- ALNORIA Der BECHER DER VERLORENEN
- Ben und die alte BENU
- Das Pyramiden-Paradox der Primär-Prävention
- Die Abenteuer von Klubschi
- Knatterwind Die Rückkehr Der Roten Kiste
- Lass Deine Ohren sprechen
- Nema und das Siegel der Siedler
- PAULA Die Geschichte der Zahnfee
- POethik-Journal
- RION Als SIE UNS FANDEN
Mittwoch, 12. August 2026
Highlights aus dem neuen Titelschutz-Anzeiger
Freitag, 7. August 2026
Das nie gelungene Lied
Dienstag, 7. Juli 2026
Don't Worry Starling
In Cal Flyns "Verlassene Orte. Enden und Anfänge in einer menschenleeren Welt", dem wieder mal sehr anregenden und repräsentativen 100. (!) Band der Reihe "Naturkunden" bei Matthes & Seitz, wird erwartbarerweise auch das Thema invasive Arten berührt. Insbesondere geht es darum, wie im Zuge von Kolonisierung nichtendemische Spezies in neue Lebensräume, zielgerichtet oder unabsichtlich, eingeschleppt werden. Erstaunlichste Stelle (S. 190):
Manchmal nahmen die Kolonialisten Pflanzen und Tiere zur Gesellschaft mit, weil sie hübsch aussahen oder ihnen in der Fremde ein Gefühl der Vertrautheit vermittelten. Sie zu sammeln und zu pflegen, war ein beliebter kolonialer Zeitvertreib. Im Jahr 1890 setzte eine "Akklimatisierungsgesellschaft" in New York Exemplare aller in Shakespeares Werken erwähnten Vogelarten im Central Park aus.
Die Schwalbe, die den Sommer bringt.
Der Spatz, der Zeisig fein,
Die Lerche, die sich lustig schwingt
Bis in den Himmel 'nein.Die meisten verschwanden in den Bäumen und wurden nie wieder gesehen, aber die sechzig Stare ("Ja, einen Star schaff' ich mir an, der nichts soll lernen / Zu schrein, als 'Mortimer'!") entwickelten sich prächtig. Heute gibt es etwa 200 Millionen amerikanische Stare.
Das ist crazy! Aber leider nur halbwahr. Richtig ist, dass ein New Yorker Apotheker namens Eugene Schieffelin der American Acclimatization Society angehörte und ihr im Jahr 1877 vorstand; auch setzte jener tatsächlich 1890 die genannte Zahl an Staren im Central Park aus, allerdings wohl nicht als Teil eines Projekts mit Shakespeare-Bezug: "Some historians have cast doubt on this story, as no record of it exists until the 1940s." Dass sich der Star in den Vereinigten Staaten dermaßen stark und mit teils verheerenden Folgen ausbreitete, stimmt jedoch.
Freitag, 26. Juni 2026
Meine neue Bibel
Im Urlaub entdeckte ich in einer Bibliothekstaverne (was für ein Konzept!) dieses Kochbuch bzw. eine ältere Ausgabe davon:
Nach nur oberflächlichem Durchblättern wusste ich: Das muss ich haben! Im einschlägigen Online-Buchhandel bekommt man es antiquarisch für ein paar Kröten.
Madhur Jaffrey, mittlerweile 92 Jahre alt, ist eine britisch-indische Schauspielerin und Köchin, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren quasi im Alleingang der westlichen Hemisphäre die indische Küche nähergebracht hat. Die meisten Rezepte in vorliegendem Buch, das nur eines von fast drei Dutzend ist, die Madhur Jaffrey herausgebracht hat, stammen denn auch aus Indien, man findet aber auch welche aus Indonesien, China, Japan, der Türkei und und und. Zwei Gerichte habe ich bereits zubereitet, beide sind, angemessen bei der aktuellen Hitze, sehr leicht und erfrischend, zudem einfach zu zaubern, weswegen ich die Rezepte (von mir minimalst variiert) gerne mit euch teile.
Das erste ist ein nahöstlicher Linsensalat. Man kocht 200 g trockene grüne Linsen nach der üblichen Vorgehensweise (Kochzeit je nachdem, ob Linsen vorher eingeweicht wurden), fügt dem Wasser neben 2 TL Salz allerdings noch einen 1 TL gemahlenen Kreuzkümmel hinzu. Nach dem Abspülen und Abkühlenlassen der Linsen mischt man darunter: 2 Frühlingszwiebeln (in dünne Scheiben, bis kurz vorm weißen Teil geschnitten), 2 EL Zitronensaft, 2 EL Olivenöl, 15 g gehackte Petersilie (z.B. tiefgekühlte), etwas frisch gemahlenen Pfeffer. Durchziehen lassen, ggf. kaltstellen (hält sich im Kühlschrank mehrere Tage). Für mehr Portionen (Stichwort potluck) die Mengenangaben entsprechend anpassen.
