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Montag, 8. Juni 2026

Zwei Trends

In den letzten Monaten sind mir zwei Entwicklungen im deutschen Alltag aufgefallen: eine die Sprache, die andere Umgangsformen betreffend.

1.) Beim Bezahlvorgang vernimmt man von Kassenpersonal bzw. Gaststättenbedienungen jetzt häufig die Frage: "Mit der Karte?" Das Augenmerk sei dabei auf den Artikel gelenkt. Wann ist dieser obligatorisch geworden? Früher reichte doch ein simples "Mit Karte?", wenn man wissen wollte, ob jemand mit Karte zahlt! Ich würde ja verstehen, dass man von "der Karte" spricht, wenn unser Waren- und Wirtschaftssystem einen Grad futuristischen Universalismus erreicht hätte, wo es tatsächlich nur noch eine einzige Chipkarte gibt, die für alle möglichen Transaktionen eingesetzt wird – Die Karte™ eben. Aber ich für meinen Teil kann allein zum Bezahlen auf vier verschiedene kartengebundene Optionen zurückgreifen.
Die Kundschaft übernimmt diese Marotte allmählich. An der Supermarktschlange hörte ich schon das ein oder andere Mal die Aussage "Mit der Karte, bitte".

2.) Die im öffentlichen Personenverkehr lange geltende Regel "Erst aussteigen lassen, dann einsteigen" scheint außer Kraft gesetzt. Möchte ich eine U- oder S-Bahn verlassen, muss ich mich neuerdings durch ungehemmte Grobianmassen quetschen und schlagen, die unmittelbar nach dem Aufgehen der Türen in das Fahrzeug strömen, als bestünden die Aussteigenden aus Luft. Willkommen in der Ellenbogengesellschaft!

Mittwoch, 18. Juni 2025

Üro, üro

Nachdem ich vor ein paar Jahren Harald Jähners glänzende Nachkriegsschilderungen "Wolfszeit" verschlungen habe, lese ich nun endlich sein 2022 erschienenes Portrait "Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen". In dem Kapitel "'Schicksale hinter Schreibmaschinen' – Die Trägerschicht der Neuen Zeit" geht es am Rande auch um ein "Bürodeutsch", das in der Weimarer Republik zum Teil eigentümliche Blüten trieb:

In Martin Kessels Büroroman "Herrn Brechers Fiasko" grassiert eine alberne Bürosprache, mit der die Sekretärinnen der Langeweile des Jobs und den Zumutungen ihrer Chefs trotzen. Jeder Satz wird dabei mit einem affektierten "ü" beendet. "Man sagte nicht mehr: 'Haben Sie einen Bleistift?' – sondern man sagte: 'awa en bleie, ü?'. Oder man sagte zu einer Sache, die eilig war: 'ette, ette, ette, ü?'" [...] Mit den Frauen hatte sich die Büro- und Verwaltungssprache geändert. Ursächlich dafür aber waren nicht sie, sondern die Schreibmaschine. Erst mit ihr zog die Umgangssprache in die Buchhaltung ein und löste die alten Fachbegriffe und Kürzel ab, mit denen die klassischen Buchhalter handschriftlich für Kürze und Exaktheit gesorgt hatten. Denn die Schreibmaschine eröffnete den Kaufleuten die Möglichkeit, den Schreibkram zu delegieren, und machte ihre alten, professionellen Codes obsolet. "Mit dem Eindringen der weiblichen Schreibkraft in das Büro, mit dem Sinken des kaufmännischen Niveaus verschwand das 'Rottwelsch des Kaufmanns' allmählich", stellte der Sozialwissenschaftler Theo Pirker fest. Allerdings ging der empfundene Niveauverlust nicht auf das Konto der Frauen, sondern auf das der oft fahrig diktierenden Chefs: "Schritt für Schritt verschwanden die Abkürzungen. Unglücklicherweise erhielt sich die blühende und leere Phrase. (...) Geschäftsleute, die nun der Mühe enthoben waren, ihren Brief selbst zu schreiben, und die nun nicht mehr Gefahr liefen, Tintenkleckse zu machen, verfielen in eine Reihe schlechter Gewohnheiten und hauptsächlich in die, einen Satz zu beginnen, ohne zu wissen, wie er enden wird."

So weit, so bemerkenswert. Nichts damit zu tun habend, aber nicht minder bemerkenswert: Einen Absatz weiter begegnete mir ein Unternehmen, das in einer meiner vorangegangenen Lektüren eine Rolle spielte: Westinghouse!

