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Montag, 13. Juli 2026

Abt. Gute Ortsnamen

Dass US-amerikanische Gemeinden von heute auf morgen und nach Lust und Laune ihren Namen ändern dürfen, erfuhr ich aus einem Abschnitt über Ortsnamenwechsel in Ken Jennings' Geographieschmöker "Maphead". Sicher, ein paar Hürden mag es für solche gravierenden Schritte geben, doch scheinen diese niedriger zu liegen als etwa in Deutschland. Zum Beispiel können die Einwohner einer Stadt darüber abstimmen, so geschehen im Bundesstaat New Mexico:

Ursprünglich hieß die Stadt Hot Springs. Am 31. März 1950 beschlossen die Bürger der Stadt mit 1294 zu 295 Stimmen sie nach der Quizshow Truth or Consequences von Ralph Edwards umzubenennen. Edwards hatte versprochen, die Rundfunksendung in der Stadt zu produzieren, die als erste den Namen der Show annimmt. Heute wird ihr Name von der Bevölkerung New Mexicos meist zu T or C abgekürzt. (Quelle: Wikipedia)

Könntet ihr euch vorstellen, in "Gefragt, gejagt (Bayern)" oder "Familienduell (Mecklenburg-Vorpommern)" zu leben? Nun, immerhin hatten wir kurzzeitig Swiftkirchen. Im Übrigen wollen wir das Fass Halfway, Oregon (Amerikas erste "Dot-Com-City") genau so ungeöffnet lassen wie Kiefer Sutherlands Neo-Noir-Thriller "Truth or Consequences, N.M.", in dem der nach 1950 beobachtet Umbenennungseffekt offenbar behandelt wird.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Throwback Thursday: WWW

Von 1996 bis 2004 (die genaue Zeitspanne musste ich recherchieren) lief auf Sat.1 eine Sendung namens "WWW – Die Witzigsten Werbespots der Welt". Darin wurden, wie der Titel suggeriert, witzige Werbespots aus aller Welt gezeigt. Zusammengehalten wurde diese Clipshow, deren Intro ab ca. 1999 seltsamerweise mit dem Hook des Bloodhound-Gang-Hits "The Bad Touch" unterlegt wurde, durch Zwischen-"Moderationen", die darin bestanden, dass Fritz Egner den Inhalt des jeweils zuletzt gesehenen Spots nacherzählte.

Irgendwann um die Jahrtausendwende herum gab es eine Spezialausgabe der ebenfalls bei Sat.1. beheimateten Nachrichten-Comedy "Die Wochenshow", in der die besten Werbeparodien daraus gezeigt wurden. Dieses Special war als eindeutiger Seitenhieb auf Fritz Egners Sendung konzipiert; Bastian Pastewka persiflierte den Moderator und ahmte insbesondere dessen Überleitungen, die wie gesagt nichts als unbeholfene, absolut überflüssige Zusammenfassungen der Werbefilmchen waren, erschreckend realistisch nach. Diese Egner-Parodie halte ich noch heute für das Lustigste, was Bastian Pastewka je gemacht hat (und er hat viel Lustiges gemacht), übertroffen nur von seiner Ottfried-Fischer-impression.

Waaaaaruuuummmmm gibt es diese Art von Humor heute nicht mehr im deutschen Fernsehen? Oder überhaupt irgendetwas, das mir wenigstens ein mildes Schmunzeln abtrotzt?

Mittwoch, 11. März 2026

Poirots schwerster Fall: Das Rätsel um "Poirot"

Schaltet man zu einer beliebigen Uhrzeit einen ARD- oder ZDF-Spartenkanal ein, deren Zahl übrigens zum Ende des Jahres von sechs auf drei reduziert werden soll – aus One und ZDF Neo wird "Neo", Tagesschau24 geht in Phoenix über, während ARD Alpha und ZDF Info zu "Info" gebündelt werden –, zappt man also zu einem dieser Sender, zumindest Neo oder One, dann steht die gefühlte Wahrscheinlichkeit bei 80 Prozent, dass gerade "Agatha Christie's Poirot" läuft. Wirklich, wann immer ich dort hängen bleibe, wird diese Krimiserie entweder angekündigt oder ausgestrahlt.

Aktiv reingeschaut habe ich in die Reihe noch nie (obwohl ich Agatha Christie nicht abgeneigt bin und sogar schon einige Poirot-Spielfilme gesehen habe). Heute fragte ich mich aus heiterem Himmel, wie lange "Poirot" wohl schon läuft, und woah, bin ich da, wie junge Leute im Internet ständig sagen, in ein Kaninchenloch gestolpert! Die Geschichte von "Poirot" in Deutschland ist nämlich, wie junge Leute im Internet ständig sagen, ein wahrer Fiebertraum.

Dabei fing alles ganz geordnet und unauffällig an: Die Pilotstaffel kam etwas über ein Jahr nach der UK-Premiere, wenn auch mit einer mehrmonatigen Unterbrechung, ins deutsche Fernsehen – und zwar ins ostdeutsche! Tatsächlich wurde im Abspann der zehn bis 16. Oktober 1990 (!) auf DFF 2 ausgestrahlten Episoden "noch der Vorgänger 'Fernsehen der DDR' als Auftraggeber der Synchronfassung genannt" (Wikipedia).

Es vergingen gut drei Jahre, bis Staffel 2, die im Vereinigten Königreich im Januar 1990 das Licht der Welt erblickt hatte, ein Zuhause im (nun vereinigten) Deutschland fand: auf dem recht neuen Sender Vox, auf welchem anschließend auch die nächsten beiden Staffeln liefen. Und ab hier wird's chaotisch! Die Ausstrahlungsreihenfolge der insgesamt 14 Episoden von Staffel 3 und 4 war wie folgt: 3.02, 4.02, 4.03, 3.04, 4.01, 3.03, 3.01 und 3.05 bis 3.10 chronologisch. Anzumerken ist, dass es neben den Folgen mit 50 Minuten Dauer gelegentlich solche mit 100 Minuten Länge gibt; Season 4 besteht ausschließlich aus solchen Feature-Length-Filmen.

Ab Anfang 1993 zeigte ITV die acht Episoden der fünften Staffel. Und wann wurden diese dem deutschen Publikum präsentiert? Ende 2018! Zu verdanken hatten die Fans das dem jungen und nun bald toten Sender One, wobei es immerhin 2009 die Möglichkeit gegeben hatte, Staffel 5 auf DVD zu erwerben. Womit wir bei einem weiteren Irrsinnsaspekt sind. Noch vor Erscheinen des Season-5-DVD-Sets, nämlich 2008, kam Staffel 9 als DVD auf den Markt, die wiederum weit vor Staffel 5 im Fernsehen gezeigt worden war: Weihnachten 2005 im NDR – mit Ausnahme von Folge 9.02, die auf nämlichem DVD-Release unsynchronisiert (OmU) vorlag und im TV erst im Februar 2018 "nachgereicht" wurde. Von 2010 bis 2014 kamen, in korrekter Reihenfolge, die Staffeln 6 bis 13 auf DVD in den Handel (zwischendurch erschien auch die mysteriöse Folge 9.02 endlich in deutscher Sprachfassung auf Silberling), 2018 wurde die komplette Serie als 45-Disc-Boxset herausgebracht.

Zurück ins lineare Fernseh. Staffel 6, deren Ausstrahlung sich auch im Mutterland über einen ungewöhnlich langen Zeitraum erstreckt hatte (vier Filme zwischen Januar 1995 und März 1997), wurde auf One gesendet, abermals mit einer Ausnahme: "Hercule Poirots Weihnachten" (6.01) wurde "schon" am 27. Dezember 2017 gezeigt; der Rest lief ab Januar 2019, zwischendurch wurden die (Mini-)Staffeln 7 und 8 ausgestrahlt.

Die Staffeln 10, 11, 12 und 13 wurden den hiesigen Zuschauern in einem Rutsch vorgesetzt, von Februar bis Mai 2016, mithin teils mit zehnjähriger Verspätung, wobei die Folgen der 10. Staffel in der Reihenfolge 10.02, 10.03, 10.01, 10.04 über den Äther flimmerten. "Äther" ist allerdings der falsche Ausdruck, denn sehen konnte man jene Staffeln zunächst exklusiv auf dem Bezahlsender Sony Entertainment Television, dem späteren Sony Channel, der seit 2023 AXN White heißt. Die Free-TV-Premiere der Staffeln 10 bis 13 erfolgte jeweils ziemlich genau zwei Jahre später, erneut auf One. Tja, und heute? Ist wohl nach wie vor One zuständig, ein Kanal, der ohnehin einen Schwerpunkt auf europäische Dramaformate setzt – allein heute laufen dort von abends bis spät in die Nacht hinein englische Krimis; und nicht zuletzt war One eine Zeitlang das "Home for Whovians". Jedenfalls habe ich mir wohl nur eingebildet, dass "Agatha Christie's Poirot" zusätzlich und ständig auf Neo oder anderen öffentlich-rechtlichen Outlets wiederholt würde. Gut, dass nun Klarheit herrscht.

