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Donnerstag, 23. Juli 2026

Kurz notiert: Supermarktpsychologie

"Seit einiger Zeit zeichnet der Discounter Lidl viele reguläre Preise in Rot aus. Dahinter stecke eine langfristige Strategie, sagt der Heilbronner Professor Carsten Kortum." So wird ein SWR-Beitrag aus dem April dieses Jahres eingeleitet. Natürlich war mir die Umstellung, die der Konzern mit dem vorgeschobenen Argument der "besseren Lesbarkeit" begründet, direkt aufgefallen. Auch auf den Preisschildchen bei Netto (nicht der mit dem Hund; den gibt's bei uns gar nicht) prangen rote Zahlen. 'Verdammt, das funktioniert bei mir!', dachte ich beim Einkaufen sogleich. Die Signalfarbe Rot suggeriert: Billig, extra, reduziert, Sonderangebot, zuschlagen!!! "Funktionieren" tut der Trick bei mir freilich nur insoweit, als mein Blick erst mal ganz unvoreingenommen auf den Betrag wandert; ich greife nicht wie hypnotisiert zu! Hingucken lohnt sich so oder so, sind doch die Preise bei Lidl wie Netto generell niedriger als etwa bei Rewe. Noch lohnenswerter ist im Übrigen das Studieren des Kleingedruckten, i.e. des Kilogramm- oder Literpreises.

Sonntag, 6. Juli 2025

Mehr als ein Carr-iereratgeber

Das hätte ich auch nicht gedacht: dass ich mal freiwillig ein self-help book aufschlagen würde. Aber wenn es von Jimmy Carr kommt, dessen Treiben ich seit über 20 Jahren verfolge (in Amsterdam habe ich ihn sogar live gesehen) und dessen Humor-Abhandlung "Only Joking" (2006, mit Lucy Greeves) bei mir im Bücherregal steht, dann muss ich es lesen. Zufällig wartete es im Bereich "Fremdsprachige Literatur" der Frankfurter Zentralbibliothek darauf, von mir mitgenommen zu werden.


Es liest sich bei aller (überraschenden) Aufrichtigkeit und Feinfühligkeit wirklich launig, zumal der Autor nicht darauf verzichtet, Biographisches (inkl. seinen Ärger mit dem Finanzamt) einzuflechten und mit erhellenden Einsichten in die britische Comedy-Szene unterhält (u.a. gibt es einen ganzen Abschnitt über das Edinburgh Fringe). Und ich konnte so einiges für mich persönlich "mitnehmen". Hier sind ein paar Worte übers Scheitern, das Lernen aus Fehlern und die Power des Ausprobierens:
Be bad. Be gloriously and ridiculously bad. Stink up the place.
Have the courage and the conviction of your suckiness. Failure is incredibly freeing, unless you're an escapologist.
Being wrong reminds you that nobody, and I mean nobody, is wholly right. I mean, even David Bowie was in Tin Machine. Getting stuff wrong, and acknowledging that, frees you from being defensive. And being defensive is the quickest way to shut down creativity.
Being wrong is hard – I mean being totally wrong, 100 per cent wrong. It's hard to get stuff perfect and it's hard to fuck up perfectly. But it's pretty easy to get stuff half right. And when you have something half right, then you have a draft, you've filled the blank page. You've got something to work on. Getting it wrong is how you'll defeat procrastination.

... über Kreativität und wie der Begriff heutzutage missverstanden, verwässert und verengt wird:

When we talk about creatives, we have a tendency to think about musicians or artists, we think about people who produce something called 'art' as if it should be reserved for museums and galleries, and only practised by a very few, special people. We put creativity over there and everything else is 'serious business'. Seriously? Fuck that. So dumb. So elitist.
I say this because, before Shell, I worked in advertising. [...] I worked alongside 'the creatives' who did creative stuff: copywriters and graphic designers. It's the dumbest thing. In a company of 200 people, thirty of them were labelled 'creative', as if the rest of us shouldn't even think about doing anything imaginative. We had been put in our place: 'Don't you lot go about having ideas. We've got ideas covered.'
Creativity is not a special thing in a special box in a special room. It's crazy thinking because any business does better if it's open to creativity. Any work can be creative. Architects are creative, as are gardeners, chefs, strippers, cab drivers, nurses, accountants (accountants can be incredibly creative, let me tell you). It's not about what you do, it's how you do it, that's what makes your job creative. [...]
Sometimes the word 'creative' is a problem. If the term is too hippyish for you there are other words available: try 'productive' or 'inventive'.

Und das hier könnte 1:1 von mir stammen:

[...] anxiety is a constant hum in my life.
I look at it this way: yes, I have the lows of anxiety, but I also have the highs of creativity.
Anxiety is the flip side of creativity it's a gift. A gut-wrenching, pain-in-the-arse, nightmare gift. But it's the thought that counts. If you're suffering with anxiety, great news: you're a creative person.
The downside to a creative mind is that it's always on. Anxiety: it's your creativity with nothing to do. Give your creative mind something to do or it'll drive you crazy.
When I'm feeling anxious, I try and refocus my anxiety on something positive, I try to give my mind something to do other than worry. Start simple. Do anagrams, solve a puzzle, anything that gets your mind going.

Das Buch ist auch deshalb so gut konsumierbar, weil es in kurze, knackige Kapitel und Unterkapitel gegliedert ist, denen zudem geistreiche, aufschreibenswerte, meist witzige Zitate vorangestellt sind.

