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Donnerstag, 9. Juli 2026

Throwback Thursday: WWW

Von 1996 bis 2004 (die genaue Zeitspanne musste ich recherchieren) lief auf Sat.1 eine Sendung namens "WWW – Die Witzigsten Werbespots der Welt". Darin wurden, wie der Titel suggeriert, witzige Werbespots aus aller Welt gezeigt. Zusammengehalten wurde diese Clipshow, deren Intro ab ca. 1999 seltsamerweise mit dem Hook des Bloodhound-Gang-Hits "The Bad Touch" unterlegt wurde, durch Zwischen-"Moderationen", die darin bestanden, dass Fritz Egner den Inhalt des jeweils zuletzt gesehenen Spots nacherzählte.

Irgendwann um die Jahrtausendwende herum gab es eine Spezialausgabe der ebenfalls bei Sat.1. beheimateten Nachrichten-Comedy "Die Wochenshow", in der die besten Werbeparodien daraus gezeigt wurden. Dieses Special war als eindeutiger Seitenhieb auf Fritz Egners Sendung konzipiert; Bastian Pastewka persiflierte den Moderator und ahmte insbesondere dessen Überleitungen, die wie gesagt nichts als unbeholfene, absolut überflüssige Zusammenfassungen der Werbefilmchen waren, erschreckend realistisch nach. Diese Egner-Parodie halte ich noch heute für das Lustigste, was Bastian Pastewka je gemacht hat (und er hat viel Lustiges gemacht), übertroffen nur von seiner Ottfried-Fischer-impression.

Waaaaaruuuummmmm gibt es diese Art von Humor heute nicht mehr im deutschen Fernsehen? Oder überhaupt irgendetwas, das mir wenigstens ein mildes Schmunzeln abtrotzt?

Mittwoch, 4. Februar 2026

Throwback Wednesday: Hugo

Neulich mussten in der Redaktion, in der ich arbeite, zwei Ü40-Männer, darunter ich, einer (Weit-)U40-Kollegin das Phänomen "Hugo" erklären. Wer in der Mitte der Neunziger Kind oder jugendlich war, kam an "Hugo" nicht vorbei. Auf Kabel 1 bzw. Kabelkanal, wie es damals noch hieß, lief jeden Nachmittag der Woche, zur besten After-school-Sendezeit, der dänische Import "Die Hugo Show", eine interaktive Spielshow, bei der die Anrufenden einen virtuellen Kobold namens Hugo durch verschiedene Areale steuerten, und zwar mit den Tasten ihres Telefons, eine bis heute nur mit Magie zu erklärende Technik: Bei Druck auf die 4 hüpfte, glitt oder strafete Hugo nach links, mit der 8 sprang er oder bewegte sich das Objekt, auf dem er stand, nach oben, und so weiter. Erreichte man das Ziel, winkten attraktive Preise. Ich konnte das nie selbst ausprobieren, denn durchzukommen war praktisch unmöglich. (Empörenderweise versuchten auch immer wieder Erwachsene ihr Glück!)

Zu den bekannteren Moderatorinnen der Sendung gehörten Sonja Zietlow und Minh-Kai Phan-Thi. Live gesehen habe ich allerdings das Duo Judith Hildebrandt und Guido Kellermann, und zwar exakt heute vor 30 Jahren. In der ersten Hälfte des Jahres 1996 gab es nämlich ein sonntägliches Live-Special mit dem Namen "Die Super-Hugo-Show", und die dritte der insgesamt 22 Stationen war Altenberg im Erzgebirge, wo gerade gleichzeitig die Rennrodel-WM stattfand. Mein Bruder und ich überredeten unsere Eltern, mit uns dorthin zu fahren. Meine Erinnerungen sind blass, und die eben genannten Details verdanke ich allein dem virtuellen Gedächtnis der Seite fernsehserien.de, ich weiß aber noch, dass zu Fuße eines schneebedeckten Hanges (womöglich hatten wir die Gelegenheit sogar genutzt und einen Schlitten mitgenommen) eine Bühne mit riesiger Leinwand aufgebaut war, vor der sich Tausende Kinder darum balgten, live on stage "Hugo" zocken zu dürfen.

Meine eigene diesbezügliche Erfahrung beschränkte sich darauf, dass ich vier der TV-Spiele auf dem PC "erleben" durfte, denn die konnte man auf CD-Rom kaufen. Knapp 100 Mark hat mich dieser Spaß gekostet, und als ich kurz darauf in der GameStar den Test zu "Hugo" las, in dem das Minigame-Quartett mit einer Wertung im niedrigen zweistelligen Bereich abgewatscht wurde, dachte ich: Ja, stimmt eigentlich. Das mutmaßliche Fernsehen der Zukunft, es war auf dem Rechner einfach nicht dasselbe.

Mittwoch, 28. Januar 2026

Nichts hält mehr

Ich muss in der sechsten Klasse gewesen sein, als in meinem Freundeskreis eine Audiokassette die Runde machte. Mitschüler Stefan P. hatte sie von seinem Bruder geliehen bekommen, der sie wiederum von einer CD überspielt hatte. Es handelte sich um das Album "Diwodaso" des hessischen Komikerduos Badesalz.

Bald hatte jeder von uns circa fünf Jungs eine eigene Kopie angefertigt und hörte sie immer und immer wieder an. Nach nur wenigen Tagen konnten wir die Sketche halb auswendig, wir warfen einander Zitate um die Ohren, stimmten die Lieder an und versuchten gemeinsam die rätselhaftesten Stellen zu interpretieren. Denn vieles blieb uns – was einen Teil der Faszination ausmachte – unverständlich: teils weil wir zu jung für die erwachseneren Späße waren, teils weil der Dialekt uns fremd war, und natürlich findet sich im badesalzschen Œuvre das ein oder andere bewusst sinnverweigernde Stück Antihumor, was zumindest mir erst viel später klar werden sollte. Wir erfuhren irgendwann, dass "Diwodaso" bereits die dritte LP von Badesalz war, und konnten es kaum abwarten, dass Stefan P. uns mit Hilfe seines Bruders schnellstmöglich die Vorgänger beschaffte. Was dann auch geschah; groß war unsere Freude, dass sich "Nicht ohne meinen Pappa" und "Och Joh" als nicht minder komisch denn "Diwodaso" erwiesen. Unzählige Zeilen und Sprüche wurden zu geflügelten Worten: "Der Lambada!", "Sechsmakkfuffzisch", "Fresse da vorne!", "Des is e ganz anner Teschnik", "Rrrrippchen mit Kraut", "Bist du braun!", "Herr Müller ...", "Und tschüss!" Wir waren längst süchtig, als 1995 mit "Zarte Metzger" ein neues, abermals insta zum Kult werdendes Album erschien. Und nicht nur das: Gesegnet wurden wir mit einer nächtlichen ARD-Wiederholung der Reihe "Och Joh", in der wir Henni Nachtsheim und Gerd Knebel erstmals sehen konnten. In den folgenden Jahren wuchs die Bekanntheit des ohnehin über die Grenzen Hessens hinaus beliebten Duos verdientermaßen noch weiter: Dem abendfüllenden Film "Abbuzze!", den ich mit meinem Bruder tränenlachend im Kino sah, folgten Gastauftritte in der "Wochenshow" und im "Quatsch Comedy Club" sowie um die Jahrtausendwende herum, auf dem Höhepunkt der gewiss nicht durchweg glanzvollen Comedywelle, eine eigene Sat.1-Sketchshow, von der ich vermutlich noch VHS-Mitschnitte auf dem Dachboden rumliegen habe.

