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Dienstag, 6. August 2024

Reis' und schein'!

Heute habe ich durch den "Profil"-Kasten der Süddeutschen Zeitung, in dem es um den Flotillenadmiral Axel Schulz ging (nein, nicht der Axel Schulz!), gelernt, dass der morgendliche Weckruf auf deutschen Kriegsschiffen so lautet: "Reise, Reise – Aufstehen!"

Die SZ hat die seemännische Phrase allerdings ein wenig irreführend wiedergegeben. Korrekt ist "Reise reise", das Wort ist nicht das uns bekannte Substantiv, sondern der Imperativ zu einem niederdeutschen Verb, das mit engl. rise "sich erheben, aufstehen" verwandt ist. Dies entnahm ich dem dazugehörigen Wikipedia-Eintrag, der erwartbarerweise eine Reihe weiterer interessanter Fässer aufmacht: "Der Tag an Bord eines Schiffes der Deutschen Marine beginnt wie überall mit dem Wecken, auch Purren, das mit dem Locken eingeleitet wird, einem Pfeifsignal, das in der Regel fünf Minuten vor dem eigentlichen Aufstehen mit der Bootsmannsmaatenpfeife gegeben wird und auf die ein Ausruf folgt. Das eigentliche Wecken beginnt hingegen mit einem langgezogenen Pfiff und dem Ruf Reise reise, aufstehen, Überall zurrt Hängematten!"

Bei der Marine geht es meiner Vorstellung nach noch rauer und also auch verbal rauer zu als beim Heer, was bestätigt wird, wenn man sich die hier versammelten Weckspruch-Varianten zu Gemüte zieht. Beispiel: "Reise reise, aufstehen! Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Putzfrau vögelt." Na ja, wenn's hilft, bei heiklen Manövern (Großübung "Indo-Pacific Deployment") auf hoher See (zurzeit: vor Hawaii) die Moral zu heben bzw. ein wenig vom Ernst der Lage abzulenken ...

Sonntag, 31. Juli 2022

Word of the month

Letztens las ich in einem GameStar-Artikel den Ausdruck "immersive Sim". Ich hätte die Bezeichnung glatt überlesen bzw. als Unterkategorie des Simulations-Genres abgetan, wäre sie nicht im Zusammenhang mit "Dishonored" gefallen. "Dishonored" aber habe ich gespielt, und dabei handelte es sich weiß Gott nicht um eine irgend geartete Simulation. Inzwischen weiß ich, dass "immersive Sim" kein Computerspiel-Genre im engeren Sinne darstellt (es hätte mich auch echt gewundert, wenn ich von einem solchen noch nie gehört hätte), sondern ein Konzept, ein Bündel von Mechaniken, das auf Games beliebiger Genres anwendbar ist, eben etwa auf Schleich-Abenteuer wie "Dishonored". Wobei "Dishonored" kein reines Stealth-Spiel sein muss, sondern auch zum handfesten Actioner ausarten kann.
Genau das macht nämlich immersive Sims aus: dass ich meine Umwelt, die Gegnerreaktionen, meinen Fortschritt usw. auf meine Entscheidungen angepasst wahrnehme, weil ich mich nämlich auf meine Weise ihnen angepasst habe; kurzum dass die Spielweise die Erfahrung prägt, mein Verhalten die Immersion. Das ist sicher nicht optimal ausgedrückt, weswegen ich besser IGN.com zu Wort kommen lasse: "Der Begriff wurde im Grunde von Designer Warren Spector begründet, der 1992 mit Ultima Underworld das erste Spiel veröffentlichte, welches dem Spieler durch jede Menge Freiheiten die Kontrolle über die Story gab. Dieses Konzept entwickelte er für System Shock und Deus Ex weiter und will es auch in seinem aktuellen Projekt System Shock 3 verwenden. In einer 'immersive Sim' folgt der Spieler im Grunde nicht starr vorgegebenen Pfaden und Quests. Die Umgebung spielt eine wichtige Rolle darin, wie man Herausforderungen meistert. Wie ein Spieler eine Situation angeht, ist also nicht vorgegeben. [...] Die Möglichkeiten sollen sich natürlich anfühlen und vielfältig sein. Der Spieler muss immer das Gefühl haben, dass er durch seine Überlegungen eine einzigartige Lösung gefunden hat." (Artikel von Andreas Bertits von 2019)

Montag, 11. Januar 2021

Wechsel und Reisende

Fast 40 Jahre alt musste ich werden, um zwei Wörter kennenzulernen, die eigentlich zum deutschen Grundwortschatz gehören. Falsch, das stimmt so nicht. Besser formuliert: Zwei konkrete bzw. Spezialbedeutungen von Lexemen mit sehr allgemeiner Hauptbedeutung wurden mir erst kürzlich geläufig, zumindest einigermaßen.

