Bosnien-Reise; ein Genre, das ich danach nie wieder bedient habe.
- Apropos Figuren, die einfach unkaputtbar zu sein scheinen: Nicht nur Putin hat neben dem Fotoroman einen weiteren Auftritt, nämlich in der Rürup/Tietze'schen Bildgeschichten-Serie "Putin der Bär", auch U. v. d. Leyen ist, beileibe nicht zum letzten Mal, Objekt näherer Begutachtung ("Der letzte Mensch: Der Zorn der von der Leyen. Eine Studie in politischer Mikroanatomie", S. 66).
- Ein meiner Erinnerung nach einmaliger Fall ist bezüglich der Rubrik "Hier lacht der Betrachter" festzuhalten. Diese umfasst nämlich in dieser Ausgabe nur eine Seite (61) statt der üblichen zwei. Wenn ich mich nicht irre, lag das an dem selbst für "Betrachter"-Verhältnisse äußerst nischigen Monatsthema, das schlechterdings nicht genug hergab: Es ging um den inzwischen leider verstorbenen Synchronsprecher (Homer Simpson) Norbert Gastell.

Schlussgedanke
An dieser Nummer gefällt mir, dass auch die gewichtigen Themen mit eleganter Leichtigkeit abgehandelt werden. Kein Artikel ist länger als vier Seiten, wodurch sich ein farbenfrohes Jux-Gebinde ergibt. Auffällig ist auch, dass beinahe der gesamte Inhalt von der Redaktion erstellt worden ist, was unter anderen Umständen schädlich sein kann, sich hier aber sehr günstig auf das Gesamtpaket auswirkt.

Freitag, 17. Mai 2024

Endlich wieder Blogpause

Jawoll, nach fast zwei Jahren ununterbrochenen Bloggens im 1- bis 3-Tages-Rhythmus tut uns allen eine Pause ganz gut. Bzw. geht's gar nicht ums Gutgehen(lassen): In den nächsten zweieinhalb Wochen beanspruchen mich andere Dinge ungleich stärker, so dass ich ausnahmsweise die Bloggerei hintanstellen muss. Versprechen kann ich zumindest, dass 1.) die Rubrik "TITANIC vor zehn Jahren" regulär – wie man heutzutage schlimmerweise sagt – "bespielt" werden wird (Heft 6/2014 erschien am 30. Mai), und 2.) der normale Betrieb, inshallah!, Anfang Juni wieder aufgenommen wird. Danke für euer Verständnis.

Dienstag, 14. Mai 2024

Filmtitel XXIX

So makaber es klingt: Roger Cormans Tod hat sich als wahrer Glücksfall für diese Rubrik herausgestellt.

Bound by Honor → Blood in, Blood out – Verschworen auf Leben und Tod
Limit Up → Zum Teufel mit den Kohlen
Posate le pistole, reverendo → Pizza, Pater und Pistolen
All’s Fair → Wir ziehen dem Chef eins über
Tower of London → Der Massenmörder von London
Moving Violations → Traffic School – Die Blech- und Dachschaden-Kompanie
Machine Gun Kelly → Revolver-Kelly
Hot Car Girl → Die letzte Mahnung war aus Blei
The April Fools → Darling, laß dich scheiden (alternativer Fernsehtitel: Ein Frosch in Manhattan)
Cocorico → Oh la la – Wer ahnt denn sowas?
Can’t Stop the Music → Supersound und flotte Sprüche
Grand Theft Auto → Highway 101 – Vollgas bis die Fetzen fliegen
Whiffs → Cash – Die unaufhaltsame Karriere des Gefreiten Arsch
The Dirt Gang → Gott sei den Bullen gnädig
Six Against the Rock → Hellcatraz – Mafia in Ketten
Cobweb → Knock Knock Knock
Chopping Mall → Shopping
Avalanche Alley → White Inferno: Snowboarder am Abgrund
Kingdom of the Planet of the Apes → Planet der Affen: New Kingdom
Iris et les hommes → It's Raining Men
Boiling Point → Yes, Chef! (Serie)
The White Pony → Das verwunschene Pony
The Trouble With Jessica → Drei Gänge und ein Todesfall
Side by Side → Drei Rentner bügeln alles nieder

Sonntag, 12. Mai 2024

Neues Altes (Februar-Mai 2024)

Seit der ersten Folge dieser neuen Rubrik ist reichlich Zeit verstrichen, in der sich schon wieder einiges Spektakuläres angesammelt hat! Und da habe ich die Skelette im Göring-Haus noch nicht mal berücksichtigt, denn die Untersuchungen dazu sind noch längst nicht abgeschlossen.

