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Freitag, 6. März 2026

Heute ist Gegenteiltag

Ein Wunder eigentlich, dass die Gesellschaft zur Stärkung der Verben hier im Blog so gut wie gar keine Rolle spielt(e) – eine Erwähnung am Rande findet sich in einem Beitrag aus dem Juli 2024 –, trieb ich mich doch in großen Teilen der Nullerjahre (aka der Zeit des guten Internets) nahezu täglich in ihrem Forum herum und begrüße die so reflektierte wie selbstironische Arbeit der sprachaffinen Knallköpfe noch immer. Aktiv beteiligt habe ich mich im GSV-Board zwar selten (zwischen 2006 und 2010 verfasste ich 26 Beiträge), ich lurkte (lork?) lediglich als stiller Leser, dies aber sehr gern und intensiv.

Inzwischen ist die Gesellschaft in das Projekt Neutsch aufgegangen bzw. mit diesem vereint bzw. hat dieses als Neben- oder Überschauplatz ins Leben gerufen; ich muss mich bei Gelegenheit mal auf den neuesten Stand bringen. Jedenfalls habe ich diese Woche ungeplant und indirekt zum Anwachsen des neutschen Wortschatzes beigetragen. Auf Bluesky postete ich nämlich folgenden bildungstümelnden Schmunzelbeitrag: "Warum heißt es nichteuklidisch und nicht dysklidisch?" Der User "Texttheater" erachtete diese Gegenteilschöpfung einer Aufnahme in die Liste bisher fehlender Antonyme für würdig. Und dort steht sie nun.

Da ich weiß, dass der als Kilian E. bekannte @texttheater hin und wieder auf Kybersetzung vorbeischaut, möchte ich der GSV ein weiteres neutsches Antonym vorschlagen: "sich entlieben" als Gegenteil von sich verlieben. Na?

Dienstag, 17. Februar 2026

Menschheit gerettet?

Nur selten geht es in diesem Blog um Aktuelles, und das ist auch gut so. Ausnahmsweise möchte ich aber festhalten, welche Debatte seit ein paar Tagen die deutsche Gesellschaft mit am heftigsten bewegt. Es geht um die Frage: Brauchen wir eine Altersbeschränkung bei der Nutzung sozialer Medien? Australien hat vor kurzem ein Social-Media-Verbot für Personen unter 16 Jahren eingeführt; könnte/sollte das ein globales Vorbild sein? Aufklärungskampagnen, Bildschirmzeitbegrenzungen, Verhaltensregeln und die Überwachung durch Eltern und Lehrkräfte haben ja offensichtlich nicht gefruchtet: Der Nachwuchs ist – überspitzt formuliert – verroht, verblödet, verhaltensauffällig sowie permanent Gefahren für Leib, Leben und Seele ausgesetzt.

Wie so oft hinkt die praktische Umsetzung dem theoretischen Ansinnen hinterher: "Noch sei es jedoch zu früh, um zu sagen, ob die Plattformen die Vorschriften vollständig einhalten, betonte die Leiterin der australischen Behörde für Sicherheit im Internet, Julie Inman Grant. Denn den Unternehmen ist es selbst überlassen, wie sie das Alter der Nutzerinnen und Nutzer überprüfen, etwa über die Auswertung von Nutzerdaten, über hochgeladene Fotos oder eine verpflichtende Vorlage eines Ausweises." (tagesschau.de) Und: "In der Realität haben viele Teenager aber Wege gefunden, an der Sperre vorbeizukommen." (tagesspiegel.de) Doch immerhin ist ein erster Schritt getan. Die EU erwägt seit einer Weile Vergleichbares, und auch in Deutschland erheben sich diesbezüglich immer mehr Stimmen aus der Politik. Ein Positionspapier der SPD etwa fordert ein vollständiges Social-Media-Tabu für Kinder bis 14 Jahren und darüber hinaus: "Für Jugendliche bis 16 Jahre soll eine verpflichtende Jugendversion der Plattformen gelten. Diese Jugendversion soll bestimmte Anforderungen erfüllen. Algorithmisch gesteuert[e] Feeds und Empfehlungssysteme solle es für diese Altersgruppe nicht geben und auch keine personalisierte Inhalteausspielung. Zudem sollen suchtverstärkende Funktionen wie Endlos-Scrollen, automatisches Abspielen von Inhalten, Push-Benachrichtigungen, Gamifizierung oder Belohnungssysteme auf Grundlage intensiver oder dauerhafter Nutzung unterbunden werden." Da käme ein ordentlicher Brocken Arbeit auf Meta & Co. zu.

Nun, warten wir's ab. Mag sein, dass wir in fünf Jahren diesen Beitrag lesen und mit Leichenbittermiene ausrufen: "Oh Mann, wir waren damals tatsächlich kurz davor, eine Social-Media-Schranke für Kids einzuführen ... Alles hätte sich zum Guten wenden können!" Oder aber eine solche Maßnahme wird längst umgesetzt worden sein, und wir sagen: "Ach guck, so fing das also an im Jahre 2026!" Meine Meinung? Soziale Medien komplett abschaffen!

Donnerstag, 18. September 2025

Ich fliege ins All!

Nächstes Jahr ist es soweit, meinen Boarding Pass habe ich schon:


Nun gut, ich geb's zu: Leibhaftig werde ich an der Artemis-II-Mission nicht teilnehmen. Aber immerhin mein Name wird auf einer SD-Karte gespeichert, zusammen mit (Stand: 18.9.2025) über 510.000 anderen. Diese Karte wird auf der Orion verstaut und saust sodann Richtung Mond. Wer kommt mit?

Freitag, 12. September 2025

VdJ

Und wieder mal steht sie an: die Wahl zum Vogel des Jahres. Ich habe soeben meine Stimme für die Waldohreule abgegeben. Eulen mag ich generell, und die bis eben nicht in meinem aktiven Tiergedächtnis vorhandene Waldohreule ist mir ein My bzw. ein Uhuuu sympathischer als die ebenfalls kandidierende Schleiereule. Jene dünkt mir zu kommerziell; ich könnte mir vorstellen, dass sie wegen ihrer phänotypischen Nähe zur Schneeeule von vielen Harry-Potter-Fans erkoren wird. Die Amsel wiederum scheint mir als offensichtliche Low-key-Bewerberin ins Rennen geschickt worden zu sein, das ist mir zu langweilig. Über mangelnde Aufmerksamkeit soll sie sich angesichts ihrer Verbreitung und des stabilen Bestandstrends (+14 % bei gegenwärtig geschätzten 7.650.000 bis 9.300.000 Brutpaaren) nicht beschweren! Putzig ist auch der Zwergtaucher, "unser kleinster heimischer Lappentaucher" (NABU), und das Rebhuhn hat schon wegen ihres Gefährdungsstatus eine Chance verdient ("Durch die Ausräumung der Landschaft und den hohen Pestizideinsatz mangelt es ihnen an Lebensraum und Nahrungsmöglichkeiten. Die wenigen verbliebenen Habitate sind anfällig für Fressfeinde und werden zusätzlich durch den Menschen bejagt"). Ich möchte selbstverständlich niemanden beeinflussen. Abgestimmt werden kann noch bis zum 9. Oktober.