Das erste Wort ist Wechsel im Finanzzusammenhang. Aus dem Kreuzworträtsel kannte ich zwar seit langem "Wechselbezogener: Trassat", aber Gedanken darüber, was ein "Wechsel" in diesem Falle sei, habe ich mir nie gemacht. Als ich das Wort vor einiger Zeit in einem alten Film, ich glaube "Frau ohne Gewissen", hörte, konsultierte ich dann doch mal Wikipedia. Den umfangreichen Artikel habe ich weder komplett gelesen noch verstanden, und ich bin erleichtert, dass das Wissen um Wechsel keine Allgemeinbildung (mehr) darstellt: "Der Wechsel hat im täglichen Geschäft [...] an Bedeutung verloren und kommt mittlerweile nur noch in sehr geringer Stückzahl bei Nichtbanken vor. Bei Kreditinstituten spielt der Wechsel seit Januar 1999 keine Rolle mehr und ist in der Ausbildung von Bankkaufleuten kein Lehrgegenstand." Entfernt verwandt – das nehme ich zumindest nach ungeduldigem Querlesen mit – scheint das Wechselprinzip mit der Benutzung von Schecks oder auch mit Ordern zu sein.
Wenn man bei eBay unter "Sammeln & Seltenes" nach "Wechsel" sucht, findet man in der Subkategorie "Büro, Papier & Schreiben > Papier & Dokumente" nicht wenige Angebote mit historischen Wechselpapieren, zum Beispiel "Prima-Wechsel", "Einheits-Wechsel", teils auch mit "Wechselmarken" oder "Steuermarken".

In Dorothy Sayers' Kriminalgeschichten um den Weinvertreter und Hobby-Detektiv Montague Egg hat jener stets ein gewisses "Handbuch des Reisenden" bei sich, aus dem er bei jeder passenden Gelegenheit zitiert. Als ich eine Story las, in der ein Kollege Montagues aus der Vertreterzunft wiederholt als Reisender bezeichnet wurde, begann es in meinem Kopf zu rattern: Ist das etwa ein Beruf? Klar!, das "Handbuch des Reisenden" ist kein Universalführer für Touristen, sondern ein Begleiter für Handlungsreisende, weswegen der fiktive Schmöker im Original auch "The Salesman's Handbook" heißt. Reisender ist dabei keine saloppe Kurzform, sondern eine offizielle Postenbezeichnung. Wikipedia: "Ein Reisender ist innerhalb des Vertriebs eines Unternehmens und in der Betriebswirtschaftslehre die Bezeichnung für einen sozialversicherungspflichtig angestellten Handlungsgehilfen im Außendienst. Andererseits kann es sich auch um einen Kleingewerbetreibenden handeln." Das Wort kam Anfang des 19. Jahrhunderts auf und setzte sich Anfang des 20. durch ("Die umgangssprachliche Bezeichnung 'Vertreter' war zunehmend negativ konnotiert"; ibid.).
Wusstet ihr das? Muss ich mich schämen für meine Unkenntnis oder bin ich entschuldigt, weil ich niemandem in diesem Gewerbe kenne?

Samstag, 26. September 2020

Kurz notiert: Noch eine Doppelbegegnung

Kurz nach dem mysteriösen zweifachen Antreffen des arabischen Wortes für "stopp" begegnete mir etwas anderes, das ich bis dahin nicht kannte, an zwei Tagen hintereinander. In Episode 11 der 2. Staffel von "The Expanse" wird der Alternativname für die Kornblume, Zyane, abgefragt. Diese Episode sah ich am Donnerstag, und am Freitag las ich in der aktuellen Ausgabe des Sprachreports einen Artikel über den Scrabble-Duden, in dem es ebenfalls kurz um Zyanen (also das Wort) ging!

Auch das kann man gewiss wieder mit "perceptual priming" wegerklären, nur: Bis zum Donnerstag kannte ich das fragliche Wort überhaupt nicht. Oder lag es bereits irgendwo in meinem passiven Wortschatz vergraben? Dann stellt sich trotzdem abermals die Frage nach der Wahrscheinlichkeit für das Doppelauftreten dieses nicht eben häufigen Lexems. Nun gut, ich lese, schaue, höre sehr viel, da bleiben diese unheimlich scheinenden Phänomene nicht aus und werden sich bestimmt in Zukunft noch mehr als einmal zeigen. Grund, ein entsprechendes Tagebuch anzulegen oder eine feste Blog-Kategorie daraus zu machen, sollte das nicht sein. Also Schluss jetzt damit!