Ja, es wäre nicht übertrieben zu behaupten, dass Badesalz mich geprägt haben. Dass Gerd Knebel jetzt mit 72 Jahren gestorben ist, halte ich für eine riesige Ungerechtigkeit. Da könnt isch grad verrückt wer'n!

Samstag, 26. April 2025

Traumata auf Papier

Es ist mal wieder Zeit für Mikro-Entrümpelung. Zwei dicke Aktenordner aus der Schulzeit wollen der Mülltonne überführt werden: Mitschriften, Arbeitsblätter und Hefterinhalte aus den Klassenstufen 10 bis 12. Vor dem Entsorgen werde ich den Stoß freilich noch einmal durchgehen. Jetzt. Live.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: So viel Wissen, wie uns während der Schulzeit eingetrichtert wurde, waren wir, war zumindest ich später nie wieder ausgesetzt. Das kann doch nicht gut sein für junge Gehirne! Vor allem ist es ja nicht bei der Wissensvermittlung geblieben, es ging ständig mit Wissensabfrage einher. Keine Woche ohne irgendeine Klausur, einen Überraschungstest, einen Aufsatz, dazu täglich Hausaufgaben. Mein Studium war selbst in Hochdruckphasen nicht ein Zehntel so fordernd und strapaziös wie die verfluchte Schulzeit.

Hier sind exemplarisch einige Dinge aufgelistet, mit denen ich mich zwischen 1996 und 2000 allein in den Fächern Geschichte, Englisch, Biologie, Deutsch, Religion und Chemie befassen musste – und da lasse ich "große" und zweifelsohne wichtige Themenfelder wie die Französische Revolution, Kants Aufklärungsbegriff oder den Kohlenstoffkreislauf schon weg:

  • Verfassungsvergleich Paulskirchen- und preußische Verfassung von 1850
  • John Lockes System nach der "Notwendigkeit der Kontrolle staatlicher Gewalt"
  • Lothar Galls Einwände gegen Bismarcks Konzeption von Außenpolitik
  • Transport durch Biomembranen; Endocytose, Exocytose
  • alkoholische Gärung bei Hefepilzen unter Decarboxylierung
  • Bernhard von Clairvaux' "Vom Lob der Tempelherrn"
  • Nachweis von Halogenid-Ionen
  • Interpretation ausgewählter Werke von Paul Lisicky, Peter Porter, Langston Hughes
  • der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit und seine Ursprünge in der altorientalischen Königstitulatur
Es ist irre, an wie viel ich mich nicht mehr erinnern kann. Offenbar gehörten einst Wörter wie Turgor, Zupfpräparat und Guttation zu meinem aktiven Wortschatz. Und wenn ich mir meine hundert Seiten Notizen und Berechnungen aus dem Mathe-Grundkurs ansehe, denke ich: Welches fieldsmedaillenwürdige Genie hat das denn gelöst? Außerdem denke ich: Mensch, vieles, was auf dem Lehrplan stand, ist gar nicht mal uninteressant! Gerade was Geschichte angeht, wünschte ich mir, ich hätte damals besser aufgepasst. Ich hätte erst mit Anfang 20 eingeschult werden sollen!

Nach wie vor sterbenslangweilig finde ich das meiste, was uns in Geographie vermittelt wurde, nämlich keineswegs spannende landeskundliche Fakten, sondern dröge Geologie. Ebenfalls kaum zu begeistern vermochte mich Biologie. Allzu oft war ich im Unterricht mit den Gedanken woanders, wovon die zahlreichen Scribbles in den Blättern aus der Sekundarstufe II zeugen:




Wenn mikroskopisches Zeichnen anstand, machte mir das dann aber weder Spaß noch konnte ich darin glänzen. Hierfür zum Beispiel habe ich 10 Notenpunkte bekommen, was sogar eine meine besseren Leistungen war:


Schwamm drüber, Strich drunter, Deckel zu.

Mittwoch, 16. April 2025

Sohlmates

Sich von liebgewonnenen Schuhen zu trennen tut weh. Dieses Paar Slipper warf ich heute, weil es halt wirklich zu zerschunden und abgelatscht war, in den Müll, doch hier im Blog soll sein Andenken aufrecht erhalten werden:


Ich mochte diese Slip-ins sehr. Gerne würde ich sie nachkaufen (sie waren nicht teuer), aber ich fürchte, das Modell hat Jack & Jones längst ausgemustert. Hätte ich doch damals gleich ein zweites Paar mitgenommen! Aber wer kauft Schuhe doppelt, außer Wertanlagen-Wunderlinge und Imelda Marcos? Oh Mann, in diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass es von Vans mal eine Nintendo-Kollektion gab und ich es versäumte, mir ein Paar Super-Mario-Sneaker zu sichern, als ich die im Urlaub 2017 in einem Laden liegen sah. Das bereue ich bis heute.

Freitag, 10. Januar 2025

Putting "ade" in "academia"

Ein neues Kalenderjahr ist ein willkommener Anlass, sich von unnötigem Ballast zu trennen. (Ist Ballast nicht immer überflüssig? Nö.) Mein Monat für Monat wachsendes privates Titanic-Archiv verdrängte jüngst einen Ordner mit der Aufschrift "Reader & Scripte" aus dem Billy-Regal. Natürlich brachte ich es nicht über mich, diese Uni-Mappe im Ganzen der Altpapiertonne zu überantworten, zumal sie eh nicht so dick ist, dass damit ein immenser Platzgewinn verbunden wäre. Manches darin kann und muss aber weg. Und zwar jetzt. Let's Marie Kondō the shit out of that folder!

Also, zuoberst liegt ein Aufsatz, den ich mir (erst nach dem Studium!) aus dem Sammelband Grammatikalisierung im Deutschen kopiert habe: "Von in die über in'n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als 'Grammatikalisierungsbaustelle'" von Damaris Nübling. Moment, habe ich daraus nicht sogar mal in diesem Blog zitiert? Sauspannendes Zeug jedenfalls. Das behalte ich!

Weiter. Aha, mehrere Einführungstexte zur Erzähltheorie, verblieben aus den drei Semestern meines abgebrochenen Studiums der Nordamerikanischen Literaturwissenschaft. Hm, leider auch nicht uninteressant – was, wenn ich mal wissen will, wie sich moderne Narratologie von traditioneller Epiktheorie abgrenzt? Da sind sogar ein paar handschriftliche Notizen von mir drin.Das Glossary of literary and cinematographic terms kommt aber weg. Es scheint mir eh lediglich an der Oberfläche zu kratzen, und die meisten Fachwörter kann man im Zweifel online nachschlagen.

Was haben wir hier? "Der Tod des Autors" und eine Analyse von James Joyce' Dubliners. Ebenfalls mit Stichworten aus meiner Hand, an die ich mich null erinnern kann: Was zum Kuckuck ist ein proairetic code, was ein superhelper? Hinfort damit!

Als nächstes haben wir einen 202-seitigen Handapparat (6,06 €; das waren damals zwei Mahlzeiten in der Mensa inklusive Nachtisch) zum Einführungskurs "Philosophie in Japan". Es war nämlich so: Für mein Grundstudium sah die Studienordnung die Teilnahme an Wahlpflichtveranstaltungen in mehreren fachfremden bzw. angrenzenden Disziplinen vor – auf dass an jenem Exotenlehrstuhl nicht nur Fachidioten herangezüchtet werden –, darunter zwei Semesterwochenstunden Philosophie. Zu den "echten" Philosophen mochte ich mich jedoch nicht hinzugesellen, also hielt ich Ausschau, was im Ostasienzentrum so angeboten wurde. In der Folge erfuhr ich Dinge über den Buddhismus der Heian-Zeit, konfuzianische Ethik im 17. Jahrhundert und die "Neun Stufen" nach Motokiyo Zeami. So gut wie nix verstanden, alles vergessen, nie wieder werde ich einen Gedanken daran verschwenden. Sorry, mit diesem Papierstoß mach' ich den Denis Scheck.

