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Montag, 4. Mai 2026

Fragen, die ich mir selbst stelle

Kerosin ist derzeit in aller Munde – also, nicht die Flüssigkeit selbst, sondern das Wort. Woher dieses aber kommt, weiß ich nicht, und ich habe bis heute Morgen noch nie darüber nachgedacht. Hat es was mit den Keren, den griechischen Todesgöttinnen, zu tun? Im Herkunfts-Duden fehlt "Kerosin" leider, aber das verlässliche Wiktionary hilft uns weiter: Demnach geht das Wort "auf den Arzt und Geologen Abraham Gesner (1797–1864) zurück, der 1854 in Nova Scotia (Kanada) aus Kohle eine leicht entflammbare Flüssigkeit gewann. Ein dabei entstehendes wachsartiges Zwischenprodukt, das bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielte, ist der Grund dafür, dass er die Flüssigkeit 'Kerosin' genannt hat; aus altgriechisch κηρός (kēros) → 'Wachs' und dem Suffix -in." Dem griechischen Nomen kann, wer will, noch weiter nachspüren, etwa in Frisks Griechischem Etymologischen Wörterbuch (2. Aufl., 1973), das sich, kurz gesagt, gegen eine ur-indogermanische Wurzel ausspricht und "mit orientalischer Herkunft" rechnet. Im lateinischen cēra (Zerat kenne ich aus dem Kreuzworträtsel!) liegt "wahrscheinlich" eine Entlehnung vor.

Donnerstag, 6. November 2025

Die Quittung gekriegt

Überaus entzückt war ich, als ich neulich diesen portugiesischen Brotaufstrich sah:


Erklärung: Unser deutsches Wort Marmelade ist eine Entlehnung aus ebenjenem portugiesischen Wort marmelada, das auf der Schachtel steht. Das wiederum ist eine Ableitung von marmelo "Quitte" und hat die Bedeutung "Quittenmus". Und genau um dieses Produkt handelt es sich! Marmelada hat sich also die ursprüngliche, enge Bedeutung bewahrt, und Quittenmarmelade heißt eben nicht, analog zu bspw. marmelada de laranja (Orangenmarmelade), "marmelada de marmelo".
Nichtlinguistinnen mögen jetzt mit den Schultern zucken, aber ich kann mich über so etwas freuen wie Bolle.
Geschmeckt hat's übrigens so mittel.

Sonntag, 5. Oktober 2025

Word of the week

Diese Woche im Zusammenhang mit dem Shutdown in den USA ein neues englisches Wort gelernt: furlough. Es bedeutet "jmd. (zwangs)beurlauben", als Substantiv entsprechend "⁠(Zwangs-)Beurlaubung; Freistellung". Auf Häftlinge bezogen kann es mit "Freigang" übersetzt werden. In einem NBC-Newsticker zum Thema, der (Stand: 3. Oktober) mit "Trump and Democrats dig in as federal workers face furloughs" überschrieben ist, kommt das Wort sehr oft vor. Von "hundreds of thousands of government workers who are typically furloughed during a shutdown" ist da die Rede, und in einem Eintrag wird eine galgenhumorige Grußformel unter Regierungsangestellten zitiert: "'Happy furlough!' a staffer wished an arriving member of her team like she would intone a birthday greeting."

Laut Merriam-Webster taucht furlough (als Nomen) erstmals im Jahr 1631 auf. Seine Herkunft ist niederländisch: mittelndl. verlof "Erlaubnis" mit lof : mhd. loube "Erlaubnis" (vgl. er-laub-en und natürlich auch Urlaub: "In der höfischen Sprache der mhd. Zeit bezeichnete [urloup 'Erlaubnis'] dann die Erlaubnis wegzugehen, die ein Höherstehender oder eine Dame dem Ritter zu geben hatte. In der Neuzeit bezeichnet 'Urlaub' die [offizielle] vorübergehende Freistellung von einem Dienstverhältnis". Duden Herkunftswörterbuch).

Samstag, 9. August 2025

Neue Materialien zu Materialien

Dieses Rätsel aus der Wochenend-SZ darf ich hier hoffentlich zeigen, denn ich muss es tun:


Weil es bereits vor mehreren Wochen erschienen ist, erlaube ich mir auch, direkt die Lösung nachzuschicken: Es handelt sich um "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" – und zwar ausgerechnet um vier, die mir bei meinen früheren Gedanken zu diesem Thema nicht einfallen mochten:

- Die Minen von Filzstiften werden kaum noch aus Filz gefertigt.
- Eine Leinwand wird nicht nur aus Leinen hergestellt.
- Strohhalme sind schon lange nicht mehr (aber nach dem Plastikverbot, wer weiß, bald wieder) aus Stroh.
- Beim Bleigießen wird aus Gesundheitsgründen kein Blei mehr geschmolzen (EU-Verbot 2018).

