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Mittwoch, 24. Juni 2026

Ein paar Dinge: Kiwi

In der gestrigen "Leute"-Spalte der Süddeutschen Zeitung war dieser Beitrag zu finden:

Andrea Kiewel, 61, Moderatorin, ärgert sich über Apothekenpreise. In ihrer Kolumne in der Zeitschrift SuperIllu schreibt Kiewel laut einem Bericht des Münchner Merkur, sie habe für einen Einkauf von zwei kleinen Tuben Sonnencreme 45 Euro bezahlen müssen. "Und ich bin mir sicher, mich verhört zu haben", schreibt die Moderatorin. Aufgrund ihrer empfindlichen Haut könne sie nur spezielle Sonnencremes verwenden. "Mag ja sein, dass die Firma mehr bezahlen muss für alle chemischen Zutaten meiner Sonnencreme, sorry, aber ich bekomme keinen Pfennig mehr Gehalt", ergänzt sie. Die Zeitung Welt am Sonntag berichtete 2024, dass Kiewel für ihre Moderation des ZDF-"Fernsehgartens" eine Jahresgage von etwa 400.000 Euro erhält.

Dazu fallen mir mehrere Dinge ein ... um nicht zu sagen: ein paar Dinge. Das ist doch ein guter Anlass, diese alte, hier bisher nur ein einziges Mal erschienene, bei Seth Meyers längst in den Ruhestand geschickte Rubrik zu reinstallieren:


ERSTENS Warum erfahren wir den Inhalt von Kiewels Kolumne aus dritter Hand? Hätte die Münchner Panorama-Redaktion sich nicht direkt eine SuperIllu besorgen können statt den (zitierenden) Merkur zu zitieren? Das gebieten doch sowohl die journalistische Sorgfaltspflicht als auch die Solidarität unter Printschaffenden.

ZWEITENS Was ist Frau Kiewels Definition einer "kleinen Tube"? Qualität hat nun mal ihren Preis. Unabhängig von der Hautempfindlichkeit sollte man in puncto Sonnenschutz nicht sparen, zumal mir 45 Euro für zwei Tuben jetzt nicht sooo überzogen vorkommen. Es könnten ja auch 100 sein! Mit etwas Vorausplanung und Geduld findet man außerdem gelegentlich preisgesenkte Pflegeprodukte.

DRITTENS Ich bin mir sicher, mit Hilfe einer erfahrenen Beraterin könnte Frau Kiewel die Kosten für Sonnencreme als besondere Belastungen von der Steuer absetzen.

VIERTENS Apropos: Wenn man dermatologisch diesbezüglich vorbelastet ist, warum heuert man dann freiwillig bei einem Format namens "FernsehGARTEN" an? Die Moderatorin sollte sich überlegen, zu einer weniger outdoor-gecodeten Show zu wechseln; vielleicht mal mit dem ZDF einen "Fernsehschuppen" oder "Fernsehbunker" konzipieren?

FÜNFTENS Der letzte Satz ist irgendwie unangenehm, ein überflüssiges Nachtreten. Nicht mal eine halbe Million (vor Steuern, nehme ich an) für eines der langlebigsten Zugpferde der öffentlich-rechtlichen Unterhaltung, das kommt mir, once again, nicht sooo überzogen vor. Das US-amerikanische Pendant von Kiwi, wobei mir da auf die Schnelle keines einfällt, würde für läppische 400.000 nicht mal ein Mikrofon in die Hand nehmen.

SECHSTENS War es nötig, in diesen wenigen Zeilen zum Schluss – nach SuperIllu und Münchner Merkur – noch ein drittes Medium einzuführen? Das sind zu viele Quellen!

Montag, 13. April 2026

Trockenobst-Update

Heute war ich einkaufen und entdeckte sowohl bei Rewe als auch bei Netto die von mir erst kürzlich als Trendprodukt vorausgeahnte Trockenobstvariante Himbeeren. Zum einen ist jetzt der einschlägige Hersteller Kluth an Bord, der für seine gefriergetrockneten Himbeeren allerdings einen Kilopreis von fast 200 Euro ansetzt.


Zum anderen lässt der mir bislang unbekannte Player Fruucs die Muskeln spielen: Er stellt mit dem Kampfpreis von 99,80 €/kg (für ein 50-Gramm-Glas) einen neuen Tiefstwert auf.


Bei all diesen neuen Beeren sollte man nicht die diversen Klassiker der Müslizugaben vergessen, beispielsweise getrocknete Mangos. Just dieses Wochenende hat die Süddeutsche Zeitung einen großen Vergleichstest jenes Produkts durchführen lassen. Zehn verschiedene Sorten wurden getestet. Angegeben wurde jeweils nur der Preis pro Packung; ich war zu faul, die Kilogrammpreise auszurechnen, doch scheint mir die Firma Seeberger mit 3,69 € je 100 g diesbezüglich vorne zu liegen – getrocknete Mangos sind also deutlich günstiger als ihre beerigen Pendants. Mit 5 von 10 Punkten nehmen die Seeberger-Früchte übrigens den vorletzten Platz ein, geteilt mit denen von süssundclever. Nur die "fruchtigen Mangostreifen" von Rewe Beste Wahl kamen mit 4/10 schlechter weg ("Die Textur wirkt zäh und insgesamt mehr trocken als saftig. Das erinnert mich an industrielle Massenproduktion"). Die höchste Punktzahl, nämlich 9, hat die Testerin der dm-Eigenmarke gegeben: Die Bio-Streifen, als deren Nachteil lediglich die Kleinheit bemängelt wurde, sind mit 1,95 € für 100 g zudem ziemlich billig. 8 von 10 Punkten erhielten die "exotischen Trockenfrüchte Mango" von Farmer naturals (Aldi Süd) sowie das in mehreren Märkten erhältliche Produkt aus dem Hause Farmer's Snack.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

An ihren Strichen sollt ihr sie erkennen

Wenn ich in meinen Blogbeiträgen einen Gedankenstrich verwende, achte ich tunlichst darauf, einen richtigen Gedankenstrich, fachsprachlich "Halbgeviertstrich", einzufügen – Berufskrankheit. Das tue ich mittels Copy & Paste. Der kurze Strich, der erscheint, wenn ich auf "-" drücke, ist dem Trenn- oder Bindestrich bzw. dem Minus vorbehalten.