  • Ei aus Römerzeit enthält immer noch Flüssigkeit (Tagesschau, 13. Februar) "Ein Ei aus römischer Zeit, das vor einigen Jahren in der südostenglischen Stadt Aylesbury gefunden wurde, enthält [...] eine Verbindung von Eiweiß und Eidotter", wie ein CT-Scan ergeben hat. "Das Ei wurde den Angaben zufolge in einer mit Wasser gefüllten Grube gefunden. Womöglich war es dort zwischen den Jahren 270 und 300 christlicher Zeitrechnung als Teil einer Opfergabe platziert worden." Anschließende Forschungen könnten zur Beantwortung von "Fragen um die Haltung und Nutzung von Hühnern und Vögeln in römischer Zeit" beitragen.
  • Deutschlands größter Pestfriedhof in Nürnberg gefunden (BR.de, 24. Februar) "Mehr als 700 Tote haben sie hier schon ausgegraben [...]. Derzeit sind die Archäologen mit dem dritten von insgesamt acht Massengräbern beschäftigt. Am Ende der Ausgrabungen – so schätzen die Experten – liegt die Dimension bei 1.000 bis 1.500 Bestattungen. Dann wäre der Fundort der zweitgrößte Pestfriedhof Europas, nach St. Pölten in Österreich, so Melanie Langbein. Der Fund in Nürnberg stamme wohl aus dem 17. Jahrhundert."
  • Osterinsel: Altersbestimmung von Holztafel weist auf eigene Schrift hin (Pressemitteilung der Universität Hohenheim, 27. Februar) Der Entzifferung der Rongorongo-Ideogramme, die in der Vergangenheit gelegentlich mit der Indusschrift in Verbindung gebracht wurden, ist das Forschungsteam der Universitäten Bologna und Hohenheim zwar nicht nähergekommen, wohl aber ist die Entstehungszeit sowohl der Holztafeln als auch der Schrift selbst nun klarer einordenbar: "An vier Tafeln [...] haben die Forscherinnen in Bologna Holzproben entnommen und erstmals eine präzise Radiokohlenstoffdatierung vorgenommen. [...] Eine der Tafeln, die sogenannte Échancrée-Tafel, überraschte die Forschenden: Sie ist deutlich älter als die Ankunft der Europäer. Die übrigen drei sind im 19. Jahrhundert angesiedelt, als die Europäer die Insel schon erreicht hatten." Das lege nahe, "dass die Schrift möglicherweise vor der Ankunft der ersten europäischen Schiffe auf der Insel in den 1720er Jahren entstanden ist. Das wäre ein Hinweis auf eine unabhängige Erfindung der Schrift."
  • Wie die Menschen die Seefahrt erfanden (Süddeutsche Zeitung, 21. März) Im Lago di Bracciano nahe Rom wurden 1992 fünf Einbäume gefunden, die ein Forschungsteam nun auf 5700 bis 5100 v. Chr. datiert hat und deren Größe und hohes Niveau in der Fertigung vermuten lässt, dass sie nicht nur für das Befahren des Sees geschaffen worden waren. "Die Boote von La Marmotta veränderten auch das Bild der Forschung davon, wie die ersten Ackerbauern Europa besiedelten, schreibt das Team um Gibaja. [...] Um etwa 7500 vor Christus besiedelten Gemeinschaften aus jener Region den gesamten Mittelmeerraum. [...] Offensichtlich hätten sie nicht nur den Landweg, sondern auch das Meer genutzt. Mithilfe von Booten hätten sie sich rasch bewegen und schwere Lasten transportieren können."
  • Stingray sand ‘sculpture’ on South Africa’s coast may be oldest example of humans creating an image of another creature (TheConversation.com, 31. März) Aus dem Middle Stone Age (gemeint ist der afrikanische Zeitabschnitt vor ca. 130.000 Jahren, nicht "unsere" Mittelsteinzeit!) könnte die älteste von Menschen geschaffene künstlerische Darstellung eines anderen Lebewesens stammen: eine symmetrische Stachelrochen-"Sandburg" (ohne Stachel), gefunden rund 30 km östlich der Blombos-Höhle im Süden Südafrikas. "If our suggestion is correct, it would not only push back the time when our distant ancestors first created art of another species, but could also help explain what has until now seemed enigmatic: the seemingly sudden appearance of magnificent art on walls deep within caves in western Europe."
  • Wie die Wikinger ihre Körper traktierten (Süddeutsche Zeitung, 12. April) "Eingekerbte Zähne, deformierte Schädel: Immer häufiger stoßen Forscher auf Spuren davon, wie die Skandinavier der Wikingerzeit ihr Aussehen veränderten. [...] Für einen religiösen Hintergrund spreche archäologisch [...] nichts". Auch sonst beläuft sich vorerst viel auf Spekulation. Die spezifischen Befunde zu altskandinavischer body modification lesen sich dennoch verstörend.
  • Plato’s final hours recounted in scroll found in Vesuvius ash (The Guardian, 29. April) "Thanks to the most advanced imaging diagnostic techniques, we are finally able to read and decipher new sections of texts that previously seemed inaccessible." Nämlich u.a. eine Papyrusrolle aus der Villa dei Papiri in Herculaneum, auf der die letzten Stunden im Leben des Platon beschrieben sind. Demnach hörte (und kritisierte) der sterbende Philosoph noch das abendliche Flötenspiel eines thrakischen Sklavenmädchens, bevor er seinem Fieber erlag. Zudem verrät das bereits 1750 unter der Asche des Vesuv gefundene Dokument, dass Platon in seinem Garten in der Akademie von Athen die letzte Ruhe finden sollte und dass er schon im Jahr 399 oder 404 v. Chr. versklavt worden sein könnte. "Until now it was believed that Plato was sold into slavery in 387BC during his sojourn in Sicily at the court of Dionysius I of Syracuse".