Was für eine Historie! Und was für eine Ochsentour für Poirot-Komplettionisten: Vom Fernsehen der DDR bis in die IPTV-Ära konnten/mussten/durften sie die belgische Spürnase verfolgen. Ich wäre schier verrückt geworden.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Throwback Wednesday: Hugo

Neulich mussten in der Redaktion, in der ich arbeite, zwei Ü40-Männer, darunter ich, einer (Weit-)U40-Kollegin das Phänomen "Hugo" erklären. Wer in der Mitte der Neunziger Kind oder jugendlich war, kam an "Hugo" nicht vorbei. Auf Kabel 1 bzw. Kabelkanal, wie es damals noch hieß, lief jeden Nachmittag der Woche, zur besten After-school-Sendezeit, der dänische Import "Die Hugo Show", eine interaktive Spielshow, bei der die Anrufenden einen virtuellen Kobold namens Hugo durch verschiedene Areale steuerten, und zwar mit den Tasten ihres Telefons, eine bis heute nur mit Magie zu erklärende Technik: Bei Druck auf die 4 hüpfte, glitt oder strafete Hugo nach links, mit der 8 sprang er oder bewegte sich das Objekt, auf dem er stand, nach oben, und so weiter. Erreichte man das Ziel, winkten attraktive Preise. Ich konnte das nie selbst ausprobieren, denn durchzukommen war praktisch unmöglich. (Empörenderweise versuchten auch immer wieder Erwachsene ihr Glück!)

Zu den bekannteren Moderatorinnen der Sendung gehörten Sonja Zietlow und Minh-Kai Phan-Thi. Live gesehen habe ich allerdings das Duo Judith Hildebrandt und Guido Kellermann, und zwar exakt heute vor 30 Jahren. In der ersten Hälfte des Jahres 1996 gab es nämlich ein sonntägliches Live-Special mit dem Namen "Die Super-Hugo-Show", und die dritte der insgesamt 22 Stationen war Altenberg im Erzgebirge, wo gerade gleichzeitig die Rennrodel-WM stattfand. Mein Bruder und ich überredeten unsere Eltern, mit uns dorthin zu fahren. Meine Erinnerungen sind blass, und die eben genannten Details verdanke ich allein dem virtuellen Gedächtnis der Seite fernsehserien.de, ich weiß aber noch, dass zu Fuße eines schneebedeckten Hanges (womöglich hatten wir die Gelegenheit sogar genutzt und einen Schlitten mitgenommen) eine Bühne mit riesiger Leinwand aufgebaut war, vor der sich Tausende Kinder darum balgten, live on stage "Hugo" zocken zu dürfen.

Meine eigene diesbezügliche Erfahrung beschränkte sich darauf, dass ich vier der TV-Spiele auf dem PC "erleben" durfte, denn die konnte man auf CD-Rom kaufen. Knapp 100 Mark hat mich dieser Spaß gekostet, und als ich kurz darauf in der GameStar den Test zu "Hugo" las, in dem das Minigame-Quartett mit einer Wertung im niedrigen zweistelligen Bereich abgewatscht wurde, dachte ich: Ja, stimmt eigentlich. Das mutmaßliche Fernsehen der Zukunft, es war auf dem Rechner einfach nicht dasselbe.

Sonntag, 28. Dezember 2025

Triumph des Wissens

Hin und wieder kommt es vor, dass ich beim "Jeopardy!"-Schauen die Antwort auf eine Frage (bzw. die Frage auf eine Antwort) weiß, die keine/r der drei Kandidaten zu liefern in der Lage war. Neulich zum Beispiel wurde bei "Final Jeopardy", also in der Endrunde, der Hinweis gegeben (frei übersetzt): "In ihrem Nachruf in der New York Times hieß es 2016 über diese Autorin, sie habe den Ruf einer 'Garbo der Literatur' erlangt." – 'Das kann nur Harper Lee sein!', schoss es mir durch den Kopf, und das wäre richtig gewesen. Die drei Teilnehmenden jedoch waren nicht drauf gekommen. Da habe ich mich gefreut.

Noch mehr freue ich mich, wenn sich solche "Triple Stumpers" in Kategorien zum englischen Wortschatz ergeben und ich trotzdem mit der korrekten Lösung dienen kann. Letztens etwa fiel niemandem an den Podien das Adjektiv putrid ein, mir allerdings schon. Ein anderes Mal wurden Wortpaare abgefragt, die sich jeweils um nur einen Buchstaben voneinander unterscheiden, und im Gegensatz zu den drei Spielern hätte ich richtigerweise mit "peek/peer" und "revenge/revenue" antworten können.

Tja, aber was außer einen Moment des stillen Stolzes habe ich von solchen "Armchair"-Triümphen? Nichts. Deswegen sei es mir erlaubt, wenigstens an dieser Stelle mit meinen gelegentlichen Wissensvorsprüngen zu prahlen.

Dienstag, 7. Oktober 2025

Wer ist Garrett?

Ein breites Grinsen bemächtigte sich meines Gesichts, als ich letzte Woche "Jeopardy!" sah. Einer der Kandidaten in der Sendung vom 25.9. war Erik Nielsen (M.):


Vorgestellt wurde er als "Vertretungslehrer aus Hollywood", Comedy-Fans dürfte Erik Charles Nielsen jedoch als Schauspieler bekannt sein, der eine kleine wiederkehrende Rolle in "Community" hatte. Tatsächlich war "Garrett Lambert" in jener Sitcom meine Lieblingsnebenfigur; ich musste über jeden einzelnen seiner Auftritte lachen! Dass er bei "Jeopardy!" antreten würde, hatte ich zuvor im Something-Awful-Forum gelesen. Ob ich ihn auch ohne diese Vorab-Info erkannt hätte? Gewiss hätte ich mich die ganze Zeit gefragt: Woher kenne ich den? Schade, dass er am Ende als Zweitplatzierter nach Hause gehen musste. Dabei lag er für einen kurzen Moment sogar in Führung, hatte ein "Daily Double" erwischt und korrekt beantwortet.


Es bleibt die Frage: Ab wann gilt man als berühmt genug, um nicht mehr in einer regulären "Jeopardy!"-Ausgabe an den Start gehen zu dürfen? Ist man mit 43 Credits bei "Community" und einem Stand-up-Auftritt bei Conan noch kein Fall für "Celebrity Jeopardy"? Nun, laut imdb hat sich Nielsen seit 2019 aus dem Schauspielgeschäft zurückgezogen (wobei er zurzeit immerhin in der Animationsserie "Krapopolis" regelmäßig als Sprecher zu hören ist), und schließlich wurde er weder als actor angekündigt noch war seine Fernsehkarriere Thema der Vorstellungsrunde. Ein Mann mit normalem Beruf ohne Starallüren, sympathisch! Von mir aus darf er aber bald mal wieder irgendwo vorsprechen.

Mittwoch, 4. Juni 2025

Autocues und Wildkatzen

In Merv Griffins Biographie "Merv" (vgl. "Seitenstraße" Folge 9) findet sich eine Stelle, die mich die Augenbrauen heben ließ:

"[...] Lewis had positioned the TelePromTers (a rolling version of cue card) at floor level [...]"

Bemerkenswert ist erstens, dass man 1980 noch erklären musste, was ein Teleprompter ist, zweitens die eigentümliche Schreibweise des Wortes. Erklärung: Es handelt sich bei "TelePrompTer" um den Namen eines Medienunternehmens, das sich nach ihrem Hauptprodukt, nämlich dem Teleprompter, benannt hat. Sozusagen rekursiv wird hier die Markenschreibweise mit Binneninitialen auf das Gerät angewandt. Der Erfinder des Teleprompters gründete kurz nach der Marktreife gemeinsam mit Irving B. Kahn die TelePrompTer Corporation, die schließlich zum größten US-amerikanischen Kabelfernsehanbieter werden sollte und später an Westinghouse verkauft, jenen Konzern, bei dem Merv Griffin lange Zeit mit seiner Syndication-Talkshow unter Vertrag stand.