Donnerstag, 8. Mai 2025

Von Bälgern und Wanen

Gestern vorm Einschlafen ist mir doch glatt ein weiteres Anachronym eingefallen: Blasebalg. Die Grundbedeutung von Balg ist zwar eh verblasst – die Hauptbedeutung dürfte heutzutage "freches Kind" sein (wobei auch das schon ziemlich veraltet ist) –, dennoch passt es insoweit in die Liste, als Blasebälge heutzutage "zumeist aus Kunststoff hergestellt" werden. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass z.B. bei Manufactum noch bzw. wieder Blasebälge aus echter Tierhaut zu bekommen sind. Die wenigen, wunderlichen Leute, die einen Blasebalg besitzen wollen, werden doch tunlichst darauf achten, den real deal zu kaufen.

Auf der Suche nach Beispielen für "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind", habe ich mir das Periodensystem der Elemente gegriffen und bin es durchgegangen. Fündig bin ich dabei nicht gefunden, stattdessen musste ich etwas Bemerkenswertes feststellen, nämlich dass bereits mit der Ordnungszahl 23 ein Element auftaucht, von dem ich noch nie gehört hatte: Vanadium. Wie konnte mir das jahrelang entgangen sein? Haben wir in der Schule nie darüber gesprochen, wurde es nicht mal erwähnt? Viel wichtiger: Warum heißt Vanadium Vanadium? Laut der herrlichen Etymologischen Liste der chemischen Elemente benannte der Schwede Nils Gabriel Sefström das Element "nach Freya, der nordischen Göttin der Schönheit, die den Beinamen Vanadis trug". Woher Vanadis kommt, steht dort leider nicht; eine schnelle Recherche ergibt, dass der Beiname "Vanengöttin" bedeutet. Die Etymologie des Göttergeschlechtes der Wanen (altnordisch Vanir, "die Leuchtenden") zu recherchieren, würde mir Spaß machen, ich habe aber gerade keine Zeit dafür.

Übrigens habe ich zweimal bei Google "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" eingegeben. Oben tauchte, wie es seit einiger Zeit üblich ist, ein Block mit Antworten von einer generativen KI auf. Beim ersten Versuch wurden mir als Beispiele "Filme" und "Musik" angeboten, beim zweiten faselte der Bot etwas von geplanter Obsoleszenz. Die "Künstliche Intelligenz" versteht also nicht mal, worauf ich eigentlich hinaus will. Deaktivieren lässt sich der Mist freilich nicht.

Dienstag, 10. Dezember 2024

We Butter the Cheese With Butter

Habe ich schon mal erwähnt, dass meine kurze Notiz über Tyromantie der zweitmeistgelesene Beitrag auf Kybersetzung ist? Ja, habe ich. Heute schlagen wir über einen Umweg erneut den Bogen zu diesem Begriff.

Mir wurde letztens aus heiterem Himmel bewusst, dass ich nichts über die Herkunft des Wortes Butter weiß. Erstaunlicherweise ist das westgermanische Wort für "Butter" (altengl. butere, ahd. butera, niederl. botter) eine Entlehnung aus dem Lateinischen (über vulgärlat. *butira bzw. *butura)! Germanischer Erbwortschatz findet sich lediglich in regionalen und historischen Ausdrücken wie (alemannisch) Anke oder Schme(e)r (auch "Fett"). "Dass die Germanen dennoch ein Wanderwort für Butter entlehnten, dürfte mit einer neuartigen Zubereitungsweise zusammenhängen." (Wiktionary)

Das lateinische butyrum (genauer: būtȳrum) jedenfalls wurde aus dem griechischen boú-tȳrum entlehnt, was sich zusammensetzt aus boús "Rind" und tȳrós "Käse" (jenem Wort, das auch in "Tyromantie" steckt), wobei sowohl das Duden-Herkunftswörterbuch als auch Frisks Griechisches Etymologisches Wörterbuch das Kompositum mit "Kuhquark" übersetzen. So oder so ist es bezeichnend, dass die alten Griechen qua Wortbildung betonen mussten, wenn Käse oder Quark aus Kuhmilch hergestellt wurde. Der Standard war offenbar schon damals Ziegen- oder Schafskäse (Feta!).