Mittwoch, 8. Januar 2025

Social-Media-Verhalten 2025

Die sozialen Medien sind einerseits bedeutsam wie nie, andererseits werden sie regelmäßig für tot erklärt. Das ist, zugegeben, eine sehr oberflächliche Darstellung der Lage, sie soll aber reichen als Einleitungszeile vor einer kleinen Übersicht meiner persönlichen Social-Media-Nutzung, Stand 7. Januar 2025.

Bluesky ist seit über einem Jahr mein Lieblingskurznachrichtendienst. Angemeldet hatte ich mich bereits, als das exklusiv mit Einladungscodes ging. Bisweilen herrscht dort eine Atmosphäre wie auf Twitter in seiner angenehmsten und unterhaltsamsten Phase (ca. 2011-2015). Zwar haben mittlerweile etliche Nervensägen von ebendort hierher gefunden, aber die kommen mir kaum in die Quere. Ich öffne Bluesky mehrmals täglich, sowohl im Webbrowser als auch über die App. Ich habe 334 Follower.

Auf X bin ich seit Mai 2024 inaktiv. Der Hauptgrund dafür ist der, dass alle interessanten Kanäle inzwischen ebenfalls stumm bzw. ganz verschwunden sind. Von meinen einst 2080 Followern sind 1736 verblieben. Der große Exodus begann mit der Übernahme von Twitter durch Elon Musk, danach gab es ständig neue Anlässe für Weggänge ("Jetzt reicht's aber wirklich!"). Gelöscht habe ich meinen Account nicht; etwa einmal pro Woche werfe ich via Browser einen Blick auf die Plattform und muss alsbald feststellen, dass von den von mir Gefolgten noch etwa eine Handvoll übrig sind, die täglich "tweeten". Diese Leute kann man leider selbst mit viel Wohlwollen nur als "hängengeblieben" bezeichnen.

Wie die X-App habe ich auch die Facebook-App längst gelöscht. Trotzdem schaue ich fast jeden Tag auf meine Facebook-Timeline, denn mehrere mir bekannte bis nahestehende Personen posten dort, als wär's 2015 (was ihnen auf Dauer nicht gutzutun scheint). Bedauerlicher- wie ärgerlicherweise ist es nicht möglich, sich bloß die Beiträge jener Freundinnen und Freunde in chronologischer Reihenfolge anzeigen zu lassen, und so werden mir wild durcheinander teils tagealte Posts zwischen Neuigkeiten und für mich völlig irrelevanten Inhalten eingeblendet. Kürzlich erschienen, ich schwöre es, acht Werbeanzeigen hintereinander. Eine Zeitlang war alles mit KI-Bildern vollgemüllt. Da verliere ich schnell die Lust.

Sehr gerne bin ich auf Instagram. In diesem Fall kann ich sogar genau sagen, wie lange, denn "Insta" verwende ich nur als App, und Appnutzungsdauern werden getrackt. Also, mein Smartphone weiß: Am heutigen Dienstag war ich insgesamt 2 Minuten auf Instagram, gestern 1 Minute, am Sonntag 3 Minuten, am Samstag 7, am Freitag 3, am Donnerstag 1 Minute. Der berüchtigte ~A~l~g~o~r~i~t~h~m~u~s~ ist mir dabei wumpe, ich wähle beim Starten stets "Gefolgt" aus und sehe dann ausschließlich den Output der Kanäle, die ich abonniert habe. Aber selbst der "Für dich"-Feed besteht aus Unbedenklichem oder gar Erfreulichem. Ich habe 607 Follower.

Tja, das war's auch schon. Zusätzlich habe ich ein Konto bei Mastodon, wo ich mich allerdings nie aufhalte. Bei TikTok bin ich nicht registriert, weil ich ein erwachsener Mann bin. Grob überschlagen beschäftige ich mich jeden Tag zwischen einer Viertel- und einer halben Stunde mit Social Media. Es könnte demnächst deutlich weniger werden, denn just nachdem ich diesen Blogbeitrag zu Ende geschrieben habe, kommen alarmierende News zur Zukunft von Meta, den Mutterkonzern von Facebook und Instagram, rein: Unter anderem soll die Faktenprüfung abgeschafft werden, zudem sitzt seit Neuestem ein Trump-Vertrauter im Verwaltungsrat.

Montag, 22. Juli 2024

Word of the day (vor 20 Jahren)

In der "Jeopardy!"-Sendung vom 25. Juni 2004 wurde folgende Frage in der Kategorie "Coined Words & Phrases" gestellt (von mir ins Deutsche übersetzt):

Spam ist unerwünschte Werbung per E-Mail; das ist unerwünschte Werbung, die über einen Instant-Messaging-Dienst versandt wird

Wer mit "Was ist Spim?" geantwortet hat, darf sich 800 $ einstreichen. Von den drei Kandidaten damals, darunter Rekordsieger Ken Jennings, ist keiner drauf gekommen. Hat irgendwer, der hier mitliest, jemals von Spim gehört? Mir jedenfalls ist dieser Neologismus im "Jeopardy!"-Archiv zum ersten Mal begegnet. Der einzige Eintrag, den die Google-News-Suche nach "Spim" ausspuckt, stammt – ebenfalls – aus dem Jahr 2004. In einem Spiegel-Artikel heißt es, ungewollte Werbeanrufe über Voice-over-IP, "VoIP Spam" oder "Spit" genannt, könnten sich einer Softwarefirma zufolge bald zu einer Plage auswachsen. "Spit, so die These, könnte der Nachfolger von unerwünschter Werbung per E-Mail (Spam) und Instant Messenger (Spim) werden."

Es spricht nichts dagegen, einen neuen Ausdruck mit "ein wenig" Verspätung zu etablieren. Von jetzt an werde ich an der Verbreitung von "Spim" aktiv mitwirken. (Ich bin ja auch einer der wenigen Menschen, die das Adjektiv sitt für den Zustand des Nicht-mehr-durstig-Seins verwenden. Kurios: Ein kurzer GSV-Strang zu diesem Komplex ist auch 2004 erstellt worden.) Belästigung per Messenger ist virulent wie nie zuvor. Allein in den letzten drei Monaten erhielt ich dreimal via Telegram und zweimal über Whatsapp Spim, von "Absenderinnen" wie "Karlotta Meier" ("Hallo! Wir_haben_Angebot_Remote-Arbeit. Teilzeit/Vollzeit. Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen die_Details? Ja/ok?"). Sollte ich das nächste Mal unter Leuten sein, wenn ich derlei empfange, werde ich laut ausrufen: "Boah, schon wieder Spim!"