Die letzten zwei Stapel stammen aus dem Proseminar "Neutestamentliches Griechisch": das Johannes-Evangelium und der Römerbrief. Auch davon kann ich leichten Herzens Abschied nehmen. Die Texte finde ich im Internet, und meine gekritzelten Übersetzungen kann ich kaum entziffern.

Das war's! Eine befreiende und befriedigende Ausmistungsaktion. Wahrscheinlich nicht die letzte in diesem Jahrzehnt ...

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Wer die Wahl hat ...

Seit vielen, vielen Jahren, fast so lange wie ich das Wahlrecht besitze, bin ich als Wahlhelfer tätig. Diverse Male war ich in Wahllokalen im Einsatz, am liebsten ist mir aber seit je die Briefwahlauszählung. Dabei hat man keinen direkten Kontakt mit dem Volk, man muss erst 15 Uhr vor Ort sein, die Bezahlung ist trotzdem in Ordnung und die Arbeit überschaubar, meist ist das Prozedere kurz nach der Tagesschau beendet. Wobei sich hinsichtlich des letztgenannten Punktes etwas zu ändern scheint: Wurden Briefwahlvorstände früher noch auf ein paar Büros im Rathaus verteilt, gab es zur hessischen Landtagswahl 2023 ein zentrales Briefwahlzentrum für die Stadt Frankfurt, das sich über die gesamte Ebene einer Messehalle erstreckte. An gefühlt Hunderten Tischen hatten wir gefühlt Tausenden Freiwilligen ordentlich zu tun! Mein Eindruck, dass mehr Menschen per Brief wählen als noch vor fünf, zehn Jahren, wurde kürzlich durch einen Infokasten im Spiegel bestätigt:


Dass in den Wahllokalen trotzdem viel Betrieb herrscht, ja zuletzt sogar mancherorts Leute ihre Stimme nicht abgeben konnten, weil die Schlangen bis 18 Uhr nicht abreißen wollten, ist sicher damit zu erklären, dass die Wahlbeteiligung insgesamt wieder leicht (Bundestagswahl) bzw. stark (Europawahl) ansteigt. Die Briefwahl scheint dessen eingedenk die sicherere Wahl (!) zu sein. Doch aus Erfahrung sage ich: Obacht! Es können nämlich Fehler gemacht werden, die zur Ungültigkeit der Stimme führen. Wir mussten schon Stimmzettel aussortieren, weil beispielsweise der Wahlschein nicht unterschrieben war, der Wahlbrief offen war oder weil aus sonstiger Unachtsamkeit das Wahlgeheimnis nicht gewahrt werden konnte. Insbesondere Ältere mag das Briefwahlverfahren überfordern. Jene sind es allerdings, die sich im Zweifel eher den Gang zum Wahllokal ersparen möchten.

Jedenfalls ist nicht auszuschließen, dass bereits an der Bundestagswahl 2025 – für die ich mich soeben als Wahlhelfer registriert habe – mehr Wahlberechtigte per Brief als in der Kabine wählen. Die Bundestagswahl ist eine vorgezogene, und wer weiß, womöglich haben nicht wenige Deutsche für den anberaumten Termin im Februar schon Urlaub geplant.

Samstag, 9. November 2024

Wer ich war (plus Entschuldigung)

Als ich im Jahr 2006 ein Online-Tagebuch, vulgo Blog, eröffnete, fand dies keineswegs auf meiner allerersten Homepage statt. Schon davor besaß ich Speicher auf einem jener um die Jahrtausendwende gängigen Gratis-Webhoster, und den füllte ich mit geklauten GIFs, augenpeinigenden Hintergründen, in Paint gezeichneten Comics, selbstgestalteten Buttons, eingescannten Analogfotos und Schülerzeitungstexten. Teile dieses Mülls liegen noch auf meiner Festplatte.






Lachen musste ich über diesen Abschnitt aus der Unterseite "Privates":


Erklärung 1: Dass ich während meiner letzten Schuljahre und auch noch eine Weile danach Sonntagszeitungen verkaufte, habe ich bereits an anderer Stelle erwähnt.

Erklärung 2: "Maximal" war eine Kultsendung auf dem Lokalsender Radio Dresden, der mein Schulfreund D. und ich geradezu religiös huldigten. Jeden Samstag hörten wir sie (separat), und irgendwann beschlossen wir, den Moderator (der inzwischen leider ins weltanschaulich Fragwürdige abgerutscht ist) während einer Aufzeichnung zu besuchen. Dass das möglich war, wussten wir, weil es andere Hörer vor uns schon getan hatten. Was für ein Abenteuer! Wir brachten dem DJ Salat und bekamen im Gegenzug Autogramme und die Gelegenheit, live on air zu grüßen.
Viel später erfuhr ich von einem anderen sehr guten Freund, dass dieser nicht nur ebenfalls "Maximal"-Fan war, sondern jahrelang allwöchentlich in der Sendung angerufen hatte. Die Stimme und sein Name waren mir natürlich bekannt gewesen, doch hätte ich diese Verbindung nie hergestellt, wenn mir der Freund (den ich erst nach dem Abitur über andere Freunde kennenlernte) davon erzählt hätte. Es gäbe dazu noch einiges mehr zu schreiben, doch würde das zu weit führen.

Entschuldigung: Dieser Beitrag steht stellvertretend für alle Beiträge der kommenden zwei Wochen. Ich musste sie voreinstellen, weil mir die Zeit zum Bloggen fehlen wird. Der, nun ja: Gehalt der Posts wird entsprechend kläglich sein; ich habe auf einiges aus meinen diversen Privatarchiven und Giftschränken zurückgegriffen. Ein bisserl was Aktuelles wird's dennoch geben.

Donnerstag, 8. August 2024

Auf der Suche nach der verlorenen Zeitschrift

Ich bin, wie lange Mitlesende wahrscheinlich wissen, nach wie vor zufriedener Abonnent des Computerspielemagazins GameStar. Früher habe ich gelegentlich das Konkurrenzblatt PC Games aus der Bibliothek entliehen, wurde jedoch nie so richtig warm damit. Als die PC Games im Herbst 2022 ihr 30-jähriges Bestehen feierte, zog sie allerdings meine Aufmerksamkeit auf sich: Der Jubiläumsausgabe 10/22 lag nämlich eine DVD mit einem PDF-Archiv der ersten zehn Jahre bei. Das musste ich haben! Spieletests von 1992 nachlesen, das hätte mir Spaß gemacht. Leider war ich nicht hurtig genug, das Heft war an allen Kiosken bzw. in allen Bahnhofsbuchhandlungen, die ich aufsuchte (circa drei), vergriffen. Ich bestellte ein Exemplar im Verlagsshop, erhielt aber am nächsten Tag mein Geld zurück mit dem Hinweis, dass der Artikel ausverkauft sei. Wenig später wurde die Nummer auch im Shop als nicht vorrätig gelistet, und bis heute ist das begehrte Printprodukt nirgends zu haben, nicht mal bei eBay.

