Heute: Who Sampled, eine Datenbank, in der man über 1,3 Millionen Songs darauf hin untersuchen kann, welche anderen Songs bzw. welche sonstigen Musikstücke oder Teile davon (oder nichtmusikalische Tonauszüge) in ihnen gesampelt werden. Das macht süchtig. Recherchiere auch du, wo sich deine Lieblingsband schamlos bedient hat!
Sonntag, 9. August 2026
Der gute Sonntagslink
Dienstag, 7. April 2026
Es grünt so grün im Mushroom Kingdom
Schon lange wollte ich mal etwas über The New Christy Minstrels schreiben, und jetzt gibt es sogar einen Anlass dazu; in Kürze mehr. Die New Christy Minstrels waren eine Folk-Music-Gruppe, bzw. sind sie das, denn obwohl sie sich 1971 offiziell aufgelöst haben, geben sie seit 1976 wieder gelegentlich Gastspiele und haben erst 2017 ihr letztes Album veröffentlicht. Dass sie in wechselnder Besetzung auftraten und -treten, gehört seit ihrer Gründung durch Randy Sparks im Jahr 1961 zum Konzept: "Some of [the] band's members had no interest in committing full-time to what they saw as a high-risk project, and others had obligations elsewhere." (Wikipedia) Bereits ein Jahr später reduzierte sich die Zahl ihrer Mitglieder auf zehn, nachdem das zur Urformation gehörende Quartett The Fairmount Singers ausgetreten war. Zu den bekanntesten Namen der mittlerweile rund 300 aktiven und ehemaligen Minstrels zählen Kenny Rogers (1966), Tracy Newman (1962, Schauspielerin und Impro-Komikerin, Schwester von Laraine Newman) und Kim Carnes (1966, später mit "Bette Davis Eyes" weltberühmt geworden). Übrigens, wer bei "New Christy Minstrels" an eines der dunkelsten Kapitel der US-amerikanischen Unterhaltungsgeschichte denkt, liegt nicht falsch: Sparks nahm mit dem Namen Bezug auf die Truppe "Christy's Minstrels", die ab den 1840er Jahren in Blackface zeitgenössische minstrel plays performte, etwas, worauf die "New Christies" gottlob verzichteten.
Die New Christy Minstrels als erfolgreich zu bezeichnen, wäre untertrieben. 1970 traten sie beim Super Bowl auf, bei der Oscar-Verleihung 1965 interpretierten sie den Gewinner in der Kategorie "Bester Song" ("Chim Chim Cher-ee" aus "Mary Poppins"), in ihren Hoch-Zeiten waren sie regelmäßige Gäste im legendären Hotelclub Cocoanut Grove und in prestigeträchtigen Spielstätten wie der Carnegie Hall. Seit 2009 haben sie einen goldenen Stern auf dem Palm Springs Walk of the Stars.
Ich muss zugeben, dass ich viele ihrer Stücke, darunter auch ihre Coverversionen oder (christliche) Traditionals wie "Michael Row the Boat Ashore" äußerst schmissig und mitreißend finde. "Chitty Chitty Bang Bang" höre ich von dieser Truppe lieber als die Original-Musical-Nummer, und was für ein Gassenhauer ist bitte der aus "The Leftovers" bekannte "Song of the Pious Itinerant"?! Ihre höchste Chartplatzierung erreichten die New Christy Minstrels 1963 mit dem Schlager "Green, Green", der im Folgejahr zweifach Grammy-nominiert war und in der Folge von internationalen Stars in allen möglichen Sprachen gesungen wurde, beispielsweise auf deutsch von Drafi Deutscher ("Grün, grün ist Tennessee") oder Cliff Richard ("Du, du gefällst mir so"). In Japan, wo die Minstrels bis heute besonders beliebt sind, schrieb der Kinderbuchautor Hikaru Kataoka für "Green, Green" neue Lyrics in seiner Muttersprache. Diese japanische Fassung wurde 1967 vom Suginami Junior Chorus in einer Kinderfernsehsendung vorgetragen und erfreut sich seitdem großer Popularität.
Und damit komme ich zum Anlass dieses Beitrags. Vor wenigen Tagen sah ich einen Bluesky-Post des hier bereits empfohlenen Tumblrs "Supper Mario Broth". (Der Bluesky-Account haut öfter Dinge raus, die weder auf dem Basiskanal noch im Miszellen-Ableger "Small Mario Findings" gezeigt werden.) Darin wird die unglaubliche und mir noch nie begegnete Behauptung aufgestellt, dass das musikalische Hauptthema von "Super Mario World" von ebenjenem Lied inspiriert worden sei! Als Beweis führt der Account eine nie ausgestrahlte Ausgabe des "Satellaview BS-X Broadcast Magazine" an, in welcher der Refrain von "Green, Green" (in SMW-Soundfont) angespielt wird. Auch der Wikipedia-Eintrag zu nämlichem Hit geht auf diesen Vorwurf ein: "British YouTuber Thomas hypothesizes that Koji Kondo was inspired by the Japanese version of 'Green, Green' when he was making the Super Mario World's overworld music in the 90s, due to the song having a 'happy, rhythmical and an easy to remember melody'." Tja, was soll man dazu sagen? In meinen Ohren sind die circa dreizehn fraglichen Noten zu unterschiedlich, als dass man von einem Plagiat sprechen könnte. Inspiration? Das mögen Leute entscheiden, die von dergleichen Ahnung haben.
Ein kleiner Exkurs zum Schluss ist noch geboten. Was bitte ist "Satellaview"? Mit absonderlichem NES-Zubehör habe ich mich ja schon befasst, aber auch für das SNES bzw. Super Famicom, wie es im Heimatland von Nintendo hieß, gab es bemerkenswerte Extra-Hardware. Ausschließlich in Japan kam das Satellaview auf den Markt, "ein Zusatzgerät, um Spiele, Demos und Informationen über einen Satelliten zu empfangen. Es [...] nutzte den Satellitensender St. GIGA. Auf dem Satellitenkanal wurden von 4 bis 7 Uhr japanischer Zeit die Daten gesendet, ansonsten lief ein normales Fernsehprogramm. Das Hauptproblem war, dass die Daten nur zu bestimmten Uhrzeiten ausgestrahlt wurden. Man musste also im richtigen Moment das Gerät starten und konnte dann die Daten auf ein spezielles wiederbeschreibbares Flash-Modul herunterladen. Dieses Modul, die 'BS-X Special Broadcast Cassette', wurde in den Modulschacht des SNES eingesetzt und konnte vier Megabit (512 Kilobyte) an Daten speichern." Und als Teil des offiziellen BS-Magazins sollte offenbar das "Green, Green"-Osterei präsentiert werden, wurde dann aber vom Konzern zurückgezogen, weil es ein Quasi-Klau-Eingeständnis gewesen wäre.