Im Zusammenhang mit dem Teleprompter-Erfinder ist noch zweierlei erwähnenswert. Sein Name war Hubert Schlafly. War der etwa mit der berüchtigten Aktivistin Phyllis Schlafly verwandt oder verschwägert?, fragte ich mich. Weder sein noch ihr Wikipedia-Artikel gibt dies explizit an, doch sind beide in St. Louis, Missouri, im Abstand von ziemlich genau fünf Jahren geboren, und Phyllis' Vater, John Bruce Stewart, arbeitete für – na? – Westinghouse! Phyllis (geb. McAlpin Stewart) heiratete 1949 den Rechtsanwalt John Fred Schlafly Jr., "a member of a wealthy St. Louis family". In welchem Verhältnis jener wiederum zu Hubert stand, konnte ich nicht herausfinden.

Huberts Vater war, so heißt es in der englischsprachigen Wikipedia, ein wildcatter. Was ist das nun wieder? Laut dem (recht unbeholfenen) deutschsprachigen Wikipedia-Artikel handelt es sich dabei um "eine Person[,] die nach Erdöl sucht und erste Bohrungen vornimmt". Die wildcat wells, auf die sich die Berufsbezeichnung bezieht, verdanken ihren Namen dem äußerst ertragreichen Ölfeld "Wildcat Hollow" auf dem Gebiet des heutigen Oil Creek State Park in Pennsylvania. Was genau diese spezielle Art von Ölquelle ausmacht, verstehen andere womöglich besser als ich: "[They] are drilled where little or no known geological information is available. The site may have been selected because of wells drilled some distance from the proposed location but to an underground structure that appeared similar to the proposed site."

Da fällt mir ein: Ich muss unbedingt mal wieder "There Will Be Blood" sehen!

Dienstag, 22. April 2025

Schlecht gealterte Quizfragen?

In einer "Jeopardy!"-Sendung vom März 2022 wurde eine Frage gestellt, zu der ein einordnender Hinweis eingeblendet wurde:


"Aufgezeichnet am 11. Januar 2022", mithin vor dem russischen Angriff auf die Ukraine, als die Formulierung "serious border issues" weniger zynisch klang.

Am 15. April dieses Jahres nun wurde in der Kategorie "Bodies of Water" eine Frage zu Myanmar, welches Ende März von einem schweren Erdbeben heimgesucht worden war, gestellt und mit dem Hinweis versehen, dass die Show bereits am 25. Februar aufgezeichnet wurde:


Ich erinnere mich, dass Günther Jauch kurz nach dem verheerenden Seebeben in Südostasien Ende 2004 in einem Interview erklärte, dass bei "Wer wird Millionär?" keine Fragen zu diesem Thema gestellt würden. Hat ja auch niemand erwartet! Darüber, dass von Katastrophen gebeutelte Länder in Quizshows eine Zeitlang grundsätzlich tabu sein sollten, kann man jedoch streiten. Oder würde der Zuschauer ohne den Datumsverweis in der Myanmar-Frage denken: "Wie geschmacklos, das Land versinkt in Chaos und Leid, und die wollen was über irgendeinen Fluss wissen!"?

Jedenfalls sieht man an diesen Fällen, dass zu viel Vorlaufzeit bei TV-Produktionen ungünstig sein kann. Die Seite "TV Tropes" führt unter "Harsher in Hindsight" > Live-Action TV folgenden peinlichen "Jeopardy!"-Moment auf:

One of the answers on the May 19, 2020 show was "Bruce Wayne is missing and Ruby Rose dons the cowl as this title CW show who's no mere girl." The show is Batwoman (2019). This episode, taped in advance, aired the same day that Ruby Rose announced she was not returning for Batwoman's second season.

Autsch!

Mittwoch, 5. März 2025

Komma runter!

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung ging es letztens lang und breit um die Frage, wie man eine gewisse, meist mündlich verwendete Phrase korrekt verschriftlicht:

[B]ei der Redensart "Geht nicht gibt's nicht" [...] entscheidet ein Komma über Sinn oder Nichtsinn. Im Streiflicht war sie in der Version "Geht nicht, gibt's nicht" zu lesen. Das ist die gängigste Fassung [...]
Wozu nun der Lärm? Weil das Komma den Satz in sein Gegenteil verkehrt. Bei Geht nicht gibt's nicht ist Geht nicht ein ganz besonderes Akkusativobjekt. Während Sätze wie Der Bauer pflügt das Feld anstandslos ins Passiv – Das Feld wird vom Bauern gepflügt – gewendet werden können, führte das bei Geht nicht gibt's nicht zu der Albernheit Geht nicht wird nicht gegeben. Die alte Dudengrammatik spricht hierbei von "reinen Existenzialurteilen" und rückt unseren Satz in die Nähe von Es gibt einen Gott, dem ja auch kein Mensch die Passivform Ein Gott wird nicht gegeben verpassen würde.
Jedenfalls darf das Objekt Geht nicht vom Prädikat gibt's nicht so wenig durch ein Komma getrennt werden wie etwa Bielefeld von gibt's nicht oder Bangemachen von gilt nicht. Ohne Komma bedeutet der Satz, dass der Sprecher, die Sprecherin sich vom vermeintlich Unmöglichen nicht beeindrucken lässt: Ein "geht nicht" gibt es bei mir nicht, wär' ja noch schöner! Trennt man jedoch die beiden Elemente durch ein Komma, macht sich Resignation breit: Die Sache ist weder möglich, noch ist sie machbar.

'Endlich schreibt's mal jemand!', dachte ich da. Und kurz darauf: 'Augenblick! Habe nicht ich persönlich mich schon vor langer Zeit über diesen Interpunktionsunfall ausgelassen?' Ich durchwühlte mein Textarchiv, und tatsächlich habe ich 2005 (!) in einer unveröffentlichten "Glosse" (Wie ich neulich schon andeutete: Mitte der Nullerjahre war ich "offenbar vom Studium nicht ausgelastet" ...) dies notiert:

Komplett unfähig scheinen die Werbefritzen der Baumarktkette Praktiker zu sein. Die ersannen sich nämlich den vielversprechenden Leitsatz "Geht nicht, gibt's nicht". Analog dazu wurde im Fernsehen eine Kochsendung mit dem Titel "Schmeckt nicht, gibt's nicht" geboren.

Stichhaltig begründet habe ich meinen Ärger damals nicht, und ganz ehrlich: Auf die Begründung mit der Passivbildung wäre ich nicht gekommen. Fairerweise muss ich außerdem festhalten: Ich habe eben noch mal Promo-Poster und digitale Banner der VOX-Show recherchiert, und da war das Komma eben nicht eingezeichnet.

PS: Oh Mann, hatte Tim Mälzer vor zwanzig Jahren noch ein Babyface!

Freitag, 6. September 2024

Albernes zum Wochenschluss

HISTORIKERSTIMME
Historiker wie ich sind sich einig: Die TV-Comedywelle in Westdeutschland begann nicht erst 1984 mit der legendären öffentlich-rechtlichen Sendung “Sketchup”, sondern mit der von Radio Bremen produzierten “Rudis Tagesshow”. Oder mit der “Otto-Show” in den Siebzigern ... Trotzdem soll es heute um “Sketchup” gehen. Diether Krebs, der im Duett mit Beatrice Richter und später mit Iris Berben - (laut und übertrieben betont) die übrigens heute noch sehr attraktiv ist! - als trotteliger Stoffel und stieseliger Trampel brillierte, ist unvergesslich und unvergessen. Hören wir doch mal in eine Folge von “Sketchup” rein! Sie werden merken: Das hohe Tempo, die präzise platzierten Pointen und das geniale Spiel aller Beteiligten funktionieren auch heute noch so gut wie Iris Berben attraktiv ist.

TITELSONG (angelehnt an den Originalvorspann)
Sketchup, Rad ab, Hut ab, Bart ab, Knopf ab, Kopf ab -- Sketchup!
Sketchup, Ton ab, Film ab, Maz ab, Band ab, Schnitt ab -- Sketchup!
Sketchup, Bein ab, Arm ab, Ohr ab, Hand ab, Fuß ab -- Sketchup!
Sketchup, Huhn ab, Hund ab, Maus ab, Reh ab, Fisch ab -- Sketchup!
Sketchup, Schnur ab, Strick ab, Uhr ab, Ball ab, Schwanz ab -- Sketchup!
Sketchup, Stein ab, Salz ab, Senf ab, Hirn ab, Rumpf ab -- Sketchup!
Sketchup, Strom ab, Gas ab, Funk ab, Netz ab, Knall ab -- Sketchup!

