Posts mit dem Label gesetze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label gesetze werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 13. November 2021

Im Märzen der Brauer

Neulich süffelte ich eine Flasche schmackhaften Märzenbieres von Hösl aus dem oberpfälzischen Mitterteich. Märzen trinke ich eher selten, und die Frage, woher die Bezeichnung kommt, hatte ich mir bis dahin nie gestellt. Das rückseitige Etikett versucht sie zu beantworten:


'Mooooment', dachte ich, 'wenn man will, dass das Bier bis zum Sommer hält, kann man es doch einfach später brauen! Beziehungsweise könnte man ja bereits im Februar ein noch stärkeres ansetzen und hätte seine Ruh.' Der Hersteller verschweigt hier freilich einen wesentlichen – in Süddeutschland womöglich allseits bekannten – Fakt: Bier durfte gemäß der bayerischen Brauordnung nur zwischen 29. September und 23. April gebraut werden. Aber weshalb? War das ein pseudo-bibelexegetisch begründetes Willkür-Dekret, wie man es von dem erzkatholischen Albrecht V. nicht anders erwarten würde? Weit gefehlt! Wikipedia: "Grund war die in den Sommermonaten erhöhte Brandgefahr beim Biersieden. Hinzu kam, dass die Herstellung des in Bayern beliebten untergärigen Biers Temperaturen von unter zehn Grad erfordert."

Na, zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Aber auch ein Glück, dass uns das Märzenbier erhalten geblieben ist. Prost!

Samstag, 16. März 2019

Oida!

In einem Wikipedia-Artikel zu einem Indien-spezifischen Thema wurde das Wort, um das es ging, ganz oben in verschiedenen Sprachen aufgeführt, so wie es halt üblich ist. Nach Hindi, Urdu, Nepali, Sanskrit und Marathi stand dort: Odia. Hä, wunderte ich mich, warum habe ich noch nie von dieser Sprache gehört? Das darf nicht sein! Nun gut, in Indien werden über 100 Sprachen gesprochen, aber wenn eine so prominent in einem Artikel auftaucht, sollte ich sie doch kennen.

Des Rätsels Lösung: Odia ist eine Alternative zu Oriya als Transliteration von ଓଡ଼ିଆ und seit der Verabschiedung eines Verfassungszusatzes im Jahr 2011 die offizielle Schreibweise. Analog wurde auch der Name des Staates, in welchem diese Sprache am weitesten verbreitet ist, von Orissa zu Odisha geändert. Ich habe natürlich gleich versucht herauszufinden, woher dieses -r- in den alten Bezeichnungen kommt, und es scheint sich um einen sog. stimmhaften retroflexen Flap als intervokalisches Allophon von -ḍ- zu handeln, grob vergleichbar mit dem "alveolaren Tap" im amerikanischen Englisch, dem r-Sound in der Mitte von better bei einigen Dialekten.

Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich nicht nur Sprachen ändern, sondern auch Namen von Sprachen. Man sollte immer die Augen offen halten.

Sonntag, 30. September 2012

Komm, süßer Tod. Die Todesfaszination Österreichs unter dem Gesichtspunkt seines Strafrechts

