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Donnerstag, 26. März 2026

Die Milch ist based

Speaking of Verpackungsärger: Schon beim Frühstück wurde ich heute in Harnisch gebracht! Auf dem Milchtetrapak lese ich: "Bio Getränk auf fermentierter Haferbasis".

Es geht mir nicht um das (von mir ohnehin nur ungern so bezeichnete) Deppenleerzeichen, sondern um die "fermentierte Haferbasis". Basis kann doch nicht fermentiert werden! Gemeint ist vermutlich "Getränk auf Basis von fermentiertem Hafer". Auf französisch haben sie's richtig gemacht. "Boisson bio à base d'avoine fermentée" steht unter der deutschsprachigen Beschreibung des Lebensmittels.

Die köstliche Wendung "in Harnisch bringen" habe ich übrigens dem Duden-Band 8, "Sinn- und sachverwandte Wörter und Wendungen" (Ausg. von 1972), entnommen. Auf den Reiz von Synonymwörterbüchern wurde ich erst gestern gebracht, als es an mehreren Stellen in Gerhard Henschels "Großstadtroman" darum ging. In meinem Büro habe ich fast sämtliche Duden-Bände stehen, also warum diese nicht regelmäßig nutzen? Im Grammatik-Duden immerhin (Band 4) verliere ich mich mindestens einmal pro Monat. An Grammatikbüchern habe ich sowieso einen Affen gefressen (danke, Synonymwörterbuch!), und die deutsche Grammatik überrascht mich immer wieder mit ihren Details, Feinheiten und wenig bekannten Sonderfällen. Man wünscht sich, Produkttexter würden sich öfter damit beschäftigen.

Freitag, 6. März 2026

Heute ist Gegenteiltag

Ein Wunder eigentlich, dass die Gesellschaft zur Stärkung der Verben hier im Blog so gut wie gar keine Rolle spielt(e) – eine Erwähnung am Rande findet sich in einem Beitrag aus dem Juli 2024 –, trieb ich mich doch in großen Teilen der Nullerjahre (aka der Zeit des guten Internets) nahezu täglich in ihrem Forum herum und begrüße die so reflektierte wie selbstironische Arbeit der sprachaffinen Knallköpfe noch immer. Aktiv beteiligt habe ich mich im GSV-Board zwar selten (zwischen 2006 und 2010 verfasste ich 26 Beiträge), ich lurkte (lork?) lediglich als stiller Leser, dies aber sehr gern und intensiv.

Inzwischen ist die Gesellschaft in das Projekt Neutsch aufgegangen bzw. mit diesem vereint bzw. hat dieses als Neben- oder Überschauplatz ins Leben gerufen; ich muss mich bei Gelegenheit mal auf den neuesten Stand bringen. Jedenfalls habe ich diese Woche ungeplant und indirekt zum Anwachsen des neutschen Wortschatzes beigetragen. Auf Bluesky postete ich nämlich folgenden bildungstümelnden Schmunzelbeitrag: "Warum heißt es nichteuklidisch und nicht dysklidisch?" Der User "Texttheater" erachtete diese Gegenteilschöpfung einer Aufnahme in die Liste bisher fehlender Antonyme für würdig. Und dort steht sie nun.

Da ich weiß, dass der als Kilian E. bekannte @texttheater hin und wieder auf Kybersetzung vorbeischaut, möchte ich der GSV ein weiteres neutsches Antonym vorschlagen: "sich entlieben" als Gegenteil von sich verlieben. Na?

Donnerstag, 7. August 2025

Leisten muss sich wieder lohnen

Jedes Mal, wenn jemand in meiner Gegenwart "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" sagt, denke ich: "Es heißt 'deinem Leisten'!" (aber verkneife mir natürlich jedweden Kommentar). Es ist eines dieses Sprichwörter, deren Aussage jeder begreift, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch kaum noch verstanden oder hinterfragt wird. Bei Schusters Leisten geht es jedenfalls nicht um schmale Bretter, sondern um den Leisten, eine "aus Eisen oder Holz hergestellte Nachbildung des Fußes, die für die Anwendung und Reparatur von Schuhen verwendet wird" (Duden, Bedeutungswörterbuch).

Letzte Woche war ich in der Frankfurter Stadtbücherei, und da lag im Bereich Fremdsprachige Literatur tatsächlich schon der neue Stephen King aus, "Never Flinch" (deutsch: "Kein Zurück"). Ich stürzte mich sofort ins Lesevergnügen und stieß auf folgende interessante Stelle im ersten Kapitel:

"This is not my business. Shoemaker, stick to thy last."
One of her father's sayings. [...] What is a shoemaker's last, anyway? She has no idea and quashes the urge to google it. She does know what her last is: [...]

Let me google that for you, Holly: Der last ist nicht das Letzte, sondern das (natürlich etymologisch verwandte) Pendant zum Leisten: "a form (as of metal or plastic) which is shaped like the human foot and over which a shoe is shaped or repaired". Bei Merriam-Webster, wo ich die Definition herhabe, ist sogar eine Illustration dieses Handwerkerutensils zu sehen.

Mir war nicht klar gewesen, dass es eine englische Entsprechung zu dem deutschen Spruch gibt. In der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte findet sich der Grund für die überregionale Verbreitung: "Der römische Historiker Plinius der Ältere erzählt vom Maler Apelles, dass er von einem Schuster darauf hingewiesen wurde, er habe auf einem Bild einen Schuh nicht richtig gemalt. Apelles verbesserte daraufhin das Bild. Als der Schuster nun noch mehr an seinem Bild kritisierte, rief er ärgerlich aus: 'Ne sutor supra crepidam!' 'Schuster, nicht über die Sandale hinaus!'"

In diesem Moment wird mir klar, dass "Schuster, bleib bei deinen Leisten" ja genau so korrekt ist wie die Variante mit "deinem Leisten", weil Singular und Plural formgleich sind. Ha! Bei Wikipedia steht denn auch: "Meist wird dieses Sprichwort jedoch in der Mehrzahl gebraucht ('Schuster, bleib bei deinen Leisten'), was mindestens ebenso sinnvoll ist, da ein Schuster nicht nur einen Leisten, sondern viele verwendet (rechte und linke Schuhe, verschiedene Schuhgrößen etc.)." Im Englischen scheint jedoch last und nicht lasts üblich zu sein.