Freitag, 5. Dezember 2025
Musikstream-Bilanz 2025
Dass ich geschmacklich toleranter, flexibler, womöglich auch gleichgültiger geworden bin, wird untermauert von der Tatsache, dass ich rund 50 Interpreten mehr als 2024 meine Aufmerksamkeit geschenkt habe, nämlich 699 Artists.
Der Algorithmus charakterisiert mich denn auch als "Entdecker" ("Neuerscheinungen ziehen dich magisch an"; na ja) und hat mich dem "Club" "Grit Collective" zugeteilt.
Freitag, 25. Juli 2025
Von Technik enttäuscht
Ich hatte bis vor wenigen Monaten nichts an Spotify auszusetzen, ja empfand diese Plattform in der Bezahlversion sogar als deutlich komfortabler, funktionaler und anregender als Prime Music. Die Zeit des freudenreichen Musikstreamings scheinen jedoch vorbei zu sein. Letzte Woche habe ich mein Abonnement gekündigt. Ich werde es erst wieder erneuern, sobald mindestens drei neue "Drei Fragezeichen"-Folgen erschienen sein werden, die ich sodann hintereinander weg hören kann. Der Algorithmus, jenes höhere Wesen, das wir verehren, wurde einfach immer schlechter. Es wird mir nur noch Musik aus exakt dem gleichen Genre vorgeschlagen, das ich jeweils zuletzt abgespielt hatte. Ich habe ein Jazz-Album gehört, zack!, wird mir nur mehr ausschließlich Jazz empfohlen. (Ausgedachtes Beispiel!) Das Schlimmste ist, dass diese Empfehlungen zu nichts zu gebrauchen sind. Vielleicht bin ich ja über die Jahre zu anspruchsvoll geworden, vielleicht kenne ich inzwischen sämtliche guten Interpreten, Fakt ist, dass mir die vorgeschlagenen Alben kaum noch gefallen und nach wenigen Tracks von mir abgebrochen werden. Sollten die Geschmackserkennungsroutinen nicht stetig besser werden?
Wo ich schon am Nörgeln bin, muss ich, so leid es mir tut, mich einmal mehr über Google auslassen. Google Drive hat ja wohl die sinnfreieste, benutzerunfreundlichste, verwirrendste, chaotischste Oberfläche, die man von einem Cloudspeicher erwarten kann bzw. eben nicht erwarten kann, wenn man schon einmal mit Dropbox oder der eigenen Festplatte zu tun hatte, Sakrament!
Mittwoch, 9. Juli 2025
Sommer ist a-kommend
Wikipedia sieht sich dieser Tage schweren Vorwürfen ausgesetzt. Eine FAS-Recherche hat mangelnde Aktualität und ein nicht unerhebliches Fehlervorkommen offenbart: "Mindestens jeder dritte Artikel hat ein Problem." Kann sein, dass ich die Online-Enzyklopädie fortan mit einer etwas großzügiger bemessenen Prise Salz konsultiere, dessen ungeachtet möchte ich betonen, dass ich immer wieder auf Artikel stoße, die sich durch beispiellose Informationsdichte bei gleichzeitig hohem Unterhaltungswert auszeichnen.
Völlig zu Recht wurde der Eintrag "Sumer is icumen in" 2010 in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen: eine launig-abenteuerliche musik-, literatur- und sprachwissenschaftliche Lesereise! Wie bin ich überhaupt darauf gestoßen? Ich las neulich an anderer Stelle, dass es sich bei diesem auch Sommerkanon genannten mittelenglischen Lied, das mir erstmals in dem Folk-Horror-Kultfilm "The Wicker Man" (1973) begegnet war, um den ältesten überlieferten Kanon der europäischen Geschichte handelt. Angegeben war in jener Quelle sowohl die neuenglische Übertragung des Titels / der ersten Zeile als "Summer is a-coming" als auch die deutsche Übersetzung "Der Sommer ist gekommen". Das wunderte mich nun, war ich doch davon ausgegangen, dass a-coming eine Verlaufsform ist (vgl. Bob Dylan: "The times, they are a-changing"). Der Wikipedia-Artikel klärt diese Diskrepanz in Hinblick auf die Uneindeutigkeit der behandelten Jahreszeit auf:
Der mittelenglische Text des Sommerkanons wurde im Lauf der Jahrhunderte immer wieder an den Sprachwandel angepasst. Den meisten modernen Bearbeitungen ist gemeinsam, dass sie die erste Textzeile mit dem leicht archaisierenden, aber nichtsdestoweniger unmittelbar verständlichen „Summer is a-coming in“ wiedergeben. In dieser Form ist der Kanon insbesondere unter musikalischen Laien sehr bekannt. Problematisch ist hierbei, dass das mittelenglische sumer eine beträchtliche Bedeutungsverschiebung durchgemacht haben müsste, wenn der Text – der heutigen Auffassung entsprechend – als „Frühlingslied“ begriffen wird. Zur Entkräftung dieser Inkonsistenz wird vorgebracht, dass im Mittelalter der 1. Mai als Tag des Sommeranfangs angesetzt wurde, ein Datum, das nach gegenwärtiger Vorstellung noch in den mittel- und westeuropäischen Frühling fällt. Ferner verfälscht „a-coming“ als Verlaufsform den Sinn des mittelenglischen Partizips icumen („gekommen“).
Es ist lohnend und erheiternd, einen Blick auf den vollständigen Text des sechsstimmigen Stücks zu werfen:
Sumer is icumen in,
Lhude sing cuccu!
Groweþ sed and bloweþ med
And springþ þe wde nu,
Sing cuccu!
Awe bleteþ after lomb,
Lhouþ after calue cu.
Bulluc sterteþ, bucke uerteþ,
Murie sing cuccu!
Cuccu, cuccu, wel singes þu cuccu;
Ne swik þu nauer nu.
Der Sommer ist gekommen
Kuckuck, singe laut!
Es wächst die Saat, die Wiese grünt
Und das Gehölz schlägt aus,
Singe, Kuckuck!
Die Aue [das Mutterschaf] blökt nach dem Lamm,
Die Kuh muht nach dem Kalb.
Der Ochse rührt sich, der Bock furzt
Singe froh, Kuckuck!