Montag, 28. Oktober 2024

Steinernes Gedächtnis

Ich habe hier einst offenbart, dass ich mir das Wort Gabionen partout nicht merken kann. Inzwischen habe ich es, wenn ich es denn mal brauche, zwar zuverlässig auf der Zunge, aber es tat gut zu erfahren, dass ich mit meiner (nun hoffentlich überwundenen) Gabionenschwäche nicht alleine bin. Woher erfuhr ich das? Aus einem Rattelschneck-Comic in der aktuellen Titanic:

Freitag, 19. April 2024

Zuerst die gute Nachricht ...

Stellt euch vor, ihr bekommt die Aufgabe, eine Minigolfanlage aufzuwerten. Wie bewerkstelligt ihr das? Mit hoher Wahrscheinlichkeit dadurch, dass ihr aufregende Features einbaut, neue Bahnen anlegen lasst, Hindernisse erweitert, kurz: indem ihr Dinge hinzufügt – auch wenn euch explizit erlaubt worden ist, Dinge zu entfernen, etwa "einen Sandbunker (eine 'Falle', aus der man den Ball nur schlecht wieder herausspielen kann)". Diese Neigung des Menschen zum Hinzufügen wird als addition bias bezeichnet und seit kurzem wissenschaftlich untersucht. Die Minigolf-Aufgabe wurde tatsächlich mit Versuchspersonen durchgespielt, das Ergebnisse 2021 in Nature veröffentlicht:

Die Teilnehmenden sollten alle ihre Ideen auflisten, wie man die Bahn verbessern könnte. Dabei wurden sie auch darum gebeten, auf die Kosten ihrer vorgeschlagenen Änderungen zu achten. Trotz dieses Hinweises generierten nur 28% aller Teilnehmenden zumindest eine einzige Idee, die das Entfernen eines Elements betraf. Und selbst von jenen Teilnehmenden, die nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen wurden, dass sie etwas [...] auch entfernen können, generierten nur 43% zumindest einen Vorschlag, bei dem ein Element entfernt würde.

Der menschliche Instinkt, Verbesserung durch "additive Transformation" erreichen zu wollen, sprich: der Gedanke "Mehr ist besser", scheint sich auch in der (deutschen) Sprache niederzuschlagen. Das legt die jüngere linguistische Forschung nahe. S. Wolfer / A. Koplenig / M. Kupietz / C. Müller-Spitzer vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim legen ihre diesbezüglichen Erkenntnisse in Ausgabe 1/2014 des Sprachreport nieder. (Daraus auch obige Zitate, den Nature-Artikel von Adams et al. 2021 betreffend.) Das Team bediente sich eines neuen Datensatzes zu Worthäufigkeiten namens DeReKoGram, basierend auf dem DeReKo, dem riesigen Deutschen Referenzkorpus. "Gram" nimmt dabei Bezug auf sog. n-Gramme, also Einzelwörter (Unigramme), Zweiwortverbindungen (Bigramme) usf., deren Frequenz ermittelt werden soll; aus diesem Blog bekannt ist womöglich der Google Ngam Viewer.

Es stellt sich heraus: Nicht nur sprechen und schreiben wir häufiger vom Hinzufügen als vom Wegnehmen, auch geben wir, wenn von beidem die Rede ist, der Addition den Vorrang. Und nicht nur beim Dualismus Mehr/Weniger macht sich der Additionsbias bemerkbar, auch bei anderen Bereichen, "die einer gewissen Polarität unterworfen sind", scheint sich eine Bevorzugung von "positiv polarisierten Wörtern" niederzuschlagen. Beispiele für solche Gegenstandsbereiche sind Progression (mit Partnerwörtern wie vorwärts und rückwärts), Wertigkeit (z.B. nützlich vs. nutzlos), Höhe (hinauf vs. hinab usw.) und sogar Reichtum. In letzteren fallen allerdings und interessanterweise zwei der vier Paare von Wörtern, bei denen das negativ polarisierte häufiger auftrat.

Für die beiden Paare [wohlhabend vs. bedürftig und finanzstark vs. finanzschwach] liegt keine unmittelbare Erklärung auf der Hand (wobei es Ausdruck einer Präferenz in Zeitungstexten sein könnte, eher finanzschwache als finanzstarke Gesellschaftsschichten zu fokussieren).

Hier betreten wir ein interdisziplinäres Feld zwischen Soziologie, Politik, Kommunikations- und Sprachwissenschaft! Wer bisher mit Korpuslinguistik auf Kriegsfuß stand (wie ich, zugegebenermaßen), möge sich von dem achtseitigen Sprachreport-Beitrag wider jedes Vorurteil bezaubern lassen. Wer den Datensatz-Overload als zu trocken und mathematisch empfindet und die Analyse überspringen will, für den gebe ich das Entscheidende wieder: "Wir können daraus schließen, dass in der deutschen Sprache – zumindest in den untersuchten Gegenstandsbereichen und für unsere Wortauswahl – in der Tat eine Neigung besteht, positiv polarisierte Wörter häufiger zu verwenden als negativ polarisierte." Und als Parallelbefund lässt sich festhalten, "dass in der (über DeReKoGram erfassten) deutschen Sprache in der Tat positiv polarisierte Wörter in Paarnennungen mit und und oder eher als erstes genannt werden."

Der addition bias ist übrigens so unbeackert, dass er in der doppelseitigen Sammlung unbewusster Denkschemata, die im Wissensteil der Süddeutschen Zeitung vom 28./29. Mai 2022 abgedruckt wurde und die ich wohlweislich aufgehoben habe, nicht auftaucht.


Nicht weniger als 184 Fehlschlüsse, Heuristiken und Reflexe sind darin aufgelistet, darunter Klassiker wie der Dunning-Kruger-Effekt und die Überlegenheitsillusion, aber auch Putziges wie der Bias-Bias ("Möglichkeit, dass Denkfehler zu oft diagnostiziert werden"). Das ist sooo geil! Wer eine höherauflösende Ansicht haben möchte, kann mich gerne kontaktieren.