Sketch beginnt

REGISSEUR
So, Teddy, schön, dass du’s geschafft hast. Hi!

TEDDY
Hallo. Klar, kein Problem.

REGISSEUR
Das Drehbuch hast du ja gelesen, hast du noch Fragen dazu?

TEDDY
Nein, ich bin gut vorbereitet. Das hier ist das Zeug?

REGISSEUR
Genau. Den Becher nimmst du am Ende in die Hand, schaust in die Kamera und nimmst einen kräftigen Schluck.

TEDDY
Na dann …

REGISSEUR
Kamera läuft. “Spilko Pampelmuse”-Werbespot, erster Take, uuuund Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) Iiiihhh! (Spuckgeräusche) Pfui, was ist das denn? Das ist ja widerlich!

REGISSEUR
Cut! Ja, Teddy, was ist denn los?

TEDDY
Koste mal, das Zeug ist ätzend!

REGISSEUR
Also, Teddy, du hast das ganz wunderbar gemacht, aber du musst das schon überzeugend genießen. Komm schon, das geht ganz fix. Hinterschlucken und lächeln. So schlimm schmeckt sie doch nicht. Hier, nimm einen anderen Becher!

TEDDY
Uach, na schön. Gib her. Bin bereit.

REGISSEUR
Kamera läuft wieder. “Spilko Pampelmuse”-Werbespot, zweiter Take, Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) (Spuckgeräusche) Baaaahhh! Scheiß die Wand an!

REGISSEUR
Schnitt!

TEDDY
Wollen die mich verarschen? Warum stellen die so was her?!

REGISSEUR
Teddy! Teddy! Ganz ruhig. Easy. Du schaffst das. Die zahlen schließlich gut. Denk dran, du bist deren Werbegesicht für die nächsten drei Jahre. Steht so im Vertrag.

TEDDY
Kaum zu fassen …

REGISSEUR
Hier ist noch mal ein anderer Becher. Alles klar? Läuft.

TEDDY
(seufzt) Na schön.

REGISSEUR
“Spilko Pampelmuse”-Werbespot, Take drei, und Action!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) (Spuckgeräusche) Aaaahhhhhh! (Würgegeräusche) ICH BRING EUCH ALLE UM! (hustet) Schluss, aus, Abbruch.

REGISSEUR
Cut! (seufzt) In Ordnung … (ruft in den Raum) Hol’ mir mal jemand Ersatzflüssigkeit. Irgendwas, das wie “Spilko” aussieht!

TEDDY
Nein, schon gut. Ich hab überreagiert … Es tut mir leid. Ich schaffe das. Diesmal wirklich.

REGISSEUR?
Wirklich? Mit diesem Becher hier?

TEDDY Hey, ich hab schon ganz andere Hürden gerissen. Bin ready!

REGISSEUR
Klasse! Zurück auf eure Positionen, people. Kamera läuft noch, ja? ACTION!

TEDDY
Hey Leute, ich bin’s, Tour-de-France-Gewinner und Radfahrlegende Teddy Schreier, und wenn ich wieder mal an mein Limit gegangen bin, brauche ich ein Getränk, das mich erfrischt und aufpowert. Und es muss schmecken. Da ist die neue “Spilko Pampelmuse” genau das Richtige! Mit 100 Prozent Limonade. Mmmmhh. (Trinkgeräusche) Mmmmhhh …. (gequält) Lecker. (mehr Trinkgeräusche) Mjamm … Aahh! (vorgetäuschtes Genussgeräusch) Eine Tür öffnet sich quietschend.

FRAU
Entschuldigung, dass ich störe. Das Team von der Dopingprüfstelle hat vorhin die Becher mit den Urinproben irgendwo stehen lassen.

TEDDY
Oh-oh.

ANDERER REGISSEUR (JENER, DER DEN SKETCH INSZENIERT)
Cut!

REGISSEUR
Hä? Was hat denn nicht gestimmt?

ANDERER REGISSEUR
Der Schauspieler hat nach der Pointe nicht in die Kamera geguckt.
(Posaunentöne)

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Teil eines Manuskripts für ein nie realisiertes Radio- oder Podcast-Projekt aus dem Jahr 2020, in dem es um die Geschichte des deutschen Humors gehen sollte.
Wer die parodierte Fernsehsendung nicht kennt, muss eigentlich nur wissen, dass die Sketche darin sich oft durch teils quälende Wiederholungen und Überkonstruktion auszeichneten und fast immer damit endeten, dass Diether Krebs die Vierte Wand brach und konsterniert in die Kamera blickte. "Sketchup" traf nichtsdestotrotz einen gewissen Nerv und genießt bis heute bei vielen Deutschen einer gewissen Altersgruppe nicht zu Unrecht Kultstatus.

Montag, 24. Juni 2024

Betr.: Glücksrad, Klingelton, Laotse, Illuminati

Dass das deutsche Buchstabieralphabet ab 2019 grundlegend überarbeitet worden ist und damit Ansagewörter wie "Siegfried" und "Wilhelm" in den Ruhestand geschickt wurden, dürfte bekannt sein. Einer alternativen, avantgardistisch-variablen Buchstabiertafel bediente sich aber schon viel früher ein gewisser Personenkreis im Fernsehen. Am 7. August 2002 schrieb ich in mein Notizbuch: "Hab' heute 'Glücksrad' gekuckt. Hilfe! Die Kandidaten drehen durch: 'S wie Sonnenschein, N wie Nixe, T wie Taufe, D wie Dussel!'"

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Kennt ihr den Kinderreim "Ei ei ei, was seh' ich da? Ein verliebtes Ehepaar"? Wenn ja, dann kennt ihr auch die primitive Melodie, zu der dieser Vers intoniert wird. (Der Spruch geht noch weiter, was aber für das Folgende unerheblich ist.) Diese Melodie, das fiel mir kürzlich wie aus heiterem Himmel ein, gibt es auch als Handy-Klingelton. Mindestens zweimal habe ich ihn schon im öffentlichen Raum gehört. Was stimmt nicht mit manchen Menschen?

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Erstaunlich, dass Laotse das modern klingende Wort Job verwendet hat!

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Endlich mal wieder was Aufregendes im Spam-Ordner:

Grüße vom Weltelite-Imperium der Illuminaten. Sind Sie Geschäftsmann/-frau, Politiker, Musiker, Student oder Angestellter? Streben Sie danach, Ihr Wissen zu erweitern, um sich persönlich weiterzuentwickeln? Wollen Sie reich werden? Brauchen Sie Schutz, sind Sie mächtig und berühmt? Wenn JA, dann können Sie Ihre Träume verwirklichen, indem Sie Mitglied des großen Imperiums der Illuminaten werden. Sobald Sie Mitglied sind, können all Ihre Träume und Herzenswünsche in Erfüllung gehen. Mit dieser kurzen Zusammenfassung: Wenn Sie daran interessiert sind, Mitglied der großen Illuminaten zu werden, dann melden Sie sich bei uns, um weitere Informationen zum Beitritt zu den Illuminaten zu erhalten. [...] Wir unterstützen kein schmutziges Spiel, es ist eine Bruderschaft des Friedens, eine großartige Gruppe der Erleuchtung.
Die Illuminaten.

Leider scheine ich nicht die Bedingungen zu erfüllen, um Mitglied zu werden.

Donnerstag, 6. Juni 2024

Nomen est ... ja, was eigentlich?

Vorgestern konnte ich endlich "Jeopardy! Masters" zu Ende schauen. Im dritten Halbfinal-Match wurde für 200 Punkte* folgende Frage in der Kategorie "There's 'A' noun for that" gestellt: "A person or thing that's out of place in time". Die Kandidatin Victoria Groce, die später Siegerin werden sollte, antwortete mit "What is 'anachronistic'?", was Ken als korrekt durchgehen ließ. Ich dachte in dem Moment: 'Na na na, es sind doch eindeutig nouns gefordert, also Substantive!' Wie ich soeben ergoogelte, ging es nicht nur mir so, auch im Subreddit r/Jeopardy (ich wusste gar nicht, dass es das gibt, aber ich bin eh so gut wie nie bei Reddit) sprangen mehrere Leute darauf an:


Tatsächlich, nach der Werbepause wurde die Entscheidung revidiert, nur "What is 'anachronism'?" hätte als richtig gegolten.

