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Donnerstag, 21. August 2025

Two countries divided by a common language

Ich bilde mir ein, ganz passabel Englisch zu beherrschen – schließlich konsumiere ich seit gut einem Vierteljahrhundert nahezu täglich englischsprachige Medien. Regelmäßig werde ich allerdings mit der bitteren Wahrheit konfrontiert, dass ich im Grunde gar nichts weiß. Nicht nur ist Englisch eine Sprache mit einem gigantischen Wortschatz und unzähligen Feinheiten, es ist auch, allein aufgrund seiner weltweiten Verbreitung, eine enorm vielfältige, variantenreiche. Der Knackpunkt ist nämlich, dass es das eine Englisch gar nicht gibt. Insbesondere die Unterschiede zwischen Britischem und Amerikanischem Englisch sind nicht zu unterschätzen, wobei diese gottlob hauptsächlich auf der orthographischen und lexikalischen Ebene zu finden sind.

Und so habe ich mehrmals "Das war mir neu!" gedacht, als ich in Gyles Brandreths Buch "Word Play" (s. hier) das Kapitel über British English vs. American English las. Paare wie crisps (BE) vs. chips (AE), flat vs. apartment oder boot vs. trunk sind ja bekannt. Aber dass man in Großbritannien put through statt connect sagt, wenn es ums Verbinden (beim Telefonieren) geht, hatte ich so wenig auf dem Schirm wie den Unterschied zwischen bathrobe (AE) und dressing-gown (BE), "Bademantel". Es gibt viele Beispiele, von denen ich bisher dachte, es handle sich um reine Synonyme, dabei ist eine Alternative jeweils eindeutig einer Varietät zuzuordnen: bill ist amerikanisch, banknote britisch; ein alkoholisches Getränk ist offenbar nur in Amerikanischem Englisch straight, in Britischem Englisch ist es neat; reception ist BE, front desk ist AE; garden ist BE, yard ist AE; hardware ist BE, housewares ist AE; stone (in Früchten) ist BE, pit ist AE. Hääää???!!!

Ich habe das Gefühl, dass es im Zuge der Globalisierung mehr und mehr zu Vermischungen und Austauschbarkeit kommt. Aber was weiß ich schon?

Mittwoch, 27. November 2024

Word of the season

Trotz täglichem Lesen und/oder Hören von Englisch hält diese Sprache auch nach zig Jahren noch Neuentdeckungen für mich bereit. Man lernt nie aus! (One never learns out.) Als verlässliche Lieferantin lexikalischer Schmankerl entpuppt sich regelmäßig die Serie "Family Guy": In deren letzter Folge ("Gift of the White Guy") hörte ich zum ersten Mal den Ausdruck white elephant. Im Kontext wurde schnell klar, was das ist: Ein white elephant gift exchange entspricht im Grunde der (vor)weihnachtlichen Tradition des Wichtelns, bloß dass nicht von vornherein feststeht, wer welches Geschenk bekommt; vielmehr steuern alle Teilnehmenden je einen Gegenstand zu einem Geschenkepool bei, aus dem reihum gegriffen, ausgepackt und sodann fröhlich getauscht, geklaut und gefeilscht wird. So haben wir immer Schrottwichteln gespielt.

Donnerstag, 26. Januar 2023

Kurz notiert: Hemingways Flüche

For Whom the Bell Tolls von Ernest Hemingway hat eine Neuübersetzung erfahren. Der 1940 erschienene Kriegsroman heißt auf deutsch nach wie vor "Wem die Stunde schlägt", von der ersten und bis vor kurzem einzigen Übersetzung von 1942 unterscheidet sich Werner Schmitz' Fassung indes nicht nur in Feinheiten, wie ich am Montag in der Süddeutschen Zeitung las. Leider versäumte ich es, den Artikel, den es online nur bezahlbeschrankt gibt, abzufotografieren, an den Knackpunkt erinnere ich mich aber allzu klar: Der Übersetzer hat sämtliche Schimpfwörter weggelassen. Beziehungsweise ha!, was heißt "weggelassen", er hat sie durch Platzhalter ersetzt, so dass Sätze rauskommen wie "Ich unaussprechlich auf die Milch eurer Väter" (so ist auch der SZ-Beitrag überschrieben). Das ist, mit Verlaub, die hirnrissigste Strategie bei der Übertragung problematischer Ausdrücke, die mir je untergekommen ist. Zumal – auch darauf weist die Süddeutsche hin und gestattet sich eine kritische Kommentierung – rassistische Vokabeln resp. deren deutschsprachige Entsprechungen anstandslos beibehalten worden sind.