Mittwoch, 21. Februar 2024

Ausgewanderte Wörter

Der Sprachreport, das Quartalsmagazin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim (IDS), machte mich in seiner Ausgabe 4/23 auf das Lehnwortportal Deutsch aufmerksam, das vom IDS betrieben wird und aus dem Deutschen entlehnte Lexeme in anderen Sprachen sammelt. Der Artikel ist hier als PDF verfügbar. (Überhaupt kann man sämtliche Sprachreports kostenlos herunterladen; ich möchte die gelegentliche Lektüre auch interessierten Laien empfehlen und nachsetzen, dass der Sprachreport bitte, bitte nicht mit den Sprachnachrichten des infamen Vereins Deutsche Sprache zu verwechseln ist!) Er enthält etliche erhellende, teils amüsante Beispiele für Wörter, die aus dem deutschen in fremde Wortschätze gewandert sind und dort nicht nur als Fremdwort Bestand haben, sondern der jeweiligen Nehmersprache angepasst wurden und mittlerweile als Lehnwörter existieren, deren Herkunft kaum noch auszumachen ist. Exportschlager wie kindergarten und weltschmerz kennt man ja, aber wusstet ihr zum Beispiel, dass das japanische Wort gebaruto aus dem deutschen Gewalt entlehnt wurde und "Staatsgewalt" bedeutet? Am besten gefällt mir, apropos Japanisch, das, was aus "Lumpenproletariat" geworden ist: runpenpuroretariāto.

Samstag, 13. November 2021

Im Märzen der Brauer

Neulich süffelte ich eine Flasche schmackhaften Märzenbieres von Hösl aus dem oberpfälzischen Mitterteich. Märzen trinke ich eher selten, und die Frage, woher die Bezeichnung kommt, hatte ich mir bis dahin nie gestellt. Das rückseitige Etikett versucht sie zu beantworten:


'Mooooment', dachte ich, 'wenn man will, dass das Bier bis zum Sommer hält, kann man es doch einfach später brauen! Beziehungsweise könnte man ja bereits im Februar ein noch stärkeres ansetzen und hätte seine Ruh.' Der Hersteller verschweigt hier freilich einen wesentlichen – in Süddeutschland womöglich allseits bekannten – Fakt: Bier durfte gemäß der bayerischen Brauordnung nur zwischen 29. September und 23. April gebraut werden. Aber weshalb? War das ein pseudo-bibelexegetisch begründetes Willkür-Dekret, wie man es von dem erzkatholischen Albrecht V. nicht anders erwarten würde? Weit gefehlt! Wikipedia: "Grund war die in den Sommermonaten erhöhte Brandgefahr beim Biersieden. Hinzu kam, dass die Herstellung des in Bayern beliebten untergärigen Biers Temperaturen von unter zehn Grad erfordert."

Na, zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Aber auch ein Glück, dass uns das Märzenbier erhalten geblieben ist. Prost!

Mittwoch, 7. April 2021

Wörter unter dem Fernglas

Eine dritte Erklärung ist, dass Friedrich Wilhelm nach dem Dreißigjährigen Krieg für seine Armee schwedische Veteranen als Ausbilder einsetzte. Diese wurden "alte Schweden" genannt, eine Bezeichnung, die im Volksmund bald auf nichtmilitärische Personen übertragen wurde. Eine vierte Erklärung besagt, dass nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges Soldaten der schwedischen Armee von Friedrich Wilhelm für die Ausbildung seiner Truppen akquiriert wurden, die umgangssprachlich als "alte Schweden" adressiert wurden. Diese kumpelhafte Anrede verbreitete sich dann auch außerhalb des Heeres. Eine fünfte Erklärung geht so: Nach dem Dreißigjährigen Krieg bediente sich der Herzog Friedrich Wilhelm ehemaliger schwedischer Soldaten, um preußische Gefreite ausbilden zu lassen. "Alter Schwede" bzw., in der Mehrzahl, "alte Schweden" sagte man zu diesen fremdländischen Militärs. Erklärung Nummer 6 besagt, dass Friedrich Wilhelm nach dem Ende des Dreißigjährigen

Samstag, 4. Juli 2020

Damast-read

Kleines Update zum Beitrag "Realität und Phantastik": In der dritten von George R.R. Martins Heckenritter-Novellen, "The Mystery Knight", kommt abermals ein Wort vor, das es in der Welt von "Eis und Feuer" gar nicht geben dürfte. Ein Kleidungsstück von Lord Butterwell wird beschrieben als "damask tunic", also als eine Tunika aus Damast. Nun geht dieses Wort, wie man sich denken kann, auf den Namen der syrischen Stadt Damaskus zurück (lateinisch Damascus > mittelenglisch damaske; das End-t der deutschen Entsprechung erklärt sich aus einer italienischen Nebenform damasto)*. Wie kann ein Gewebe, das seinen Ursprung in der Welt von uns Lesenden hat, nach Westeros kommen? Eine Entsprechung, eine unabhängige Parallelentwicklung, wie sie in Martins Saga mehrfach vorkommt, könnte ich ja mit Leichtigkeit akzeptieren, aber dann bitte unter einer anderen Bezeichnung!

