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Freitag, 23. Dezember 2022

Mein Kalenderblatt des Jahres

Ich komme immer noch nicht über dieses Kalenderblatt vom August hinweg:


"Zeitenwende" wurde bekanntermaßen zum Wort des Jahres 2022 gekürt. "Zeiten-Lavendel", Quatsch: "Uralt Lavendel" sollte spätestens 2023 Jugendwort des Jahres werden. Mit "toll" würde ich mich aber auch zufrieden geben.

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Kurz notiert: Lass

In der vorletzten Ausgabe von "Aktenzeichen XY ungelöst" lief ein Filmbeitrag über einen Fall vom Anfang der 1990er-Jahre. In einer Szene stand eine Gruppe junger Frauen vor einer Diskothek, und eine von ihnen sagte: "Lass reingehen!" Ich bin mir zu 99 % sicher, dass Phrasen mit "Lass ...!" – man spricht dabei übrigens von einem periphrastischen Adhortativ – damals selbst in den sprachprogressivsten Milieus noch nicht unter Auslassung von "uns" geäußert wurden. Klar: Heute tilgt man sogar bei zwei aufeinander folgenden "uns" gleich alle beide; aus "Lass uns uns treffen" wird immer häufiger "Lass treffen", und bestimmt ist irgendwo im deutschen Sprachraum schon mal der Satz "Lass scheiden!" gefallen.

Bei einer entsprechenden Google-Suche stößt man schnell auf einen Beleg bei Grillparzer, welcher in seinem Trauerspiel "König Ottokars Glück und Ende" von 1825 (!) einmal ein Reflexivpronomen unter den Tisch hat fallen lassen ("Laß uns eignen Wertes freuen"), aber erstens war der Österreicher, zweitens mag das dichterische Freiheit gewesen sein. "Lass"-Sätze ganz ohne "uns" kann ich mir jedenfalls vor (gefühlt) dem Jahr 2005 nicht vorstellen.

Dienstag, 20. Juli 2021

Wie heeßt'n ditte?

Heute hat das Humboldt-Forum in Berlin seine Pforten geöffnet (Eigenschreibweise: ohne Bindestrich). Da das Vorgängergebäude des es beheimatenden Stadtschlosses, der Palast der Republik, im Volksmund "Erichs Lampenladen" genannt wurde, frage ich mich, wie lange es dauert, bis sich auch für das Schloss ein Berolinismus etabliert hat. Ich erwarte einen Spitznamen mindestens auf dem Niveau von "Spree-Scheißhaus" oder etwas ähnlich Ordinäres.

Da auch der junge Hauptstadtflughafen BER noch keine Bezeichnung in "Berliner Schnauze" hat, stelle ich folgende Vorschläge für eine solche zur Diskussion:

  • Die prassende Berta 
  • Wowis Bomberparkplatz 
  • Terminal Teuro 
  • Kaufhaus des Kostens 
  • La Guardia Buletta 
  • Die Wüste Willy 
  • Dröhnendes Spargelfeld

Samstag, 20. Juni 2020

Schmipf und Schnade

Manche Dinge ändern sich nie. Wutkommentare, Hatespeech und Zuschriften empörter Leser kommen anscheinend einfach nicht ohne Fehler aus. Das ist heute so und war 1927 schon so, wie dieser Brief an Karl Kraus zu beweisen möglicherweise geeignet ist:

Aus: Vor der Walpurgisnacht.
Die Falschschreibung von "Dreckfrechling" ist allerdings der Scan-Software geschuldet, nehme ich an. 

Auch inhaltlich und stilistisch nimmt sich das nicht viel im Vergleich zu modernen Textproben. Eine Studie darüber oder eine allgemeine Geschichte des Hasskommentars läse ich gern.

