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Montag, 16. Juni 2025

Kurz notiert: Laborausfall

Aus meine Lebensumstände betreffenden Gründen komme ich derzeit nur eingeschränkt zum Bloggen, daher heute nur dies: Die Rubrik "Sprachlabor", auf die ich mich hier schon oft bezogen habe, hat in der Samstagsausgabe der Süddeutschen Zeitung gefehlt! Eben blättere ich durch die Wochenendpostillen, freue mich schon, als ich das Ende von Buch 2 der SZ erreiche, jedoch: kein "Sprachlabor". Macht Hermann Unterstöger Urlaub? Ist er krank? In Rente gegangen (er ist Jahrgang 1943)? Dann soll er das doch an der Stelle, an der normalerweise seine Glosse steht, kundtun, z.B. so: "Aus meine Lebensumstände betreffenden Gründen komme ich derzeit nur eingeschränkt zum Kolumnieren." Sollte er selbst nicht dazu in der Lage sein, muss halt jemand Verantwortliches aus dem Haus eine Erklärung abgeben. Das erwarte ich als enttäuschter (und ein wenig besorgter) Leser!

Montag, 6. Januar 2025

Die geschrumpfte Tageszeitung

Heute nehme ich die FAZ vom Samstag in die Hand und denke mir nach einer Weile: 'Hier stimmt doch was nicht. Haben die das Format geändert?'
Tatsächlich, die Ausgabe vom 4. Januar weist deutlich geringere Maße auf als die vom Samstag davor und auch als die von heute, Montag, dem 6. Januar. Dabei ist nicht einfach die Fläche reduziert worden – auch die Schrift ist proportional kleiner. Am unteren Rand der ersten Seite finde ich dann eine "Mitteilung des Verlages: Wegen technischer Schwierigkeiten in einer Druckerei erscheint ein Teil unserer heutigen Auflage ausnahmsweise im etwas kleineren 'Rheinischen Format'." Nun, hoffentlich nimmt das die FAZ-Leserschaft mit rheinischem Humor auf und schickt nicht waschkörbeweise Beschwerdebriefe ("... musste eine Lupe benützen!").


Sollte man dieses Exemplar aufbewahren für den Fall, dass es irgendwann unermesslichen Sammlerwert erlangt?

Dienstag, 4. Mai 2021

Bye-bye, op-ed

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich den Medienterm op-ed kennenlernte. Nun hat die New York Times verkündet, ihre Gastkolumnen bald nicht mehr so zu nennen, sondern "Guest Essays". Der Grund für die Umbenennung liege in der im digitalen Zeitalter nicht mehr nachvollziehbaren Bedeutung von "opposite" – die mir (und vermutlich vielen anderen) aber gar nicht bewusst war! Ich dachte, ein opposite editorial heiße so, weil es eine zum redaktionsinternen Leitartikel gegenteilige Meinung vertritt. Tatsächlich ist das "opposite" aber rein auf die Platzierung bezogen: Das Op-Ed (die Times benutzt die Großschreibung) stand traditionell dem Editorial ("geographically") gegenüber: "It was so named because it appeared opposite the editorial page and not (as many still believe) because it would offer views contrary to the paper’s." Da es in Onlinemedien so eine räumliche Opposition nicht gibt, ist auch der semantische Verweis darauf obsolet.

Bemerkenswert ist der Einschub "as many still believe". Wenn viele so wie ich gedacht haben, könnte man die Bezeichnung doch beibehalten und die Bedeutungsverschiebung vollends sich vollziehen lassen. Das Wort wäre dann eine Analogie oder eine Metapher, wie sie in der Medienwelt häufig vorkommt und die aufzulösen der Leserschaft (zumal jener der New York Times) durchaus zuzumuten ist.