PS: Ein wenig Googelei fördert zutage, dass die Stelle im Buch, auf die ich mich beziehe, nicht das erste Vorkommen von Damast im Werke GRRMs ist, aber es war anscheinend die erste, an der es mir aufgefallen/-gestoßen ist. In der deutschen Ausgabe ("Der geheimnisvolle Ritter") ist übrigens von "Lord Butterquells feinem Gewand" die Rede, doch taucht vorher das arabischstämmige Wort auch hier auf.

* Erfunden wurde Damast wahrscheinlich nicht in Damaskus selbst: "Während des 12. Jahrhunderts wurde der in Damaskus produzierte Stoff so populär, dass der Stoff den Stadtnamen übernahm." (Wikipedia); "While the fabric, the steel, and the damask rose probably did not originate in Damascus, their long association with the ancient city has nevertheless impressed itself upon the English language." (Merriam-Webster)

Mittwoch, 13. Mai 2020

Von Oldenburg nach Österreich

Im Wikipedia-Eintrag zum Feldschützen findet sich der Satz "Im Großherzogtum Oldenburg war die Funktion der Feldhüter als untere Polizeibedienstete durch eine Instruktion von 1832 verbindend für alle Kirchspiele geregelt." Kirchspiel – diese geistliche Verwaltungseinheit dürfte heute kaum jemand auf dem Schirm haben, doch begegnete mir das Wort just in Usingen (s. Eintrag vom 7.5.2020), auf dem alten Kriegstotengedenkstein vor der Eschbacher Kirche. Das "-spiel" in Kirchspiel hat nichts mit spielen zu tun, sondern mit dem alten Erbwort mit der Bedeutung "Rede" oder "Erzählung", das noch in Beispiel enthalten ist oder im englischen spell wiederklingt.
Länger gehalten hat sich der ebenfalls sehr schöne Name für ein kirchliches Gebiet, nämlich den Wirkungsbereich eines evangelischen Bischofs: Sprengel. Dessen Etymologie ist gut durchschaubar, der Sprengel war das Gefäß zum Vergießen (vgl. "Sprengen") des Weihwassers, mit dem der Geistliche quasi sein Revier markierte. Wurde der Sprengel im preußischen Geltungsgebiet 1815 durch den Bezirk ersetzt, ist er in Österreich noch unter diesem Namen maßgeblich: Der Zählsprengel etwa ist definiert als "das kleinste Gebiet, für das statistische Daten gesondert erhoben werden".
Unter den weltlichen Verwaltungseinheiten im deutschsprachigen Raum gefällt mir der Flecken sehr gut; einer meiner Lieblingstitel von Wikipedia-Listen ist "Liste der Flecken in Niedersachsen". In Niedersachsen führen nämlich nicht weniger als 50 Gemeinden diesen Zusatz. In Hessen gibt es fünf sog. Marktflecken, also Ortschaften, die zwar kein Stadtrecht, aber Marktrecht besitzen, dabei aber keine Marktgemeinden sind. Das Recht, die Bezeichnung "(Markt-)Flecken" zu führen, erlangten manche Ort(steil)e erst spät, Diesburg in Sachsen-Anhalt etwa 1998, das hessische Villmar 2002. Flecken in Österreich gab ausweislich Google Books früher hier und da, heute findet man nur noch ein Dorf, das Flecken heißt (in Tirol). Was genau ein Weiler ist, werde ich ein ander Mal recherchieren, festzuhalten bleibt alldieweil, dass mich die Unkenntnis darüber neulich arg in die Irre geführt hat ...

Dienstag, 7. April 2020

Wort des Monats

Ein schöner, altmodisch klingender Phraseologismus ist in unseren Alltag eingezogen. Die stille Feiung ist das, worauf wir alle hoffen: durch unbemerkten Covid-19-Verlauf immunisiert werden. Der erste Teil ist relativ klar: "Still" oder auch "stumm" ist eine Infektion, wenn sie ohne Symptome erfolgt. Aber was hat es mit der Feiung auf sich? Bekannter als die Substantivierung dürfte das Partizip II des zugrunde liegenden Verbs sein: gefeit, was heutzutage viel öfter im übertragenen Sinne als auf Krankheiten bezogen verwendet wird. Das veraltete Verbum feien (mhd. veinen) bedeutet laut Duden-Herkunftswörterbuch "nach Art der Feen durch Zauber schützen". Darin steckt also tatsächlich die Fee in ihrer älteren Form Fei, beide über das (Alt-)Französische aus dem spätlateinischen Wort Fata (Schicksalsgöttin, vgl. Fata Morgana) zu uns gekommen. Wie unwissenschaftlich!