Kuckuck, Kuckuck, wie schön singst Du, Kuckuck.
Nun schweige niemals mehr.
Auch zu dem auffälligsten Satz darin hat Wikipedia etwas zu sagen:
Besonders umstritten ist bis heute die Deutung des Teilsatzes bucke uerteþ. Dabei ist nicht nur unklar, von welchem Tier bei bucke genau die Rede ist – neben dem naheliegenden Ziegenbock werden auch Rehbock oder Hirsch vorgeschlagen. Ausgesprochen kontrovers wird vielmehr die Bedeutung des Verbs uerteþ diskutiert, da die vermeintliche idyllische Schilderung der im Frühling wiederauflebenden Natur inhaltlich wie stilistisch nur schwer vereinbar scheint mit der Flatulenz eines Paarhufer-Männchens. Während manche Interpretationen folgern, farteth sei im Mittelenglischen weniger derb konnotiert gewesen als das moderne englische farts beziehungsweise das verwandte deutsche furzt, bestreiten andere überhaupt einen Zusammenhang mit dem aus dem Altenglischen belegten feortan und postulieren eine Umdeutung des lateinischen Verbs vertere (im Sinne von „sich [unruhig] hin- und herbewegen“), so dass die problematische Vokabel letztlich nur ein Synonym des vorangegangenen sterteþ sei.
So ernüchternd letztgenannte Deutung auch sein mag, neige ich doch dazu, mich ihr anzuschließen, gerade eingedenk der Verwandtschaft von vertere mit wirbeln und werben i.S.v. "balzen" – das passt doch zu einem ausgelassenen Böckchen im Frühling!
Freitag, 6. Dezember 2024
Musikstream-Bilanz 2024
Juchhu, diese Woche kam die Jahresauswertung meines Spotify-Nutzungsverhaltens rein. Ich habe, trotz längerem Aussetzen der Premium-Mitgliedschaft, fleißiger gestreamt als 2023. Sagenhafte 11.849 Minuten lang habe ich dieses Jahr Spotify gehört, das sind mehr als acht Tage. 2.358 Titel von 646 Artists habe ich abgespielt, am häufigsten diese hier:
Dazu muss ich sagen, dass ich den Nr.-1-Song lediglich sechs Mal abgespielt habe, denn ein Ohrwurm-bis-er-zum-Hals-raushängt-Hörer bin ich nicht. Meine Top-Interpreten sind:
Abriction hat heuer gewissermaßen Sadness abgelöst, wobei ich mir sicher war, dass ich Letztere trotzdem insgesamt öfter laufen gelassen hätte. Wundern tut mich auch, dass es Lustre und Mesarthim nicht auf die Liste geschafft haben, die ich dieses Jahr entdeckt und intensiv gehört habe. Der dritte Platz für Ramin Djawadi erklärt sich daraus, dass ich, nachdem die jeweiligen Serienstaffeln ausgestrahlt worden waren, die OSTs von "Fallout" und "House of the Dragon" gestreamt habe – jeweils nur einmal, aber die Alben beinhalten eben viele Tracks.
Weiters wurde mir diese wichtige Information nicht vorenthalten:
Tja, hm, da habe ich laut meinem Kalender regulär gearbeitet; offenbar brauchte ich an jenem Tag besonders viel Beschallung zur Konzentration/Ablenkung.
Im März hatte ich laut Spotify meine "atmospheric-fantasy-black-metal-Phase", im August war "light academia ballet classical" mein "Ding", während mein Oktober "im Zeichen von post-apocalyptic movie tunes soundtrack" stand. Na, wenn die das sagen.
Mittwoch, 24. Juli 2024
... und das Schlechteste von heute
Euer Nörgel-Opa (Generation Y)
Montag, 4. Dezember 2023
Musikstream-Bilanz 2023
Das sind gut 166 Stunden, fast eine Woche! Ich liebe Statistik. Allein deswegen ist Spotify dem Amazon-Service überlegen. Und was habe ich so gehört?
Hm, das wirkt so, als wäre ich genremäßig recht einseitig unterwegs, dabei bin ich geschmacklich viel breiter aufgestellt. Case in point: Unter "Basierend auf deinem Hörverlauf" werden mir so exotische Playlists wie "Ambient X Takeover", "bleeps ^ glitches" oder "Relaxing dogs mix" angeboten. Im Übrigen bin ich laut Jahresrückblick ein "Hypnotiseur": "Bei dir ist volle Konzentration angesagt. Du hörst Alben gerne komplett, vom ersten Song bis zum letzten Ton." Das stimmt wohl.
Freitag, 21. April 2023
Neues von der Musikstream-Front
Mein Prime-Music-Abo ist ausgelaufen, weil ich es nicht verlängert habe. Endlich bin ich erlöst! Schon kurz nach meinem letzten diesbezüglichen Update hatte ich mich gewagt, mit Spotify zu experimentieren, und was soll ich sagen? Die Browser-Version ist mehr als annehmbar. Ich suche einen Künstler, wähle ein Album aus, und dieses beginnt zu spielen, Song für Song, in der richtigen Reihenfolge. Ab und an ertönt zwischen zwei Titeln Werbung für Podcasts, die ich nicht mal für Geld hören würde, aber dann nehme ich halt für zwanzig Sekunden die Kopfhörer ab und atme tief durch. Die Auswahl steht der von Amazon Music in nichts nach; Veröffentlichungen, die ich bei dem einem Dienst nicht finden konnte, waren auch beim anderen nicht verfügbar. "Geherzte" Favoriten werden unter "Lieblingssongs" hinterlegt.