Donnerstag, 4. Juni 2026
Der große Gatsby
Genau einhundert Jahre nach seinem Erscheinen habe ich (na gut, mit einem Jahr Verspätung) F. Scott Fitzgeralds "The Great Gatsby" gelesen, im Original. Das Erste, was mir auffiel, als ich den Roman in den Händen hielt, war: Huch, das ist ja ein schmales Bändchen! Die zweite, ernüchternde Erkenntnis stellte sich nach wenigen Seiten der Lektüre ein: Nun schon mehr als die Hälfte meines Lebens rezipiere ich tagtäglich (!) in irgendeiner Form englische Texte, und doch beherrsche ich diese Sprache praktisch überhaupt nicht. Naa, das ist übertrieben, aber trotzdem: Unbekannte Wörter und Phrasen begegneten mir auf fast jeder Seite. Was im Übrigen nicht dem Alter des Stoffes, sondern Fitzgeralds anspruchsvollem Stil geschuldet ist.
Wie hat mir das Buch gefallen? Viel passiert im Grunde gar nicht, aber vor meinem inneren Auge entstand beizeiten ein klares, lebendiges Sittengemälde. Ich war direkt drin in den Goldenen Zwanzigern an der Ostküste, wurde Teil jener High Society, hörte die Cocktailgläser klingen, bestaunte die edlen Kleider, spürte die allgegenwärtige Nachkriegs(un?)beschwertheit und gaiety. Die Verfilmung von vor ein paar Jahren sollte ich mir demnächst nachbereitend anschauen.
Was ich aber eigentlich schreiben wollte: An einer Stelle bricht eine Personengruppe zu einem Ausflug per Kraftwagen auf. Jemand weist auf den niedrigen Benzinstand des Autos hin, worauf jemand anders sinngemäß bemerkt: "Ach, wir kommen bestimmt an einem Drugstore vorbei, da bekommt man doch heutzutage alles." Und das ergänzt nun aufs Trefflichste das Bild von amerikanischen Apotheken, das sich mir in Ira Levins "A Kiss Before Dying" darstellte und das ich in diesem Beitrag ansatzweise nachzeichnete. Konnte man in einer gewissen Ära in Drugstores gar tanken oder zumindest (abgefüllten) Treibstoff kaufen? Irre!
Sonntag, 10. Mai 2026
Vorteil Schreibmaschine?
Im Kindheitsroman war ich auf den letzten Metern angelangt. Unten links zeigte mein Bildschirm mir an, daß ich mich auf Seite 678 von insgesamt 688 Seiten befand. Die restlichen zehn enthielten das verbliebene Rohmaterial.
Als ich zwischendurch eine andere Datei öffnen wollte, erschien der Hinweis:
Freier Arbeitsspeicher des Computers zu klein.
Und unten links stand auf einmal nicht mehr "678/688", sondern "1/0". Das bereitete mir Unbehagen. Ich gab den Befehl zum Speichern, aber mein antiker PC versagte mir den Gehorsam: Er tat überhaupt nichts mehr. Der Cursor stand still und ignorierte alle Bewegungen der Maus.
In meiner Not drückte ich auf den Reset-Knopf, und als ich die Kindheitsromandatei danach wieder öffnete, war sie leer. Alles weg. 688 Seiten ausgelöscht.
Doch ich hatte ja noch die Sicherheitskopie auf einer Diskette. Aber wo war die hin?
Ich konnte sie nicht finden.
Hunderttausend heulende und jaulende Höllenhunde!
Spoiler: Es geht alles gut aus. Doch erinnerte mich diese Episode allzu brutal an eine eigene Erfahrung. Eines Abends, während ich an meiner Magisterarbeit schrieb, kippte ich aus Versehen ein halbes Glas Tee über meinen Laptop. Ich war geistesgegenwärtig genug, schnell einen USB-Stick in das Gerät zu stecken und eine Sicherheitskopie des Dokuments darauf abzulegen, bevor das Notebook sich verabschiedete. Selbstverständlich hatte ich die Arbeit in einem (nicht viel) älteren Zustand noch woanders abgelegt; ich achtete stets darauf, immer mindestens zwei halbwegs aktuelle Sicherheitskopien vorrätig zu halten. Ein ganz in meiner Nähe wohnender, IT-begabter Freund erklärte sich spontan bereit, rüberzukommen und die Katastrophe zu begutachten: "Klar, dann machen wir eine schöne Freitagabend-Notebook-Schraub-Session!" In seine Einzelteile zerlegt, offenbarte mein Klapprechner den erlittenen Schaden, der sich tatsächlich auf den Zustand "nass sein" beschränkte. Durchgeschmort oder anderweitig unbrauchbar geworden war dem ersten Anschein nach nichts. Mehr als föhnen, tupfen und abwarten (ohne Tee) konnten wir nicht tun, und brauchten wir auch nicht zu tun. Am nächsten Tag konnte der Schlepptop zusammengesetzt und wieder in Betrieb genommen werden. Puh! Hätte ich statt erkalteten Tee, was weiß ich, einen klebrigen Milchshake oder Schwefelsäure getrunken, hätte die Sache womöglich ganz anders ausgesehen. Auch während ich diesen Beitrag tippe, steht ein Glas Tee neben dem Rechenknecht. Ich bin aber ganz vorsichtig!
Sonntag, 26. April 2026
Wer den Cent nicht ehrt ...
Ich freue mich immer, wenn ich eine Möglichkeit entdecke, Geld zu sparen, zum Beispiel, indem ich beim Einkaufen die grünen Stengel der Rispentomaten vor dem Wiegen entferne, beim Knäckebrot die flache Seite schmiere, weil auf der anderen Seite so viel Belag in den Kuhlen verschwindet, alte Kalender kaufe und das Datum mit Hand ändere. Statt Nagellack zu benutzen, kann man zu enge Schuhe tragen, bis sich die Zehennägel blau färben, und beim Nachdenken kann man sich angewöhnen, das Schreibtischlicht zu löschen.