Freitag, 30. August 2019

Noch mehr Rumliegendes

Dies ist eine Fortsetzung des Beitrags "Rumliegendes" von 2012. Rotliegendes war mir, siehe ebd., ein Begriff, aber ich staunte kürzlich in einem Museum nicht schlecht, als ich dort mehrere wie folgt gelabelte Gesteinsbrocken erblickte:


Was für ein dramatischer Name für ein Mineral! "Von dem Todtliegenden unterscheidet man graues, weisses und rothes Todtliegendes", informiert uns Franz H. Walchners Buch Der practische Naturforscher: ein unentbehrliches Hand- und Hülfsbuch für Freunde der Naturwissenschaften von 1843. "Jenes folgt häufig zunächst unter dem Kupferschiefer und ruht auf dem rothen Todtliegenden, oder es bedeckt auch in Gegenden, wo diese letztere Felsart fehlt, das graue Todtliegende diese und jene abnormen Felsgebilde."
Versteh ich nicht, bin aber entzückt. Bei "rothem Todtliegenden" scheint es sich um nichts anderes als Rotliegendes zu handeln. Wikipedia kennt dieses Synonym nicht mehr.

Freitag, 15. Februar 2019

Mein Wort der Woche

Darauf bin ich in Adam Nevills Roman "Under a Watchful Eye" gestoßen: potboiler. Dieses Wort wird darin verächtlich verwendet für Bücher, die ohne großen künstlerischen Wert sind und einzig geschrieben worden sind, um den Lebensunterhalt des Autors zu sichern. Potboilers können alle möglichen Werke sein; sie sorgen dafür, den Kochtopf (pot) der/des Kunstschaffenden am Kochen (boil) zu halten. Die englische Sprache ist toll.

Mittwoch, 18. September 2013

Betr.: Netzware, vorauseilender Gehorsam, StVO-Deutsch, Toulouse

Jetzt kommt ein guter Grund dafür, Obst und Gemüse stets auf dem Wochenmarkt zu holen. Beispiel Knoblauch: Im Supermarkt wird Knoblauch meist nur in Netzen zu je drei Knollen angeboten. Drei Knollen! Dabei braucht man für eine Kochsession i.d.R. nicht mehr als zwei Zehen. Am Ende nutzt man höchstens eine Knolle, den Rest schmeißt man weg, weil er schon Triebe angesetzt hat. Ähnlich ist's mit Kartoffeln. Bei Rewe zum Beispiel gibt es 2,5-Kilo-Säcke. Hackt's?! Also: immer alles lose kaufen.

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In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, sah ich eine nicht an mich adressierte Büchersendung liegen. Auf die hatte der Absender geschrieben: "Darf zu Prüfzwecken durch die Post geöffnet werden." Das ist laut Postwebseite in Ordnung, wenn das Buch in einer weiteren Packung verpackt ist. Ich frage mich nur, was das für ekelhafte Menschen sind, die für solche Schnüffeleien ihr Einverständnis geben. 'Meine Pakete wurden in der DDR 40 Jahre lang durchsucht oder gar konfisziert, ich habe keine Probleme damit, dass die Post erfährt, was ich verschicke – auch wenn es etwas Peinliches ist, denn ich bin ja nicht der Empfänger, hähä!', denken solche "feinen" "Bürger" wahrscheinlich.

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Hinweisschild an einer Straße: "Rad- und Gehbahn nicht durchgängig". Ja, klar. Jeder normale Mensch sagt "Fußweg" und "Radweg", aber die Amtssprache, deren Eindeutigkeit ich normalerweise befürworte, muss sich wieder hervorheben. Gehbahn, Radbahn – ich könnte kotzen!

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Damit ich heute nicht nur am Granteln bin, zum Abschluss noch etwas Ulkiges. Vor gut einem Jahr ging die Geschichte einer Frau aus Sachsen durch die Medien, die nach Porto reisen wollte, was von der Reisebüro-Mitarbeiterin allerdings als "Bordeaux" verstanden und auch so gebucht wurde. Klingt fast zu irre, um wahr zu sein, ist aber passiert. Ich warte nun darauf, dass dieselbe Dame mündlich einen Flug nach Toulouse bucht, am Ende aber in Duluth landet. Hihi.