Negativ fiel bisher Folgendes auf. Es gibt eine "Warteschlange", auf die man später zu streamende Sachen setzen kann. Regelmäßig löscht sich diese Warteschlange jedoch von selbst. Die "Zuletzt gehört"-Liste führt nur Alben auf, nicht den zuletzt gehörten Titel. Das ist nicht dramatisch, weil ebenjener in der Regel bis zur nächsten Sitzung unten offen bleibt, sogar sekundengenau an der Stelle, wo man ihn gestoppt hat, falls man das getan haben sollte. Leider merkt sich die Anwendung diesen Status nicht immer. Mit der App bin ich komplett unzufrieden, denn die weist einen gravierenden Makel auf: Wenn ich ein Lied suche und finde, darf ich es mir nicht einfach so anhören! Stattdessen startet eine automatisch generierte Playlist mit Titeln, die dem gesuchten ähnlich sind. Der Wunschtitel scheint dann zwar dabei zu sein, die Chance ihn auf Anhieb zu erwischen ist indes gering, und man kann in der Gratisversion nur eine bestimmte Anzahl von Malen skippen, ich glaube, sechs mal pro Stunde. Eine weitere Einschränkung in der App besteht darin, dass Alben ausschließlich im Shuffle-Modus wiedergegeben werden. Bei Musik mag das noch angehen, Hörspiele lassen sich auf diese Weise natürlich nicht genießen. Damit stehe ich wieder bei null, denn mein Wechsel zu Spotify speiste sich ja hauptsächlich aus der Hoffnung, endlich wieder ganz normal "Die Drei Fragezeichen" hören zu können. Wohlgemerkt: Das war mir ja nicht mal vergönnt, als ich das kostenpflichtige Angebot von Amazon nutzte. Zahle ich 9,99 € pro Monat (oder 99 € im Jahr) an Spotify, gibt es nicht nur keinerlei Restriktionen, sondern angeblich auch höhere Tonqualität (die Reduktion in der freien Version dürfte nur Audiophilen auffallen) sowie diverse Komfort- und Individualisierungsoptionen. Ob mein simpler Wunsch, ein Gute-Nacht-Hörspiel zu hören, dieses kurz vorm Einsetzen des Schlafes zu pausieren und am nächsten Abend an exakt jener Stelle weiterzulauschen, von Spotify Premium erfüllt würde, kann ich nicht abschätzen. Wer garantiert mir das? Zur Zeit kriege ich öfter das Angebot "3 Monate Premium für € 0,00". Ich denke darüber nach.
PS: Wie wär's alternativ mal mit Radio? Und zwar nicht nur lokales, sondern eine beliebige Station irgendwo auf diesem Planeten? Die Seite "Radio Garden" sollte man unbedingt bookmarken!
Montag, 6. März 2023
Dem Rätsel auf den Fersen: Katzenjammer und säuische Klänge
In einem Monty-Python-Sketch führt ein exaltierter Musiker, dargestellt von Terry Jones, eine sog. mouse organ vor: 23 weiße Mäuse, nebeneinander gereiht und darauf trainiert, unterschiedlich hohe Töne von sich zu geben. Er schlägt mit zwei Holzhämmern auf die armen Nager ein und "spielt" so auf ihnen "The Bells of Saint Mary". Die Mäuseorgel ist freilich ebenso eine Nonsens-Schöpfung wie das aus lebenden Fellkugeln bestehende "Muppaphone" aus der Muppet-Show oder die in Herbert Rosendorfers Kurzgeschichte "Die Karriere des Florenzo Waldweibel-Hostelli" erwähnte "ormizellische Katzenorgel (zweiundsiebzig angebundene Katzen, nach Stimm- oder besser Miau-Höhen geordnet und in eine Klaviatur gespannt, in der die Katzen je nach Tastendruck mit einer Nadel in den Schwanz gestochen wurden, womit man verschiedene Töne ... hervorrufen konnte)".
Oder doch nicht? Haben animalische Instrumente wie das "Cat Piano" – zuletzt Thema eines gleichnamigen australischen Animationskurzfilms von 2009 – reale Vorbilder in der Geschichte? In seinen Merkwürdigen Beyträgen zu dem Weltlauf der Gelehrten von 1765 behauptet Georg Heinrich Büchner, Zar Peter der Große habe ihn 1716 mit dem Bau einer Katzenorgel beauftragt, nachdem in heiterer Runde auf Athanasius Kircher zu sprechen gekommen war. Jener Universalgelehrte des 17. Jahrhunderts habe nämlich die Idee zu einer "Katzenmusic" als erster gehabt. Sie sollte, auf ähnliche Weise wie bei Rosendorfer beschrieben, erzeugt werden, indem sieben oder vierzehn Tiere in einen Kasten gesetzt und mit den Claves verbunden werden, deren "spitzige Stacheln" die Katzen am Schwanz "kützeln" und sie so zum Tönen bringen.
Die praktische Umsetzung stellte Büchner vor etliche Hürden. So veränderten die Kater in der Nähe von Weibchen "ihre Stimme wohl zehenmal", waren mithin nicht auf eine Note festzulegen. Manche Exemplare ließen sich nicht bändigen, befreiten sich aus der Apparatur, so dass das Zusammenstellen des Ensembles Kosten und Geduld verschlang. Bei denjenigen, die festgehalten werden konnten, zeigte sich, dass "die Schwänze dieser Thiere von dem scharfen Einklemmen nach und nach taub" wurden: "Einige sprachen an, andere aber blieben stumm, und verderbten die ganze Capelle". All die Mühe und Quälerei war umsonst, "das Geheule unter einander war so fürchterlich, und zugleich lächerlich, daß es mit keiner Feder zu beschreiben."
So glaubhaft Büchners Ausschmückungen seiner Konstruktionsversuche wirken, verlässliche Zweitquellen dafür finden sich nicht. Führte der Autor seine Leserschaft hinters Licht? War seine Fantasie womöglich von einer älteren Legende beflügelt worden? Ein anderer Monarch, Frankreichs König Ludwig XVI. (1461 bis 1483), soll nämlich einen musikalisch begabten namenlosen "Bargiensischen Abt" im Scherz gebeten haben, "er solte ihm einmahl auch eine Schwein-Music praesentiren" – was dieser auch tat, mit dem Ergebnis eines "grossen Gelächters über die wunderliche Harmonie". So steht es in der Historischen Beschreibung der edelen Sing- und Kling-Kunst des Komponisten Wolfgang Printz von 1690. Der zugrunde liegende Mechanismus dieser "Schweineorgel" – bei Tastendruck fährt ein Stachel in den Schwanz des Tieres – ist der gleiche wie bei Kirchers Katzenversion. Von einer solchen, in Rom mit dem Ziel, einen Gemütskranken aufzuheitern, gefertigten, berichtet Printz ebenfalls; sie sei offenbar nach dem Vorbild der Schweineorgel entstanden.
Das satirische amerikanische Quickstepp-Stück "La Piganino" griff das Motiv der Schweineorgel 1867 wieder auf. Zeitgenössische Karikaturen wie das "Swineway" auf dem "Piganino"-Deckblatt oder von angeblichen Katzenpianos hielten die Vorstellung von Tierinstrumenten im Bewusstsein. Außerhalb der Fiktion dürfte so eine Gerätschaft nie über einen Prototypen hinausgegangen sein. Das zumindest kann man allein aus tierethischen Erwägungen nur hoffen.