Freitag, 19. Januar 2024

Sparlami

Ich bitte wegen des obigen Wortspiels um Entschuldigung, mir fehlt gerade die Zeit, mir clevere Überschriften auszudenken.

"Auf der Uni gibt's Gratis-Rettich" heißt ein herrlicher Cartoon-Band von Tex Rubinowitz. Diese Woche aber gibt's bei Rewe Gratis-Salami! Nun, nicht direkt ... Vegane Aufschnitte von "Billie Green" (den Machern der von mir für gut befundenen veganen Schinkenwürfel) sind im Angebot: 1,29 € statt 1,99 €. Als ich in der Filiale war, hatten sie mehrere Sorten Salami-Imitat, aber nur die Packungen von einer waren mit einem verlockenden Aufdruck versehen:


Weil mir vergangenen Herbst eine ähnliche Veggiewurst ganz gut gefallen hatte, griff ich zu. Dem Produkt als solchen würde ich 7 von 10 Punkten geben, aber in diesem Beitrag geht es um die begleitende ungewöhnliche Sparaktion. Ich also nach Hause, auf die Firmenhomepage gegangen, nach Anleitung die Packung nebst (vollständigem) Kassenbon fotografiert, das Foto hochgeladen, Namen und IBAN hinterlegt. Noch am selben Abend kam die Bestätigung: Der Betrag würde mir innerhalb der nächsten Wochen überwiesen.

Ist so ein Schnäppchenjagdmanöver übertrieben, unverhältnismäßig und albern, bin ich gar dabei, mich in einen pathologischen Pfennigpfeiferwahn hineinzusteigern? Ich sach mal so: 1 Euro 29 haben oder nicht haben ...

Donnerstag, 11. Januar 2024

Rückblicks-Rückblick

Ich hatte mich ja, auch wenn sie viel zu früh kam, sehr über die statistische Auswertung meines Spotify-Jahres gefreut. Und nicht nur ich; auf eine Bilanz ihres persönlichen Medienkonsums der vergangenen zwölf Monate sind offenbar viele Menschen scharf, weswegen nun auch andere Plattformen und Dienste ähnliches anbieten. Gegen Ende 2023 erhielt ich nämlich noch individuelle Steam- und Xbox-Rückblicke, die ich der Transparenz halber gerne auszugsweise mit euch teile:



Just heute bekam ich außerdem eine E-Mail mit meinem Audible-Rückblick:




Fehlt nur noch Youtube. Das würde mich tatsächlich am brennendsten interessieren!

Montag, 25. Dezember 2023

Google mistet weiter aus

Es ist im Grunde kaum der Rede wert: Google stellt einen weiteren Service ein, von dem wahrscheinlich neun von zehn Personen noch nie gehört haben. "Ab dem 17. Januar 2024 sind keine Filme & Serien mehr bei Google Play verfügbar. Stattdessen kannst du diese auf YouTube oder Google TV kaufen. Dort findest du auch deine vergangenen Käufe."

Dass Google keinen eigenen Streamingdienst betreibt, "GoogleTV" oder so, verwundert eigentlich. Nun gut, die Bezahlversion von Youtube gibt es natürlich, und soweit ich weiß, hat Youtube auch schon Eigenproduktionen gelauncht. "Filme & Serien bei Google Play" bedeutete denn auch bisher: Man konnte im Play Store Inhalte käuflich erwerben und diese dann via Youtube im Browser abspielen, so wie es weiterhin möglich sein wird und wie ich es bisher getan habe. Ich bin nämlich der einzige, den ich kenne, der sich tatsächlich hin und wieder ganze Staffeln bei Google gekauft hat: von "Person of Interest", "Channel Zero", "Akte X", ein paar "Doctor Who"-Classics und zuletzt "Being Erica" – alles Serien, an die schwer heranzukommen ist.

Wer einen Blick auf die "Filme & Serien"-Abteilung im Play Store wirft, wird feststellen, dass das Angebot miserabel kuratiert und unverschämt überteuert ist. Warum ich dort dennoch immer wieder zugeschlagen habe? Weil es mich nichts gekostet hat! And here is why. Ich habe im Jahr 2015 die Google-Umfrage-App auf meinem Handy installiert. Diese meldet sich alle paar Tage bei mir und stellt mir Fragen zu meinem Kaufverhalten oder Medienkonsum. Habe ich beispielsweise bei Tegut eingekauft, will sie wissen, ob ich kürzlich bei Tegut eingekauft habe, wie ich bezahlt habe und zwei bis drei Folgefragen mehr. Die Beantwortung dauert keine Minute und wird mit ein paar Groschen vergütet. Auf diese Weise sind über die Jahre mehr als 100 Euro zusammengekommen, die ich, s.o., bei Google selbst eingelöst habe. Die Umfrage-App kann ich also allen, die kein Problem damit haben, von einem Megakonzern getrackt zu werden, empfehlen. Solange sie noch existiert.

Sonntag, 19. November 2023

Social-Media-Zwischenbilanz 2023

Seit Elon Musks Kauf von Twitter 2022 und der Übernahme der Plattform durch sein Unternehmen X Corp ging und geht es, da erzähle ich sicher nichts Neues, stetig bergab mit dem mir einst lieben Mikrobloggingdienst. Gut, ein Abfall der Qualität und eine Zunahme der Nervensägendichte war seit circa 2014 festzustellen, aber wie Twitter (ich weigere mich, es "X" zu nennen) sich innerhalb eines Jahres in eine virtuelle Scheißhauskabinenwand transformiert hat, ist so tragisch wie erschreckend. Die vielen Verschlimmbesserungen, von denen die Änderung von Name und Logo bloß die Spitze des Eisbergs war, sind sattsam bekannt. Bescheuert finde ich beispielsweise, dass beim Teilen von Links nur noch ein Vorschaubild ohne Überschrift oder sonstige textliche Hinweise auf den Inhalt erscheint. Regelmäßig erhalte ich Spam-DMs, die wie der Großteil der Werbeeinblendungen mit Krypto-Mist zu tun haben. Und wurde nicht jüngst sogar die Blockfunktion abgeschafft? Egal. Ich schaue eh bloß noch sporadisch vorbei (vollständig lösen kann ich mich leider noch nicht). Sollte ich irgendwann abwandern, wird mich niemand vermissen. Zum Zeitpunkt des Musk-Deals hatte ich beachtliche 2080 Follower, am heutigen 17. November 2023 sind es 1910.