Sonntag, 30. September 2012

Komm, süßer Tod. Die Todesfaszination Österreichs unter dem Gesichtspunkt seines Strafrechts

"Willst du ein Volk verstehen lernen, musst du dir seine Gesetze ansehen." Dieses Sprichwort, das es möglicherweise gibt, trifft auf Österreich in erhöhtem Maße zu. Insbesondere das Strafgesetzbuch unseres Nachbarn scheint wesentlich detaillierter und spezieller, aber auch schrulliger als das unsere zu sein. Einige Tatbestände haben lediglich andere Bezeichnungen: Betrug heißt "Täuschung", Nachstellung heißt "beharrliche Verfolgung" und Beischlaf zwischen Verwandten heißt "Blutschande". Manches ist aber exquisit, etwa "Sklaverei" (wurde bislang nur einmal angewandt, nämlich auf Josef Fritzl) oder die schönen Vergehen "Kuppelei", "Kurpfuscherei", "Unterschiebung eines Kindes" und "eigenmächtige Heilbehandlung". 
Vor allem zeigt uns das öStGB die fast schon berüchtigte Lust des Österreichers am Morbiden und Düsteren. 
In dem Wikipedia-Artikel "Liste der Delikte des österreichischen Strafgesetzbuches" zähle ich mehr als 50 Paragraphen, die den mittelbaren oder unmittelbaren Tod eines Menschen betreffen:
  • Mord
  • Totschlag
  • Tötung auf Verlangen
  • Mitwirkung am Selbstmord
  • Tötung eines Kindes bei der Geburt
  • Fahrlässige Tötung
  • Fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen
  • Aussetzung mit Todesfolge
  • Körperverletzung mit tödlichem Ausgang
  • Absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge
  • Schlägerei mit Todesfolge
  • Tätlicher Angriff mehrerer mit Todesfolge
  • Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen mit Todesfolge
  • Überanstrengung unmündiger, jüngerer oder schonungsbedürftiger Personen mit Todesfolge
  • Imstichlassen eines Verletzten mit Todesfolge
  • Unterlassung der Hilfeleistung mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch durch Nicht-Arzt bei Gewerbsmäßigkeit oder mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch ohne Einwilligung der Schwangeren mit Todesfolge der Schwangeren
  • Erpresserische Entführung mit Todesfolge
  • Schwere Nötigung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Gefährliche Drohung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Räuberischer Diebstahl mit Tod eines Menschen zur Folge
  • Gewaltanwendung eines Wilderers mit Körperverletzung mit Dauerfolgen (§85) oder Tod eines Menschen
  • Schwerer Raub bei Tod eines Menschen
  • Schwere Erpressung bei Selbstmord oder Selbstmordversuch des Genötigten oder eines anderen
  • Brandstiftung an fremder Sache mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiger unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiges umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Grob fahrlässiges umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Luftpiraterie mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung der Sicherheit der Luftfahrt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vergewaltigung bei Tod der vergewaltigten Person
  • Geschlechtliche Nötigung bei Tod der genötigten Person
  • Sexueller Missbrauch einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person bei Tod der genötigten Person 
  • Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der vergewaltigten Person
  • Sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der genötigten Person
  • Landzwang mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Quälen oder Vernachlässigen eines Gefangenen mit Tod des Geschädigten
  • Völkermord
Die haben echt an jede Eventualität gedacht! Sogar jemanden in den Selbstmord zu treiben ist strafbar. Nicht alles leuchtet mir als Laie ein. Was z.B. ist der Unterschied zwischen "absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge" (§ 87 (2)) und "Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" (§ 86)? Und überhaupt:
"Warum erweisen sich dann gerade die Österreicher als Experten in Hinscheidefragen? Warum nicht die Deutschen, die viel lieber für ihre hohen Ideen sterben, für Gott, Kaiser, Führer, Volk, Vaterland, Sozialismus, deutsche Freiheit?" (Michael Ziegelwagner - Café Anschluß. Zürich: Atrium Verlag, 2011. S. 99)

