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Mittwoch, 11. März 2026

Poirots schwerster Fall: Das Rätsel um "Poirot"

Schaltet man zu einer beliebigen Uhrzeit einen ARD- oder ZDF-Spartenkanal ein, deren Zahl übrigens zum Ende des Jahres von sechs auf drei reduziert werden soll – aus One und ZDF Neo wird "Neo", Tagesschau24 geht in Phoenix über, während ARD Alpha und ZDF Info zu "Info" gebündelt werden –, zappt man also zu einem dieser Sender, zumindest Neo oder One, dann steht die gefühlte Wahrscheinlichkeit bei 80 Prozent, dass gerade "Agatha Christie's Poirot" läuft. Wirklich, wann immer ich dort hängen bleibe, wird diese Krimiserie entweder angekündigt oder ausgestrahlt.

Aktiv reingeschaut habe ich in die Reihe noch nie (obwohl ich Agatha Christie nicht abgeneigt bin und sogar schon einige Poirot-Spielfilme gesehen habe). Heute fragte ich mich aus heiterem Himmel, wie lange "Poirot" wohl schon läuft, und woah, bin ich da, wie junge Leute im Internet ständig sagen, in ein Kaninchenloch gestolpert! Die Geschichte von "Poirot" in Deutschland ist nämlich, wie junge Leute im Internet ständig sagen, ein wahrer Fiebertraum.

Dabei fing alles ganz geordnet und unauffällig an: Die Pilotstaffel kam etwas über ein Jahr nach der UK-Premiere, wenn auch mit einer mehrmonatigen Unterbrechung, ins deutsche Fernsehen – und zwar ins ostdeutsche! Tatsächlich wurde im Abspann der zehn bis 16. Oktober 1990 (!) auf DFF 2 ausgestrahlten Episoden "noch der Vorgänger 'Fernsehen der DDR' als Auftraggeber der Synchronfassung genannt" (Wikipedia).

Es vergingen gut drei Jahre, bis Staffel 2, die im Vereinigten Königreich im Januar 1990 das Licht der Welt erblickt hatte, ein Zuhause im (nun vereinigten) Deutschland fand: auf dem recht neuen Sender Vox, auf welchem anschließend auch die nächsten beiden Staffeln liefen. Und ab hier wird's chaotisch! Die Ausstrahlungsreihenfolge der insgesamt 14 Episoden von Staffel 3 und 4 war wie folgt: 3.02, 4.02, 4.03, 3.04, 4.01, 3.03, 3.01 und 3.05 bis 3.10 chronologisch. Anzumerken ist, dass es neben den Folgen mit 50 Minuten Dauer gelegentlich solche mit 100 Minuten Länge gibt; Season 4 besteht ausschließlich aus solchen Feature-Length-Filmen.

Ab Anfang 1993 zeigte ITV die acht Episoden der fünften Staffel. Und wann wurden diese dem deutschen Publikum präsentiert? Ende 2018! Zu verdanken hatten die Fans das dem jungen und nun bald toten Sender One, wobei es immerhin 2009 die Möglichkeit gegeben hatte, Staffel 5 auf DVD zu erwerben. Womit wir bei einem weiteren Irrsinnsaspekt sind. Noch vor Erscheinen des Season-5-DVD-Sets, nämlich 2008, kam Staffel 9 als DVD auf den Markt, die wiederum weit vor Staffel 5 im Fernsehen gezeigt worden war: Weihnachten 2005 im NDR – mit Ausnahme von Folge 9.02, die auf nämlichem DVD-Release unsynchronisiert (OmU) vorlag und im TV erst im Februar 2018 "nachgereicht" wurde. Von 2010 bis 2014 kamen, in korrekter Reihenfolge, die Staffeln 6 bis 13 auf DVD in den Handel (zwischendurch erschien auch die mysteriöse Folge 9.02 endlich in deutscher Sprachfassung auf Silberling), 2018 wurde die komplette Serie als 45-Disc-Boxset herausgebracht.

Zurück ins lineare Fernseh. Staffel 6, deren Ausstrahlung sich auch im Mutterland über einen ungewöhnlich langen Zeitraum erstreckt hatte (vier Filme zwischen Januar 1995 und März 1997), wurde auf One gesendet, abermals mit einer Ausnahme: "Hercule Poirots Weihnachten" (6.01) wurde "schon" am 27. Dezember 2017 gezeigt; der Rest lief ab Januar 2019, zwischendurch wurden die (Mini-)Staffeln 7 und 8 ausgestrahlt.

Die Staffeln 10, 11, 12 und 13 wurden den hiesigen Zuschauern in einem Rutsch vorgesetzt, von Februar bis Mai 2016, mithin teils mit zehnjähriger Verspätung, wobei die Folgen der 10. Staffel in der Reihenfolge 10.02, 10.03, 10.01, 10.04 über den Äther flimmerten. "Äther" ist allerdings der falsche Ausdruck, denn sehen konnte man jene Staffeln zunächst exklusiv auf dem Bezahlsender Sony Entertainment Television, dem späteren Sony Channel, der seit 2023 AXN White heißt. Die Free-TV-Premiere der Staffeln 10 bis 13 erfolgte jeweils ziemlich genau zwei Jahre später, erneut auf One. Tja, und heute? Ist wohl nach wie vor One zuständig, ein Kanal, der ohnehin einen Schwerpunkt auf europäische Dramaformate setzt – allein heute laufen dort von abends bis spät in die Nacht hinein englische Krimis; und nicht zuletzt war One eine Zeitlang das "Home for Whovians". Jedenfalls habe ich mir wohl nur eingebildet, dass "Agatha Christie's Poirot" zusätzlich und ständig auf Neo oder anderen öffentlich-rechtlichen Outlets wiederholt würde. Gut, dass nun Klarheit herrscht.

Was für eine Historie! Und was für eine Ochsentour für Poirot-Komplettionisten: Vom Fernsehen der DDR bis in die IPTV-Ära konnten/mussten/durften sie die belgische Spürnase verfolgen. Ich wäre schier verrückt geworden.

Sonntag, 15. Februar 2026

Diese Schölermanns

Ich habe mir neulich die naheliegende Frage gestellt, was wohl die erste Fernsehserie Deutschlands war. Die Antwort darauf ist im Handumdrehen ergoogelt: "Familie Schölermann", mit dem Unter- bzw. Übertitel "Unsere Nachbarn heute abend", wurde vom NWDR produziert und lief in 111 Folgen zur besten Sendezeit von 1954 bis 1960. Auf der Webseite des NDR findet sich eine lesenswerte Zusammenfassung. "Die Serie wird live produziert, weswegen heute nur noch wenige Aufnahmen existieren", heißt es dort. "Da auch die Namen der Schauspieler zunächst nicht genannt werden, halten viele Zuschauer die Schölermanns für real."

Heute ist die Besetzung natürlich namentlich bekannt, und zu meiner Überraschung sind einige der Darsteller noch am Leben, so etwa die in Leeds (England) geborene Margaret Cargill, deren Rolle der Tochter Eva in den "Schölermanns" tatsächlich ihre letzte war. Auch ihr Serienbruder Harald Martens, *1944, ist danach, zumindest laut imdb, nie wieder in Film oder Fernsehen in Erscheinung getreten. Für Giulia Follina, die eingedenk ihres Geburtsjahrs 1952 in der Serie nur als Baby und/oder Kleinkind vorgekommen sein muss, war dies hingegen der Startschuss einer bis 2005 anhaltenden Karriere: "Tatort", "Frühling auf Immenhof", "Großstadtrevier" und "Stubbe - von Fall zu Fall" sind die bekanntesten Einträge in ihrer Filmographie, und wer weiß, vielleicht ist ihr irgendwann ein spätes Comeback vergönnt.

Diesen jungen Hüpfern gegenüber standen Lotte Brackebusch ("Tante Marie") und Willy Birgel (unbekannte Rolle 1957), die beide noch im 19. Jahrhundert geboren wurden! Birgel (1891-1973) gab sein Leinwanddebut 1934 in dem Propagandastreifen "Ein Mann will nach Deutschland", danach folgten bis 1971 Dutzende Verpflichtungen, darunter in "Heidi" sowie "Heidi und Peter", bei denen es sich um Schweizer Realverfilmungen von Johanna Spyris Alpenschnurrpfeifereien handelt. Lotte Brackebusch (1898-1978) stieg erst nach dem Krieg ins Filmgeschäft ein und kann bis 1978 immerhin 35 Credits vorweisen; "Der Blaue Nachtfalter" habe ich sogar gesehen!