Zurzeit ist der Langstrich, wie ich im Feuilleton der gestrigen Süddeutschen las, auf dem Weg, "zum Fingerabdruck seelenloser Automatentexte" zu werden. Laut dem Artikel "Gedankenstriche verraten ihn" (online leider hinter Paywall) entwickelt nämlich ausgerechnet Textgenerierungssoftware ein Faible für dieses Zeichen.

"Auffällig viele Gedankenstriche tauchen auf, wenn man KI-Modelle bittet: Lass diese E-Mail menschlich wirken", beobachtet Niklas Schreiber. Der Linguist forscht zu Satzzeichen an der Universität Potsdam. Er vermutet, Modelle wie Chat-GPT könnten häufig auf den Gedankenstrich zurückgreifen, weil das Zeichen eine Dramaturgie schaffe, eine persönliche Note. Doch gerade das entlarvt die Maschine. Sie will es unbedingt menscheln lassen. Und wirkt dadurch erst recht roboterhaft.

Insbesondere in Bezug auf Lexik komme es, so der Beitrag weiter, zunehmend zu Rückkopplungseffekten: Zum Beispiel greifen Wissenschaftler/innen auf bestimmte Wörter vermehrt zurück, seit/weil diese sich "in angeblich von Menschen verfassten akademischen Texten häufiger als früher" finden lassen. Wenn wir immer mehr künstlich erzeugte Texte konsumieren (und "etwas mehr als die Hälfte der neu ins Netz hochgeladenen Texte sind laut der Suchmaschinen-Agentur Graphite inzwischen künstlich generiert"), fangen wir an, so zu schreiben, wie wir meinen, dass wir schreiben müssten, weil das die KI ebenfalls "meint". Das ist leicht vereinfacht gefolgert, Fakt ist: "Mensch und Maschine beeinflussen sich offenbar gegenseitig."

Der Nebeneffekt einer Echokammerbildung innerhalb künstlicher Systeme lässt sich denken: "Studien haben bereits gezeigt, dass KI-Sprachmodelle, die mit ihren eigenen Texten gefüttert werden, sukzessive eine immer geringere 'linguistische Diversität' zeigen." (Anm.: Gemeint ist "sprachliche Diversität"; linguistisch bedeutet "sprachwissenschaftlich", engl. linguistic aber daneben auch "sprachlich", ein oft – von Menschen – gemachter Übersetzungsfehler.) "Was da in die Sprache einfließt, ist letztlich: Homogenität."

Der SZ-Artikel führt dann noch ein paar Wenns und Abers an, auf die ich nicht einzugehen brauche. Nur eins möchte ich klarstellen: Niemand soll denken, dass an der Produktion auch nur eines einzigen meiner Texte je ein Sprachmodell beteiligt war – auch wenn ich eine Vorliebe für den "romantisch-verspielten Gedankenstrich" nicht abstreite.

Samstag, 9. August 2025

Neue Materialien zu Materialien

Dieses Rätsel aus der Wochenend-SZ darf ich hier hoffentlich zeigen, denn ich muss es tun:


Weil es bereits vor mehreren Wochen erschienen ist, erlaube ich mir auch, direkt die Lösung nachzuschicken: Es handelt sich um "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" – und zwar ausgerechnet um vier, die mir bei meinen früheren Gedanken zu diesem Thema nicht einfallen mochten:

- Die Minen von Filzstiften werden kaum noch aus Filz gefertigt.
- Eine Leinwand wird nicht nur aus Leinen hergestellt.
- Strohhalme sind schon lange nicht mehr (aber nach dem Plastikverbot, wer weiß, bald wieder) aus Stroh.
- Beim Bleigießen wird aus Gesundheitsgründen kein Blei mehr geschmolzen (EU-Verbot 2018).

Montag, 16. Juni 2025

Kurz notiert: Laborausfall

Aus meine Lebensumstände betreffenden Gründen komme ich derzeit nur eingeschränkt zum Bloggen, daher heute nur dies: Die Rubrik "Sprachlabor", auf die ich mich hier schon oft bezogen habe, hat in der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung gefehlt! Eben blättere ich durch die Wochenendpostillen, freue mich schon, als ich das Ende von Buch 2 der SZ erreiche, jedoch: kein "Sprachlabor". Macht Hermann Unterstöger Urlaub? Ist er krank? In Rente gegangen (er ist Jahrgang 1943)? Dann soll er das doch an der Stelle, an der normalerweise seine Glosse steht, kundtun, z.B. so: "Aus meine Lebensumstände betreffenden Gründen komme ich derzeit nur eingeschränkt zum Kolumnieren." Sollte er selbst nicht dazu in der Lage sein, muss halt jemand Verantwortliches aus dem Haus eine Erklärung abgeben. Das erwarte ich als enttäuschter (und ein wenig besorgter) Leser!

Mittwoch, 21. Mai 2025

Die Schönheit von Sprachunfallprotokollen

Gelegentlich schäme ich mich ein wenig dafür, aber ich habe eine diebische Freude daran, wenn in Literaturkritiken einem Autor / einer Autorin stilistische Fehler, schlechte Recherche und allgemeine Gedankenlosigkeit nachgewiesen werden. Solche Textarbeit ist natürlich im Umfeld der Neuen Frankfurter Schule besonders populär: Stefan Gärtner nimmt sich auf seiner Konkret-Doppelseite "Kunst & Gewerbe" regelmäßig schlechte Schreibe vor, Michael Ziegelwagner hat in mehreren Artikeln seine bejubelte Landsmännin Raphaela Edelbauer – stets auf Grundlage sauberer Zitatlese – abgewatscht, und unvergessen sind Bernd Eilerts Fritz-J.-Raddatz-Erledigungen.

