Freitag, 6. November 2026

Das tödlichste Buch der Welt?

Ich habe, obwohl seit Geburt an konfessionslos, auf dem Gymnaisum auf eigenen Wunsch hin evangelischen Religionsunterricht genossen, damit einer winzigen Minderheit angehörend (Osten halt). Man nimmt dabei ja durchaus einiges mit, was bis heute als "Allgemeinbildung" firmiert, und der eine oder andere Denkanstoß war meiner Menschwerdung und Aufgeklärtheit zuträglich. Unter anderem haben wir mehrere Gleichnisse durchgenommen. Eines jedoch nicht: eines, das ich erst kürzlich auf Wikipedia entdeckt habe, nämlich das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen, das man korrekter "Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen" nennen sollte, handelt es doch von zwei Gruppen von Jungfrauen und nicht einer einzigen, die gleichzeitig klug und töricht ist.

Wer sich das knackige Textlein durchgelesen hat (Einheitsübersetzung), mag sich nun dies fragen: Könnte mich eine Bibelstelle dermaßen empören, dass ich gesundheitlichen Schaden nehme? Genau das passierte dem Landgrafen von Thüringen und Markgrafen von Meißen Friedrich I. (1257-1323), unter dem herrlichen Beinamen "der Gebissene" bekannt, Sohn von Albrecht dem Entarteten und Vater von Friedrich dem Ernsthaften (alle drei sind auf dem Dresdner Fürstenzug zu sehen). Im Jahre 1321 hatte er "in einem Kloster zu Eisenach das geistliche Schauspiel von den klugen und törichten Jungfrauen gesehen und war in große Aufregung darüber geraten, dass den törichten Jungfrauen auch die Anrufung der Heiligen nicht half". Er erlitt einen Schlaganfall, der ihn lähmte und von dem er sich bis zu seinem Tod knapp zwei Jahre später nicht mehr erholte.

Mittwoch, 4. November 2026

Welch Syntax!

Vielleicht liegt es daran, dass ich in letzter Zeit bewusster darauf achte, vielleicht ist es aber auch Zufall bzw. der Baader-Meinhof-Effekt, jedenfalls ist kaum ein halber Monat vergangen, seit ich zuletzt über einen mich maßlos faszinierenden Sonderfall der Relativsatzeinleitung schrieb, schon finde ich einen weiteren Beleg: nämlich in Hervé Le Telliers Roman "Die Anomalie" (dt. von Jürgen und Romy Ritte).

ein Blonder mit langen Haaren, der Blake sehr ähnlich sieht, welch Letzterer immerhin Dutzende von Organigrammen durchforstet hatte

Und das im Jahr des HErrn 2021! Ausgedient hat diese antiquiert wirkende Konstruktion also noch lange nicht.

Montag, 2. November 2026

Serientagebuch 10/26

02.10. South Park 29.01
03.10. The Simpsons 38.01
Everybody Loves Raymond 4.13 (RW)
Station Eleven 1.07
04.10. South Park 29.02
05.10. The Simpsons 38.02
07.10. Person of Interest 4.08
08.10. Family Guy 25.01
Everybody Loves Raymond 4.14 (RW)
Tulsa King 1.01
11.10. Station Eleven 1.08
12.10. Tulsa King 1.02
Person of Interest 4.09
13.10. Everybody Loves Raymond 4.15 (RW)
14.10. 
Everybody Loves Raymond 4.16 (RW)
Station Eleven 1.09
15.10. South Park 29.03
16.10. 
Everybody Loves Raymond 4.17 (RW)
Station Eleven 1.10
17.10. Person of Interest 4.10
Tulsa King 1.03
18.10. 
Everybody Loves Raymond 4.18 (RW)
19.10. The Simpsons 38.03
Everybody Loves Raymond 4.19 (RW)
20.10. Tulsa King 1.04
Tulsa King 1.05
Person of Interest 4.11
22.10. Everybody Loves Raymond 4.20 (RW)
Everybody Loves Raymond 4.21 (RW)
23.10. Tulsa King 1.06
Tulsa King 1.07
24.10. Everybody Loves Raymond 4.22 (RW)
25.10. Tulsa King 1.08
28.10. Tulsa King 1.09
29.10. The Simpsons 38.04
Everybody Loves Raymond 4.23 (RW)
30.10. 
Everybody Loves Raymond 4.24 (RW)
South Park 29.04
Time 3.01

