Teil I (2008)
Teil II (2012)
Teil III (2016)
Teil IV (2020)
Olgierd lachte beim Gedanken an den Übermut des Litauers, was einen scharfen Schmerzensblitz hinter seine ohnehin unangenehm pochende halboffene Bauchwunde jagte. Das Blut lief ihm in einem feinen Rinnsal herab und erinnerte ihn an den harmonisch-kühnen Verlauf der Worskla. "In wenigen Monaten beginnt ein neues Jahrhundert, mein Freund", keuchte Olgierd in Richtung des knabenhaften Landsmannes, der wie durch ein Wunder völlig unversehrt geblieben war. "Den Wechsel würde ich allzu gerne erleben."
"Streng genommen beginnt das nächste Jahrhundert erst 1401, also in über einem Jahr", erklärte Andrzej mit erhobenem Zeigefinger und zwinkerte nach einer kurzen Pause schelmisch. Olgierd rang sich ein Lächeln ab. "Welche Narren behaupten das? Möge sie der Khan persönlich erschlagen!" Im Hintergrund ertönte das gepresste Keuchen eines verstümmelten Rosses. "Weißt du", hob der Jüngere an, "wer auch an einem Flussufer gestorben ist? Barbarossa, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Nicht im Kampf gegen die Seldschuken gefallen, sondern beim Baden krepiert, haha. Die schillerndsten Helden treten am ehrlosesten ab."
"Und doch", gab Olgierd zu bedenken, "raunen die Deutschen von seiner Wiederkehr. Oder bezweifeln gar, dass er überhaupt tot sei." Andrzej kannte die Sagen. Nickend ergänzte er: "Der Rotbärtige schläft nur, heißt es. Ein goldenes Zeitalter" (da war es wieder: golden) "bricht an, sobald er sich erhebt. Wenn die schwarzen Vögel nicht mehr kreisen, ist es soweit." Olgierd kniff die Augen zusammen, schaute in seine Lendengegend, als er sie wieder öffnete. Das Blut war getrocknet. "Wenn ich es in meine Heimat schaffe, werde ich eine neue Siedlung gründen. Und dort sollen gar keine Vögel fliegen. Kein Rabe, kein Falke, keine Goldammer möge sich niederlassen, und allfort herrsche Frieden und Wohlstand, mein Freund. Aber wenn sie je kreisen ... dann gnade uns Gott."
In diesem Moment betrat seine Mutter das Kinderzimmer. "Was machst du denn da?", sagte sie, wartete Mareks Antwort aber nicht ab. "Ich hatte gerade eine sehr interessante Begegnung. Weißt du, wen ich vor Herrn Komorowskis altem Plattenladen getroffen habe? Die Bürgermeisterin, Frau Sroka."
Auf die Hilfsbereitschaft der Mehrheit ihrer Mitmenschen hatte sie ohnehin nicht gesetzt, aber heute waren nicht einmal Leute in der Innenstadt zu sehen. Waren alle ausgeflogen? "Ausgeflogen", das war wohl das passende Wort. In die schummrige, nicht eben einladende Seitengasse, in welcher die "Verunglückte" lauerte, verirrte sich an diesem Tage schon mal gar keine Seele. Erst nach einer Viertelstunde wurde eine Gestalt sichtbar. Ein Opfer.



