Besonders freue ich mich, wenn sich an einer Stelle, mit der ich nicht gerechnet hätte, an überschätzten Geistesmenschen abgearbeitet wird. Jürgen Kaubes kolumnistische Senge gegen den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (dessen Flitzpiepigkeit Hans Mentz bereits 2012 erkannt hat) ging vor ein paar Wochen viral (hinter der FAZ-Paywall nachzulesen), und heute zauberte mir Juliane Liebert ein breites Grinsen ins Gesicht. Im Süddeutsche-Feuilleton vom 20. Mai ließ sie sich über den neuen Roman des "Wunderkindes" Ocean Vuong wie folgt aus:

Im ersten Kapitel unternimmt Vuong eine literarische Kamerafahrt über Gladness, den Schauplatz des Buches, eine ausgedachte amerikanische Kleinstadt. Das Kapitel ist offenbar dazu zu gedacht, dem Leser die Sprachgewalt Vuongs zu demonstrieren – immerhin ist Vuong ursprünglich Dichter. Aber je heftiger er Sprachgewalt performt, desto unangenehmer wird es.
Da gibt es "Veteranen, die von sämtlichen nur denkbaren Schlachtfeldern nach Hause kommen (...) ehe sie in verqualmte Zimmer zurückschlurfen, wo kleine Fernseher, so groß wie Menschentorsos, sie in Schlaf lullen." Ohne kleinlich zu sein: Welcher kleine Fernseher hat denn bitte die Größe und das Format eines Menschentorsos? Zwei kleine Fernseher nebeneinander könnten Menschentorso-breit sein, oder ein Kindertorso, wenn man gnädig ist. Aber wozu?
Oder: "Am anderen Ende des Grundstücks liegt die vor einer Woche geborgene Abwrackkarre, die Augenhöhle gefüllt mit warmem Coca-Cola, das Werk eines Jungen, der sein Getränk auf dem Heimweg von der Schule aus Langeweile in dieses endlose Dunkel blinder Blicke geschüttet hat." Schmissig, schmissig, aber warum hat das arme Auto nur eine Augenhöhle, warum versickert die Cola darin nicht, und womit haben wir "das endlose Dunkel blinder Blicke" verdient?
Kaum hat man sich von dieser elaborierten Schwülstigkeit erholt, legt Vuong nach: "Trotz dieser Hitze wächst alles Grün, als gelte es, die Winterödnis wiedergutzumachen, üppiges Moos zwischen den hölzernen Schwellen, sodass es bei einem bestimmten Einfallswinkel von sattem Licht wie Algen wirkt, als wäre die Gletscherflut über Nacht wiedergekehrt und wir wären endgültig geworden, was zu werden uns schon immer bestimmt war: biblisch." Im Ernst, biblisch? Das ist prätentiöser Kitsch durch und durch, egal, wie viele Auszeichnungen man draufklebt.
Alles an Ocean Vuongs Sprache ist nicht bloß pathetisch, sondern parfümiert sinnlich, immer drei Stufen zu hoch. Als läge seine Welt zwischen sozialkritischem Melodram und Achtzigerjahre-Erotikfilm. Die Metaphern sind zu 90 Prozent beliebig, knapp dran vorbei, schief zu sein, aber sie haben auch keine semantische Zündkraft.

Hahaha! In derselben Ausgabe gab es übrigens auch eine – leider etwas zahnlose – "Begegnung mit dem Dark Lord des deutschen Debattenzirkus" Ulf Poschardt.

Eine meiner All-time-Lieblingszerpflückungen ist Peter Dierlichs Jungle-World-Beitrag "Zwischen den Mauern des Schluckaufs" aus dem Jahr 2008 über Martin Mosebachs Roman "Ruppertshain". Auch wenn beim digitalen Einpflegen die Formatierungen verloren gegangen sind, d.h. Auszüge nicht kursiv erscheinen, lohnt sich die Lektüre dieses 50.000-Zeichen-Rundumschlags in all seiner Glorie.

Montag, 10. März 2025

Koreanischstunden

Die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hat mehrere Romane der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang ins Deutsche übertragen. Erwartbarerweise gibt es immer wieder "Nuancen im Originaltext von Han Kang, die in der Übersetzung schwer vollständig wiederzugeben sind", zitiert die Süddeutsche Zeitung sie in einem lesenswerten Artikel vom 24. Februar (online nur hinter Paywall), der sich mit Schwierigkeiten der Übersetzung aus fernöstlichen Sprachen in europäische befasst.

Beispiel Japanisch: Der Roman "Schneeland" des ersten japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata beginne bereits mit einem extrem vertrackten Satz (der hier nicht auf Japanisch reproduziert zu werden braucht).

Die klassische Übersetzung des US-Japanologen Edward Seidensticker lautet: "The train came out of the long tunnel into the snow country." Also: "Der Zug kam aus dem langen Tunnel in das Schneeland." Es ist bei Seidensticker, als würde der Erzähler den Zug aus dem Tunnel fahren sehen. Aber im japanischen Original ist vom Zug keine Rede, es gibt im ersten Satzteil kein Subjekt. Einen Erzähler von außen gibt es auch nicht. Japaner lesen im Originalsatz die Stimmung, die man erlebt, wenn man nach einer Fahrt im Tunnel von der schneelosen Seite des Berges auf die verschneite Seite kommt. Tobias Cheung hat den Satz in der Suhrkamp-Auflage von 2011 möglichst wörtlich übersetzt: "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland." Trotzdem: Die wahre Tiefe dieses Romananfangs liegt wohl nur in Kawabatas Japanisch.