Donnerstag, 10. Mai 2018

Words of the week

Zwei englische Wörter, die ich in den vergangenen Tagen gelernt habe, möchte ich heute unter die Lupe nehmen: fenugreek und hellebore. Man könnte sich "Fenugreek & Hellebore" gut als Nebenfiguren in einem Shakespeare-Drama vorstellen, doch handelt es sich um zwei Nutzpflanzen.

Fenugreek (Bockshornklee) ist unter anderem aus der indischen Küche bekannt, wo es methi heißt, und verweist, wie man anzunehmen geneigt ist, tatsächlich auf Griechenland. Der lateinische Name lautet Trigonella foenum-graecum; Ersteres bedeutet "kleines Dreieck", Letzteres "griechisches Heu". Fenugreek ist, wie französisch fenugrec und niederländisch fenegriek, eine Verbockshornung, Quatsch: Verballhornung des Epithetons. Im deutschen Sprachraum soll es auch die Volksetymologie Fein Gretchen geben (plattdeutsch Fine Grêt). Der Name Bockshornklee wiederum nimmt Bezug auf die Form der Samenhülsen des Gewürzes.

Ein drolliger Zufall wäre es, wenn hellebore ebenfalls irgendwas mit Griechenland zu tun hätte (Hellas?). Hat es aber nicht. Immerhin die Wortbestandteile sind altgriechisch, wobei nur das Hinterglied klar zu sein scheint: bora "Fraß". Das Erstglied wird an vielen Stellen, z.B. in der englischsprachigen Wikipedia, auf das Verb helein, "töten; verletzen" (auch "nehmen; machen") zurückgeführt, während eines der wichtigsten griechischen etymologischen Wörterbücher (Frisk) die Übersetzung "von Hirschkälbern gefressen" als "wahrscheinlich" ansetzt. In dem Fall wäre das Vorderglied ellós "Hirschkalb". Der deutsche Name des Helleborus, Nieswurz, ist leicht zu durchschauen: "Der Geruch der Inhaltsstoffe führt zu einem starken Niesreiz." (Wikipedia) Ergänzend sei das Grimmsche Wörterbuch zitiert: "deren gepulverte wurzel seit alter zeit als ein starkes niesmittel (gegen wahnsinn) gebraucht wurde und jetzt noch (wie auch in alter zeit) als heftiges brech- und purgiermittel in anwendung kommt, s. [...] Luther 1, 52a (ich darff keine niessenwurtz, hab auch nicht so grosze schnuppen, das ich das nicht rieche)".

Freitag, 2. März 2018

Muss ich denn alles selber machen?

Die Etymologie-Redaktion des Abreißkalenders bleibt weiterhin faul.


Unter "unter der Lupe" stelle ich mir etwas anderes vor. Der Harnisch hieß im Mittelhochdeutschen harnasch, was laut Duden-Band 7 aus altfranzösisch harnais mit der Bedeutung "kriegerische Ausrüstung" entlehnt ist und dies wiederum aus altnordisch *hernest "Heeresvorrat". (Lustig, wie mit manchen Wörtern Pingpong gespielt wird!) Anderswo wurde eine keltische Entlehnung präferiert (kymrisch haiarn "Eisen"), auch das lateinische Adjektiv coriaceus "ledern" wurde ins Spiel gebracht; eine aufregende Detektivarbeit liegt vor einem, wenn man dem Harnisch nachspürt. Auf eine Kalenderseite passt das alles mitnichten, aber zwei-drei Vorformen hätten locker Platz gehabt, gute Güte!
Weiter.


Woher kommt Julius, wovon Julian tatsächlich eine Ableitung ist, möchte man doch wissen! Zugegeben: Auch diese Herkunft ist nicht ganz sicher, Iulius könnte von einem lateinischen Namen für ein Pflanzenteil (iulus) oder vom Namen Trojas (Ilium) über Ilus abgeleitet sein. 

Fazit: Wenn die Faktenlage dunkel ist, soll man das entweder hinschreiben oder sich ein anderes vorzustellendes Wort suchen!