Die Novemberausgabe besorgte ich mir dann rechtzeitig und kann nun wenigstens die Jahrgänge 2002 bis 2009 mein (digitales) Eigen nennen. (Das war die Ära der sexistischen Hardware-Anzeigen und der zweifelhaften Klingelton-Werbung.) Es sind, obwohl ich zu dieser Zeitschrift wie gesagt nie ein enges Verhältnis pflegte, wohlige Nostalgiemomente, über "Rossis Rumpelkammer" zu schmunzeln oder auch, weil man ja älter geworden ist, nicht mehr zu schmunzeln. Für Uneingeweihte: Der zuvor schon für Play Time tätige Rainer "Rossi" Rosshirt durfte seine Leserbriefseiten mit allerlei Schabernack füllen, zudem wurden Fragen und Einsendungen auf sarkastisch-freche Weise erwidert. In Sachen Kundeninteraktion leistete man sich als Spieleredaktion damals ein gewisses Maß an Unernst; die GameStar hatte lange Zeit den Kult-Kasten "Fehler des Monats" (und bediente natürlich mit Videos wie "Raumschiff GameStar" zielgruppengerechten Humor), die Power Play sel. wartete mit der nerdigen Comicserie "Starkiller" auf, die PC Player übertrieb es am Ende mit krampfhafter Witzischkeit.

Es ist übrigens bemerkenswert, wie stiefmütterlich die PC Games ihr Monatsmagazin behandelt. Der Online-Auftritt, inkl. Clickbait auch zu Nicht-Spiele-Themen, ist inzwischen das Kerngeschäft, das aktuelle Heft wird nicht mehr prominent oder überhaupt irgendwie beworben, man muss ganz nach unten scrollen, um es in einem kärglichen "Print / Abo"-Bereich zu finden.

Samstag, 29. Juni 2024

Gut gebrüllt, Link

Der Youtuber raocow hat kürzlich das allererste Zelda-Spiel, "The Legend of Zelda" (NES, 1986/87), ge-let's-played und tatsächlich einschließlich des Second Quest geschafft, womit er sehr viel weiter als ich damals gekommen ist. (Mir ist es nicht mal gelungen, Gannon zu besiegen.) Das Second Quest ist in etwa das, was heute als "New Game Plus" geläufig ist, wobei die Oberwelt zwar dieselbe ist wie im First Quest, die Dungeons aber komplett neu designt und, ebenso wie die Händler-, Hinweis- und sonstigen Höhlen, an anderen Stellen auf der Map (und deutlich schwieriger) zu finden sind.

Jedenfalls spielte raocow den zweiten Durchgang mit einem auf der Japan-Version basierenden Rom mit englischer Übersetzung. An einer Stelle passierte etwas Kurioses: Als raocow einem bestimmten Monster begegnete, fing er plötzlich an zu schreien. Er schrie das Monster an. Die Erklärung lieferte er nach: Die Controller des Famicom, der japanischen Ur-Version des Nintendo Entertainment System, hatten eingebaute Mikrofone, und in einigen Spielen waren Interaktionsmöglichkeiten implementiert, die auf Stimmeingabe beruhten. In "Legend of Zelda" war es der nämliche Gegner (Pols Voice), der auf vom Spieler erzeugte Geräusche reagierte, i.e. dadurch besiegt werden konnte. (Es stellte sich heraus, dass das Feature im Emulator nicht funktioniert.)

Und jetzt kommt's: Im Begleitheft zu "The Legend of Zelda" findet sich ein subtiler Hinweis auf die Achillesferse von Pols Voice – und der wurde unsinnigerweise in die deutschsprachige Spielanleitung übernommen, obwohl die europäischen NES-Joypads überhaupt keinen Mikro-Eingang hatten. Ich habe den Eintrag im Bestiarium eigenhändig nachgeschlagen, denn ich besitze nicht nur die goldene Game-Kartusche samt Verpackung, sondern auch das dazugehörige Booklet nach wie vor.


Ich erinnere mich: Als Kind interpretierte ich den Fingerzeig so, dass Pols Voice (den ich mir eher als Wüstenfuchs denn als Geist vorstellte) mit der magischen Flöte geschwächt werden konnte. Doch wenn ich die Flöte in seiner Gegenwart benutzte, passierte nix. Nun konnte dieses Rätsel mit über 30 Jahren Verzögerung gelöst werden.

Mehr zur japanischen Konsole hier und hier (englisch).

Montag, 24. Juni 2024

Betr.: Glücksrad, Klingelton, Laotse, Illuminati

Dass das deutsche Buchstabieralphabet ab 2019 grundlegend überarbeitet worden ist und damit Ansagewörter wie "Siegfried" und "Wilhelm" in den Ruhestand geschickt wurden, dürfte bekannt sein. Einer alternativen, avantgardistisch-variablen Buchstabiertafel bediente sich aber schon viel früher ein gewisser Personenkreis im Fernsehen. Am 7. August 2002 schrieb ich in mein Notizbuch: "Hab' heute 'Glücksrad' gekuckt. Hilfe! Die Kandidaten drehen durch: 'S wie Sonnenschein, N wie Nixe, T wie Taufe, D wie Dussel!'"

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Kennt ihr den Kinderreim "Ei ei ei, was seh' ich da? Ein verliebtes Ehepaar"? Wenn ja, dann kennt ihr auch die primitive Melodie, zu der dieser Vers intoniert wird. (Der Spruch geht noch weiter, was aber für das Folgende unerheblich ist.) Diese Melodie, das fiel mir kürzlich wie aus heiterem Himmel ein, gibt es auch als Handy-Klingelton. Mindestens zweimal habe ich ihn schon im öffentlichen Raum gehört. Was stimmt nicht mit manchen Menschen?

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Erstaunlich, dass Laotse das modern klingende Wort Job verwendet hat!

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Endlich mal wieder was Aufregendes im Spam-Ordner:

Grüße vom Weltelite-Imperium der Illuminaten. Sind Sie Geschäftsmann/-frau, Politiker, Musiker, Student oder Angestellter? Streben Sie danach, Ihr Wissen zu erweitern, um sich persönlich weiterzuentwickeln? Wollen Sie reich werden? Brauchen Sie Schutz, sind Sie mächtig und berühmt? Wenn JA, dann können Sie Ihre Träume verwirklichen, indem Sie Mitglied des großen Imperiums der Illuminaten werden. Sobald Sie Mitglied sind, können all Ihre Träume und Herzenswünsche in Erfüllung gehen. Mit dieser kurzen Zusammenfassung: Wenn Sie daran interessiert sind, Mitglied der großen Illuminaten zu werden, dann melden Sie sich bei uns, um weitere Informationen zum Beitritt zu den Illuminaten zu erhalten. [...] Wir unterstützen kein schmutziges Spiel, es ist eine Bruderschaft des Friedens, eine großartige Gruppe der Erleuchtung.
Die Illuminaten.

Leider scheine ich nicht die Bedingungen zu erfüllen, um Mitglied zu werden.

Donnerstag, 4. Januar 2024

Finanztipps aus der Zukunft

In der Samstags-SZ lese ich sogar den Wirtschaftsteil gerne. Mit "Gold ist die Hoffnung" war ein Artikel in der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen überschrieben: "Ein Besuch im Goldhaus". Die Reportage skizzierte Habitus und Motivation der teils sehr eigenen Klientel, die das Goldhandelshaus in München-Riem frequentiert, ging aber auch allgemein auf das Edelmetall als Wertanlage ein. Ich dachte nach einer Weile etwas, das mir immer mal wieder bei der Zeitungslektüre in den Sinn kommt: Was wäre, wenn man diesen Artikel einer Person aus der Vergangenheit vorlegen würde, ihn zehn, zwanzig, dreißig Jahre zurückschicken würde? Der Text beinhaltet Schlagworte wie "Ukraine-Krieg", "Staatspleite in Griechenland" und "Pandemie", die ohne weiteren Kontext meinem Vergangenheits-Ich gehörig die Ohren hätten schlackern lassen.