Die notwendiger- und befriedigenderweise nach einer einzigen Staffel beendete HBO-Serie Station Eleven ist eine Perle, die leider von der breiten Masse übersehen wurde. Oder von dieser bewusst gemieden wurde, was man ihr nicht verdenken kann: Die Umsetzung des gleichnamigen 2014er-Romans von Emily St. John Mandel erschien Ende 2021, als die diversen Covid-19-Traumata noch nicht verheilt waren bzw. gerade volle Kanne dabei waren, ausgelöst zu werden. In "Station Eleven" zwingt eine neuartige Grippe den blauen Planeten in die Knie, und der Ausbruch und die Eskalation der Pandemie, wie sie vor allem im Piloten dargestellt werden, gemahnen gar zu schmerzhaft an die Verbreitung des realen Coronavirus.
Die (post-)apokalyptische Stimmung in der Auftaktfolge sollte indes nicht dazu verleiten, in "Station Eleven" einen weiteren "Walking Dead"-Klon zu sehen. Auch wenn der Zehnteiler, bei dem Patrick Somerville ("The Leftovers", "Maniac") federführend war, zwar durchaus bisweilen an "The Last of Us" erinnert, ist er so viel mehr als das. Zu großen Teilen spielt das nichtlinear erzählte Drama im Wandertheatermilieu, was mich an das gleichsam unverbrauchte Schausteller-Setting in dem gleichsam vergessenen HBO-Kleinod "Carnivàle" (2003-2005) erinnerte.
Abgesehen von der teilweise ungeschickten deutschen Übersetzung (wofür die Serie an sich nichts kann) habe ich fast nur Positives an "Station Eleven" zu benennen: toller Cast, starker Soundtrack, grandiose Kameraarbeit, emotionale Wucht, Mystery-Kitzel und Spannung.

Tulsa King ist eine richtige "Dad Show". Das muss nichts Schlechtes sein! Die Gangsterstory um einen New Yorker Mafioso, der nach 25 Jahren aus dem Knast kommt und von seiner famiglia nach Oklahoma zwangsversetzt wird, funktioniert hervorragend – sofern man seine Ansprüche an Realismus und Nachvollziehbarkeit gehörig herunterschraubt. Warum ein 75-jähriger Old-School-Krimineller (immer noch eine sichere Bank: Sylvester Stallone) es mit Leichtigkeit und im Alleingang schafft, mit Hilfe seines Charmes, seiner Fäuste und einer strategisch geöffneten Brieftasche ein ansehnliches Drogenimperium aufzubauen, muss man halt hinnehmen. Dass niemand die Obrigkeit informiert; dass eine bestehende Rockergang das Nachsehen hat; dass sich unbescholtene Bürger aus Spaß an der Freud' auf eine Zweitkarriere als Verbrechensbeihelfer einlassen und bereitwillig in buchstäbliche Schlachten ziehen; dass in der Distribution von (inzwischen legalem) Marihuana eine Lücke besteht, die scheint's nur darauf gewartet hat, von "General" Dwight geschlossen zu werden: geschenkt. Das Midwestern-Cowboy-Flair stimmt, die Sprüche sind markig (obschon in der deutschen Synchro nicht selten albern), die überraschenden Gewaltspitzen werden gekonnt eingesetzt, und der Cliffhanger (!) am Ende hat mich neugierig genug gemacht, dass ich die Reihe, deren vierte Staffel soeben gestartet ist, irgendwann fortsetzen werde.

Pünktlich zum 30. Geburtstag von Everybody Loves Raymond (es gibt auch eine Dokumentation dazu, die ich demnächst zu schauen gedenke) habe ich mir einen partiellen Rewatch dieser in Deutschland nie angemessen gewürdigten Sitcom vorgenommen, beginnend mit Staffel 4, mit welcher nach meiner Erinnerung der qualitative Peak erreicht wird. Selbstverständlich sind einige der im letzten Jahrtausend geläufigen Tropen des heute mehr oder weniger toten Genres etwas angestaubt, und rein formale Eigenheiten (Live-Publikum, Staffeln mit über 20 Episoden) wirken wie Relikte aus der TV-Urzeit. Man muss dabei zur Kenntnis nehmen, dass "Everybody Loves Raymond" schon damals kein gewöhnlicher Familienklamauk war: Debra ist kein klassisches "Sitcom Wife"-Klischee, es herrscht nicht durchgängig Friede, Freude, Eierkuchen, es geht im Gegenteil nicht selten unangenehm konfrontativ und toxisch zu, hier und da wird es rührselig, ohne schmaltzy zu werden. Über allem aber steht die schauspielerische Leistung: Was Ray Romano, Patricia Heaton, Brad Garrett, Doris Roberts und Peter Boyle hier abliefern, ist Weltklasse. Timing, delivery, Mimik, Gestik = *chef's kiss*. Ich werde zu gegebener Zeit anhand einer einzelnen Folge zu zeigen versuchen, dass diese zu Recht mehrfach mit dem Emmy ausgezeichnete CBS-Show etwas ganz Besonderes war (dabei werde ich auch erklären, warum sie mir persönlich viel bedeutet).
Season 4 war jedenfalls wirklich so vergnüglich, wie sie sich mir eingeprägt hatte; nur wenige Plots waren meinem Gedächtnis entfleucht. Mit Season 5 geht's nächstes Jahr weiter!