Donnerstag, 7. Juli 2022

Vor- und Zuna(h)me

In einem Buch über Hexenverfolgung begegnete ich einem in Massachusetts tätig gewesenen Geistlichen namens Increase Mather. Man hat ja schon so manche im Neuengland der ersten Pilger beliebten sogenannten grace names und virtue names gehört oder gelesen, von denen einige, wie Felicity oder Prudence, bis heute überlebt haben. Increase aber war mir neu, und die Chancen, eine Person mit diesem Rufnamen in der Gegenwart zu treffen, dürften gegen null tendieren: Der letzte Mensch namens Increase von einiger Bedeutung, den die Wikipedia aufführt, war der 1888 verstorbene amerikanische Theologe Increase N. Tarbox. Ich erfuhr, dass "Increase" eine Übertragung des hebräischen Namens Josef ist, welcher übersetzt "er [bzw. Er] fügt hinzu" bedeutet.

Damit vereint Increase die beiden wichtigsten Wortschätze, aus denen sich bei der puritanischen Namensgebung bedient wurde: biblische Personennamen einerseits, andererseits als good names zusammenzufassende Abstrakta, die meist Kardinaltugenden oder allgemein als positiv bewertete Eigenschaften, die man sich von dem neugeborenen Mädchen oder Jungen wünschte (in der Tat wurden viele dieser Namen geschlechtsneutral verwendet).

Um sich als besonders gottgefällig zu erweisen (oder um ihren Nachwuchs aus der Masse herausstechen zu lassen, wie's halt auch heute der Fall ist), wurden die prä-US-amerikanischen Eltern immer kreativer. Zu Temperance, Obedience & Co. gesellten sich im 17. Jahrhundert nachweislich Erdenbürger namens Humiliation, Hate-Evil und Be Faithful Joiner. Das Online-Magazin "Slate" hat die absonderlichsten Beispiele in einem Listen-Artikel von 2013 versammelt; ich denke, "If-Christ-had-not-died-for-thee-thou-hadst-been-damned" dürfte nicht zu toppen sein.

Montag, 12. April 2021

Man kann nicht gut kommunizieren

Als ich neulich wieder einmal grübelte, kam mir der Gedanke, dass ich wahrscheinlich sehr schlecht darin wäre, mich mit Amerikaner(inne)n zu unterhalten, einfach aus dem Grund, dass ich einige ihrer geläufigen Phrasen allzu wörtlich nehmen würde. Zum Beispiel würde ich auf "What did you say your name was?" erwidern: "I haven't told you my name yet." Oder auf "Why don't you take a seat?": "Because you didn't offer me one." Und auf "Do you mind"-Fragen würde ich immer "yes" antworten, wenn es mir was ausmachen würde, und "no", wenn nicht. Auch würde ich mich kaum zurückhalten können, wenn jemandem "irregardless" oder "I could care less" rausrutschte. 

Damit will ich nicht sagen, dass amerikanisches Englisch Sprechende ihre Sprache nicht beherrschen. Im Gegenteil: Sie tun das m.E. um ein Vielfaches besser, als Deutsche Deutsch beherrschen. Man vergleiche nur mal US-Podcasts, wo praktisch jeder Satz sitzt, mit deutschen Podcasts, wo restringierter Code und krudestes agrammatisches Gestammel vorherrschen und Kohärenz und Kohäsion fast komplett aufgegeben werden! Zudem ist man sich "dort drüben" der erwähnten Zweifelsfälle sehr wohl bewusst, was sich in zig Forenthreads zum "Do you mind"-Problem ebenso niederschlägt wie in humoristischer Verarbeitung in der Popkultur. Tatsächlich begegnete mir, kurz nachdem ich über all dies nachgedacht hatte, folgender Dialog in der Comedyserie "Angie Tribeca" (Episode 4x04):

- How old did you say this model was again?
- I didn't. 22. Now I have.

Haha! Man sieht: Gewisse Fälle von "Unlogik" und semantische Widersprüche werden durchaus erkannt. (Die gibt es übrigens auch im Deutschen, man denke an Sätze wie "Ich gehe nicht, bevor ich nicht gegessen habe", wo das zweite "nicht" streng genommen inkorrekt ist.) Sie können und sollten aber ignoriert werden, denn im Alltag weiß man in der Regel, was gemeint ist, und allein darauf kommt es an. Ich sozial inkompetenter Otto sollte mal lieber wieder meine Aufzeichnungen zur Einführung in die Pragmatik hervorkramen statt alles auf die Goldwaage zu legen. Andererseits ist es eh ausgeschlossen, dass ich in absehbarer Zeit mit Menschen aus den USA ins Gespräch komme.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Kurz notiert: Burgomeister

Interessanter Wortfund im hervorragenden Museum Schloss Fechenbach zu Dieburg:


Die amerikanischen Besatzer bezeichnen in einem frühen Bericht den Bürgermeister als burgomeister. Möglich, dass es sich hier nur um eine Falschschreibung der deutschen Amtsbezeichnung handelt, vielleicht aber auch von burgomaster, oder es ist ein Hybrid aus beidem bzw. das historisierende Wort diente als Vorbild.