Immerhin sieben Episoden von "Familie Schölermann" sind zum Zeitpunkt dieser Niederschrift auf einer Youtube-Playlist archiviert. Ob ich sie mir ansehen werde? Vielleicht, wenn mir mal sehr langweilig ist.

Mittwoch, 12. März 2025

Immer wieder Jim

Die neue Ausgabe des Podcasts "The Dollop" befasst sich mit dem US-Schauspiler Jim Caviezel, der zuletzt mit dem mindestens fragwürdigen, weil mit QAnon-Fantasien unterfütterten Thriller "The Sound of Freedom" in die Kritik geriet (aber auch überaus erfolgreich war). Noch habe ich die Folge nicht gehört, bin aber schon gespannt auf wahnwitzige Caviezel-Fakten.

Ich habe ja immer noch die famose Network-Serie "Person of Interest" in der Mache und überlegte, nachdem die ideologischen Irrwege des "Passion Christi"-Stars ans Licht gekommen waren, ob ich damit nicht aufhören sollte. Nur, dachte ich, wäre das nicht ungerecht gegenüber all den anderen kreativen Köpfen, die an den fünf Staffeln mitgewirkt haben? Die Frage nach der Trennung von Werk und Künstler muss man von Fall zu Fall entscheiden. Sachen, in die Neil Gaiman involviert ist, kann ich inzwischen tatsächlich nicht mehr konsumieren, da wird mir schlecht. Fakt ist: Jim Caviezel ist in "Person of Interest" großartig und passt so perfekt in seine Rolle wie die übrigen Ensemblemitglieder in die ihren.

Fakt scheint auch zu sein: Der Mann hat schlicht nicht alle Murmeln beisammen. Schon vor Monaten habe ich einen Twitter-Thread mit Jim-Anekdoten gescreenshottet, und wann wäre eine bessere Gelegenheit, diese mit euch zu teilen? Viel "Vergnügen"!

Sonntag, 9. März 2025

Der gute Sonntagslink

Neulich bei "American Rust":



[...]


Wohl wahr! Nach neun Jahrzehnten und unzähligen Iterationen ist die Juniordetektivin noch immer eine unkaputtbare Säule der amerikanischen Popkultur. In Folge 3 von "Seitenstraße" habe ich ja ein bisschen was über die Reihe erzählt. Nun bin ich durch Zufall auf einen Longread von 2018 gestoßen, der einige Aspekte der Franchise vertieft; wobei, mit acht Minuten Lesezeit ist es nicht wirklich ein Longread ... ein "Middleread" vielleicht? Jedenfalls: "The Secret Syndicate behind Nancy Drew" ("JSTOR Daily", englisch).

Dienstag, 31. Oktober 2023

Betr.: Franchises, Inhaltsstoffe, Meißen, Karussells

Ich habe eine Meinung: Popkultur-Franchises sollten nicht länger als für die Dauer einer Menschengeneration ausgewalzt werden. Stell dir vor, du warst 1982, als die Sitcom "Cheers" startete, bereits 40 Jahre alt. Dann bist du jetzt, wo das Spin-off "Frasier" ein Revival erhalten hat, ein veritabler Greis. Oder gar schon verstorben. Traurig.
Bei "Doctor Who" ist es natürlich noch krasser, die Serie feiert nächsten Monat ihr 60-jähriges Jubiläum. Wie viele, die von Anfang an dabei waren, werden das wohl noch miterleben? (Nun ja, zumindest eine Person fällt mir ein, die sogar in der allerersten wie auch der zuallerletzt ausgestrahlten Episode mitgespielt hat.) "Doctor Who" mag ein Sonderfall sein, weil es da einen deutlichen "Bruch" aufgrund der (TV-)Pause von 1989 bis 2005 gibt, wobei natürlich nicht wenige Fans existieren, die sowohl die alte als auch die neue Serie kennen und goutieren. Nein, halt, schlechtes Beispiel: Die Pause von "Frasier" war viel länger, die Finalfolge des Ur-Installments wurde im Mai 2004 ausgestrahlt. Das ist mal ein "Bruch"! Gute Güte.
Jedenfalls möchte ich nicht, dass beispielsweise "Star Wars" noch nach meinem Tode weitererzählt wird. Ich will nichts verpassen.

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Für Shampoos mit ungewöhnlichen Zusätzen habe ich nach wie vor ein Faible. Neuerdings fällt mir auf, dass der 08/15-Bestandteil Kokos gerne mit Jojoba-Öl kombiniert wird. Ich weiß nicht mal, was das ist. Mein aktuelles Haarwaschmittel (aus der stets feinen Garnier-Reihe) ist mit Banane. Das Abgefahrenste, was ich mir zuletzt in die Haare geschmiert habe, war Shampoo von Syoss mit violettem Reis. Dabei handelt es sich offenbar um ein neues Superfood. Fit for Fun wusste bereits 2019 zu berichten, dass die lila Variante "reichlich Anthocyane" enthält, "das sind pflanzliche Antioxidantien. Diese verleihen dem Reis – wie auch Himbeeren, Heidelbeeren, Rotkohl und Auberginen – ihre natürliche dunkle Färbung. Die Pflanzenfarbstoffe schützen zudem vor freien Radikalen und somit vor vorzeitiger Alterung, stärken die körpereigenen Abwehrkräfte und fördern die Sehkraft. Der hohe Gehalt an essentiellen Nähr- und Mineralstoffen in lila Reis ist sogar wissenschaftlich belegt." Und das kann unser Kopf freilich gebrauchen.

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Erst dieses Jahr habe ich gelernt, dass die seit 1885 unveränderte Verpackungsgestaltung von Lyle & Sons' Golden Syrup offiziell als "world's oldest branding" gilt. Letzte Woche jedoch erfuhr ich in der Meissener Porzellanmanufaktur dies: "Die blauen gekreuzten Schwerter wurden 1722 erstmals zur Kennzeichnung von Meissener Porzellan verwendet. Sie sind die älteste, ununterbrochen verwendete Marke der Welt."
Na gut, es gibt womöglich einen Unterschied zwischen einer Markenkennzeichnung und einem branding, der mir nicht bekannt ist. Geht man aber von einem Logo im weitesten Sinne aus, gewinnt das Weiße Gold aus Meißen.
Das wäre übrigens mit Fug mindestens 125.000 Euro bei "Wer wird Millionär?" wert: die Antwort auf die Frage, wie es offiziell heißt – A) Meißener, B) Meißner, C) Meissener oder D) Meissner Porzellan.

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Man braucht sich über die katastrophalen Defizite "unserer" Kinder in den Bereichen Lesen und Schreiben nicht zu wundern, wenn die Erwachsenen mit so schlechtem Beispiel vorangehen. Nach der Schreibung von Karussell wurde, apropos, auch mal bei "Wer wird Millionär?" gefragt, für mindestens 8000 Euro, soweit ich mich erinnere.
Mensch, gerade in Frankfurt sollte das Wort doch sitzen. Lernt man hier nicht schon im Kindergarten den Badesalz-Klassiker "Das Leben ist ein Karussell" kennen?

Sonntag, 6. August 2023

Die Apotheken-Bibliothek

Ich hatte schon einmal erwähnt, dass ich nach jeder gesehenen Episode von "Der junge Inspektor Morse" die Sektion "Wissenswertes" auf der dazugehörigen imdb-Seite durchlese. Zuletzt hatte ich dadurch u.a. erfahren, dass man bis 1967 bei vielen Filialen der britischen Drogeriekette Boots Bücher ausleihen konnte.


Das ist ja mindestens genau so toll wie die Möglichkeit, in amerikanischen Drugstores Kaffee zu trinken

PS: Was stimmt wohl nicht mit der Person, die als einzige solch einen Knaller-Fakt mit "nicht hilfreich" markiert?