Dann aber schoss mir dies durch den Kopf: In der deutschen Grammatik (und in anderen, wie z.B. der altgriechischen) umfasst Nomen sowohl Substantive als auch Adjektive, es hätten also sowohl "Anachronismus" als auch "anachronistisch" gepasst und somit auch, zumindest wenn man Nomen mit noun gleichsetzt, sowohl "anachronism" als auch "anachronistic".

Wikipedia (zum Konsultieren von Fachliteratur fehlt mir gerade die Zeit) stellt dazu fest: "Similarly, the Latin term nōmen includes both nouns (substantives) and adjectives, as originally did the English word noun, the two types being distinguished as nouns substantive and nouns adjective (or substantive nouns and adjective nouns, or simply substantives and adjectives). (The word nominal is now sometimes used to denote a class that includes both nouns and adjectives.)" Mit viel Toleranz hätte man also das Adjektiv akzeptieren können. Spielte in diesem Fall eh keine Rolle. Mir war die Diskussion um Wortarten schon immer einerlei. Ich war bass erstaunt, als ich in einer der ersten von mir besuchten Linguistik-Vorlesungen lernte, dass die Einteilung von Wörtern derart umstritten und uneindeutig ist, wie sie ist. Gibt es nicht Wichtigeres und Spannenderes? (Ja, gibt es.)

* Bei "Jeopardy! Masters" wird um Punkte statt um Dollar-Beträge gespielt, weil die Preisgelder fix sind (500.000 $ für den oder die Gewinner/in, 250.000 $ für Platz 2 und immerhin 150.000 $ für Platz 3).

Sonntag, 28. April 2024

Wochenend-Quiz: Auflösung

1.) Italien
2.) Norwegen
3.) Südafrika
4.) Argentinien
5.) Schweden
6.) Dänemark
7.) Irland
8.) Quebec
9.) Niederlande
10.) Brasilien
11.) Kolumbien
12.) Polen
13.) Spanien
14.) Frankreich

Samstag, 27. April 2024

Wochenend-Quiz

Heute: Welches Ankündigungs-Poster gehört zu welcher internationalen Ausgabe der Amazon-Prime-Show "LOL - Last One Laughing"?

Zur Auswahl stehen: Argentinien, Brasilien, Dänemark, Frankreich, Irland, Italien, Kolumbien, Niederlande, Norwegen, Polen, Quebec, Schweden, Spanien, Südafrika

1.)

2.)

3.)

4.)

5.) 

6.)

7.) 

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Freitag, 26. Januar 2024

Betr.: Bockenheimer Gebrüll, Landmarks, Empfänger, "Journalismus"

Wer hier schon länger mitliest, mag sich daran erinnern, wie ich in meiner Frankfurter Anfangszeit gelegentlich die speziell im Stadtteil Bockenheim auffallend massierten Schreie von geistig Verwirrten, Intoxikierten und anderweitig Entrückten dokumentiert habe. Ich wohne immer noch in Bockenheim, und die Situation ist in den letzten zehn Jahren eher bedrückender als besser geworden. Meine Begegnungen mit solchen "Originalen" und ihre Rufe, Verwünschungen und sonstigen Äußerungen sind kaum noch des Aufschreibens wert.
Gestern aber sah und hörte ich auf der Leipziger Straße doch mal wieder ein besonders herausragendes Unikum. Aus einer Seitengasse plärrte mir ein rotköpfiger circa Mittfünfziger in zerschlissenem Gewand entgegen: "Die haben mich bedrängt, BEDRÄNGT! Die fetten Schweine. Die Wildecker Herzbuben!"

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Ich schäme mich immer ein bisschen, wenn ich eine Frage bei "Jeopardy!" nicht beantworten kann, die sich um Deutschland dreht. Neulich wurde in der "Final Jeopardy"-Runde dieser clue aus der Kategorie "Landmarks" gezeigt:


"Bei 213 Fuß Breite hat dieses europäische Bauwerk des späten 18. Jahrhunderts fünf Durchfahrten, deren mittlere – anfangs – dem Hofstaat vorbehalten war." Richtig wäre gewesen: "Was ist das Brandenburger Tor?" Zwei der drei Kandidaten wussten die Lösung, doch ich wollte einfach nicht drauf kommen.
Immerhin mit "Was ist Baden-Baden?" konnte ich dienen, als in einer späteren Sendung nach dem Namen einer "German spa town" mit der Bedeutung "Baths-Baths" gefragt wurde. (Ich überlegte gerade, ob nicht "Bathing-Bathing" korrekter wäre, aber Wikipedia weiß, dass "Baden [...] derives from an earlier plural form of Bad". Lernen ist toll, oder?)

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Apropos Wikipedia: "Die nachfolgende Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und enthält nur Großempfänger, die über eine eigene Postleitzahl verfügen." So ist die auszugsweise "Liste von Großempfängern" überschrieben, auf welcher u.a. das ZDF, der Frankfurter Messeturm, die Volkswagen AG, die Scanstelle des Landesamtes für Finanzen in Detmold und das Amtsgericht Wedding stehen. Auch ich hatte schon postalischen Kontakt mit Adressaten, bei denen es reichte, Name plus Ort nebst Postleitzahl aufs Kuvert zu schreiben, beispielsweise mit der Künstlersozialkasse in Wilhelmshaven (wobei die sich die Postleitzahl mit anderen Empfängerinnen teilt – man geht dann wohl davon aus, dass der Briefträger schon wissen wird, wo die KSK sitzt).
Jedenfalls: Eine eigene Postleitzahl zugeteilt bekommen, das wäre doch mal ein life goal.

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"Sie kochte formvollendete Kartoffelknödel, bezeichnete ihre Enkel als Geschenk des Himmels: Nach ihrem Tod erinnert sich unser Autor an eine pragmatische und unerschütterliche Großmutter, die ihn ein Leben lang prägen wird." Das ist die Einleitung eines Bezahl(!)-Beitrags auf "Spiegel online". Ich habe nichts gegen den Autor, kenne ihn nicht mal, und sicher war seine Oma eine ganz patente Frau. Aber ganz ehrlich, diese Art von Journalismus ist doch nur mehr einen halben Schritt entfernt von "Mein schönstes Ferienerlebnis".

Montag, 12. Juni 2023

Kurz notiert: Die legendäre Late-Night-Tasse

In meinem fortlaufenden Projekt "Alle Folgen von 'Saturday Night Live' gucken" befinde ich mich gerade in den Staffeln 3 bzw. 16. Zuletzt habe ich die Ausgabe vom 6. Oktober 1990 gesehen (16x02, Susan Lucci / Hothouse Flowers) und etwas Bemerkenswertes entdeckt: In einem Sketch mit Mike Myers als zu nah am Wasser gebautem Bürokollegen kommt ein Ike-Eisenhower-Kaffeepott vor, und ich will verdammt sein, wenn das nicht exakt derselbe mug ist, der später jahrelang bei Conan auf dessen Late-Night-Schreibtisch stand.



Wahrscheinlich hat Conan O'Brien, der zu jener Zeit Autor bei SNL war, den Pott später einfach als Souvenir mitgenommen, oder ihm hatte dieser bereits eh gehört. Stooge vom "One SNL a Day"-Blog mutmaßt, dass der nämliche Büro-Sketch von Conan (mit-)geschrieben wurde, und ich stimme ihm eingedenk der Conan-typischen Pointe zu.

Sonntag, 26. März 2023

TV-Reklame-Erinnerung

In einem dieser typischen Dauerwerbeblöcke im vormittäglichen Privatfernsehen (Stichwort "Teleshop") lief irgendwann in den 1990er Jahren ein Spot, in dem ein veritables Spionagewerkzeug angepriesen wurde: ein Miniatur-Richtmikrofon, mit dem man aus seiner Tasche heraus Geräusche mit relativ weit entfernter Quelle verstärken und über einen harmlos aussehenden Kopfhörer in sein Ohr leiten konnte. Wenn ich mich recht entsinne, wurde der offensichtliche Zweck, i.e. Spaziergängerinnen, Gartennachbarn etc. belauschen, nicht einmal zu vertuschen versucht, indem man das Gerät etwa gezeigt hätte, wie es Vogelgezwitscher aufklart oder älteren Menschen als On-demand-Hörgerät den Alltag erleichtert. Nein, da saß wirklich ein Mann auf einer Parkbank, "zielte" heimlich über die Distanz von circa zwei Steinwürfen auf eine Personengruppe und folgte freudig erregt dem nicht für seine Löffel bestimmten Gespräch.