PS in eigener Sache, das nix mit diesem Beitrag zu tun hat: Am Schwerpunktteil der heutigen Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" habe ich tatkräftig mitgewirkt. Schaltet doch mal ein!

Sonntag, 21. November 2021

Kurz notiert: Gladiolen

Habt ihr auch ein bestimmtes Wort oder einen bestimmten Namen, das/den ihr euch nie merken könnt? Bestimmt! Ich zum Beispiel kann mir nie den Namen des Schauspielers Woody Harrelson merken, obwohl ich mir sein Gesicht und die wichtigsten seiner Rollen nach Belieben ins Gedächtnis rufen kann. Kommt in einer Konversation aber ein Film zur Sprache, in dem Woody Harrelson mitgespielt hat, fällt mir meist nichts Gehaltvolleres ein als "Ah, da spielt doch der Dings mit ... der eine da, na? Äh, der Kiffer. 'True Detective', ihr wisst schon".

Zum Glück muss man den Namen von Mirliegtsaufderzunge nicht zu jeder Gelegenheit parat haben. Das trifft in noch stärkerem Maße auf ein Wort zu, das ich erst sehr spät in meinem Leben überhaupt kennengelernt habe: Gabione. Jeder hat sie schon mal gesehen: Gabionen sind jene meist grauen Drahtverschläge, die mit Steinen gefüllt sind und, z.B. in freudlosen Reihenhaussiedlungen, Hecken ersetzen. Sitze ich in einem Auto, das an einer dieser brutalistischen Grundstücksbegrenzungslösungen vorbeikommt, kann ich nicht schweigen und rufe etwaigen Mitinsassen zu: "Guckt mal, Gambiolen! Nee, wie heißt das?" Es will merr net in mein Kopp enei!

Als alter Dungeons-&-Dragons-Fan weiß ich aber immerhin, was ein Cambion ist.

Montag, 20. September 2021

Die nicht überleben wollen

Ich habe beim letzten Film-Roundup ein paar ergänzende Worte zu dem ansonsten kaum zu bemosernden Horrorstreifen "A Quiet Place Part II" vergessen, die ich hiermit nachreichen möchte. 

Während des Schauens übermannte mich nämlich immer wieder ein Gedanke: "Wozu all dieser Aufwand?" Für Leute, die mit der Prämisse von "A Quiet Place" nicht vertraut sind: Auf der Erde haben sich menschenfressende Aliens ausgebreitet, die von Geräuschen angelockt werden, und zwar ausschließlich von Geräuschen, dafür aber auch vom noch so zartesten. Die wenigen Überlebenden, darunter die Familienmitglieder um Emily Blunt, haben sich nun mit einer Reihe von handwerklichen Notbehelfen und trainierten Verhaltensweisen an diese permanente Bedrohungslage angepasst. Viele dieser Techniken werden in den beiden (wie geschrieben sehr zu empfehlenden) Filmen gezeigt; ich fand sie oftmals so beeindruckend wie einleuchtend, fragte mich aber eben mehrmals: "Wozu???" Was treibt diese Menschen an? Welches/Welche Ziel(e) haben sie? Nicht gefressen zu werden, ist die einzige verbliebene Alltagsaufgabe, anderen Inhalt sieht die Existenz in dieser (Post-)Apokalypse nicht vor! Die Lebensmittelproduktion und -versorgung ist zusammengebrochen, ebenso jedwede Infrastruktur, es ist so gut wie unwahrscheinlich geworden, anderen Individuen zu begegnen, mit denen man interagieren könnte, an Unterhaltung, Hobbys, Ablenkung ist gar nicht zu denken. Man ist nur noch damit beschäftigt, sich auf umständlichen Wegen Nahrung zu beschaffen und irgendwelche Vorrichtungen zu konstruieren, um sich temporär von den Monstern abzuschotten, und das alles in ständiger Anspannung und hochkonzentriert, weil jeder knackende Zweig den sofortigen Tod bedeuten könnte. Es ist schon in der realen Welt des Jahres 2021 schwierig, Gründe fürs Weiterleben zu finden. Würfe man mich in die Welt von "A Quiet Place", ich würde nach spätestens einem halben Tag Rasseln schwingend und gellend* durch die Wildnis tollen. "Sollen die Biester mich doch zerfetzen, dann hab' ich's hinter mir, diesen Scheiß mach' ich jedenfalls nicht mit!"

Wäre dies hier Facebook oder ein anderes Medium mit rege kommentierender Community, würde ich fragen: Was meint ihr, was ist die Motivation der Figuren? Sind diese realistisch gezeichnet? Was würdet ihr in dieser Lage machen?

* Ich hätte gerne mal das schöne Wort ululating verwendet, aber davon scheint es keine deutsche Entsprechung zu geben.

Dienstag, 31. August 2021

Der Doppelspuk hat einen Namen!

Vor kurzem hörte ich die Ausgabe "The Baader-Meinhof Gang" des "Omnibus"-Podcasts. Den Heißen Herbst und wie es dazu kommen konnte, halte ich nach wie vor für eines der faszinierendsten Kapitel der bundesdeutschen Geschichte (wobei ich mich zuletzt verstärkt mit der unmittelbaren Nachkriegszeit beschäftigt habe), und das eigene Land mit amerikanischem Blick zu betrachten, ist stets unterhaltsam. (Es gibt mehrere "Omnibusse" mit Deutschland-Schwerpunkt, z.B. einen über die Wuppertaler Schwebebahn.)