Donnerstag, 16. Februar 2023

Serientaten

Es ist schon bemerkenswert, wie die "Prestigisierung" (?) von Fernsehserien das Medium verändert hat. Früher, vor dem Siegeszug und der Allgegenwärtigkeit filmisch-epischer TV-Dramen mit durchgehendem Handlungsbogen, war es völlig normal, dass man die Staffeln in beliebiger Reihenfolge und unter gelegentlicher Auslassung einzelner Folgen sah. Es konnte vorkommen, dass man eine Episode schlicht verpasste, weil man nicht zu Hause war. Daraus erwuchsen keine Nachteile, es war nicht zwingend, dass man die Ausstrahlung (für ebenjenen Fall, dass man während dieser Zeit was vorhatte) mit dem Videorekorder o.ä. aufzeichnete. Event-Mehrteiler wie "Twin Peaks" stellten die absolute Ausnahme dar. Aber bei bis zu 24 "Fall der Woche"-Folgen pro Staffel entging einem nicht wirklich etwas. Heute ist das unvorstellbar, für mich zumindest. Selbst wenn ich in meinem Haushalt Privatsender empfangen könnte, würde ich niemals einfach durchzappen und denken: "Ach, 'Criminal Minds' läuft gerade, da bleibe ich mal hängen!" Nicht mal bei Sitcoms kann ich das; ich habe 2007 mit "The Big Bang Theory" angefangen, und weil ich diese Show anfangs liebte und später nie wirklich hasste, ziehe ich das jetzt durch: Jede einzelne Episode muss geguckt werden, und zwar in der korrekten Reihenfolge! Dieser Marathon zumindest wird demnächst sein Ende finden. Freut euch schon mal auf mein Resümee im Serientagebuch.

Apropos: Ich wünschte, ich hätte schon viel früher damit angefangen, meine Meinung zu TV-Serien aufzuschreiben. Erst im Dezember 2010 habe ich auf meinem beerdigten Kybersetzung-Vorgänger erstmals eine Kleine Serien-Review 2010 veröffentlicht, eingeleitet mit den Worten "Heute gebe ich kurz meine Meinung zu einigen Serien ab, die 2010, v.a. in der Herbstsaison, im US-Fernsehen liefen bzw. noch laufen. Die Daumen-Icons bedeuten irgendwas." Die Kurzrezensionen, in Drama und Comedy aufgeteilt, sind zwar nix Besonderes, aber aufschlussreich genug, um sie hier (unverändert, unredigiert und unverbessert) zu wiederholen.

The Event (NBC)  
Ich bin zwar noch nicht auf dem aktuellsten Stand, aber bisher konnte diese als LOST-Ersatz gehypte Mysteryserie ihre Erwartungen nicht erfüllen. Es geht um Aliens, die wie Menschen aussehen, um eine Verschwörung, um ein verschwundenes Flugzeug, naja. Schon recht spannend, aber irgendwie bemüht.

Dexter (Showtime) 
Auch die mittlerweile 5. Staffel aus dem Doppelleben eines Mörders-Schrägstrich-Polizeiforensikers bot wieder Nervenkitzel auf höchstem Niveau, wenn sie auch nicht ganz so brillant war wie Season 4. Spoiler: Dexter stirbt nicht, es wird noch eine 6. Staffel geben.

The Walking Dead (AMC)  
Hiervon habe ich erst zwei Episoden geschaut. Mit unheimlicher Vorfreude wurde diese Comic-Adaption erwartet. Zombie-Apokalypse im Fernsehen? Das hat man in der Tat noch nicht gesehen, und dank dem Umstand, dass The Walking Dead im Pay TV läuft, kann man, wenn man darauf steht, eindrucksvolle Splattereffekte genießen. Beklemmender Psycho-Horror, den man aus manchen ähnlich gearteten Kinofilmen gewöhnt ist, will sich jedoch nicht einstellen. Wie gesagt, nach zwei Folgen kann noch viel passieren, aber angefixt wurde ich bislang nicht. Dass die ersten 6 Episoden (Season 2 kommt im Oktober '11) doch eher durchschnittlich waren, findet auch Oliver Nagel im Britcom-Blog (Spoiler!).

Rubicon (AMC) 
Eine Serie, die sich Zeit lässt, um ihre Geschichte zu erzählen. Viiiel Zeit. Die Schauspieler sind gut, die Musik ist stimmig, aber der Plot - mächtige Männer in einer fiktiven Behörde sind in finstere Machenschaften verstrickt - geht nur schleppend voran. Eine zweite Staffel wurde abgelehnt.
Ich bin übrigens neuerdings ein Fan von "Kurzstaffeln" mit nur ca. 12 Folgen wie bei Rubicon und Dexter. Ich schließe mich da den Ausführungen von Matthew Wrather auf overthinkingit.com an.

The Office (NBC) 
Die Büro-Mockumentary läuft inzwischen in ihrem (verflixten) 7. Jahr, und die Luft ist langsam raus. Das hat wohl auch Hauptdarsteller Steve Carell gemerkt, der nach dem Ende dieser Staffel aussteigen wird. Insgesamt wirken die Charaktere lustlos und sind alle viel gemeiner zueinander. Auch einen bedeutenden story arc scheint es diesmal nicht zu geben. Die Weihnachtsfolge war trotzdem ein Highlight, und ich freue mich immer noch auf neue Folgen.

Family Guy (FOX) 
Warum ich mir diesen Dreck noch anschaue, ist mir schleierhaft. Vielleicht ist es die stille Hoffnung, dass doch irgendwann mal wieder ansatzweise das Niveau von vor 5 Jahren erreicht werden kann. Man merkt dieser Serie an, dass die Macher ihre eigenen größten Fans sind, und das ist Gift! Die Figuren agieren ausnahmslos out of character, die Tabubrüche werden immer lahmer, die Running Gags immer gezwungener, und diese moderne US-Großstadt-Satzmelodie - die übrigens auch bei den Simpsons Einzug findet - nervt gewaltig ("Yeeeeah, that's ... not gonna happen."). Der absolute Tiefpunkt wurde erreicht, als in Folge 9.02 der rechts-populistische Talkshow-Host Rush Limbaugh als Gaststar auftrat und ungeniert Werbung für Konservatismus machen durfte. Cancel it. Now!

South Park (Comedy Central) 
Alles richtig macht hingegen South Park. Auch hier geht es öfters unter die Gürtellinie, aber hier ist es wenigstens witzig und vor allem werden hier richtige Geschichten erzählt. Und die Objekte des Spottes haben es auch verdient. Ein Beispiel: South Park würde sich über die Besitzer von iPhones lustig machen; Family Guy würde sich über das Kind lustig machen, das in der Schule gemobbt wird, weil es kein iPhone hat. Außerdem steigt die Qualität der Animation bei SP kontinuierlich.

The Big Bang Theory (CBS) 
Ganz klar: TBBT ist seit vier Jahren die beste Sitcom. Es vergehen im Grunde keine 10 Sekunden, in denen man nicht lachen muss. In letzter Zeit verleiht man auch den Nebenfiguren mehr Tiefe, v.a. den Freundinnen. Pflichtprogramm nicht nur für Nerds!

Community (NBC) 
Ich kann nicht verstehen, warum dieses Juwel der Unterhaltung nur durchschnittliche Quoten und Kritiken einholt. Die Serie um eine verrückte Lerngruppe an einem Community College kann es von der Gagdichte locker mit TBBT aufnehmen. Vielleicht sind die zahlreichen Anspielungen auf Film- und andere Popkultur-Klischees zu anspruchsvoll? Oder die Dialoge sind einfach zu schnell, als dass man den Witzen unangestrengt folgen könnte (Ich kann Community auch nur mit Untertiteln schauen)... Zu hoffen ist jedenfalls, dass es nächstes Jahr eine dritte Staffel geben wird.

Anm. 2023: Haha, mein Furor bzgl. "Family Guy" war ja goldig. Wie gut, dass ich dennoch drangeblieben bin, sonst wäre mir entgangen, wie diese Cartoonreihe später wieder die Kurve gekriegt hat. "The Event" wurde übrigens nach nur einer Season abgesetzt.
Wenn ich Lust habe, hole ich irgendwann auch noch das 2011er-Roundup hervor.

Montag, 12. Dezember 2022

Kurz notiert: Barack in England

Na so was! Da habe ich mich jahrelang, nicht zuletzt in diesem Blog, darüber echauffiert, dass es in keiner einzigen deutschen (Ton-)Medienanstalt jemand schafft, sich die korrekte Aussprache des Vornamens von Barack Obama draufzuschaffen – und dann höre ich heute in einer Folge von "Mid Morning Matters with Alan Partridge", wie gleich zwei britische Personen den Namen Barack aussprechen: nämlich genau so falsch wie hierzulande, auf der ersten Silbe betont und nahezu wie das Wort barrack, /ˈbæɹ.ək/.