Für die Generation, die noch den Krieg erlebt hat, war solche Sparsamkeit, die heute als Geiz gilt, selbstverständlich; so erklärte Tante Lore aus Köln meinen Eltern einmal, sie würden sich erst einen Fernseher leisten, wenn der Farbfernseher erfunden wäre, denn dann würden sie einfach einen Schwarzweißfernseher kaufen, die ja dann sicher billiger würden. Tante Lore und ihr Mann aßen auch, wenn sie in die Toskana fuhren, nach der Ankunft eisern ihre für unterwegs geschmierten Stullen auf, bevor sie sich der italienischen Küche widmeten.
Meine Tochter erklärte mir, nach Partynächten kaufe man sich als mittelloser Schüler heutzutage am Dönerstand «Saucenbrot», also einen Döner ohne Inhalt, nur mit Sauce, für 1 Euro.
Freitag, 24. April 2026
Mein Konjunktiv des Tages
... hat glatt das Zeug dazu, meinem Konjunktiv des Jahrtausends den Rang abzulaufen. Begegnet bin ich ihm in Bora Chungs Kurzgeschichtensammlung "Der Fluch des Hasen" (deutsch von Ki-Hyang Lee):
Als er nun volljährig geworden war, schickte sein Vater Abgesandte über die Grenzen seines Reiches hinaus zu den Bewohnern der Graslande, damit sie um eine Prinzessin würben, die die zukünftige Königin des Wüstenlandes werden könne.
Mit der Gesellschaft zur Stärkung der Verben schlage ich vor, analog zu werben (und sterben) auch erben so schön zu konjugieren.
Montag, 30. März 2026
Knack und hack
Ich hatte mal wieder Lust, mich mit Kryptologie zu befassen, und wer im deutschsprachigen Raum ist dafür ein besserer Gewährsmann als Klaus Schmeh? Dessen "Cipherbrain"-Blog ist ja leider stillgelegt, doch hat er, seit ich zum letzten Mal ein Buch von ihm las, mehr publiziert, als ich auf dem Schirm hatte (u.a. hat er zusammen mit Elonka Dunin "Codebreaking. A Practical Guide" geschrieben). Die Stadtbibliothek hatte die 2022er Auflage dieses Werks vorrätig:
Obschon ich vieles, was in diesem historischen Abriss vorgestellt wird, bereits kannte, ist die Lektüre erhellend und unterhaltsam. Am besten gefielen mir bisher die Abschnitte "Codeknacker auf Verbrecherjagd" und "Die Chiffren der Spione" (beispielsweise war mir unklar gewesen, dass in der Guillaume-Affäre Zahlensender und das sog. Doppelwürfel-Verfahren eine Rolle spielten). Selbst dem wieder und wieder erschöpfend behandelten Kapitel Voynich-Manuskript kann Schmeh noch etwas hinzufügen, nämlich eine objektive Zusammenfassung und nüchterne Einschätzung der verschiedenen bisher vorgebrachten Erklärungsversuche. Allein vor den letzten 50 Seiten des stattlichen Taschenbuchs fürchte ich mich ein wenig: "Das Zeitalter der Verschlüsselung mit dem Computer". Denn spätestens beim Thema Quanten-Kryptographie ist mein Horizont überschritten.
"Codeknacker gegen Codemacher" ist erschienen bei Springer, als Teil von Springer Nature einer der bedeutendsten Wissenschaftsverlage mindestens Europas (und bitte nicht mit dem bösen Döpfner-Haus zu verwechseln). Stellt sich heraus: Springer kann oder will sich kein gescheites Lektorat mehr leisten! Immer wieder fallen einem Unzulänglichkeiten und Patzer in Sachen Kohärenz und Gliederung auf. Da kommen Rückverweise auf und Wiederaufnahmen von Dingen, die bereits abgeschlossen waren, manche Passagen erscheinen doppelt und dreifach. Noch ärgerlicher sind die nicht eben wenigen Tippfehler. Tatsächlich glaubte ich irgendwann, die fehlenden oder vertauschten Buchstaben könnten, aneinandergereiht, einen Geheimtext ergeben, den es zu knacken gilt, sie wären also vom Autor beabsichtigt. Ulkigerweise bekam ich neulich eine E-Mail von Linkedin (ich bekomme jeden Tag circa zehn Mails von Linkedin; ich muss mich dort mal abmelden, es ist die Hölle) mit der Betreffzeile "2 neue Positionen als Chefredakteur bei Springer Nature". Nicht in einer Million Jahre würde man mir diesen Job geben, aber wenn, dann würde ich ein anständiges Korrektorat garantieren.
Dienstag, 9. Dezember 2025
Das gute Zitat
"Ich verschwieg Matti meine Meinung über Mixtapes: daß Mixtapes nichts nützen. Nicht weil kein Mensch mehr Kassettenrecorder hat, sondern weil man sie ausschließlich für sich selbst macht. Es ist eine verständliche Hoffnung, daß die Musik, die man liebt, der Person, die man gern hat, genausoviel bedeute, daß das Band also das mitteile, was man so nie zu sagen imstande wäre. Es ist aber eine verrückte Hoffnung; es ist auch eine unsinnige Hoffnung, denn man liebt die Stücke, die man auf dem Mixtape versammelt, ja deshalb, weil man mit ihnen ein Leben lang allein gewesen ist, und sei es auf dem größten Rockfestival."