Tatsächlich wäre ich vor allem dankbar gewesen, hätte ich mit circa 18 gewusst, dass es in den folgenden Dekaden immer wieder zu Gold-Booms kommen würde und sich der Goldpreis bis 2023 ungefähr versiebenfachen würde. Es begab sich nämlich, dass ich mir gemeinsam mit einem meiner besten Freunde um die Jahrtausendwende herum in den Kopf gesetzt hatte, Gold zu kaufen. (Ja, die jungen Leute liegen nicht ganz falsch, wenn sie uns Millennials hassen.) Wir machten also bei der Sparkasse einen Beratungstermin aus, trugen einer Mitarbeiterin unseren glänzenden Investmentplan vor, nur um eine halbe Stunde lang über Fonds, Optionen und Anleihen vollgetextet zu werden. Wir ließen uns zu keinem der als langfristig lukrativer beworbenen Anlagemodelle überreden und verließen die Bank barren- und münzenlos.

Zugegeben, im Vergleich zum MSCI-World-Index (dessen Entwicklung im SZ-Beitrag graphisch wiedergegeben wurde) hat Gold rückblickend den Kürzeren gezogen, allein: Was auf die Gesamtheit der Aktien zutrifft, trifft ja nicht auf die einzelne Aktie zu. Man kann allen Prognosen und bisherigen Trends zum Trotz stets zum falschen Wertpapier greifen (und Gott weiß, das habe ich schon getan), und dann hat man auch nix von der schönen ansteigenden Kurve. Gold bleibt Gold. Money quote: "Gold als kleine Beimischung empfehlen auch Fachleute wie die Honorarberaterin Stefanie Kühn. Gerade in Krisenzeiten könne es Schwankungen im Portfolio ausgleichen, da es in Krisen stabil bleibt, während Aktien meist nach unten tendieren. Der Knackpunkt für ihre Kunden sei, dass Gold historisch betrachtet noch niemals wertlos geworden sei und man stets etwas damit habe anfangen können. Kühn empfiehlt ihren Klienten eine Goldquote zwischen zweieinhalb und zehn Prozent".

Freitag, 20. Oktober 2023

Hokus Remotus

Um die Jahrtausendwende herum, als immer mehr technische Geräte in private Haushalte einzogen, waren für kurze Zeit Universalfernbedienungen ein Ding. Auch unsere Familie schaffte sich so ein Teil an: Eine einzige Fernbedienung sollte drei, vier, sieben verschiedene ersetzen. Um die Universalbedienung "anzulernen", musste man sie gegenüber der jeweiligen Ausgangs-Fernbedienung platzieren – so, dass beide einander "anschauten" – und ihr die zu übernehmenden Tastenfunktionen "vormachen".
Wenn mich mal jemand bittet, ein Beispiel für echte, funktionierende Magie zu geben, werde ich DAS anführen.

(Foto von der Hama-Homepage)

Freitag, 26. Mai 2023

Langsam werd' ich GRRiMmig ...

Es war zu Beginn des Jahrtausends, als mir in einem damals oft von mir frequentierten Internetforum ein Thread mit dem Titel "A Song of Ice and Fire" auffiel. Als dieser auf eine Länge von mehreren hundert Antworten angewachsen war, dachte ich 'Na schön, schauste halt mal rein' und schaute mal rein. Ein Romanzyklus von einem gewissen George R.R. Martin wurde dort lebhaft diskutiert und inbrünstig bejubelt.

Obwohl ich zuvor mit Fantasy-Literatur – abgesehen von Pratchett – keine Berührung gehabt hatte, war meine Neugier geweckt. Ich sah im Online-Katalog der städtischen Bibliothek nach: Drei Bände waren dort im Bestand, jedoch entliehen. Den ersten, "Die Herren von Winterfell", ließ ich vormerken. Aus Unachtsamkeit wurde zunächst der zweite Band, "Das Erbe von Winterfell", für mich zurückgelegt; den Fehler bemerkte ich zum Glück direkt an der Ausleihtheke. Nach Neubestellung und zusätzlicher Wartezeit hielt ich irgendwann endlich den korrekten Auftaktwälzer von "Das Lied von Eis und Feuer" in meinen Händen. Ich begann mit der Lektüre und war überrascht: Da kamen ja überhaupt keine Elfen und Märchenprinzen drin vor, stattdessen Intrigen, Mord, Vergewaltigung, rohe Sprache, politische Verwicklungen und allerlei eher in der Realität verhaftete "Erwachsenenthemen" mehr. Mir wurde beizeiten klar, dass ich es hier mit einer ebenso düsteren wie komplexen Reihe zu tun hatte. Die Überzahl der Figuren und die schiere Länge schreckten mich denn auch anfänglich ab. Da ich außerdem gerade ein Studium aufgenommen hatte, sah ich mich gezwungen, die epische Reise nach kaum 300 Seiten zu pausieren. Das ist überhaupt festhaltenswert: Während meiner Unizeit habe ich hobbymäßig so gut wie keine Bücher gelesen. Vielleicht weil ich in der Nicht-Freizeit, "beruflich" quasi, schon mehr als genug lesen musste?

Erst nach meinem Abschluss fand ich wieder Muße dazu, und heute verschlinge ich einen Schmöker nach dem anderen. Als die TV-Adaption von "A Game of Thrones" startete (und mich auf Anhieb überzeugte), stürzte ich mich auch erneut auf die literarische Vorlage. Es dauerte nicht lang, da hatte ich mich mit Band 5, "A Dance with Dragons" (ich war zur Originalfassung gewechselt), auf den neuesten Stand gebracht, und nach einer weiteren Weile hatte die Fernsehserie die Ereignisse des bis dahin Niedergeschriebenen nicht nur ein-, sondern sogar überholt. Dabei war der sechste Teil schon vor Ewigkeiten angekündigt worden. Mit "The Winds of Winter" stand sogar sein Titel fest, wie auch jener des finalen siebten Bandes, "A Dream of Spring".

2016 stieg die Hoffnung auf ein Erscheinen von Band 6 im Jahr darauf. Das weiß ich noch, weil ich mir für 2017 vorgenommen hatte, hier auf Kybersetzung ein "Let's Read 'The Winds of Winter'" durchzuführen: Ich würde das Abenteuer sozusagen live mit euch als meinem Lesezirkel verfolgen und in einem Fortsetzungsbeitrag meine Gedanken zu den sagen wir jeweils drei letzten Kapiteln niederschreiben. Aber leider hat GRRM seit dem ursprünglich vorgesehenen Release-Jahr (2011!) nichts hervorgebracht außer ein paar Auszüge (auf die ich bisher keinen Blick geworfen habe) sowie diverse Ausflüchte und Entschuldigungen ... und natürlich Dutzende Nebenprojekte! Ich habe einerseits Respekt vor der Schaffenskraft dieses Mannes, andererseits würde ich mir wünschen, er würde sich auf sein Opus magnum fokussieren. Hätte er seinen Output der vergangenen Jahre aufs Wesentliche beschränkt, wären wir mit "Winds of Winter" schon durch und würden "Dream of Spring" entgegenfiebern. Stattdessen: "Wild Cards", "Nightflyers", "Elden Ring", "Dark Winds" (dazu im nächsten Serientagebucheintrag) und und und. Regelmäßig surfe ich auf Martins Blog "Not a Blog" vorbei, nur um zu erfahren, dass der umtriebige und inzwischen auch schon bedenklich alte Autor noch eine Baustelle aufgemacht hat. Oder was er alles vorhat: "I want to return to Morocco, Granada, Seville, Toledo, Madrid, Barcelona, and Asturias as well… oh, and to Portugal too. Lisbon and Porto are amazing. But not until I finish WINDS OF WINTER." Ja, bitte!!! (Dieser Eintrag stammt vom Februar 2023.)