Nun ist die Frage: Abwandern wohin? Die Antwort ist einigermaßen klar: Bluesky. Das ist zwar noch nicht ganz so komfortabel und unterhaltsam wie Twitter in seinem heyday, fühlt sich aber beinahe wie eine Ersatzheimat an. Fast alle, die mich über die Jahre hinweg "drüben" begleitet haben, sind inzwischen bei Bluesky angekommen (die Anmeldung setzt nach wie vor einen Invite-Code voraus), nur etwa eine Handvoll Privat-Accounts hat sich dem Exodus verweigert und postet noch ausschließlich auf Twitter. Meine Nutzung von Bluesky sieht so aus: Ich möchte nichts Politisches lesen oder schreiben und Tagesaktuelles so weit wie möglich draußen halten. Zahlreichen aus meiner alten Timeline vertrauten (und bis heute nicht minder geschätzten) Usern kann ich somit nicht mehr folgen. Mein Feed ist übersichtlich, sein Abarbeiten fühlt sich nie nach Pflichterfüllung an, die Gefahr von Doomscrolling besteht nicht. Zwei- bis dreimal täglich öffne ich die App oder die Browser-Version. Ich poste kleine Beobachtungen, pointenlose Gedanken, bisweilen ein kommentiertes Foto oder harmlose dad jokes. Ich bin anonym unterwegs, habe aber schon 146 Follower!

Als behaglichen safe space mag ich Instagram recht gern. Es ist allerdings darauf zu achten, dass man Instagram als reine Bilder-Sharing-Plattform begreift. Geschriebenes oder gesprochenes Wort soll mir dort gestohlen bleiben, ich will Essen, Landschaften, Pflanzen, Tiere und Kunst sehen. Den Algorithmus habe ich ziemlich gut im Griff, selbst die "vorgeschlagenen Beiträge" taugen mir (heute z.B.: atemberaubende Aufnahmen von Japan, Nepal und La Réunion). Einzig die Fake-Profile und Sexbots gehen einem auf den Zeiger. Durchschnittlich zweimal pro Tag bekomme ich eine Meldung wie just in diesem Moment: "monique.charlotte56 folgt dir jetzt". Meist verschwinden diese Störenfriedas aber, bevor sie mir in gaunerischer Absicht eine Message schicken können.

Über Facebook wollen wir den Mantel des Schweigens breiten.

Sonntag, 20. August 2023

Der gute Sonntagslink

Neulich fragte ich mich, ob es diese eine Zeitverschwendungsseite aus Amerika noch gibt, die ich in den Nullerjahren oft und gerne aufsuchte und weiterempfahl (ja, sogar einer der allerersten Einträge in meinem Ur-Blog von 2006 verwies auf sie, genauer auf die dort zu findende Rubrik "Movie-A-Minute", wo Klassiker der Filmhistorie pointiert in wenigen Zeilen zusammengefasst werden).

Ach ja: "Rinkworks" heißt die Seite, und sie existiert immer noch! Sie dient ein rundes Vierteljahrhundert nach ihrem Launch nicht nur als Zeitkapsel aus dem "old internet", sondern wird sogar – leider nur mehr selten – mit neuen Inhalten befüllt. Diese fallen am häufigsten in die Subsektion "All Movie Talk"; der letzte Eintrag behandelt die 2022er "Sight & Sound"-Liste, welche vor einer Weile auch Thema des "Omnibus"-Podcasts war. Apropos: Mit "All Movie Talk" gab es von 2006 bis 2010 auch einen gleichnamigen begleitenden Podcast. Das war tatsächlich einer der ersten Podcasts, die ich kennenlernte vor dem quasi zweiten, endgültigen Siegeszug dieses Mediums (Ältere erinnern sich: Es gab eine Zeit, etwa Anfang der Zehnerjahre, da man Podcasts schon wieder am Aussterben wähnte). Alle Folgen befinden sich noch im Archiv. Aus Nostalgiegründen habe ich mir soeben zwei Stück zum späteren Hören runtergeladen.

Dienstag, 25. Juli 2023

Es heißt ja nicht "künstlerische Intelligenz"

Eine auf Reiseschnäppchen und Billigflüge spezialisierte Webseite hat vergangene Woche einen Beitrag veröffentlicht, dessen Überschrift mein Interesse weckte, steht doch das darin vorgestellte Land schon länger auf meiner Traumzielliste: "Äthiopien: Welche Gründe gibt es, das Land zu besuchen?" Beim Lesen wurde mir dann klar: Dieser Beitrag wurde von einer KI geschrieben ... und zwar nicht gerade gut. Schauen wir uns mal ein paar Passagen an.

1. Historisches Erbe: Äthiopien hat eine reiche Geschichte, die bis ins antike Äthiopien zurückreicht.

Ja, Mensch! Als Laie hatte ich geglaubt, die Geschichte Äthiopiens reiche gerade mal bis ins mittelalterliche Äthiopien zurück, aber sie reicht sogar bis in die graue Vorzeit zurück:

Es ist die Heimat einiger der ältesten menschlichen Fossilien, darunter das berühmte Lucy-Skelett. Das Land hat auch eine beeindruckende Sammlung von historischen Stätten wie die Felsenkirchen von Lalibela, die Ruinen von Aksum und die Schlösser von Gondar. [...]

3. Naturschönheiten: Äthiopien ist ein Land mit atemberaubenden Naturlandschaften. Es beherbergt den höchsten Berg Afrikas, den Mount Äthiopien,

Hä?

sowie den größten See des Landes, den Tana-See.

Welch glücklicher Zufall, dass der größte See des Landes im Land selbst liegt!

4. Kulinarische Erfahrungen: Äthiopische Küche ist bekannt für ihre Vielfalt und Geschmack. In Äthiopien können Besucher traditionelle Gerichte wie Injera (eine Art Fladenbrot), Doro Wat (ein würziges Hühnchen-Curry) und Kitfo (rohes Rindfleisch) probieren. Es ist auch ein Land, das für seinen Kaffeeanbau bekannt ist, und Besucher können die traditionelle äthiopische Kaffeezeremonie erleben.

Äthiopische Küche: bekannt für Geschmack. Es folgt ein neuer Abschnitt, in dem es plötzlich um ... Argentinien geht?

Was kosten Hotels und Essen in Argentinien?

Hm, vielleicht hat hier der Seitenbetreiber/Redakteur geschusselt. Menschlicher Eingriff, der allerdings nur verschlimmbessert, ist auch an anderen Stellen zu erkennen (Zwischenüberschrift: "Zur Bilde-Galerie von Äthopien"). Aber gut, weiter mit der Kostenfrage:

Die Kosten für Hotels und Essen in Äthiopien variieren je nach Standort und Art der Unterkunft bzw. des Restaurants.

Wow, das kennt man ja aus keinem anderen Land der Welt.

Es ist auch wichtig zu beachten, dass Äthiopien eine reiche kulinarische Tradition hat, insbesondere mit Gerichten wie Injera (einem sauren Fladenbrot) und Doro Wat (einem würzigen Hühnereintopf). Diese Gerichte sind oft preiswert und können ein einzigartiges kulinarisches Erlebnis bieten.