Die Organisationsbranche wuchs genauso sprunghaft wie die Papierberge in den Betrieben und die Angestelltenheere, die zu ihrer Anfertigung und Bändigung nötig waren. Als in den USA 1948 die Firma Westinghouse ihr Ablagesystem rationalisierte, schaffte sie insgesamt vierhundertzwanzig Eisenbahnwagen voller Akten aus ihren Gebäuden, in der sicheren Annahme, dass niemand mehr etwas davon würde lesen wollen, schon allein, weil die Hoffnung fehlte, in den Unmengen von Informationen das Gesuchte zu finden.


Sonntag, 8. September 2024

Und was sagst du so?

Ich sehe es als meine Pflicht an, wie ich es im Januar 2012 (!) zum ersten Mal getan habe, darauf hinzuweisen, dass eine neue Erhebungsrunde im "Atlas zur Deutschen Alltagssprache" gestartet ist bzw. hat, Nr. 14 inzwischen. Diesmal bin ich besonders entzückt, wird doch nicht nur auf meine Anregung hin erörtert, wie verbreitet die Formulierung "alles dreis" ist, auch geht es in einem Punkt (zufällig direkt darunter) um die dialektologisch nur peripher bedeutsame Frage nach der Zubereitung von Kartoffelsalat – ein Streitthema, das ich in einer meiner letzten Titanic-Newsletter-Kolumnen berührte.

Außerdem sind die Ergebnisse der 13. Runde da! 

Dienstag, 14. November 2023

Das fetzt nicht wirklich

Viel Gutes, Schönes, Wahres gibt es nicht in diesen Zeiten, doch wenigstens auf die Güte, Schön- und Wahrheit der Konkret-Kolumne "Kunst & Gewerbe" von Stefan Gärtner kann man sich allmonatlich verlassen. Unter der Überschrift "Klipp & klar" wird in der aktuellen Ausgabe ein Vorfall im Literaturbetrieb dokumentiert und kommentiert, den ich am Rande der Buchmesse mitbekommen, jedoch nicht weiter verfolgt hatte.

"Der aus Dresden gebürtige Ingo Schulze hat den auf die Buchpreis-Longlist gelangten DDR-Roman Gittersee der Kollegin Charlotte Gneuß, geboren 1992 im schwäbischen Ludwigsburg, gelesen und dem S.-Fischer-Verlag hernach eine Fehlerliste geschickt". Das mag uncool sein, macht das Vorgebrachte aber nicht unrichtig. Wenn in einem Roman, der im Dresden der Siebzigerjahre spielt, Wörter wie "Plastiktüte" oder "lecker" fallen, finde ich das mindestens disputabel. Neulich stellten sie bei "Aktenzeichen XY ungelöst" einen Cold Case aus der DDR vor, und im Einspielfilm dazu sagten die Leute – ich hab's mir extra notiert – u.a. "ciao", "Plastik" und "Lass mal treffen". Es sind gar nicht mal sprachliche Anachronismen, die mich besonders abtörnen, nein, unnatürliche, kaputte Dialoge generell können mir, wie ich schon öfter festgehalten habe, gehörig die Petersilie verhageln, in Filmen und Serien noch mehr als in Belletristik. Deswegen scheue ich deutsche Produktionen so sehr: Die meisten Autor(inn)en pfeifen auf auch nur halbswegs natürlich klingende gesprochene Sprache.

Weiter in der Causa Gittersee ("Alles gut, alles gut, flüsterte ich der Kleinen ins Ohr. ... Škoda reparieren, Kleine bespaßen. Das war der Samstag."): Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels verteidigt die Autorin ("... welche Rolle spielt es ...?") und zitiert Sandra Kegel, FAZ, die "diesen philiströsen Anmerkungen [...] entgegen[setzt]": "Romane müssen dramaturgisch verdichten, um ihre innere Wahrheit zu intensivieren. Daran sind sie zu messen, das ist der Goldstandard." Gärtner: "Der Platin- oder wenigstens Mindeststandard wäre aber, dass eine Schriftstellerin nicht so automatisiert philiströs dummdeutsch daherredet, falls es Gneuß nicht darum gegangen ist, den selbstgerecht westdeutschen Nachwendeblick zu karikieren. Alle Empirie lehrt jedoch, dass auch ihre innere Wahrheit aus lecker, bespaßen, alles gut besteht und dass die Unschuld der DDR darin bestanden hat, diese Wahrheit nicht zu kennen."