Samstag, 13. Juli 2019

Aufmachertrend Sommer 2019

Für die Nachwelt (die es freilich in ein paar Jahrzehnten nicht mehr geben wird) sei hier festgehalten, was Wochenzeitungen und -zeitschriften derzeit auf ihre Titel packen:
  • Focus, 8. Juni: "Ich mag Fleisch. Ich fliege gern. Ich fahre Auto. 40 Ideen, wie Sie trotzdem klimafreundlicher leben können"
  • Zeit, 11. Juli: "Der Mythos vom Verzicht. Kein Fleisch, kein Flug, kein Auto – der Mensch soll auf immer mehr verzichten. Doch die Enthaltsamkeit des Einzelnen hilft nicht weiter."
  • Spiegel, 13. Juli: "Richtig und gut leben. Die Welt retten, ohne sich einzuschränken – geht das?"
In den jeweiligen Redaktionsstuben möchte man gern mal Mäuschen sein. "Der Leser mag weder Panikmache noch erhobene Zeigefinger. Er will in seinen Handlungen und Meinungen bestätigt und dabei nur ganz sanft erzogen werden. Lasst uns also die Leute dazu ermutigen, im Wesentlichen so weiterzumachen wie bisher, ihnen ein paar leicht umzusetzende Tipps an die Hand geben, und alle fühlen sich wohl!"
Konsequent und schon wieder sympathisch fände ich ein Magazin, das folgenden Kurs einschlägt: "Lachend in den Untergang: Kreuzfahrt, Steak und Monsterjeep – so machen wir uns die letzten Jahre der Menschheit so angenehm wie möglich."

Freitag, 14. September 2018

Word of the week

Positiv an der Ära Trump ist ja, dass man auch als deutschsprachiger Beobachter kontinuierlich und en passant seinen Wortschatz erweitert. Das Wort op-ed habe ich diese Woche gut ein Dutzend Mal gehört, bevor ich es gelesen habe, und jedes Mal verstand ich so etwas wie "Abed" (wie es halt auf gut US-Amerikanisch ausgesprochen wird).
Die New York Times hat ein anonymes op-ed aus der Feder eines "senior officials" in der Trump-Regierung veröffentlicht, Details siehe Medien. Ein op-ed ist ein Meinungsstück, es steht für opposite editorial und lässt sich wohl am besten mit "Gastkommentar" übersetzen. Es ist ein Essay oder auch eine Kolumne mit dem Hauptcharakteristikum, dass es eben nicht aus der eigenen Redaktion kommt und somit ein Gegenstück zu einem Editorial ist und auch sein soll.
Letzte Unklarheiten im journalismus-fachsprachlichen Dschungel beseitigt dieser (englische) Artikel im Des Moines Register.

Sonntag, 26. Februar 2017

Pfennigfuchser auf Reisen

Ich bin gestern viereinhalb Stunden mit dem ICE in der 1. Klasse gefahren und habe dafür dank Bonuspunkte-Upgrade und BahnCard-25-Rabatt nur 21,75 € bezahlt. Dabei ging mir folgende Kalkulation durch den Kopf: Jemand, der gerne mehrere Tageszeitungen liest, legt die Strecke im Grunde kostenlos zurück! Für 1.-Klasse-Reisende liegen nämlich gratis aus: die Süddeutsche (3,40 € am Samstag), die Welt (2,70 € am Samstag) die Bild (0,80 €) und das Handelsblatt (3,40 €). Damit sind wir bei 10,30 Euro, die ein Pressefan womöglich ohnehin ausgegeben hätte. Aber das war's ja noch nicht! Jeder Gast bekam vom Zugbegleiter eine 10-Gramm-Tüte "Haribo Goldbären" und einen "Keks'n Cream Choco" (NEU!) von Leibniz geschenkt. Die Gummibärchen kann man mit 6 Cent veranschlagen, der Doppelkeks kostet circa 15 Cent. Man hätte übrigens auch mehrfach zugreifen können. Die Hälfte des Fahrpreises ist nun schon allein mit Lese- und sonstigem Futter abgedeckt. Weitere fünf Euro sind abzuziehen, weil das Ticket mit der "City"-Option zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Start- und Zielort berechtigt (bei durchschnittlich 2,50 € für eine Einzelfahrt in einer deutschen Großstadt). So, und die restlichen sechs Euro vertrinkt man halt, öffnet einem das 1.-Klasse-Billett doch die Pforte zur zaubrischen "DB-Lounge", wo man sich an Kaffee und Kaltgetränken gütlich tun kann. Dass es seit einer Weile freies Wlan im ICE gibt, habe ich noch nicht mal berücksichtigt.

Dienstag, 31. Mai 2016

Wer ist denn nun der neue Hitler?