Die Aussprache sieht man auf den Snapshots natürlich nicht, aber Bilder sind immer hilfreich, sind sie nicht? Nun muss man dazu sagen, dass die Serie im Jahr 2010 produziert wurde; wer weiß, womöglich hatte es der Name des 44. US-Präsidenten bis dahin noch nicht auf die Insel geschafft? (Quatsch.) Da fällt mir ein, dass in einem Kriegsstrategiespiel – ich glaube, in irgendeinem Teil der "Command & Conquer"-Reihe – das Wort barracks, also "Kaserne", konsequent mit "Baracken" übersetzt wurde, was natürlich legitim ist, weil Kaserne die ältere Grundbedeutung von "Baracke" ist, trotzdem kam es mir immer daneben vor.

Und noch etwas fällt mir in dem Zusammenhang ein. Als 2021 der ehemalige amerikanische Außenminister Colin Powell gestorben war, fragte ich mich, ob unsere Qualitätsmedien dessen Vornamen, der in der turbulenten George-W.-Bush-Ära zeitweise täglich zu hören war, noch richtig hinkriegen. Ich schaute mir in der Mediathek den entsprechenen Tagesschau-Clip an und wurde nicht enttäuscht, es wurde die zugegeben verbreitetere, aber in diesem Fall inkorrekte Aussprachevariante gewählt (links):


Ah, es tut gut, sich mal wieder aufzuregen!

Freitag, 28. Oktober 2022

Es ist Deutschland hier

Weil kürzlich der Wortvogel "Fake Germany" zum Thema hatte: Auf meiner Festplatte lagen noch zwei Screenshots, die ich von der HBO-Serie "The Staircase" (dazu demnächst mehr) gemacht hatte. Einmal mehr musste auch ich mich darüber wundern, dass selbst High-prestige-Produktionen regelmäßig auf eine realistische Darstellung Deutschlands pfeifen.


Dass es keine eigenständige Gemeinde namens Graefenhausen (sic) auf deutschem Boden gibt: geschenkt. Aber dass man nicht mal einen unterbezahlten Praktikanten ein paar Minuten googeln lassen kann, wie deutsche Autokennzeichen funktionieren, ist schwach. Und ganz ehrlich: Gibt es Häuser, wie wir sie auf den obigen Fotos sehen, irgendwo in Deutschland? Ich kann es mir nicht vorstellen; die Architektur, die Anordnung, sie wirken schlichtweg falsch.

Das dumpfe Gefühl der Falschheit beschlich mich auch in einer Folge von "Person of Interest", als nämlich in einer in Berlin spielenden Szene ein einzelner Streifenpolizist durch einen Bahnhof patrouillierte. Zwar weiß Wikipedia: "Eine Streife kann allein oder zu mehreren (bis zur Zug- oder Gruppenstärke) erfolgen, wobei die häufigste Form der Streifengang zu zweit ist", doch wann hat man bitte zuletzt einen unbegleiteten Schutzmann ABV-mäßig durch den öffentlichen Raum wandeln sehen? Fehlte nur noch, dass der Cop pfeifend seinen Schlagstock am Handgelenk schwingen ließ. Unnötig zu erwähnen, dass die Uniform aus reiner Fantasiekleidung bestand.

Montag, 17. Oktober 2022

Kurz notiert: Vampirische Shows

Sehe ich das richtig, dass in den letzten Wochen nicht weniger als vier Serien angelaufen sind, in denen es um Vampire geht? Nämlich:
- Reginald the Vampire (SYFY)
- Vampire Academy (Peacock)
- Interview with the Vampire (AMC)
- Let the Right One In (Showtime)
Nun, ich werde keine davon anschauen, denn ich mag nichts, wo Vampire drin vorkommen. Verklagt mich doch!

Freitag, 15. Juli 2022

Geister-Credit-Jagd

Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal eine Bearbeitung in der englischsprachigen Wikipedia durchgeführt, worauf ich sehr stolz bin. Nun gut, die Bearbeitung bestand lediglich in der Entfernung eines Links. Aber der Reihe nach.

Letzte Woche verstarb der amerikanische Schauspieler und Komiker Larry Storch im Alter von 99 Jahren. Beim Durchstöbern seiner Filmographie entdeckte ich, dass er einer der drei Hauptdarsteller der 1975er Sitcom "The Ghost Busters" war, auf der die Zeichentrickserie "Ghostbusters" basierte, die man nicht mit der Trickserie "The Real Ghostbusters" verwechseln darf. Nur Letztere drehte sich um die vier Geisterjäger aus den erfolgreichen Filmen mit Bill Murray & Co. Tatsächlich hatte sich Columbia die Namensnutzungsrechte von der Produktionsfirma Filmation erst erkaufen müssen. Nach dem Erfolg der Geisterkomödie reaktivierte Filmation sein altes Franchise wieder, und so kam es, dass Mitte der Achtzigerjahre in den USA zwei Ghostbuster-Shows parallel liefen. Ich mochte als Kind beide, und nostalgisch scrollte ich mich durch die Episodenliste von "Filmation's Ghostbusters".

Für Folge 44, "That's No Alien", sind zwei Personen als Autoren angeführt, Mark Nasatir und Charles Kaufman. Hinter dem Namen des zweiten führte ein Link zu dem Wikipedia-Eintrag "Charles Kaufman (Screenwriter)". Ich überflog ihn und stutzte: Dieser Autor (1904-1991) war 1963 gemeinsam mit Wolfgang Reinhardt für einen Oscar für das beste Originaldrehbuch, nämlich das für "Freud", nominiert worden. Dieses Biopic ist sein letzter Eintrag in der imdb; auch die deutsche Wikipedia weiß: "Nach dieser Produktion trat Kaufman nicht mehr als Drehbuchautor in Erscheinung." Und nahezu unbemerkt soll so ein renommierter Schreiber mehr als 20 Jahre später aus dem Ruhestand getreten sein, um an dem Script für eine Animationsserie mitzuschreiben? Das konnte nicht sein. Mit wenig Aufwand spürte ich in der imdb einen weiteren Charles Kaufman auf (Nr. III), und unter dessen Credits findet sich in der Tat ein Eintrag für die entsprechende "Ghostbusters"-Episode. Und nicht nur das: Herr Kaufman hat außerdem für "The Real Ghostbusters" (die später in "Slimer! and the Real Ghostbusters" umbenannt wurde) geschrieben! Da diese verdienstvolle Arbeit offenbar nicht ausgereicht hat, um dem Mann einen eigenen Wikipedia-Artikel zu spendieren, blieb mir nichts anderes übrig, als die falsche Verknüpfung zu löschen und den Namen Charles Kaufman unverlinkt zu lassen.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Into the Learoverse

In meinem "Saturday Night Live"-Durchlauf noch nicht gesehener Staffeln war neulich Episode 29x17 dran (10. April 2004). Host war Janet Jackson, ein Gig, der sich hauptsächlich dem Umstand verdankte, dass Amerika während jener unschuldigen Zeit wochenlang über nichts anderes redete als über den Super Bowl nip slip. (Die Älteren werden sich erinnern.) Jacksons Verpflichtung begünstigte aber auch das Zustandekommen eines Sketches, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte: der Parodie einer Sitcom namens Good Times, in welcher die junge Janet Jackson eine wiederkehrende Rolle gehabt hatte. Nebenbemerkung: Wer sich den verlinkten Youtube-Clip anschaut, wird den vor allem aus Curb Your Enthusiasm bekannten Komiker J.B. Smoove entdecken; der hatte sich nämlich als Ensemblemitglied bei SNL beworben, ist dann "nur" im Schreibteam gelandet, war aber hin und wieder vor der Kamera zu sehen, und dies dürfte sein markantester Auftritt gewesen sein.