Sonntag, 21. Januar 2018

Kurz notiert: Slalom

Dass sich die Redaktion meines Stamm-Tageskalenders auf dem Gebiet der Wortherkunft noch nie mit Ruhm bekleckert hat, ist bekannt. Dennoch wird die Rubrik "Wörter unter der Lupe" munter und selbstbewusst fortgeführt, und ich muss mich dann über solche Sachen ärgern: "Im Unterschied zu den Disziplinen Skilanglauf und Skispringen ist der Slalom nicht in Skandinavien, sondern in Österreich erfunden worden. Das Wort setzt sich zusammen aus 'sla' und 'lam', was 'steiler Abhang' und 'Skispur' bedeutet."
Der erste Satz suggeriert, dass das Wort wie die Sache eben nicht skandinavischen Ursprungs ist, doch aus welcher Sprache Slalom entlehnt ist, erfahren wir keineswegs ("Österreichisch"?). Wie man jedoch kinderleicht herausfinden kann, entstammt das Wort sehr wohl einer skandinavischen Sprache, nämlich dem Norwegischen. Die Bedeutungsangaben der Elemente scheinen sogar einigermaßen zu stimmen (wobei der zweite Bestandteil korrekt låm lautet).

Samstag, 30. September 2017

Jetzt wird's interessant (naja ...)

Vor vielen Jahren wurde bei "Wer wird Millionär?" folgende Millionenfrage gestellt: "Der zoologische Name der Brillenschlange lautet ...?" Das war, wie ich gerade herausfand, übrigens jene Stufe der Fragenleiter, auf welcher die Kandidatin Meike Winnemuth (genau, die nachmalige und immernochige Stern-Kolumnistin!) nicht weiter wusste und daraufhin mit 500.000 Euro nach Hause ging. Zur Auswahl standen jedenfalls die Antwortmöglichkeiten "A: Oje oje; B: Naja naja; C: Aha aha; D: Soso soso".

Hätte ich die Lösung gekannt? Nun, mit der Pistole auf der Brust hätte ich mich für B entschieden, denn Naja erinnerte mich an ein altindisches Wort für "Schlange", und ist die Brillenschlange nicht in Indien beheimatet? Ich hätte richtig gelegen, der Artname geht letztlich auf nāga zurück, womit diverse Schlangen bezeichnet wurden, speziell aber, so gibt es zumindest das Standard-Sanskrit-Wörterbuch (Monier-Williams) an, die Spezies Coluber naga. Moderne zoologische Enzyklopädien scheinen diese Art allerdings nicht mehr zu kennen, in den Wikipediaeinträgen zur Gattung Coluber (Zornnattern) taucht sie jedenfalls nicht auf, vielmehr heißt es da: "Auf Grund molekulargenetischer Untersuchungen wurde die Gattung Coluber aufgesplittet und umstrukturiert. Die Untersuchungen hierzu sind noch nicht vollständig abgeschlossen." Und: "All Asiatic species of Naja were considered conspecific with Naja naja until the 1990s, often as subspecies thereof. Many of the subspecies were later found to be artificial or composites. This causes much potential confusion when interpreting older literature."

Womöglich weiß die Online-Reptiliendatenbank reptile-database.org mehr? Tut sie. Coluber naga ist demnach ein noch von Linné selbst eingeführtes Synonym zu Naja naja. Wie auch immer: Das bezeichnete Lebewesen ist eine Giftnatter, die man bei uns als "Brillenschlange" oder auch als "Südasiatische Kobra" kennt, im englischen Sprachraum als "Indian cobra" und "Asian cobra", jedenfalls als das Reptil schlechthin, wenn man an Indien denkt. Um noch einmal Wikipedia zu zitieren: "Naja naja is considered to be the prototypical cobra species within the Naja subgenus, and within the entire Naja genus."

Amüsant ist, dass nāga auch "Elefant" heißen kann; in Adolf Friedrich Stenzlers "Elementarbuch der Sanskrit-Sprache" ist dies sogar die einzig angeführte Bedeutung. Erklärung: Es handelt sich um eine Verkürzung aus *nāga-hasta, wörtlich "Schlangenhand", womit der Elefantenrüssel gemeint ist, welcher mit etwas Fantasie an eine Schlange gemahnt. 

Bleibt ein letztes Rätsel: Wieso Naja und nicht Naga? Warum hat Linné das indische -g- zu -j- latinisiert? Auch hier weiß die "Reptile Database" weiter: Das Wort ist nicht direkt von dem altindischen Wort abgeleitet, sondern – warum auch immer – vom singhalesischen Kognat, und dieses heißt naya.