Den Werbespot scheint es auf Youtube nicht zu geben, obwohl dort die Neunziger diesbezüglich gut dokumentiert sind. Gut möglich, dass mein Gedächtnis nach so langer Zeit einige Details verzerrt hat, aber ich weiß noch genau, dass ich damals schon dachte: 'Das kann doch unmöglich legal sein!' Andererseits findet man auf Amazon mit den Suchbegriffen "richtmikrofon spionage" und "abhörgerät" eine Vielzahl von Artikeln in allen Preisklassen; dort gibt es ja auch den Klassiker "Diktiergerät in Kugelschreiberoptik". Ein Teil, wie es in der beschriebenen Retro-Reklame vorgestellt wurde, mit Ohrstöpseln und handlicher Empfangs-/Verstärker-Kombi, konnte ich auf die Schnelle nicht ausfindig machen. (Was Amazon nach dieser kurzen Recherche wohl über mich denkt? Bitte nicht als Stalker kennzeichnen!!!) Im Zweifel muss man so was wohl im asiatischen Ausland bestellen, wie Tex Rubinowitz seinen Handy-Signalstörer, den er mal irgendwo erwähnt hat und mit dem er eine Zeitlang die mobile Kommunikation von U-Bahn- oder Bim-Passagieren in seiner Nähe zu unterdrücken pflegte.

"Man nennt diese Mikros auch Shotgun Mikrofon", klärt die Seite detektiv-report.de jedenfalls auf. "Weil man mit einem Richtmikrofon eine Unterhaltung hörbar machen kann, die jemand weiter weg führt, dienen sie auch als Abhörgeräte. Allerdings ist das Abhören fremder Gespräche auch dann nicht gestattet, wenn Richtmikrofone zum Einsatz kommen. Der Einsatz als Abhöreinrichtung ist nicht der primäre Zweck, den ein Shotgun Geräuschverstärker hat. Häufig setzt man die Geräte beim Film für Aufnahmen ein." Ja, ja, ja. Zu den Utensilien, die ich eher nicht im Detektivausrüstungs-Ratgeber vermutet hätte, gehören übrigens "Mikrowellen Messgerät" und "Elektrosmog Messgerät". (Was Google wohl jetzt von mir denkt? Bitte nicht für die Stasi 2.0 anwerben!!!)

Donnerstag, 9. Februar 2023

Quizmania

"Das ganze Leben ist ein Quiz", sang Hape Kerkeling 1991. Zehn Jahre später hatte ein regelrechter Quiz-Taifun unser Land überspült. Kein Fernsehsender, der nicht mindestens eine tägliche Quizsendung im Programm hatte. Zum Glück habe ich schon damals eifrig alles aufgeschrieben, weswegen ich noch heute diese (gewiss nicht vollständige) Liste der Quizshows anno 2001 vorlegen kann:

° "Wer wird Millionär?"
° "Quiz Show"
° "Multi Millionär"
° "Millionen Quiz"
° "Quizfire"
° "Das Quiz (im Ersten)"
° "Die 10-Millionen-SKL-Show"
° "Einundzwanzig"
° "Speed - Time is Money"
° "Der Schwächste fliegt"
° "CA$H"
° "Die Chance deines Lebens"
° "Einer gegen Hundert"

Noch einmal zwanzig Jahre später sind Rateshows ungebrochen populär, wenn auch nicht so omnipräsent wie Anfang des Jahrtausends. "WWM" ist ein Dauerbrenner mit regelmäßigen mehrstündigen Spezialausgaben, über "Gefragt – Gejagt" (nach dem britischen Vorbild "The Chase") stolpere ich bei praktisch jedem Herumgezappe, Regionalsender produzieren Regional-Quizshows, und kürzlich las ich, dass Sat.1 eine Neuauflage von "Jeopardy!" plant. Ich selbst wiederum habe im Januar zum ersten Mal bei einem Kneipenquiz des Deutschen Quizvereins teilgenommen, gar nicht mal ohne Erfolg, wenn ich das sagen darf. Davon wird ggf. zu einem späteren Zeitpunkt zu berichten sein.

Donnerstag, 13. Oktober 2022

Denkt an die Kinder!

Wenn man früher in Ländern mit höheren Lebensmittelkosten als in Deutschland zu Gast war, etwa in Norwegen oder in der Schweiz, dachte man sich beim forschenden Gang durch die Supermärkte: 'Himmel, die armen Menschen, die hier leben! Wie kommen die nur über die Runden?' Es dauerte dann einen bis zwei Gedankensprünge, bis einem klar wurde, dass dort die Reallöhne und die Kaufkraft ebenfalls höher waren. Im Herbst 2022 haben die Preise in unseren Kaufhallen beinahe skandinavisches Niveau erreicht, ohne dass die Haushaltseinkommen gestiegen wären. Als wären die Sorgen, die seit gut fünf Jahren von diversen Katastrophen und Krisen verursacht werden, nicht genug, muss ein großer Teil der deutschen Bevölkerung nun auch noch unter Existenzängsten leiden. Es ist gerade wirklich nicht schön, auf der Welt zu sein, vor allem wenn man in der Blüte seines Lebens steht und die vage Hoffnung hatte, sich "etwas aufbauen" zu können. Aber ich will gar nicht jammern! Sondern sachte zum eigentlichen Punkt kommen.

Ich habe seit mindestens zehn Jahren keine politische TV-Talkshow geschaut, aber Anfang bis Mitte der Nullerjahre zappte ich regelmäßig und mit Vergnügen zu "Hart aber fair", zum Beispiel während ich Hausaufgaben machte. Jede Woche hatte dabei ein Gast die Rolle des Buhmanns einzunehmen, eine Person mit einer Meinung, die allzu offensichtlich vom Konsens der Talkrunde abwich und nur dazu diente, Zunder in das Format und selbst Moderator Frank Plasberg gelegentlich aus der Contencance zu bringen. Sollte dieses Spiel noch immer so gespielt werden, würde ich gerne mal jemanden in einem Panel sitzen (oder stehen) sehen, der Folgendes vorträgt:

Deutschland ist immer noch ein reiches Land. Das Gebot der Stunde ist Umverteilung. Und dann fängt man erst mal bei den oberen Hundert an. Niemand muss Milliardär sein, heißt es doch immer. Klar. Aber dann sollten wir uns auch die finanziell zweitstärkste Bevölkerungsgruppe vornehmen. Ich sag' Ihnen, wer das ist: Schulkinder. Na-, nein, ja lassen Sie mich bitte ausreden! Wenn ich mittags zu Rewe gehe ... ach so, ja, sicher, es gibt auch noch Edeka, Nahkauf und Norma. Wenn ich jedenfalls zufällig in der Mittagszeit in meinen Stamm-Rewe gehe, was glauben Sie, was da los ist? Der Laden bricht aus allen Nähten, weil er gefüllt ist mit Schulkindern. Da sehen Sie Mädchen und Jungs im Alter von, ich sag' mal neun bis sechzehn Jahren, die stehen allesamt mit vollen Händen an der Kasse. Energydrinks, Chipstüten, Backwaren, Instant-Ramennudeln, Süßigkeiten. Und so geht das jeden Tag. Das ist notabene das Einzugsgebiet ... Wie? Ach so, ja, "wohlgemerkt", danke, Herr Plasberg. Das sind wohlgemerkt hauptsächlich Kinder aus einer integrierenden Gesamtschule, "Problemschule" hätte man früher gesagt, also wo man denkt, da ist das Taschengeld begrenzt. Aber nein, das ist einfach da, fünf, sechs Euro täglich für Junkfood, vermutlich nach dem Unterricht noch einmal. Und das ist nicht nur ein Phänomen in meinem Wohnort, in einer anderen deutschen Großstadt kann ich das ebenfalls beobachten. Wir hatten ... Ich will jetzt nicht den Opa mit dem erhobenen Zeigefinger geben, aber womöglich erinnern Sie sich auch an Ihre Schulzeit, meine Damen und Herren. Da hatte man eine Brotbüchse – Brotkapsel hieß es bei uns auch – mit belegtem Brot, das man von zu Hause mitgebracht hat. Klar, manche von uns sind auch mal in der großen Pause zu Netto gegangen; "ins Netto" haben wir komischerweise immer gesagt ... Hm? Äh, genau, es gibt auch noch Lidl, Aldi oder Penny ... Aber da hat man sich maximal ein Käsebrötchen geholt. Die Gesellschaft müsste eben nicht nur einfach ein Bewusstsein schaffen, man müsste das Konzept Brotdose wieder einführen, davon ab, dass gesunde Ernährung ... Wenn ich das kurz zu Ende führen darf? Das ist ... selbstverständlich wieder eine andere Baustelle, schön, dass wir uns da einig sind. Worauf ich hinaus will: Hier muss der Staat die Schere ansetzen ... Nein. Nein, das habe ich nicht gesagt. Ich will Familien mit Kindern keineswegs etwas streichen. Jetzt werden Sie unsachlich. Um Bemessungsgrenzen geht es, um Entlastung für hart arbeitende Menschen. Umverteilung eben.