Mittwoch, 21. Mai 2025

Die Schönheit von Sprachunfallprotokollen

Gelegentlich schäme ich mich ein wenig dafür, aber ich habe eine diebische Freude daran, wenn in Literaturkritiken einem Autor / einer Autorin stilistische Fehler, schlechte Recherche und allgemeine Gedankenlosigkeit nachgewiesen werden. Solche Textarbeit ist natürlich im Umfeld der Neuen Frankfurter Schule besonders populär: Stefan Gärtner nimmt sich auf seiner Konkret-Doppelseite "Kunst & Gewerbe" regelmäßig schlechte Schreibe vor, Michael Ziegelwagner hat in mehreren Artikeln seine bejubelte Landsmännin Raphaela Edelbauer – stets auf Grundlage sauberer Zitatlese – abgewatscht, und unvergessen sind Bernd Eilerts Fritz-J.-Raddatz-Erledigungen.

Besonders freue ich mich, wenn sich an einer Stelle, mit der ich nicht gerechnet hätte, an überschätzten Geistesmenschen abgearbeitet wird. Jürgen Kaubes kolumnistische Senge gegen den neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (dessen Flitzpiepigkeit Hans Mentz bereits 2012 erkannt hat) ging vor ein paar Wochen viral (hinter der FAZ-Paywall nachzulesen), und heute zauberte mir Juliane Liebert ein breites Grinsen ins Gesicht. Im Süddeutsche-Feuilleton vom 20. Mai ließ sie sich über den neuen Roman des "Wunderkindes" Ocean Vuong wie folgt aus:

Im ersten Kapitel unternimmt Vuong eine literarische Kamerafahrt über Gladness, den Schauplatz des Buches, eine ausgedachte amerikanische Kleinstadt. Das Kapitel ist offenbar dazu zu gedacht, dem Leser die Sprachgewalt Vuongs zu demonstrieren – immerhin ist Vuong ursprünglich Dichter. Aber je heftiger er Sprachgewalt performt, desto unangenehmer wird es.
Da gibt es "Veteranen, die von sämtlichen nur denkbaren Schlachtfeldern nach Hause kommen (...) ehe sie in verqualmte Zimmer zurückschlurfen, wo kleine Fernseher, so groß wie Menschentorsos, sie in Schlaf lullen." Ohne kleinlich zu sein: Welcher kleine Fernseher hat denn bitte die Größe und das Format eines Menschentorsos? Zwei kleine Fernseher nebeneinander könnten Menschentorso-breit sein, oder ein Kindertorso, wenn man gnädig ist. Aber wozu?
Oder: "Am anderen Ende des Grundstücks liegt die vor einer Woche geborgene Abwrackkarre, die Augenhöhle gefüllt mit warmem Coca-Cola, das Werk eines Jungen, der sein Getränk auf dem Heimweg von der Schule aus Langeweile in dieses endlose Dunkel blinder Blicke geschüttet hat." Schmissig, schmissig, aber warum hat das arme Auto nur eine Augenhöhle, warum versickert die Cola darin nicht, und womit haben wir "das endlose Dunkel blinder Blicke" verdient?
Kaum hat man sich von dieser elaborierten Schwülstigkeit erholt, legt Vuong nach: "Trotz dieser Hitze wächst alles Grün, als gelte es, die Winterödnis wiedergutzumachen, üppiges Moos zwischen den hölzernen Schwellen, sodass es bei einem bestimmten Einfallswinkel von sattem Licht wie Algen wirkt, als wäre die Gletscherflut über Nacht wiedergekehrt und wir wären endgültig geworden, was zu werden uns schon immer bestimmt war: biblisch." Im Ernst, biblisch? Das ist prätentiöser Kitsch durch und durch, egal, wie viele Auszeichnungen man draufklebt.
Alles an Ocean Vuongs Sprache ist nicht bloß pathetisch, sondern parfümiert sinnlich, immer drei Stufen zu hoch. Als läge seine Welt zwischen sozialkritischem Melodram und Achtzigerjahre-Erotikfilm. Die Metaphern sind zu 90 Prozent beliebig, knapp dran vorbei, schief zu sein, aber sie haben auch keine semantische Zündkraft.

Hahaha! In derselben Ausgabe gab es übrigens auch eine – leider etwas zahnlose – "Begegnung mit dem Dark Lord des deutschen Debattenzirkus" Ulf Poschardt.

Eine meiner All-time-Lieblingszerpflückungen ist Peter Dierlichs Jungle-World-Beitrag "Zwischen den Mauern des Schluckaufs" aus dem Jahr 2008 über Martin Mosebachs Roman "Ruppertshain". Auch wenn beim digitalen Einpflegen die Formatierungen verloren gegangen sind, d.h. Auszüge nicht kursiv erscheinen, lohnt sich die Lektüre dieses 50.000-Zeichen-Rundumschlags in all seiner Glorie.

Dienstag, 14. Januar 2025

Spaß mit Homographen

Bei der Spazur ist mir ein Satz eingefallen, der, geschrieben, zunächst höchst enigmatisch erscheinen mag:

        Versende Versende, Versende!

Sein Sinn erschließt sich, sobald man erkennt, dass jedes der drei Wörter anders ausgesprochen wird und eine andere Bedeutung hat:

- Das Versende am Satzanfang ist der Imperativ Singular des Verbs versenden.
- Das 2. Versende ist ein zusammengesetztes Substantiv: "Ende eines Verses".
- Das 3. Versende ist ebenfalls ein Substantiv, und zwar das substantivierte Partizip Präsens (im "Vokativ" Femininum Singular) des Verbs versen, welches zugegebenermaßen nicht gebräuchlich, aber nicht unbekannt ist, siehe den Eintrag in Grimms Wörterbuch "VERSEN, verb. verse machen, nur in älterer sprache". Eine Versende ist, wie eine Dichtende, eine Lyrikerin.

Gebildet werden könnte dieser Satz in folgender Situation: Eine Dichterin hat, zum Beispiel für eine Tageszeitung, ein Gedicht geschrieben und es bereits vollständig abgeliefert – bis auf den Schluss; es fehlt die entscheidende letzte halbe Zeile. Ungeduldig mailt ihr der Auftraggeber eine Erinnerung, aus Zeitgründen elliptisch gehalten und aus Liebe zu Homonymie und Augenreimen in obiger Wortwahl. Hübsch, gell?

Dienstag, 10. Dezember 2024

We Butter the Cheese With Butter

Habe ich schon mal erwähnt, dass meine kurze Notiz über Tyromantie der zweitmeistgelesene Beitrag auf Kybersetzung ist? Ja, habe ich. Heute schlagen wir über einen Umweg erneut den Bogen zu diesem Begriff.