Sogleich sah ich, dass in der Episodenliste unmittelbar danach eine Folge mit dem Titel "The Baader-Meinhof Phenomenon" aufgeführt war. 'Nanu', dachte ich, 'eine Fortsetzung, weil die Moderatoren das Thema RAF so spannend finden?' Ich spielte die Episode später ab und lernte: Mit "Baader-Meinhof-Phänomen" bezeichnet man jenes Phänomen, das ich in diesem Blog schon mehrmals dokumentiert und als "Doppelbegegnung" o.ä. bezeichnet habe! Der Ausdruck Baader-Meinhof phenomenon hat seinen Ursprung natürlich in den USA und wurde erst 1994 im Leserforum einer Lokalzeitung von jemandem geprägt, der über Baader, Meinhof & Co. gestolpert war, nachdem er keine 24 Stunden zuvor von Freunden zum ersten Mal von der Bande gehört hatte.

Noch jünger, nämlich von 2005, ist die wissenschaftlicher klingende Bezeichnung frequency illusion. Im Podcast wird auch vom red car syndrome sowie vom durch den Film "Repo Men" eingeführten plate of shrimp phenomenon gesprochen. Auch werden mehrere einleuchtende psychologische Erklärungen für den Effekt, den entrücktere Geister auf einen "Glitch in der Matrix" zurückführen mögen, vorgestellt, es geht um availability bias, den recency effect und den primacy effect, um die Macht des Zufalls, die menschliche Konditionierung aufs Mustererkennen, das Zurückgreifen auf Heuristiken, und was das alles mit Kreuzworträtseln zu tun hat. Kurzum: Das Hören war sehr befriedigend, und ich werde künftig nur noch Mehrfachbegegnungen festhalten, die extrem unerwartbar und spukhaft sind.

Samstag, 26. September 2020

Kurz notiert: Noch eine Doppelbegegnung

Kurz nach dem mysteriösen zweifachen Antreffen des arabischen Wortes für "stopp" begegnete mir etwas anderes, das ich bis dahin nicht kannte, an zwei Tagen hintereinander. In Episode 11 der 2. Staffel von "The Expanse" wird der Alternativname für die Kornblume, Zyane, abgefragt. Diese Episode sah ich am Donnerstag, und am Freitag las ich in der aktuellen Ausgabe des Sprachreports einen Artikel über den Scrabble-Duden, in dem es ebenfalls kurz um Zyanen (also das Wort) ging!

Auch das kann man gewiss wieder mit "perceptual priming" wegerklären, nur: Bis zum Donnerstag kannte ich das fragliche Wort überhaupt nicht. Oder lag es bereits irgendwo in meinem passiven Wortschatz vergraben? Dann stellt sich trotzdem abermals die Frage nach der Wahrscheinlichkeit für das Doppelauftreten dieses nicht eben häufigen Lexems. Nun gut, ich lese, schaue, höre sehr viel, da bleiben diese unheimlich scheinenden Phänomene nicht aus und werden sich bestimmt in Zukunft noch mehr als einmal zeigen. Grund, ein entsprechendes Tagebuch anzulegen oder eine feste Blog-Kategorie daraus zu machen, sollte das nicht sein. Also Schluss jetzt damit!

Mittwoch, 16. September 2020

Der unheimliche Doppelstopp

Wieder einmal habe ich das Phänomen der "übernatürlichen" Mehrfachbegegnung erlebt, und ich weiß wirklich nicht, wie man das anders als mit extrem unwahrscheinlichem Zufall erklären soll. Am Sonntag las ich den ersten Band von "Y: The Last Man" (Comics auf dem Kindle Fire funktionieren übrigens überraschend gut) und stolperte dabei über diese zwei Sprechblasen:


Mein Stolpern zog sich nicht lange hin. Entweder ist das Fantasie-Arabisch, oder qaf bedeutet halt irgend so was wie "Hey!" oder "Achtung!", dachte ich mir und setzte die Lektüre fort.

Am Montag darauf begegnete mir der Ausruf jedoch ein zweites Mal, nämlich in der Rätselrubrik "Quartett" der SZ-Wochenendausgabe:


Damit war die Bedeutung von qaf klar, und ich konnte, was selten genug vorkommt, das ("mittelschwere") Rätsel lösen: Alle vier Bilder zeigten Anagramme von STOP, nämlich zwei TOPS, einen SPOT (Bühnenbeleuchtung) sowie das Logo der Deutschen POST.

Noch einmal: An zwei Tagen hintereinander lese ich das arabische Wort für "Stopp!" in zwei Medien, die nichts miteinander zu tun haben – das muss doch selbst rational denkenden Menschen, wenn nicht übernatürlich, so doch zumindest gespenstisch vorkommen!

Dienstag, 4. Februar 2020

Ver-Flucht?