Ich wollte Näheres über die Serie wissen und erfuhr so allerlei. "Good Times" lief von 1974 bis 1979 in sechs Staffeln auf dem Sender CBS und wurde produziert von Norman Lear. Und dieser Kerl ist nicht weniger als eine Legende. Er wird nächsten Monat 100 Jahre alt und hat in seiner jahrzehntelangen Karriere Formate entwickelt, die aus der amerikanischen Popkultur nicht wegzudenken sind. Dass er auch bei "The Princess Bride" mitwirkte, ist da nur eine Fußnote. Wie es Gevatter Zufall so will, stolperte ich wenige Tage nachdem ich genannte SNL-Folge gesehen hatte, auf die Meldung, dass ein animiertes Reboot von "Good Times" noch dieses Jahr auf Netflix starten soll – produziert vom unermüdlichen Norman Lear! Leider finde ich die Nachricht nicht mehr; die meisten News dazu stammen von 2020 und vermelden, dass sowohl Seth MacFarlanes Produktionsfirma Fuzzy Door als auch der Basketballspieler Steph Curry darin involviert sein sollen.

"Good Times" ist eine in zweifacher Hinsicht typische Lear-Produktion. Erstens war sie für das Sitcom-Genre einigermaßen fortschrittlich insofern, als sie gesellschaftliche Vielfalt abbildete, das durchschnittliche US-Publikum auch vor unangenehmen Themen nicht verschonte und von der Unterhaltungsindustrie oft übersehene Schichten in den Fokus rückte, in diesem Fall eine von Fortuna nicht gerade begünstigte Schwarze Familie aus den projects (Stichwort Cabrini-Green). Dass die Zuschauer in den wilden Siebzigern durchaus offen für solche Stoffe waren, zeigte sich in den herausragenden Quoten, die erst nach Besetzungsänderungen infolge interner Querelen peu à peu einbrachen.

Das zweite Lear'sche Trademark, für das "Good Times" beispielhaft steht, ist sein, Lears, Geschick darin, die Networks zu überzeugen, eine Kuh bis zum Äußersten zu melken, dabei aber regelmäßiger Frischzellenkuren zu unterziehen, wenn mir diese schiefe Tiermetapher gestattet sei. "Good Times" gilt als das erste Spin-off eines Spin-offs der Fernsehgeschichte. Eine der Hauptfiguren in "Good Times" entstammte der Sitcom Maude: Florida Evans (gespielt von Esther Rolle) hatte die beim Publikum überaus beliebte Haushälterin der titelgebenden Maude verkörpert, und auch ihr Mann Henry Evans (John Amos, u.a. bekannt aus den "Prinz aus Zamunda"-Filmen) war schon bei "Maude" aufgetaucht, wurde für "Good Times" dann allerdings in James umbenannt. Er und Lear überwarfen sich nach Staffel 3, was dazu führte, dass die Figur des James aus der Serie geschrieben = off-screen getötet wurde. So was kennt man ja. Etwas befremdlicher dürfte dagegen die Entscheidung gewirkt haben, die 5. Staffel – nach ungehörten Beschwerden der Darstellerin – ohne die Hauptfigur Florida über den Äther laufen zu lassen, bevor diese in der finalen 6. Staffel zurückkehrte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Einschaltquoten jedoch schon im Sinken begriffen.

Man sieht: Hinter den Kulissen war nicht alles eitel Sonnenschein, doch der Erfolg gab dem Prinzip Lear recht. In der TV-Saison 1974/75 hatten drei der zehn meistgesehenen Serien einen überwiegend afro-amerikanischen Cast, und an allen dreien war Norman Lear beteiligt: "Good Times", "The Jeffersons" und "Sanford and Son". Über die letzten beiden sind separat ein paar Worte zu verlieren. Und zwar jetzt.

Sanford and Son brachte es von 1972 bis 1977 auf 136 Episoden in sechs Staffeln. Den ins Ohr gehenden Titelsong dürfte man auch hierzulande schon mal gehört haben. Weniger bekannt ist, dass die Serie ein Remake der BBC-Produktion Steptoe and Son war (8 TV- und 6 Radio-series, zwei Filme, 1962-1976). Norman Lear war Ausführender Produzent und Co-Developer, tauchte aber nie in den Credits auf, was daran gelegen haben mag, dass er mit dieser NBC-Show quasi seine eigene Konkurrenz lanciert hatte, nämlich zu "All in the Family" auf CBS (dazu gleich). Vater Sanford verkörperte die Stand-up-Legende Redd Foxx (warum hat der keinen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag?), den Sohn Demond Wilson (* 1946). Fun fact: An zwei Drehbüchern von "Sanford and Son" war eine weitere Stand-up-Legende beteiligt, nämlich Richard Pryor! 1977 gab es den Versuch eines Spin-offs ohne die zwei Hauptcharaktere: Von Sanford Arms wurden, mit Norman Lear als Consultant, acht Folgen produziert, vier davon ausgestrahlt, die restlichen vier erst im Rahmen einer Wiederholung 1991. Etwas erfolgreicher war Sanford (1980-1981), das wieder Redd Foxx in seiner alten Rolle zeigte (das Fehlen seines Sohnes wurde damit erklärt, dass dieser an der Trans-Alaska-Pipeline mitarbeitete); Lear hatte damit nichts mehr zu tun.

Noch einmal nach Großbritannien. Dort liefen von 1965 bis 1975, zum Teil noch in schwarz-weiß, sieben Staffeln der Serie Till Death Us Do Part. Aufgrund der berüchtigten Wiping-Praxis der BBC – Bänder wurden routinemäßig überspielt oder gelöscht – sind 16 der 54 Episoden verschollen. Großen Einfluss erlangte die Sitcom so oder so, nicht nur in der Heimat: Etliche Remakes erblickten im Ausland das Licht der Welt, darunter die deutsche Kultreihe Ein Herz und eine Seele und in den USA eben All in the Family. Mit dieser Blue-collar-Comedy landete Schöpfer Norman Lear, wenn auch anfänglich eher bei den Kritikern denn beim Publikum, seinen ersten und gleichzeitig epochalsten Hit. Der TV Guide hievte "All in the Family" auf Platz 4 seiner Liste der "50 Greatest TV Shows of All Time", die Writers Guild of America wählte sie zur viertbestgeschriebenen Serie aller Zeiten, und der Sender Bravo kürte die Hauptfigur Archie Bunker zum "Greatest TV Character". "All in the Family" führte fünf Jahre in Folge die Nielsen-Ratings an, das war vorher noch keinem Format gelungen. CBS ließ zwischen 1971 und 1979 insgesamt 205 Folgen in neun Staffeln produzieren und ausstrahlen. (Bemerkenswert: Knapp zwei Jahrzehnte später startete auf diesem Sender mit King of Queens eine ebenfalls über neun Seasons, sogar mit zwei Folgen mehr, laufende Serie, die sich mit "All in the Family" den Schauplatz teilte.)

Die Serie um Carroll O'Connor als bigotten, aber liebenswerten Familienvater war nicht nur quotenmäßig bahnbrechend, sondern auch inhaltlich. Themen, die zuvor als tabu galten, wurden hier regelmäßig zur besten Sendezeit verhandelt, so etwa (ich übersetze die englischsprachige Wikipedia) Rassismus, Antisemitismus, Untreue, Homosexualität, Emanzipation, Vergewaltigung, Religion, Fehlgeburten, Abtreibung, Brustkrebs, der Vietnamkrieg, Menopause und Impotenz. Wohlgemerkt hat man diese heiklen Terrains nicht erst aufmerksamkeitsheischend in späteren Staffeln betreten; die meisten davon spielten bereits in Season 1 eine Rolle. Später wurden auch noch behandelt: Arbeitslosigkeit, Schusswaffenreglementierung, Partnertausch, Kleptomanie, Hassverbrechen, Spielsucht, geistige Behinderung, Organspende, Cross-dressing, häusliche Gewalt, Medikamentenmissbrauch, Depression, Altersdiskriminierung, Sterbehilfe und, das noch als kleines Kuriosum, Behördenchaos durch Computerfehler (im Jahr 1973!). Jawohl, ich habe soeben alle Inhaltsangaben gelesen. Der Humor kam trotzdem nie zu kurz. Für den gigantischsten Brüller – das Live-Publikum lachte so lange, dass die Szene für die Ausstrahlung stark geschnitten werden musste – sorgte Sammy Davis Jr. (ja, von solchem Kaliber waren die Gaststars), der Archie einen Knutscher auf die Wange versetzte.