Mir wurde letztens aus heiterem Himmel bewusst, dass ich nichts über die Herkunft des Wortes Butter weiß. Erstaunlicherweise ist das westgermanische Wort für "Butter" (altengl. butere, ahd. butera, niederl. botter) eine Entlehnung aus dem Lateinischen (über vulgärlat. *butira bzw. *butura)! Germanischer Erbwortschatz findet sich lediglich in regionalen und historischen Ausdrücken wie (alemannisch) Anke oder Schme(e)r (auch "Fett"). "Dass die Germanen dennoch ein Wanderwort für Butter entlehnten, dürfte mit einer neuartigen Zubereitungsweise zusammenhängen." (Wiktionary)

Das lateinische butyrum (genauer: būtȳrum) jedenfalls wurde aus dem griechischen boú-tȳrum entlehnt, was sich zusammensetzt aus boús "Rind" und tȳrós "Käse" (jenem Wort, das auch in "Tyromantie" steckt), wobei sowohl das Duden-Herkunftswörterbuch als auch Frisks Griechisches Etymologisches Wörterbuch das Kompositum mit "Kuhquark" übersetzen. So oder so ist es bezeichnend, dass die alten Griechen qua Wortbildung betonen mussten, wenn Käse oder Quark aus Kuhmilch hergestellt wurde. Der Standard war offenbar schon damals Ziegen- oder Schafskäse (Feta!).

Montag, 14. Oktober 2024

Symptomatisches Kauderwelsch?

Ich lasse mich hier immer mal wieder über die mangelhafte Qualität von Videospiel-Übersetzungen aus – zu Recht, wie ich finde. In ansonsten höchst erfreulichen Spielen wie den "The Walking Dead"-Adventures von Telltale vermögen misslungene Untertitel, die im günstigsten Fall ungelenk, im schlimmsten Fall sinnentstellend oder -frei geraten sind, die Gesamterfahrung deutlich zu trüben. (Heute erlebt: Mit Blick auf ein Helikopterwrack murmelt der Protagonist "So much for the military ...", was übersetzt wird mit "Das Militär hat viel getan." Wenig später fordern wir einen kleinen Jungen auf: "Sagen Sie niemanden!")

Dass Games deutsche Untertitel haben, und zwar nur Untertitel und keine deutsche Tonspur, ist ein separates, aber damit zusammenhängendes Problemfeld. Diesem widmete sich in der letzten GameStar (Ausgabe 10/2024) Gerald Weßels Artikel "Weniger Synchronfassungen: Fremdsprache Deutsch?". Nachdem ich diesen gelesen habe, verlagert sich das Ziel meines Grolls angesichts der grassierenden Lokalisierungs-Ausrutscher weg von den direkt verantwortlichen, i.e. übersetzenden, Menschen hin zu einem System, in dem einiges im Argen liegt. Da ist – wer hätt's gedacht? – zum einen der Kostenfaktor.
Anett Enzmann [freiberufliche Übersetzerin] beziffert folgendermaßen, wie die Honorare zustande kommen: "Erzielbare Preise bewegen sich auf einer Spanne von sechs bis zwölf Cent pro Wort im Ausgangstext für die Übersetzung und zwei bis vier Cent für Korrektorat."
Bei "typischerweise um die 2.000 Wörter", die man pro Tag schafft, kommt da nicht viel rum. Hier kann ich als freiberuflicher Autor nur (an wen auch immer) appellieren: Bezahlt Geistesarbeiter ordentlich, am Ende haben alle was davon! Ideal wäre es in diesem konkreten Fall freilich, wenn sich Publisher oder Studios in house festangestellte Übersetzer/innen leisteten, die dann zwangsläufig näher dran wären an den Inhalten, am Stoff. Aber nein:
Läuft der Auftrag über eine Agentur, besteht auch meistens kein direkter Kontakt zu Entwicklern, weder zu Beginn des Projekts noch währenddessen. Stattdessen gibt es vorab schriftliche Briefings zur Welt und zu allem, was sonst noch zu beachten ist. [...] Das Spiel selbst bekommen die Texter mehrheitlich auch nie zu sehen, sondern nur exportierte Dateien und Begleitdokumente zur Einführung in die jeweilige Welt und ihre Besonderheiten. Spielzeit würde ohnehin nicht bezahlt werden. Bildmaterial wird lediglich in Form von Screenshots oder als Video gestellt.
[...] Übersetzungsfehler seien deshalb oft ärgerliche Resultate von fehlendem oder zu ungenau erläutertem Kontext, so Anett Enzmann.

Am Ende wird natürlich auch das Thema Maschinenübersetzung gestreift:
Abseits sogenannter Computer Assisted Translation (CAT) Tools mit integrierter Datenbank und einiger Sonder-Features verbreiten sich verstärkt Ansätze, Spiele komplett automatisiert zu übersetzen und nur jemanden drüberschauen zu lassen. Aber der Aufwand ist teils höher, als gleich alles selbst zu erledigen, wie Anett Enzmann im Gespräch erläutert: "Die KI macht Fehler, teils winzige, aber dafür etliche, und das andauernd. Denn sie versteht den Kontext nicht, in Gesprächen übersieht sie geschlechtsspezifische Anreden oder sie kann den Fluss eines Dialogs nicht nachvollziehen."
[...] Der notwendige Aufwand werde obendrein sträflich unterschätzt – und mies bezahlt: Es gibt meist nur ein Drittel des regulären Wortpreises hierfür.
Wohltuend zu lesen, dass der Heilsbringer KI einmal mehr für nichts als Verschlimmbesserung sorgt. Aber klar: "Entscheider mit Finanzgewalt, zumeist Publisher und Agenturen, versprechen sich davon Einsparungen." Nicht nur von Budget, sondern auch von Zeit: Es muss ja heute alles husch-husch gehen, wie auch bei Filmen und Serien hat die deutsche Synchro wenige Tage nach dem Original zu erscheinen, am liebsten gleichzeitig mit diesem.

Abschließend möchte ich noch eine Klarstellung von Begrifflichkeiten zitieren, welche ich selbst wiederholt unsauber verwendet habe:
Anett Enzmann erklärt den Unterschied zwischen Übersetzung und Lokalisierung: "Es ist mehr als nur eine reine Übertragung in eine andere Sprache, es ist die Anpassung an eine andere Kultur." Es gehe darum, den Gepflogenheiten der Zielsprache zu entsprechen.
Ein lokalisierter deutscher Text ist meistens rund 30 Prozent länger als ein englischer. Wortlänge und Grammatik sind hierfür entscheidend. Bei begrenztem Platz in Benutzeroberflächen kann es deshalb oft gequetscht zugehen. Die mögliche Bandbreite solcher Änderungen ist gewaltig, und doch ist das simpelste Beispiel ein Witz. Denn Scherze, Sprichwörter oder Umgangssprache generell in eine neue Sprache zu übertragen, erfordert Fingerspitzengefühl und Kenntnis der spezifischen Situation, in der der Originalsatz vorkommt.