"Kein Subjekt"? Das würde ich mir gerne genauer erklären lassen, aber ich glaube es einfach mal. Nicht minder staunen ließ mich die Tatsache, dass die Übersetzerin von Han Kangs Debutroman "Chaesigjuuija", die Britin Deborah Smith, erst sieben Jahre, bevor sie das Werk ins Englische übertrug ("The Vegetarian"), angefangen hatte, Koreanisch zu lernen! Dementsprechend unperfekt geriet die Übertragung denn auch, zumindest nach Ansicht von Fachleuten, die der englischsprachigen Fassung ein Übermaß an "Adverbien, Superlativen und anderen Veranschaulichungen" beschied. Man darf hier dennoch einwerfen: "Oder bringt gerade dieser Unterschied das Verständnis des internationalen Publikums?" Am Ende stellte sich der Ruhm schließlich dank des Vorhandenseins von Übersetzungen, deren Anfertigung übrigens stets von der Autorin begleitet wird, ein. Man muss halt einsehen: "Eine Übersetzung kann nie größer werden als das Original." Muss sie auch nicht.

Mittwoch, 5. März 2025

Komma runter!

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung ging es letztens lang und breit um die Frage, wie man eine gewisse, meist mündlich verwendete Phrase korrekt verschriftlicht:

[B]ei der Redensart "Geht nicht gibt's nicht" [...] entscheidet ein Komma über Sinn oder Nichtsinn. Im Streiflicht war sie in der Version "Geht nicht, gibt's nicht" zu lesen. Das ist die gängigste Fassung [...]
Wozu nun der Lärm? Weil das Komma den Satz in sein Gegenteil verkehrt. Bei Geht nicht gibt's nicht ist Geht nicht ein ganz besonderes Akkusativobjekt. Während Sätze wie Der Bauer pflügt das Feld anstandslos ins Passiv – Das Feld wird vom Bauern gepflügt – gewendet werden können, führte das bei Geht nicht gibt's nicht zu der Albernheit Geht nicht wird nicht gegeben. Die alte Dudengrammatik spricht hierbei von "reinen Existenzialurteilen" und rückt unseren Satz in die Nähe von Es gibt einen Gott, dem ja auch kein Mensch die Passivform Ein Gott wird nicht gegeben verpassen würde.
Jedenfalls darf das Objekt Geht nicht vom Prädikat gibt's nicht so wenig durch ein Komma getrennt werden wie etwa Bielefeld von gibt's nicht oder Bangemachen von gilt nicht. Ohne Komma bedeutet der Satz, dass der Sprecher, die Sprecherin sich vom vermeintlich Unmöglichen nicht beeindrucken lässt: Ein "geht nicht" gibt es bei mir nicht, wär' ja noch schöner! Trennt man jedoch die beiden Elemente durch ein Komma, macht sich Resignation breit: Die Sache ist weder möglich, noch ist sie machbar.

'Endlich schreibt's mal jemand!', dachte ich da. Und kurz darauf: 'Augenblick! Habe nicht ich persönlich mich schon vor langer Zeit über diesen Interpunktionsunfall ausgelassen?' Ich durchwühlte mein Textarchiv, und tatsächlich habe ich 2005 (!) in einer unveröffentlichten "Glosse" (Wie ich neulich schon andeutete: Mitte der Nullerjahre war ich "offenbar vom Studium nicht ausgelastet" ...) dies notiert:

Komplett unfähig scheinen die Werbefritzen der Baumarktkette Praktiker zu sein. Die ersannen sich nämlich den vielversprechenden Leitsatz "Geht nicht, gibt's nicht". Analog dazu wurde im Fernsehen eine Kochsendung mit dem Titel "Schmeckt nicht, gibt's nicht" geboren.

Stichhaltig begründet habe ich meinen Ärger damals nicht, und ganz ehrlich: Auf die Begründung mit der Passivbildung wäre ich nicht gekommen. Fairerweise muss ich außerdem festhalten: Ich habe eben noch mal Promo-Poster und digitale Banner der VOX-Show recherchiert, und da war das Komma eben nicht eingezeichnet.

PS: Oh Mann, hatte Tim Mälzer vor zwanzig Jahren noch ein Babyface!

Mittwoch, 18. September 2024

Traumberufe von gestern

Landschaftsgärtnerei ist ja ein endloses Faszinosum. (Ein Satz, von dem ich vor 20 Jahren auch nicht gedacht hätte, dass ich ihn mal äußern würde.) Insbesondere jene historisierenden Gestaltungselemente, die in Anlagen des 18. und 19. Jahrhunderts Einzug fanden, laden zum Staunen wie zum Schmunzeln ein, man denke an künstliche Ruinen und pseudomittelalterliche Gemäuer. Im Zuge der Recherchen für mein Binneninselbuch lernte ich das Konzept des Scheinfriedhofs kennen, vgl. etwa Rousseau-Inseln.

Die vorletzte Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung stellte wiederum etwas vor, von dem ich noch nie gehört hatte: In der Rubrik "Dem Geheimnis auf der Spur" ging es um Schmuckeremiten (Artikel leider hinter Paywall). Das waren menschliche Zierelemente speziell in englischen Landschaftsgärten: Freiwillige, vorzugsweise fortgeschrittenene Alters, verpflichteten sich für mehrere Jahre, sich für ein paar Stunden täglich als naturromantisch verwahrloste Einsiedler in eigens eingerichteten Outdoor-Klausen grübelnd, chillend oder schmökernd zu präsentieren, zur Steigerung der "Authentizität" und zur Erbauung der Flanierenden. Auch in Deutschland soll es solche lebenden Gartenzwerge gegeben haben. Im Bergpark Kassel-Wilhelmshöhe könnte ich mir einen Schmuckeremiten ohne Weiteres auch heute noch vorstellen.

Dienstag, 6. August 2024

Reis' und schein'!

Heute habe ich durch den "Profil"-Kasten der Süddeutschen Zeitung, in dem es um den Flotillenadmiral Axel Schulz ging (nein, nicht der Axel Schulz!), gelernt, dass der morgendliche Weckruf auf deutschen Kriegsschiffen so lautet: "Reise, Reise – Aufstehen!"

