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Samstag, 27. Juli 2024

Ungelesen empfohlen

Immer mal wieder komme ich auf meinen Wanderungen durch Wüstungen, also aufgegebene, meist nur noch durch Flurnamen oder Bodendenkmäler identifizierbare Siedlungen. Als ich auf Wikipedia die Liste von Wüstungen entdeckte, dachte ich: Mensch, du müsstest mal alle darin verzeichneten Wüstungen in Deutschland aufsuchen und ein Buch darüber schreiben! Etliche gibt es ja sogar in Frankfurt. Kurz nachdem ich diesen (vagen) Plan gefasst hatte, sah ich in einer Bibliothek dieses Buch:


Ausweislich des Klappentextes geht es darin nämlich (auch? wesentlich?) genau darum. Ausgeliehen habe ich den Atlas nicht, denn mein Tsundoku-Stapel kann es eh schon mit einer deutschen Mittelgebirgserhebung aufnehmen. Dieser Post ist somit eher als Notiz für mein Zukunfts-Ich denn als Lesetipp gedacht.

Montag, 23. Mai 2022

Die drei ??? und die Spur des Rabenhauptes

Hier kommt ein Nachtrag zum gestrigen Post. Ich weiß nämlich wieder, welcher verschlungene Pfad mich ich auf den General Carl von Rabenhaupt geführt hat! In dem Taschen-Band "Alchemie und Mystik" ("Das hermetische Museum") von Alexander Roob ist von einer Substanz namens Rabenhaupt die Rede: ein "dunkler Rückstand [...], der bei der Destillation auf dem Retortenboden zurückbleibt". Die entsprechende Stelle hatte ich mir abfotografiert, um später nach dem ominösen Fachwort zu googeln; dabei stieß ich dann auf die historische Person.

Konsultiert man über Google Books alte alchemistische Traktate, erfährt man Näheres. So finden wir in Karl Christoph Schmieders Geschichte der Alchemie von 1832 "das Produkt der Putrefaktion, welches sonst von den Alchemisten Caput Corvi oder R a b e n h a u p t  genannt wird". In den Schlussbemerkungen zu einem längeren, mit "Mensch-Interpretation der Tabula smaragdina der Abendländer" überschriebenen Kapitel, das ich ebensowenig verstehe wie das es enthaltende Werk, Gottlieb Latz' Die Alchemie (Band 18, 1869), heißt es: "Bei der Darstellung des Hyrarg. oxyd. rubr. mittels Feuers allein wird das für die Putrefaktion verwerthet, dass sich in dem langhalsigen Kolben auf dem Quecksilber nach Verlauf einiger Zeit ein schwarzes Häutchen bildet – so ist wenigstens die Annahme der Alchemisten. Dieses schwarze Häutchen nun, man nennt es auch Caput corvi, Rabenhaupt, wird als f a u l e n d e s  Quecksilber aufgefasst." Und Theobaldus van Hoghelande beruft sich in seiner Abhandlung von den Hindernissen bey der Alchemie (1749) auf Hermes selbst: "Das Rabenhaupt, das ist die Schwärze, ist der Anfang der Kunst." Wieder was gelernt.

Mittwoch, 9. März 2022

Durchs musikhistorische Kaninchenloch

Wird dies ein weiterer Beitrag, der mit "Neulich habe ich in einem Podcast gehört ..." / "Gerade lese ich in einem Buch ..." o.ä. beginnt? Pah, nein! Dieser Beitrag beginnt mit "Gerade habe ich" ... aber lest selbst:

Gerade habe ich beim gedankenverlorenen Schreddern (darüber demnächst mehr) "Goodnight, Ladies" vor mir her gesungen, da fiel mir ein, dass ich dieses Lied 1.) aus der Schule kenne und es deswegen meiner fortlaufenden Liste von Liedern, die wir in der Schule gesungen haben, hinzuzufügen ist, und es 2.) dieselbe Melodie hat wie der deutsche Gaudi-Hit "Rucki Zucki"! Sodann habe ich den Wikipedia-Artikel zu "Goodnight, Ladies" aufgerufen und erfahren, dass der Song auf ein Volkslied namens "Farewell, Ladies" von 1847 zurückgeht, in seiner bekannten Form aber Edwin Pearce Christy zugeschrieben wird und 1867 veröffentlicht wurde. Und jetzt wird's unangenehm: Christy war der Gründer der Blackface-Gruppe "Christy's Minstrels" und hat das Lied eigens für deren Minstrel-Shows adaptiert. Da darf man durchaus fragen, ob das deutsche Cover "Rucki Zucki" unbedingt von jemandem namens ... Ach, egal.