Das hatten wir schon, aber wenn es wichtig zu beachten ist ... Und immerhin lernt man was. Es folgen allgemeine "Tipps" zu Flugbuchung und Reisezeit sowie eine kleine Liste mit UNESCO-Welterbestätten ("Welche UNESCO Kulturerbe gibt es in Äthiopien?"):

2. Die historische Stadt Aksum: Aksum war einst das Zentrum des mächtigen Aksumitischen Reiches und beherbergt beeindruckende Ruinen und Stelen, darunter die berühmte Obelisk von Aksum.

3. Die archäologischen Stätten von Tiya: Diese Stätten umfassen eine große Anzahl von Stehlen mit mysteriösen Gravuren, die als Grabstätten dienen.

4. Der Simien-Nationalpark: Dieser Nationalpark ist bekannt für seine atemberaubende Landschaft, einschließlich der Simien-Berge, und beherbergt eine Vielzahl von endemischen Tierarten wie dem äthiopischen Wolf und dem Walia-Ibex.

Den Satz hinter Punkt 3 würde man einem Grundschüler um die Ohren hauen. Nun gut, ChatGPT & Co. stecken ja auch noch in den Kinderschuhen, deswegen drücken wir ein Auge zu. Dass Punkt 6 identisch mit Punkt 1 ist, fällt schon stärker ins Gewicht ("Die Felsenkirchen von Lalibela: Diese beeindruckenden Kirchen wurden im 12. Jahrhundert aus dem Fels gehauen und sind ein wichtiges Pilgerziel für äthiopische Christen.").

Halten wir fest: Dieser Artikel, der Lust auf Äthiopien machen und hilfreiche Ratschläge mit Aha-Faktor liefern soll, ist nichts als eine grobe Aufzählung von oberflächlichst "recherchierten" Fakten, unter die sich sogar reiner Blödsinn geschlichen hat ("Mount Äthiopien"), und der Stil ist mit dröge noch gnädig beschrieben (fünfmal findet sich die Wendung "Besucher können", viermal das Attribut "beeindruckend", 5x "Vielzahl", 5x "beherbergen"). Warum sollte ich so einen Beitrag lesen? Er ist nicht schön, er fesselt nicht, er setzt mir lieblos eine Handvoll Wikipedia-Schnipsel vor, die ich auch kriege, wenn ich einen modernen KI-Bot direkt konsultiere – was gewiss praktisch und noch immer ein bisschen magisch ist. Den Journalismus und Berufsschreiberei als solche, sofern diese Bereiche noch einen Rest ihres traditionellen Selbstverständnisses haben, sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt hingegen nicht bedroht.

Mittwoch, 12. Juli 2023

Let's talk about Zack

Ich war spätestens mit "300" ein Fan von Zack Snyder. Ich hatte sogar schon sein "Dawn of the Dead"-Remake von 2004 im Kino gesehen und für gelungen erachtet, ohne der Regie irgendwelche Bedeutung beigemessen zu haben. (Das Drehbuch stammte übrigens von James Gunn! Hätte man damals schon ahnen können, dass hier zwei künftige Könige der Superhelden-Action zusammenarbeiten?) "Sucker Punch" musste ich im Kino sehen, tat ich auch und war begeistert. Beim Wiederschauen ca. zehn Jahre später war ich ernüchtert und konnte nicht recht einordnen, wie diese Musikvideo-Montage gemeint war (dazu gleich mehr). Mit Snyders DC-Schaffen befasste ich mich erst ab 2021: "Batman v Superman" konnte ich nicht viel, aber doch einiges abgewinnen, seinen "Justice League"-Cut empfand ich als Meisterwerk, "Man of Steel" steht bei mir weit oben auf der Watchlist.

Im hier schon mehr als einmal erwähnten und mittlerweile auf 1048 Seiten* angewachsenen "Something Awful"-Forenthread "Media that did not age well" ging es zuletzt um: Zack Snyder. Statt die schlauesten Erkenntnisse über diesen Mann zusammenzufassen, kopiere ich hier einfach mal mir aufschlussreich erscheinende Zitate hinein, inklusive verschiedener Gedanken zu Intention und Rezeption von "Sucker Punch". (Geringe Spoiler möglich.)

* Stand: 7.7.2023, 11:18. Ich habe alle gelesen, mindestens überflogen. Jemand sollte daraus ein Buch kompilieren!

You know what? I decided to rewatch Man of Steel, BvS and Snyder's version of Justice League this week and I'm really coming around on them.

Only rewatched the first two so far, but I like the idea that Snyder is just taking these characters and using them to build his own wagnerian epic. Some of those interpretations are weird (Batman being a lot more lethal) but they fit that very specific mythological vibe (Batman being basically an errant knight who needs to be brought back from madness).

It's not without faults, but it has a strong feeling of authorship that makes it unique. And it's much easier to love something that is overly self-serious if it is sincere.

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I really like parts of both films, but I think this is exactly why I don't think either film works. Their tone is too realistic, for lack of a better word, that the skin tight uniforms and bat ears feel just completely out of place. I still maintain that they would have been fantastic films as being just about super powered aliens coming to Earth, and formerly powerful people having to deal with that. Lose the baggage of superhero comics and you have a good tonally consistent story.

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Weird confession, but [Army of the Dead] is one of the few films that made me tear up a little. Which is kinda embarrassing. But watching that film while knowing what happened to Snyder and his wife in real life is fucking heartbreaking. The protagonist, the antagonist: all of them are driven because they want to do right for their children but fail miserably.

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The Snyder Cut absolutely wrecked me for this reason - it's entirely a film about parents wanting the best for their kid - Cyborg and his dad, Flash and his Dad, Supes and both of his dads. I watched it just after losing my dad and gaining a niece and a nephew, and with all that and the stuff Snyder had to deal with...damn, it's a proper gut punch. From everything I've seen of Snyder and the way he talks about life and film-making, he must have been a damn cool dad. I'm glad he got to finish it, and I hope it gave him some closure. 

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I watched sucker punch in theaters and still have no idea what I watched and why

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From the ad campaign, I'm going to say "schoolgirl uniforms and panty shots".

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As I understand it, that was the point of the movie - to get people in with that marketing and have the whole movie tell you that you, personally, suck for wanting to see that and making its plot about the psychological and sexual abuse that goes into making that kind of cinema (through metaphor, not as an exposé or anything).

I don't know if the end result made for a good movie necessarily but I respect the idea.

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I really liked Sucker Punch because it was a series of fun music videos.

The conceit was kinda gross but the movie was rad :shrug:

I don't get why everyone hates it so much. I think one generally only dislikes Sucker Punch if one is disappointed in it, and if one is disappointed in Sucker Punch, their expectations are bananas.