Ein krasser Fall von Mehrfachbegegnung, der nicht mit perceptual priming erklärt werden kann, widerfuhr mir in den vergangenen drei Tagen.
Es begann damit, dass ich im Rahmen meines nun schon über Jahre sich hinziehenden Projekts, "Scrubs" nachzuholen, eine Episode sah, in welcher der Hausmeister gesteht, in dem Film "Auf der Flucht" (OT: "The Fugitive") mitgespielt zu haben, nachdem er von JD, der sich diesen Thriller eines Tages anschaute, darin erkannt worden ist. (Diese Referenz kam nicht von ungefähr, sondern, wie ich später auf "TV Tropes" überprüfte, daher, dass Neil Flynn, der "Janitor", tatsächlich eine Rolle in "The Fugitive" hatte.) 
Heute morgen schaute ich mir John Mulaneys Stand-up-Special "The Comeback Kid" von 2015 an, und an einer Stelle bezieht sich der Komiker immer wieder auf eine Szene in ebenjenem Film.
Und dann scrolle ich wenige Stunden später durch Serienjunkies.de und lese was? "Der Streamingservice Quibi hat einen ersten Teaser zum Serienreboot des 1993 erschienenen Harrison-Ford-Films The Fugitive alias Auf der Flucht veröffentlicht."
Welche spukhaften Kräfte sorgen dafür, dass ich in kürzester Zeit dreimal mit einem 27 Jahre alten Spielfilm konfrontiert werde, zweimal davon via unzusammenhängende Fernsehproduktionen, die ihrerseits schon wieder etliche Jahre auf dem Buckel haben? Darüber hinaus: Was macht diesen (durchaus soliden) Actionkrimi mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones sooo bedeutsam, dass man noch ewig nach seinem Release Witze darüber machen konnte und jetzt sogar eine Wiederauflage für geboten bzw. erfolgversprechend hält? Tatsache: "The film was highly acclaimed by both critics and moviegoers, spending six weeks as the #1 film in the United States. It was also nominated for seven Academy Awards, including Best Picture" (tvtropes.org). Das war mir nicht bewusst, als ich ihn im Fernsehen sag; bei der Kinopremiere war ich noch klein. Aber dass "Auf der Flucht" deswegen geradezu unvermeidlich sein soll, akzeptiere ich nicht.

Mittwoch, 3. Mai 2017

Runter-Bewusstsein

In seinem Text "Ein alter Jugo-Drachen in der Wüste", später umbenannt in "Charleys Tante in der Wüste", berichtet Max Goldt von einem Zwangsausflug in eine katarische Falkenklinik, wo er aus nächster Nähe eine Operation beobachtet. Und wie er da ohne Mundschutz über den geöffneten Falkenkörper gebeugt ist, denkt Goldt das, was er schon einmal dachte, als ihm nämlich eine Original-Kafkahandschrift vorgelegt wurde: 'Ich könnte da jetzt reinspucken.'

Nachvollziehbar? Für mich schon. Vor etlichen Jahren brach sich in meinem verschrobenen Hirn ein ähnlicher Gedanke Bahn, als ich an der Karls-Universität zu Prag eine echte, makellos erhaltene hethitische Tontafel in die Hand nehmen durfte: 'Ich könnte die jetzt auf den Boden schmeißen.' Zu dem einigermaßen leicht zu unterdrückenden Zwang gesellte sich die Angst, dass ich das über Tausende von Jahren und Kilometern hinweg in meine temporäre Obhut gelangte Keilschriftdokument aus Versehen fallen lassen könnte. Solche Schusseligkeiten passieren mir nicht selten, weswegen ich mich auch standardmäßig weigere, Babys zu halten (vielleicht tu ich das aber auch aus Furcht vor Vatergefühlen/Milcheinschuss).

Der französische Ausdruck l'appel de vide bezeichnet das unheimliche Verlangen, sich in die Tiefe zu stürzen, wenn man vor einem Abgrund steht. Der abnorme Drang, vulnerable Objekte zu beschädigen, ist damit bestimmt verwandt, könnte ich mir vorstellen.

Montag, 7. Dezember 2015

"Übernatürliche" Mehrfachbegegnungen

Auf der Seite dasgehirn.info fragt eine Leserin nach der Erklärung für ein auch mir bekanntes Phänomen: "Manchmal höre oder lese ich ein Wort ewig nicht und dann taucht es plötzlich in kurzer Zeit doppelt auf, wenn auch in einem anderen Kontext."

Der Gehirnforscher Alan Richardson-Klavehn antwortet (von mir gekürzt, ich empfehle aber, alles zu lesen):
"Dieses Phänomen lässt sich wahrscheinlich auf das so genannte 'perceptual priming' zurückführen [...]: Ein Wort auf einem Blatt ist zunächst einmal nur ein Muster. Wenn man das liest, dann müssen Wahrnehmungsmechanismen im Gehirn dieses Muster verarbeiten und aus dem Gedächtnisspeicher die zum Muster passende Bedeutung abrufen. [...] Wenn man einen Reiz wie zum Beispiel ein Wort verarbeitet hat, dann kann der Reiz künftig leichter verarbeitet werden. [...]
Wenn ein selten auftauchendes Wort nun in kurzer Zeit doch wieder vorkommt, dann ist die Informationsverarbeitung bei der Wiederholung besonders erleichtert. [...] Das perceptual priming ist stärker für jene Wörter, die in der Sprache selten vorkommen, und schwächer für Wörter, die in der Sprache häufig vorkommen. Eben weil häufige Wörter schon sehr effizient verarbeitet werden.
Nun gibt es zwei mögliche Erklärungen, warum das Wort beim zweiten Auftauchen besonders auffällt. Die erste Erklärung verlässt sich auf die so genannte 'attribution theory' [...]. Taucht ein seltenes Wort in kurzer Zeit ein zweites Mal auf, dann merkt man, dass das Wort viel effizienter und fließender verarbeitet wird, als das normalerweise für ein selten auftauchendes Wort der Fall wäre. [...] Man sucht eine Erklärung dafür und denkt bewusst darüber nach, wo und wann dieses Wort einem vorher begegnet ist.
Die zweite, direktere, Erklärung [...:] Das perceptual priming, das beim zweiten Mal passiert, treibt automatisch den simultanen Abruf einer episodischen Gedächtnisspur im Gehirn an. Das führt unvermeidbar dazu, sich bewusst an die vorherige Begegnung mit dem Wort zu erinnern."

