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Donnerstag, 6. Oktober 2022

Lins mal wieder!

Wenn es früher bei uns daheim oder bei den Großeltern Linseneintopf gab, gehörte es dazu, neben Besteck und Geschirr drei zusätzliche Dinge auf dem Esstisch zu platzieren. Egal wie gut der Eintopf bereits abgeschmeckt und durchgezogen war, man musste in seinen gefüllten Teller stets noch drei Prisen Salz, einen halben Teelöffel Zucker und einen halben Esslöffel Essig geben. Das waren die Tüpfelchen auf dem iii, so kitzelte man das ultimative Aroma hervor. Ich habe mir kürzlich vegetarische Linsen in der Dose von dm-Bio geholt: Kann man durchaus essen, aber der richtige Nostalgie-Schmackofatz-Faktor stellte sich erst nach Zugabe von drei Prisen Salz, einem halben Teelöffel Zucker und einem halben Esslöffel Essig ein.

Witzig ist, dass man Linseneintopf in Österreich Linsengericht nennt. Man könnte entweder das "-gericht" weglassen oder mit einem Endglied definieren, um was für eine Art von Gericht es sich handelt, aber nein: Linsengericht. Das erste Mal stieß ich auf diesen Ausdruck in einem der lustigsten Listenbücher aller Zeiten, "Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen" von Jörg Metes und Tex Rubinowitz, auf Seite 58: "16 Gründe dieses Linsengericht zu essen"; zu sehen ist ein Teller Linsen, in dem 16 Linsen mit Strichen durchnummeriert sind.

Freitag, 3. Juni 2022

Wer hat die Ananas geklont?

Bei Rewe entdeckte ich ein Obst, das als "Ananas-Erdbeeren" für saftige 4,99 € pro 100 Gramm verkauft wurde und so aussieht:


Mir war bekannt, dass man in Österreich zu Erdbeeren mitunter "Ananas" sagt. Warum, habe ich eben in einer Falter-Kolumne nachgelesen: "In Amsterdam tauchte um 1750 eine neue Art von Erdbeeren auf, die zufällig in Frankreich aus zwei amerikanischen Erdbeerarten entstanden war, die in ihrer Heimat nicht gemeinsam vorkommen: die kleine kanadische Scharlach-Erdbeere und die hühnereigroße Chile-Erdbeere. Die Holländer nannten die neue, selbstentstandene Sorte des Geschmackes und der Form wegen Ananas-Erdbeere. Sie ist die Urstrumpftante unserer Gartenerdbeere (fragaria ananassa) und heißt im pitzlerischen Wien seit dieser Zeit botanisch hochkorrekt Ananas." (Um das Wort "Urstrumpftante" wollen wir uns jetzt nicht auch noch kümmern.)

Die im Supermarkt angebotenen Früchte sind nun wiederum etwas ganz anderes, nämlich ein recht junger Klon der Gartenerdbeer-Sorte "Weiße Ananas", wie uns Wikipedia lehrt. Unter anderem in England wird sie als Pineberry vermarktet, ihr Geschmack soll an Ananas erinnern.

Montag, 5. Oktober 2020

Betr.: Törtlis, Beratung, Röster, Blogger

Neulich habe ich endlich gelernt, was der Unterschied zwischen Tortelloni und Tortellini ist. Beziehungsweise: Mir ist überhaupt erst klar geworden, dass es einen Unterschied gibt. Dieser besteht, wie man sich denken kann, in der Größe: Tortellini sind kleiner als Tortelloni. Erfreulich ist die seit Jahren ansteigende Vielfalt an Supermarkt-Tortelloni, womit ich natürlich die Nassfertiggerichte im Kühlregal meine (Steinpilz, Kürbis, Ziegenkäse und und und); bei Trockenfertiggerichten hat man meist nur die Wahl zwischen Vier-Käse, Spinat-Ricotta und Schweinefleisch.

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In meinem Viertel gab es eine Aids-Beratungsstelle, die irgendwann geschlossen wurde. Als ich dies mitbekam, wusste ich nicht, was ich diesbezüglich empfinden sollte. Einerseits ist es immer traurig, wenn eine etablierte Einrichtung, besonders im sozialen Bereich, ihre Pforten schließen muss, andererseits kann man ja froh sein: Offenbar besteht kein Bedarf mehr an Aids-Infos, weil die Gesellschaft ausreichend aufgeklärt ist und/oder die Krankheit so gut wie verschwunden ist.