Montag, 2. Dezember 2019

Only Jails and Horses

An meiner Schule gab es einmal einen Wettbewerb im Fach Englisch, an den ich mich kaum erinnern kann, von dem mir aber eine Sache im Gedächtnis hängen geblieben ist. Die Teilnehmenden hatten im Vorfeld Angaben zum gegenwärtigen Kenntnisstand und zur "Sprachsicherheit" o.ä. zu machen. Ich konnte einsehen, was meine Mitschüler/-innen da so eintrugen (Datenschutz gab es damals noch nicht), und war überrascht, dass viele ihr Englisch-Niveau als "verhandlungssicher" oder gar als "auf Muttersprachlevel" bewerteten. Ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, mich besser als durchschnittlich einzuschätzen, auch wenn ich meine besten Zeugnisnoten oft in Englisch holte. Selbst heute – nach Auslandsaufenthalt, permanentem Originalsprachen-Medienkonsum und (abgebrochenem) Amerikanistikstudium – würde ich mir keineswegs die höchstmögliche Kompetenzstufe zuschreiben. Denn beherrschte ich Englisch wie ein native speaker, würde ich nicht ständig über neue Wendungen und Vokabeln stolpern.

In der letzten Episode von "Family Guy" waren gleich zwei sprachliche tidbits zu entdecken:
1. der ulkige Ausdruck charley horse für einen Muskelkrampf, speziell in den Beinen, erstmals 1886 belegt und mit wohl nicht mehr zu klärender Herkunft ("not so common today as it once was"; "The Straight Dope");
2. der Unterschied zwischen jail und prison, die ich bis dahin synonym verwendet hätte. Die Seite englisch-hilfen.de vermerkt dazu: "jail. Gefängnis im Sinne von Untersuchungshaft oder einer Strafdauer die nicht länger als 1 Jahr dauert. In den USA sind sie oft unter Aufsicht der Stadt oder des Bezirks. In Großbritannien wird dieser Begriff auch als Synonym für prison benutzt" (obwohl a.a.O. zugleich behauptet wird, im Britischen Englisch nutze man ausschließlich das letztere Wort). Und zu prison: "Gefängnis, nachdem ein Straftäter verurteilt wurde. In den USA sind sie dem Bundesstaat oder der Bundesregierung unterstellt." Auf gutefrage.net ist zu erfahren: "'Prisons' sind eher staatliche Gefängnisse und 'Jails' werden von lokalen Regierungen geführt. Man könnte also unabhängig von der Größe auch sagen, dass in Jails die Kleinganoven und in Prisons die großen Gangster/Kriminellen kommen." Noch prägnanter hinative.com: "Jails and Prisons are both for holding criminals, but Prisons are for long term holdings. Prisons are usually 'worse' than jails, but you use them the same way in a sentence." So kommt es ja auch in der besagten "Family Guy"-Folge rüber.

Samstag, 26. Januar 2019

Word of the week

Um mich selbst zu zitieren: "Positiv an der Ära Trump ist ja, dass man auch als deutschsprachiger Beobachter kontinuierlich und en passant seinen Wortschatz erweitert." Jetzt also das Wort chyron, das mir bis vor ein paar Tagen noch nie begegnet war.

Der ehemalige Weiße-Haus-Mitarbeiter Cliff Sims verrät in seinem Buch "Team of Vipers", dass Donald Trump geradezu besessen ist von jenen Bannern, Kästen und Streifen, die bei TV-Übertragungen auf dem unteren Bildschirmrand eingeblendet werden. Angeblich hat der Präsident wiederholt seinen Stab angewiesen, Screenshots von allen Inserts zu machen, die bei Reden und Auftritten von ihm in diversen Newskanälen aufpoppen.

Auf Englisch heißen diese Einblendungen lower thirds, weil sie im unteren Drittel des Bildes erscheinen, und in Nordamerika werden sie eben auch chyrons genannt, nach der Chyron Corporation, dessen Schriftgenerator "Chiron I" seit den Siebzigern für solche graphischen Elemente eingesetzt wurde. Als deutsche Entsprechung kenne ich aus meiner Zeit beim Fernsehen den Terminus "Bauchbinde", der sich allerdings strikt auf Informationen (Name, Beruf usw.) zu der gerade sprechenden Person bezieht.