Über die Herkunft der Zeile "Er ist wieder da" wird inzwischen überhaupt nicht mehr nachgedacht. In den vergangenen Monaten wurde dieser Buchtitel von verschiedenen Medien aus dem Zusammenhang gerissen und u.a. bezogen auf:

- Heiner Müller (Tiroler Tageszeitung)
- Uli Hoeneß (Welt)
- Thilos Sarrazin (Focus)
- Ossi Huber (Kleine Zeitung)
- Jan Böhmermann (Trierischer Volksfreund, Westfalen-Blatt)
- Lewis Hamilton ("Focus online")
- Yanis Varoufakis (Handelsblatt)
- Patrick Wiencek (Kieler Nachrichten)
- den Schwarzbrauenalbatros (FAZ)
- Lucien Favre ("Spiegel online")
- Benjamin von Stuckrad-Barre (Stern)
- Claus Wilcke ("RP online")
- Christian Kneisel (Märkische Allgemeine)
- Seth Rollins (heute.at)
- Benjamin Köhler (Kicker)
- Freitag den 13. (n-tv.de)


Montag, 2. Mai 2016

Polizeiarbeit at its best


"Ich wiederhole", wiederholte der Pressesprecher vor laufenden Kameras, "dass Herr ‪Böhmermann‬ ab sofort nicht mehr unter Polizeischutz steht. Wir sehen keine Gefährdungslage, wenn der unbewaffnete und an seinem hellbraunen Kapuzenpullover erkennbare Herr Böhmermann am kommenden Donnerstag in Begleitung seiner Familie gegen 10 Uhr den Marienborner Bergweg entlangspazieren wird, um die ZDF-Studios zu besuchen. Eine Kopie der Erklärung, dass der in Köln lebende, 35jährige, ca. 1,90 m große Jan Böhmermann ab sofort komplett von der Polizei ignoriert wird, geht an den Verein Erdoğantreuer Scharfschützen Deutschland e.V."

Mittwoch, 18. Februar 2015

Schlaraffenland

Regionale Gratiszeitungen lasse ich normalerweise links liegen. Das Themenspektrum darin reicht gewöhnlich nur von "Vorschüler begrüßen den Frühling" bis "Immer mehr Langfinger in der Innenstadt!" 
Abgesehen von den teils doch ganz nützlichen Kleinanzeigen machen mich aber hin und wieder die Schlagzeilen neugierig, so etwa auf einer Ausgabe des RheinMain Extra Tipp im März 2012: "Mysteriöser Bund huldigt dem Uhu!" hieß es auf der Titelseite.
Und das verbarg sich dahinter: In einer Burg in Frankfurt-Oberrad sitzt ein Verein namens Schlaraffia Francofurta. Der existiert seit gut 130 Jahren und ist einer von rund 300 Schlaraffia-Vereinen weltweit. Die Mitglieder "rufen 'Lulu'", "verneigen sich vor einem ausgestopften Uhu und sprechen ihre eigene Sprache. Sie trinken kein Bier, sondern 'Quell' und ziehen nicht an der Zigarette, sondern an der 'Luntete'." Ein Geheimbund im engeren Sinne ist das nicht, die typischen Merkmale gibt's trotzdem. Frauen sind verboten, Männer müssen von anderen Mitgliedern erst vorgeschlagen werden, man trifft sich zu "Vorträgen, Musik und angeregter Unterhaltung" und um "Freundschaften zu schließen". Zum Vereinsvorsitz gehört der ehemalige ZDF-Meteorologe und Besitzer von 150 Fliegen (Querbindern) Uwe Wesp. Er erklärt: "Wir pflegen einen tiefgründigen Humor, der zum Schmunzeln anregt."
(Mehr dazu, auch zum sog. Schlaraffenlatein, bei Wikipedia.)

Montag, 3. Juni 2013

Menschen, die in Kameras starren

Bei der Lektüre von Lokalzeitungen fällt einem früher oder später auf, dass es zwei Möglichkeiten gibt, Bürger abzubilden, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist: 
1. Der Bürger hat ein empörendes Schriftstück erhalten. Foto: Der Betroffene schaut mit finsterer Miene in die Kamera und hält das Schreiben in die Linse. Dass man den Inhalt gar nicht lesen kann, ist egal. Bildunterschrift: "Kuno Wuttke ist außer sich: Nach 35 Jahren soll er die Tanne in seinem Vorgarten entfernen, andernfalls droht ihm ein Bußgeld."
2. Der Bürger steht irgendwo (wichtig: trübes Wetter!) und zeigt mit einem Arm auf etwas hinter sich Liegendes. Bildunterschrift: "Rudi Bartsch steht vor dem brachliegenden Feld, das an sein Haus grenzt und seit Monaten verwittert. Eine Eingabe beim Umweltamt soll jetzt helfen, die unansehnliche Fläche zu rekultivieren." Ich hätte ja gerne noch erklärende Skizzen dazu gemalt, aber ich denke, man kann sich gut vorstellen, was ich meine.