Tja, wie stopft man als Fan so eine popkulturelle Lücke? Die Heckenritter-Trilogie war ein befriedigendes Methadon, und "Feuer und Blut" kann ich mir vorstellen demnächst nachzuholen. Ich habe es mit Steven Eriksons "Spiel der Götter"-Epos versucht, weil mich daran gereizt hat, dass die Lese-Reihenfolge bereits eine Wissenschaft für sich ist, aber ich werde damit einfach nicht warm, stecke seit circa drei Jahren in "Gardens of the Moon" fest. Zuletzt habe ich mir "Between Two Fires" von Christopher Buehlman als Leseprobe heruntergeladen und bin sehr angetan davon, auch wenn das ein etwas anderes Genre zu sein scheint. Doch werde ich jemals nach Westeros zurückkehren? Warten wir's ab.

Mittwoch, 24. Mai 2023

Aus der Art geschlagen

In manchen Belangen war ich durchaus das, was man als "aufgewecktes Kind" bezeichnet, aber weiß Gott nicht in allen. Eine Sache, die ich bis in die Grundschulzeit hinein partout nicht begreifen wollte: Geschlechtsdimorphismus im Tierreich. Ich blätterte gerne die illustrierten Tierbücher aus dem elterlichen Bestand durch und sah dabei immer wieder, dass vorgestellte Arten mit zwei Abbildungen vertreten waren, die komplett voneinander abwichen. (Sobald ich zu lesen fähig war, hatte ich sogar schriftliche Beweise dafür, dass es sich jeweils um ein und dieselbe Spezies handelte.) Dann fragte ich meine Mutter oder meinen Vater, warum da zwei offenbar verschiedene Tiere abgedruckt seien. "Das eine ist das Männchen, das andere das Weibchen", bekam ich zur Antwort. Hä? Okay, das eine ist ein Hirschkäfermännchen, aber was für ein Käfer ist das Weibchen? Das so starke Auseinanderklaffen der Phänotypen wollte mir einfach nicht in den Kopf hinein. Erst nach und nach, anhand von berühmten Sexualdimorphismus-Beispielen wie Stockenten oder Pfauen, konnte ich dieses Phänomen nachvollziehen. Peinlich!

PS: Die Schwanzfedern des männlichen Pfaus werden übrigens mit dem mir bis vor kurzem unbekannten Handicap-Prinzip erklärt.

Sonntag, 26. März 2023

TV-Reklame-Erinnerung

In einem dieser typischen Dauerwerbeblöcke im vormittäglichen Privatfernsehen (Stichwort "Teleshop") lief irgendwann in den 1990er Jahren ein Spot, in dem ein veritables Spionagewerkzeug angepriesen wurde: ein Miniatur-Richtmikrofon, mit dem man aus seiner Tasche heraus Geräusche mit relativ weit entfernter Quelle verstärken und über einen harmlos aussehenden Kopfhörer in sein Ohr leiten konnte. Wenn ich mich recht entsinne, wurde der offensichtliche Zweck, i.e. Spaziergängerinnen, Gartennachbarn etc. belauschen, nicht einmal zu vertuschen versucht, indem man das Gerät etwa gezeigt hätte, wie es Vogelgezwitscher aufklart oder älteren Menschen als On-demand-Hörgerät den Alltag erleichtert. Nein, da saß wirklich ein Mann auf einer Parkbank, "zielte" heimlich über die Distanz von circa zwei Steinwürfen auf eine Personengruppe und folgte freudig erregt dem nicht für seine Löffel bestimmten Gespräch.

Den Werbespot scheint es auf Youtube nicht zu geben, obwohl dort die Neunziger diesbezüglich gut dokumentiert sind. Gut möglich, dass mein Gedächtnis nach so langer Zeit einige Details verzerrt hat, aber ich weiß noch genau, dass ich damals schon dachte: 'Das kann doch unmöglich legal sein!' Andererseits findet man auf Amazon mit den Suchbegriffen "richtmikrofon spionage" und "abhörgerät" eine Vielzahl von Artikeln in allen Preisklassen; dort gibt es ja auch den Klassiker "Diktiergerät in Kugelschreiberoptik". Ein Teil, wie es in der beschriebenen Retro-Reklame vorgestellt wurde, mit Ohrstöpseln und handlicher Empfangs-/Verstärker-Kombi, konnte ich auf die Schnelle nicht ausfindig machen. (Was Amazon nach dieser kurzen Recherche wohl über mich denkt? Bitte nicht als Stalker kennzeichnen!!!) Im Zweifel muss man so was wohl im asiatischen Ausland bestellen, wie Tex Rubinowitz seinen Handy-Signalstörer, den er mal irgendwo erwähnt hat und mit dem er eine Zeitlang die mobile Kommunikation von U-Bahn- oder Bim-Passagieren in seiner Nähe zu unterdrücken pflegte.

"Man nennt diese Mikros auch Shotgun Mikrofon", klärt die Seite detektiv-report.de jedenfalls auf. "Weil man mit einem Richtmikrofon eine Unterhaltung hörbar machen kann, die jemand weiter weg führt, dienen sie auch als Abhörgeräte. Allerdings ist das Abhören fremder Gespräche auch dann nicht gestattet, wenn Richtmikrofone zum Einsatz kommen. Der Einsatz als Abhöreinrichtung ist nicht der primäre Zweck, den ein Shotgun Geräuschverstärker hat. Häufig setzt man die Geräte beim Film für Aufnahmen ein." Ja, ja, ja. Zu den Utensilien, die ich eher nicht im Detektivausrüstungs-Ratgeber vermutet hätte, gehören übrigens "Mikrowellen Messgerät" und "Elektrosmog Messgerät". (Was Google wohl jetzt von mir denkt? Bitte nicht für die Stasi 2.0 anwerben!!!)

Donnerstag, 16. Februar 2023

Serientaten

Es ist schon bemerkenswert, wie die "Prestigisierung" (?) von Fernsehserien das Medium verändert hat. Früher, vor dem Siegeszug und der Allgegenwärtigkeit filmisch-epischer TV-Dramen mit durchgehendem Handlungsbogen, war es völlig normal, dass man die Staffeln in beliebiger Reihenfolge und unter gelegentlicher Auslassung einzelner Folgen sah. Es konnte vorkommen, dass man eine Episode schlicht verpasste, weil man nicht zu Hause war. Daraus erwuchsen keine Nachteile, es war nicht zwingend, dass man die Ausstrahlung (für ebenjenen Fall, dass man während dieser Zeit was vorhatte) mit dem Videorekorder o.ä. aufzeichnete. Event-Mehrteiler wie "Twin Peaks" stellten die absolute Ausnahme dar. Aber bei bis zu 24 "Fall der Woche"-Folgen pro Staffel entging einem nicht wirklich etwas. Heute ist das unvorstellbar, für mich zumindest. Selbst wenn ich in meinem Haushalt Privatsender empfangen könnte, würde ich niemals einfach durchzappen und denken: "Ach, 'Criminal Minds' läuft gerade, da bleibe ich mal hängen!" Nicht mal bei Sitcoms kann ich das; ich habe 2007 mit "The Big Bang Theory" angefangen, und weil ich diese Show anfangs liebte und später nie wirklich hasste, ziehe ich das jetzt durch: Jede einzelne Episode muss geguckt werden, und zwar in der korrekten Reihenfolge! Dieser Marathon zumindest wird demnächst sein Ende finden. Freut euch schon mal auf mein Resümee im Serientagebuch.