--- Stefan Gärtner: Putins Weiber
Anm.: Zehn Jahre ist es her, dass ich mir auf der Autorenlesung von Kollege Gärtner ein Exemplar seines Romans aushändigen und signieren ließ. Ich begann mit der Lektüre und ... kam nicht so recht "rein". Keine Ahnung, woran es gelegen hat. Jetzt, rechtzeitig vor Erscheinen von "Hotel Drei Jahreszeiten", habe ich mir "Putins Weiber" noch einmal vorgenommen und innerhalb weniger Tage ausgelesen. Sehr anregend nahm sich das aus. Ich war abwechselnd beeindruckt von der kunst- und anspruchsvollen Sprache und auf seltsam angenehme Weise peinlich berührt von den Liebesirrungen des Protagonisten.
Donnerstag, 13. November 2025
Die Bibel für alles Mediterrane
Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass ich als Inselfreak diesen Prachtband bis vor ein paar Wochen noch nicht in meinem Bücherregal stehen hatte: "Die Inseln des Mittelmeers" von Charles Arnold (Hg.).
Von seiner Existenz weiß ich schon lange, und vor etlichen Jahren hatte ich ihn mir auch schon mal aus der Bibliothek ausgeliehen, aber erst neulich dachte ich mir: Mensch, den musst du doch eigentlich besitzen. Nun besitze ich ihn.
Man muss vorausschicken, dass das Buch zwangsläufig nicht jede Mittelmeerinsel behandeln kann. Mehr als 1000 Inseln (Definition: "alle vom Wasser umgebenen Landflächen von mehr als einem Zehntel Quadratkilometer") werden lediglich namentlich und mit Lage und Größe aufgeführt, so etwa die recht berühmte französische Île d'If. Nicht wenige Eilande befinden sich in Privatbesitz; über jene dürfen vermutlich gar keine näheren Informationen, geschweige denn Besuchstipps herausgegeben werden.
Die 218 wichtigsten Inseln, und das heißt: alle größeren mit Übernachtungsmöglichkeiten, werden auf je einer Einzelseite mit allerlei nützlichen Informationen vorgestellt.
Locker über das Buch verteilt sind mehrere Aufsätze, z.B. zur Pflanzenwelt oder zur Entwicklung des Tourismus. Im Anhang finden sich ein umfangreicher Statistikteil sowie Satellitenaufnahmen aller relevanten Gebiete des Mittelmeers.
Ansprechende Fotos runden das Werk ab, welches ich hiermit allen, die sich irgend für Inseln begeistern können, wärmstens ans Herz lege.
Samstag, 11. Oktober 2025
Zwei gute Zitate über Literatur
Aber dann gibt es eben auch die kleineren Formen, die keine allzu lange Lebensdauer haben. Eintagsfliegen aus Worten. Wie zum Beispiel den Schüttelreim, diesen Nichtsnutz, dessen Reimzwang sich so eng um seinen Inhalt schlingt wie ein Judogriff und der es nie so weit gebracht hat wie sein hochbegabter großer Bruder, der Haiku, der als runder Kiesel auf dem Grund des Baches rollt oder sich als Nebelschwade im Wipfel eines Ginkos verfängt.
Von allen literarischen Spielarten am meisten missachtet scheint mir aber unzweifelhaft die Anekdote zu sein. Keiner weiß so recht, was sie eigentlich sein soll. Ist sie kurz, oder darf sie auch etwas länger sein, muss sie immer amüsant sein, oder gibt es sie auch ernsthaft? Sogar der Witz hat es da besser erwischt. Der Witz weiß immer, wo er hinwill, geradewegs zur Pointe. Ist der Wesenskern einer Anekdote ihre mündliche Wiedergabe, oder kann sie es unbeschadet in die Verschriftlichung schaffen? Liest man nach, was eine Anekdote sein soll, stößt man auf folgende Definition:
Die wichtigste Eigenschaft einer Anekdote ist, dass sie 'treffend' ist.
Was wäre nun in einer Geografie der literarischen Formen die Anekdote? Ich wage zu behaupten: eine winzige Quelle, aus der ununterbrochen, seit Anbeginn der Zeit, das klarste Wasser sprudelt. Müde und ausgelaugt vom Besteigen literarischer Achttausender kann man sich hier erfrischen und kurz verweilen."
Mittwoch, 10. September 2025
Byzantinische Botschaften
Gerade ausgelesen:
Das war so packend wie ein Krimi und vollgestopft mit überraschenden Erkenntnissen nach neuestem Forschungsstand. Lediglich eine Passage möchte ich auszugsweise wiedergeben, bezieht sie sich doch zufällig – bzw. angesichts des Themas überhaupt nicht zufällig – auf etwas, das ich vor einiger Zeit hier im Blog behandelt habe: die nordischen Runen in der Hagia Sophia:
Überall in der Kirche finden sich Graffiti, kyrillische und griechische, armenische und lateinische. Die meisten wurden schätzungsweise zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert angefertigt und enthalten sowohl Namen als auch Bilder von Tieren, Waffen und Wappen. [...]