Freitag, 10. Mai 2024

Albernes zum Wochenschluss

Es wird Zeit, den alten Merk- und Warnreim aus dem Chemieunterricht "Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure!" upzudaten:
Erst die Maske, dann die Brille,
sonst geschieht des Teufels Wille!
Hm ja, etwas dramatisch; Alternative:
Erst die Maske, dann die Gläser,
sonst: Beschlagung durch Gebläser (?)
Und ganz allgemein:
Erst die Maske, dann 's Binokel,
sei nicht wie Hans-Hermann Gockel*!
(* ehem. Sat.1-Nachrichtensprecher, heute u.a. AfD-Unterstützer)

(Geschrieben am 28.4.2020, mithin in der finstersten Corona-Ära, für Facebook)

Mittwoch, 8. Mai 2024

Meine zehn zuletzt gesehenen Filme

Glengarry Glen Ross
Ein Maklerbüro, wie es im 21. Jahrhundert vermutlich nirgends mehr existiert, in einer nicht identifizierten, aber sehr new-yorkigen amerikanischen Metropole Anfang der 1990er Jahre: Mittelalte bis alte Männer hängen von früh bis spät an ihren Telefonen und versuchen, Immobilien zu verschachern. Eines Abends kommt ein von der Unternehmensleitung gesandter Top-Salesman vorbei (Alec Baldwin in einem eindrucksvollen und in den USA Kultstatus erlangt habenden Single-scene-Auftritt) und scheißt das Team zusammen: Nur die zwei besten Performer der Niederlassung werden am Ende des Monats ihren Job behalten dürfen. Es entspinnt sich ein erbitterter Kampf um Deals, um closings, um leads (die begehrten Kontaktdaten solventer Haushalte), man fällt einander in den Rücken, Straftaten bzw. deren Vortäuschen werden in Erwägung gezogen, Angst und Missgunst vergiften das Klima.
Die Angespanntheit springt binnen kurzem auf den Zuschauer über – und wird dabei fast ausschließlich durch Dialoge erzeugt. Ohne nennenswerte Ortswechsel, Körperlichkeit oder Action jedweder Art gelang Regisseur James Foley (der zuletzt "50 Shades of Grey" verfilmt hat) und Autor David Mamet, der hierfür sein eigenes Theaterstück "Hanglage Meerblick" von 1983 für die Leinwand aufbereitet hat, ein tatsächlich fesselndes, kurzweiliges Drama, dem man mit dem Prädikat "kammerspielartig" Unrecht tun würde. Das namhafte Ensemble trägt freilich den Löwenanteil zum Gelingen bei: Neben Al Pacino, Ed Harris u.a. ist es vor allem Jack Lemmon, der hier eine späte Glanzleistung hinlegt.