Die SZ hat die seemännische Phrase allerdings ein wenig irreführend wiedergegeben. Korrekt ist "Reise reise", das Wort ist nicht das uns bekannte Substantiv, sondern der Imperativ zu einem niederdeutschen Verb, das mit engl. rise "sich erheben, aufstehen" verwandt ist. Dies entnahm ich dem dazugehörigen Wikipedia-Eintrag, der erwartbarerweise eine Reihe weiterer interessanter Fässer aufmacht: "Der Tag an Bord eines Schiffes der Deutschen Marine beginnt wie überall mit dem Wecken, auch Purren, das mit dem Locken eingeleitet wird, einem Pfeifsignal, das in der Regel fünf Minuten vor dem eigentlichen Aufstehen mit der Bootsmannsmaatenpfeife gegeben wird und auf die ein Ausruf folgt. Das eigentliche Wecken beginnt hingegen mit einem langgezogenen Pfiff und dem Ruf Reise reise, aufstehen, Überall zurrt Hängematten!"

Bei der Marine geht es meiner Vorstellung nach noch rauer und also auch verbal rauer zu als beim Heer, was bestätigt wird, wenn man sich die hier versammelten Weckspruch-Varianten zu Gemüte zieht. Beispiel: "Reise reise, aufstehen! Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Putzfrau vögelt." Na ja, wenn's hilft, bei heiklen Manövern (Großübung "Indo-Pacific Deployment") auf hoher See (zurzeit: vor Hawaii) die Moral zu heben bzw. ein wenig vom Ernst der Lage abzulenken ...

Freitag, 19. April 2024

Zuerst die gute Nachricht ...

Stellt euch vor, ihr bekommt die Aufgabe, eine Minigolfanlage aufzuwerten. Wie bewerkstelligt ihr das? Mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ihr aufregende Features einbaut, neue Bahnen anlegen lasst, Hindernisse erweitert, kurz: indem ihr Dinge hinzufügt – auch wenn euch explizit erlaubt worden ist, Dinge zu entfernen, etwa "einen Sandbunker (eine 'Falle', aus der man den Ball nur schlecht wieder herausspielen kann)". Diese Neigung des Menschen zum Hinzufügen wird als addition bias bezeichnet und seit kurzem wissenschaftlich untersucht. Die Minigolf-Aufgabe wurde tatsächlich mit Versuchspersonen durchgespielt, das Ergebnisse 2021 in Nature veröffentlicht:

Die Teilnehmenden sollten alle ihre Ideen auflisten, wie man die Bahn verbessern könnte. Dabei wurden sie auch darum gebeten, auf die Kosten ihrer vorgeschlagenen Änderungen zu achten. Trotz dieses Hinweises generierten nur 28% aller Teilnehmenden zumindest eine einzige Idee, die das Entfernen eines Elements betraf. Und selbst von jenen Teilnehmenden, die nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen wurden, dass sie etwas [...] auch entfernen können, generierten nur 43% zumindest einen Vorschlag, bei dem ein Element entfernt würde.

Der menschliche Instinkt, Verbesserung durch "additive Transformation" erreichen zu wollen, sprich: der Gedanke "Mehr ist besser", scheint sich auch in der (deutschen) Sprache niederzuschlagen. Das legt die jüngere linguistische Forschung nahe. S. Wolfer / A. Koplenig / M. Kupietz / C. Müller-Spitzer vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim legen ihre diesbezüglichen Erkenntnisse in Ausgabe 1/2014 des Sprachreport nieder. (Daraus auch obige Zitate, den Nature-Artikel von Adams et al. 2021 betreffend.) Das Team bediente sich eines neuen Datensatzes zu Worthäufigkeiten namens DeReKoGram, basierend auf dem DeReKo, dem riesigen Deutschen Referenzkorpus. "Gram" nimmt dabei Bezug auf sog. n-Gramme, also Einzelwörter (Unigramme), Zweiwortverbindungen (Bigramme) usf., deren Frequenz ermittelt werden soll; aus diesem Blog bekannt ist womöglich der Google Ngam Viewer.

Es stellt sich heraus: Nicht nur sprechen und schreiben wir häufiger vom Hinzufügen als vom Wegnehmen, auch geben wir, wenn von beidem die Rede ist, der Addition den Vorrang. Und nicht nur beim Dualismus Mehr/Weniger macht sich der Additionsbias bemerkbar, auch bei anderen Bereichen, "die einer gewissen Polarität unterworfen sind", scheint sich eine Bevorzugung von "positiv polarisierten Wörtern" niederzuschlagen. Beispiele für solche Gegenstandsbereiche sind Progression (mit Partnerwörtern wie vorwärts und rückwärts), Wertigkeit (z.B. nützlich vs. nutzlos), Höhe (hinauf vs. hinab usw.) und sogar Reichtum. In letzteren fallen allerdings und interessanterweise zwei der vier Paare von Wörtern, bei denen das negativ polarisierte häufiger auftrat.

Für die beiden Paare [wohlhabend vs. bedürftig und finanzstark vs. finanzschwach] liegt keine unmittelbare Erklärung auf der Hand (wobei es Ausdruck einer Präferenz in Zeitungstexten sein könnte, eher finanzschwache als finanzstarke Gesellschaftsschichten zu fokussieren).

Hier betreten wir ein interdisziplinäres Feld zwischen Soziologie, Politik, Kommunikations- und Sprachwissenschaft! Wer bisher mit Korpuslinguistik auf Kriegsfuß stand (wie ich, zugegebenermaßen), möge sich von dem achtseitigen Sprachreport-Beitrag wider jedes Vorurteil bezaubern lassen. Wer den Datensatz-Overload als zu trocken und mathematisch empfindet und die Analyse überspringen will, für den gebe ich das Entscheidende wieder: "Wir können daraus schließen, dass in der deutschen Sprache – zumindest in den untersuchten Gegenstandsbereichen und für unsere Wortauswahl – in der Tat eine Neigung besteht, positiv polarisierte Wörter häufiger zu verwenden als negativ polarisierte." Und als Parallelbefund lässt sich festhalten, "dass in der (über DeReKoGram erfassten) deutschen Sprache in der Tat positiv polarisierte Wörter in Paarnennungen mit und und oder eher als erstes genannt werden."