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Hinweis für Fans der österreichischen Küche: Marillen- bzw. Zwetschgenröster, die beliebten Palatschinken-Toppings, findet ihr in eurem Supermarkt möglicherweise nicht bei den Konfitüren, sondern in der Kompott- und Dosenobstabteilung! Rein zufällig sah ich in meinem Stamm-Rewe neulich die Gläser ebendort.

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Die Benutzeroberfläche von Blogger hat sich in den vergangenen Monaten wieder einmal geändert. Der Wechsel von der klassischen zur neuen Version war lange Zeit optional; währenddessen waren verschiedenste Macken zu erdulden. Mittlerweile nutze ich die aktualisierte Oberfläche und komme damit zurande, allein eine Sache stört mich: Beim Erstellen eines Beitrags wird standardmäßig ein Leerzeichen am Anfang eingefügt, das ich jedes Mal entfernen muss. Was soll das?

Montag, 22. Juni 2020

Eines meiner all-time-Lieblingswörter

Endlich habe ich es mal in freier Wildbahn entdeckt: das wunderbare und kaum mehr bekannte Substantiv Wittib ("Witwe").


Die Fundstelle war nahe Eltville am Rhein, mithin Deutschland und nicht Österreich, wo laut einschlägigen Quellen die Variante "Wittib" der Schreibung "Witib" bevorzugt wird. Trotzdem bekommt dieser Beitrag das Label #österreich verpasst, damit im Blog (rein zufällig!) zwei Postings zu diesem Stichwort hintereinander auftauchen.

Samstag, 20. Juni 2020

Schmipf und Schnade

Manche Dinge ändern sich nie. Wutkommentare, Hatespeech und Zuschriften empörter Leser kommen anscheinend einfach nicht ohne Fehler aus. Das ist heute so und war 1927 schon so, wie dieser Brief an Karl Kraus zu beweisen möglicherweise geeignet ist:

Aus: Vor der Walpurgisnacht.
Die Falschschreibung von "Dreckfrechling" ist allerdings der Scan-Software geschuldet, nehme ich an. 

Auch inhaltlich und stilistisch nimmt sich das nicht viel im Vergleich zu modernen Textproben. Eine Studie darüber oder eine allgemeine Geschichte des Hasskommentars läse ich gern.

Mittwoch, 13. Mai 2020

Von Oldenburg nach Österreich

Im Wikipedia-Eintrag zum Feldschützen findet sich der Satz "Im Großherzogtum Oldenburg war die Funktion der Feldhüter als untere Polizeibedienstete durch eine Instruktion von 1832 verbindend für alle Kirchspiele geregelt." Kirchspiel – diese geistliche Verwaltungseinheit dürfte heute kaum jemand auf dem Schirm haben, doch begegnete mir das Wort just in Usingen (s. Eintrag vom 7.5.2020), auf dem alten Kriegstotengedenkstein vor der Eschbacher Kirche. Das "-spiel" in Kirchspiel hat nichts mit spielen zu tun, sondern mit dem alten Erbwort mit der Bedeutung "Rede" oder "Erzählung", das noch in Beispiel enthalten ist oder im englischen spell wiederklingt.
Länger gehalten hat sich der ebenfalls sehr schöne Name für ein kirchliches Gebiet, nämlich den Wirkungsbereich eines evangelischen Bischofs: Sprengel. Dessen Etymologie ist gut durchschaubar, der Sprengel war das Gefäß zum Vergießen (vgl. "Sprengen") des Weihwassers, mit dem der Geistliche quasi sein Revier markierte. Wurde der Sprengel im preußischen Geltungsgebiet 1815 durch den Bezirk ersetzt, ist er in Österreich noch unter diesem Namen maßgeblich: Der Zählsprengel etwa ist definiert als "das kleinste Gebiet, für das statistische Daten gesondert erhoben werden".
Unter den weltlichen Verwaltungseinheiten im deutschsprachigen Raum gefällt mir der Flecken sehr gut; einer meiner Lieblingstitel von Wikipedia-Listen ist "Liste der Flecken in Niedersachsen". In Niedersachsen führen nämlich nicht weniger als 50 Gemeinden diesen Zusatz. In Hessen gibt es fünf sog. Marktflecken, also Ortschaften, die zwar kein Stadtrecht, aber Marktrecht besitzen, dabei aber keine Marktgemeinden sind. Das Recht, die Bezeichnung "(Markt-)Flecken" zu führen, erlangten manche Ort(steil)e erst spät, Diesburg in Sachsen-Anhalt etwa 1998, das hessische Villmar 2002. Flecken in Österreich gab ausweislich Google Books früher hier und da, heute findet man nur noch ein Dorf, das Flecken heißt (in Tirol). Was genau ein Weiler ist, werde ich ein ander Mal recherchieren, festzuhalten bleibt alldieweil, dass mich die Unkenntnis darüber neulich arg in die Irre geführt hat ...