2009 wurde eine neue aufregende Entdeckung gemacht. Auf der Suche nach weiteren kyrillischen Inschriften fotografierte ein Team russischer Forscher akribisch alle Flächen mit möglichen Schriftzeichen und nahm die Bilder genau unter die Lupe. Alles, was irgendwie nach Runen aussah, schickten sie einer Runologin, Elena Melnikova, die schließlich einen Erfolg vermeldete. Eine dritte Runeninschrift, die auf einer marmornen Fensterbank in der nördlichen Galerie gefunden wurde, besagte: "Arinbarðr hat diese Runen geschnitten." Aufgrund ihrer besonderen Ritzart wurden diese Runen von Melnikova auf die Zeit zwischen dem frühen elften und dem zwölften Jahrhundert datiert, also auf das Ende der Wikingerzeit. (S. 346f.)
Aber das ist noch nicht alles!
Das ist noch nicht alles, denn in der Kirche wurde noch eine weitere Entdeckung gemacht. Bei der Untersuchung von mehr als 30 Graffiti-Darstellungen von Schiffen stellte der Forscher Thomas Thomov fest, dass es sich bei vier von ihnen um Wikingerschiffe handelte. Das überzeugendste Beispiel ist auf einer Säule in der Ecke derselben Galerie zu sehen, in der, nur erwa zehn Meter entfernt, Halfdans Inschrift gefunden wurde. Man muss allerdings schon genau hinschauen, um das – knapp unter Augenhöhe in den Stein geritzte – Schiff zu erkennen. Ein Teil ist unverwechselbar: der nach links gewendete Kopf eines Drachen mit einem nach vorn schauenden Auge. Der Hals ist nach unten gebogen und geht in den Rumpf eines schlanken Schiffs über, dessen Proportionen von jedem, der schon einmal ein Wikingerschiff gesehen hat, sofort wiedererkannt werden. [...] Eine weitere Zeichnung auf der anderen Seite der Säule könnte zwei weitere Schiffe zeigen, die nebeneinander in einem Hafen liegen. Diese Darstellungen sind überzeugend, und es gibt keinen Grund, sie für Fälschungen zu halten. (S. 347)
Dass die Inschriften und Zeichnungen von Angehörigen der Warägergarde hinterlassen wurden, ist nicht so unzweifelhaft, wie ich es bei meiner Erstrecherche herausgelesen hatte und wie es mein Blogbeitrag vom Mai insinuiert. "Waren Halfdan und Arinbarðr Mitglieder der Warägergarde?", fragt die Autorin auf Seite 350. Tatsächlich spricht einiges dafür. Doch nicht zwangsläufig müssen alle Nordmänner, die sich zu jener Zeit in der Hagia Sophia befanden, der legendären kaiserlichen Leibgarde angehört haben. Umgekehrt waren nicht alle Warägergardisten "Wikinger". Zwar bestand die Warägergarde "überwiegend aus Skandinaviern, aber ihr konnten auch andere Nationalitäten angehören. Nach der Schlacht bei Stamford Bridge zum Beispiel wuchs die Zahl der Angelsachsen, die nach der Niederlage gegen Wilhelm der Eroberer (zufällig ebenfalls ein Nachkomme der Wikinger) aus England geflohen war." (S. 351)
Mittwoch, 6. August 2025
Kurz notiert: Verräterische Titel
Aus dem letzten "Streifschuss", der Krimispalte im FAZ-Feuilleton:
Auch ein gedankenloses Adjektiv kann weitreichende Folgen haben und einen Titel zum virtuellen Spoiler verkommen lassen. Das literarische Debüt der britischen Anwältin Alexandra Wilson heißt im Original "The Witness". Was völlig reicht. Warum im Deutschen daraus "Die feindliche Zeugin" (Suhrkamp, 367 S., br., 18,- €) werden musste, ist nicht nachzuvollziehen. Und es ist umso ärgerlicher, als dieser Roman ein versiert konstruierter Justizthriller ist.
Das erinnert mich auf ungute Weise an den Film "Der Manchurian Kandidat" (auch im englischsprachigen Original: "The Manchurian Candidate"), wobei ich nur das 2004er Remake gesehen habe. Auch da nämlich verrät der verdammte Titel bereits einen wesentlichen Plotpoint. Selten habe ich einen Kinosaal so erbost verlassen.
Sonntag, 6. Juli 2025
Mehr als ein Carr-iereratgeber
Das hätte ich auch nicht gedacht: dass ich mal freiwillig ein self-help book aufschlagen würde. Aber wenn es von Jimmy Carr kommt, dessen Treiben ich seit über 20 Jahren verfolge (in Amsterdam habe ich ihn sogar live gesehen) und dessen Humor-Abhandlung "Only Joking" (2006, mit Lucy Greeves) bei mir im Bücherregal steht, dann muss ich es lesen. Zufällig wartete es im Bereich "Fremdsprachige Literatur" der Frankfurter Zentralbibliothek darauf, von mir mitgenommen zu werden.