Der addition bias ist übrigens so unbeackert, dass er in der doppelseitigen Sammlung unbewusster Denkschemata, die im Wissensteil der Süddeutschen Zeitung vom 28./29. Mai 2022 abgedruckt wurde und die ich wohlweislich aufgehoben habe, nicht auftaucht.


Nicht weniger als 184 Fehlschlüsse, Heuristiken und Reflexe sind darin aufgelistet, darunter Klassiker wie der Dunning-Kruger-Effekt und die Überlegenheitsillusion, aber auch Putziges wie der Bias-Bias ("Möglichkeit, dass Denkfehler zu oft diagnostiziert werden"). Das ist sooo geil! Wer eine höherauflösende Ansicht haben möchte, kann mich gerne kontaktieren.

PS in eigener Sache, das nix mit diesem Beitrag zu tun hat: Am Schwerpunktteil der heutigen Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" habe ich tatkräftig mitgewirkt. Schaltet doch mal ein!

Samstag, 23. März 2024

Die Schildfrage

In der Süddeutschen Zeitung gab es neulich einen launigen Artikel (online nur hinter der Bezahlschranke) über "touristische Unterrichtungstafeln", jene braunen Schilder an Autobahnen, die auf nahegelegene points of interest hinweisen oder die Besonderheit des jeweiligen Ortes herausstellen: "Sportstadt Riesa", "Königliches Puppenstuben-Museum Laubach", "Umspannwerk Recklinghausen" und viele andere mehr, insgesamt rund 3600.

Doch ach!, die zwei Tafeln, die um Kilometer 530 herum auf beiden Seiten der A3 den Zoo Straubing bewerben, könnten bald Geschichte sein: "Die 2001 aufgestellten Schilder müssen der Autobahn GmbH zufolge ausgetauscht werden, weil sie im Laufe der Jahre verblasst sind und nicht mehr den Vorschriften entsprechen. Die Folie auf den Schildern sei insbesondere in der Nacht nicht mehr gut lesbar [...]. Falls Durchreisende nachts spontan die Tiger im Straubinger Zoo besuchen möchten, könnten sie die Tafel also übersehen." Joah, warum tauscht man die Tafeln dann nicht aus?, könnte man jetzt fragen. Hier kommt der Knackpunkt: "Die Kosten für zwei neue Zoo-Schilder belaufen sich allerdings auf 83 000 Euro. Kosten für deren Entfernung: 10 000 Euro. Der Stadtrat entschied sich für den Abriss."

Wem soeben angesichts dieser Zahlen aus Niederbayern schwindelig geworden ist, der möge sich darauf einstellen, gleich ohnmächtig zu werden, denn diese sind noch zu toppen: "Im Oktober 2023 hatte der Bund der Steuerzahler in seinem Schwarzbuch auf einen ähnlichen Fall in Sangerhausen (Sachsen-Anhalt) hingewiesen. Dort werben Schilder an der A38 für das Europa-Rosarium [...]. Für zwei neue Schilder soll die Stadt Sangerhausen 181 000 Euro zahlen."

Ich bin jemand, den "Kostenexplosionen", "Steuerverschwendung" und "Behördenirrsinn" kaum noch schocken können. Man steigt ja als kleines Licht eh nicht dahinter. Wenn irgendwo von den Ausgaben für, sagen wir, eine neue Brücke die Rede ist, dann nehme ich eine Kostenangabe von 5 Millionen Euro so stoisch hin wie eine von 50 Millionen oder 150 Millionen oder 500.000. Nur: Wieso das Herausrupfen zweier zwei mal drei Meter großer Schilder 10.000 Euro verschlingt, möge man mir mal auseinanderklamüsern. Von märchenhaften Summen von beinahe oder gar mehr als 100.000 Euro für den Austausch ganz zu schweigen. "Es ist ja keine Weltraummission. Es geht um zwei Schilder", zitiert die SZ den Bürgermeister von Passau, wo es ebenfalls um die Erneuerung von Tierpark-Tafeln ging. "Das müsste eigentlich für 15 000 bis 20 000 Euro machbar sein". Wenn überhaupt!

Bei Rechnungen, die irgend mit Straßenverkehr zu tun haben, schlackern einem regelmäßig die Ohren. Einmal, es mag auch schon wieder 20 Jahre her sein, hörte ich einen Experten behaupten, dass die Unterhaltung eines einzigen Verkehrsschildes die Stadt (in diesem Fall: Dresden) 2000 Euro pro Jahr koste. Das darf doch nicht wahr sein! Kann man nicht jemandem einmal im Quartal 'nen Hunderter, einen Lappen und einen Eimer warmes Wasser in die Hand drücken und gut ist's? Oder werden einfach so viele Verkehrszeichen beschädigt/zerstört, dass die ständigen und verständlicherweise teure(re)n Ersetzungen die Durchschnittsaufwendungen in die Höhe schnellen lassen? Selbst wenn, erklärt das nicht, wieso die Her- und Aufstellung einer touristischen Unterrichtungstafel so kostspielig ist wie ... Ach, was reg' ich mich auf.