Disclaimer: Diesen Minitext habe ich bereits vor zwo'n'halb Jahren geschrieben. Ich musste an ihn denken, als Nerdcore am Sonntag das schöne Tumblr Local People With Their Arms Crossed verlinkte.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Was so alles in deutschen Zeitungen steht (5)

"Schweinchen Pupsi kann fliegen. Für diese richtige Antwort gewinnen Linda Z. aus Hermsdorf, Esther R. aus Großpösna und die Kinder der Gruppe 3 aus der Kindertagesstätte 'Die kleinen Entdecker' in Leipzig eine DVD und Gelsticker von Lillifee. Herzlichen Glückwunsch!"

[Dresdner Neueste Nachrichten, 07./08.11.2009]

Die Nachnamen der Kinder wurden von mir abgekürzt.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Was so alles in deutschen Zeitungen steht (3 + 4)

"Elmstein. Weil ein Mann zum Lesen in den Wald fuhr und eine Spaziergängerin sein Lachen für Schmerzensschreie hielt, ist im Pfälzerwald ein Rettungshubschrauber zum Einsatz gekommen. Die Frau hatte die Polizei alarmiert, da in einem Waldstück [...] ein Mann seit drei Stunden in seinem Auto sitze und schreie. Als die Beamten zum Ort des Geschehens kamen, war auch schon ein Hubschrauber eingetroffen. Wie die Polizei sagte, versicherte der Mann den Rettungskräften, dass es ihm gut gehe. Er genieße die Ruhe im Wald und lese ein lustiges Buch. Deshalb habe er mehrmals laut lachen müssen. Um welche amüsante Lektüre es sich handelte, ist unbekannt."
[Sächsische Zeitung, 07.04.2009]

"Wuppertal. Herzzerreißendes Babygeschrei aus einem Altkleidercontainer hat in Wuppertal zu einem Blitzeinsatz der Polizei geführt. Doch konnten die sieben eingesetzten Beamten nach kurzer Zeit Entwarnung geben. Denn bei der Rettungsaktion stellte sich dann zur Freude aller Beteiligten heraus, dass in dem Container kein Säugling, sondern nur eine lebensgroße Babypuppe entsorgt worden war. Als die Polizisten versuchten, die Puppe mit einem Besen aus dem Sammelbehältnis zu angeln, stellte sich der elektronische Mechanismus auf ein lustiges, erfreutes Kichern um [...]"
[Sächsische Zeitung, 09.04.2009]

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Mit hochrotem Kopf knallte der Hauptkommissar die Zeitung auf den Tisch im Konferenzraum. "Jetzt reicht es langsam!", schnaufte er. "Wir stehen ja da wie ein Haufen von Idioten! Und damit meine ich nicht nur unser Revier! Das ist ein bundesweites Problem. Ich sage es noch einmal mit Nachdruck", – dabei sah er den Obermeister, der das gestrige Sonderkommando 'Babytonne' geleitet hatte, stechend an – "wir werden keine Einsätze mehr aufgrund von Geräuschen durchführen! Wenn uns jemand anruft, weil er etwas Verdächtiges gehört hat, interessiert uns das nicht mehr! Verstanden?" 
Ein schüchterner Neuling meldete sich zaghaft zu Wort: "Aber ... wenn wirklich mal jemand vor Schmerzen schreit, oder wirklich ein Kind ausgesetzt wurde, dann müssen wir doch helfen." – "Papperlapapp!", blaffte der Hauptkommissar. "Wo steht denn das geschrieben?" – "Na, zum Beispiel auf dem Schild vor der Polizeiwache: 'Wir helfen, wenn Sie etwas Verdächtiges hören.'", sagte ein weiterer Anwesender. – "Das Schild sofort entfernen!", wies der Chef an. 
Eine Kollegin betrat das Besprechungszimmer. "Ich möchte ja nicht stören", sagte sie, "aber ein Notruf ist gerade eingegangen. Ein Ehepaar hört seit 15 Minuten Frauenschreie aus dem Nachbarhaus kommen." Der Obermeister erhob sich von seinem Platz. "Was sollen wir tun, Chef?", fragte er. "Soll ich den Befehl ..." – "Hinsetzen!", unterbrach ihn der Hauptkommissar. Mit zusammengepressten Händen sprach er leise, aber bedacht: "Wir werden nichts unternehmen. Gar nichts. Das ist nur der Fernseher."