Montag, 30. Juli 2012

Außergewöhnliche Printprodukte: Der Tintling

Man kann der Jugend von heute vieles vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie sich nicht mehr für Pilze interessiert. Pilzesammeln verbindet man unweigerlich mit den älteren Generationen (typischer Satz: "Wir geh'n in die Pilze."), die jungen Leute lachen höchstens über die Phallusförmigkeit mancher Pilze. Das schwindende Interesse an der Mykologie ist bedauerlich, denn gerade in Mitteleuropa begegnet uns eine faszinierende Vielfalt. Viele Pilze sind essbar und bieten eine überraschend breite Palette an Geschmäckern und Aromen, andere bescheren herrliche Drogenräusche. Faszinierend ist zudem, dass sich das Wissen um diese Lebewesen, die weder Pflanze noch Tier sind, sondern wie z.B. Algen und Brötchen ein eigenes Reich bilden, stetig vermehrt. In einem Pilzbuch von 1965 ist etwa zu lesen: "Bisher hielt man den Kahlen Krempling für eßbar nach genügend langer Zubereitungsdauer; neuerdings wurde jedoch festgestellt, daß er, obwohl sorgfältig zubereitet, nach wiederholtem Genuß ernste Gesundheitsstörungen verursachen kann." Das muss man sich mal vorstellen: Da ist eine gewiss beängstigend hohe Dunkelziffer von Menschen krank geworden, weil im Pilzbestimmungsbuch falsche Angaben standen!

Wer also klärt uns auf über die neuen Trends und Erkenntnisse in der Pilzologie? Nun, in jeder größeren Stadt gibt es Pilzberatungsstellen. Ansonsten hilft Der Tintling, eine zweimonatliche Fachzeitschrift im A5-Format, benannt nach der Gruppe Coprinus sensu lato.
(zur Großansicht der Bilder klicken)


Daran, dass die Aprilausgabe frech mit "April April" ausgewiesen ist, sieht man schon, dass die Pilzling-Redaktion dem ein oder anderen Jokus nicht abgeneigt ist und ihre Zunft nicht immer bierernst nimmt. Sicher, auch hochfachliche Abhandlungen und taxonomische Auflistungen finden sich:


Dazwischen aber immer kleine Albernheiten, etwa wenn es um Genießbarkeitshinweise geht:


Im Tintling geht es oft sehr persönlich zu. Fundberichte kommen als Reiseprosa daher, Leser senden ihre schönsten pilzbetreffenden Erlebnisse ein. So erinnert sich etwa ein Dr. Volkbert Kell aus Rostock an sein "marinbiologisches Praktikum im Mai 1979 am Gestade des Schwarzen Meeres", bei dem u.a. dies passierte: "Schließlich schlich sich ein schon leicht angetrunkener Student auf allen Vieren von hinten an mich heran und teilte mir im Flüsterton mit, dass er mit mir eine vertrauliche Angelegenheit zu besprechen habe. [...] Sein Nachbar, mit dem er seit langem in Fehde lag, hatte einen großen Dobermann, von dem sich unser Held [...] bedroht fühle. Seine Frage: 'Mit welcher Giftpilzmixtur lässt sich solch ein 50 Kilogramm schweres Tier am schnellsten und unauffälligsten beseitigen?' Ich erläuterte ihm die Vor- und Nachteile unserer heimischen Giftpilze für die von ihm vorgesehene Verwendung und riet ihm dann, doch lieber eine massive Keule zu nehmen, sich von hinten an den Hund heranzurobben, so wie es die militärische Ausbildung weltweit vermittelt, und ihm mit gezieltem Schlag die Hypophyse zu zertrümmern." Die Story wird noch wundersamer, denn im Laufe des Abends erzählten immer mehr Studentinnen und Studenten von farblichen Veränderungen ihrer Ausscheidungen und wollten wissen, ob dies an den verzehrten Fundpilzen gelegen haben könnte. "Diese mir mitgeteilten Geschehnisse machten nun auch mich neugierig. Mein Toilettengang bestätigte die gemachten Schilderungen: Braunroter Stuhl, rotgrünger Urin."

Ja, Der Tintling wagt sich auch in unappetitliche Gefilde:


Für den Laien sind Artikel über pustelförmige Parasiten und zerfließende Gallerttränen nicht nur amüsant. Man lernt dabei auch so einiges, und seien es nur neue Wörter wie "grobwarzig", "Blattgallen" oder "Verrottungsimpuls" (ein Substantiv, das bis dato keinen einzigen Googletreffer hervorbringt).