Donnerstag, 7. September 2017

Verschiedenes aus dem Abreißkalender

Nicht nur im Humorbereich ist mein Tageskalender ganz vorne mit dabei! 

Dazu schreibt mir Michael Ziegelwagner: "PARADOX: Manch einer fährt zur Kühlung/ in den windigen Norden/ um sich dort in Fell zu hüllen/ statt sich vor Kälte selbst zu morden."

Morgen ist eure Chance, diese Behauptung einem nussharten Wahrheits-Check zu unterziehen!

Wisst ihr, was ein Blog ist? Nein? Macht nichts, die Kalenderredaktion weiß es auch nicht so genau. Ich lasse das alles mal so stehen, kann es mir gleichwohl nicht verkneifen, wenigstens den letzten Satz zu berichtigen: Das Wort "Blog" setzt sich selbstverständlich zusammen aus "B" und "log".

Bleiben wir in der mystischen Welt der Wortherkunft. To be fair: In Sachen Personennamenerklärung hat sich der Kalender in der Vergangenheit schon gröbere Schnitzer geleistet. Trotzdem: Wie kann man acht Zeilen lang die Bestandteile eines Eigennamens einigermaßen korrekt herleiten, um am Ende eine völlig andere Bedeutung aus dem Hut zu zaubern?

Dienstag, 1. November 2016

Polka-dot-com

Wenn man im deutschsprachigen Google "polka dots" eingibt, wird als Übersetzung "Punktmuster" vorgeschlagen. Das ist meiner Ansicht nach zu unpräzise. Die Punkte in einem Polka-dot-Muster müssen eine gewisse Mindestgröße aufweisen – Ameisenspuren gehen nicht – und einfarbig sein; diese Regeln lassen sich zumindest aufgrund der Google-Bildersuche ableiten. Bierdeckelgroße weiße Punkte auf rotem Grund: So stelle ich mir das prototypische Kleid einer amerikanischen Tänzerin auf einer Fünfzigerjahre-Retroparty vor. Überhaupt schwingt mit der markanten Pungierung jede Menge Zeitkolorit mit, und dementsprechend unspannend ist auch die Etymologie von "polka dots". Die deutsche Wikipedia begnügt sich mit der Auskunft "Die Herkunft des Namens ist ungeklärt; insbesondere ob ein Zusammenhang mit dem gleichnamigen Tanz besteht", die englischsprachige konstatiert hingegen mit Bezug auf das Oxford English Dictionary: "It is likely that the term originated in popularity of Polka dance at the time the pattern became fashionable, just as many other products and fashions of the era also adopted the 'polka' name." Eine schöne Analogie zu dieser einleuchtenden Erklärung gibt die Seite word-detective.com: "There were several items of clothing and even food labeled 'polka' at the time, much as the prefix 'cyber' was slapped on everything from TV news shows to dog food in the mid-1990s. Most of such 'polka' tie-ins disappeared as the dance fad faded. 'Polka dots,' however, survived (as did the polka itself)." Also: Das Aufkommen des Musters fiel in die große Ära des Polkatanzes und war damit einfach "polka" wie so manch anderes aus dem Anfang und der Mitte des 20. Jahrhunderts, etwa "polka jackets, polka hats, even polka gauze", wie Straight Dope zu ergänzen weiß. Ein netter Artikel auf thehairpin.com, der die Geschichte der "polka dots" erschöpfend behandelt, liefert einen alternativen Ansatz: "There is only a tenuous connection between dot and dance, yet surely the two are linked — it’s possible that polka dots reflect the same regulated, short bursts of energy that inflect the polka itself."

Sonntag, 29. November 2015

Wortgeschichte zum Erntedankfest

Eine meiner aktuellen Print-Lektüren ist "The Language of Food" von Dan Jurafsky. Im sechsten Kapitel, welches ich gestern las, ging es zufälliger- und passenderweise um die verwirrende Namensvielfalt des saisonal gefragten Vogels, den man im Englischen mit der Türkei in Verbindung bringt (turkey), im Französischen mit Indien (dinde < "d'Inde"), im Hindi wiederum mit Peru (peru) und im Arabisch der Levante mit Äthiopien (dik habash "äthiopischer Vogel"). Was Truthähne obendrein mit mexikanischer Schokoladensoße und einer Tragödie von Sophokles zu tun haben, kann man bei Bedarf a.a.O. selbst nachlesen. Hierzulande spielt Thanksgiving ohnehin keine Rolle, weswegen ich euch lieber an einem Aha-Erlebnis teilhaben lasse, das ich an einer anderen Stelle hatte.