Im 20. Jahrhundert gründeten sich dann jedenfalls "The New Christy Minstrels", die nach lediglich einer kurzen Unterbrechung in den Siebzigern bis heute aktiv sind und sich zwar namentlich explizit auf die Original-Truppe berufen, gottlob aber nicht mit Schuhcreme im Gesicht auftreten. Viele ihrer populären Singles können nicht anders denn als schmissig bezeichnet werden, beispielsweise der "Song of the Pious Itinerant (Hallelujah, I'm a Bum)", den man aus der Serie "The Leftovers" kennen könnte. Als vor zwei Jahren die amerikanische Country-Legende Kenny Rogers verstarb, sagte ich "Ach, guck an!", nachdem ich gelesen hatte, dass Rogers ein Mitglied der New Christy Minstrels gewesen war.

Ebenfalls noch aktiv sein könnte der australische Liedermacher Rolf Harris (* 1930). Warum "könnte", darauf gehe ich gleich ein. Ich ließ kürzlich den Tag ausklingen, indem ich mich durch die Diskographie des Sängers und Kinderfernsehmoderators lauschte, der mit dem "wobble board" ein eigenes charakteristisches Instrument erfunden hat und dessen wirklich charmanter Ohrwurm "Tie Me Kangaroo Down, Sport" lange als heimliche Hymne Australiens galt. Warum also kannte ich diesen berühmten Mann nicht? Auf Wikipedia schlug ich es am nächsten Tag nach: "Im März 2013 war Harris einer von 12 Beschuldigten, die im Rahmen der 'Operation Yewtree' festgenommen wurden. Ihnen wurde bereits länger zurückliegender sexueller Missbrauch vorgeworfen, der allerdings nichts mit den Ermittlungen im Fall des ehemaligen BBC-Moderators Jimmy Savile zu tun haben sollte." Jesus Christ. Der letzte Nebensatz macht es eigentlich nur noch schlimmer, denn wenn extra erwähnt werden muss, dass du nichts mit dem größten Monster der britischen Mediengeschichte zu tun hattest, musst du wirklich Dreck am Stecken haben. ("Operation Yewtree" ist mir übrigens wegen der BBC-Serie "Line of Duty" ein Begriff; dass der ansonsten fiktive Stoff sich hier an abstoßende real-life events anlehnt, fand ich – und nicht nur ich – damals etwas verstörend.) Nach Anklage, Schuldspruch und Haft (mit vorzeitiger Entlassung) ist Harris' Karriere heute am Ende, seine Ehrentitel wurden ihm längst aberkannt. Ich bin gelegentlich bereit, zwischen Kunst und Künstler zu trennen, aber es gibt Grenzen.

Wie war ich überhaupt auf Rolf Harris gekommen? Nun, ich gestehe (wie vorhersehbar ich doch bin!): durch einen Podcast. Es ging um gedächtnisstimulierende Endloslieder nach dem "Ich packe meinen Koffer"-Prinzip à la "Wenn der Topf aber nun ein Loch hat". Als Beispiel wurde Harris' leider abermals sehr mitreißende Sing-along-Nummer "The Court of King Caractacus" genannt. So. Nachdem ich den Australier dann für mich gecancelt hatte, brauchte ich als palate cleanser vertraute novelty songs ohne bedenklichen Background. Ei, das waren jetzt zugegebenermaßen ganz schön viele Anglizismen, aber manchmal scheint mir die englische Sprache halt ausdrucksstärker, treffender und verspielter zu sein als die deutsche. Beweisstück A: das Œuvre des inzwischen 93jährigen Tom Lehrer. Wissenswerter Einschub für Deutschsprachige: Georg Kreislers "Tauben vergiften im Park" ist, bei gleichwertiger Existenzberechtigung, eine Coverversion von Tom Lehrers "Poisoning Pigeons in the Park". Als ich in meiner Hör-Session bei Lehrers Jahrhundertstück, dem "Elements Song", angelangt war, musste ich mir zwangsläufig – apropos Coverversion – im Anschluss den nicht minder komischen "Major-General's Song" aus Gilbert und Sullivans Oper "The Pirates of Penzance" zu Gemüte führen. Und damit schließt sich der Kreis, zumindest für heute. Denn wer findet in dem zungenbrechenden Patter song von 1879 Erwähnung? Genau: Caractacus.