Montag, 30. Juli 2012

Außergewöhnliche Printprodukte: Der Tintling

Man kann der Jugend von heute vieles vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie sich nicht mehr für Pilze interessiert. Pilzesammeln verbindet man unweigerlich mit den älteren Generationen (typischer Satz: "Wir geh'n in die Pilze."), die jungen Leute lachen höchstens über die Phallusförmigkeit mancher Pilze. Das schwindende Interesse an der Mykologie ist bedauerlich, denn gerade in Mitteleuropa begegnet uns eine faszinierende Vielfalt. Viele Pilze sind essbar und bieten eine überraschend breite Palette an Geschmäckern und Aromen, andere bescheren herrliche Drogenräusche. Faszinierend ist zudem, dass sich das Wissen um diese Lebewesen, die weder Pflanze noch Tier sind, sondern wie z.B. Algen und Brötchen ein eigenes Reich bilden, stetig vermehrt. In einem Pilzbuch von 1965 ist etwa zu lesen: "Bisher hielt man den Kahlen Krempling für eßbar nach genügend langer Zubereitungsdauer; neuerdings wurde jedoch festgestellt, daß er, obwohl sorgfältig zubereitet, nach wiederholtem Genuß ernste Gesundheitsstörungen verursachen kann." Das muss man sich mal vorstellen: Da ist eine gewiss beängstigend hohe Dunkelziffer von Menschen krank geworden, weil im Pilzbestimmungsbuch falsche Angaben standen!

Wer also klärt uns auf über die neuen Trends und Erkenntnisse in der Pilzologie? Nun, in jeder größeren Stadt gibt es Pilzberatungsstellen. Ansonsten hilft Der Tintling, eine zweimonatliche Fachzeitschrift im A5-Format, benannt nach der Gruppe Coprinus sensu lato.
(zur Großansicht der Bilder klicken)


Daran, dass die Aprilausgabe frech mit "April April" ausgewiesen ist, sieht man schon, dass die Pilzling-Redaktion dem ein oder anderen Jokus nicht abgeneigt ist und ihre Zunft nicht immer bierernst nimmt. Sicher, auch hochfachliche Abhandlungen und taxonomische Auflistungen finden sich:


Dazwischen aber immer kleine Albernheiten, etwa wenn es um Genießbarkeitshinweise geht:


Im Tintling geht es oft sehr persönlich zu. Fundberichte kommen als Reiseprosa daher, Leser senden ihre schönsten pilzbetreffenden Erlebnisse ein. So erinnert sich etwa ein Dr. Volkbert Kell aus Rostock an sein "marinbiologisches Praktikum im Mai 1979 am Gestade des Schwarzen Meeres", bei dem u.a. dies passierte: "Schließlich schlich sich ein schon leicht angetrunkener Student auf allen Vieren von hinten an mich heran und teilte mir im Flüsterton mit, dass er mit mir eine vertrauliche Angelegenheit zu besprechen habe. [...] Sein Nachbar, mit dem er seit langem in Fehde lag, hatte einen großen Dobermann, von dem sich unser Held [...] bedroht fühle. Seine Frage: 'Mit welcher Giftpilzmixtur lässt sich solch ein 50 Kilogramm schweres Tier am schnellsten und unauffälligsten beseitigen?' Ich erläuterte ihm die Vor- und Nachteile unserer heimischen Giftpilze für die von ihm vorgesehene Verwendung und riet ihm dann, doch lieber eine massive Keule zu nehmen, sich von hinten an den Hund heranzurobben, so wie es die militärische Ausbildung weltweit vermittelt, und ihm mit gezieltem Schlag die Hypophyse zu zertrümmern." Die Story wird noch wundersamer, denn im Laufe des Abends erzählten immer mehr Studentinnen und Studenten von farblichen Veränderungen ihrer Ausscheidungen und wollten wissen, ob dies an den verzehrten Fundpilzen gelegen haben könnte. "Diese mir mitgeteilten Geschehnisse machten nun auch mich neugierig. Mein Toilettengang bestätigte die gemachten Schilderungen: Braunroter Stuhl, rotgrünger Urin."