Dienstag, 5. März 2024

... and I'm all out of bubblegum

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es ein Interview mit John Bolton, dem ehemaligen US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Folgende Stelle in seiner Antwort auf die Frage "Im Kongress sind die Ukraine-Gelder blockiert. Wird er sie bald freigeben?" fand ich sprachlich bemerkenswert:
Die Suche nach einem parlamentarischen Weg durch das Repräsentantenhaus läuft auf vollen Touren. Ich stimme den Republikanern zu, die Bidens Grenzpolitik als nutzlos und gefährlich für unser Land kritisieren. Aber die Vereinigten Staaten müssen in der Lage sein, to walk and chew gum at the same time. Es ist selbstzerstörerisch, die Hilfe zu verzögern, weil Bidens Grenzpolitik ungenügend ist.
Da der englischsprachige Nebensatz unübersetzt geblieben ist, gehe ich davon aus, dass es sich um eine stehende Wendung handelt, die auf deutsch für (noch mehr) Verwunderung sorgen würde. Sowohl das englische Wiktionary als auch das mir bisher nicht bekannte "Free Dictionary by Farlex" geben an, dass dieser Phraseologismus in der Regel negiert verwendet wird, "to indicate incompetence" oder "to convey ineptitude". Man schreibt oder sagt also so etwas wie "Der kann doch nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen". Der Wiktionary-Beleg von 1978 – keine Ahnung, ob es sich um das älteste schriftliche Beispiel handelt – ist allerdings wie unser SZ-Zitat positiv formuliert: Die United States Federal Trade Commission (Statutes and Court Decisions) hat festgehalten, dass "The philosophy communicated to T.E.C. salesmen was to enroll any person who could 'walk and chew gum at the same time'". Es wird eine geistige Mindestanforderung gestellt bzw. akzeptiert, und so wird es auch bei Bolton gemeint sein: Die USA sollten es fertigbringen, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, müssen das eine ausblenden, wenn sie das andere erreichen wollen.
Dafür wüsste ich auch keine adäquate Übersetzung. "Bis drei zählen können" oder ähnliches würde m.M.n. nicht funktionieren.

Dienstag, 20. Februar 2024

Geographischer Spitzname der Woche

In einem Süddeutsche-Artikel über den US-amerikanischen Supreme Court gelernt: Redneck Riviera. Das ist eine Bezeichnung für den "konservativen Küstenstreifen Floridas am Golf von Mexiko". Besonders nett ist das nicht. Mit dem neutraleren, ebenfalls inoffiziellen Namen "Emerald Coast" ist denn auch der dazugehörige Wikipedia-Artikel überschrieben, der diese Region vorstellt. Im Jahr 1952, liest man darin, etablierte ein Journalist den verheißungsvollen Namen "Miracle Strip", nachdem man ab 1946 versucht hatte, den Streifen zwischen den Städten Fort Walton Beach und Panama City als "Playground of the Gulf Coast" zu vermarkten.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Finanztipps aus der Zukunft

In der Samstags-SZ lese ich sogar den Wirtschaftsteil gerne. Mit "Gold ist die Hoffnung" war ein Artikel in der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen überschrieben: "Ein Besuch im Goldhaus". Die Reportage skizzierte Habitus und Motivation der teils sehr eigenen Klientel, die das Goldhandelshaus in München-Riem frequentiert, ging aber auch allgemein auf das Edelmetall als Wertanlage ein. Ich dachte nach einer Weile etwas, das mir immer mal wieder bei der Zeitungslektüre in den Sinn kommt: Was wäre, wenn man diesen Artikel einer Person aus der Vergangenheit vorlegen würde, ihn zehn, zwanzig, dreißig Jahre zurückschicken würde? Der Text beinhaltet Schlagworte wie "Ukraine-Krieg", "Staatspleite in Griechenland" und "Pandemie", die ohne weiteren Kontext meinem Vergangenheits-Ich gehörig die Ohren hätten schlackern lassen.

Tatsächlich wäre ich vor allem dankbar gewesen, hätte ich mit circa 18 gewusst, dass es in den folgenden Dekaden immer wieder zu Gold-Booms kommen würde und sich der Goldpreis bis 2023 ungefähr versiebenfachen würde. Es begab sich nämlich, dass ich mir gemeinsam mit einem meiner besten Freunde um die Jahrtausendwende herum in den Kopf gesetzt hatte, Gold zu kaufen. (Ja, die jungen Leute liegen nicht ganz falsch, wenn sie uns Millennials hassen.) Wir machten also bei der Sparkasse einen Beratungstermin aus, trugen einer Mitarbeiterin unseren glänzenden Investmentplan vor, nur um eine halbe Stunde lang über Fonds, Optionen und Anleihen vollgetextet zu werden. Wir ließen uns zu keinem der als langfristig lukrativer beworbenen Anlagemodelle überreden und verließen die Bank barren- und münzenlos.

Zugegeben, im Vergleich zum MSCI-World-Index (dessen Entwicklung im SZ-Beitrag graphisch wiedergegeben wurde) hat Gold rückblickend den Kürzeren gezogen, allein: Was auf die Gesamtheit der Aktien zutrifft, trifft ja nicht auf die einzelne Aktie zu. Man kann allen Prognosen und bisherigen Trends zum Trotz stets zum falschen Wertpapier greifen (und Gott weiß, das habe ich schon getan), und dann hat man auch nix von der schönen ansteigenden Kurve. Gold bleibt Gold. Money quote: "Gold als kleine Beimischung empfehlen auch Fachleute wie die Honorarberaterin Stefanie Kühn. Gerade in Krisenzeiten könne es Schwankungen im Portfolio ausgleichen, da es in Krisen stabil bleibt, während Aktien meist nach unten tendieren. Der Knackpunkt für ihre Kunden sei, dass Gold historisch betrachtet noch niemals wertlos geworden sei und man stets etwas damit habe anfangen können. Kühn empfiehlt ihren Klienten eine Goldquote zwischen zweieinhalb und zehn Prozent".

Freitag, 8. Dezember 2023

Aus dem Frankfurter Sprachlabor

Die Einsendungen an das "Sprachlabor" lassen, wie ich hier mehrfach gezeigt habe, tief blicken in die Denk- und Gefühlswelt der Menschen, die die Süddeutsche Zeitung lesen. Ein Leserbrief in der gestrigen FAZ konnte allerdings gut mithalten. Oliver K. aus S. schrieb:

Zunehmend stelle ich fest, dass an der Präzision unserer Sprache gerüttelt wird. Es wird zunehmend von Menschen gesprochen, die irgendwo zusammen kommen, stehen, kleben, randalieren oder auf Parteitagen zusammenkommen. Warum spricht der Autor nicht von Parteimitgliedern, Demonstranten, Fußgängern et cetera? Dass es sich dabei nicht um Pferde, Affen oder Hunde handelt, dürfte jedem Leser klar sein.