Donnerstag, 8. Februar 2018

Vom Pferd erzählt

Im aktuellen Focus schreibt Helmut Markwort in seinem "Tagebuch":
Überall ist zu lesen, dass das Bundeskriminalamt (BKA) quasi staatliche Trojaner in Handys schmuggelt, um Mitteilungen zu überwachen. In Wahrheit waren die Trojaner die Opfer, und die Griechen waren die Täuscher, die Betrüger. Es ist der größte Propagandaerfolg der listenreichen Griechen, dass die reingelegten, ausgerotteten Trojaner auch zum Symbol für Täuscher werden. Niemand wird je schreiben, das BKA setzt Griechen zur Überwachung ein.
Und warum wohl wird das niemand schreiben, auch der Focus nicht? Weil sonst kein Leser verstehen würde, worum es geht. Mensch, Markwort! "Trojaner" ist einfach eine Verkürzung von "Trojanisches Pferd", das nennt man Sprachökonomie. Die Griechen selbst haben mit dieser Entwicklung nichts zu tun; von "Propaganda" zu reden ist mithin Propaganda.

Freitag, 5. Januar 2018

Brave New Fucking World

Letztes Jahr ist mir aufgefallen, dass in der dritten Staffel der Serie "Fargo" des US-Senders FX wiederholt das Wort fuck zu hören war, was in den anderen Seasons und meines Wissens bei FX-Shows allgemein bis dahin unüblich war. In dem vor kurzem zu Ende gegangenen "American Horror Story: Cult" wurde nun derart oft und derb geflucht, dass ich mich zu recherchieren angespornt fühlte, ob mit der letzten Herbstsaison neue Regularien in kraft getreten seien. 
Dank einem Reddit-Thread weiß ich: Für amerikanische Kabelsender gibt es grundsätzlich gar keine Regularien, im Gegensatz zu Network-Sendern, die sich strikt an die Vorgaben der Federal Communications Commission (FCC) halten müssen. Deswegen darf bei HBO und Showtime auch so beherzt in die verbale Schmuddelkiste gegriffen werden, wie man es etwa von "Game of Thrones" kennt. Warum also die Einschränkungen bei FX? Anders als HBO ist FX kein komplett werbefreier "premium-cable channel"; die Kunden zahlen etwas weniger, der Sender muss sich mit Werbespots querfinanzieren – und die Werbepartner möchte man natürlich nicht mit anstößiger Sprache vergrätzen. Doch seit einzwei Jahren sieht man das anscheinend lockerer: "It's that the standards reflect the times. And in 2016, our collective vocabulary is edgier than ever", heißt es in einem lesenswerten Hintergrundartikel der Chicago Tribune anlässlich einer f-bomb bei "American Crime Story". Die Werbetreibenden sehen oder vielmehr hören also heutzutage schon mal über gesteigertes Rumgefluche hinweg, zumal "given the late time slot and the established audience" (Reddit) bei einer Show wie "AHS". Hinzu kommt: Seit September 2017 können FX-Abonnenten gegen eine Zusatzgebühr die werbefreie Variante "FX+" genießen. FX möchte damit HBO (und auch Amazon & Co.) die Stirn bieten, so die offizielle Begründung für die Einführung dieses Angebots; mittelfristig will man wohl gänzlich von Werbekunden unabhängig sein, welche an Sprache und Inhalt des Programms herummäkeln könnten. Dieselbe Strategie fährt übrigens seit Juni 2017 AMC, deren Hit "The Walking Dead" seit Beginn der aktuellen Staffel ebenfalls nicht länger das F-Wort vermeidet.
Ich finde ja rarer gesäte und damit umso wirkungsvollere Kraftausdrücke reizvoller, interessant ist aber auch die Frage, wie sich die erhöhten dirty-word-Frequenzen in der jeweiligen deutschsprachigen Synchronisation widerspiegeln. Wird jedes fucking mit "verfickt" übersetzt? Das wäre lächerlich, schlampig und unangemessen.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Das G-Wort

Solange ich denken kann, wird das Wort "geil" als saloppes, vor allem jugendsprachliches Synonym zu "toll, stark, schnafte, phat" verwendet. Es ist schlechterdings erstaunlich, dass die leicht anrüchige Note dieses Ausdrucks immer noch nicht verschwunden ist. "'Geilheit' und mehr noch die Adjektivform 'geil' stellen in diesem Zusammenhang populäre umgangssprachliche Ausdrücke dar, deren Gebrauch in offiziellen Zusammenhängen allerdings als vulgär gilt", sagt schon Wikipedia. Üblicherweise wird die Sprachgemeinschaft immer nachsichtiger im Umgang mit derben Wörtern. Wer wollte es einem Altkanzler verübeln, die Härten des Lebens als "Scheiße" zu branden. Doch könnte man sich vorstellen, Helmut Schmidt "geil" sagen zu hören? Schwerlich. Offenbar ist die sexuelle Komponente dieses Adjektivs noch zu sehr im Bewusstsein; immerhin ist laut Duden "(oft abwertend) gierig nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht, sexuell erregt" die Primärbedeutung. (Nummer 2 verweist schönerweise nach wie vor auf die landwirtschaftliche Sphäre – Stichwort "geil gewachsen".)

