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Sonntag, 20. Juli 2025

"Tintling" revisited

Vor einer Weile fand ich in meinem Papiergerümpel eine Postkarte, die zugleich ein Gutschein für ein gratis Exemplar des Tintling war: Man musste sie nur unter Angabe der eigenen Adresse an die Tintling-Redaktion schicken. Das tat ich, und wenig später fand ich Ausgabe 5/2024 der renommierten Pilzzeitung im Briefkasten.


Damit hatte ich die Jubiläumsnummer knapp verpasst, zwei Monate zuvor war Heft Nr. 150 erschienen, und für die zu diesem Anlass eingegangenen Glückwünsche bedankt sich die Herausgeberin in ihrem Editorial: "Das war sehr wohltuend und motivierend, vor allem vor dem Hintergrund meiner derzeit empfindlich angeschlagenen Gesundheit und der damit einhergehenden eingeschränkten Leistungsfähigkeit. Geradezu will es mir so scheinen, als sei mit der magischen 7 vor der Null soeben die Schwelle zum Greisentum überschritten worden."

Ja, Karin Montag verantwortet den Tintling nach wie vor mit Herzblut und Elan im Alleingang. ("Mit Ellenbogenschmalz" hätte ich fast geschrieben, aber das fand ich etwas eklig. Wobei es im Reich der Pilze von Haus aus etwas eklig zugeht, wie wir gleich wieder sehen werden.) Die Gestaltung ist noch immer so liebevoll wie die Texte fachkundig und unterhaltsam sind und die Bildunterschriften amüsant. Und auch die Leserbindung wird gepflegt. Direkt die ganze zweite Seite bekommt ein Pilzfreund zur Verfügung gestellt, der "bei einem Trüffelurlaub in Istrien Ende Oktober 23" einen außergewöhnlichen Fund gemacht hatte: einen Trüffelkalender mit "21 x 30 cm großen Trüffelfotos".

Den Aufmacher bildet der dritte und letzte Teil über "Die Japaner und die Pilze", verfasst von Peter Raff (†). Es geht um die Heian-Zeit (794-1185), um Rätselgedichte und die Pilzküche.


Es folgt ein etymologischer Exkurs über den lateinischen Namen des Wechselfarbigen Dotter-Täublings (Russula risigallina), der im Bereich der Mineralogie, bei Goethe und bei Pseudolatinisierungen endet. Herrlich!

Der französische Botaniker und Mykologe René Maire (1878-1949) wird gewürdigt. Dann kommt die reich illustrierte Folge 2 von "Pilze im Elsass" ("Dachpilze, 2. Teil"), sodann "Abgefallene Winterpilze. Teil 3 – Kernpilze an Maulbeere, Robinie und Vogelbeere" von Hartmut Schubert. "Unter der Rinde" von Maulbeeren, "geradezu unsichtbar, verbirgt sich der Maulbeerkugelpilz (Splanchnomena phorcioides). Wie schon im ersten Teil beschrieben, muss man mit einer möglichst scharfen Rasierklinge einen feinen Schnitt von ein bis zwei Millimeter in der Rinde machen, dann kommen diese Kernpilze zum Vorschein." Und auch an Robinien ist einiges "los":


In der bereits 13. Folge einer Reihe über "Pilze bestimmter Höhenstufen" befasst sich die Chefredakteurin mit einigen Trichterlingen auf Alpenpässen, so etwa mit dem Stinkenden Almen-Trichterling, der "einen fleischockerlichen, stark hygrophanen Hut mit lange eingebogenem Rand" hat. "Er riecht frisch fischig-tranartig, später pilzig-unangenehm". Ein anderer, der Düstere Gebirgs-Trichterling, "riecht nach Scheunenstaub mit fruchtiger Komponente und schmeckt pilzig-banal". Der Beitrag schließt mit Nicht-Makroaufnahmen alpiner Landschaft.