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Anm.: Wer sich bei Inhalt, Aufbau und Überschrift dieses Beitrags an eine Rubrik der Süddeutschen Zeitung erinnert fühlt, braucht das nicht auf eine Zufallsdoppelung zu schieben. Als Fan der Wochenend-SZ hatte ich schon seit langem den Traum gehabt, mich einmal an der Reihe "Dem Geheimnis auf der Spur" zu beteiligen, und schickte der Redaktion im Februar zwei Artikel über recht unverbrauchte Mysterys zur freien Verwendung. Wie ich hätte ahnen können, ließen sich die Damen und Herren in München nicht mal zu einer Ablehnungs-Mail herab. Damit meine Recherchen nicht umsonst waren, erscheint der erste Text jetzt hier. (Folge 2 kommt demnächst, und eine Fortsetzung ist nicht ausgeschlossen, denn ich habe noch weitere "Rätsel" in petto.)
Dienstag, 10. Januar 2023
Prime Evil oder: Die Musik(-App) des Teufels
Ich habe im Mai 2019 meinen Unmut über Amazon Music und speziell die dazugehörige App in Worte gehüllt. Seitdem ist dieser Musikdienst nicht etwa bedienungsfreundlicher oder weniger störrisch geworden, sondern im Gegenteil noch schlechter. Ich möchte die Mangelhaftigkeit an einem Beispiel konkretisieren.
Abends im Bett höre ich eine Folge der "Drei Fragezeichen". Irgendwann werde ich müde und pausiere die Wiedergabe. Wäre es nun nicht angenehm, könnte ich das Stück am folgenden Abend genau an der Stelle, wo ich aufgehört habe, fortsetzen, so wie es etwa mit der hervorragenden Google-Podcast-App möglich ist? Nein, das geht nicht. Öffne ich die Amazon-Music-App das nächste Mal, lande ich auf der Startseite. Nun navigiere ich zu "Zuletzt" > "Song-Verlauf" und sehe immerhin, bis zu welchem Track ich gekommen bin. Ich kann jedoch – wie ich bereits 2019 monierte – nicht einfach auf diesen Track tippen, um das Hörspiel weiter zu hören, no siree! Tu ich dies, wird die Liste der zuletzt gehörten Titel irrsinnigerweise rückwärts abgespielt. Ich muss also das entsprechende Album öffnen und darin den gewünschten Titel starten. Aber erst einmal finden:
Wie man sieht, tragen die Kapitel des Hörspiels (wie auch Songs allgemein) in der Verlaufsansicht keine Nummern im Namen und sind auch sonst nicht anhand ihres Titels zu unterscheiden bzw. zu identifizieren. Den zuletzt gehörten Track muss ich somit erst öffnen, seinen vollständigen Namen im Schneckentempo unten vorbeiziehen lassen, diesen memorieren und dann im Album ausfindig machen. Doch so einfach ist das nicht. Wähle ich im Dreipunkt-Menü "Album anzeigen", passiert ... nix:
Workaround: Das Album über die Suche finden bzw. über "Finden" suchen (Lupensymbol) und öffnen. Hier von "umständlich" zu sprechen, wäre untertrieben, die App ist nach meinem Dafürhalten unbenutzbar. Eventuell könnte ich damit leben, wenn Amazon Music als Musikplattform an sich unübertrefflich wäre. Ist sie das? Schauen wir mal.
Die Empfehlungen sind, wie ich beim letzten Mal recht derb formulierte, "stets für den Arsch", Amazons "Erinnerung" scheint nicht weiter als zwei Hör-Sessions zurückzureichen. Habe ich ausnahmsweise Lust auf schottische Traditionals und lausche mal eine Stunde lang einer zufälligen Playlist, kann ich mir sicher sein, dass meine "Das könnte dir gefallen"-Leiste morgen ausschließlich aus Highland-Hymnen und Dudelsack-Compilations besteht. Und was mir auf ewig verschlossen bleiben wird: Wieso kriegen die es nicht hin, einem Interpreten eine eindeutige ID zuzuweisen? Eine meiner meistgehörten Bands ist Sadness, und auf deren Künstlerseite tauchen nach wie vor Alben von ehemaligen oder noch existierenden Projekten gleichen Namens auf, die keinen Depressive Black Metal / Blackgaze / Post Rock machen, grrr. Ein anderes Beispiel von etlichen ist das doppelte Rome, das sowohl für ein Neofolk-Projekt als auch einen RnB-Sänger steht (kurioserweise steckt hinter beidem ein Frontmann namens Jérôme/Jerome).
Noch schlimmer dran als ich sind alle, die nicht den "Unlimited"-Service abonniert haben. Wie PC Games Hardware im Dezember 2022 schreibt, hat ein größeres Update "vor ein paar Wochen" dafür gesorgt, dass, wer "Prime Music ohne Zusatzkosten nutzen möchte, [...] einzelne Musikstücke nicht mehr gezielt wiedergeben [kann]. Stattdessen gibt es nur noch einen Shuffle-Modus, der zufällig Songs abspielt. Darüber hinaus beschränkt Amazon die Wiedergabezeit zusätzlich auf maximal eine Stunde. Titel lassen sich auch nicht beliebig überspringen - damit sind Playlists fast witzlos." Und: "Ein Blick in die Android-Bewertungen zeigt, dass die App offenbar zusätzlich unter Performance-Problemen leidet, was einen Nutzer zu der Aussage verleitet, Amazon Music sei die schlechteste Musik-App überhaupt." Das heißt, die von mir geschilderten Mängel wären bloß der Tropfen auf den heißen Stein, wenn ich kein Unlimited-Abo hätte. Welches ich nun zu beenden beabsichtige. Erst im April darf ich meine Mitgliedschaft kündigen, denn ich hatte mich einst für die jährliche Zahlung (von immerhin 89 Euro!) entschieden. Bis dahin werde ich ersatzweise Spotify auf die Probe stellen. Sollte dort eine vergleichbar große Auswahl ("Die Drei Fragezeichen" sind mir am wichtigsten) sowie ein gewisser Komfort bestehen, wäre mir die werbefreie Nutzung sogar die stattliche Jahresgebühr von 99 Euro wert.