Ja, Der Tintling wagt sich auch in unappetitliche Gefilde:


Für den Laien sind Artikel über pustelförmige Parasiten und zerfließende Gallerttränen nicht nur amüsant. Man lernt dabei auch so einiges, und seien es nur neue Wörter wie "grobwarzig", "Blattgallen" oder "Verrottungsimpuls" (ein Substantiv, das bis dato keinen einzigen Googletreffer hervorbringt).

Sehr hübsch auch: das April-Feature "Pilze als Wild-Äsung" ("Bisher wurde der Wildäsung in der Forschung keine wesentliche Aufmerksamkeit geschenkt") oder das große Helmling-Profil ("die überstehende Huthaut und der ranzige Geruch sind weitere gute Merkmale"). In der Tradition des "Playmates des Monats" gibt es einen "Pilz des Monats", außerdem zeigen die ausklappbaren Umschlagseiten ausgewählte Pilzarten, z.B. in Heft 3/2012 die Rettichgeruch-Koralle: "Fleisch im Strunk schmutzigweiß und besonders bei alten Fruchtkörpern oft wässrig marmoriert, knorpelig-elastisch, in den Ästen weißlich und gelatinös".


Nach der Lektüre einer Tintling-Ausgabe weiß man: Die Sprache der Mykologie ist die kraftvollste, körperlichste, bisweilen abstoßendste und sexuell aufgeladenste aller Wissenschaftssprachen. "Die Fruchtkörper werden selten höher als 4 mm und erscheinen weniger hirnartig, sondern mehr flach und wellig bis radialrunzelig. Drüsenwärzchen auf der Oberfläche fehlen oder sind nur spärlich vorhanden." -- "Außer den Drüslingen zählen auch die Dornige Wachskruste, der Zitterzahn und der Rötliche Gallerttrichter zur Ohrlappenpilzverwandtschaft." -- "Sporen feinwarzig-gratig-runzelig, zitronenförmig bis lanzettlich ausspitzend" -- "[D]ie Spermogonien selbst sind im Gewebe der Wirtspflanze eingesenkt und ragen mit feinsten Härchen, die bei Reife ein Sekrettröpfchen absondern, aus der Epidermis (Außenhaut) der befallenen Stellen der Wirtspflanze heraus." -- "Oberfläche jung bläulich-weiß, bald isabell bis hell graubeige nachdunkelnd, trocken, glatt und seidig, nur bei feuchtem Wetter etwas schmierig, bis zur Hälfte abziehbar." -- "Die kalkholde und wärmeliebende Art soll nach Literatur am liebsten im Nadelwald wachsen, fruktizierte aber hier auf einer Schlackenhalde."

Wenn man da nicht Heißhunger auf eine deftige Pilzpfanne kriegt!

PS: Die Tintling-Redaktion hat die zwei mir vorliegenden Hefte an das Büro der Titanic geschickt, mit der Bitte, sich des Themas Pilze anzunehmen, weil dieses viel zu selten in Titanic behandelt wird - was stimmt. Dass ich den Tintling ersatzweise an dieser Stelle würdige, ist dem Einsender, wenn nicht bekannt, so doch wenigstens (hoffentlich) recht.

Samstag, 14. Juli 2012

Ein paar Fundstücke

Eine klassische Lorem-ipsum-Schusselei, gesehen in der Cinema.

Diese spannende Frage stellt die Sächsische Zeitung - mitten im Sommer, wo an kandierte Mandeln und Früchte noch gar nicht zu denken ist.

Diese Programmankündigung, ebenfalls aus der Sächsischen Zeitung, ist ein wenig unglücklich formuliert.

Hier klafft die Bild-Schere gewaltig. Wobei ich mir sicher bin, dass es bereits eine Porno-Parodie auf "Die Eiserne Lady" gibt.

Mit ihrer großzügigen Definition von "beliebt" können mich die neuartigen Werbeeinblendungen auf Facebook nicht überzeugen.