Sonntag, 5. Januar 2020

Die spannende Welt der Semantik

Verweilen wir noch ein wenig im Themenfeld missverständliche Zeitangaben. Ein paar Stunden nachdem ich den Beitrag zu den Zwanzigerjahren geschrieben hatte, kam nämlich im Freundeskreis, ohne dass ich das Gespräch dahin gelenkt hätte, abermals die Frage auf, ob das laufende Jahrtausend denn nun am 1.1.2000 oder 2001 angefangen habe. Ein anwesender Rechtsanwalt wusste diesbezüglich zu berichten, dass damals die Neue Juristische Wochenschrift im Editorial eine scheinbar kloßbrühenklare Alternativ-Erklärung auftischte: Wenn Sie im Begriff sind, drei Weinkisten à zehn Flaschen zu trinken, dann ist die zweite Kiste selbstverständlich mit der zehnten Flasche aufgebraucht, und mit der Leerung der dritten beginnen Sie, sobald Sie die erste Flasche aus dieser herausnehmen. Grrr ...

Die Wurzel allen Übels liegt darin, dass es kein historisches Jahr 0 gegeben hat; die ersten Zehnerjahre unserer Zeitrechnung begannen mit dem Jahr 1, nicht mit 0. Leicht verkompliziert wird die Chose freilich durch die sog. astronomische Zählweise, welche dem Jahr 1 n. Chr. tatsächlich ein Jahr null vorausgehen lässt und diesem -1 und diesem -2 usw. Caesars Todesjahr beispielsweise ist nach astronomischer Zählung -43. Haben 43 und 44, genauer: |-43| und 44, hier also dieselbe Bedeutung? Zumindest haben sie dasselbe Referenzobjekt.

Dass gerade so etwas definitiv Festgelegtes wie Zahlen und Daten uneindeutig sein kann, empfinde ich, der ich Sprache eher naturwissenschaftlich als philosophisch betrachte
, als zutiefst beunruhigende Störung im System. Und das Beispiel mit den vorchristlichen Jahreszahlen ist kein Einzelfall. In bestimmten Regionen des deutschen Sprachraums, auch da, wo ich aufgewachsen bin, hört man (vor allem ältere) Menschen von "heute in acht Tagen" sprechen, wenn sie "in einer Woche", i.e. in sieben Tagen meinen. Hier "bedeutet" 7 somit dasselbe wie 8. Auch an dieser Formulierung sind die alten Römer schuld, denn mangels des Konzepts null versah man den Tag, an dem man sich befand, stets mit dem Wert 1, wenn man auf Tage in der Zukunft verwies. (Eine schöne Darstellung der Problematik gibt es auf der Seite fichtelgebirge-oberfranken.de)

Zum Glück brachten die Inder die Null ins Spiel. Apropos Indien: Im Hindi gibt es eigene Wörtchen für Brüche wie "eineinhalb" (ḍeṛh) und "zweieinhalb" (ḍhāī), und diese werden auch bei Zeitangaben benutzt, man sagt z.B. "eineinhalb Uhr" für "1 Uhr 30", so wie man nicht "zweitausendfünfhundert", sondern wörtlich "zweieinhalb tausend" (ḍhāī lākh) für 2500 sagt. (Es existiert übrigens extra für 10 Millionen ein kompaktes Zahlwort: karoṛ.) In diesem Zusammenhang fällt mir auch die Sitte im britischen Englisch ein, half past two (2 Uhr 30 bzw. 14 Uhr 30) zu half two zu verkürzen. Auf deutsch eingestellte Gehirne könnten half two als "halb zwei" = 1 Uhr 30 bzw. 13 Uhr 30 interpretieren. In dieser Phrase bedeutet "zwei" also "drei". Wer soll da bitte nicht durchdrehen?