Mit dem Finale der 2. Staffel wurde dann das erste Spin-off eingeleitet, die Folge "Maude" war der Backdoor pilot für die gleichnamige Serie, nachdem die Figur der Maude in Episode 2x12 als Cousine von Archies Frau Edith Bunker (Jean Stapleton) eingeführt worden war. Bis 1978 sollte Beatrice "Bea" Arthur (später eines der drei Golden Girls) in der Rolle der an Norman Lears damalige Ehefrau Frances angelehnte Maude Findlay schlüpfen. Galt "All in the Family" schon als progressiv, sollte "Maude" im Verlauf ihrer sechs Seasons noch mehrere Schippen drauflegen, womit Unmut in konservativen Kreisen programmiert war. Die zu Beginn 47 Jahre alte, zum vierten Mal verheiratete Maude war eine ultra-liberale Feministin und ging als erste fiktive Person im US-Fernsehen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch unterzieht, in die Annalen ein. Schon in der ersten Staffel, rund zwei Monate vor der wegweisenden Supreme-Court-Entscheidung Roe v. Wade, lief die entsprechende Episode, die zu wiederholen sich Dutzende Affiliates weigerten. Auch von der ersten Staffel an dabei war Haushaltshilfe Florida, die schließlich 1974 ihre eigene Serie erhielt; siehe oben.

Und damit schließt sich der Kreis ... noch nicht ganz: Noch vor Maude, nämlich direkt im Piloten von "All in the Family", wurde der Nachbar der Bunkers, George Jefferson, eingeführt. George und seine Familie verabschiedeten sich in Folge 5x16 ("The Jeffersons Move Up") nach Manhattan. Die Black comedy The Jeffersons konnte sich sagenhafte elf Staffeln lang halten, mit 253 Episoden bis 1985. Weniger Glück war dem Hausmädchen der Jeffersons, Florence Johnston (Marla Gibbs), beschieden, deren Ableger Checking In 1981 nach gerade mal vier Folgen abgesetzt wurde. "The Jeffersons" spielt außerdem im selben Serien-Universum wie E/R (1984-1985, nicht zu verwechseln mit "ER", bei uns "Emergency Room"): Eine der darin vorkommenden Krankenschwestern (Lynne Moody) ist die Nichte von George und Louise Jefferson.

Wenn vorhin der Eindruck entstanden sein sollte, Familie Bunker habe sich "nur" bis 1979 die Ehre gegeben, so stimmt das nicht. Denn angesichts des anhaltenden Erfolgs bestand CBS auf einer zehnten Staffel, während Norman Lear nach dem Motto "Aufhören, wenn es am schönsten ist" einen Schlussstrich ziehen wollte. Der Kompromiss war eine Fortsetzung mit neuem Setting und neuem Titel: Archie Bunker's Place war geboren. Jean Stapleton, die ebenfalls das Gefühl gehabt hatte, die Luft sei raus, ließ sich zu fünf Gastauftritten als Edith Bunker in der ersten Staffel breitschlagen. Ab Season 2 war Archie dann Witwer, Edith war mit einem tödlichen Schlaganfall aus der noch bis 1983 fortgesetzten Reihe gezaubert worden. Die finale, 29. (!) Episode der dritten Staffel stellte dann einen weiteren Backdoor pilot dar, nämlich für Gloria. Darin behauptete sich Archies Tochter (Sally Struthers) 21 weitere Folgen lang als alleinerziehende, von ihrem Partner (Rob Reiner) sitzen gelassene Mutter in Upstate New York.

1994, elf Jahre nach Archies Schwanengesang, wurde Amerika noch einmal in die alte Bunker-Residenz in Queens eingeladen. Das Haus auf der Hauser Street wurde nämlich von Ernie Cumberbatch (John Amos aus "Good Times") und seiner Familie bezogen. Die Serie 704 Hauser, die nach sechs Episoden nicht verlängert wurde, war eine Art "All in the Family" mit umgekehrten Vorzeichen ("A pair of liberal black parents struggles with their conservative son and his white girlfriend"; Wikipedia) und sollte laut Norman Lear ein Zeichen setzen in einer Phase, da reaktionäre Radioformate wie das von Rush Limbaugh fröhliche Urständ feierten – wie auch schon die Radio-Predigten des Antisemiten Charles Coughlin die Initialzündung für den neunjährigen jüdischen Norman gewesen waren, sich zeit seines Lebens auf die Seite marginalisierter Gruppen zu stellen.

Ungefähr zur selben Zeit, da Norman Lear fürchtete, "All in the Family" würde seinen Drive verlieren, nahm er sich vor, auch "Maude" einen Tapeten-, konkret: einen Ortswechsel zu verpassen. Im dreiteiligen Finale der 6. Staffel geht Maude als Kongressabgeordnete nach Washington. Bea Arthur war von dieser Neuausrichtung nicht überzeugt, zumal die Quoten zuletzt ein bescheidenes Niveau erreicht hatten, und ließ sich auf keine Vertragsverlängerung ein. Lear, nach wie vor an das Konzept glaubend, ersetzte kurzerhand die Hauptfigur mit einem afro-amerikanischen Mann (zunächst abermals John Amos, nach "kreativen Differenzen" jedoch Cleavon Little) und realisierte drei Halbstünder von Mr. Dugan. Keine davon wurde gesendet, der Hauptgrund dafür war ein lautstarker Einspruch seitens des Congressional Black Caucus: Die Darstellung des inkompetenten Nachrücker-Politikers Mr. Dugan sei dem Fortkommen der Community nicht dienlich ("The impact would be disastrous"). Lear sah die Bedenken ein, überarbeitete die Drehbücher – jetzt ging es um einen Footballspieler, der über Nacht Präsident einer Hochschule wird – und konnte schließlich im August 1979 die Iteration Hanging In platzieren. Die CBS-Seher hatten kein Interesse daran, auch wenn die zentrale Figur des Lou Harper mit Bill Macy, der ihnen als Maudes Gemahl vertraut war, besetzt worden war. Nach vier Folgen (das scheint die Schicksalszahl zu sein) wurde "Hanging In" gecancelled.

Die gelegentlichen Flops werden durch die Meilensteine, die Norman Lear gesetzt hat, locker aufgewogen. Man kommt an diesem fünffachen Emmy-Gewinner nicht vorbei. Übrigens führt die imdb "All in the Family" unter dem deutschen Titel "Es bleibt in der Familie". Lief die Bunker-Saga womöglich irgendwann synchronisiert im BRD-Fernseh? Ich bin zum Recherchieren zu erschöpft; während ich diesen Beitrag verfasst habe, hätte ich locker "Sanford Arms" und "Checking In" durchbingen können. Dank und Glückwunsch allen, die mir bis hierher gefolgt sind!
 

Freitag, 13. Mai 2022

Keiner Fliege was zuleide?

Im Abspann der Miniserie "Why Didn't They Ask Evans?" (hier besprochen) fiel mir etwas auf.


In der obligatorischen Beteuerung, dass während des Drehs keine Tiere zu Schaden gekommen sind, wird hier explizit darauf hingewiesen, dass dies auch auf Insekten zutreffe: "No insects or animals were harmed". Die gelegentliche Unterscheidung von Insekten und Tieren in der englischen (Umgangs-)Sprache fand ich schon immer befremdlich. Wie im Deutschen umfasst die Definition von "Tier" = animal selbstverständlich auch die extrem artenreiche Klasse der Insekten, dennoch kommt die Frage "Are insects animals?" regelmäßig auf.

Abgesehen von der eigenwilligen sprachlichen Sonderbehandlung der Kerbtiere finde ich den Disclaimer reichlich großspurig. Es kann mir doch niemand versichern, dass während der gesamten Produktion keine einzige Ameise zerquetscht wurde. Oder ein noch kleineres Tierchen versehentlich getötet wurde. Der Stab wird ja nicht exklusiv aus Jains bestanden haben, die gemäß dem Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) stets einen Handfeger bei sich tragen, um Kleinstlebewesen vom Set zu fegen, auf dass diese nicht zertreten werden.