Oder den fürs Massenpublikum Schreibenden ist schlicht alles egal, weswegen wohl auch niemand außer ich etwas zu beanstanden hat, wenn Zonis bei "Aktenzeichen XY" keine Broiler essen, sondern:

Montag, 12. April 2021

Man kann nicht gut kommunizieren

Als ich neulich wieder einmal grübelte, kam mir der Gedanke, dass ich wahrscheinlich sehr schlecht darin wäre, mich mit Amerikaner(inne)n zu unterhalten, einfach aus dem Grund, dass ich einige ihrer geläufigen Phrasen allzu wörtlich nehmen würde. Zum Beispiel würde ich auf "What did you say your name was?" erwidern: "I haven't told you my name yet." Oder auf "Why don't you take a seat?": "Because you didn't offer me one." Und auf "Do you mind"-Fragen würde ich immer "yes" antworten, wenn es mir was ausmachen würde, und "no", wenn nicht. Auch würde ich mich kaum zurückhalten können, wenn jemandem "irregardless" oder "I could care less" rausrutschte. 

Damit will ich nicht sagen, dass amerikanisches Englisch Sprechende ihre Sprache nicht beherrschen. Im Gegenteil: Sie tun das m.E. um ein Vielfaches besser, als Deutsche Deutsch beherrschen. Man vergleiche nur mal US-Podcasts, wo praktisch jeder Satz sitzt, mit deutschen Podcasts, wo restringierter Code und krudestes agrammatisches Gestammel vorherrschen und Kohärenz und Kohäsion fast komplett aufgegeben werden! Zudem ist man sich "dort drüben" der erwähnten Zweifelsfälle sehr wohl bewusst, was sich in zig Forenthreads zum "Do you mind"-Problem ebenso niederschlägt wie in humoristischer Verarbeitung in der Popkultur. Tatsächlich begegnete mir, kurz nachdem ich über all dies nachgedacht hatte, folgender Dialog in der Comedyserie "Angie Tribeca" (Episode 4x04):

- How old did you say this model was again?
- I didn't. 22. Now I have.

Haha! Man sieht: Gewisse Fälle von "Unlogik" und semantische Widersprüche werden durchaus erkannt. (Die gibt es übrigens auch im Deutschen, man denke an Sätze wie "Ich gehe nicht, bevor ich nicht gegessen habe", wo das zweite "nicht" streng genommen inkorrekt ist.) Sie können und sollten aber ignoriert werden, denn im Alltag weiß man in der Regel, was gemeint ist, und allein darauf kommt es an. Ich sozial inkompetenter Otto sollte mal lieber wieder meine Aufzeichnungen zur Einführung in die Pragmatik hervorkramen statt alles auf die Goldwaage zu legen. Andererseits ist es eh ausgeschlossen, dass ich in absehbarer Zeit mit Menschen aus den USA ins Gespräch komme.

Sonntag, 5. Januar 2020

Die spannende Welt der Semantik

Verweilen wir noch ein wenig im Themenfeld missverständliche Zeitangaben. Ein paar Stunden nachdem ich den Beitrag zu den Zwanzigerjahren geschrieben hatte, kam nämlich im Freundeskreis, ohne dass ich das Gespräch dahin gelenkt hätte, abermals die Frage auf, ob das laufende Jahrtausend denn nun am 1.1.2000 oder 2001 angefangen habe. Ein anwesender Rechtsanwalt wusste diesbezüglich zu berichten, dass damals die Neue Juristische Wochenschrift im Editorial eine scheinbar kloßbrühenklare Alternativ-Erklärung auftischte: Wenn Sie im Begriff sind, drei Weinkisten à zehn Flaschen zu trinken, dann ist die zweite Kiste selbstverständlich mit der zehnten Flasche aufgebraucht, und mit der Leerung der dritten beginnen Sie, sobald Sie die erste Flasche aus dieser herausnehmen. Grrr ...

Die Wurzel allen Übels liegt darin, dass es kein historisches Jahr 0 gegeben hat; die ersten Zehnerjahre unserer Zeitrechnung begannen mit dem Jahr 1, nicht mit 0. Leicht verkompliziert wird die Chose freilich durch die sog. astronomische Zählweise, welche dem Jahr 1 n. Chr. tatsächlich ein Jahr null vorausgehen lässt und diesem -1 und diesem -2 usw. Caesars Todesjahr beispielsweise ist nach astronomischer Zählung -43. Haben 43 und 44, genauer: |-43| und 44, hier also dieselbe Bedeutung? Zumindest haben sie dasselbe Referenzobjekt.