Yi Yi
Fast drei Stunden geht dieses Familienportrait des taiwanischen Filmemachers Edward Yang aus dem Jahr 2000. Drei Stunden, in denen man einen präzisen Einblick in die Mittelschicht Taipehs erhält; drei Stunden, in denen sich Schicksalsschläge und Glücksmomente die Klinke in die Hand geben. Manche Szenen sind zurückhaltend gezeichnet, ohne oberflächlich zu wirken, andere intim, ohne voyeuristisch zu geraten. Als beschwingt und gleichzeitig leichtfüßig würde ich die Inszenierung attributieren. Eine Prise süßen Humors gibt's auch.

Thomas Crown ist nicht zu fassen (OT: The Thomas Crown Affair)
Das heitere Fossilienabstauben geht weiter! Da ich das Remake von 1999 nie gesehen habe, die Inhaltsbeschreibung mich aber ansprach, beschloss ich, gleich das Original zu begutachten. Vieles darin mag 1968 revolutionär gewesen sein, der Split-Screen etwa oder der bis dahin längste Kuss der Filmgeschichte ("Die im Film 55 Sekunden lange Sequenz mit Steve McQueen und Faye Dunaway entstand in acht Stunden Dreharbeit, verteilt über mehrere Tage." Wikipedia), im Großen und Ganzen aber ließ mich diese als Heist-Movie gehandelte Räuber-und-Gendarm-Liebelei kalt. Wie bei diversen anderen Film-Raubzügen der Sixties, über deren Raffinesse heute Konsens herrscht, war ich auch bei diesem von Planung und Durchführung stark unterwältigt. "Crown isn't physically involved in the robbery and we never really see him planning it in any way, so he's sort of passive, as heroes go, especially given it's essentially the only heist in the film (the second one at the end is a quickly cut carbon copy of the first)", heißt es völlig korrekt in einer der wenigen kritischen imdb-User-Rezensionen. "Then, Faye Dunaway, as insurance investigator Vicki Anderson, solves the mystery of the robbery WAY too easily. She walks in, looking young and stunning in several ridiculous overly fashionable outfits, bats her eyes and more or less decides that Crown is the guilty party. So, the two major elements of any crime - the crime and the investigation – are rushed through and devoid of any suspense whatsoever."
Style over substance schien die Devise gewesen zu sein, campe Schauwerte und der Knisterfaktor seiner Hauptdarsteller waren Regisseur Norman Jewison wichtiger als eine kohärente Story und irgendeine Art von Spannungsaufbau. Faszinierend immerhin, dass es der zur Drehzeit 37 Jahre alte Steve McQueen schafft, wie ein Gentleman in seinen Fünfzigern rüberzukommen.

Marlowe
Altmodisch im positiven Sinne ist dagegen dieser Thriller von 2022, der zwar nicht auf einer genuinen Chandler-Vorlage basiert, sondern auf einem Roman des vielfach ausgezeichneten irischen Schriftstellers John Banville aus dem Jahr 2014, aber aufs Genüsslichste einen
Hardboiled-Detective-Geist atmet, der schon beinahe in Vergessenheit geraten schien. Liam Neeson hat mit Philip Marlowe eine Figur gefunden, als die ich ihn von jetzt an gern öfter sehen würde und für die er sich in seinem fortgeschrittenen Alter besser eignet als für die immergleichen Prügelrollen der vergangenen Jahre – eine Erkenntnis, die im Film sogar ein-, zweimal schelmisch verbalisiert wird ("Ich bin zu alt dafür" o.s.ä.).
Die Handlung ist solide konstruiert, dabei nicht überfordernd, der übrige Cast (Diane Kruger, Jessica Lange) spielt angemessen, die Noir-Klischees wirken nicht aufgesetzt. Kann man gucken.