Mittwoch, 21. Februar 2024

Ausgewanderte Wörter

Der Sprachreport, das Quartalsmagazin des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim (IDS), machte mich in seiner Ausgabe 4/23 auf das Lehnwortportal Deutsch aufmerksam, das vom IDS betrieben wird und aus dem Deutschen entlehnte Lexeme in anderen Sprachen sammelt. Der Artikel ist hier als PDF verfügbar. (Überhaupt kann man sämtliche Sprachreports kostenlos herunterladen; ich möchte die gelegentliche Lektüre auch interessierten Laien empfehlen und nachsetzen, dass der Sprachreport bitte, bitte nicht mit den Sprachnachrichten des infamen Vereins Deutsche Sprache zu verwechseln ist!) Er enthält etliche erhellende, teils amüsante Beispiele für Wörter, die aus dem deutschen in fremde Wortschätze gewandert sind und dort nicht nur als Fremdwort Bestand haben, sondern der jeweiligen Nehmersprache angepasst wurden und mittlerweile als Lehnwörter existieren, deren Herkunft kaum noch auszumachen ist. Exportschlager wie kindergarten und weltschmerz kennt man ja, aber wusstet ihr zum Beispiel, dass das japanische Wort gebaruto aus dem deutschen Gewalt entlehnt wurde und "Staatsgewalt" bedeutet? Am besten gefällt mir, apropos Japanisch, das, was aus "Lumpenproletariat" geworden ist: runpenpuroretariāto.

Samstag, 30. Dezember 2023

Übersetzungs-Poesie

Kennt ihr das? Ihr lest etwas, das so schlecht übersetzt ist, dass es laut ausgesprochen fast schon wieder schön klingt? In einer Kurzbesprechung des neuen Albums von André 3000 hieß es neulich im Focus:

"Ich schwöre, ich wollte wirklich ein 'Rap'-Album machen, aber dies ist buchstäblich, wohin mich der Wind blies", nennt der Outkast-Rapper einen Titel seines Soloalbums übersetzt [...]

Seit fast zwei Wochen muss ich diese Zeile ständig vor mich hin murmeln: Dies ist buchstäblich, wohin mich der Wind blies.

Freitag, 8. Dezember 2023

Aus dem Frankfurter Sprachlabor

Die Einsendungen an das "Sprachlabor" lassen, wie ich hier mehrfach gezeigt habe, tief blicken in die Denk- und Gefühlswelt der Menschen, die die Süddeutsche Zeitung lesen. Ein Leserbrief in der gestrigen FAZ konnte allerdings gut mithalten. Oliver K. aus S. schrieb:

Zunehmend stelle ich fest, dass an der Präzision unserer Sprache gerüttelt wird. Es wird zunehmend von Menschen gesprochen, die irgendwo zusammen kommen, stehen, kleben, randalieren oder auf Parteitagen zusammenkommen. Warum spricht der Autor nicht von Parteimitgliedern, Demonstranten, Fußgängern et cetera? Dass es sich dabei nicht um Pferde, Affen oder Hunde handelt, dürfte jedem Leser klar sein.

Dazu könnte ich mich noch in drei, vier Sätzen auslassen, aber manchmal ist es schöner, so etwas einfach für sich stehen zu lassen.

Freitag, 24. November 2023

Extinction Rebellion

In der Kurzgeschichtensammlung "Stories" von Joy Williams liest ein Teenagermädchen einem neunjährigen Jungen etwas über die Riesenseekuh vor:

"Die Seekühe fraßen Seetang im flachen Wasser der Beringstraße. Sie waren riesengroß und beschränkt, ihre Haut glich der Rinde von uralten Eichen. 1741 entdeckt, waren sie um 1768 bereits ausgestorben."
"Ich weiß nicht, was ausgestorben heißt", sagte Tommy.

Das glaube ich nicht: dass ein Junge in diesem Alter das Wort "ausgestorben" nicht kennt. Das glaubt auch niemand anders. Stichprobenartig konsultiere ich vier Kinder-Webseiten, auf denen es um Dinosaurier geht.
- Auf dem Internetauftritt von Geolino heißt es: "Millionen von Jahren hatten Dinosaurier die Herrschaft über die Erde. Dann starben sie vor rund 65 Millionen Jahren plötzlich aus."
- Bei helles-koepfchen.de lesen wir: "Dinosaurier faszinieren uns schon seit jeher. [...] Warum sind sie ausgestorben?"
- Im "Klexikon" beginnt der Eintrag zu Dinosauriern so: "Dinosaurier waren Tiere, die vor langer Zeit ausgestorben sind."
- Und sofatutor.com erklärt: "Sie lebten viel länger auf der Erde, als es die Menschen bisher tun. Vor etwa 65 Millionen Jahren sind sie ausgestorben."

Außerdem ist es ja nicht so, dass man, selbst wenn man dem Verb aussterben oder seinen grammatischen Formen noch nie begegnet ist, sich die Bedeutung nicht aus dem Wort selbst erschließen könnte. Bei der englischen Entsprechung extinct, die im Original höchstwahrscheinlich steht, ist das etwas anderes: Wer extinct zum ersten Mal hört und kein Latein-Profi ist, muss nachfragen, was das Wort bedeutet. Ich weiß allerdings auch nicht, wie man die Stelle besser hätte übersetzen können.

Die betreffende Geschichte heißt übrigens "Letzte Generation" und wurde im Jahr 1990 veröffentlicht. Dass sich die gleichnamige Protestbewegung danach benannt hat, liegt nahe, denn das Mädchen darin bezieht sich explizit auf die Zerstörung der Welt ("dauert vielleicht nur noch fünfzig Jahre") und nennt "gewisse Verpflichtungen" ihrer Generation: "Wir wollen nicht dabei sein, wenn die Erde ausgelöscht wird". Belege dafür konnte ich aber nicht finden. Ein Fall von Doppelschöpfung, nehme ich an.