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I just don't think Zack Snyder is the guy to Make A Statement about sexist exploitation movies by making a sexist exploitation movie. I don't think it can't be done, but I also am fundamentally uninterested in his take on it.

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Like a lot of Snyder films, he does not believe in brevity. Except for Legend of the Guardians, that movie explains anti-facism pretty well in 100 minutes. Plus owls, so it owns

Ah! "Legend of the Guardians", hatte ich den nicht in meinem alten Blog kurzrezensiert? Und habe ich ihn seinerzeit schon als Faschismus-Parabel erkannt? Steigen wir ins Archiv hinab. Am 17.4.2011 schrieb ich dies:

Animationsfilme waren bisher nie mein Bier, lediglich die ersten zwei Toy Stories und Shrek habe ich gesehen. Zu einfach gestrickt schienen mir die Kassenschlager von Pixar und Dreamworks zu sein. (Bei dieser Gelegenheit muss auf diesen herrlichen Mini-Comic hingewiesen werden.)
Die Legende der Wächter hat mich dann aber doch interessiert, allein aus dem Grund, dass Zack Snyder Regie geführt hat, und von Zack Snyder ist ALLES gut (aktuelles Beispiel: Sucker Punch)!
In der Buchverfilmung von 2010 geht es um Eulen (normalerweise Nischentiere im Wald der Niedlichkeiten), genauer um zwei junge Brüder, die eines Tages mitsamt einer Reihe anderer Eulenkinder von einer mysteriösen Eulen-Gruppierung entführt werden, die sich "die Reinsten" nennt (= "Arier", is' klar, ne). Hoffnung besteht nur noch in Gestalt der sagenhaften "Wächter", von denen die alten Legenden erzählen.
Dieses Epos hätte ich gerne auf der Riesenleinwand gesehen. Eine derart fantastische Edeloptik ist mir noch nie untergekommen. Ist das mittlerweile Standard? An manchen Stellen erkennt man sogar die Handschrift des Regisseurs (Stichwort Ramping).
Der Film setzt so gut wie gar nicht auf Humor - obwohl es freilich auch den ein oder anderen comic relief gibt -, stattdessen präsentiert uns Snyder ein action-geladenes Abenteuer, das zugleich eine kindgerechte Parabel über die Sinnlosigkeit von Krieg und Elitenbildung ist. Unbedingt kucken!

Fazit: "Legende der Wächter" sei hiermit nachträglich empfohlen, "Sucker Punch" cum grano salis ebenfalls.

Donnerstag, 6. Juli 2023

Throwback Thursday: Meedia

(Das wird jetzt weniger ein Throwback als vielmehr ein Abgesang, aber heute ist halt Donnerstag, darum die Überschrift.)

Es war einmal ein Online-Portal, das hieß "Meedia" und gehörte in jenen Tagen, da ich noch berufshalber wie privat von Debatten, Journalismus und Debattenjournalismus begeistert war, zu den ersten Webseiten, die ich Morgen für Morgen als erste ansteuerte. In Sachen Medien war es für mich fast so wichtig wie das "BildBlog". Wollte ich was über neueste Entwicklungen erfahren, Titelbilder aktueller Zeitschriften sehen, eine kundige Kolumne lesen oder mir eine quotenträchtige TV-Sendung zusammenfassen lassen, surfte ich bei "Meedia" vorbei, wie man schon damals nicht mehr sagte.

Irgendwann Mitte/Ende der Zehnerjahre wurden die Schwerpunkte der Seite jedoch von Grundauf verlegt. Statt um Inhalte von Presse, Funk und Fernsehen ging es plötzlich ausschließlich um Zahlen und Personalien. Und geht es auch heute noch. Ja, meiner frischesten Erinnerung zufolge spielen sogar Medien selbst nur am äußersten Rand eine Rolle, der Fokus liegt nun auf PR, Marketing und vielerlei, von dem ich nichts verstehe. Ich gucke aus Neugier mal wieder rein. Hier sind die Überschriften der Top-Artikel von heute:

- "People Experience. Wie das Employer Branding made by Castenow funktioniert"
- "
Diversified Agency Services. Omnicom übernimmt Grabarz & Partner"
- "
Doris Brückner übernimmt die Chefredaktion von VIP.de"
- "Streaming-Studie. CTV-Werbung macht Marken moderner"
- "Alexander Nagel ist neuer Creative Lead bei Serviceplan Make"
- "Pitchgewinn. M&C Saatchi wird Sponsoring-Agentur für Porsche"

- "
Anneli Bergström rückt zur neuen CFO der BBDO Group Germany auf"
- "
PHD Germany befördert Andreas Schmitt und Lukas Pietrowski"

Hä? Also, es ist ja schön für Meedia, dass die Seite sich noch halten kann und offenbar ihre Zielgruppe hat, aber zu der gehöre ich definitiv nicht (mehr). Der Vollständigkeit halber sei festgehalten, dass noch immer eine Rubrik "Medien" existiert, die zwei meistgelesenen Beiträge darin stammen allerdings vom April resp. Februar dieses Jahres! Einen Bezahlbereich gibt es auch; der am häufigsten aufgerufene Plus-Artikel ist die Meldung über den Chefredaktionswechsel bei Bild im März 2023. In das seit einer Weile dazugehörige (E-)Magazin habe ich noch nie geschaut, die Cover machen aber den Eindruck, dass sich dort ebenfalls alles um Werbung, Geschäfte und Branchen-Interna dreht.

Bei Wikipedia erfahre ich, dass das Elend vor gut vier Jahren begann: "[Z]um 1. Februar 2019 wurde Meedia an den Verlag Busch Glatz, ehemals G+J Entertainment Media, verkauft. Timo Busch stellte Meedia neu auf, holte Matthias Oden als Chefredakteur und verlegte den Redaktionssitz von Hamburg nach München." Zuvor, 2013, war Meedia an die Verlagsgruppe Handelsblatt verkauft worden, damit waren die Weichen wohl schon gestellt. Sollte es in Zukunft eine abermalige Neuausrichtung geben, surfe ich eventuell vorbei, wie man dann – ironisch – wieder sagen wird.