Freitag, 14. September 2018

Word of the week

Positiv an der Ära Trump ist ja, dass man auch als deutschsprachiger Beobachter kontinuierlich und en passant seinen Wortschatz erweitert. Das Wort op-ed habe ich diese Woche gut ein Dutzend Mal gehört, bevor ich es gelesen habe, und jedes Mal verstand ich so etwas wie "Abed" (wie es halt auf gut US-Amerikanisch ausgesprochen wird).
Die New York Times hat ein anonymes op-ed aus der Feder eines "senior officials" in der Trump-Regierung veröffentlicht, Details siehe Medien. Ein op-ed ist ein Meinungsstück, es steht für opposite editorial und lässt sich wohl am besten mit "Gastkommentar" übersetzen. Es ist ein Essay oder auch eine Kolumne mit dem Hauptcharakteristikum, dass es eben nicht aus der eigenen Redaktion kommt und somit ein Gegenstück zu einem Editorial ist und auch sein soll.
Letzte Unklarheiten im journalismus-fachsprachlichen Dschungel beseitigt dieser (englische) Artikel im Des Moines Register.

Sonntag, 6. November 2016

Dem Stier an die Hörner gefasst

{Content warning: sexualisierte Gewalt}

Den folgenden Beitrag über einen Aspekt der hiesigen Berichterstattung über den US-Präsidentschaftswahlkampf wollte ich schon vor ein paar Wochen schreiben, habe mich dann aber dagegen entschieden, weil ich zwischenzeitlich von dem ganzen Thema genervt war – auch von der Witzelei darüber ("Drumpf"-Frisuren-Gags, ahahaha!). Zuletzt hat mich der ganze Wahnsinn aber wieder heftig mitgerissen, zudem ist jetzt womöglich die letzte Gelegenheit loszuwerden, was ich loswerden möchte, denn in drei Tagen wird Donald Trump keine Rolle im Zusammenhang mit dem höchsten Amt der Welt mehr spielen, inschallah.

Zur Sache. Die nachlässige Art und Weise, mit der deutsche Medien mit gewissen trumpschen Sprachentgleisungen umgegangen sind, hat mich irritiert bis verstört. Merkt zum Beispiel niemand beim Stern, dass man sich ungut an Trumps Duktus anlehnt, wenn man auf den Titel die Zeile "Donald Trump beleidigt die Frauen" druckt? Klingt Trumps Trademark-Ausdruck "Crooked Hillary" nicht viel weniger bösartig, wenn ihn das Fernsehen konsequent mit "die korrupte Hillary" übersetzt? Die ganzen übrigen Nuancen von crooked kommen (wie auch bei "nasty woman") bei mir als deutschsprachigem Leser/Zuschauer gar nicht an! (Kennt ihr eigentlich noch die sogenannte Supergroup Them Crooked Vultures? Eine musikalische Superenttäuschung, wenn ihr mich fragt!)

Am schlimmsten war es im Fall des Billy-Bush-"locker room talk"-Bus-Dialogs. So verzerrt hat die deutsche (Online-)Presse Trumps berüchtigte Phrase "grab them by the pussy" wiedergegeben (Auswahl):

- "ihnen an die Muschi fassen" ("Spiegel online", euronews.de)
- "ihnen zwischen die Beine fassen" (rp-online.de)
- "ihnen zwischen die Beine greifen" (Berliner Morgenpost, Tagesspiegel, tagesschau.de)
- "in den Schritt greifen" (Handelsblatt)
- "ans Geschlechtsteil fassen" (Frankfurter Rundschau)
- "ihnen in die F**** fassen" (Hamburger Morgenpost, WTF?!)

Bonus-Bigotterie-Punkte gehen an die gewöhnlich nicht für Zurückhaltung bekannten Ekel von Bild, die vor ihre Übersetzung "Greif ihnen zwischen die Beine" noch den Hinweis "Verharmlost übersetzt" gestellt haben. Man kann, nay: muss also davon ausgehen, dass deutschsprachige Journalisten – die ja in ihrer Ausbildung bestimmt mal mit der englischen Sprache in Berührung gekommen sind – das durch und durch verachtenswerte Menschenbild eines Präsidentschaftskandidaten nicht fahrlässig, sondern bewusst herunterspielen. Heutzutage wird das Wort "unerträglich" allzu leichtfertig ausgesprochen; aber das finde ich wirklich unerträglich. Gott sei dank haben deutsche Medien keinen nennenswerten Einfluss auf den Ausgang von US-Wahlen. Deutsche Nischenblogs schon gar nicht, weswegen ich meine kleine Politexkursion an dieser Stelle beende.