Noch irrer wird es, wenn Wörter ihr eigenes Gegenteil meinen. Ein Klassiker des Deutschen ist das Verb anhalten, aber bleiben wir beim (britischen) Englisch: Einmal unterhielt ich mich mit ein paar etwa gleichaltrigen Engländern und Engländerinnen, und gleich zwei von denen erinnerten sich daran, in der Schule eine hochbetagte Lehrerin gehabt zu haben, die ihre Zöglinge mit dem Ruf "Sit!" zum Aufstehen aufforderte. Noch einmal kurz zum Hindi zurückgekehrt: Das Adverb kal kann sowohl mit "morgen" als auch mit "gestern" übersetzt werden, die konkrete Bedeutung lässt sich aber in der Regel aus dem Satzkontext (Zeitform des Verbs) erschließen. Beenden möchte ich diesen Diskurs mit einem Zitat aus Folge 2 von Michael Ziegelwagners "Natur – Der Kanon":

"Allerdings bezeichnen auch die Wörter 'genervt' / 'entnervt' trotz ihrer offenkundigen Polarität etwas Ähnliches, wie auch 'belohnen' / 'entlohnen', und da beschwert sich auch niemand. Hufeisentheorie der Sprache? Vexierbild Buchstabensalat? Die Apparate, von denen man seine U-Bahn-Fahrkarte stempeln lässt, tragen in Wien den deutschsprachigen Hinweis 'Entwerter', auf englisch: 'Ticket Validator'; je nach Muttersprache wird man hier einmal zum Wertlosmachen, einmal zum Gültigmachen angeleitet". (Titanic 12/2019)

Mittwoch, 23. Januar 2019

Die Käskopp-WM

Nach langer Zeit hat es mich diese Woche mal wieder zu Aldi verschlagen. Dort wurde – zum Spottpreis und offenbar nur für kurze Zeit – ein österreichischer Käse mit dem schillernden Namen "Erzherzog Johann" feilgeboten. Den Ausschlag dafür, dass ich ihn mitnahm, gab letztlich der aufgedruckte Hinweis, dass dieses obersteirische Molkerei-Erzeugnis 2014 zum "Käseweltmeister" in der Kategorie Hartkäse beim "World Championship Cheese Contest" gekürt wurde. Dieses Event findet seit 1997 in den USA statt, naheliegenderweise im Käsestaat Nr. 1, Wisconsin, "America's Dairyland", wo Sportfans, etwa des Footballteams Green Bay Packers oder der Baseballmannschaft Milwaukee Brewers, traditionell mit Käsehüten ins Stadion einrücken und deshalb, wie auch der Wisconsinite an sich "Cheeseheads" genannt werden.

Ich habe auf der offiziellen WCCC-Seite nachgeschaut: Der Erzherzog wurde in der "Open Class: Hard Cheeses" prämiert; die einzige Konkurrenz aus Deutschland in dieser Klasse war damals die Kreation "Belsagio" der Sachsenmilch GmbH im sächsischen Leppersdorf. Diese Kategorie (62) war nur eine von insgesamt 90 (!) – bei der letztjährigen Meisterschaft ist die Zahl sogar auf 121 angewachsen, wobei es in der Sparte "Fettarmer Joghurt aus Kuhmilch" aus irgendwelchen Gründen keinen Sieger gab. Eine österreichische Käserei konnte sich übrigens auch 2018 wieder empfehlen: Zweitplatzierter wurde der "Arzberger Ursteirer". Deutsche Kombattanten habe ich vergeblich gesucht.

Cheese Classes 2018 (Auszug)

Ach ja: Der Erzherzog Johann ist sehr schmackhaft. Ich sollte öfter zu Aldi gehen. Auch Lidl ist, wie mir in der Vergangenheit wiederholt aufgefallen ist, in Sachen Käse deutlich abwechslungsreicher bestückt als mein Stammsupermarkt Rewe. Am liebsten hole ich mir Käse allerdings auf dem Wochenmarkt.

Apropos Käselisten: Einer der (englischsprachigen) Artikel, deretwegen ich Wikipedia so liebe, ist der über Monty Pythons "Cheese Shop sketch", sind darin doch penibelst sämtliche genannte Sorten aufgelistet ("in order of appearance, the reason given as to why they are unavailable to be purchased, as well as the source [...] in which that cheese was mentioned").

Sonntag, 24. Dezember 2017

(Christ-)Kindheitserinnerung

Eines Jahres haben mein Bruder und ich uns gewünscht, dass heuer nicht der Weihnachtsmann, sondern ausnahmsweise das Christkind die Geschenke am Heiligabend bringen möge. Wir hatten im Fernsehen und von den (sehr wenigen uns bekannten) Gleichaltrigen aus christlichen Haushalten von dieser Alternativkreatur erfahren. Tja, und da stand dann halt einfach ein Sack mit Präsenten vor der Tür. Das war vielleicht lame!