Dass gerade so etwas definitiv Festgelegtes wie Zahlen und Daten uneindeutig sein kann, empfinde ich, der ich Sprache eher naturwissenschaftlich als philosophisch betrachte
, als zutiefst beunruhigende Störung im System. Und das Beispiel mit den vorchristlichen Jahreszahlen ist kein Einzelfall. In bestimmten Regionen des deutschen Sprachraums, auch da, wo ich aufgewachsen bin, hört man (vor allem ältere) Menschen von "heute in acht Tagen" sprechen, wenn sie "in einer Woche", i.e. in sieben Tagen meinen. Hier "bedeutet" 7 somit dasselbe wie 8. Auch an dieser Formulierung sind die alten Römer schuld, denn mangels des Konzepts null versah man den Tag, an dem man sich befand, stets mit dem Wert 1, wenn man auf Tage in der Zukunft verwies. (Eine schöne Darstellung der Problematik gibt es auf der Seite fichtelgebirge-oberfranken.de)

Zum Glück brachten die Inder die Null ins Spiel. Apropos Indien: Im Hindi gibt es eigene Wörtchen für Brüche wie "eineinhalb" (ḍeṛh) und "zweieinhalb" (ḍhāī), und diese werden auch bei Zeitangaben benutzt, man sagt z.B. "eineinhalb Uhr" für "1 Uhr 30", so wie man nicht "zweitausendfünfhundert", sondern wörtlich "zweieinhalb tausend" (ḍhāī lākh) für 2500 sagt. (Es existiert übrigens extra für 10 Millionen ein kompaktes Zahlwort: karoṛ.) In diesem Zusammenhang fällt mir auch die Sitte im britischen Englisch ein, half past two (2 Uhr 30 bzw. 14 Uhr 30) zu half two zu verkürzen. Auf deutsch eingestellte Gehirne könnten half two als "halb zwei" = 1 Uhr 30 bzw. 13 Uhr 30 interpretieren. In dieser Phrase bedeutet "zwei" also "drei". Wer soll da bitte nicht durchdrehen?

Noch irrer wird es, wenn Wörter ihr eigenes Gegenteil meinen. Ein Klassiker des Deutschen ist das Verb anhalten, aber bleiben wir beim (britischen) Englisch: Einmal unterhielt ich mich mit ein paar etwa gleichaltrigen Engländern und Engländerinnen, und gleich zwei von denen erinnerten sich daran, in der Schule eine hochbetagte Lehrerin gehabt zu haben, die ihre Zöglinge mit dem Ruf "Sit!" zum Aufstehen aufforderte. Noch einmal kurz zum Hindi zurückgekehrt: Das Adverb kal kann sowohl mit "morgen" als auch mit "gestern" übersetzt werden, die konkrete Bedeutung lässt sich aber in der Regel aus dem Satzkontext (Zeitform des Verbs) erschließen. Beenden möchte ich diesen Diskurs mit einem Zitat aus Folge 2 von Michael Ziegelwagners "Natur – Der Kanon":

"Allerdings bezeichnen auch die Wörter 'genervt' / 'entnervt' trotz ihrer offenkundigen Polarität etwas Ähnliches, wie auch 'belohnen' / 'entlohnen', und da beschwert sich auch niemand. Hufeisentheorie der Sprache? Vexierbild Buchstabensalat? Die Apparate, von denen man seine U-Bahn-Fahrkarte stempeln lässt, tragen in Wien den deutschsprachigen Hinweis 'Entwerter', auf englisch: 'Ticket Validator'; je nach Muttersprache wird man hier einmal zum Wertlosmachen, einmal zum Gültigmachen angeleitet". (Titanic 12/2019)

Montag, 5. Januar 2015

Über "PC"

"Brain Droppings" von George Carlin war, glaube ich, das erste englischsprachige Buch, das ich, als circa Achtzehnjähriger, freiwillig gelesen habe. Es hat mich, wie der leider schon 2008 verstorbene US-Comedian überhaupt, schwer beeindruckt. Nicht nur war es das bis dahin Lustigste, was mir je unter die Augen gekommen war, es gab mir auch einige Denkanstöße. Carlin hat sich häufig und gerne mit Sprache beschäftigt, vor allem mit Miss- und Falschgebrauch derselben. In "Brain Droppings" (erstmals 1997 erschienen) gibt es einen längeren Aufsatz mit dem Titel "Politically Correct Language", den der Autor so einleitet: "I know I'm a little late with this, but I'd like to get a few licks in on this bogus topic before it completely disappears from everyone's consciousness." Nun, aus der Wahrnehmung ist "PC" nicht verschwunden, aber die Wahrnehmung und die Behandlung des Begriffs haben sich gehörig verändert. Dazu gleich. 