Dienstag, 31. Oktober 2023

Betr.: Franchises, Inhaltsstoffe, Meißen, Karussells

Ich habe eine Meinung: Popkultur-Franchises sollten nicht länger als für die Dauer einer Menschengeneration ausgewalzt werden. Stell dir vor, du warst 1982, als die Sitcom "Cheers" startete, bereits 40 Jahre alt. Dann bist du jetzt, wo das Spin-off "Frasier" ein Revival erhalten hat, ein veritabler Greis. Oder gar schon verstorben. Traurig.
Bei "Doctor Who" ist es natürlich noch krasser, die Serie feiert nächsten Monat ihr 60-jähriges Jubiläum. Wie viele, die von Anfang an dabei waren, werden das wohl noch miterleben? (Nun ja, zumindest eine Person fällt mir ein, die sogar in der allerersten wie auch der zuallerletzt ausgestrahlten Episode mitgespielt hat.) "Doctor Who" mag ein Sonderfall sein, weil es da einen deutlichen "Bruch" aufgrund der (TV-)Pause von 1989 bis 2005 gibt, wobei natürlich nicht wenige Fans existieren, die sowohl die alte als auch die neue Serie kennen und goutieren. Nein, halt, schlechtes Beispiel: Die Pause von "Frasier" war viel länger, die Finalfolge des Ur-Installments wurde im Mai 2004 ausgestrahlt. Das ist mal ein "Bruch"! Gute Güte.
Jedenfalls möchte ich nicht, dass beispielsweise "Star Wars" noch nach meinem Tode weitererzählt wird. Ich will nichts verpassen.

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Für Shampoos mit ungewöhnlichen Zusätzen habe ich nach wie vor ein Faible. Neuerdings fällt mir auf, dass der 08/15-Bestandteil Kokos gerne mit Jojoba-Öl kombiniert wird. Ich weiß nicht mal, was das ist. Mein aktuelles Haarwaschmittel (aus der stets feinen Garnier-Reihe) ist mit Banane. Das Abgefahrenste, was ich mir zuletzt in die Haare geschmiert habe, war Shampoo von Syoss mit violettem Reis. Dabei handelt es sich offenbar um ein neues Superfood. Fit for Fun wusste bereits 2019 zu berichten, dass die lila Variante "reichlich Anthocyane" enthält, "das sind pflanzliche Antioxidantien. Diese verleihen dem Reis – wie auch Himbeeren, Heidelbeeren, Rotkohl und Auberginen – ihre natürliche dunkle Färbung. Die Pflanzenfarbstoffe schützen zudem vor freien Radikalen und somit vor vorzeitiger Alterung, stärken die körpereigenen Abwehrkräfte und fördern die Sehkraft. Der hohe Gehalt an essentiellen Nähr- und Mineralstoffen in lila Reis ist sogar wissenschaftlich belegt." Und das kann unser Kopf freilich gebrauchen.

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Erst dieses Jahr habe ich gelernt, dass die seit 1885 unveränderte Verpackungsgestaltung von Lyle & Sons' Golden Syrup offiziell als "world's oldest branding" gilt. Letzte Woche jedoch erfuhr ich in der Meissener Porzellanmanufaktur dies: "Die blauen gekreuzten Schwerter wurden 1722 erstmals zur Kennzeichnung von Meissener Porzellan verwendet. Sie sind die älteste, ununterbrochen verwendete Marke der Welt."
Na gut, es gibt womöglich einen Unterschied zwischen einer Markenkennzeichnung und einem branding, der mir nicht bekannt ist. Geht man aber von einem Logo im weitesten Sinne aus, gewinnt das Weiße Gold aus Meißen.
Das wäre übrigens mit Fug mindestens 125.000 Euro bei "Wer wird Millionär?" wert: die Antwort auf die Frage, wie es offiziell heißt – A) Meißener, B) Meißner, C) Meissener oder D) Meissner Porzellan.

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Man braucht sich über die katastrophalen Defizite "unserer" Kinder in den Bereichen Lesen und Schreiben nicht zu wundern, wenn die Erwachsenen mit so schlechtem Beispiel vorangehen. Nach der Schreibung von Karussell wurde, apropos, auch mal bei "Wer wird Millionär?" gefragt, für mindestens 8000 Euro, soweit ich mich erinnere.
Mensch, gerade in Frankfurt sollte das Wort doch sitzen. Lernt man hier nicht schon im Kindergarten den Badesalz-Klassiker "Das Leben ist ein Karussell" kennen?

Sonntag, 23. April 2023

Zwei hübsche Ausdrücke

1.) im Wahrig drüber gestolpert: huf! hüf! (Interj.) (landsch.): Zuruf, mit dem der Fuhrmann sein[e] Zugtier[e] antreibt: zurück!

2.) in Ludwig Barrings Götterspruch und Henkerhand (1967) eine Umschreibung für die Hinrichtung durch Erhängen am Galgen: die hänfene Hochzeit
 

Donnerstag, 26. Januar 2023

Kurz notiert: Hemingways Flüche

For Whom the Bell Tolls von Ernest Hemingway hat eine Neuübersetzung erfahren. Der 1940 erschienene Kriegsroman heißt auf deutsch nach wie vor "Wem die Stunde schlägt", von der ersten und bis vor kurzem einzigen Übersetzung von 1942 unterscheidet sich Werner Schmitz' Fassung indes nicht nur in Feinheiten, wie ich am Montag in der Süddeutschen Zeitung las. Leider versäumte ich es, den Artikel, den es online nur bezahlbeschrankt gibt, abzufotografieren, an den Knackpunkt erinnere ich mich aber allzu klar: Der Übersetzer hat sämtliche Schimpfwörter weggelassen. Beziehungsweise ha!, was heißt "weggelassen", er hat sie durch Platzhalter ersetzt, so dass Sätze rauskommen wie "Ich unaussprechlich auf die Milch eurer Väter" (so ist auch der SZ-Beitrag überschrieben). Das ist, mit Verlaub, die hirnrissigste Strategie bei der Übertragung problematischer Ausdrücke, die mir je untergekommen ist. Zumal – auch darauf weist die Süddeutsche hin und gestattet sich eine kritische Kommentierung – rassistische Vokabeln resp. deren deutschsprachige Entsprechungen anstandslos beibehalten worden sind.

Montag, 19. Dezember 2022

Zauberhafte altdeutsche Rechtssprache (II)

Folge I

Zwangsal. Im Grimmschen Wörterbuch "als variante für quelung" aufgeführt. Dort wie auch im Wiktionary finden wir den Vermerk, dass das Wort "nach dem 16. Jahrhundert immer seltener, heute vollkommen erloschen" ist, was übrigens auch auf den folgenden Eintrag zutrifft. Mittelhochdeutsch twancsal, bedeutet es wohl "Zwang, Gewalt, Einschränkung", aber was meint es im engeren, i.e. juristischen Sinne? Da es in einer Quelle aus dem Jahr 1788* in der Trias "Zwangsal, Satzung oder Steuer" auftaucht, nehme ich an, dass an eine Art Zwangsvollstreckung, eine amtlich verordnete Einschränkung gedacht werden muss.