Einer Telefonumfrage von 2012 zufolge kommt zu 91 % der österreichischen Familien das Christkind! Meine Interpretation: In 91 % der österreichischen Familien ist man schlicht zu faul für Schauspiel- und Verkleidungszinnober. Andererseits haben die ja den wunderbaren Krampus.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Happy Ö-Day!


Facebook weist mich darauf hin, dass heute (ich nehme zumindest an, heute) in Österreich Nationalfeiertag ist, unterschlägt allerdings 9 meiner Freunde, die ebenfalls in jenem schönen Land leben. 

Ich habe dazu nichts beizutragen außer dieses Foto, das ich vor "ein" paar Wochen "in" Wien gemacht "habe":


Sonntag, 30. September 2012

Komm, süßer Tod. Die Todesfaszination Österreichs unter dem Gesichtspunkt seines Strafrechts

"Willst du ein Volk verstehen lernen, musst du dir seine Gesetze ansehen." Dieses Sprichwort, das es möglicherweise gibt, trifft auf Österreich in erhöhtem Maße zu. Insbesondere das Strafgesetzbuch unseres Nachbarn scheint wesentlich detaillierter und spezieller, aber auch schrulliger als das unsere zu sein. Einige Tatbestände haben lediglich andere Bezeichnungen: Betrug heißt "Täuschung", Nachstellung heißt "beharrliche Verfolgung" und Beischlaf zwischen Verwandten heißt "Blutschande". Manches ist aber exquisit, etwa "Sklaverei" (wurde bislang nur einmal angewandt, nämlich auf Josef Fritzl) oder die schönen Vergehen "Kuppelei", "Kurpfuscherei", "Unterschiebung eines Kindes" und "eigenmächtige Heilbehandlung". 
Vor allem zeigt uns das öStGB die fast schon berüchtigte Lust des Österreichers am Morbiden und Düsteren. 
In dem Wikipedia-Artikel "Liste der Delikte des österreichischen Strafgesetzbuches" zähle ich mehr als 50 Paragraphen, die den mittelbaren oder unmittelbaren Tod eines Menschen betreffen:
  • Mord
  • Totschlag
  • Tötung auf Verlangen
  • Mitwirkung am Selbstmord
  • Tötung eines Kindes bei der Geburt
  • Fahrlässige Tötung
  • Fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen
  • Aussetzung mit Todesfolge
  • Körperverletzung mit tödlichem Ausgang
  • Absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge
  • Schlägerei mit Todesfolge
  • Tätlicher Angriff mehrerer mit Todesfolge
  • Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen mit Todesfolge
  • Überanstrengung unmündiger, jüngerer oder schonungsbedürftiger Personen mit Todesfolge
  • Imstichlassen eines Verletzten mit Todesfolge
  • Unterlassung der Hilfeleistung mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch durch Nicht-Arzt bei Gewerbsmäßigkeit oder mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch ohne Einwilligung der Schwangeren mit Todesfolge der Schwangeren
  • Erpresserische Entführung mit Todesfolge
  • Schwere Nötigung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Gefährliche Drohung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Räuberischer Diebstahl mit Tod eines Menschen zur Folge
  • Gewaltanwendung eines Wilderers mit Körperverletzung mit Dauerfolgen (§85) oder Tod eines Menschen
  • Schwerer Raub bei Tod eines Menschen
  • Schwere Erpressung bei Selbstmord oder Selbstmordversuch des Genötigten oder eines anderen
  • Brandstiftung an fremder Sache mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiger unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiges umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Grob fahrlässiges umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Luftpiraterie mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung der Sicherheit der Luftfahrt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vergewaltigung bei Tod der vergewaltigten Person
  • Geschlechtliche Nötigung bei Tod der genötigten Person
  • Sexueller Missbrauch einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person bei Tod der genötigten Person 
  • Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der vergewaltigten Person
  • Sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der genötigten Person
  • Landzwang mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Quälen oder Vernachlässigen eines Gefangenen mit Tod des Geschädigten
  • Völkermord
Die haben echt an jede Eventualität gedacht! Sogar jemanden in den Selbstmord zu treiben ist strafbar. Nicht alles leuchtet mir als Laie ein. Was z.B. ist der Unterschied zwischen "absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge" (§ 87 (2)) und "Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" (§ 86)? Und überhaupt:
"Warum erweisen sich dann gerade die Österreicher als Experten in Hinscheidefragen? Warum nicht die Deutschen, die viel lieber für ihre hohen Ideen sterben, für Gott, Kaiser, Führer, Volk, Vaterland, Sozialismus, deutsche Freiheit?" (Michael Ziegelwagner - Café Anschluß. Zürich: Atrium Verlag, 2011. S. 99)