Dream Scenario
So zuverlässig wie "Nicolas Cages schlechtester Film" erscheint alle paar Jahre "Nicolas Cages bester Film". "Dream Scenario" ist ganz klar ein hit, kein miss. Cage, der auch als Produzent mit an Bord war (btw: Um die Produktionsfirma A24 kommt heutzutage nicht herum, wer qualitativ hochwertige Kost abseits des Mainstreams sucht, oder?), gelingt das Kunststück, eine Hauptfigur zu verkörpern, für die man kaum Mitleid oder Sympathie empfindet, obwohl ihr unverschuldet Dinge widerfahren, die man nicht gern selbst erleben würde. Der Familienvater und Biologieprofessor Paul Matthews ist ein maximal passiver Held (oder Antiheld?). Wie sein Umfeld und schließlich die gesamte Erdbevölkerung auf sein Schicksal – er taucht in den Träumen von wildfremden Menschen auf – reagiert, ist der eigentliche Plot-Motor. "Dream Scenario" ist grotesk und bedrückend, für Fans von "Being John Malkovich".

Corner Office
In eine ähnlich tragikomisch-esoterische Kerbe schlägt dieses weitaus weniger beachtete Workplace drama aus demselben Jahr. Im Fokus steht ein vergleichbar charakterschwacher middle-aged man (Jon Hamm) namens Orson, der für einen seelenlosen Bullshit-Konzern enthirnende Schreibtischarbeit verrichtet. Inmitten der sterilen liminal spaces des generischen Bürokomplexes entdeckt der Anzug- und Schnauzbartträger eines Tages eine Tür, die in eine gemütliche Lounge im Retro-Stil führt: das titelgebende corner office. In der Stille dieses Rückzugsortes gelingt es Orson, Höchstleistungen zu vollbringen, allein: Er scheint der einzige Mitarbeiter zu sein, für den das Zimmer existiert.
Dass sich die rund 100 Minuten etwas zäh anfühlen, mag daran liegen, dass lediglich eine Kurzgeschichte als Basis diente. Deren Grundidee hat mich aber durchaus mitgerissen. Eine kleine, feine Perle aus der Abteilung "Mal was anderes"!

Nope
Ist Jordan Peeles dritter Spielfilm sein bisher bester? Anders als die imdb-Crowd, die "Nope" gleichauf mit "Us" und 1,0 Punkte schlechter als "Get Out" rankt (Stand: Mai 2024), meine ich: Ja!
Wie bei den Vorgängern weiß man am Anfang nicht, was hier eigentlich die Bedrohung ist. Die Enthüllung des Big Bad ist dann nicht nur höchst originell, sondern auch visuell imposant. Neben den Effekten überzeugen die Landschaftsaufnahmen (die Wüstenregion Agua Dulce, die mehr an Wyoming denn an Kalifornien denken lässt) und die Darsteller/innen: Daniel Kaluuya hat wie in "Get Out" die Hauptrolle übernommen und zeigt dabei eine ganze andere Persönlichkeit als dort, eine fast schon depressive, während Keke Palmer als hyperaktive kleine Schwester den perfekten Gegenpart abgibt. Die zwei gruseligsten Szenen sind ausgerechnet
keine übernatürlichen. Ein irrer Spaß.

Der Name der Rose
Ihr mögt mir kaum abnehmen, dass ich diese Literaturverfilmung, die in den 1990er Jahren gefühlt jede Woche im Fernsehen lief, noch nie gesehen habe, doch es ist wahr! Nun endlich konnte ich, der Stadtbücherei sei Dank, eine Bildungslücke schließen und bin froh darüber. Der Kriminalfall hat mich ebenso wie die Besetzung für sich eingenommen. Der ältere Sean Connery gefällt als väterlicher Knobelfex mit Mutterwitz, der blutjunge Christian Slater stört nicht weiter, und Ron Perlman sieht man in seiner bemitleidenswert-kuriosen Nebenrolle vor allem deshalb gerne, weil man weiß, dass ihm eine glänzende Karriere bevorsteht.
Weniger glänzend ist das Setdesign, und das ist lobend gemeint: Die raue, dreckige Atmosphäre, welche die lichtarmen Außenaufnahmen sowie das Innere des von mir bereits besuchten Klosters Eberbach erschaffen, lassen ein Mittelalter abseits jeder Schlossromantik lebendig werden.
Vor ein paar Monaten habe ich das außergewöhnliche Obsidian-Adventure "Pentiment" gespielt, in dem es ebenfalls um rätselhafte Todesfälle innerhalb einer Ordensgemeinschaft im europäischen Mittelalter geht, und erst jetzt wurde mir klar, dass dieses vom "Namen der Rose" nicht nur inspiriert wurde, sondern sogar in mehreren Easter Eggs direkt darauf anspielt!