Ob der, der hier spricht, ein Avatar von mir ist oder nur ein Strohmann, verrate ich nicht.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Into the Learoverse

In meinem "Saturday Night Live"-Durchlauf noch nicht gesehener Staffeln war neulich Episode 29x17 dran (10. April 2004). Host war Janet Jackson, ein Gig, der sich hauptsächlich dem Umstand verdankte, dass Amerika während jener unschuldigen Zeit wochenlang über nichts anderes redete als über den Super Bowl nip slip. (Die Älteren werden sich erinnern.) Jacksons Verpflichtung begünstigte aber auch das Zustandekommen eines Sketches, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte: der Parodie einer Sitcom namens Good Times, in welcher die junge Janet Jackson eine wiederkehrende Rolle gehabt hatte. Nebenbemerkung: Wer sich den verlinkten Youtube-Clip anschaut, wird den vor allem aus Curb Your Enthusiasm bekannten Komiker J.B. Smoove entdecken; der hatte sich nämlich als Ensemblemitglied bei SNL beworben, ist dann "nur" im Schreibteam gelandet, war aber hin und wieder vor der Kamera zu sehen, und dies dürfte sein markantester Auftritt gewesen sein.

Ich wollte Näheres über die Serie wissen und erfuhr so allerlei. "Good Times" lief von 1974 bis 1979 in sechs Staffeln auf dem Sender CBS und wurde produziert von Norman Lear. Und dieser Kerl ist nicht weniger als eine Legende. Er wird nächsten Monat 100 Jahre alt und hat in seiner jahrzehntelangen Karriere Formate entwickelt, die aus der amerikanischen Popkultur nicht wegzudenken sind. Dass er auch bei "The Princess Bride" mitwirkte, ist da nur eine Fußnote. Wie es Gevatter Zufall so will, stolperte ich wenige Tage nachdem ich genannte SNL-Folge gesehen hatte, auf die Meldung, dass ein animiertes Reboot von "Good Times" noch dieses Jahr auf Netflix starten soll – produziert vom unermüdlichen Norman Lear! Leider finde ich die Nachricht nicht mehr; die meisten News dazu stammen von 2020 und vermelden, dass sowohl Seth MacFarlanes Produktionsfirma Fuzzy Door als auch der Basketballspieler Steph Curry darin involviert sein sollen.

"Good Times" ist eine in zweifacher Hinsicht typische Lear-Produktion. Erstens war sie für das Sitcom-Genre einigermaßen fortschrittlich insofern, als sie gesellschaftliche Vielfalt abbildete, das durchschnittliche US-Publikum auch vor unangenehmen Themen nicht verschonte und von der Unterhaltungsindustrie oft übersehene Schichten in den Fokus rückte, in diesem Fall eine von Fortuna nicht gerade begünstigte Schwarze Familie aus den projects (Stichwort Cabrini-Green). Dass die Zuschauer in den wilden Siebzigern durchaus offen für solche Stoffe waren, zeigte sich in den herausragenden Quoten, die erst nach Besetzungsänderungen infolge interner Querelen peu à peu einbrachen.

Das zweite Lear'sche Trademark, für das "Good Times" beispielhaft steht, ist sein, Lears, Geschick darin, die Networks zu überzeugen, eine Kuh bis zum Äußersten zu melken, dabei aber regelmäßiger Frischzellenkuren zu unterziehen, wenn mir diese schiefe Tiermetapher gestattet sei. "Good Times" gilt als das erste Spin-off eines Spin-offs der Fernsehgeschichte. Eine der Hauptfiguren in "Good Times" entstammte der Sitcom Maude: Florida Evans (gespielt von Esther Rolle) hatte die beim Publikum überaus beliebte Haushälterin der titelgebenden Maude verkörpert, und auch ihr Mann Henry Evans (John Amos, u.a. bekannt aus den "Prinz aus Zamunda"-Filmen) war schon bei "Maude" aufgetaucht, wurde für "Good Times" dann allerdings in James umbenannt. Er und Lear überwarfen sich nach Staffel 3, was dazu führte, dass die Figur des James aus der Serie geschrieben = off-screen getötet wurde. So was kennt man ja. Etwas befremdlicher dürfte dagegen die Entscheidung gewirkt haben, die 5. Staffel – nach ungehörten Beschwerden der Darstellerin – ohne die Hauptfigur Florida über den Äther laufen zu lassen, bevor diese in der finalen 6. Staffel zurückkehrte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Einschaltquoten jedoch schon im Sinken begriffen.

Man sieht: Hinter den Kulissen war nicht alles eitel Sonnenschein, doch der Erfolg gab dem Prinzip Lear recht. In der TV-Saison 1974/75 hatten drei der zehn meistgesehenen Serien einen überwiegend afro-amerikanischen Cast, und an allen dreien war Norman Lear beteiligt: "Good Times", "The Jeffersons" und "Sanford and Son". Über die letzten beiden sind separat ein paar Worte zu verlieren. Und zwar jetzt.

Sanford and Son brachte es von 1972 bis 1977 auf 136 Episoden in sechs Staffeln. Den ins Ohr gehenden Titelsong dürfte man auch hierzulande schon mal gehört haben. Weniger bekannt ist, dass die Serie ein Remake der BBC-Produktion Steptoe and Son war (8 TV- und 6 Radio-series, zwei Filme, 1962-1976). Norman Lear war Ausführender Produzent und Co-Developer, tauchte aber nie in den Credits auf, was daran gelegen haben mag, dass er mit dieser NBC-Show quasi seine eigene Konkurrenz lanciert hatte, nämlich zu "All in the Family" auf CBS (dazu gleich). Vater Sanford verkörperte die Stand-up-Legende Redd Foxx (warum hat der keinen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag?), den Sohn Demond Wilson (* 1946). Fun fact: An zwei Drehbüchern von "Sanford and Son" war eine weitere Stand-up-Legende beteiligt, nämlich Richard Pryor! 1977 gab es den Versuch eines Spin-offs ohne die zwei Hauptcharaktere: Von Sanford Arms wurden, mit Norman Lear als Consultant, acht Folgen produziert, vier davon ausgestrahlt, die restlichen vier erst im Rahmen einer Wiederholung 1991. Etwas erfolgreicher war Sanford (1980-1981), das wieder Redd Foxx in seiner alten Rolle zeigte (das Fehlen seines Sohnes wurde damit erklärt, dass dieser an der Trans-Alaska-Pipeline mitarbeitete); Lear hatte damit nichts mehr zu tun.

Noch einmal nach Großbritannien. Dort liefen von 1965 bis 1975, zum Teil noch in schwarz-weiß, sieben Staffeln der Serie Till Death Us Do Part. Aufgrund der berüchtigten Wiping-Praxis der BBC – Bänder wurden routinemäßig überspielt oder gelöscht – sind 16 der 54 Episoden verschollen. Großen Einfluss erlangte die Sitcom so oder so, nicht nur in der Heimat: Etliche Remakes erblickten im Ausland das Licht der Welt, darunter die deutsche Kultreihe Ein Herz und eine Seele und in den USA eben All in the Family. Mit dieser Blue-collar-Comedy landete Schöpfer Norman Lear, wenn auch anfänglich eher bei den Kritikern denn beim Publikum, seinen ersten und gleichzeitig epochalsten Hit. Der TV Guide hievte "All in the Family" auf Platz 4 seiner Liste der "50 Greatest TV Shows of All Time", die Writers Guild of America wählte sie zur viertbestgeschriebenen Serie aller Zeiten, und der Sender Bravo kürte die Hauptfigur Archie Bunker zum "Greatest TV Character". "All in the Family" führte fünf Jahre in Folge die Nielsen-Ratings an, das war vorher noch keinem Format gelungen. CBS ließ zwischen 1971 und 1979 insgesamt 205 Folgen in neun Staffeln produzieren und ausstrahlen. (Bemerkenswert: Knapp zwei Jahrzehnte später startete auf diesem Sender mit King of Queens eine ebenfalls über neun Seasons, sogar mit zwei Folgen mehr, laufende Serie, die sich mit "All in the Family" den Schauplatz teilte.)