Das Alte Testament kennt – wie viele Schriften alter Kulturen – Libationsopfer. Die Hebräer nahmen dafür gerne Wein oder ein Getränk namens sheker. Dieses Wort konnte u.a. "Bier" bedeuten und wurde aus dem Akkadischen entlehnt (šikaru), wo es gleichfalls eine Art Bier bezeichnete. Als sicera fand sheker in die Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung des späten 4. Jahrhunderts, Einzug, und auch im Yiddischen lebt es weiter: shikker bedeutet hier "betrunken". Und steckt shikker nicht auch in unserem umgangssprachlichen angeschickert drin? Ja, tut es! Und das finde ich suuupercrazy und wunderschön. Ein älteres Wort, oder präziser: ein Wort in der deutschen Sprache mit noch längerer Historie ist, soweit ich weiß, allenfalls das regional verwendete Semmel, das wahrscheinlich sogar im Sumerischen wurzelt und über die semitischen Sprachen (z.B. arabisch samīd "Weißbrot; Feinmehl", vgl. auch Simit) und das Lateinische (simila "feines Weizenmehl") zu uns gelangt ist.

Das macht Hoffnung: Selbst wenn eine Sprache ausstirbt, haben einzelne Kulturwörter die Chance, auch noch nach Jahrtausenden und in weit entfernten Gegenden der Erde fortzubestehen, wenn auch mehr oder weniger verändert, verformt, verfremdet.

Samstag, 8. August 2015

Realität und Phantastik - ein kleiner Gedanke

Beim Lesen des vierten Bandes von "A Song of Ice and Fire" ist mir etwas aufgefallen. Mehrfach wird dort ein alkoholisches Getränk namens hippocras konsumiert. Der Name dieses gewürzten Weingemischs geht zurück auf den Namen des altgriechischen Mediziners Hippokrates: "wahrscheinlich vorzugsweise auf arzneiliche wirkung berechnet, daher mit dem namen des sprichwörtlich berühmtesten arztes, Hippokrates in mittelalterlicher entstellung versehen", ist z.B. schon im Grimmschen Wörterbuch unter dem Stichwort "Hippokras" vermerkt. Nun spielt George R.R. Martins Fantasy-Epos bekanntermaßen in einer der unseren zwar ähnlichen, aber komplett fiktiven Welt mit eigener Geschichte, Geographie, Mythologie usw. Das Wort "Hippokras"/hippocras ist allerdings ohne seine – in dieser unseren Welt verankerten – Hintergründe nicht les- und vorstellbar. Mich zumindest hat jede Nennung von "Hippokras" gestört. Hippokrates und die europäische Antike überhaupt hat's doch in Westeros gar nicht gegeben!!!

Jedes Fremdwort erzählt eine Geschichte: eine Geschichte von Sprachkontakt und somit vom Kontakt zwischen verschiedenen Völkern. Ein weiteres Beispiel: Das sagenhafte Drachenglas wird in Martins Epos auch als Obsidian bezeichnet, wie jenes Gesteinsglas aus unserer Welt, welches nach dem Römer Obsius benannt wurde (er soll es einst aus Afrika nach Rom importiert haben.)

Nun gut, vielleicht bin ich doppelt anfällig für solche Überlegungen, weil ich erstens, versaubeutelt durch mein Studium, ständig die Herkunft mir unbekannter Wörter hinterfrage und zweitens Deutsch als Erstsprache gelernt habe, weswegen mir in englischsprachigen Texten die Nicht-Erbwörter – und allein der Anteil griechisch-lateinischer Fremd- und Lehnwörter am englischen Wortschatz wird mit Werten um die 50% veranschlagt! – stärker ins Auge stechen. Man kann ja nun nicht verlangen, dass jemand, der phantastische Literatur produziert, wegen ein paar Knallköppen wie mir die Erzählsprache radikal anpasst. Wobei es natürlich ideal wäre, wenn für jede Fantasy-Welt eine eigene Sprache erfunden würde, haha.

In diesem Zusammenhang wird mir auch klar, wie schwierig es sein muss, historische Romane zu verfassen. Bei jeder wörtlichen Rede muss man sich überlegen: "Hat es dieses Wort damals wirklich schon gegeben?" Und das bezieht sich nicht nur auf Bezeichnungen von Dingen, die erst später erfunden wurden, sondern auf läppische Alltagsvokabeln. Hat man etwa im Berlin der 1890er Jahre das Wort "fies" gekannt und benutzt? Das sind so Fragen.

Sind diese (bei 28°C Zimmertemperatur entstandenen) Ergüsse irgendwie nachvollziehbar? Wenn nicht, einfach ignorieren ...