Asphalt-Cowboy (OT: Midnight Cowboy)
Und noch ein oller Schinken! 55 Jahre alt ist die Welt, in die wir hier lugen dürfen und die so nie wiederkehren wird. Bei ihrem Erscheinen dürfte die ungeschönte, provokante Großstadt-Milieustudie für allerlei Aufruhr gesorgt haben und für den Stil des "New Hollywood" wegweisend gewesen sein.
Wikipedia: "Der Film war bei seiner ersten Kinoauswertung 1969 X-rated. Damit ist Asphalt-Cowboy der erste (und letzte) Film, der die gleiche Altersfreigabe wie ein pornografischer Film hatte und einen Oscar in der Kategorie Bester Film erhielt. 1971 wurde die Altersfreigabe in die neu eingeführte Kategorie R-rated geändert, die für Minderjährige die Begleitung eines Erwachsenen vorschreibt." Nennen wir das Kind beim Namen: Der Heros in dieser zynischen Odyssee ist ein spätpubertäres Landei, das in den Big Apple auswandert allein mit dem Ziel, betuchte Ladys flachzulegen. Ohne Wärme und Herz laufen die 108 Minuten indes nicht ab, so dass ich John Schlesingers Klassiker unbedingt empfehle.
Ein paar Zeilen Moserei seien mir gestattet. Auf Bluesky postete ich kurz nach dem Anschauen: "
Dietmar Dath hat mal in Titanic eine Abrechnung mit Dustin Hoffman veröffentlicht, 'Der schlechteste Schauspieler der Welt', da dachte ich beim Lesen: 'Wie willkürlich gemein!' Aber jetzt habe ich Hoffman in 'Asphalt Cowboy' gesehen, und das ist ja wirklich ein unerträgliches Rumgekasper!" Man fasst es wirklich nicht. Wie den klischeesattesten Wiseguy in einem Sketch über die New Yorker Halbwelt lässt Hoffman seinen "Ratso" sprechen und agieren. Und dieses peinliche Gehumpel! Ach, was reg' ich mich uff ... (Wer's lesen will: Titanic 6/1993.)

Jodorowsky's Dune
Wohl anlässlich des Starts von "Dune: Part Two" hat Arte diese Dokumentation über das ambitionierteste Science-Fiction-Epos, das nie realisiert wurde, auf seinen Youtube-Kanal hochgeladen. Einiges über dieses Wahnsinnsprojekt wusste ich schon aus einem längeren Cinema-Feature, die ganzen Hintergründe noch einmal von den Beteiligten erzählt zu bekommen, war dennoch erhellend.

Montag, 6. Mai 2024

Brain Droppings, copy&pasted

Dass im (amerikanischen) Englisch bei Imperativsätzen oft kein Komma vor den Adressaten gesetzt wird, verwirrt mich. Ich dachte z.B. jahrelang, "Roll over Beethoven" meint "Roll über Beethoven" (mit einer Dampfwalze oder was).

"Omi" ist die Kurzform von "Eau minérale".

Danieden in Dunedin

Irgendwann werden Autos auf unseren Straßen fahren, die am Ende ihres Kfz-Kennzeichens ein E und ein H stehen haben (Elektro-Oldtimer)! Ist auf den Schildern überhaupt genug Platz?

Wäre "Oppenheimer" ein kommerzieller Misserfolg geworden, hätte man den Film als "Floppenheimer" verspotten können.

Ich finde es kontraproduktiv, dass in Paris für SUVs höhere Parkgebühren fällig werden. Weil: Dann fahren die ja, um nicht parken zu müssen, den ganzen Tag in der Stadt rum und verpesten die Umwelt.

Früher waren deutsche Fußball-Nationalspieler im Schnitt 45 Jahre alt, hatten Minipli und Oberlippenbart, hießen Uwe Kopf oder Herr Patschinsky und verdienten 2000 Mark pro Spiel. War auch okay.

So nicht: die Kinder statt im Småland in Smolensk abgeben

Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie "Schnauze, Arschloch!" sagen.

In meinem Linkedin-Profil stünde nix weiter als "Ich habe sehr starke Meinungen zu jedem einzelnen Stand auf dem Bockenheimer Wochenmarkt."

Wer Autan sagt, muss auch Butan sagen.