Apropos: Ich wünschte, ich hätte schon viel früher damit angefangen, meine Meinung zu TV-Serien aufzuschreiben. Erst im Dezember 2010 habe ich auf meinem beerdigten Kybersetzung-Vorgänger erstmals eine Kleine Serien-Review 2010 veröffentlicht, eingeleitet mit den Worten "Heute gebe ich kurz meine Meinung zu einigen Serien ab, die 2010, v.a. in der Herbstsaison, im US-Fernsehen liefen bzw. noch laufen. Die Daumen-Icons bedeuten irgendwas." Die Kurzrezensionen, in Drama und Comedy aufgeteilt, sind zwar nix Besonderes, aber aufschlussreich genug, um sie hier (unverändert, unredigiert und unverbessert) zu wiederholen.

The Event (NBC)  
Ich bin zwar noch nicht auf dem aktuellsten Stand, aber bisher konnte diese als LOST-Ersatz gehypte Mysteryserie ihre Erwartungen nicht erfüllen. Es geht um Aliens, die wie Menschen aussehen, um eine Verschwörung, um ein verschwundenes Flugzeug, naja. Schon recht spannend, aber irgendwie bemüht.

Dexter (Showtime) 
Auch die mittlerweile 5. Staffel aus dem Doppelleben eines Mörders-Schrägstrich-Polizeiforensikers bot wieder Nervenkitzel auf höchstem Niveau, wenn sie auch nicht ganz so brillant war wie Season 4. Spoiler: Dexter stirbt nicht, es wird noch eine 6. Staffel geben.

The Walking Dead (AMC)  
Hiervon habe ich erst zwei Episoden geschaut. Mit unheimlicher Vorfreude wurde diese Comic-Adaption erwartet. Zombie-Apokalypse im Fernsehen? Das hat man in der Tat noch nicht gesehen, und dank dem Umstand, dass The Walking Dead im Pay TV läuft, kann man, wenn man darauf steht, eindrucksvolle Splattereffekte genießen. Beklemmender Psycho-Horror, den man aus manchen ähnlich gearteten Kinofilmen gewöhnt ist, will sich jedoch nicht einstellen. Wie gesagt, nach zwei Folgen kann noch viel passieren, aber angefixt wurde ich bislang nicht. Dass die ersten 6 Episoden (Season 2 kommt im Oktober '11) doch eher durchschnittlich waren, findet auch Oliver Nagel im Britcom-Blog (Spoiler!).

Rubicon (AMC) 
Eine Serie, die sich Zeit lässt, um ihre Geschichte zu erzählen. Viiiel Zeit. Die Schauspieler sind gut, die Musik ist stimmig, aber der Plot - mächtige Männer in einer fiktiven Behörde sind in finstere Machenschaften verstrickt - geht nur schleppend voran. Eine zweite Staffel wurde abgelehnt.
Ich bin übrigens neuerdings ein Fan von "Kurzstaffeln" mit nur ca. 12 Folgen wie bei Rubicon und Dexter. Ich schließe mich da den Ausführungen von Matthew Wrather auf overthinkingit.com an.

The Office (NBC) 
Die Büro-Mockumentary läuft inzwischen in ihrem (verflixten) 7. Jahr, und die Luft ist langsam raus. Das hat wohl auch Hauptdarsteller Steve Carell gemerkt, der nach dem Ende dieser Staffel aussteigen wird. Insgesamt wirken die Charaktere lustlos und sind alle viel gemeiner zueinander. Auch einen bedeutenden story arc scheint es diesmal nicht zu geben. Die Weihnachtsfolge war trotzdem ein Highlight, und ich freue mich immer noch auf neue Folgen.

Family Guy (FOX) 
Warum ich mir diesen Dreck noch anschaue, ist mir schleierhaft. Vielleicht ist es die stille Hoffnung, dass doch irgendwann mal wieder ansatzweise das Niveau von vor 5 Jahren erreicht werden kann. Man merkt dieser Serie an, dass die Macher ihre eigenen größten Fans sind, und das ist Gift! Die Figuren agieren ausnahmslos out of character, die Tabubrüche werden immer lahmer, die Running Gags immer gezwungener, und diese moderne US-Großstadt-Satzmelodie - die übrigens auch bei den Simpsons Einzug findet - nervt gewaltig ("Yeeeeah, that's ... not gonna happen."). Der absolute Tiefpunkt wurde erreicht, als in Folge 9.02 der rechts-populistische Talkshow-Host Rush Limbaugh als Gaststar auftrat und ungeniert Werbung für Konservatismus machen durfte. Cancel it. Now!

South Park (Comedy Central) 
Alles richtig macht hingegen South Park. Auch hier geht es öfters unter die Gürtellinie, aber hier ist es wenigstens witzig und vor allem werden hier richtige Geschichten erzählt. Und die Objekte des Spottes haben es auch verdient. Ein Beispiel: South Park würde sich über die Besitzer von iPhones lustig machen; Family Guy würde sich über das Kind lustig machen, das in der Schule gemobbt wird, weil es kein iPhone hat. Außerdem steigt die Qualität der Animation bei SP kontinuierlich.

The Big Bang Theory (CBS) 
Ganz klar: TBBT ist seit vier Jahren die beste Sitcom. Es vergehen im Grunde keine 10 Sekunden, in denen man nicht lachen muss. In letzter Zeit verleiht man auch den Nebenfiguren mehr Tiefe, v.a. den Freundinnen. Pflichtprogramm nicht nur für Nerds!

Community (NBC) 
Ich kann nicht verstehen, warum dieses Juwel der Unterhaltung nur durchschnittliche Quoten und Kritiken einholt. Die Serie um eine verrückte Lerngruppe an einem Community College kann es von der Gagdichte locker mit TBBT aufnehmen. Vielleicht sind die zahlreichen Anspielungen auf Film- und andere Popkultur-Klischees zu anspruchsvoll? Oder die Dialoge sind einfach zu schnell, als dass man den Witzen unangestrengt folgen könnte (Ich kann Community auch nur mit Untertiteln schauen)... Zu hoffen ist jedenfalls, dass es nächstes Jahr eine dritte Staffel geben wird.

Anm. 2023: Haha, mein Furor bzgl. "Family Guy" war ja goldig. Wie gut, dass ich dennoch drangeblieben bin, sonst wäre mir entgangen, wie diese Cartoonreihe später wieder die Kurve gekriegt hat. "The Event" wurde übrigens nach nur einer Season abgesetzt.
Wenn ich Lust habe, hole ich irgendwann auch noch das 2011er-Roundup hervor.

Donnerstag, 6. Oktober 2022

Lins mal wieder!