Dienstag, 15. November 2022
Theseus' Band
Diese Woche treten The Cure in der Frankfurter Festhalle auf. Als ich die Ankündigungstafel zum ersten Mal sah, dachte ich: Wer von der Originalbesetzung wohl noch an Bord ist? Dabei hätte man auch ohne musikhistorische Spezialkenntnisse wissen können, dass Gründungsmitglied Robert Smith nach wie vor den Frontmann gibt. Die anderen sind aber alle mehr oder weniger neu. Simon Gallup, der 2021 seinen Austritt verkündet hatte, die Erklärung wenig später zurücknahm und jetzt wieder mittourt, kann zwar auch als Urgestein gelten, ist aber erst vor der Aufnahme des zweiten Cure-Albums hinzugestoßen, um den ursprünglichen Bassisten Michael Dempsey zu ersetzen.
Es blieb nicht aus, dass sich in der über 40-jährigen Bandgeschichte immer wieder Erneuerungen und Änderungen ergaben, aber sieht man sich die Aufstellungs-Timeline an, erkennt man doch eine gewisse Stabilität. Ob es wohl Formationen gibt oder gab, die im Laufe ihres Bestehens komplett ersetzt wurden? Diese Frage kam neulich zufällig im Something-Awful-Forum auf, und selbstverständlich hatte jemand ein Beispiel parat:
The Band of Theseus
Sugababes1998: Siobhán Donaghy, Mutya Buena and Keisha Buchanan
2001: Mutya Buena, Keisha Buchanan and Heidi Range
2006: Keisha Buchanan, Heidi Range and Amelle Berrabah
2009: Heidi Range, Amelle Berrabah and Jade Ewens (no original members remain)
2011: Sugababes dissolves (presumably in tea)2012: Siobhán Donaghy, Mutya Buena and Keisha Buchanan form "Mutya Keisha Siobhan"
2019: MKS rename as Sugababes
Wow, einmal ausgetauscht und dann rebootet! Und jetzt kommt's: Ich habe MKS 2013 ungeplant live gesehen, bei einer Open-Air-Silvestergala in Dublin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie da (auch) als "Sugababes" angekündigt wurden. Andernfalls hätte ich, wie vermutlich viele andere, zumindest nicht-irische, Anwesende, gar nicht gewusst, mit wem wir es da zu tun hatten.
Jetzt suche ich jedenfalls nach weiteren "Bands of Theseus". The Sweet kamen mir gerade in den Sinn, und damit lag ich nicht verkehrt. Zwar wird Gitarrist Andy Scott als "letztes lebendes Gründungsmitglied" gehandelt, aber streng genommen war er ein "Nachrücker": Frank Torpey zählte zur Urbesetzung, stieg aber bereits nach dem Release der Debut-Single 1968 aus, worauf Mick Stewart bis 1970 an der Gitarre stand. Erst dann kam Scott. Wer kennt mehr Fälle?
Mittwoch, 24. August 2022
Skogens Dyp
Als dann auch noch meinem MP3-Player der Saft ausging, konnte ich nicht mal mehr mit "Overthinking It" & Co. meine aufsteigende Panik in Zaum halten. Den Akku meines Smartphones wollte ich schonen, zumal ich ohnehin nichts hätte streamen können, da in dem ganzen Gebiet kein Mobilnetz verfügbar ist. Auf Google Maps war ich ein winziger Punkt im Nirgendwo. Es lässt sich nicht mehr rekonstruieren, wie ich es schließlich nach Münchhausen schaffte. Dort hatte ich jedenfalls wieder genug Internet, um die Abfahrtszeit der nächsten (letzten?) Regionalbahn zu ermitteln: Sie war sehr nah! Wie mit dem Beelzebub im Nacken sprintete ich zum Bahnhof. Ein alter Herr rief mir entgegen: "Naa, immä mit dä Ruh, nur net hetze!" Hechelnd saß ich kurz darauf in einem wärmenden Zug und fuhr durch klirrende, pechschwarze Winterlandschaften nach Frankfurt zurück.
Montag, 16. Mai 2022
Noch ein "Lied", das wir sangen
Mein Schulfreund C. schickte mir via Telegram eine Audioaufnahme der "Backfuge" und fragte: "Kennste das noch?" Und ob ich das noch kenne! Nur hatte ich es erfolgreich verdrängt und darum nicht meiner fortlaufenden, meinem sich zunehmend verdüsternden Schulerfahrungs-Gedächtnis abgerungenen Aufzählung von Liedern, die wir im Musikunterricht gesungen haben, hinzugefügt. Die Backfuge (Bachfuge – nach einem Vierteljahrhundert fällt mir das Wortspiel auf!) ist weniger ein Lied im engeren Sinne als eine Art Abzählreim oder Klatsch-Übung, mit der das Rhythmusgefühl geschärft werden soll.
Das Kochbuch rät:So geht es noch eine Weile weiter. Von allen Stücken, die unsere Lehrerin uns (bis zum Umfallen!) zu performen gezwungen hat, war dies das allerbehämmertste, noch vor "Miau, miau" und dem "Rollmops". Boah, bin ich jetzt zornig.
Nimmt man Birnen, Zwetschgen, Pflaumen, schmeckt dies gut für jeden Gaumen.
Zweieinhalb Pfund Mehl.
Drei Eier, drei Eier und zwei Äpfelchen.
Rühren, schlagen, kneten, wellen und dann einen Wecker stellen.
Ab in die Glut! So ist es gut! Ab in die Glut! So ist es gut!
Rühren, schlagen, rühren, rühren, rühren.
Schmeckt dies gut, schmeckt dies gut? Schmeckt dies? Dies schmeckt!
Zuvor in diesem Blog:
Lieder, die wir sangen
Maximo Lieder (?)
Cuatro canciones
Montag, 14. März 2022
Volks(lied)zählung
Ich weiß nicht mehr, wie genau, aber im Zuge meiner Recherchen zum letzten Beitrag über novelty songs & Co. bin ich auf eine so sinnvolle wie inspirierende Liste gestoßen: den Roud Folk Song Index. Dieser von dem 1949 geborenen britischen Bibliothekar Steve Roud angelegte Katalog listet 25.000 Folksongs, Traditionals, Wiegenlieder und sonstige mündlich überlieferte Volksweisen aus dem englischen Sprachraum auf. In (umfangreichen) Auszügen ist der Index auf Wikipedia einsehbar. Wenn einem mal langweilig ist, kann man sich ein beliebiges Lied herausgreifen und auf YouTube danach suchen: In der Regel gibt es von jedem Titel mehrere Interpretationen zum Anhören.