Wer nannte es Wortfindungsstörung und nicht Dings?

*delft*

*laicht Athletik*

*ahnt Jemima*

*krudert*
*meistert dorf*

Spuren Elemente?

Als der Eiskunstläufer Rudi Cerne die Moderation von "Aktenzeichen XY" übernahm, hätte man die Sendung umbenennen sollen in "Polizei-Kuf' 110".

Wenn es Endivien gibt, muss es auch Anfangsivien geben.

Fort: Bildung

Wisst ihr noch, wie ich fast zwei Jahre lang jeden Tag nur 100 ml Flüssigkeit zu mir genommen habe, weil ich einen Artikel über Sicherheitsbestimmungen in Flugzeugen zu oberflächlich gelesen habe?

Samstag, 4. Mai 2024

Ich bin ein schlechter Konsument

Liebe deutsche Wirtschaft, es tut mir leid, dass ich dich nicht ankurble. Tu ich zumindest nicht, indem ich genug konsumiere.

Die Frage 'Wann habe ich zuletzt etwas für mich gekauft?' ging mir neulich durch den Kopf, und ich konnte keine Antwort finden. Mit etwas kaufen meine ich nicht Lebensmittel oder das 49-Euro-Ticket oder sonst was Unabdingbares, sondern eine sog. Anschaffung. Ich habe mir ewig keine Kleidung gekauft, kein technisches Gerät, keinen Einrichtungsgegenstand. Weil ich schlicht nichts brauche. Auch den Drang, mir etwas, das ich nicht brauche, einfach zu gönnen, verspüre ich nicht. Eine Drohne vielleicht? Ach, die darf man doch eh kaum noch irgendwo steigen lassen, und wer schaut sich die Aufnahmen am Ende überhaupt an? Ein VR-Headset? Da müsste ich zuvor eine intensive Testphase einleiten, und ganz ehrlich: Der eine Systemseller, den man, den ich unbedingt gespielt haben muss, ist mir nicht bekannt. Ein Staubsaugerroboter? Über den würde ich ständig stolpern. Ein Airfryer? Kein Platz. Bücher beziehe ich fast ausschließlich über Bibliotheken und Offene Bücherschränke; der letzte Kauf war ein E-Book für 3,99 Euro ("Dent's Modern Tribes" von Susie Dent). Okay, zwei schnieke Schuhbürsten, eine grobe und eine ganz feine, haben kürzlich meinen Hausstand bereichert, doch habe ich die nicht selbst erworben, sondern ich durfte sie mir aussuchen (in einem Bürstenladen!), es war ein Ostergeschenk. Regelmäßig leiste ich mir hochwertige Duschgels, hole mir bei Manufactum handgefertigte Aleppo- oder Antiochia-Seifen, und ich achte darauf, stets zwei Parfüms im Bad stehen zu haben. Aber das alles sind Dinge, von denen ich sehr lange zehre und die nun auch nicht gerade klaffende Löcher in die Haushaltskasse reißen.

Just als ich begann, über das Schreiben dieses Blogbeitrags nachzudenken, las ich auf "Spiegel online", dass ich mit meiner Zurückhaltung nicht allein bin: "Die Angst der Deutschen vor dem Shoppen. Der private Konsum soll die Wirtschaft stützen. Doch obwohl die Inflation sinkt und die Einkommen steigen, halten die Deutschen ihr Geld lieber zusammen." Woran das liegt, steht hinter der Paywall, aber mir ist's klar: Die Angst vor weiteren Preissteigerungen sitzt tief, positiven Inflationsprognosen wird kaum getraut. "Laut der Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsinstitute in Deutschland wird die Inflationsrate im Jahr 2024 rund 2,3 Prozent betragen. Die Wirtschaftsinstitute rechnen somit grundsätzlich mit einer weiteren Entspannung bei den Preisanstiegen, nicht zuletzt weil die Energierohstoffpreise mittlerweile wieder deutlich gesunken sind. Dennoch rechnen die Institute erst im Jahr 2025 mit einer Inflationsrate unter zwei Prozent." (Statista, veröff. am 27.3.24) Zumal als nächstes die Kaffeepreise explodieren: "Marktführer Tchibo hat den Kaffeepreis kräftig erhöht, doch laut Steffen Schwarz ist das nur der Anfang. Der Experte sagt, dass die Bohnen noch deutlich teurer werden müssen [...] '25 bis 30 Euro pro Kilo muss ich mindestens bereit sein zu zahlen'" (abermals "Spiegel online" im Vorspann eines Bezahl-Artikels). Nee, es ist nicht die Zeit, um gedankenlos mit Scheinen um sich zu werfen. Ich gehe davon aus, dass noch in diesem Jahrzehnt der Krieg deutschen Boden erreichen wird, und für den Fall einer notwendig werdenden Flucht aus Deutschland (oder jedenfalls Hessen) ist es gut, etwas auf der hohen Kante zu haben.