Dienstag, 1. November 2016

Polka-dot-com

Wenn man im deutschsprachigen Google "polka dots" eingibt, wird als Übersetzung "Punktmuster" vorgeschlagen. Das ist meiner Ansicht nach zu unpräzise. Die Punkte in einem Polka-dot-Muster müssen eine gewisse Mindestgröße aufweisen – Ameisenspuren gehen nicht – und einfarbig sein; diese Regeln lassen sich zumindest aufgrund der Google-Bildersuche ableiten. Bierdeckelgroße weiße Punkte auf rotem Grund: So stelle ich mir das prototypische Kleid einer amerikanischen Tänzerin auf einer Fünfzigerjahre-Retroparty vor. Überhaupt schwingt mit der markanten Pungierung jede Menge Zeitkolorit mit, und dementsprechend unspannend ist auch die Etymologie von "polka dots". Die deutsche Wikipedia begnügt sich mit der Auskunft "Die Herkunft des Namens ist ungeklärt; insbesondere ob ein Zusammenhang mit dem gleichnamigen Tanz besteht", die englischsprachige konstatiert hingegen mit Bezug auf das Oxford English Dictionary: "It is likely that the term originated in popularity of Polka dance at the time the pattern became fashionable, just as many other products and fashions of the era also adopted the 'polka' name." Eine schöne Analogie zu dieser einleuchtenden Erklärung gibt die Seite word-detective.com: "There were several items of clothing and even food labeled 'polka' at the time, much as the prefix 'cyber' was slapped on everything from TV news shows to dog food in the mid-1990s. Most of such 'polka' tie-ins disappeared as the dance fad faded. 'Polka dots,' however, survived (as did the polka itself)." Also: Das Aufkommen des Musters fiel in die große Ära des Polkatanzes und war damit einfach "polka" wie so manch anderes aus dem Anfang und der Mitte des 20. Jahrhunderts, etwa "polka jackets, polka hats, even polka gauze", wie Straight Dope zu ergänzen weiß. Ein netter Artikel auf thehairpin.com, der die Geschichte der "polka dots" erschöpfend behandelt, liefert einen alternativen Ansatz: "There is only a tenuous connection between dot and dance, yet surely the two are linked — it’s possible that polka dots reflect the same regulated, short bursts of energy that inflect the polka itself."

Mittwoch, 9. Dezember 2015

What's Love Got to do With It?

Das kürzlich angesprochene Buch "The Language of Food" entpuppt sich mehr und mehr als wahre Goldgrube. Im zuletzt von mir gelesenen Kapitel wurde ein Thema gestreift, dessen ich mich in einem meiner allerersten Beiträge in diesem Blog angenommen habe, nämlich der semantischen Entleerung bzw. dem Verlust der Eigenbedeutung von "to love" im v.a. amerikanischen Englisch, wofür der Autor den Terminus "semantic bleaching" verwendet. Mein damals geäußerter Verdacht, dass Sätze wie "I loooove sand castles!" eine relativ junge Erscheinung sind, wird bestätigt, auch wenn ich mit der Schätzung von 50 Jahren leicht daneben lag. Die Linguistin Erin McKean hat festgestellt, dass junge gegen Ende des 19. Jahrhunderts damit anfingen, love zu generalisieren und auf unbelebte Objekte (Lebensmittel!) zu beziehen. (a.a.O., S. 95) Außerdem wird das Buch "Anne of the Island" (dt. "Anne in Kingsport") von 1915 zitiert; eine ältere Frau sagt darin:
"The girls nowadays indulge in such exaggerated statements that one never can tell what they do mean. It wasn't so in my young days. Then a girl did not say she loved turnips, in just the same tone as she might have said she loved her mother or her Saviour."
Merkwürdig finde ich, dass mir die Verwendung von "lieben" in Bezug auf eigene Kinder im Jahr 2009 noch befremdlich erschien. Das kommt mir heute völlig normal vor. Und zum Saviour fällt mir nur der gehässige Satz ein: "Wenn du Jesus so sehr liebst, warum heiratest du ihn dann nicht?" Ich weiß gar nicht, ob der aus den "Simpsons" stammt oder mir selbst eingefallen ist.