Perfekt durchdacht wie das Dewey-Dezimalsystem o.ä. ist der Index nicht. Die Zuordnung der Roud-Nummern erfolgt mehr oder weniger willkürlich, als grobe Regel kann laut Wikipedia lediglich gelten, dass in den niedrigzahligeren Bereichen die bekanntesten Evergreens auftauchen, während obskurere Schlager recht hohe Indexnummern haben. Aber was heißt für unsereins schon "bekannt"? Ich musste ziemlich weit scrollen, um auf ein mir vertrautes Lied zu stoßen. Vielleicht sollte man eh erst einmal die Untiefen des deutschen Volksliedschatzes vollständig ausloten. Ich kann mich, wie mehrfach gezeigt, nicht über mangelnde schulische Vermittlung traditionellen Liedgutes diverser Kulturkreise beschweren, doch wer weiß, welch herrliche Stimmungshits und Balladen mir bisher verborgen geblieben sind? Ein Analogon des Roud Index für den deutschsprachigen Raum wäre mehr als nützlich. Als ich vor einiger Zeit das Marbacher Literaturarchiv besuchte, lag dort ein alter Wälzer herum, in dem Unmengen von Volksliedern mit Text und Noten gesammelt waren. Leider vergaß ich seinen Titel und konnte ihn auch später in einschlägigen Online-Antiquariaten nicht mehr aufstöbern.* Nun erfahre ich jedoch zu meiner Freude von der Essen Folk Song Collection, welche neben u.a. fast 2000 Liedern aus China mehr als 5000 deutsche Volkslieder beinhaltet. Es handelt sich um eine durchsuchbare Datenbank, bei der allerdings die Option einer alphabetischen oder sonstwie geordneten Auflistung aller Einträge leider fehlt, auch die vollständigen Lyrics sind nicht eingetragen, wohl aber sind die Melodien als Midi-Dateien herunterladbar. Für Hinweise auf den Marbacher Trumm wäre ich nach wie vor dankbar.
* Immerhin ein etwas abseitiges Kleinod ergatterte ich bei meiner Suche: ein goldbeschnittenes Bändchen von 1879 mit Volksliedern und Gedichten des "weltvergeßnen Dichters" (so der Herausgeber) Gottlieb Jakob Kuhn aus der Schweiz, das neben 36 Texten auch ein lehrreiches schweizerdeutsch-hochdeutsches Glossar enthält.
Mittwoch, 9. März 2022
Durchs musikhistorische Kaninchenloch
Samstag, 19. Februar 2022
Wie rot sind Deine Blätter
Bei "Jeopardy!" wurde neulich nach einem "colorful banner" als 150 Jahre altem Symbol des Sozialismus und Kommunismus gefragt, das zugleich der Titel eines Liedes sei, welches nach der Melodie von "O Tannenbaum" gesungen werde. Nun, die Antwort konnte ja nur "What is the red flag?" sein, aber von einem so betitelten Lied hatte ich noch nie gehört! Das muss ich bei meiner damaligen Recherche zum State Song von Maryland übersehen haben: "The Red Flag" ist nicht nur die Hymne der britischen und der nordirischen Labour Party, sondern auch die der Social Democratic and Labour Party Irlands. Tatsächlich war es ein Ire namens Jim Connell, der 1889 die sechs Strophen plus Refrain schrieb, wobei er sie sich zunächst zu der Melodie von "The White Cockade" gesungen vorstellte. Diese "Ur"-Version der "Red Flag" hat dann schließlich 1990 kein Geringerer als Billy Bragg eingespielt; man kann sie auf YouTube finden, interessanterweise hebt sie mit den ersten 15 Noten von "O Tannenbaum" an. Weder das Wort cockade noch die deutsche Entsprechung Kokarde kannte ich bis eben ("rosettenförmiges oder rundes Hoheitszeichen in den Landes- oder Stadtfarben an Kopfbedeckungen von Uniformen oder an Militärflugzeugen"; Duden).
Witzig ist auf jeden Fall, dass neben dem Rot der Fahne und dem Grün des Tannenbaums mit dem Weiß der Kokarde eine dritte Farbe ins Spiel der optisch-musikalischen Codierungen tritt. Und wie breit gefächert die Emotionen und ideologischen Assoziationen sind, die durch das Tannenbaum-Volkslied, dessen Wurzeln ins 16. Jahrhundert reichen, ausgelöst werden! Während sich bei mir als Deutschem unweigerlich Weihnachtsgefühle einstellen, sobald ich die Melodie höre, mag sich ein englischer Arbeiter vom alten Schlage in die Ära der Anti-Thatcher-Proteste zurückversetzt fühlen – oder ins Fußballstadion, denn nicht nur die offizielle Hymne von Manchester United, "We'll Never Die", wird zur Melodie von "O Tannenbaum" intoniert, auch für Chelsea, den Bristol City F.C. und andere Mannschaften haben britische Fans eigene Abwandlungen etabliert. Herauszustellen ist hier der Northampton Town F.C., dessen Version "The Fields are Green" das Farbspektrum abermals erweitert: "The fields are green / the sky is blue / the River Nene goes winding through".
Im House of Commons wurde "The Red Flag" zuletzt 2019 als Bekundung des Protests gegen den Versuch Boris Johnsons, eine Zwangspause des Parlaments herbeizuführen ("Prorogation"), angestimmt. Der Song ist also immer noch und immer wieder aktuell. In japanischer respektive koreanischer Übersetzung dient er zudem der JCP/KPJ (Kommunistische Partei Japans) und der Koreanischen (i.e. Nordkoreanischen) Volksarmee als Identifikationssymbol. In Südkorea kann das Absingen der "Roten Fahne" in der Landessprache seit einem Gerichtsentscheid von 2014 als Gefährdung der nationalen Sicherheit gewertet werden, entnehme ich zumindest einer maschinenübersetzten Nachrichtenmeldung.
Auf all die sonstigen Neudichtungen und Parodien, seien es solche aus linken Kreisen, seien es als Aneignung durch Lib-Dems entstandene, soll nicht eingegangen werden. Erwähnen, auch um nochmals den Bogen zu der übermäßig patriotischen Maryland-Hymne zu schlagen, möchte ich aber noch, dass "O Tannenbaum" auch die melodische Grundlage für die "Ode to Labrador" darstellt, welche bereits seit 1927 ein Selbstverständnis- und Eigenständigkeitsfaktor der Region ist, der seit 2001 durch den Namen der kanadischen Provinz (Neufundland und Labrador, vorher: Neufundland) unterstrichen wird.