Wenn es früher bei uns daheim oder bei den Großeltern Linseneintopf gab, gehörte es dazu, neben Besteck und Geschirr drei zusätzliche Dinge auf dem Esstisch zu platzieren. Egal wie gut der Eintopf bereits abgeschmeckt und durchgezogen war, man musste in seinen gefüllten Teller stets noch drei Prisen Salz, einen halben Teelöffel Zucker und einen halben Esslöffel Essig geben. Das waren die Tüpfelchen auf dem iii, so kitzelte man das ultimative Aroma hervor. Ich habe mir kürzlich vegetarische Linsen in der Dose von dm-Bio geholt: Kann man durchaus essen, aber der richtige Nostalgie-Schmackofatz-Faktor stellte sich erst nach Zugabe von drei Prisen Salz, einem halben Teelöffel Zucker und einem halben Esslöffel Essig ein.

Witzig ist, dass man Linseneintopf in Österreich Linsengericht nennt. Man könnte entweder das "-gericht" weglassen oder mit einem Endglied definieren, um was für eine Art von Gericht es sich handelt, aber nein: Linsengericht. Das erste Mal stieß ich auf diesen Ausdruck in einem der lustigsten Listenbücher aller Zeiten, "Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen" von Jörg Metes und Tex Rubinowitz, auf Seite 58: "16 Gründe dieses Linsengericht zu essen"; zu sehen ist ein Teller Linsen, in dem 16 Linsen mit Strichen durchnummeriert sind.

Mittwoch, 10. August 2022

Die 72 Eiffel-Namen

Das wusste ich bis vor kurzem auch noch nicht: Auf den Friesen der ersten Etage des Eiffelturms, also in circa 57 Metern Höhe, sind reihum in güldenen Lettern die Nachnamen von 72 bedeutenden Männern der Wissenschaft angebracht. In ihrer jetzigen Gestalt zu sehen sind die Namen erst seit ihrer Wiederherstellung in den Jahren 1986/87, nachdem sie Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge eines Neuanstrichs des Pariser Wahrzeichens überpinselt worden waren.

Die Auswahl der vor allem in Mathematik und Technik tätig gewesenen Personen "traf Eiffel selbst; für einige Namen wurde er kritisiert. Er überging bewusst Wissenschaftler mit langen Familiennamen und auch Frauen, die sich in der Wissenschaft verdient gemacht haben" (Wikipedia). Bis auf zwei Schweizer und einen Italiener handelt es sich um Franzosen. Aber wie viele von ihnen sind einem (sprich: mir) namentlich bekannt? Erschreckend wenige!

  • LAPLACE: Wiederkehrender Gast im Mathematikunterricht der Sekundarstufe II
  • LAVOISIER: Kam ja sogar schon mal am Rande in diesem Blog vor
  • AMPÈRE: Klar, Stromstärke
  • BROCA: Über das menschliche Gehirn habe ich dies und das gelesen und gehört. Broca-Areal, Broca-Aphasie, spannendes Zeug!
  • BECQUEREL: War zuletzt "nach Fukushima" in aller Munde
  • CORIOLIS: Ich sag' nur "Bart gegen Australien" ("The Simpsons", Ep. 6.16)!
  • PERRIER: Der Erfinder des Mineralwassers. Nein, Spaß, den kenne ich auch nicht.
  • CAUCHY: Tja, "kennen" wäre zu viel gesagt, aber ich habe das Gefühl, dass der Name in einer Ecke meines Gedächtnisses schlummerte, und eingedenk dessen, womit der Herr sich befasst hat, könnte auch er mal in den Analysis-Tiefen unseres Mathe-Grundkurses eine Rolle gespielt haben.
  • COULOMB: Eine physikalische Maßeinheit, aber wofür? (Ich habe nachgeschlagen: elektrische Ladung! Einheit: 1 C)
  • FOUCAULT: Der mit dem Pendel
  • DAGUERRE: Der mit der Daguerreotypie
  • FOURIER: Ein Weggefährte des großen Ägyptologen Champollion, aber, wie ich soeben lese, "nebenbei" auch Physiker

Nicht mal ein Dutzend von 72: Diese miese Quote lässt mich wohl ziemlich ignorant erscheinen, was die Wissenschaftsgeschichte der Grande Nation angeht. Ich gelobe Besserung und fange damit an, peu à peu die Wikipedia-Einträge der Geehrten zu studieren.

Mittwoch, 25. Mai 2022

Das Unsagbare (1)

Warum verschmäht man gewisse Nahrungsmittel? Nun, es gibt solche, die uns einfach nicht schmecken, und solche, die regelrechte Übelkeit oder schlimmstenfalls allergische Reaktionen auszulösen vermögen. Derart zweiteilen lassen sich auch "unregelmäßige" sprachliche Äußerungen, zumindest in meiner Welt: Manche Formfehler, verhauene Ausdrücke, Stilblüten, Agrammatismen oder sonderbare Vokabeln mag ich halt nicht. Mich hat es beispielsweise jedes Mal erbost, wenn Michael Maar in seinem ansonsten sehr lesenswerten Literaturstreifzug "Die Schlange im Wolfspelz" für Adjektiv das Synonym "Beiwort" verwendet hat. Eine reine Idiosynkrasie meinerseits, und es handelt sich ja nicht mal um einen Fauxpas des Autors, sondern eine leicht dümmliche Wortwahl-Marotte. Ich bin nach jahrelangem Konsum journalistischer Texte aus Deutschland einiges gewohnt – und dabei milde geworden. Nicht umsonst habe ich "unregelmäßig" in Anführungszeichen gesetzt. Durch die Brille des Deskriptivismus betrachtet, sind vermeintliche Fehler ohnehin nur interessante Erscheinungen des Sprachwandels. Und manches, was einst in die Kategorie "verursacht allergische Schocks" fiel, steht heute lediglich auf meiner "Schmeckt mir nicht"-Liste.

Beispiel gefällig? Anfang der 1990er Jahre, wir hatten noch nicht sehr lange "Westsender", lief im Fernsehen ein Werbespot für Fruchtjoghurt o.ä., und darin brüllte ein Knabe den Halbsatz: "... weil er ist gesund!" Ich hatte diese Variante von "weil er gesund ist" noch nie in meinem jungen Leben gehört und bin durchgedreht. "Warum sagt der das so komisch?", fragte ich beinahe unter Tränen meine Mutter, die diese Syntax zum Glück als inkorrekt tadelte. Das blöde Kinder-Testimonial hätte ebenso gut "... weil gesund er ist" sagen können, es hätte in meinem Kopf genauso kaputt geklungen. (Mit Meister Yoda sollte ich erst ein paar Jahre später in Kontakt kommen.) Mittlerweile kann ich über weil-Sätze mit Verbzweitstellung nicht mal mehr die Nase rümpfen. Zumindest wenn sie mir in gesprochener Sprache begegnen: Unlängst hat Ulrich Hermann Waßner im Sprachreport (Ausgabe 4/2021) das "weil er ist"-Phänomen untersucht, befasst sich dabei notwendigerweise mit der Frage der Trennung von sog. gesprochener und geschriebener Sprache und führt den hilfreichen Begriff der "konzeptionellen Mündlichkeit" ein. Entwarnendes Fazit: "Es finden sich tatsächlich nur wenige 'echt' geschriebensprachliche Belege." (a.a.O., S. 35) Und selbst wenn's mehr werden: dann steht halt irgendwann im Grammatik-Duden, dass in weil-Sätzen auch V2-Stellung möglich ist. Darum soll es hier auch gar nicht gehen (in nämlichem Heftbeitrag ist alles gesagt)!

Mit diesem langen Anlauf möchte ich zu zwei Phrasen springen, die wiederum für mich völlig normal sind, aber anderen das Sprachzentrum zum Tilt! bringen könnten ... Morgen verrate ich, welche das sind.