Es liest sich bei aller (überraschenden) Aufrichtigkeit und Feinfühligkeit wirklich launig, zumal der Autor nicht darauf verzichtet, Biographisches (inkl. seinen Ärger mit dem Finanzamt) einzuflechten und mit erhellenden Einsichten in die britische Comedy-Szene unterhält (u.a. gibt es einen ganzen Abschnitt über das Edinburgh Fringe). Und ich konnte so einiges für mich persönlich "mitnehmen". Hier sind ein paar Worte übers Scheitern, das Lernen aus Fehlern und die Power des Ausprobierens:
Be bad. Be gloriously and ridiculously bad. Stink up the place.Have the courage and the conviction of your suckiness. Failure is incredibly freeing, unless you're an escapologist.Being wrong reminds you that nobody, and I mean nobody, is wholly right. I mean, even David Bowie was in Tin Machine. Getting stuff wrong, and acknowledging that, frees you from being defensive. And being defensive is the quickest way to shut down creativity.Being wrong is hard – I mean being totally wrong, 100 per cent wrong. It's hard to get stuff perfect and it's hard to fuck up perfectly. But it's pretty easy to get stuff half right. And when you have something half right, then you have a draft, you've filled the blank page. You've got something to work on. Getting it wrong is how you'll defeat procrastination.
... über Kreativität und wie der Begriff heutzutage missverstanden, verwässert und verengt wird:
When we talk about creatives, we have a tendency to think about musicians or artists, we think about people who produce something called 'art' as if it should be reserved for museums and galleries, and only practised by a very few, special people. We put creativity over there and everything else is 'serious business'. Seriously? Fuck that. So dumb. So elitist.
I say this because, before Shell, I worked in advertising. [...] I worked alongside 'the creatives' who did creative stuff: copywriters and graphic designers. It's the dumbest thing. In a company of 200 people, thirty of them were labelled 'creative', as if the rest of us shouldn't even think about doing anything imaginative. We had been put in our place: 'Don't you lot go about having ideas. We've got ideas covered.'
Creativity is not a special thing in a special box in a special room. It's crazy thinking because any business does better if it's open to creativity. Any work can be creative. Architects are creative, as are gardeners, chefs, strippers, cab drivers, nurses, accountants (accountants can be incredibly creative, let me tell you). It's not about what you do, it's how you do it, that's what makes your job creative. [...]
Sometimes the word 'creative' is a problem. If the term is too hippyish for you there are other words available: try 'productive' or 'inventive'.
Und das hier könnte 1:1 von mir stammen:
[...] anxiety is a constant hum in my life.
I look at it this way: yes, I have the lows of anxiety, but I also have the highs of creativity.
Anxiety is the flip side of creativity it's a gift. A gut-wrenching, pain-in-the-arse, nightmare gift. But it's the thought that counts. If you're suffering with anxiety, great news: you're a creative person.
The downside to a creative mind is that it's always on. Anxiety: it's your creativity with nothing to do. Give your creative mind something to do or it'll drive you crazy.
When I'm feeling anxious, I try and refocus my anxiety on something positive, I try to give my mind something to do other than worry. Start simple. Do anagrams, solve a puzzle, anything that gets your mind going.
Das Buch ist auch deshalb so gut konsumierbar, weil es in kurze, knackige Kapitel und Unterkapitel gegliedert ist, denen zudem geistreiche, aufschreibenswerte, meist witzige Zitate vorangestellt sind.
Mittwoch, 18. Juni 2025
Üro, üro
Nachdem ich vor ein paar Jahren Harald Jähners glänzende Nachkriegsschilderungen "Wolfszeit" verschlungen habe, lese ich nun endlich sein 2022 erschienenes Portrait "Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen". In dem Kapitel "'Schicksale hinter Schreibmaschinen' – Die Trägerschicht der Neuen Zeit" geht es am Rande auch um ein "Bürodeutsch", das in der Weimarer Republik zum Teil eigentümliche Blüten trieb:
In Martin Kessels Büroroman "Herrn Brechers Fiasko" grassiert eine alberne Bürosprache, mit der die Sekretärinnen der Langeweile des Jobs und den Zumutungen ihrer Chefs trotzen. Jeder Satz wird dabei mit einem affektierten "ü" beendet. "Man sagte nicht mehr: 'Haben Sie einen Bleistift?' – sondern man sagte: 'awa en bleie, ü?'. Oder man sagte zu einer Sache, die eilig war: 'ette, ette, ette, ü?'" [...] Mit den Frauen hatte sich die Büro- und Verwaltungssprache geändert. Ursächlich dafür aber waren nicht sie, sondern die Schreibmaschine. Erst mit ihr zog die Umgangssprache in die Buchhaltung ein und löste die alten Fachbegriffe und Kürzel ab, mit denen die klassischen Buchhalter handschriftlich für Kürze und Exaktheit gesorgt hatten. Denn die Schreibmaschine eröffnete den Kaufleuten die Möglichkeit, den Schreibkram zu delegieren, und machte ihre alten, professionellen Codes obsolet. "Mit dem Eindringen der weiblichen Schreibkraft in das Büro, mit dem Sinken des kaufmännischen Niveaus verschwand das 'Rottwelsch des Kaufmanns' allmählich", stellte der Sozialwissenschaftler Theo Pirker fest. Allerdings ging der empfundene Niveauverlust nicht auf das Konto der Frauen, sondern auf das der oft fahrig diktierenden Chefs: "Schritt für Schritt verschwanden die Abkürzungen. Unglücklicherweise erhielt sich die blühende und leere Phrase. (...) Geschäftsleute, die nun der Mühe enthoben waren, ihren Brief selbst zu schreiben, und die nun nicht mehr Gefahr liefen, Tintenkleckse zu machen, verfielen in eine Reihe schlechter Gewohnheiten und hauptsächlich in die, einen Satz zu beginnen, ohne zu wissen, wie er enden wird."