* Der Titel soll hier in seiner ganzen Schönheit wiedergegeben werden: "
Antiquitatum Nordgaviensium Codex Diplomaticus oder Probationum, worinnen nicht allein einige zur Erläuterung des alten Nordgaus dienende, sondern auch vornemlich wichtige, das Hochfürstliche Burggrafthum Nürnberg, und die von demselben absproßende beyde in diesem Landes-Bezirck situirte Hochfürstliche Häuser, Brandenburg Anspach und Bayreuth betreffende hohe Vorrechte, Freyheiten, Begnadigungen, Concessiones u. dgl. m. vom VIII. Seculo anfangend, und bis auf gegenwärtige Zeit sich extendirende, mithin sich dann auf Neun und ein halbes Seculum erstreckende Urkunden und Zeugniße enthalten, die an Orten, wo es nöthig, mit Historisch-Genealogisch-Chronologisch-Geographisch- und Critischen Anmerckungen erkläret, Auch einem dreyfachen Register, zum bequemen Gebrauch versehen. Vierter Theil" von Johann Heinrich von Falckenstein, dem "Hoch-Fürstlich-Brandenburgisch-Anspachischen Hof-Rath und der Königlich-Preußischen Societät der Wissenschaften Mitglied".

Übergenoß, Ungenoß. Dieses Begriffspaar erscheint im Abschnitt über die Stände. Den "Übergenoß" finden wir bei Tristan und Isolde, wo es über Tristan heißt, er sei "alles Todes Übergenoß". Kann man das so interpretieren, dass er über dem Tode steht, ihm "über ist" (in der Bedeutung wie in dem Zitat aus "Kir Royal", das mir geläufig ist, obwohl ich diese vermeintliche Kultserie nie gesehen habe: "Isch bin dir einfach über")? Das Gegenstück zum Übergenossen scheint der bei Mitteis nicht erwähnte Untergenoß/Untergenosse zu sein.
"[D]as Mittelalter kannte eine Reihe von rechtlichen Beziehungen, in die man nur mit Standesgenossen oder Tieferstehenden (Untergenossen) treten konnte, während man von den Übergenossen als unebenbürtig ausgeschlossen wurde. [...] In Kriminalsachen brauchte sich niemand einen Untergenossen als Richter oder Urteiler, Zeugen oder Eideshelfer gefallen zu lassen. Um ein Urteil schelten zu können, mußte man Genosse oder Übergenosse der Urteilsfinder sein. [... N]ur einen Ebenbürtigen brauchte man sich als Fürsprecher des Prozeßgegners gefallen zu lassen." (Richard Schröder, Lehrbuch der Deutschen Rechtsgeschichte, 1889)
Aber war ein Untergenosse mit einem Ungenossen identisch? Das finden wir zumindest in Claudius von Schwerins Grundzügen des deutschen Privatrechts von 1928 bestätigt: Es gab, kurzum, im Mittelalter die "Vorstellung, daß ein Mensch besser geboren als ein anderer, dieser daher sein übergenoz und er dessen ungenoz ist" [im Original sind die Termini in Nicht-Fraktur gesetzt]. "Ihre Wirkung ist die, daß gewisse Rechtsbeziehungen zwischen einem Menschen und seinem Ungenossen und demgemäß auch seinem Übergenossen unmöglich sind oder doch andere Folgen haben als zwischen Genossen. Im einzelnen ist die Ehe mit dem Ungenossen oder der Ungenossin eine u n g l e i c h e Ehe (Mißheirat, disparagium)."
Vor diesem Hintergrund könnte man mal überlegen, ob die Anrede "Genosse/Genossin" im Sozialismus, wo das Klassensystem ja überwunden sein soll, nicht fehl am Platze ist. Denn Menschen, die nicht als Genossen und Genossinnen akzeptiert werden, stünden dann ja wiederum über oder unter anderen.

Montag, 21. November 2022

Der Rosetta-Stein der Deutschen Bahn

Bei meiner letzten ICE-Fahrt habe ich zum ersten Mal einen genaueren Blick auf das über dem Nothammer hängende Warnschildchen geworfen:


Ich kam nicht umhin, die Nuancen, die sich in dem viersprachigen Hinweis finden, zu bemerken.
"Missbrauch strafbar" heißt es auf Deutsch, auf Englisch aber nicht analog "Misuse punishable", sondern "Misuse will be punished". Ein kleiner, aber feiner Unterschied: Deutschsprechende können bei Hammermissbrauch bestraft werden, Englischsprechende werden es in jedem Fall. Genau so alternativlos sind die Folgen, welche die französische und die italienische Zeile versprechen: "... wird bestraft". Man beachte außerdem, dass in jenen auch noch ein "jeder" vorangestellt ist (tout/ogni), während man sich bei der englischen Version ein "any" gespart hat.
Ob das irgendeine tiefere Bedeutung hat, kann ich nicht sagen, ich bin ja kein Kulturwissenschaftler. Vermutlich sind die Abweichungen so beliebig wie bei Mirácoli.
 

Freitag, 28. Oktober 2022

Es ist Deutschland hier

Weil kürzlich der Wortvogel "Fake Germany" zum Thema hatte: Auf meiner Festplatte lagen noch zwei Screenshots, die ich von der HBO-Serie "The Staircase" (dazu demnächst mehr) gemacht hatte. Einmal mehr musste auch ich mich darüber wundern, dass selbst High-prestige-Produktionen regelmäßig auf eine realistische Darstellung Deutschlands pfeifen.


Dass es keine eigenständige Gemeinde namens Graefenhausen (sic) auf deutschem Boden gibt: geschenkt. Aber dass man nicht mal einen unterbezahlten Praktikanten ein paar Minuten googeln lassen kann, wie deutsche Autokennzeichen funktionieren, ist schwach. Und ganz ehrlich: Gibt es Häuser, wie wir sie auf den obigen Fotos sehen, irgendwo in Deutschland? Ich kann es mir nicht vorstellen; die Architektur, die Anordnung, sie wirken schlichtweg falsch.

Das dumpfe Gefühl der Falschheit beschlich mich auch in einer Folge von "Person of Interest", als nämlich in einer in Berlin spielenden Szene ein einzelner Streifenpolizist durch einen Bahnhof patrouillierte. Zwar weiß Wikipedia: "Eine Streife kann allein oder zu mehreren (bis zur Zug- oder Gruppenstärke) erfolgen, wobei die häufigste Form der Streifengang zu zweit ist", doch wann hat man bitte zuletzt einen unbegleiteten Schutzmann ABV-mäßig durch den öffentlichen Raum wandeln sehen? Fehlte nur noch, dass der Cop pfeifend seinen Schlagstock am Handgelenk schwingen ließ. Unnötig zu erwähnen, dass die Uniform aus reiner Fantasiekleidung bestand.