Sonntag, 4. Juni 2023

Mein Browser wird intelligent(er)

Mit dem letzten Opera-Update vor drei Tagen hat sich eine noch in der Testphase ("früher Zugang" = early access) befindliche Schaltfläche in die rechte obere Ecke des Browsers geschlichen:


Darüber habe ich Schnellzugriff auf ChatGPT. Ohne eigens dessen URL (die ich freilich als Lesezeichen gespeichert habe) aufzurufen, kann ich, wenn mir danach ist, unter diversen "AI Prompts" wählen. Zudem hat sich das Feature ungefragt in die Seitenleiste eingenistet, dort, wo sich auch Chatdienste wie WhatsApp oder der Facebook-Messenger einbinden lassen.
Noch magischer: Wenn ich auf einer beliebigen Webseite eine Textpassage markiere und die linke Maustaste drücke, öffnet sich ein Kontextmenü mit verschiedenen Vorschlägen, was die KI mit dem hervorgehobenen Schlagwort anstellen könnte:


Als ich zum ersten Mal auf eine der fliederfarbenen Flächen klickte, wurde ein weiteres Icon in die Seitenleiste integriert. Dies öffnet ein Tool namens "Chatsonic", das auch als Chrome-Extension verfügbar ist, allerdings in der freien Version maximal 10.000 Wörter ausgibt. In meinem Test wurde mir (auf englisch) in drei Stichpunkten erklärt, was es mit dem "Heiz-Hammer" auf sich hat. Nicht schlecht.
Die aquamarin hervorgehobenen Prompts öffnen dagegen das ChatGPT-Fenster mit einem "New Chat". Es wartet auf meine Eingabe, ansonsten tut sich nichts. Schade, ich hätte mir gerne ein Heiz-Hammer-Haiku generieren lassen! Mal schauen, ob das beim nächsten Update verlässlicher funktioniert. Und ob ich öfter davon Gebrauch machen werde, als ich es mir im Moment vorstellen kann.

Donnerstag, 23. Februar 2023

Throwback Thursday: DALL-E mini

Dieser Throwback reicht gar nicht so lange zurück, aber weil die ganze Welt seit Monaten im ChatGPT-Fieber ist, scheint die Bilder-Generierungs-Software DALL-E längst vergessen zu sein. Nach einer kurzen Phase des Staunens über und der Ehrfurcht vor den Fähigkeiten von OpenAIs "Graphik-KI", die anhand von Beschreibungs-prompts Kunstwerke ausspuckt, flachten der Hype sowie die ihn begleitenden Ethik- und Urheberrechtsdebatten rasch ab.

Doch um das echte und tatsächlich schwer beeindruckende DALL-E soll es ja heute gar nicht gehen, sondern um das Open-Source-Modell für den "Heimgebrauch", das Mitte letzten Jahres im Internet für viel Spaß sorgte, als es unter dem Namen "DALL-E mini" rauskam; inzwischen heißt es Craiyon. Hier sind vier "Kreationen", die ich damals bei der meme-tauglichen Anwendung in Auftrag gab:





Wie weit ist das Machine-Learning mittlerweile gediehen? Machen wir die Probe aufs Exempel und stellen wir Craiyon dieselben Aufgaben:





Hm, tja, die Bilder in Foto-Optik sehen jetzt klarer, "echter" aus, aber das, was ich mir vorgestellt habe, zeigen sie nicht. Was ist denn an "without" so schwer zu verstehen? Am ehesten zufrieden bin ich noch mit Jimmy Carter in den Backrooms, wobei mir davon die erste Variante sogar noch besser gefällt, allein schon wegen der Farbgebung.

Samstag, 14. Januar 2023

Mein Interview mit Hitler

Alle Welt redet zurzeit über den erschreckend schlauen Open-AI-Bot ChatGPT und staunt ob des gegenwärtigen Entwicklungsstandes von Textgenerierungs-Tools. Der "neue KI-Hype im Netz" (heise.de) hat freilich einen langen Vorlauf. Im zwiefachen Sinne historisches Beispiel: Die Seite activehistory.co.uk hatte einst Adolf Hitler als Chatbot zum "Leben" erweckt, auf dass Geschichtsinteressierte ihm Fragen stellten. Im Dezember 2004 habe ich mit dem Digital-Gröfaz ein Gespräch geführt und dieses in weiser Voraussicht festgehalten. So lief es.

Ich: Guten Tag, Herr Hitler.
Hitler: I was informed that this interview would take place in English, so keep your second-rate German to yourself.
Oh, I see. I didn't know you speak English.
I don't think much of you at all, to be quite frank.
Frank? I thought your name was Addi. However, how and when did you kill yourself?
I shot myself, at the age of 56, in my Berlin bunker rather than face the Russian Slav 'subhumans' in May 1945: I didn't want to end up strung upside down and beaten to a pulp like Mussolini. I told my friend Albert Speer that I was not scared of dying - if anything, it would be a relief.
By the way, my name is Torsten.
I'm Adolf Hitler - leader of Germany 1933-45 and mass murderer.
Where are you now?
I'm sitting here talking to you, you brainless idiot.
Hey, watch your mouth, scum!
I became leader of the Nazis in 1922. In particular, my speech-making powers were crucial in helping me to rise in the party (which is why I never shut up).
Yes, yes, sure… You are said to have stolen Charlie Chaplin's beard. Are you aware of this?
I used to have a 'handlebar' moustache like my father, but in 1913 my sister-in-law suggested that I should cut off the points. Years later, when she saw my picture in a newspaper she said, 'Adolf has gone too far!'. Well, at least it's distinctive, I suppose ... recently some people even painted my 'tache onto a poster of Britney Spears, arguing she was trying to take over the (pop) world!
Seriously: Does your breath smell?
I was meticulously hygienic, although I suffered from bad breath. The female reporter Lee Miller was famously photographed for 'Vogue' having a soak at the end of the war in MY bath!
Have you ever used drugs?
I try no [sic] to use any drugs even as painkillers: I had several teeth moved without anaesthetic, and never touch cigarettes or alcohol, which I believe weakens the will. However, both myself and Göring were addicted to opiates - I used cocaine eye-drops, for example. Some historians have tried to explain our more irrational acts and fits of temper to our addictions!
Do you know the term "Tätervolk"?
Sorry, I don't get what you are saying!
Have you read books by Friedrich Nietzsche?
"Mein Kampf", meaning 'My Struggle', was the great book in which I outlined my key beliefs: Lebensraum, Anti-Semitism, the destruction of Communism, Aryan Supremacy. I wrote it to kill time whilst locked away in Landsberg prison.
You don't understand me, do you? Freak!
A common enquiry. I probably understand more than you would guess.
Don't be so damn arrogant, dickhead!
Well, it sounds like you are a real class act using language like that!
How is life in hell, anyway?
How dare you! I am a very private person and I don't like to answer personal questions like that.
Let's talk about Switzerland …
Right, let's get this straight. Switzerland is naturally protected by a great range of mountains that make it impervious to attack.
… and Denmark?
Either your English is terrible or there is a gap in my brain.
Yes, there is a gap in your "brain", you mindless chatbot!
Erm ... could you rephrase that, perhaps? I don't quite follow!
Fuck you!
How predictable. Why is it that just about everyone who speaks to me sees if I know swear words?
Bye.
Get lost!

Von fortgeschrittener "Künstlicher Intelligenz" lässt sich hier wahrlich noch nicht sprechen. Der Geist in der Maschine spulte auf gewisse Stichwörter hin vorgefertigte Sätze ab. Dass darunter solche sind, die Hitler nie gesagt hätte und dass der weder sich selbst als Massenmörder noch seine Partei als Nazis bezeichnet hätte: geschenkt. Unterhaltsam war das Experiment allemal. Und ein klitzekleiner Vorgeschmack auf das, was noch kommen mag (vgl. "Black Mirror" 2.01: "Be Right Back", 2013).