Und hier sehen wir die Nachteile vorproduzierter Online-Texte (entdeckt auf faz.net).

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Menschen, auf die man verzichten kann

In der berüchtigten Rubrik "Herz & Schmerz" der Studentenzeitung caz bin ich diese Woche auf eine besonders bizarre Anzeige gestoßen, die ich in ihrer gesamten Länge (kursiv gesetzt) wiedergeben möchte (alle Fehler wurden beibehalten): 

ER sucht SIE/IHN 
– Das sind schon mal die Allerschlimmsten! "Hey, nur 50% der Weltbevölkerung als potentielle Partner reichen mir nicht, ich will ALLE." Um wen handelt es sich? 
195/85kg/NR/Blond sucht Partner (gerne auch Pärchen) für gemütliche Stunden in meiner geräumigen 2-Z-Wohnung. Ich bin sportlich – Badminton, Golf&Tennis – ein vollblut Workaholic und auch ehrgeizig (240 LP im Erststudium). 
Wow. Wirklich? So etwas schreibt man in eine Partnersuch-Annonce? Streeeeeber! Aber der Typ hat noch mehr zu bieten: 
Spreche fließend Englisch (auch dialekt), kann französisch (Sprache+Anwendung) 
– oh là là! –
und habe diverse Hobbies und Verpflichtungen. Bspw. Admin einer sehr großen Video-Plattform 
(Übersetzung: Hitler-Mod im Porno-Forum)
oder die Fotokunst. 
Jetzt wird's gruselig; jüngere Leser bitte weggucken: 
Ich bin für alles offen – NS + KV nach Absprache – würde aber sehr gern einige Bilder des wunderschönen Abends machen und ggf. auf meiner HP veröffentlichen.
Ich fasse zusammen: Ein baumhoher Besserwisser mit schottischem Akzent lädt Sie in seine Zweiraumwohnung ein, um sich als menschliche Toilette benutzen zu lassen, macht davon Fotos und stellt diese dann ins Internet. Wo ist die Campus-Polizei?

Freitag, 15. Juni 2007

Was so alles in deutschen Zeitungen steht (2)

"Passau. Ein wild gewordenes Eichhörnchen hat in Niederbayern drei Menschen angegriffen und verletzt. Das Tier sprang in Passau durch eine offene Terrassentür und biss eine Frau in die Hand. Dabei schnappte es nach Polizeiangaben so fest zu, dass die 70-Jährige in Panik auf die Straße rannte, wo sie das Eichhörnchen abschütteln konnte. Ein 33 Jahre alter Bauarbeiter wurde das nächste Opfer. Er bekam Kratzer an Hand und Unterarm, konnte sich aber dann wehren. Das nicht tollwutkranke Eichhörnchen flüchtete anschließend in einen angrenzenden Garten und attackierte dort einen 72 Jahre alten Mann, der das Tier schließlich mit einer Krücke erschlug."

[Quelle: Sächsische Zeitung, 14.06.07]

Samstag, 12. Mai 2007

Was so alles in deutschen Zeitungen steht (1)

"Er läuft gern barfuß und trägt am liebsten einen selbst gestrickten Pullover. Seit 1991 zieht Jürgen Wagner, der sich Öff!Öff! nennt, auch mal Öffi rufen lässt, so durchs Land und wirbt für Liebe, Vernunft und globale Verantwortung. Für die Mitmenschen ist er 'der Waldmensch' – seit fast zehn Jahren lebt er unter einfachsten Bedingungen in einem Wald bei Löbau, haust in einer Jurte und ernährt sich von Insekten, Kräutern und Pilzen. Barfuß und im Strickpullover kam Öff!Öff! am Mittwoch auch in die Ernst-Rietschel-Mittelschule in Pulsnitz.
[...] ist der Mann, der heute 43 Jahre alt wird und das Abitur nach eigener Aussage mit 1,0 abgeschlossen hat, unzufrieden damit, wie ihn die Öffentlichkeit sieht: 'Ich finde es schade, dass man mich oft nach meinem Äußeren einschätzt.' Aber ändern würde er sich deshalb nie – selbst wenn er nach der Trennung von Freundin TüTü sein Heim vorerst weiter mit einem Mann teilen muss."

[Quelle: Sächsische Zeitung, 12.05.07.]