Eine befriedigende Antwort – die aber nicht erklärt, warum dieser Déjà-vu-ähnliche Effekt auch bei neu kennengelernten Konzepten, die nicht seltene Wörter sind, auftritt. Der Anlass, der mich überhaupt googeln und die zitierte Gehirn-Webseite finden ließ, war nämlich jener: Gestern hörte ich mir ein Q&A mit einem bekannten YouTuber an. Eine Frage lautete: "Welche Werke des Zeitreise-Genres gefallen dir?" Der Befragte verwies dann u.a. auf "Puella Magi Madoka Magica", wovon ich noch nie gehört hatte, weil ich mich mit Anime weder auskenne noch beschäftige. Heute nun findet man im Feuilleton der FAZ die alljährlichen Weihnachtsempfehlungen der Redaktion, und was steht dort bei Dietmar Dath in der Spalte "Was süchtig macht"? – Die DVD/BluRay "Puella Magi Madoka Magica The Movie: Part 3 - Rebellion"! Dass mir innerhalb von zwei Tagen dasselbe Werk zweimal begegnet, kann ja wohl kaum mit dem sekundären visuellen Cortex zusammenhängen. Mit dem "Gesetz der Anziehung" oder ähnlichen esoterischen Theorien sicher auch nicht. Vermutlich liegt's an einer Mischung aus Zufall und dem Fakt, dass die erwähnte Fernsehserie doch ziemlich populär ist.

Montag, 19. Oktober 2015

Who let the dog people out?

Der Spiegel von letzter Woche – manchmal ist er halt doch ganz brauchbar – befasste sich mit einem mir bis dahin unbekannten historischen Bizarro-Ereignis, über das erstmals der Bischof Johannes von Ephesos schrieb: Im Jahr 560 n. Chr. hielten sich die Einwohner der Stadt Amida, dem heutigen Diyarbakır in der Türkei, offenbar plötzlich für Hunde. "Vom Irrsinn Befallene rannten auf allen vieren kläffend durch die Straßen, orientierungslos und mit Schaum vor dem Mund. Kratzend und beißend fielen die Menschen übereinander her. Wie von Sinnen brüllten sie Obszönitäten und okkupierten jaulend die Friedhöfe." (Spiegel 42/2015, S. 116)

Nun hat die Medizinhistorikerin Nadine Metzger von der Uni Nürnberg-Erlangen in einem Artikel in History of Psychiatry dargelegt, was es mit jenem eigenartigen Vorfall auf sich gehabt haben könnte. Demnach habe der Chronist lediglich die Stilmittel des Vergleichs und der Übertreibung eingesetzt, um gotteslästerliches Treiben und moralische Verkommenheit zu umschreiben: "Angesichts der Bedrohung durch die kriegerischen Perser verwandelten sich die Bewohner nicht in Hunde, sondern in Zivilisationsverweigerer und Anarchisten." Das klingt plausibel, ist aber letztlich nur eine Theorie. Ich habe den vollständigen Artikel nicht gelesen, und mir ist klar, dass sich die Wissenschaftlerin, die sich schwerpunktmäßig mit der psychologischen Erklärung von Besessenheit in der Menschheitsgeschichte beschäftigt, mehr Ahnung hat als ich, doch gebe ich zu bedenken, dass kollektiver Wahn, auch in Verbindung mit tierischem Verhalten, mehrfach belegt ist. Ich verweise nur auf das in Japan auftretende Phänomen Kitsune und andere Culture-bound syndromes. Für den Beleg eines solchen CBS spricht auch – der Spiegel erwähnt es sogar – die Wortprägung "Kynanthropie" (kyn- "Hund-"; ánthrōpos "Mensch") des Arztes Aëtios von Amida, der sich in der fraglichen Zeit ebendort aufhielt. Mir gefällt jedenfalls die Vorstellung, dass mal eben eine ganze Stadt auf den Hund kommt.

Sonntag, 16. November 2014

La mer


So beginnt ein Aufsatz im aktuellen Magazin der Süddeutschen Zeitung, der zu ergründen versucht, woher die Faszination des Menschen für das Element Wasser kommt. Genau darüber wollte ich schon seit längerem etwas schreiben, aber das kann ich mir ja nun sparen! Belasse ich es also lieber bei einigen persönlichen Ausführungen. Wie die Autorin des nämlichen Textes liebe auch ich das Wasser sehr und werde von Glückseligkeit gepackt, wenn es mir vergönnt ist, auf Meeresaktivitäten zu starren. Wie manchen Leuten davon nach nur wenigen Stunden langweilig werden kann, will mir nicht einleuchten. Ich habe aber nicht nur eine romantische Zuneigung zu Gewässern, insbesondere zu Ozeanen, sondern auch ein vernünftiges Maß an Respekt, vor allem seit dem 19. Februar 2011. Da wäre ich nämlich beinahe im Pazifik ertrunken. Nun ja, vermutlich hätte mich irgendjemand rechtzeitig gerettet, wenn es mir nicht aus eigener Kraft gelungen wäre; aber wie mich mehrere (= zwei) unvorhersehbar große Wellen überrollt und über den gefährlich felsigen Meeresgrund gewirbelt haben, nachdem ich arglos-übermütig wie ein Zwölfjähriger in das kühle Nass gehechtet bin, das war schon gruselig. Sehe ich Videos von Teufelskerlen, die auf dem Kamm einer hochhaushohen Monsterwelle surfen, schnürt's mir die Kehle zu. Neenee, Wellen beobachte ich lieber aus sicherer Entfernung – oder von Bord eines Schiffes (was ich in meinem bisherigen Leben leider viel zu selten getan habe). Irgendwann ziehe ich ans Meer und betrachte allabendlich bei einer Flasche Bier die Gischt. Und irgendwann wird die Sonne untergehen. Und dann geh ich ins Bett.

(PS: Ich stelle mir die Stadt Kiel ganz reizvoll vor, aber alle, die schon mal in Kiel waren, beteuern, dass Kiel ganz und gar ohne Reiz sei. Was soll ich glauben?)