Aber hey, eine karierte Stoffhose will ich mir schon lange zulegen. Wenigstens dieses Projekt kann ich ja demnächst angehen ...

Donnerstag, 2. Mai 2024

Serientagebuch 04/24

02.03. Curb Your Enthusiasm 12.07
Curb Your Enthusiasm 12.08
Gotham 4.02
03.04. Family Guy 22.13
05.04. Curb Your Enthusiasm 12.09
Will Trent 1.07
Gotham 4.03
08.04. Curb Your Enthusiasm 12.10
The Simpsons 35.14
11.04. Vigil 1.01
13.04. Family Guy 22.14
3 Body Problem 1.01
3 Body Problem 1.02
14.04. Vigil 1.02
Gotham 4.04
16.04. Will Trent 1.08
Vigil 1.03
18.04. Vigil 1.04
19.04. Family Guy 22.15
Gotham 4.05
20.04. 3 Body Problem 1.03
3 Body Problem 1.04
22.04. Vigil 1.05
23.04. The Simpsons 35.15
Vigil 1.06
24.04. Will Trent 1.09
25.04. Shining Vale 2.01
Will Trent 1.10
Gotham 4.06
27.04. Shining Vale 2.02
Shining Vale 2.03
28.04. Gotham 4.07
30.04. Shining Vale 2.04
Will Trent 1.11
Baby Reindeer 1.01
Baby Reindeer 1.02
Baby Reindeer 1.03
Baby Reindeer 1.04

Nach fast 25 Jahren (für mich weniger, da ich erst ca. 2011 eingestiegen bin) endet die Reise namens Curb Your Enthusiasm. So eine Show wird es nie wieder geben. Die zwölfte Staffel stand denen in der Hochphase in nichts nach, überholte das Niveau der elften sogar deutlich, ließ mich verlässlich zwischen breitem Grinsen und wohligem Schaudern changieren, wartete mit einem smarten Handlungsbogen auf und einem Dénouement (falls der Begriff hier passt), das insbesondere "Seinfeld"-Nostalgiker erheitert haben dürfte. Erfreulich auch, dass Richard Lewis seinen Tod bis zum Abdrehen des Finales hinauszögern konnte.

Pretty, pretty good war auch die 22., mit 15 Episoden etwas kürzer als üblich geratene Staffel von Family Guy. Man denke sich an dieser Stelle eine Variation dessen, was ich die vergangenen zwei, drei Jahre geschrieben habe ("durchgängig erheiternd" u.ä.). Freilich, ein paar lahmere Folgen waren dabei (ausgerechnet die letzte fand ich sogar richtig mies), aber im Vergleich zu den "Simpsons" hat dieser Animations-Dauerbrenner derzeit qualitativ die Nase weit vorn.

Ich hatte mir vorgenommen, das Namedropping in meinen Serien-Rezensionen etwas zu drosseln, aber der Cast im 2021er U-Boot-Krimi Vigil ist wahrlich ein Who-is-who des britischen TV-Dramas und muss also hier auszugsweise wiedergegeben werden: Suranne Jones, Rose Leslie, Shaun Evans (Den jungen Inspektor Morse hätte ich nie und nimmer erkannt, wenn ich ihn nicht in den Credits gesehen hätte!), Stephen Dillane, Paterson Joseph, Martin Compston. Dass einer oder eine von denen (ich möcht's nicht verraten) eine Figur spielt, die bereits in der Auftaktfolge das Zeitliche segnet, ist kühn und nur eine von etlichen elektrisierenden Wendungen, die das klaustrophobische Thrillerdrama nimmt.
Wo die zweite Staffel aus dem Jahr 2023 anknüpft, kann ich mir noch gar nicht vorstellen. Irgendwann werde ich es erfahren.