Die Serie um Carroll O'Connor als bigotten, aber liebenswerten Familienvater war nicht nur quotenmäßig bahnbrechend, sondern auch inhaltlich. Themen, die zuvor als tabu galten, wurden hier regelmäßig zur besten Sendezeit verhandelt, so etwa (ich übersetze die englischsprachige Wikipedia) Rassismus, Antisemitismus, Untreue, Homosexualität, Emanzipation, Vergewaltigung, Religion, Fehlgeburten, Abtreibung, Brustkrebs, der Vietnamkrieg, Menopause und Impotenz. Wohlgemerkt hat man diese heiklen Terrains nicht erst aufmerksamkeitsheischend in späteren Staffeln betreten; die meisten davon spielten bereits in Season 1 eine Rolle. Später wurden auch noch behandelt: Arbeitslosigkeit, Schusswaffenreglementierung, Partnertausch, Kleptomanie, Hassverbrechen, Spielsucht, geistige Behinderung, Organspende, Cross-dressing, häusliche Gewalt, Medikamentenmissbrauch, Depression, Altersdiskriminierung, Sterbehilfe und, das noch als kleines Kuriosum, Behördenchaos durch Computerfehler (im Jahr 1973!). Jawohl, ich habe soeben alle Inhaltsangaben gelesen. Der Humor kam trotzdem nie zu kurz. Für den gigantischsten Brüller – das Live-Publikum lachte so lange, dass die Szene für die Ausstrahlung stark geschnitten werden musste – sorgte Sammy Davis Jr. (ja, von solchem Kaliber waren die Gaststars), der Archie einen Knutscher auf die Wange versetzte.

Mit dem Finale der 2. Staffel wurde dann das erste Spin-off eingeleitet, die Folge "Maude" war der Backdoor pilot für die gleichnamige Serie, nachdem die Figur der Maude in Episode 2x12 als Cousine von Archies Frau Edith Bunker (Jean Stapleton) eingeführt worden war. Bis 1978 sollte Beatrice "Bea" Arthur (später eines der drei Golden Girls) in der Rolle der an Norman Lears damalige Ehefrau Frances angelehnte Maude Findlay schlüpfen. Galt "All in the Family" schon als progressiv, sollte "Maude" im Verlauf ihrer sechs Seasons noch mehrere Schippen drauflegen, womit Unmut in konservativen Kreisen programmiert war. Die zu Beginn 47 Jahre alte, zum vierten Mal verheiratete Maude war eine ultra-liberale Feministin und ging als erste fiktive Person im US-Fernsehen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch unterzieht, in die Annalen ein. Schon in der ersten Staffel, rund zwei Monate vor der wegweisenden Supreme-Court-Entscheidung Roe v. Wade, lief die entsprechende Episode, die zu wiederholen sich Dutzende Affiliates weigerten. Auch von der ersten Staffel an dabei war Haushaltshilfe Florida, die schließlich 1974 ihre eigene Serie erhielt; siehe oben.

Und damit schließt sich der Kreis ... noch nicht ganz: Noch vor Maude, nämlich direkt im Piloten von "All in the Family", wurde der Nachbar der Bunkers, George Jefferson, eingeführt. George und seine Familie verabschiedeten sich in Folge 5x16 ("The Jeffersons Move Up") nach Manhattan. Die Black comedy The Jeffersons konnte sich sagenhafte elf Staffeln lang halten, mit 253 Episoden bis 1985. Weniger Glück war dem Hausmädchen der Jeffersons, Florence Johnston (Marla Gibbs), beschieden, deren Ableger Checking In 1981 nach gerade mal vier Folgen abgesetzt wurde. "The Jeffersons" spielt außerdem im selben Serien-Universum wie E/R (1984-1985, nicht zu verwechseln mit "ER", bei uns "Emergency Room"): Eine der darin vorkommenden Krankenschwestern (Lynne Moody) ist die Nichte von George und Louise Jefferson.

Wenn vorhin der Eindruck entstanden sein sollte, Familie Bunker habe sich "nur" bis 1979 die Ehre gegeben, so stimmt das nicht. Denn angesichts des anhaltenden Erfolgs bestand CBS auf einer zehnten Staffel, während Norman Lear nach dem Motto "Aufhören, wenn es am schönsten ist" einen Schlussstrich ziehen wollte. Der Kompromiss war eine Fortsetzung mit neuem Setting und neuem Titel: Archie Bunker's Place war geboren. Jean Stapleton, die ebenfalls das Gefühl gehabt hatte, die Luft sei raus, ließ sich zu fünf Gastauftritten als Edith Bunker in der ersten Staffel breitschlagen. Ab Season 2 war Archie dann Witwer, Edith war mit einem tödlichen Schlaganfall aus der noch bis 1983 fortgesetzten Reihe gezaubert worden. Die finale, 29. (!) Episode der dritten Staffel stellte dann einen weiteren Backdoor pilot dar, nämlich für Gloria. Darin behauptete sich Archies Tochter (Sally Struthers) 21 weitere Folgen lang als alleinerziehende, von ihrem Partner (Rob Reiner) sitzen gelassene Mutter in Upstate New York.

1994, elf Jahre nach Archies Schwanengesang, wurde Amerika noch einmal in die alte Bunker-Residenz in Queens eingeladen. Das Haus auf der Hauser Street wurde nämlich von Ernie Cumberbatch (John Amos aus "Good Times") und seiner Familie bezogen. Die Serie 704 Hauser, die nach sechs Episoden nicht verlängert wurde, war eine Art "All in the Family" mit umgekehrten Vorzeichen ("A pair of liberal black parents struggles with their conservative son and his white girlfriend"; Wikipedia) und sollte laut Norman Lear ein Zeichen setzen in einer Phase, da reaktionäre Radioformate wie das von Rush Limbaugh fröhliche Urständ feierten – wie auch schon die Radio-Predigten des Antisemiten Charles Coughlin die Initialzündung für den neunjährigen jüdischen Norman gewesen waren, sich zeit seines Lebens auf die Seite marginalisierter Gruppen zu stellen.

Ungefähr zur selben Zeit, da Norman Lear fürchtete, "All in the Family" würde seinen Drive verlieren, nahm er sich vor, auch "Maude" einen Tapeten-, konkret: einen Ortswechsel zu verpassen. Im dreiteiligen Finale der 6. Staffel geht Maude als Kongressabgeordnete nach Washington. Bea Arthur war von dieser Neuausrichtung nicht überzeugt, zumal die Quoten zuletzt ein bescheidenes Niveau erreicht hatten, und ließ sich auf keine Vertragsverlängerung ein. Lear, nach wie vor an das Konzept glaubend, ersetzte kurzerhand die Hauptfigur mit einem afro-amerikanischen Mann (zunächst abermals John Amos, nach "kreativen Differenzen" jedoch Cleavon Little) und realisierte drei Halbstünder von Mr. Dugan. Keine davon wurde gesendet, der Hauptgrund dafür war ein lautstarker Einspruch seitens des Congressional Black Caucus: Die Darstellung des inkompetenten Nachrücker-Politikers Mr. Dugan sei dem Fortkommen der Community nicht dienlich ("The impact would be disastrous"). Lear sah die Bedenken ein, überarbeitete die Drehbücher – jetzt ging es um einen Footballspieler, der über Nacht Präsident einer Hochschule wird – und konnte schließlich im August 1979 die Iteration Hanging In platzieren. Die CBS-Seher hatten kein Interesse daran, auch wenn die zentrale Figur des Lou Harper mit Bill Macy, der ihnen als Maudes Gemahl vertraut war, besetzt worden war. Nach vier Folgen (das scheint die Schicksalszahl zu sein) wurde "Hanging In" gecancelled.

Die gelegentlichen Flops werden durch die Meilensteine, die Norman Lear gesetzt hat, locker aufgewogen. Man kommt an diesem fünffachen Emmy-Gewinner nicht vorbei. Übrigens führt die imdb "All in the Family" unter dem deutschen Titel "Es bleibt in der Familie". Lief die Bunker-Saga womöglich irgendwann synchronisiert im BRD-Fernseh? Ich bin zum Recherchieren zu erschöpft; während ich diesen Beitrag verfasst habe, hätte ich locker "Sanford Arms" und "Checking In" durchbingen können. Dank und Glückwunsch allen, die mir bis hierher gefolgt sind!