Mittwoch, 3. September 2014

Die drei Türme

Ich habe eine neue, ziemlich harmlose, obschon recht exquisite Zwangsneurose entwickelt.

In meinem örtlichen Rewe-Markt werden die Tragekörbe in drei nebeneinander positionierten Türmen gestapelt. Im Verlaufe der Geschäftszeiten nehmen diese Türme automatisch unterschiedliche Höhen an. Wenn ich nun in den Rewe gehe, greife ich mir einen Korb vom höchsten Turm und stelle diesen nach dem Einkauf auf den niedrigsten Turm. Ein Kurzschluss in meinem Über-Ich lässt mich hoffen, dass die Höhenunterschiede der drei Türme stets so gering wie möglich ausfallen, ja dass sie im Idealfall – gleich Kommunizierenden Gefäßen – völlig aufgehoben werden, so dass am Ende des Tages drei aus der exakten Tragekorbanzahl aufgebaute Türme im Eingangsbereich Spalier stehen. Was die Frage aufwirft, ob eine solche Nivellierung nicht eh bei Ladenschluss von den Mitarbeitern vorgenommen wird. Vielleicht ist das gar ein Statut in den Rewe-Arbeitsverträgen: "Die Korbtürme müssen immer gleich hoch sein!" ... Ach, das wär' schön.

Freitag, 9. Mai 2014

Das Leben als Seifenoper

Ich habe festgestellt, dass mich die sieben menschlichen Basisemotionen mittlerweile am ehesten im eigenen Badezimmer überkommen: Freude, wenn die elektrische Zahnbürste gerade zur rechten Zeit vollständig geladen ist; Wut, wenn ich merke, dass ich vergessen habe, die Zahnbürste zu laden; Überraschung, wenn ich auf einem Kosmetikartikel einen komischen Aufdruck entdecke; Traurigkeit und Ekel, wenn ich in den Spiegel schaue; Furcht, wenn ich eine Paketsendung erwarte und unter der Dusche stehe; Verachtung, wenn aus dem Nachbarhaus der Gestank von gebratenem Speck-Zwiebel-Müll durch das angekippte Fenster zieht. 
Tja, andere gehen zum Lachen in den Keller oder zum Laichen in den Gartenteich.

Mittwoch, 8. Januar 2014

The Lost Symbols

Spannend finde ich die Tatsache, dass wir Piktogramme in Computer-, Telefon- und sonstiger Software auch dann problemlos verstehen, wenn das Dargestellte längst nicht mehr in unserer Lebenswirklichkeit vorkommt. Ich könnte mich jetzt in semiotischem Mumbojumbo verlieren, stattdessen möchte ich mein Geschwurbel lieber anhand von vier Beispielen konkretisieren:

 Thunderbird blendet einen Brief in der Taskleiste ein, wenn eine neue Mail eingegangen ist. Verständlich – noch! Aber möglicherweise stirbt der physische Brief irgendwann aus; wird er dann immer noch als universeller Repräsentant von Mails/SMS/Nachrichten verwendet und verstanden werden?

  Das klassische Symbol für "Speichern": eine Diskette (hier aus dem Libre Office Writer). Die Diskette dürfte bei sagenwirmal Achtzehnjährigen kaum als Speichermedium bekannt sein; dennoch wird jede/-r Achtzehnjährige bei der Erstbenutzung eines Programms intuitiv auf die Diskette klicken, wenn er oder sie etwas saven möchte.

 Bei Twitter klickt oder fingert man auf die weiße Feder, wenn man einen neuen Tweet verfassen will. Moderne User kennen die Feder als Schreibutensil höchstens aus Museen oder historischen Filmen, dennoch geht Twitter von der Eindeutigkeit des Bildchens aus.

 Auch eine Lupe dürfte in den wenigsten Haushalten der zivilisierten Welt zur Standardausstattung gehören. Trotzdem weiß man um ihre Funktion. Interessantes Nebendetail: Lupen vergrößern eigentlich nur; ein Minuszeichen auf der Lupe (etwa im Adobe Reader) zeigt aber an, dass es auch in die andere Richtung geht, also Verkleinern gemeint ist.

Die Aufzählung ließe sich mühelos erweitern. Spontan denke ich z.B. an eine Filmrolle, die für alles stehen kann, was mit Film und Video zu tun hat. Auch die Wecker-Icons auf Smartphones sind fast immer jenen klassischen mechanischen Geräten nachempfunden, die auf den Nachttischen unserer Großeltern standen. Wann hat man so etwas zum letzten Mal gesehen? 

Ist diese spezielle Art kulturellen Wissens womöglich vererbbar? Das wüsste ich zu gerne. Vielleicht sollte ich doch mal dieses Mem-Buch von Richard Dawkins lesen ...


Update: Das Angeber-Schlagwort zu diesem Beitrag ist Skeuomorphismus.