Dazu könnte ich mich noch in drei, vier Sätzen auslassen, aber manchmal ist es schöner, so etwas einfach für sich stehen zu lassen.

Samstag, 11. November 2023

Der Konjunktiv des Jahrtausends

Vor mehr als sechzehneinhalb Jahren (!) erklärte ich das Wort schmölzen zum "Konjunktiv der Woche". Heute ist es endlich an der Zeit, das gesamte Paradigma schmölz- zum Konjunktiv des Jahrtausends zu küren, nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern im Sinne zahlreicher anderer, wie man nicht nur in der Süddeutschen Zeitung weiß. Ich zitiere das "Sprachlabor" vom 3. November 2023:

Gewundert wurde sich [...] über die Einsendung von Leser A., die sich zunächst wie ein Text gewordener Begeisterungssturm ausnahm. Es ging um die Formulierung "Schmölze der ganze grönländische Eisschild ...", genauer gesagt um die aus dem "Hamlet" geläufige Verbform schmölze, über die Herr A. sich derart freute, dass er sie gleich dreimal wiederholte: "Schmölze, schmölze, schmölze." (Hier passt, was Ulrich Seidler einmal in der Frankfurter Rundschau schrieb: dass, wer "schmölze" mit ein bisschen Genuss spricht, sich selbst einen Zungenkuss schenke.) So ging es noch eine ganze Weile weiter, im hohen Ton und mit Konjunktiv-II-Bildungen vom Feinsten, bis dann des Pudels Kern ans Tageslicht kam. Herr A. war nämlich nur vom zitierten Halbsatz angetan. Der ganze Satz hatte so gelautet: "Schmölze der ganze grönländische Eisschild, würde der Meeresspiegel um etwa sieben Meter steigen." Worauf A. hinauswollte, das war nichts Geringeres als ein Parallelismus membrorum, also ein mit schmölze korrespondierender Konjunktiv II von steigen, auf dass der Nachsatz so begönne: "... stiege der Meeresspiegel."

Dazu möchte ich Folgendes anmerken. Im Seminar "Einführung ins Neutestamentliche Griechisch" empfahl unser Dozent uns damals, es bei der Übersetzung von Bedingungssätzen analog zu conditional clauses im Englischen zu handhaben: im Nebensatz, also im irrealen "wenn"-Satz, Konjunktiv II, im Hauptsatz Infinitiv nach modalem Hilfsverb ("würde" : would). Weil ich das schön so finde, halte ich mich seit mehr als zwanzig Jahren (!) daran, nicht nur bei Übersetzungen. Der von A. gerügte SZ-Satz hat mein vollumfängliches Okay.

Im Übrigen stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich denselben Geschmack wie Connaisseure klassischer deutscher Shakespeare-Ausgaben zu haben scheine.

Sonntag, 24. September 2023

Spukhafte Fernwerbung

Am Dienstag, dem 12. September, lag sowohl der FAZ als auch der Süddeutschen Zeitung etwas ganz Besonderes bei: Werbung für Kenneth Branaghs neue Poirot-Verfilmung "A Haunting in Venice" in Form eines dicken Hochglanzfaltzettels.



So eine Form des Marketings habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gesehen. Und hätte ich im Jahr 2023 auch nicht erwartet. Früher, ja, früher, da hatten die Verleihe Geld! In meiner Zeit als regelmäßiger Besucher von Pressevorführungen gab es zu nahezu jedem Film ein wertiges Begleitheft, bei Blockbuster-Vorschauen manchmal sogar zusätzliche Gimmicks. Heutzutage, höre ich, sind Pressemappen allenfalls digital abrufbar. Gedrucktes kostet zu viel Geld. Was hat 20th Century in diesem Fall wohl geritten?

Den beworbenen Krimi werde ich mir übrigens, wenn auch nicht im Kino, gewiss irgendwann anschauen. Die beiden Vorgänger, "Mord im Orient Express" und "Tod auf dem Nil", habe ich ausgelassen, weil ich kurz zuvor die Siebzigerjahre-Fassungen gesehen hatte und die jeweiligen Auflösungen in frischer Erinnerung hatte. Über "Haunting" bzw. Christies Vorlage "Die Schneewittchen-Party" hingegen weiß ich gar nichts.

Samstag, 6. Mai 2023

Läuft's noch?!

Die Süddeutsche Zeitung hatte sich bereits den Vorwurf gefallen lassen müssen, mit "legeren Ausdrücken" wie schmeißen zu leichtfertig umzugehen. Solche Kritik ist sogar noch zu toppen: Im "Sprachlabor" der letzten Wochenendausgabe wurde die Beobachtung einer Leserin Sch. festgehalten, "wonach das Verbum gehen zunehmen durch laufen ersetzt werde". Sie sei "nicht die erste, die darüber klagt, und der von ihr zitierte Bildtext, dem zufolge Frauen 1977 in Belfast an ausgebrannten Häusern 'vorbeilaufen', führt in der Tat zu der Frage, ob laufen in diesem Zusammenhang das passende Verb war".
Der Rubrikbetreuer Hermann Unterstöger weist zu Recht darauf hin, dass "gehen und laufen nicht so scharf gegeneinander abgegrenzt" sind, und ich möchte ergänzen: In der Alltagssprache ist laufen nicht derart in seiner Bedeutung eingeengt, wie es unser Sportlehrer gebetsmühlenartig postulierte. Immer wenn er von der Disziplin Laufen sprach, pflegte er hörbar abfällig "... ihr sagt 'Rennen' dazu" hinterherzuschicken. Der Sprachwandel scheint es jedenfalls so eingerichtet zu haben, dass mit laufen eine große Bandbreite von Geschwindigkeiten bei der Fortbewegung zu Fuß abgedeckt wird. Als Synonym zu gehen eignet es sich heutzutage allemal (Unterstögers Beispiel "ich lauf noch mal schnell zur Post" lasse "keineswegs an ein Laufen im klassischen Sinn" denken), auch und gerade, wenn es ums Vorbeigehen, äh, geht: "... bin ich am Botanischen Garten vorbeigelaufen".