Da fällt mir ein, dass ich einmal die Möglichkeit hatte, bei den Spezifikationen für die Bordmahlzeit auf einem Langstreckenflug "Jain meal" zu wählen. Davon machte ich Gebrauch. Die Speisevorschriften im Jainismus lauten, kurz: Kein Fleisch, kein Honig, keine Eier und nichts, was unter der Erde wächst (also auch keine Zwiebeln, was ganz in meinem Sinne ist). Über den Grund für Letzteres gibt es verschiedene Aussagen. Manchmal heißt es, weil man beim Herausziehen von Wurzelgemüse und ähnlichem im Boden lebende Tiere verletzen könnte; manchmal, dass eine Wurzel zu essen bedeute, der restlichen Pflanze das Weiterleben zu verunmöglichen; schließlich, dass der Verzehr von Knollen und Wurzeln sich verbiete, weil in diesen besonders viele Seelen leben würden. Wahrscheinlich trifft alles zu. Jegliches Leben ist, wie gesagt, den praktizierenden Jains heilig. Das geht so weit, dass einige von ihnen vermeiden, im Dunkeln zu speisen, weil sie dann nicht sehen, ob Insekten an der Nahrung haften und mitgegessen werden könnten. Auch tragen sie selbst in Nicht-Corona-Zeiten einen Mundschutz, um nicht aus Versehen eine Mücke o.ä. einzuatmen. Am besten gefällt mir die jainistische Untergruppe der Digambaras, der "Luftbekleideten". Anhänger dieser Schule verzichten auf Kleidung, sie sind immer nackt. Aber das hat mit Essen und Käfern nur noch am Rande zu tun, weswegen der Beitrag hier endet.

Montag, 16. August 2021

Der Zauberer von Oz

Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich mittlerweile mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit australische Kino- und TV-Produktionen identifizieren kann, wenn ich nur einen Blick auf die Cast-Liste werfe. Von "Glitch" wurde neulich im "Something Awful"-Forum geschwärmt, also suchte ich diese Serie auf imdb, scrollte direkt zum Abschnitt mit den Mitspielenden und wusste sofort: Aha, Australien – fuck it, das guck' ich nicht! (Nichts Gutes kommt aus Australien.)

Dabei bin ich in der australischen Schauspielszene überhaupt nicht sattelfest, im Gegenteil; ich komme durch das Ausschlussverfahren zu meinem Urteil. Von zwölf Namen würde ich mindestens einen wiedererkennen, handelte es sich um einen Film bzw. eine Serie aus den USA oder aus Großbritannien. Wäre es eine irische Produktion, würde ich das an dem einen oder anderen landestypischen Personennamen erkennen, wie auch innerhalb einer kanadischen Besetzungsliste französisch klingende Namen zu erwarten wären, zudem mehr als eine Person of Color. Hm, jetzt bin ich mir unsicher, ob ich ein australisches von einem neuseeländischen Bewegtbildprodukt unterscheiden könnte. Wahllos öffne ich drei imdb-Seiten zu neuseeländischen Serien. Nun gut, bei dem deutschen Titel "Brokenwood: Mord in Neuseeland" ist der Fall von vornherein klar. Bei "Wellington Paranormal" ebenso, bei "Kaitangata Twitch" im Grunde auch. Und wenn man ein bisschen mit Maori-Morphophonologie vertraut ist, weiß man, wo man einen Namen wie Rahiri Wharerau (aus der Comedyshow "Lucy Lewis Can't Lose") einzuordnen hat. Manchmal ist es aber schon tückisch. Was will ich mit dieser Abschweifung eigentlich sagen? Ach ja: Ich bin ein bisschen stolz auf mich, dass ich mittlerweile mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit australische Kino- und TV-Produktionen identifizieren kann, wenn ich nur einen Blick auf die Cast-Liste werfe.

Montag, 12. April 2021

Man kann nicht gut kommunizieren

Als ich neulich wieder einmal grübelte, kam mir der Gedanke, dass ich wahrscheinlich sehr schlecht darin wäre, mich mit Amerikaner(inne)n zu unterhalten, einfach aus dem Grund, dass ich einige ihrer geläufigen Phrasen allzu wörtlich nehmen würde. Zum Beispiel würde ich auf "What did you say your name was?" erwidern: "I haven't told you my name yet." Oder auf "Why don't you take a seat?": "Because you didn't offer me one." Und auf "Do you mind"-Fragen würde ich immer "yes" antworten, wenn es mir was ausmachen würde, und "no", wenn nicht. Auch würde ich mich kaum zurückhalten können, wenn jemandem "irregardless" oder "I could care less" rausrutschte. 

Damit will ich nicht sagen, dass amerikanisches Englisch Sprechende ihre Sprache nicht beherrschen. Im Gegenteil: Sie tun das m.E. um ein Vielfaches besser, als Deutsche Deutsch beherrschen. Man vergleiche nur mal US-Podcasts, wo praktisch jeder Satz sitzt, mit deutschen Podcasts, wo restringierter Code und krudestes agrammatisches Gestammel vorherrschen und Kohärenz und Kohäsion fast komplett aufgegeben werden! Zudem ist man sich "dort drüben" der erwähnten Zweifelsfälle sehr wohl bewusst, was sich in zig Forenthreads zum "Do you mind"-Problem ebenso niederschlägt wie in humoristischer Verarbeitung in der Popkultur. Tatsächlich begegnete mir, kurz nachdem ich über all dies nachgedacht hatte, folgender Dialog in der Comedyserie "Angie Tribeca" (Episode 4x04):

- How old did you say this model was again?
- I didn't. 22. Now I have.

Haha! Man sieht: Gewisse Fälle von "Unlogik" und semantische Widersprüche werden durchaus erkannt. (Die gibt es übrigens auch im Deutschen, man denke an Sätze wie "Ich gehe nicht, bevor ich nicht gegessen habe", wo das zweite "nicht" streng genommen inkorrekt ist.) Sie können und sollten aber ignoriert werden, denn im Alltag weiß man in der Regel, was gemeint ist, und allein darauf kommt es an. Ich sozial inkompetenter Otto sollte mal lieber wieder meine Aufzeichnungen zur Einführung in die Pragmatik hervorkramen statt alles auf die Goldwaage zu legen. Andererseits ist es eh ausgeschlossen, dass ich in absehbarer Zeit mit Menschen aus den USA ins Gespräch komme.

Montag, 22. Februar 2021

Hygiene-Szenen mit Geschmäckle

Wir befinden uns im Jahr 2 der Corona-Pandemie, und es erstaunt mich fast, dass mir in den von mir seit März 2020 konsumierten Medien keine weiteren Stellen begegnet sind, die auf unangenehme Weise an die derzeitige Situation erinnern. Neulich aber doch!

"Es war ein sehr kalter Tag, trotzdem ließ man die hohen Fenster hinter den Schutzgittern weit geöffnet, um den Besuchern die vorbildlichen Gesundheitsregeln der Schule vorzuführen. Die kleinen Mädchen zitterten, während sie steif auf ihren Plätzen standen."

----- Patricia Highsmith: Ladies. Frühe Stories

Das zweite Fundstück ist kein literarisches, muss aber unbedingt in dieser losen Reihe präsentiert werden. Episode 3.20 der Sitcom "Norm" ("Norm vs. Deception", Erstausstrahlung 9.3.2001) enthält etwas, das ich als "Funny Aneurysm Moment" klassifizieren würde, auch wenn "TV Tropes" dazu erklärt: "[A]nything related to a widespread disease, basic hygiene, hoarding of any kind, or something similar to social distancing doesn't inherently mean that there's a connection to the Coronavirus Pandemic."

Jedenfalls ist in dieser Folge Norms Kollege Danny an der Grippe erkrankt, kommt aber trotzdem jeden Tag ins Büro. Sein Chef, Mr. Denby, erscheint deswegen mit einer medizinischen Gesichtsmaske auf Arbeit. Studiogelächter.
Norm: "Sir, finden Sie es nicht ein bisschen verrückt, eine Maske zu tragen?"
Denby: "Was reden Sie da? Michael Jackson trägt auch eine Maske, und der ist völlig normal."
Norm: "Hören Sie, Mr. Denby, das ergibt doch keinen Sinn. Danny ist erkältet, meinen Sie nicht, Danny sollte die Maske tragen?"
Denby: "Oh, das stimmt. Sanchez! Ziehen Sie die an." [nimmt die Maske ab und überreicht sie Danny, der sie sich aufsetzt]
Norm: "Wobei ... die Erkältung ist wahrscheinlich schon in der Luft ... vielleicht sollten doch Sie die Maske tragen."
[Danny hustet in die Maske]
Denby: "Da haben Sie recht ..." [zu Danny] "Geben Sie mir die zurück." [nimmt sie ihm ab und setzt sie sich wieder auf; das Publikum stöhnt angewidert]


Das war heftig.