Weiter geht's mit zehn Seiten über "Meinhard Mosers beste Speise-Speierlinge". Jener Herr Moser lobte in einem Buch von 1960 über die Gattung Phegmacium den Geschmack des Büscheligen Schleimkopfs (Cortinarius turmalis), was die Autorin zu einer Bestandsaufnahme weiterer essbarer Schleimköpfe und Klumpfüße beflügelt hat. "Da der Büschelige Schleimkopf [...] der Spitzen-Speise-Schleierling schlechthin zu sein scheint, überlassen wir die fachlichen Feinheiten den Taxonomen und konzentrieren uns hier im Sinne der Themenstellung lieber auf den saarländischen Wahlspruch: 'Hauptsach gudd gess'." Ich muss sagen, dass die gezeigten Vetreter wirklich äußerst schmackhaft aussehen.

Nach einer Anekdote aus dem Nachlass eines im Mai 2024 verstorbenen Pilzberaters betreten wir die Welt der Zwerg-Seitlinge (Resupinatus). Auch hier spannende Erläuterungen zu Nomenklatur und Wortherkunft. Ein Kreuzworträtsel ("Pilzworträtsel") dient der Zerstreuung, bevor mit Folge 43 der "Pilzwortsammlung", diesmal: "von Schmückendem und Geschmücktem", der Hauptteil dieser Ausgabe beschlossen wird. Vorgestellt werden Arten, die namentlich und/oder physiologisch etwas mit Schmuck zu tun haben; so begegnen uns der Armbandpilz, der Bernsteinstielige Häubling, der Geschmückte Glockenschüppling, aber auch das Polster-Schönauge und der Smaragdgrüne Eichenbecherling.


Im Nachrichtenblock am Ende der Ausgabe lesen wir von einem Streit darüber, ob der Amethystfarbene Lacktrichterling giftig oder essbar ist (tendenziell ja, wegen seines Anteils nicht-organischen Arsens). Außerdem wird der Absturz einer 74-Jährigen beim Schwammerlsuchen im Inntal vermeldet ("Pilzsammeln in Österreich scheint gefährlicher zu sein als sonstwo."). Wir erfahren zudem, dass zwei US-Pilzsammler im Süden des Steinernen Meeres in Bergnot geraten waren. Es wird auf das Programm "Schwammerl sind unsere Rettung" der bayerischen Kabarettistin Luise Kinseher sowie auf das Sachbuch "Stammen Pilze aus dem All?" hingewiesen. Fazit: 100 Seiten Pilzspaß und -ernst vom Feinsten!

Freitag, 2. Januar 2015

Mit den Pilzen durchs Jahr (Neues vom "Tintling")

Schon im August 2014 schickte Chefredakteurin Karin Montag persönlich und freundlicherweise Ausgabe 89 ihres Magazins Der Tintling in das Büro, in dem ich arbeite. Zwischenzeitlich sind zwei weitere Nummern erschienen, doch ich möchte es nachholen, das nämliche Heft 4/2014 kurz vorzustellen.


Das Heft steht zwar nicht, wie das Cover vermuten lässt, im Zeichen des Fliegenpilzes, aber immerhin befindet sich im Heftinnern eine aktuelle Auflistung aller Schweizer und deutschen Laboratorien, die Amanitin bestimmen können; außerdem gibt es ein Pilzpostkarten-Special zum Thema Romantik, in welchem auch Fliegenpilze abgebildet sind. Weitere Highlights:

- Teil VIII von "Pilze und Gallen" – Urpilze (darin geht's u.a. um Protomyces-Befall am Giersch)
- die neue, sehr gute Serie "Debütantenstadl". Teil 1: Die Form des Hutes. Man findet eine Übersicht aller geläufigen Formen von Hüten (fälschlicherweise oft "Kappen" genannt), von "zipfelmützenförmig" über "gefaltet-verbogen" bis "kegelig-geschweift"
- ein Artikel über den Gallenpilz Tremella fuciformis ("Weißes Wolkenohr", "Silberohr" etc.) mit besonderer Berücksichtigung seiner kulinarischen Verwertbarkeit (z.B. Paprika, gefüllt mit Wolkenohren und dickflüssigem Teig aus Mehl von Kichererbsen, Hallimaschpulver, Speck und Zwiebeln, Kreuzkümmel und Koriander)
- ein "pilzliches Kreuzworträtsel"
- ein Bericht von Dr. Volkbert Kell (†) darüber, wie dieser in den 1980er Jahren "dank" Pilzbefall seine DDR-Wohnung verlassen musste und durch "Beziehungen" eine neue, bessere fand
- das Editorial, in dem die neue japanische Offset-Druckmaschine für den Tintling vorgestellt wird