Samstag, 21. November 2015

Das C-Wort

Schon Mitte 2010 dokumentierte ich das Verschwinden des Wortes cinema, vor allem in der Bedeutung "Filmtheater", aus dem Wortschatz des (amerikanischen?) Englisch. Zur Untermauerung der Annahme, sich durch Verwendung von cinema heutzutage regelrecht gesellschaftsunfähig zu machen, habe ich nun neues Material gefunden, in Form einer Stand-up-Nummer des US-Comedians Brian Regan aus dem September 2015.
You ever have a friend use a word that's so awkward you consider dropping them as a friend? Like "cinema"? We had this couple over that kept using that word like it was a normal word for people to use. [übertrieben blasiert] "My wife and I like to attend the cinema. We went to the cinema Friday evening. We usually attend the cinema couple of times a month. Do you enjoy the cinema?" ... Can you get out of my house? 'cause we's all going to the movies.

Montag, 4. August 2014

Link für zwischendurch

Andrew Hammel über einen der größten deutsch-amerikanischen Unterschiede, nämlich das krass voneinander abweichende Verständnis dessen, was Herpes ist. (Ich zumindest habe mich jahrelang jedes Mal gewundert, wenn "herpes" in US-Serien oder -Filmen zum Erzeugen von Schock oder Komik verwendet wurde.)

Update 2023 Das "German Joys"-Blog existiert nicht mehr. Über archive.org konnte ich den Beitrag aber noch finden. Hier die entscheidende Stelle:
And now to one of the most amusing sources of cross-cultural misunderstanding there is. One fine day, a co-worker and I were chatting in my office in German and she casually said: "Damn, my herpes is back. What do you do about your herpes? Is there some special American treatment?"

I just barely avoided a genuine, honest-to-Allah spit-take. Before I could ask what this prim, attractive member of the German haute bourgeoisie was talking about, she added "Fortunately, most of the blisters are on the inside, so it's not that embarrassing." And then she showed me what she was talking about, pointing to the location of the outbreak. I recoiled in horror, crossing my arms in front of me, as she exposed her infected...

...lips. The ones on the mouth, that is.

As you probably know, there are a few different kinds of herpes, and almost everyone carries Herpes Simplex Type I, the virus that causes blisters on the lips now and then. English speakers, in our prudish way, call these outbreaks 'cold sores'. In the English-speaking world, the word 'herpes', standing alone, refers exclusively to genital herpes, the incurable sexually-transmitted disease.

Samstag, 4. Mai 2013

Der etwas andere Personenname

"Welt online" hat vergangene Woche über die jüngste Namensstatistik Rumäniens berichtet. Abgefahrene Vornamen wie "Minister", "Müll" oder "Verrückt" (also entsprechend auf Rumänisch) sind dort offenbar keine Seltenheit.

In diesem Zusammenhang muss ich natürlich auf die Namenskonventionen im indischen Bundesstaat Meghalaya hinweisen. Dort trifft man unter anderem auf Politiker namens Adolf Lu Hitler Marak oder Billy Kid Sangma. "When the indigenous tribes first converted to Christianity, the locals named their children after the missionaries who preached to them. Subsequent generations started favoring words and names they were familiar with but didn't have a good understanding of." (CNN)

Neulich dachte ich darüber nach, ob es neben Tennessee Williams und Dakota Fanning noch mehr Prominente gibt, deren Vorname wie ein US-Staat lautet. Indiana Jones gilt nicht (weil fiktional), Utah Ranke-Heinemann auch nicht (Spaß). Ich entdeckte dann diesen Blogeintrag und lernte u.a. Illinois Jacquet, Texas Guinan und Vermont Connecticut Royster kennen.

Ach ja: and then there's Dresden.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Betr.: TV-Duell, Demenz, Kaninchen, Subway

Selbst die ehrwürdige Frankfurter Allgemeine Zeitung ist manchmal schlampig, zum Beispiel heute. Da bezeichnet sie das gestrige US-Präsidentschaftskandidaten-Duell, das in Form eines town meetings stattfand, als "Stadthallentreffen". Ein town meeting lässt sich am ehesten als "Bürgerversammlung" oder "Gemeindesitzung" wiedergeben. Unter einer Stadthalle stelle ich mir aber ein riesiges Mehrzweckgebäude in einer Großstadt vor, in dem Rihanna oder der Cirque du Soleil auftritt.

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Auch traurig: Die eine von den Jacob Sisters ist schwer dement. So kann's gehen: Da singt man Jahrzehnte lang Volkslieder in sächsischer Mundart, während man mit drei identisch aussehenden dicken Trachten-Omas narkotisierte Pudel über die Bühne trägt, und dann verliert man unmerklich seine gesamte Würde.