In Carlins Text geht es darum, wie diverse "Opfergruppen" auf politisch korrekten Bezeichnungen bestehen – Gruppen, die aber (gerade in den Vereinigten Staaten) keine Opfer sind. (Money quote: "I'm more interested in real victims. People who have been chronically and systematically fucked over by the system. Because the United States is a Christian racist nation with a rigged economic system run for three hundred years by the least morally qualified of the two sexes, there were bound to be some real victims.") Und es geht darum, wie man Wörter, die etwas Problematisches bezeichnen, durch etwas Unverfängliches, Verfälschendes, die Realität Ausblendendes ersetzt, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Letzteres kommt noch stärker in einem anderen Carlinschen Text zum Ausdruck, "Euphemisms: Shell Shock to PSD", erschienen in "Napalm & Silly Putty" (2001). Zusammenfassung: Wer 1917 traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist, hatte einen shell shock. Nach dem Zweiten Weltkrieg hieß derselbe Zustand plötzlich battle fatigue. Koreakrieg, 1950: operational exhaustion. Nach dem Vietnamkrieg schließlich: post-traumatic stress disorder. In dieser Entwicklung steckt alles, was es an politisch korrekter Sprache im erweiterten Sinne zu kritisieren gibt. Wenn Regierungen die Sprache verändern, sollte man vorsichtig sein; man kann sich auch darüber mokieren, wenn wieder mal ein total missglücktes Unwort geschaffen wird, sei es von der Politik, der Werbeindustrie oder den Medien. In dem "Euphemisms"-Text gibt George Carlin weitere Beispiele für Bullshit-Beschönigungen: "Poor people used to live in slums. Now the 'economically disadvantaged' occupy 'substandard housing' in the 'inner cities.' And a lot of them are broke. They don't have 'negative cash flow.'" Auch eher banale Neologismen werden aufgezählt: "toilet paper" = "bathroom tissue", "false teeth = dental appliances", "drug addiction = substance abuse". Usw. Solche Wort(gruppen)ersetzungen kann man mit ein wenig Fantasie selbst erfinden. Anfang des Jahrtausends war das noch lustig.

Sprung ins Jahr 2015. Wenn ich heute das Schlagwort "politisch korrekt" lese oder höre, will ich auf der Stelle nicht mehr weiterlesen oder -hören. Ich weiß sofort, was dann kommt, nämlich in der Regel das Gejammer eines älteren weißen Mannes, der sich darüber aufregt, dass er angeblich nicht mehr "Zigeunerschnitzel" und "Mohrenkopf" sagen darf. Die Wörter "Zensur", "verhunzt", "Bevormundung" und "Steuergelder" folgen dann meist noch, und natürlich die (Anfang des Jahrtausends noch lustig gewesenen) Verlängerungswitze: "Muss ich demnächst beim Bäcker einen 'Maximalpigmentiertenkuss' bestellen?" Höhöhö. Hier entlädt sich kein gerecht(fertigt)er Zorn gegen politisch geleitete Missstandsbeschönigung und Augenwischerei, hier herrscht die bloße Empörung über jeden Versuch, verbale Diskriminierung einzudämmen. Dass ein solcher Versuch selbstverständlich mal daneben gehen kann, sollte keinen modernen Vernunftsmenschen zu einem verbitterten Meckeronkel à la Walter Krämer oder Harald Martenstein werden lassen. Sollte.

Es ist immer schlimm, wenn sich die Rechte ehemals völlig anders motivierte Formulierungen und Begrifflichkeiten aneignet, um sich als das entmündigte Volk zu gerieren, das es schon angesichts von verfassungsmäßig garantierter Meinungs- und Versammlungsfreiheit niemals sein kann. Eine nicht erst seit Pegida beliebte Masche. Die Mär von der "gleichgeschalteten Presse" zum Beispiel soll folgenden Gedanken auslösen: "Aha! Gleichschaltung, das gab's doch in der NS-Zeit! Wenn die das anprangern, wer sind dann hier die echten Nazis?" Noch tumber und perfider ist die Phrase vom "linksgrünen Faschismus". Ich bin ja gespannt, wann und wo zum ersten Mal das Wort "Gleichberechtigungs-Holocaust" fällt. Google findet noch keinen Beleg dafür. Bedient euch also ruhig bei mir, ihr "herrlich politisch unkorrekten" PC-Wüteriche!