Dienstag, 30. Juli 2013

Gedankenexperiment

Wir leben bekanntlich im Remix-Zeitalter. Alles baut auf Bekanntem auf, jedes neue Kulturerzeugnis ist Anspielung, Re-Interpretation, Variation von vorher Dagewesenem. Selbst die Negation von Konventionen ist nicht möglich ohne Bezugnahme auf nämliche Konventionen (duh!). Was einerseits zu der Frage führt, womit man post-postmoderne Konsumenten überhaupt noch überraschen kann, andererseits zu folgender Gedankenspielerei, die an Mary's Room erinnern mag:

Man lasse einen Menschen aufwachsen und bilde ihn zum Kunstschaffenden aus – ohne ihm dabei irgendeine Art von Kunst zugänglich zu machen. Das heißt, dieser Mensch lernt zwar (etwa durch Vorträge oder hochtheoretische Literatur), was Kunst ist, aber jedwede Beispiele werden ihm vorenthalten. Am Ende kann er beispielsweise genau definieren, was einen Film ausmacht und welche geistigen und technischen Mittel nötig sind, um einen zu produzieren, aber er hat noch keinen einzigen Film gesehen. Nun ist die Frage: Wie würde ein Werk dieses Kunst-Kaspar-Hausers ausschauen? Um beim Beispiel Film zu bleiben: Was wäre das für ein Film? Lediglich eingefangener Alltag, eine Dokumentation? Oder das Gegenteil? Und was würde diese Versuchsperson zeichnen, wenn man ihr Pinsel, Farbe und Leinwand zur Verfügung stellte? Man weiß ja aus der Menschheitsgeschichte, dass die ersten Kunstwerke eben nicht ausschließlich Darstellungen der Wirklichkeit waren. Die Venus von Willendorf zum Beispiel ist bereits eine Variation der Wirklichkeit, ein Remix letztlich, und bei einigen der ältesten Götterstatuetten fragt man sich, wo da überhaupt das Vorbild lag.

Ist uns Kreativität womöglich ins Erbgut geprägt worden? Erkennen wir Kunst nur, wenn wir wissen, was Kunst ist? Was ist der Unterschied zwischen "schlechter Kunst" und "Nicht-Kunst"? Wäre ein Kunstbanause, der zum ersten Mal mit Warhol oder Tarantino konfrontiert wird, sofort begeistert oder würde er nur mit den Schultern zucken? Sind diese Fragen gar zu naiv? Soll ich aufhören? Okay.

Dienstag, 19. Februar 2013

Zwar und Zimmermann

Bei Yahoo Answers findet man folgende (etwas unglücklich formulierte, aber immerhin "gelöste") Frage:
Geht es nur mir so, dass ich Sätze mit "zwar" ohne ein folgendes "aber" als unfertig empfinde?
Darauf möchte ich antworten: Das geht nicht nur dir so. Ich selbst empfinde solche Sätze nicht nur als unfertig, sie lösen in mir regelrechte Beklemmungen aus. Ich werde nervös, beinahe panisch. "Wo bleibt denn jetzt das verdammte 'aber'?", möchte ich schreien. Neulich erst wieder in der FAZ, im Mosebach-Kommentar zum Papstrücktritt:
Bei Benedikt wird man von einer Flucht aus dem Amt aus „Angst und Zagen“ freilich nicht sprechen dürfen. An Widerständen hat es seinem Pontifikat zwar nicht gefehlt.
Punkt. Das ist schon mal nicht gut. Wenn's nach mir ginge, müssten "zwar" und "aber" stets im selben Satz stehen.
Vor allem in Deutschland ist er auf zum Teil maßlose Kritik gestoßen.
Ja ja ja, jetzt aber aber. Bitte?
Hier fehlte jedes Verständnis für die Aufgabe, die er sich gestellt hatte: die Kirche an ihre Überlieferung zu erinnern, eine theologische Fehlentwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu korrigieren, die so tat, als sei erst auf diesem Konzil die katholische Kirche gegründet worden.
Arghhhhh!!! (Es folgt auch im gesamten Rest des Textes kein "aber" mehr.)
Merke: Trenne nie 'ne Doppelkonjunktion, denn das untergräbt meine Antizipation.

Freitag, 1. Februar 2013

Der Zauber von Filmplakaten

Der Wortvogel hat sich in seinem gestrigen Blogeintrag mit Filmplakaten beschäftigt und dabei auf eine hübsche Sammlung bei 9gag verwiesen. Dort sind Filmposter nach häufig auftretenden Gestaltungselementen geordnet, z.B.:

Ich selbst habe vor längerer Zeit einmal versucht, eine ähnliche Sammlung zu erstellen, mit bescheidenem Ergebnis:

Klar, man setzt auf Wiedererkennungseffekte; das Publikum – zumindest der Teil davon, der zu faul ist, sich Trailer anzuschauen oder Inhaltsangaben zu lesen – möchte an die Hand genommen werden, möchte per Filmposter wenigstens einen ungefähren Eindruck davon vermittelt bekommen, worum es geht. 

Nun zu einer anderen Eigentümlichkeit von Kinoplakaten. Ein Freund erzählte mir, dass ihn schon lange eine Frage umtreibt, mit der er, wenn er sie in den Raum wirft, auf allgemeines Unverständnis stößt, und auf die es auch im Internet keine Antwort zu geben scheint. Ich verstand ihn aber sofort, denn eigentlich muss jedem, der mit offenen Augen durch die Welt spaziert, dieses "Problem" auffallen: Warum stimmt bei Filmplakaten, auf denen ein Ensemble-Cast abgebildet ist, die Reihung bzw. Aufstellung der Darsteller nicht mit der Anordnung der Namen überein? Beispiel: 

Ich vermute, dass es mit den menschlichen (und speziell westlichen) Sehgewohnheiten zusammenhängt. Wir lesen zwar von links nach rechts, schauen aber bei Bildern grundsätzlich zuerst in die Mitte bzw. darauf, was irgendwie hervorsticht. Das haben wir schon im Kunstunterricht gelernt. Chris Cooper ist auf dem "Married Life"-Plakat ein bisschen weiter im Vordergrund als die anderen und schaut dem Betrachter direkt in die Augen. Bei anderen Plakaten wird es deutlicher: 

Hier ist die Erstgenannte zwar die dritte von links, ist aber eindeutig im Vordergrund positioniert. 
Fazit: Plakatdesigner müssen psychologisch geschult sein.