Sehr hübsch auch: das April-Feature "Pilze als Wild-Äsung" ("Bisher wurde der Wildäsung in der Forschung keine wesentliche Aufmerksamkeit geschenkt") oder das große Helmling-Profil ("die überstehende Huthaut und der ranzige Geruch sind weitere gute Merkmale"). In der Tradition des "Playmates des Monats" gibt es einen "Pilz des Monats", außerdem zeigen die ausklappbaren Umschlagseiten ausgewählte Pilzarten, z.B. in Heft 3/2012 die Rettichgeruch-Koralle: "Fleisch im Strunk schmutzigweiß und besonders bei alten Fruchtkörpern oft wässrig marmoriert, knorpelig-elastisch, in den Ästen weißlich und gelatinös".


Nach der Lektüre einer Tintling-Ausgabe weiß man: Die Sprache der Mykologie ist die kraftvollste, körperlichste, bisweilen abstoßendste und sexuell aufgeladenste aller Wissenschaftssprachen. "Die Fruchtkörper werden selten höher als 4 mm und erscheinen weniger hirnartig, sondern mehr flach und wellig bis radialrunzelig. Drüsenwärzchen auf der Oberfläche fehlen oder sind nur spärlich vorhanden." -- "Außer den Drüslingen zählen auch die Dornige Wachskruste, der Zitterzahn und der Rötliche Gallerttrichter zur Ohrlappenpilzverwandtschaft." -- "Sporen feinwarzig-gratig-runzelig, zitronenförmig bis lanzettlich ausspitzend" -- "[D]ie Spermogonien selbst sind im Gewebe der Wirtspflanze eingesenkt und ragen mit feinsten Härchen, die bei Reife ein Sekrettröpfchen absondern, aus der Epidermis (Außenhaut) der befallenen Stellen der Wirtspflanze heraus." -- "Oberfläche jung bläulich-weiß, bald isabell bis hell graubeige nachdunkelnd, trocken, glatt und seidig, nur bei feuchtem Wetter etwas schmierig, bis zur Hälfte abziehbar." -- "Die kalkholde und wärmeliebende Art soll nach Literatur am liebsten im Nadelwald wachsen, fruktizierte aber hier auf einer Schlackenhalde."

Wenn man da nicht Heißhunger auf eine deftige Pilzpfanne kriegt!

PS: Die Tintling-Redaktion hat die zwei mir vorliegenden Hefte an das Büro der Titanic geschickt, mit der Bitte, sich des Themas Pilze anzunehmen, weil dieses viel zu selten in Titanic behandelt wird - was stimmt. Dass ich den Tintling ersatzweise an dieser Stelle würdige, ist dem Einsender, wenn nicht bekannt, so doch wenigstens (hoffentlich) recht.

Samstag, 21. Januar 2012

Rumliegendes

Vor einiger Zeit erinnerte ich mich aus heiterem Himmel an ein Wort aus dem Geographieunterricht, das ich schon damals, als ich es kennen lernte, überaus amüsant fand:

Rotliegendes

Ich schlug den Begriff bei Wikipedia nach (er bezeichnet eine Gesteinseinheit) und las dort, dass die Form Rotliegendes "fachlich nicht empfohlen" wird, "da sie als internationale Bezeichnung in nicht deutschsprachigen Ländern schwerer anwendbar ist". Stattdessen solle die nicht-deklinierbare Form Rotliegend verwendet werden. Das ist der Hammer! Denn dieses Wort wäre das einzige Beispiel einer echten sog. Nullableitung eines Partizips I!

Zur Erklärung: Eine Nullableitung liegt vor, wenn ein Wort von einer Wortart in eine andere Wortart übergeht, ohne dass sich die Form des Wortes verändert. Das passiert zum Beispiel, wenn man aus dem Infinitiv eines Verbs ein Substantiv macht: rennen --> das Rennen. Man nennt diesen Vorgang auch Konversion, wobei Konversion oft weiter gefasst wird und von vielen Linguisten auch Beispiele wie schlecht --> der/die/das Schlechte dazu gezählt werden. Demnach würde auch das Wort Rotliegendes <-- Partizip I rotliegend in diese Wortbildungskategorie fallen. Allerdings haben wir bei Rotliegendes bereits zwei Buchstaben mehr, nämlich die Nominativ-Singular-Endung -es.

Rotliegend aber ist eine Konversion im strengsten Sinne und als Derivation eines Partizips I einzigartig. Oder kennt ein Leser / eine Leserin ein weiteres Beispiel, möglicherweise ebenfalls aus einer Fachsprache? Dann her damit!

PS: Rotliegend heißt auf Englisch ebenfalls rotliegend. Andere geologische Fachwörter deutschen Ursprungs wurden leicht angepasst. Aus Gneis wurde gneiss, aus Quarz wurde quartz und aus Feldspat lustigerweise feldspar.