Sonntag, 27. Dezember 2020

Das Lucas-Evangelium

Dies ist eine Art Fortsetzung meiner kleinen Reihe mit Beobachtungen zum Aufeinandertreffen von Realität und Phantastik; diesmal nicht die Welt von Eis und Feuer, sondern einen vergleichbar großen Kosmos betreffend.

Dass "Star Wars" vereinzelt biblische Motive und Parallelen zum Alten Testament aufweist, ist bekannt. Jedoch habe ich in einem der jüngsten Ableger des Franchise', der Serie "The Mandalorian", zwei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass das Christentum bzw. dessen heilige Schriften in der "weit, weit entfernten Galaxis" tatsächlich bekannt (gewesen) sein könnten. In Kapitel 5 ruft Peli Motto, die von Amy Sedaris verkörperte Mechanikerin mit Südstaaten-Anmutung, "Geez!". Dass man ihr keinen lore-internen Ausdruck wie den oft gehörten Fluch "Dank farric" in den Mund gelegt hat, sondern die Kurzform von "Jesus", finde ich bemerkenswert, auch wenn keine besondere Absicht dahinter gesteckt haben mag. Denkt man genauer darüber nach, kommt man zu dem Schluss, dass der Jesus aus dem Kulturkreis des Planeten Erde einst als Idee – zumindest auf Tattooine – existiert haben muss.

Zum zweiten Mal stutzte ich dann in Chapter 9: Da wird ein Krayt-Drache als "Leviathan" bezeichnet. Der Leviathan kommt an fünf Stellen im Tanach vor und wird als feuerspeiendes, schuppiges Seeungeheuer beschrieben. Woher kennen die Bewohner des Star-Wars-Universums ein solches Tier und das hebräische Wort dafür? Ist einst das Buch Hiob im Umlauf gewesen? Oder ist das Konzept des Leviathans als (ziemlich konkret imaginierte) Sagengestalt mündlich überliefert worden, so dass man ihn noch zu der Zeit, in der "The Mandalorian" spielt, als Vergleich heranziehen kann?

Ich werde weiterhin Ohren und Augen offen halten, um ähnliche Referenzen aufzuspüren.

Samstag, 26. September 2020

Kurz notiert: Noch eine Doppelbegegnung

Kurz nach dem mysteriösen zweifachen Antreffen des arabischen Wortes für "stopp" begegnete mir etwas anderes, das ich bis dahin nicht kannte, an zwei Tagen hintereinander. In Episode 11 der 2. Staffel von "The Expanse" wird der Alternativname für die Kornblume, Zyane, abgefragt. Diese Episode sah ich am Donnerstag, und am Freitag las ich in der aktuellen Ausgabe des Sprachreports einen Artikel über den Scrabble-Duden, in dem es ebenfalls kurz um Zyanen (also das Wort) ging!

Auch das kann man gewiss wieder mit "perceptual priming" wegerklären, nur: Bis zum Donnerstag kannte ich das fragliche Wort überhaupt nicht. Oder lag es bereits irgendwo in meinem passiven Wortschatz vergraben? Dann stellt sich trotzdem abermals die Frage nach der Wahrscheinlichkeit für das Doppelauftreten dieses nicht eben häufigen Lexems. Nun gut, ich lese, schaue, höre sehr viel, da bleiben diese unheimlich scheinenden Phänomene nicht aus und werden sich bestimmt in Zukunft noch mehr als einmal zeigen. Grund, ein entsprechendes Tagebuch anzulegen oder eine feste Blog-Kategorie daraus zu machen, sollte das nicht sein. Also Schluss jetzt damit!

Dienstag, 4. Februar 2020

Ver-Flucht?

Ein krasser Fall von Mehrfachbegegnung, der nicht mit perceptual priming erklärt werden kann, widerfuhr mir in den vergangenen drei Tagen.
Es begann damit, dass ich im Rahmen meines nun schon über Jahre sich hinziehenden Projekts, "Scrubs" nachzuholen, eine Episode sah, in welcher der Hausmeister gesteht, in dem Film "Auf der Flucht" (OT: "The Fugitive") mitgespielt zu haben, nachdem er von JD, der sich diesen Thriller eines Tages anschaute, darin erkannt worden ist. (Diese Referenz kam nicht von ungefähr, sondern, wie ich später auf "TV Tropes" überprüfte, daher, dass Neil Flynn, der "Janitor", tatsächlich eine Rolle in "The Fugitive" hatte.) 
Heute morgen schaute ich mir John Mulaneys Stand-up-Special "The Comeback Kid" von 2015 an, und an einer Stelle bezieht sich der Komiker immer wieder auf eine Szene in ebenjenem Film.
Und dann scrolle ich wenige Stunden später durch Serienjunkies.de und lese was? "Der Streamingservice Quibi hat einen ersten Teaser zum Serienreboot des 1993 erschienenen Harrison-Ford-Films The Fugitive alias Auf der Flucht veröffentlicht."
Welche spukhaften Kräfte sorgen dafür, dass ich in kürzester Zeit dreimal mit einem 27 Jahre alten Spielfilm konfrontiert werde, zweimal davon via unzusammenhängende Fernsehproduktionen, die ihrerseits schon wieder etliche Jahre auf dem Buckel haben? Darüber hinaus: Was macht diesen (durchaus soliden) Actionkrimi mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones sooo bedeutsam, dass man noch ewig nach seinem Release Witze darüber machen konnte und jetzt sogar eine Wiederauflage für geboten bzw. erfolgversprechend hält? Tatsache: "The film was highly acclaimed by both critics and moviegoers, spending six weeks as the #1 film in the United States. It was also nominated for seven Academy Awards, including Best Picture" (tvtropes.org). Das war mir nicht bewusst, als ich ihn im Fernsehen sag; bei der Kinopremiere war ich noch klein. Aber dass "Auf der Flucht" deswegen geradezu unvermeidlich sein soll, akzeptiere ich nicht.

Donnerstag, 1. August 2019

Und täglich grüßt "Und täglich grüßt das Murmeltier"

Mich fesseln, wie schon oft erwähnt, Zeitanomalien in Filmen, Serien, Büchern und Spielen sehr, und eine spezielle Form, nämlich das Zeitschleifenszenario, weiß mich jedes Mal aufs Neue zu unterhalten. Das liegt auch daran, dass es seit 1993 mit dem Referenzwerk Und ewig grüßt das Murmeltier (ausgerechnet eine romantische Komödie!) gar nicht sooo viele Vertreter dieses Sci-Fi-Subgenres gegeben hat – bis vor einigen Jahren. Das ist zumindest mein Gefühl. Natürlich tauchten Time loops immer wieder in der Populärkultur auf, beispielsweise in der hervorragenden Akte X-Episode "Monday", aber seit ca. 2015, kurz nach dem (nicht übermäßig erfolgreichen, aber positiv aufgenommenen) Edge of Tomorrow, gibt es eine deutliche Häufung. Zu nennen sind z.B. die Romanverfilmung Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie, das koreanische Drama A Day und der mittlerweile fortgesetzte Horrorstreifen Happy Death Day (alle 2017). Letztes Jahr kam dann die Romanze When We First Met in die Kinos, und dieses Jahr zeigte Netflix die turbulente, u.a. von Amy Poehler mitproduzierte Serie Matrjoschka (OT: Russian Doll). Im deutschen Fernsehen wusste der ungewöhnliche Ulrich-Tukur-Tatort "Murot und das Murmeltier" zu überzeugen. Auch im Videospielbereich feiert das Trope fröhliche Urständ: Im kürzlich erschienenen Open-World-Erkundungs-Game Outer Wilds hat der Spieler 22 Minuten Zeit, um den Planeten, auf dem er gestrandet ist, zu erkunden, bevor eine Supernova ihn zurückwirft. Und auf der E3 wurde der interaktive Thriller Twelve Minutes und der Shooter Deathloop vorgestellt (beide 2020).

Solange der "Groundhog Day"-Fluch in unterschiedlichen Genres auftaucht und die theoretischen Rahmenbedingungen auch mal variiert werden, bin ich gern bereit, mir das alles reinzuziehen. Aber ich hoffe inständig, dass diese Prämisse in den kommenden Jahren nicht totgeritten wird und eine Zeitschleifen-Übersättigung stattfindet. Sonst denkt man sich nämlich irgendwann: Hm, das habe ich doch schon einmal erlebt ...