Donnerstag, 25. Oktober 2012

Andere Länder, andere Macken

Dass viele Krankheiten ausschließlich in bestimmten geographischen Regionen vorkommen, ist klar. Interessanterweise gibt es aber auch eine Reihe psychischer Störungen, die auf gewisse Völker bzw. Kulturkreise beschränkt sind. Am bekanntesten dürfte Amok sein, das seinen Ursprung in Malaysia hat: Das meist männliche Opfer (pengamok) zieht sich in der Anfangsphase extrem zurück, um danach in eine unkontrollierbare und (für seine Mitmenschen) tödliche Rage zu verfallen.
"Kulturgebundene Syndrome" nennt man das, und es gibt ein paar sehr faszinierende davon:

Latah (Südostasien): Betroffen sind meist erwachsene Frauen. Es handelt sich um einen tranceartigen Anfall, der durch einen heftigen Schreck oder einen anderen Trigger (etwa die bloße Erwähnung eines furchteinflößenden Begriffs) ausgelöst wird. Die Latahs (das malaysische Wort bezeichnet sowohl das Syndrom als auch das Opfer) sind "extrem leicht beeinflussbar, folgen willenlos Anweisungen, imitieren Anwesende, äußern sich vulgär oder führen obszöne Gesten aus."[1] Ähnliches gibt und gab es auch in anderen Regionen der Welt, z.B. unter Frankokanadiern im Norden Maines (die Jumping Frenchmen of Maine, entdeckt 1878[2]).

Dath (Indien): Die Angst vor dem Tod durch Spermaverlust; kommt logischerweise nur bei Männern vor. "Das Syndrom geht möglicherweise auf die im Hinduismus verankerte Vorstellung zurück, dass es 40 Tropfen Blut braucht, um einen Tropfen Knochenmark zu erzeugen, und 40 Tropfen Knochenmark, um einen Tropfen Samenflüssigkeit zu erzeugen, und dass dieser eine konzentrierte Essenz des Lebens ist."[3]

Koro (Süd- und Ostasien): Die Angstvorstellung, dass sich der Penis in den Körper zurückzieht. Trat 1967 als Massenpanik in Singapur auf. Führt dazu, dass sich die Betroffenen Gewichte an das Glied hängen oder dieses sonstwo festbinden. Nicht zu verwechseln mit Kuru, der tödlichen "Lachkrankheit", die durch das Verspeisen menschlicher Gehirne übertragen wird!

Kitsune (Japan): "Eine Störung, bei der die Betroffenen glauben, von Füchsen besessen zu sein und ihre Gesichter verzerren, um Füchsen zu ähneln. Oft sind ganze Familien betroffen und werden von der Gemeinschaft gemieden."[4]

Usog (Philippinen): So nennt man es, wenn ein (Klein-)Kind Fieber und Krämpfe bekommt, nachdem es von einem Fremden falsch angesehen wurde. Möglicherweise durch die Spanier und deren Glauben an den "Bösen Blick" beeinflusst. Das Kind kann geheilt werden, indem der Fremde mit seinen Fingern etwas von seinem Speichel auf Stirn oder Rumpf des Kindes streicht. Tatsächlich kann der Anblick einer unbekannten (zumal eindrucksvoll aussehenden) Person ein Neugeborenes stark mitnehmen, auch körperlich, "however, usog is not yet medically accepted".[5]

Auch historische CBSs (Culture-bound syndromes) sind überliefert. So gab es in der griechischen Antike die so genannten Opsophagen, die einen unnatürlichen Hunger nach ópson ("Beilagen, Würze") zeigten. Vom 15. bis zum 17. Jahrhundert sind mehrere Fälle von Patienten in Europa belegt, die der Wahnvorstellung unterlagen, sie würden aus Glas bestehen, Karl VI. ("der Wahnsinnige") von Frankreich zum Beispiel.[6]
Abgrenzen von kulturgebundenen Syndromen würde ich "Culture shock"-Phänomene wie das Jerusalem- oder das Paris-Syndrom, die von manchen Kulturangehörigen an anderen Orten erfahren werden.

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Latah
2 http://en.wikipedia.org/wiki/Jumping_Frenchmen_of_Maine
3 Neel Burton - Der Sinn des Wahnsinns. Psychische Störungen verstehen. Springer. S. 168 
4 Butcher/Hooley/Mineka - Klinische Psychologie. Pearson. S. 126
5 http://en.wikipedia.org/wiki/Usog
6 http://en.wikipedia.org/wiki/Glass_delusion

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