Sonntag, 18. September 2022

Zauberhafte altdeutsche Rechtssprache (I)

Nachdem es im vorletzten Beitrag um obskure Rätsellösungen und im letzten um eine obskurere Berufsbezeichnung ging, ist es nur folgerichtig, sich erneut mit obskurem Sprachgut zu befassen ... Nein, halt, das ist überhaupt nicht folgerichtig! Das Blog droht monothematisch zu werden, und das ist keineswegs meine Absicht.

Nichtsdestotrotz ist es an der Zeit für eine neue kleine Reihe, in welcher ich lexikographische Stöbereien in einem Lehrbuch betreiben möchte, das ich bereits im August erwähnt habe: Deutsche Rechtsgeschichte von Heinricht Mitteis, erschienen in 3. Auflage 1954 bei C.H. Beck. Ich hatte es in einem Berliner Antiquariat erworben und mit Blick auf das Erscheinungsjahr direkt gedacht: Uiuiui. Denn wenn man sich, wie ich, ein bisschen mit der westdeutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigt hat, weiß man, dass jemand, der in dieser Zeit eine höhere Position in der Rechtspflege oder -lehre bekleidete, mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit eine oder mehrere Leichen im Keller hatte. Aufatmen war angesagt, als ich den Wikipedia-Artikel zu H. Mitteis las, denn der in Prag geborene Ordinarius darf nicht nur als unbelastet, sondern sogar als bedingt widerständisch betrachtet werden. Bereits 1933 "verlor er sein Amt als Dekan, weil er gegen die Verunglimpfung jüdischer Kollegen in der nationalsozialistischen Presse Stellung nahm und den Rektor der Heidelberger Universität kritisierte. Obwohl Mitteis nicht der NSDAP beitrat, wurde er 1934 auf den Lehrstuhl für Deutsches Privatrecht, Deutsches Bürgerliches Recht, Handels- und Wechselrecht und Deutsche Rechtsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Wegen seiner kritischen Einstellung zum Nationalsozialismus war Mitteis offenen Angriffen von Seiten der nationalsozialistischen Studentenführung ausgesetzt. In einer Vorlesung kam es sogar zu einer Schlägerei zwischen NS-Studenten und Mitteis’ Schülern. [...] 1938 entging Mitteis der Schutzhaft nur, weil seine Familie mit der Frau von Alfred Jodl, dem damaligen Leiter des Wehrmachtführungsamtes, befreundet war. Nach dem 'Anschluss Österreichs' wurde Mitteis von allen Ämtern suspendiert und an die Universität Rostock versetzt."

Mitteis (1889-1952) gilt bis heute als Koryphäe für Rechtsgeschichte. Dementsprechend geht das vorliegende Studienbuch aus der Reihe "Juristische Kurz-Lehrbücher", bei aller Kompaktheit, ganz schön in die Tiefe, ist voraussetzungsreich und anspruchsvoll. Ich habe es dennoch bewältigt, und hier kommt nun die Nacharbeit. Viele der Fachwörter, die oft ohne weitere Erklärung gedroppt werden, sehen kurios aus, scheinen uralt zu sein, sie sind, kurzum, einer näheren Betrachtung wert. Für jede Folge dieser Serie werde ich mir zwei Wörter herausgreifen und unter Zuhilfenahme mir vertrauenswürdig scheinender Drittquellen definieren. Weitergehende Forschungen (bspw. etymologischer Art) sind mir nicht zuzumuten.

Schatzwurf. War wohl eine Form der Freilassung durch den König mit Vollfreiheit als Folge. Aber wie sah dieser Akt konkret aus? Der Klappentext von Ute Maass' Monographie Die Freilassung durch Schatzwurf in den Urkunden der karolingischen, sächsischen und salischen Kaiser und Könige (zugl. Diss. Bochum 2007) fasst es in einem Satz zusammen: "Der Schatzwurf ist eine symbolische Handlung, bei der der freizulassende Unfreie dem Freilasser einen Denar darbietet, den dieser ihm aus der Hand schlägt."
Allgemeiner das Online-Mittelalter-Lexikon, welches auch die althochdeutsche Form (scazuurfun) und die mittellateinische Grundlage für die Lehnübersetzung angibt (excussio denariatio): "Symbolischer Akt bei der Freilassung Leibeigener. Der Freizulassende hielt dabei vor Zeugen seinem Herrn eine Münze hin, die dieser annahm und zu Boden warf (iactante denario), wodurch die Ablehnung des Kopfzinses augenfällig dargestellt war."

Hantgemal. Erscheint in Klammern hinter dem Halbsatz "Später wurde das Schöffenamt mit gewissen Gütern verbunden". Wo ich schon mal das Mittelalter-Lexikon offen habe: Dort wird es definiert als "dinglicher Ausweis für Freiheit und Adel einer Person oder Sippe in Form eines Stamm- oder Erbguts, nach welchem diese ihre Hausmarke führt. Insbesondere das Stammgut ritterbürtiger, schöffenbarer Geschlechter. Das vererblich an das Gut gebundene Zeichen des hantgemals wurde als Unterschrift gesetzt und war nur in männlicher Linie vererbbar."
Da tun sich sogleich Folgefragen auf. Also: "Unter Schöffenbaren haben wir [...] Schöffen und ihre Familienangehörigen zu verstehen. Jedoch war ihre Standesstellung durch ein Anrecht an freies Eigengut, das im Bezirke des betreffenden Schöffengerichtes lag, beschränkt; man nannte dieses Eigen Hantgemal." So steht es bei Aloys Meister, Deutsche Verfassungsgeschichte von den Anfängen bis ins 14. Jahrhundert, 2013. In welcher Gestalt man sich das Zeichen "als Unterschrift" bzw. die "Hausmarke" vorzustellen hat, konnte ich nicht herausfinden, auch nicht bei Wikipedia, die den Begriff als "Handgemahl" führt. (Es gibt verschiedene Formen, von denen die älteste, handmahal, wie man dort erfährt, im altsächsischen Heliand belegt ist.)

Donnerstag, 26. Mai 2022

Das Unsagbare (2)

Nach der gestrigen Vorrede ist es nun heute an der Zeit, zwei "Sprachmacken" vorzustellen, die mir persönlich kein Stück beanstandenswert erscheinen, andere aber irritieren (könnten).