Donnerstag, 29. Dezember 2022

Alles wird schlechter, Teil 893

Früher zählte eine gewisse deutschsprachige Filmseite, die ich der Fairness halber nicht nennen möchte, zu meinen Lieblingsorten im Netz und war meine Go-to-Anlaufstelle, wenn ich mich über die Welt des Kinos informieren wollte. Von heute auf morgen, irgendwann Anfang der 2010er-Jahre, wurde ihre Oberfläche nicht nur verändert, sondern von Grund auf neugestaltet. Seitdem habe ich diese Website keines Besuches mehr gewürdigt, denn meiner Meinung nach handelte es sich um eine Verschlimmbesserung, die mich wegen ihrer Nutzerunfreundlichkeit und etlicher fragwürdiger Design-Entscheidungen regelrecht abstieß, man muss es leider so hart formulieren.

Sprung ins Jahr 2022: Die Online-TV-Übersicht meiner Wahl bekommt ein Relaunch spendiert. Ist sie jetzt noch praktischer und komfortabler? Die Antwort kann man sich denken: nein. Zwar steht bei der Seite, die ich der Fairness halber nicht nennen möchte, nach wie vor Simplizität von Style und Bedienung im Vordergrund, doch wurde die vorher so übersichtliche Programmtabelle für die Smartphone-Ansicht optimiert, d.h. radikal verschlankt. Im Ergebnis werden nun nur noch drei Kanäle auf einmal nebeneinander dargestellt, und nicht mal deren gesamtes Tagesprogramm wird angezeigt, sondern zeitliche "Blöcke" (Vormittag, Nachmittag, Abend, Primetime, Nacht). Vorher konnte man bspw. alle öffentlich-rechtlichen Sender oder alle dritten Programme oder Nachrichtensender aufrufen und hatte die 24 Stunden eines Fernsehtages auf einen Blick vor sich. Da hat man sich dann durchgescrollt, von oben nach unten und mit der Bildlaufleiste von links nach rechts. Scrollen muss man immer noch, es ist also nicht einmal ein Upgrade in der Usability zu verzeichnen. Und die drei Sender, die man jeweils wählen "darf", sind in willkürlichen Gruppen zusammengefasst, z.B. ARD/ZDF/RTL, 3sat/KiKa/Arte.

In beiden Fällen stecken gewiss Leute dahinter, die sich etwas dabei gedacht haben werden und die Erfahrung mit Webdesign vorweisen können. Aber am Ende hat die aufgewendete Energie zum Schlechteren geführt. Gibt es einen Fachbegriff dafür?

Mittwoch, 9. November 2022

😯

Als ich heute – was selten genug vorkommt – mehr als dreißig Sekunden lang durch meine Facebook-Timeline scrollte, sprach mich – was noch seltener vorkommt – tatsächlich eine Werbeanzeige an. Sie führte zu einem Onlineshop für britisch angehauchte Retro-Mode. Als ich in das Adressfeld meines Browsers klickte, um die URL zu kopieren, entdeckte ich darin etwas, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: ein Emoticon, genauer zwei Flammen-Emojis. So sah die URL aus (Anonymisierung durch mich, denn ich möchte unbezahlt werben):


Ich habe extra einen Screenshot gemacht, weil ich nicht wusste, was passieren würde, wenn ich die URL kopiere und in diesen Beitrag einfüge. Das werde ich jetzt versuchen:

www.______.com/collections/hot-sale🔥🔥

Wow, die Sonderzeichen wurden einfach so übernommen! Welch sinistre Magie ist hier am Werke? Wikipedia weiß es: "Damit eine Emoji-Domain funktioniert, muss diese in einen sogenannten Punycode umgewandelt werden. Punycode ist ein Zeichenkodierungsverfahren, das für IDN" (internationalized domain names, auch "Sonderzeichendomains", also Adressen mit Zeichen aus anderen als dem lateinischen Standardsatz; die gibt es seit 2010) "genutzt werden kann. Diesen Code benötigt man beim Registrieren einer solchen Domain. [...] Jedes Emoji hat einen eindeutigen Punycode, wie beispielsweise 😉 = xn--n28h. Es gibt im Internet verschiedene Generatoren, mit denen es möglich ist, Emojis in Punycode zu wandeln." Weiters ist zu erfahren, dass derzeit (Stand 2017) nur sechs Top-Level-Domains die Registrierung von Emoji-Domains erlauben, Subdomains mit Emojis immerhin "sind bei vielen beliebten TLDs möglich".

Mein Fundstück ist nun freilich kein genuines Beispiel für eine Emoji-Domain, nicht einmal für eine -Subdomain, und es ändert sich auch nichts am Seiteninhalt, wenn ich die zwei Feuer-Symbole aus der Zeile entferne, trotzdem habe ich nicht schlecht gestaunt darüber, was heute alles "geht" (mit Einschränkungen: Zum Beispiel werden Emoji-Domains nicht von allen Browsern unterstützt, in Opera funktionieren sie erst seit Februar 2022). Auf eine naheliegende Schwachstelle macht der Wiki-Eintrag zu internationalisierten Domainnamen aufmerksam: "Die Verwendung von Unicode in Domain-Namen macht es einfacher, Webseiten mittels homographischem Angriff zu spoofen, da es die visuelle Repräsentation der IDN-Zeichenfolge in einem Browser manchmal unmöglich macht, eine legitime Seite von einer gespooften zu unterscheiden, abhängig vom verwendeten Zeichensatz." Und das gilt ja dann auch für Punycode. Beispielsweise könnte man für eine Phishing-URL ein Berg-Emoji durch ein anderes ersetzen:



Also ich muss mich schon sehr anstrengen, um da einen Unterschied auszumachen. Mir fällt es zugegebenermaßen aber auch schwer, zwischen diversen Smileys zu differenzieren (womöglich bin ich on the spectrum?).

Sonntag, 14. August 2022

Traurige Domainübernahme

In meinem Feedreader befindet sich immer noch die ursprüngliche Adresse des Kultblogs von René W., dessen Schicksal ja allgemein bekannt sein dürfte. Seit ein paar Monaten wird n*rdcore[Punkt]de wieder betrieben und sogar mit Inhalten befüllt. Wann immer ein neuer Beitrag von dort in meinen Feed gespült wird, erschrecke ich leicht, nur um kurz darauf wehmütig zu werden. Hinter der vertrauten URL steckt ein seelenloser Technik-Kaufberater, die Texte lesen sich wie von einem Bot generiert. Leider bin ich zu faul, meine Blog-Abonnements sorgfältiger zu pflegen.