"Willst du ein Volk verstehen lernen, musst du dir seine Gesetze ansehen." Dieses Sprichwort, das es möglicherweise gibt, trifft auf Österreich in erhöhtem Maße zu. Insbesondere das Strafgesetzbuch unseres Nachbarn scheint wesentlich detaillierter und spezieller, aber auch schrulliger als das unsere zu sein. Einige Tatbestände haben lediglich andere Bezeichnungen: Betrug heißt "Täuschung", Nachstellung heißt "beharrliche Verfolgung" und Beischlaf zwischen Verwandten heißt "Blutschande". Manches ist aber exquisit, etwa "Sklaverei" (wurde bislang nur einmal angewandt, nämlich auf Josef Fritzl) oder die schönen Vergehen "Kuppelei", "Kurpfuscherei", "Unterschiebung eines Kindes" und "eigenmächtige Heilbehandlung". 
Vor allem zeigt uns das öStGB die fast schon berüchtigte Lust des Österreichers am Morbiden und Düsteren. 
In dem Wikipedia-Artikel "Liste der Delikte des österreichischen Strafgesetzbuches" zähle ich mehr als 50 Paragraphen, die den mittelbaren oder unmittelbaren Tod eines Menschen betreffen:
  • Mord
  • Totschlag
  • Tötung auf Verlangen
  • Mitwirkung am Selbstmord
  • Tötung eines Kindes bei der Geburt
  • Fahrlässige Tötung
  • Fahrlässige Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen
  • Aussetzung mit Todesfolge
  • Körperverletzung mit tödlichem Ausgang
  • Absichtliche schwere Körperverletzung mit Todesfolge
  • Schlägerei mit Todesfolge
  • Tätlicher Angriff mehrerer mit Todesfolge
  • Quälen oder Vernachlässigen unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen mit Todesfolge
  • Überanstrengung unmündiger, jüngerer oder schonungsbedürftiger Personen mit Todesfolge
  • Imstichlassen eines Verletzten mit Todesfolge
  • Unterlassung der Hilfeleistung mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch durch Nicht-Arzt bei Gewerbsmäßigkeit oder mit Todesfolge
  • Schwangerschaftsabbruch ohne Einwilligung der Schwangeren mit Todesfolge der Schwangeren
  • Erpresserische Entführung mit Todesfolge
  • Schwere Nötigung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Gefährliche Drohung mit Selbstmord oder -versuch des Opfers zur Folge
  • Räuberischer Diebstahl mit Tod eines Menschen zur Folge
  • Gewaltanwendung eines Wilderers mit Körperverletzung mit Dauerfolgen (§85) oder Tod eines Menschen
  • Schwerer Raub bei Tod eines Menschen
  • Schwere Erpressung bei Selbstmord oder Selbstmordversuch des Genötigten oder eines anderen
  • Brandstiftung an fremder Sache mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Kernenergie oder ionisierende Strahlen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gefährdung durch Sprengmittel mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Gemeingefährdung mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiger unerlaubter Umgang mit Kernmaterial, radioaktiven Stoffen oder Strahleneinrichtungen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässige Beeinträchtigung der Umwelt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Fahrlässiges umweltgefährdendes Behandeln und Verbringen von Abfällen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliches umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Grob fahrlässiges umweltgefährdendes Betreiben von Anlagen mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Luftpiraterie mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vorsätzliche Gefährdung der Sicherheit der Luftfahrt mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Vergewaltigung bei Tod der vergewaltigten Person
  • Geschlechtliche Nötigung bei Tod der genötigten Person
  • Sexueller Missbrauch einer wehrlosen oder psychisch beeinträchtigten Person bei Tod der genötigten Person 
  • Schwerer sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der vergewaltigten Person
  • Sexueller Missbrauch von Unmündigen bei Tod der genötigten Person
  • Landzwang mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Verbreitung falscher, beunruhigender Gerüchte mit Tod eines Menschen / mehrerer Menschen
  • Quälen oder Vernachlässigen eines Gefangenen mit Tod des Geschädigten
  • Völkermord
Die haben echt an jede Eventualität gedacht! Sogar jemanden in den Selbstmord zu treiben ist strafbar. Nicht alles leuchtet mir als Laie ein. Was z.B. ist der Unterschied zwischen "absichtlicher schwerer Körperverletzung mit Todesfolge" (§ 87 (2)) und "Körperverletzung mit tödlichem Ausgang" (§ 86)? Und überhaupt:
"Warum erweisen sich dann gerade die Österreicher als Experten in Hinscheidefragen? Warum nicht die Deutschen, die viel lieber für ihre hohen Ideen sterben, für Gott, Kaiser, Führer, Volk, Vaterland, Sozialismus, deutsche Freiheit?" (Michael Ziegelwagner - Café Anschluß. Zürich: Atrium Verlag, 2011. S. 99)