Dienstag, 11. Januar 2022
Word of the week
Gestern lauschte ich vorm Einschlafen noch dem von mir sehr geschätzten Podcast "That Week in SNL" und lernte darin ein Wort kennen, mit dem ich nichts anzufangen wusste. Einer der Moderatoren wies darauf hin, dass in einem Sketch library music verwendet worden sei, und bekannte, eine Vorliebe für diese Art von Musik zu haben, seit deren Verwendung ihm erstmals in der "Ren and Stimpy Show" aufgefallen sei. Ich tippte noch geistesgegenwärtig "library music" in das Suchfeld der Wikipedia-App ein, bevor mir die Augen zufielen.
Heute öffnete ich den dazugehörigen Artikel und möchte die Definition dieser Musik-"Gattung" mit euch teilen. Es handelt sich keineswegs um Musik, die man in Bibliotheken zu hören bekommt, sondern – die Synonyme production music oder stock music mögen auf die korrekte Fährte führen – um Musik, die in Filmen und TV-Serien, aber auch in nicht-visuellen Medien eingesetzt, jedoch nicht eigens dafür komponiert und eingespielt wird, sondern von darauf spezialisierten Musik-Archiven, eben libraries, bezogen wird. Bibliotheken dieser Art, deren erste 1927 ihr Geschäft aufnahm, halten die Rechte an den Stücken zu 100 %, die Lizenzgebühren sind einigermaßen günstig, und die Urheber haben ihre Werke auf "work for hire"-Basis, also als Vertragsarbeit, geschaffen, weswegen sie in der Regel namentlich unbekannt bleiben (möchten).
All das und mehr steht alles in dem englischsprachigen Wiki-Artikel (hier der deutsche), der übrigens auch "Ren & Stimpy" erwähnt, außerdem auf das Modell der royal-free libraries eingeht und en passant auf das Phänomen "crate digging" verweist.
Dienstag, 28. September 2021
Cuatro canciones
Mir sind vier weitere Lieder eingefallen, die wir in der Schule gesungen haben! Im Musikunterricht kamen dran: "As Tears Go By" von den Stones, "A Groovy Kind of Love" von Phil Collins sowie "Moon River". Aus "Relli" ist mir außerdem noch "Der Baum des Lebens" erinnerlich.
Tut mir leid, dass sich die Entropie dieses Beitrags in Grenzen hält; möge er wenigstens die Leserschaft dazu ermuntern, die Lyrics der genannten Songs zu suchen und sie nachzusingen.
Montag, 17. Mai 2021
Maximo Lieder (?)
Seit ich den Beitrag "Lieder, die wir sangen" veröffentlich habe, bin ich gedanklich immer wieder in die Schulzeit zurückgegangen, um mir weitere Lieder, die wir sangen, in Erinnerung zu rufen.
Im Musikunterricht kamen auf jeden Fall noch dran: "Bella Ciao", "Freude schöner Götterfunken", der "Banana Boat Song" von Harry Belafonte, "Kookaburra Sits in the Old Gum Tree", "Der alte Schulhof", "Eternal Flame", "Summer Nights" aus "Grease" sowie – das muss spätestens in der 6. Klasse gewesen sein – "Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn" und "Auf der Mauer, auf der Lauer". Gut möglich zudem, dass wir in dem Jahr, in dem wir Musicals behandelten, noch mehr Musical-Hits gesungen haben. Ich habe übrigens bisher unterschlagen, dass zusätzlich irgendwann in der Sekundarstufe II fast jeder und jede Schüler/in individuell ein Lied einstudiert hat. Für eine Gesangskontrolle durften wir uns einen Song, egal welcher Richtung und aus welcher Ära, aussuchen, den wir allein oder zu zweit vor der Klasse interpretieren mussten. Zusammen mit einem Klassenkamerad entschied ich mich für "Arschgesicht" von Udo Lindenberg; in die engere Auswahl war außerdem "Hallo DDR" gekommen. Das taten wir dann "zum Vortrage bringen", wie es in "Sonderzug nach Pankow" heißt (Haben wir das nicht auch gesungen? Und "Ein Herz kann man nicht reparier'n" auch?), und zwar mit täuschend echt parodierten Lindenberg-Stimmen! Objektiv war das eine mehr komödiantische denn musikalisch anspruchsvolle Performance, die unsere Musiklehrerin nur auf Druck der vor Begeisterung johlenden Klasse mit 15 Punkten bewertete.
Dann wird's nebulös. Bei einer ziemlich wilden Swing-Nummer, die sehr oft in Klasse 10 oder 11 drankam, kann ich nicht mit einem Titel dienen, nur mit einer Zeile: "Rollmops, schubi-duda-Diana". So ging das darin, immer wieder, aber Google spuckt keine Treffer aus, in welcher Form ich diese "Wörter" auch eingebe. Wer kann helfen?
Rätsel zu lösen gibt es noch hinsichtlich einiger Erinnerungen an den Fremdsprachenunterricht. Für Französisch seien ergänzt "Alouette" sowie "La Liberté" von Patricia Kaas. Wir sangen aber auch einen Chanson, in dem es um Karl den Großen ging. Nein, ich meine nicht den herrlichen France-Gall-Hit "Sacré Charlemagne". Es war eine ruhige Ballade, und "Charlemagne" kam im Refrain vor, der eine entfernte melodische Ähnlichkeit mit der Stelle "Who Wants to Live Forever" in Queens "Who Wants to Live Forever" hatte. Ich kann beim besten Willen nichts dergleichen im Internet finden. Auch im Spanischunterricht wurde viel geträllert: nicht nur der von mir beim letzten Mal unterschlagene Gute-Laune-Folksong "De Colores", sondern auch Weihnachtslieder. Auch diesbezüglich gibt es Unklarheiten. Ich bin mir zu 99 % sicher, dass die spanische Version von "O Tannenbaum" nicht "Oh árbol de Navidad" hieß, wie man sie überall im Netz findet, sondern dass sie – metrisch viel sinnvoller – "Oh árbol fiel de Navidad" hieß ("treuer Weihnachtsbaum"). Auch "unser" Text von "Noche de paz, noche de amor" ("Stille Nacht, heilige Nacht") ging anders als der angeblich offizielle! Dabei werde ich nie vergessen, dass in der Fassung, die wir beigebracht bekamen, das Wort alrededor vorkam, bei dessen Aussprache wir uns sehr schwer taten. Was ist hier los? Mandela-Effekt? Nun, es kann sein, dass unsere Spanischlehrerin die Übersetzungen selbst angefertigt hat, das wäre ihr auf jeden Fall zuzutrauen gewesen. Was es mit dem Charlemagne-Lied auf sich hat, wüsste ich dennoch gern. Sonst drehe ich durch.



