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Letzte Woche hätte ich beinahe ein Kaninchen überfahren. Es war mitten in der Nacht, als mir eines dieser Frankfurter Stadtkarnickel vors Fahrrad lief und nur um ca. 10 cm dem Tod entging. Vor Schreck stieß ich einen Schrei aus, der bestimmt den einen oder anderen Anwohner aus dem Schlaf gerissen hat.

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Klassiker des Humors: Bei Subway mitgehört 
Kunde: "Gibt's das bei euch noch mit diesen Cocoons?" 
Mitarbeiter: "Was?" 
K.: "Na diese Cocoons, wo man die Angebote ..." 
M.: "Ach, Sie meinen Coupons!" 
K.: "Ja, genau!"

Freitag, 3. August 2012

You are a pest!

Nachdem das Thema pest control in der letzten Breaking Bad-Folge (5x03) eine zentrale Rolle gespielt hat, ist es Zeit, sich damit ein wenig genauer auseinanderzusetzen.

Folgendes passiert: Ein Einfamilienhaus ist von Schädlingen befallen. Um diese loszuwerden, umhüllt ein Schädlingsbekämpfungsunternehmen das Haus mit einer mobilen Verpackung, ähnlich einem Zirkuszelt, und befüllt es mit tödlichem Gas, so dass das Ungeziefer samt und sonders stirbt und nur noch eingesammelt werden muss. Tent fumigation nennt man das. Die betroffene Familie wird natürlich zuvor aus dem Haus entfernt und in einem Hotel oder bei Verwandten zwischengelagert. 

Als aufmerksamer US-Serienseher kennt man dies aus so vielen Beispielen, dass man sich fragen muss, ob eigentlich jede amerikanische Familie irgendwann derlei durchmacht – und warum. Ich habe noch nie von einem entsprechenden Fall aus Deutschland gehört oder gelesen.

Sind Amerikaner etwa unhygienischer als Deutsche? Natürlich nicht. Es gibt nur zahlreiche Gründe im Land selbst, warum Bettwanzen, Termiten und Maiswurzelbohrer gerade dort fröhliche Urständ feiern: ganzjährige Hitze in vielen Gegenden, Häuser aus nahrhaftem Holz, gute Bedingungen für das Einwandern fremder Schädlingsarten, Gottes Zorn. 

Man bedenke auch folgenden sozialen Faktor. Möglicherweise haben tatsächlich viele Deutsche mit tierischen Eindringlingen zu kämpfen, verheimlichen dies aber aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung. Zitat Wikipedia: "In Mitteleuropa wird schon die Anwesenheit von Schädlingsbekämpfern – oft zu Unrecht – als Zeichen für mangelnde Hygiene, z. B. in Restaurants, betrachtet. Dementsprechend verrichten die Dienstleister ihre Arbeit in der Regel möglichst unauffällig und benutzen z. B. unmarkierte Fahrzeuge. In [z.B. den USA] dagegen ist man an Schädlingsprobleme in Privathäusern gewöhnt. Die Anwesenheit von Schädlingsbekämpfern gilt dort als Zeichen für korrekte Hygiene und wird vorgezeigt, auch durch auffällige Arbeitsuniformen und Fahrzeuge (z. B. mit einer Fiberglasschabe auf dem Dach)." Vielleicht gibt es also auch hierzulande mehr Schädlingsbefall als man gemeinhin denkt, nur wird dagegen nicht auffällig und radikal mit Giftgaszelten vorgegangen, sondern altmodisch-subtil mit Fallen, Wärmeentwesung und zusammengerollter Zeitung.

PS: Auch dieser Beitrag erscheint unter freundlicher Verwendung der Schriftart Arial. 
Arial: Nicht nur sauber, sondern se(r)ifenlos rein.

Samstag, 17. Dezember 2011

Kurz notiert: STERN, Elfen


Die Familie Obama hat kürzlich ein paar weihnachtlich verkleidete Kinder getroffen. Der Stern schreibt dazu: "Glaubt man dem Fotografen, waren diese als Elfen verkleidet, auch wenn sie eher wie Wichtel aussahen." 
Tatsächlich, der Begleittext zu dem entsprechenden Reuters-Foto lautet: "President Barack Obama, first lady Michelle Obama and their daughters Sasha (L) and Malia greet children, dressed as elves, at the 'Christmas in Washington' celebration at the National Building Museum..." 
Tja, das ist ja ein dolles Ding, dass in einem englischsprachigen Text die Folkloremännchen nicht mit dem deutschen Wort "Wichtel" bezeichnet werden, sondern mit dem Namen, unter dem sie in Amerika seit dem vorletzten Jahrhundert bekannt und beliebt sind, Christmas elves. Also, von einem Magazin, das einen halbnackten Mann und die Schlagzeile "Arbeit ist der neue Sex" auf dem Cover hat, hätte ich mehr journalistische Sorgfalt erwartet. 