Das Beste an dieser Ausgabe war jedoch das beigelegte Gimmick "Der kleine PuKK" (Pilz- und Kräuter-Kalender), ein Zweiwochen-Wandkalender, der mit saisonaler Relevanz über Wald- und Wiesenfundstücke informiert. Er ist hübsch bebildert und enthält neben gelegentlichen Rezeptanregungen QR-Codes mit Hintergrundinfos zu sämtlichen behandelten Pflanzen und Pilzen ("direkte Verbindung zur Onleine"). Fazit: wieder ein sehr gelungenes Heftchen!


Montag, 30. Juli 2012

Außergewöhnliche Printprodukte: Der Tintling

Man kann der Jugend von heute vieles vorwerfen. Zum Beispiel, dass sie sich nicht mehr für Pilze interessiert. Pilzesammeln verbindet man unweigerlich mit den älteren Generationen (typischer Satz: "Wir geh'n in die Pilze."), die jungen Leute lachen höchstens über die Phallusförmigkeit mancher Pilze. Das schwindende Interesse an der Mykologie ist bedauerlich, denn gerade in Mitteleuropa begegnet uns eine faszinierende Vielfalt. Viele Pilze sind essbar und bieten eine überraschend breite Palette an Geschmäckern und Aromen, andere bescheren herrliche Drogenräusche. Faszinierend ist zudem, dass sich das Wissen um diese Lebewesen, die weder Pflanze noch Tier sind, sondern wie z.B. Algen und Brötchen ein eigenes Reich bilden, stetig vermehrt. In einem Pilzbuch von 1965 ist etwa zu lesen: "Bisher hielt man den Kahlen Krempling für eßbar nach genügend langer Zubereitungsdauer; neuerdings wurde jedoch festgestellt, daß er, obwohl sorgfältig zubereitet, nach wiederholtem Genuß ernste Gesundheitsstörungen verursachen kann." Das muss man sich mal vorstellen: Da ist eine gewiss beängstigend hohe Dunkelziffer von Menschen krank geworden, weil im Pilzbestimmungsbuch falsche Angaben standen!

Wer also klärt uns auf über die neuen Trends und Erkenntnisse in der Pilzologie? Nun, in jeder größeren Stadt gibt es Pilzberatungsstellen. Ansonsten hilft Der Tintling, eine zweimonatliche Fachzeitschrift im A5-Format, benannt nach der Gruppe Coprinus sensu lato.
(zur Großansicht der Bilder klicken)


Daran, dass die Aprilausgabe frech mit "April April" ausgewiesen ist, sieht man schon, dass die Pilzling-Redaktion dem ein oder anderen Jokus nicht abgeneigt ist und ihre Zunft nicht immer bierernst nimmt. Sicher, auch hochfachliche Abhandlungen und taxonomische Auflistungen finden sich:


Dazwischen aber immer kleine Albernheiten, etwa wenn es um Genießbarkeitshinweise geht:


Im Tintling geht es oft sehr persönlich zu. Fundberichte kommen als Reiseprosa daher, Leser senden ihre schönsten pilzbetreffenden Erlebnisse ein. So erinnert sich etwa ein Dr. Volkbert Kell aus Rostock an sein "marinbiologisches Praktikum im Mai 1979 am Gestade des Schwarzen Meeres", bei dem u.a. dies passierte: "Schließlich schlich sich ein schon leicht angetrunkener Student auf allen Vieren von hinten an mich heran und teilte mir im Flüsterton mit, dass er mit mir eine vertrauliche Angelegenheit zu besprechen habe. [...] Sein Nachbar, mit dem er seit langem in Fehde lag, hatte einen großen Dobermann, von dem sich unser Held [...] bedroht fühle. Seine Frage: 'Mit welcher Giftpilzmixtur lässt sich solch ein 50 Kilogramm schweres Tier am schnellsten und unauffälligsten beseitigen?' Ich erläuterte ihm die Vor- und Nachteile unserer heimischen Giftpilze für die von ihm vorgesehene Verwendung und riet ihm dann, doch lieber eine massive Keule zu nehmen, sich von hinten an den Hund heranzurobben, so wie es die militärische Ausbildung weltweit vermittelt, und ihm mit gezieltem Schlag die Hypophyse zu zertrümmern." Die Story wird noch wundersamer, denn im Laufe des Abends erzählten immer mehr Studentinnen und Studenten von farblichen Veränderungen ihrer Ausscheidungen und wollten wissen, ob dies an den verzehrten Fundpilzen gelegen haben könnte. "Diese mir mitgeteilten Geschehnisse machten nun auch mich neugierig. Mein Toilettengang bestätigte die gemachten Schilderungen: Braunroter Stuhl, rotgrünger Urin."

Ja, Der Tintling wagt sich auch in unappetitliche Gefilde:


Für den Laien sind Artikel über pustelförmige Parasiten und zerfließende Gallerttränen nicht nur amüsant. Man lernt dabei auch so einiges, und seien es nur neue Wörter wie "grobwarzig", "Blattgallen" oder "Verrottungsimpuls" (ein Substantiv, das bis dato keinen einzigen Googletreffer hervorbringt).

Sehr hübsch auch: das April-Feature "Pilze als Wild-Äsung" ("Bisher wurde der Wildäsung in der Forschung keine wesentliche Aufmerksamkeit geschenkt") oder das große Helmling-Profil ("die überstehende Huthaut und der ranzige Geruch sind weitere gute Merkmale"). In der Tradition des "Playmates des Monats" gibt es einen "Pilz des Monats", außerdem zeigen die ausklappbaren Umschlagseiten ausgewählte Pilzarten, z.B. in Heft 3/2012 die Rettichgeruch-Koralle: "Fleisch im Strunk schmutzigweiß und besonders bei alten Fruchtkörpern oft wässrig marmoriert, knorpelig-elastisch, in den Ästen weißlich und gelatinös".


Nach der Lektüre einer Tintling-Ausgabe weiß man: Die Sprache der Mykologie ist die kraftvollste, körperlichste, bisweilen abstoßendste und sexuell aufgeladenste aller Wissenschaftssprachen. "Die Fruchtkörper werden selten höher als 4 mm und erscheinen weniger hirnartig, sondern mehr flach und wellig bis radialrunzelig. Drüsenwärzchen auf der Oberfläche fehlen oder sind nur spärlich vorhanden." -- "Außer den Drüslingen zählen auch die Dornige Wachskruste, der Zitterzahn und der Rötliche Gallerttrichter zur Ohrlappenpilzverwandtschaft." -- "Sporen feinwarzig-gratig-runzelig, zitronenförmig bis lanzettlich ausspitzend" -- "[D]ie Spermogonien selbst sind im Gewebe der Wirtspflanze eingesenkt und ragen mit feinsten Härchen, die bei Reife ein Sekrettröpfchen absondern, aus der Epidermis (Außenhaut) der befallenen Stellen der Wirtspflanze heraus." -- "Oberfläche jung bläulich-weiß, bald isabell bis hell graubeige nachdunkelnd, trocken, glatt und seidig, nur bei feuchtem Wetter etwas schmierig, bis zur Hälfte abziehbar." -- "Die kalkholde und wärmeliebende Art soll nach Literatur am liebsten im Nadelwald wachsen, fruktizierte aber hier auf einer Schlackenhalde."

Wenn man da nicht Heißhunger auf eine deftige Pilzpfanne kriegt!

PS: Die Tintling-Redaktion hat die zwei mir vorliegenden Hefte an das Büro der Titanic geschickt, mit der Bitte, sich des Themas Pilze anzunehmen, weil dieses viel zu selten in Titanic behandelt wird - was stimmt. Dass ich den Tintling ersatzweise an dieser Stelle würdige, ist dem Einsender, wenn nicht bekannt, so doch wenigstens (hoffentlich) recht.