So weit, so bemerkenswert. Nichts damit zu tun habend, aber nicht minder bemerkenswert: Einen Absatz weiter begegnete mir ein Unternehmen, das in einer meiner vorangegangenen Lektüren eine Rolle spielte: Westinghouse!
Die Organisationsbranche wuchs genauso sprunghaft wie die Papierberge in den Betrieben und die Angestelltenheere, die zu ihrer Anfertigung und Bändigung nötig waren. Als in den USA 1948 die Firma Westinghouse ihr Ablagesystem rationalisierte, schaffte sie insgesamt vierhundertzwanzig Eisenbahnwagen voller Akten aus ihren Gebäuden, in der sicheren Annahme, dass niemand mehr etwas davon würde lesen wollen, schon allein, weil die Hoffnung fehlte, in den Unmengen von Informationen das Gesuchte zu finden.
Dienstag, 10. Juni 2025
Auf Wellenjagd
Von meiner jugendlichen Radio- und Funkbegeisterung habe ich schon einmal erzählt. Es erwärmt mein Herz, dass ich noch immer drei Fachbücher aus dieser Phase meines Lebens besitze: neben der erwähnten "Spezial-Frequenzliste 1998/99" auch den Funkschau-Sonderband "1000 neue Scannerfrequenzen" und die 2000er Nummer von Schmitz/Siebels informationssattem "Jahrbuch für weltweiten Rundfunkempfang" mit dem schlichten Titel "Sender & Frequenzen" (das 2017 zum letzten Mal herausgegeben wurde). Absoluter Kult! Das Beste an "S&F" war, dass man einen jeder Ausgabe beiliegenden Supplements-Bezugsschein ausfüllen und an den Verlag schicken konnte, wodurch man mehrmals im Jahr gratis ein solches Heftchen erhielt:
Darin fand man aktualisierte Hörfahrpläne ...
... Meldungen über deutschsprachiges und sonstiges Sonderprogramm aus allen Winkeln der Erde ...
... Ankündigungen nischiger Hörschmankerl ...
Hach, da werde ich schon wieder richtig nostalgisch. Das war ein Universum, das nicht zuletzt durch die Ausbreitung des World Wide Web nahezu untergegangen ist.
Mittwoch, 21. Mai 2025
Die Schönheit von Sprachunfallprotokollen
Gelegentlich schäme ich mich ein wenig dafür, aber ich habe eine diebische Freude daran, wenn in Literaturkritiken einem Autor / einer Autorin stilistische Fehler, schlechte Recherche und allgemeine Gedankenlosigkeit nachgewiesen werden. Solche Textarbeit ist natürlich im Umfeld der Neuen Frankfurter Schule besonders populär: Stefan Gärtner nimmt sich auf seiner Konkret-Doppelseite "Kunst & Gewerbe" regelmäßig schlechte Schreibe vor, Michael Ziegelwagner hat in mehreren Artikeln seine bejubelte Landsmännin Raphaela Edelbauer – stets auf Grundlage sauberer Zitatlese – abgewatscht, und unvergessen sind Bernd Eilerts Fritz-J.-Raddatz-Erledigungen.
Besonders freue ich mich, wenn sich an einer Stelle, mit der ich nicht gerechnet hätte, an überschätzten Geistesmenschen abgearbeitet wird. Jürgen Kaubes kolumnistische Senge gegen den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (dessen Flitzpiepigkeit Hans Mentz bereits 2012 erkannt hat) ging vor ein paar Wochen viral (hinter der FAZ-Paywall nachzulesen), und heute zauberte mir Juliane Liebert ein breites Grinsen ins Gesicht. Im Süddeutsche-Feuilleton vom 20. Mai ließ sie sich über den neuen Roman des "Wunderkindes" Ocean Vuong wie folgt aus:
Im ersten Kapitel unternimmt Vuong eine literarische Kamerafahrt über Gladness, den Schauplatz des Buches, eine ausgedachte amerikanische Kleinstadt. Das Kapitel ist offenbar dazu zu gedacht, dem Leser die Sprachgewalt Vuongs zu demonstrieren – immerhin ist Vuong ursprünglich Dichter. Aber je heftiger er Sprachgewalt performt, desto unangenehmer wird es.
Da gibt es "Veteranen, die von sämtlichen nur denkbaren Schlachtfeldern nach Hause kommen (...) ehe sie in verqualmte Zimmer zurückschlurfen, wo kleine Fernseher, so groß wie Menschentorsos, sie in Schlaf lullen." Ohne kleinlich zu sein: Welcher kleine Fernseher hat denn bitte die Größe und das Format eines Menschentorsos? Zwei kleine Fernseher nebeneinander könnten Menschentorso-breit sein, oder ein Kindertorso, wenn man gnädig ist. Aber wozu?
Oder: "Am anderen Ende des Grundstücks liegt die vor einer Woche geborgene Abwrackkarre, die Augenhöhle gefüllt mit warmem Coca-Cola, das Werk eines Jungen, der sein Getränk auf dem Heimweg von der Schule aus Langeweile in dieses endlose Dunkel blinder Blicke geschüttet hat." Schmissig, schmissig, aber warum hat das arme Auto nur eine Augenhöhle, warum versickert die Cola darin nicht, und womit haben wir "das endlose Dunkel blinder Blicke" verdient?