Erstens: Wie sage ich verkürzt "eine Sache", wie zu zwei Sachen, drei, vier, n Dingen? Ganz einfach: "ein was", "zwei was" usf. Völlig logischer, geläufiger und richtiger Satz: "Ein was will ich noch klarstellen." Oder: "Wir brauchen noch zwei was." So hat man im Freundeskreis und in der Familie geredet. Wozu "zwei Dinge" sagen, wenn man mit einem handlichen Indefinitpronomen eine ganze Silbe sparen kann? Vor wenigen Jahren geschah es dann, dass mir eine solche Formulierung in einem Text, den ich im Rahmen redaktioneller Tätigkeit verfasste, angekreidet wurde. Da dachte ich zum ersten Mal darüber nach und lernte, dass ein was et al. (auch zusammengeschrieben möglich) nur in einem eng begrenzten Gebiet innerhalb des deutschen Sprachraums üblich ist. Dank dem "Atlas zur deutschen Alltagssprache" (zu dessen Anwachsen beizutragen ich allen ans Herz legen möchte) wissen wir seit kurzem auch, wo genau. Jetzt spreche ich gelegentlich Bekannte auf die Phrase ein was an und stoße damit zuverlässig auf Erheiterung, Verwunderung, Unverständnis oder alles dreis.

"Alles dreis"? Ganz genau. Das ist die zweite Eigentümlichkeit, die ich überhaupt nicht als Eigentümlichkeit begreife. Wie soll man denn, analog zu alles beides, sonst sagen, wenn man sich auf drei von drei Alternativen bezieht und das, sozusagen als Kollektivum, singularisch ausdrücken möchte? "Alles drei" hört sich in meinen Ohren schlicht falsch an; ich verstehe aber, dass die Variante mit -s jene verstören könnte, die von woanders herkommen als ich. Die konkrete regionale Verbreitung hat der AdA noch nicht untersucht; ich werde den Verantwortlichen gleich mal eine entsprechende Erhebung vorschlagen. Vermutlich ist die Bevorzugung von "alles dreis" vor allem im thüringisch-obersächsischen Dialektraum auszumachen. Als Indiz lässt sich eine Stelle in Band 1 der Geschichte Sachsens bis auf die neuesten Zeiten (1826) des in Thüringen gewirkt habenden Historikers Ferdinand Wachter anführen: "wenn wir nun alles dreis zusammen halten". Auch Nietzsche (im Kreis Merseburg geboren, in Naumburg groß geworden) schreibt in einem Brief: "Jacke, Hose, Weste, für alles dreis: 12 1/2 Silbergroschen". Über Google Books findet man gleich zwei einschlägige Zitate Theodor Fontanes, der allerdings bekanntermaßen weiter nördlich aufgewachsen ist: "jeder Zoll ein Ludwig, ein Posa, ein Uriel Acosta, was alles dreis dasselbe bedeutet" (Gesamtausgabe Werke, Schriften und Briefe, Einzelwerk nicht ermittelbar); "Und ich bin eigentlich alles dreis" (L'adultera).

Mittwoch, 25. Mai 2022

Das Unsagbare (1)

Warum verschmäht man gewisse Nahrungsmittel? Nun, es gibt solche, die uns einfach nicht schmecken, und solche, die regelrechte Übelkeit oder schlimmstenfalls allergische Reaktionen auszulösen vermögen. Derart zweiteilen lassen sich auch "unregelmäßige" sprachliche Äußerungen, zumindest in meiner Welt: Manche Formfehler, verhauene Ausdrücke, Stilblüten, Agrammatismen oder sonderbare Vokabeln mag ich halt nicht. Mich hat es beispielsweise jedes Mal erbost, wenn Michael Maar in seinem ansonsten sehr lesenswerten Literaturstreifzug "Die Schlange im Wolfspelz" für Adjektiv das Synonym "Beiwort" verwendet hat. Eine reine Idiosynkrasie meinerseits, und es handelt sich ja nicht mal um einen Fauxpas des Autors, sondern eine leicht dümmliche Wortwahl-Marotte. Ich bin nach jahrelangem Konsum journalistischer Texte aus Deutschland einiges gewohnt – und dabei milde geworden. Nicht umsonst habe ich "unregelmäßig" in Anführungszeichen gesetzt. Durch die Brille des Deskriptivismus betrachtet, sind vermeintliche Fehler ohnehin nur interessante Erscheinungen des Sprachwandels. Und manches, was einst in die Kategorie "verursacht allergische Schocks" fiel, steht heute lediglich auf meiner "Schmeckt mir nicht"-Liste.

Beispiel gefällig? Anfang der 1990er Jahre, wir hatten noch nicht sehr lange "Westsender", lief im Fernsehen ein Werbespot für Fruchtjoghurt o.ä., und darin brüllte ein Knabe den Halbsatz: "... weil er ist gesund!" Ich hatte diese Variante von "weil er gesund ist" noch nie in meinem jungen Leben gehört und bin durchgedreht. "Warum sagt der das so komisch?", fragte ich beinahe unter Tränen meine Mutter, die diese Syntax zum Glück als inkorrekt tadelte. Das blöde Kinder-Testimonial hätte ebenso gut "... weil gesund er ist" sagen können, es hätte in meinem Kopf genauso kaputt geklungen. (Mit Meister Yoda sollte ich erst ein paar Jahre später in Kontakt kommen.) Mittlerweile kann ich über weil-Sätze mit Verbzweitstellung nicht mal mehr die Nase rümpfen. Zumindest wenn sie mir in gesprochener Sprache begegnen: Unlängst hat Ulrich Hermann Waßner im Sprachreport (Ausgabe 4/2021) das "weil er ist"-Phänomen untersucht, befasst sich dabei notwendigerweise mit der Frage der Trennung von sog. gesprochener und geschriebener Sprache und führt den hilfreichen Begriff der "konzeptionellen Mündlichkeit" ein. Entwarnendes Fazit: "Es finden sich tatsächlich nur wenige 'echt' geschriebensprachliche Belege." (a.a.O., S. 35) Und selbst wenn's mehr werden: dann steht halt irgendwann im Grammatik-Duden, dass in weil-Sätzen auch V2-Stellung möglich ist. Darum soll es hier auch gar nicht gehen (in nämlichem Heftbeitrag ist alles gesagt)!

Mit diesem langen Anlauf möchte ich zu zwei Phrasen springen, die wiederum für mich völlig normal sind, aber anderen das Sprachzentrum zum Tilt! bringen könnten ... Morgen verrate ich, welche das sind.