PS: Den Will-Ferrell-Film Elf hätte man in Deutschland wirklich als "Der Wichtel" oder so vermarkten können. Stattdessen entschied man sich für "Buddy – Der Weihnachtself".

Mittwoch, 14. September 2011

Linktipp: Torsten Dewi interviewt Joachim Körber

Blogger Torsten Dewi (wortvogel.de) hat ein sehr lesenswertes Interview mit Joachim Körber geführt. Körber, selbst Schriftsteller, ist einer der profiliertesten deutschsprachigen Übersetzer von SciFi-/Fantasy-/Horrorliteratur.

Teil 1
Teil 2

Ja, das waren die guten alten Zeiten, als Übersetzen noch richtig Handarbeit war. Ich kenne Kollegen, die haben alles Mögliche gehortet, amerikanische Kataloge mit Anglerbedarf, Schusswaffen, Kleidung, Lebensmitteln, damit sie zu den Begriffen Bilder hatten und dann über die entsprechenden Bilder in deutschen Katalogen suchen konnten. Oder man ist eben in die Bibliothek gewandert, in meinem Fall die Badische Landesbibliothek in Karlsruhe, und hat Begriffe gesucht. Ich hatte das Glück, dass zwischen Linkenheim, meinem damaligen Wohnort, und Karlsruhe eine Kaserne der Amerikaner lag. [...] Als Jugendlicher hatte ich einen amerikanischen Freund, der uns immer in die an sich Amerikanern vorbehaltenen Geschäfte und Clubs rund um die Kasernen herum reingeschleust hat, und da habe ich schon viel von den umgangssprachlichen Ausdrücken und der amerikanischen Lebensart aufgeschnappt, die mir dann später beim Übersetzen von Stephen King so nützlich waren.

Dienstag, 30. August 2011

Neun-elf

(Das Blog wurde nach längerer Verwahrlosung relauncht. Es heißt jetzt "Kybersetzung" - ein Wort, das bis dato keinen einzigen Suchmaschinentreffer bringt.)

Wenn hierzulande über die Terroranschläge des 11. September 2001 gesprochen und geschrieben wird - und anlässlich des zehnten Jahrestages geschieht das dieser Tage sehr oft -, wird das Ereignis häufiger mit der englischen Bezeichnung "9/11" (sprich: "Nine-eleven") beim Namen genannt als noch vor wenigen Jahren. Dies ist zumindest mein Eindruck, und um diesen bestätigt zu wissen, habe ich für jedes Jahr ab 2002 Google-Suchen im deutschsprachigen Internet durchgeführt. Dabei habe ich "Nine-Eleven" (bzw. "Nine Eleven"; der Bindestrich macht keinen Unterschied) eingegeben, da die Suche nach "9/11" ungenaue Ergebnisse liefert (etwa "9-11" in "Kapitel 9-11" oder "Parkstraße 9-11"). Hier das Resultat:

2002: 178x
2003: 161x
2004: 259x
2005: 376x
2006: 9.200x
2007: 16.100x
2008: 29.200x
2009: 41.600x
2010: 53.600x
2011: 155.000x (bis heute)

Mein Verdacht scheint berechtigt zu sein: Die Bezeichnung "Nine-Eleven" hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr durchgesetzt, mit einem ersten kometenhaften Anstieg im Jahre 2006 (fünfter Jahrestag der Anschläge). Über die Ursachen kann ich nur spekulieren. Die Auswirkungen jedoch liegen auf der Hand. Weil Datumsangaben im Deutschen nach dem Prinzip Tag-Monat-Jahr gebildet werden, verursacht die Folge Monat-Jahr Verwirrung. "9/11" steht ja traditionell für "September '11" - derzeit etwa auf monatlich erscheinenden Zeitschriften zu lesen. Kein Wunder, dass immer mehr Personen versehentlich von den "Anschlägen des 9. September" sprechen; eine Filmmontage mit Politikern und Journalisten, denen dieser Lapsus passiert ist, war vor einiger Zeit bei der heute-show oder bei Harald Schmidt zu sehen. Auch die geschriebene Form mag geeignet sein, Konfusion zu schaffen. Menschen, die in der Schule weniger gut aufgepasst haben, könnten den Schrägstrich nämlich als Bruchstrich fehlinterpretieren und 9/11 als "neun Elftel" lesen. Und was soll an dieser Zahl so besonders sein?