Freitag, 18. Juli 2014

Kurz notiert: Einer und Zehner

Die deutsche Sprache ist schon komisch. Wenn wir sagen, jemand "ist Anfang 40", meinen wir, die Person ist 41 oder 42 oder 43 Jahre alt. "Vierzig" bezeichnet hier das gesamte Lebensjahrzehnt. Jeder versteht, dass mit "Mitte 40" nicht 40 Jahre und 6 Monate, sondern 45 Jahre gemeint sind. Dieses System greift aber erst ab 20. Aussagen wie "Mein Kind ist Anfang 0" oder "Ich war damals Ende 10" ergeben keinen Sinn. 
Es wäre lustig zu behaupten, dieser Sprachgebrauch sei verantwortlich für das Geschwindigkeitsverständnis im Straßenverkehr: Wer mit 69 km/h unterwegs ist, fährt ja praktisch 60, oder zumindest "irgendwas im Sechzigerbereich". 

Freitag, 24. Mai 2013

Kurz notiert: "Telegrammstil"

Eine oft geäußerte Befürchtung von Sprachpuristen ist die, dass moderne Kommunikationsmedien negative Auswirkungen auf den Sprachgebrauch haben. Konkretes Beispiel: Der typische SMS-Stil werde zunehmend in anderen Medien verwendet und führe dazu, dass die Fähigkeit, korrekte Sätze zu bilden, bald völlig verloren geht.
Einen Gegenbeweis habe ich vor einigen Jahren im Museum für Kommunikation in Berlin entdeckt. Da waren nämlich einige alte Telegramme ausgestellt, und in vielen von denen wurden aus ökonomischen Gründen präfigierte trennbare Verben auch in gebeugter Form zusammengeschrieben! Etwa so: "Eintreffe um 1700" (statt "ich treffe ein") oder "Losfahre am Sonntag". Damals haben die Leute zwar nicht so oft Telegramme verfasst wie heutzutage SMSes, aber wenn die Sprachnörgler recht hätten, würde man derartige Formen auch hin und wieder in historischen Briefen, Romanen etc. lesen. Dem ist aber nicht so. akla? l8er!

Freitag, 21. Dezember 2012

Dansu dansu dansu

Heute sagt man: "Wir feiern im Club." Bis in die Neunziger sagte man: "Wir tanzen in der Disco." In den 1920ern sagte man: "Wir schwofen im Tanzcafé." Im 12. Jahrhundert sagte man: "Leider habe ich keine Zeit für Tanz und Ringelpiez, denn es ist das fucking Mittelalter, und ich bin den ganzen Tag damit beschäftigt, dafür zu sorgen, DASS MEINE FAMILIE NICHT STIRBT!" In Frankreich sagt man: "Nous dansons à la disco." In einem von Hobby-Jugendsprachforschern bevölkerten Paralleluniversum sagt man: "Wir hotten in der Zappelbude." In 1000 Jahren sagt man: "Wir space-tanzen im Weltallclub." Was man wohl in 100 Jahren sagen wird? Wahrscheinlich: "Hey, wisst ihr eigentlich, dass vor 100 Jahren in solchen Läden noch kommerzielle Musik gespielt wurde? Das war, bevor der Verbrecherverein Gema größenwahnsinnig wurde. Aber is' schon okay so, jetzt macht jeder DJ seine eigene 'Mucke'."

Dienstag, 17. Januar 2012

In uneigener Sache

Der Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg führt seit 2003 Online-Erhebungen für einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)" durch. Soeben ist die nunmehr 9. Runde gestartet, und ich möchte alle Leserinnen und Leser ermuntern, 20 Minuten ihrer Zeit für diese Umfrage zu opfern. Das macht Spaß und ist interessant, zumal es diesmal um "Dialekt-Klassiker" wie das Brathähnchen und die Voranstellung von Artikeln bei Personennamen geht.
Hier ist der Link.
Man beachte auch die Sprachkarten, die aufgrund der zuvor durchgeführten Befragungen erstellt wurden (Links links).