In der brüllig-prolligen Werbewelt hat man sich freilich an "geil" gewöhnt. Aber wann fing die Vergeilung dieser Welt an? Nicht erst mit dem Technikmarkt Saturn ("Geiz ist geil"). Irgendwann in den 90ern muss es gewesen sein, als ich – selbst noch ein kleiner Bube – eines kleinen Buben im Fernseh gewahr wurde, der (keck flüsternd!) ein Puddingerzeugnis oder was mit dem Prädikat "geil" adelte; und das, wenn ich mich richtig erinnere, nachdem er zuvor von Erwachsenen für die Verwendung des four letter words gerüffelt worden war!

Nur durch einen Buchstaben vom Wort "geil" unterscheidet sich "weil". Eine harmlose Konjunktion, die mich aber gleichfalls als kleiner Bube im Werbezusammenhang zutiefst verwirrte. In einem Danone-Spot äußerte ein Kind über den beworbenen Joghurt: "... weil er ist gesund." Ich konnte nicht fassen, was ich da hörte. Das Blag hätte genauso gut sagen können "... weil gesund er ist", ich wäre nicht weniger stark verletzt worden in meinen grammatikalischen Gefühlen. Ein "weil"-Satz mit Verb in Zweitposition ("V2-Stellung"), das war für mich absolut undenkbar, unsprechbar, unmachbar. Lag es an meiner spezifischen Spracherziehungsbiographie (Vater Sachse, Mutter Pommeranerin)? War "weil" in anderen Teilen Deutschlands (z.B. Danone-Land) schon länger Hauptsatzeinleiterin? Oder hat die Firma Danone aus Marketinggründen angefangen mit dieser Entgleisung, bei der sich mir noch heute die Fußnägel aufrollen? Die Germanistik weiß da bestimmt inzwischen mehr.

Freitag, 24. Mai 2013

Kurz notiert: "Telegrammstil"

Eine oft geäußerte Befürchtung von Sprachpuristen ist die, dass moderne Kommunikationsmedien negative Auswirkungen auf den Sprachgebrauch haben. Konkretes Beispiel: Der typische SMS-Stil werde zunehmend in anderen Medien verwendet und führe dazu, dass die Fähigkeit, korrekte Sätze zu bilden, bald völlig verloren geht.
Einen Gegenbeweis habe ich vor einigen Jahren im Museum für Kommunikation in Berlin entdeckt. Da waren nämlich einige alte Telegramme ausgestellt, und in vielen von denen wurden aus ökonomischen Gründen präfigierte trennbare Verben auch in gebeugter Form zusammengeschrieben! Etwa so: "Eintreffe um 1700" (statt "ich treffe ein") oder "Losfahre am Sonntag". Damals haben die Leute zwar nicht so oft Telegramme verfasst wie heutzutage SMSes, aber wenn die Sprachnörgler recht hätten, würde man derartige Formen auch hin und wieder in historischen Briefen, Romanen etc. lesen. Dem ist aber nicht so. akla? l8er!

Dienstag, 17. Januar 2012

In uneigener Sache

Der Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg führt seit 2003 Online-Erhebungen für einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA)" durch. Soeben ist die nunmehr 9. Runde gestartet, und ich möchte alle Leserinnen und Leser ermuntern, 20 Minuten ihrer Zeit für diese Umfrage zu opfern. Das macht Spaß und ist interessant, zumal es diesmal um "Dialekt-Klassiker" wie das Brathähnchen und die Voranstellung von Artikeln bei Personennamen geht.
Hier ist der Link.
Man beachte auch die Sprachkarten, die aufgrund der zuvor durchgeführten Befragungen erstellt wurden (Links links).