Kaum hat man sich von dieser elaborierten Schwülstigkeit erholt, legt Vuong nach: "Trotz dieser Hitze wächst alles Grün, als gelte es, die Winterödnis wiedergutzumachen, üppiges Moos zwischen den hölzernen Schwellen, sodass es bei einem bestimmten Einfallswinkel von sattem Licht wie Algen wirkt, als wäre die Gletscherflut über Nacht wiedergekehrt und wir wären endgültig geworden, was zu werden uns schon immer bestimmt war: biblisch." Im Ernst, biblisch? Das ist prätentiöser Kitsch durch und durch, egal, wie viele Auszeichnungen man draufklebt.
Alles an Ocean Vuongs Sprache ist nicht bloß pathetisch, sondern parfümiert sinnlich, immer drei Stufen zu hoch. Als läge seine Welt zwischen sozialkritischem Melodram und Achtzigerjahre-Erotikfilm. Die Metaphern sind zu 90 Prozent beliebig, knapp dran vorbei, schief zu sein, aber sie haben auch keine semantische Zündkraft.
Hahaha! In derselben Ausgabe gab es übrigens auch eine – leider etwas zahnlose – "Begegnung mit dem Dark Lord des deutschen Debattenzirkus" Ulf Poschardt.
Eine meiner All-time-Lieblingszerpflückungen ist Peter Dierlichs Jungle-World-Beitrag "Zwischen den Mauern des Schluckaufs" aus dem Jahr 2008 über Martin Mosebachs Roman "Ruppertshain". Auch wenn beim digitalen Einpflegen die Formatierungen verloren gegangen sind, d.h. Auszüge nicht kursiv erscheinen, lohnt sich die Lektüre dieses 50.000-Zeichen-Rundumschlags in all seiner Glorie.
Montag, 10. März 2025
Koreanischstunden
Die Übersetzerin Ki-Hyang Lee hat mehrere Romane der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang ins Deutsche übertragen. Erwartbarerweise gibt es immer wieder "Nuancen im Originaltext von Han Kang, die in der Übersetzung schwer vollständig wiederzugeben sind", zitiert die Süddeutsche Zeitung sie in einem lesenswerten Artikel vom 24. Februar (online nur hinter Paywall), der sich mit Schwierigkeiten der Übersetzung aus fernöstlichen Sprachen in europäische befasst.
Beispiel Japanisch: Der Roman "Schneeland" des ersten japanischen Literaturnobelpreisträgers Yasunari Kawabata beginne bereits mit einem extrem vertrackten Satz (der hier nicht auf Japanisch reproduziert zu werden braucht).
Die klassische Übersetzung des US-Japanologen Edward Seidensticker lautet: "The train came out of the long tunnel into the snow country." Also: "Der Zug kam aus dem langen Tunnel in das Schneeland." Es ist bei Seidensticker, als würde der Erzähler den Zug aus dem Tunnel fahren sehen. Aber im japanischen Original ist vom Zug keine Rede, es gibt im ersten Satzteil kein Subjekt. Einen Erzähler von außen gibt es auch nicht. Japaner lesen im Originalsatz die Stimmung, die man erlebt, wenn man nach einer Fahrt im Tunnel von der schneelosen Seite des Berges auf die verschneite Seite kommt. Tobias Cheung hat den Satz in der Suhrkamp-Auflage von 2011 möglichst wörtlich übersetzt: "Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland." Trotzdem: Die wahre Tiefe dieses Romananfangs liegt wohl nur in Kawabatas Japanisch.
"Kein Subjekt"? Das würde ich mir gerne genauer erklären lassen, aber ich glaube es einfach mal. Nicht minder staunen ließ mich die Tatsache, dass die Übersetzerin von Han Kangs Debutroman "Chaesigjuuija", die Britin Deborah Smith, erst sieben Jahre, bevor sie das Werk ins Englische übertrug ("The Vegetarian"), angefangen hatte, Koreanisch zu lernen! Dementsprechend unperfekt geriet die Übertragung denn auch, zumindest nach Ansicht von Fachleuten, die der englischsprachigen Fassung ein Übermaß an "Adverbien, Superlativen und anderen Veranschaulichungen" beschied. Man darf hier dennoch einwerfen: "Oder bringt gerade dieser Unterschied das Verständnis des internationalen Publikums?" Am Ende stellte sich der Ruhm schließlich dank des Vorhandenseins von Übersetzungen, deren Anfertigung übrigens stets von der Autorin begleitet wird, ein. Man muss halt einsehen: "Eine Übersetzung kann nie größer werden als das Original." Muss sie auch nicht.
Sonntag, 9. März 2025
Der gute Sonntagslink
Neulich bei "American Rust":
Wohl wahr! Nach neun Jahrzehnten und unzähligen Iterationen ist die Juniordetektivin noch immer eine unkaputtbare Säule der amerikanischen Popkultur. In Folge 3 von "Seitenstraße" habe ich ja ein bisschen was über die Reihe erzählt. Nun bin ich durch Zufall auf einen Longread von 2018 gestoßen, der einige Aspekte der Franchise vertieft; wobei, mit acht Minuten Lesezeit ist es nicht wirklich ein Longread ... ein "Middleread" vielleicht? Jedenfalls: "The Secret Syndicate behind Nancy Drew" ("JSTOR Daily", englisch).


