Dienstag, 7. Dezember 2021

Kelten in Übersee (2)

Das, was ich in Teil 1 "keltische Spuren in der Neuen Welt" genannt habe, lässt sich in verschiedener Gestalt ausmachen, nämlich a) in Ortsnamen und Nationalsymbolen und b) in Gemeinschaften, die sich als keltischstämmig identifizieren und/oder einen keltischen Dialekt sprechen; das sind dann freilich mehr als bloße "Spuren". Manchmal fällt beides zusammen, was ich als Kategorie c) labeln möchte.

Aus der Kategorie a) war es vor allem der geographische Name Neukaledonien, der mich überhaupt zum Schreiben dieses Beitrags getrieben hat. Wie kommt es, dass eine französische Überseegemeinschaft im Pazifik den lateinischen Namen Schottlands (Caledonia) trägt? Antwort: James Cook fühlte sich bei seiner Entdeckung der Hauptinsel an Schottland erinnert. Seitdem heißt der Archipel auf englisch New Caledonia und in älterer deutschsprachiger Literatur sogar "Neuschottland". Was ist mit New South Wales / Neusüdwales? Dasselbe: Cook erkannte in der Beschaffenheit des späteren australischen Bundesstaates Ähnlichkeiten mit dem Süden von Wales.

Aber bleiben wir bei Neuschottland, allerdings nicht in der Südsee, sondern in Amerika: Die kanadische Provinz Nova Scotia ist nämlich nicht nur dem Namen nach die Fortsetzung einer tatsächlichen schottischen Kolonie! Wie ich in meiner Einleitung festhielt, war Schottland bis zum Jahr 1707 ein unabhängiges Königreich, und als solches hat es bis dahin immer wieder versucht, im Spiel der europäischen Übersee-Eroberungen mitzumischen. Die englischsprachige Wikipedia hat diese Versuche, von denen ich zuvor ebenso wenig wie von der kurzlebigen Company of Scotland je gehört hatte, in einem eigenen Artikel zusammengefasst. Die Besiedlung des vormals französischen Territoriums (Akadien) kann jedenfalls als der einzige Erfolg in dieser Richtung verbucht werden, und noch heute finden wir den Schottlandbezug in der Provinzflagge:


Und nicht nur da, denn wir haben hier ein schönes Beispiel der Kategorie c). Je nach Quelle 300 bis 1000 Menschen in Nova Scotia geben an, sog.
Canadian Gaelic zu sprechen. Sie nennen die Provinz Alba Nuadh. Eine Häufung von native speakers dieses schottisch-gälischen Dialekts gibt es auf Cape Breton Island, deren keltischer Ortsnamenbezug indes wohl eher willkürlich gewählt ist. In ganz Kanada gibt es schätzungsweise knapp 4000 Sprecher/innen irgendeiner Form des Gälischen.

Weniger stark als die Highlander konnten die Waliser dem nordamerikanischen Land ihren Stempel aufdrücken. Zwar gelangte der Kapitän Thomas Button 1612 im Auftrag der Royal Navy an die Westküste der Hudsonbai und taufte diese in Reverenz an seine Heimat "New Wales", aber wie wir wissen, setzte sich diese Bezeichnung nicht durch. Wesentlich erfolgreicher verlief die Verbreitung walisischer Kultur später weiter im Süden, nämlich im Zuge der walisischen Besiedlung (Y Wladfa) der heutigen argentinischen Provinz Chubut ab 1865. In zahlreichen Orten mit Namen wie Gaiman, Rawson oder Dolavon stößt man auf walisische Teehäuser, Heimatmuseen, Kirchen, sieht walisische Tänze, erlebt authentische Eisteddfodau und kann gleich zwei Zeitungen in kymrischer Sprache erwerben. Apropos: Die Sprache der Immigrantennachfahren wird "Patagonian Welsh" (Cymraeg y wladfa) genannt und ist äußerst lebendig. Insgesamt soll es in Argentinien 25.000 Walisisch-Sprechende geben, 5000 davon in der Diaspora von Chubut. Nebenbei gibt es in Argentinien auch eine beachtliche schottische Minderheit und damit einen weiteren Vertreter der Kategorie b).

Nachdem von Schottland und Wales die Rede war, kommen wir zur dritten "großen" der keltischen Nationen. An dieser Stelle kann ich verraten, dass (Neo-)Kornisch, Manx und Bretonisch außerhalb Europas, ja selbst außerhalb ihrer angestammten Region keinen Fuß fassen konnten. Das schmälert nicht die Bedeutung dieser Sprachen und der Traditionen ihrer Sprecher, und über die "Größe" sagt es auch nicht viel aus: 3 Millionen Walisern stehen 4 Millionen Bretonen gegenüber, nur besitzen von Ersteren nach aktuellen Angaben 750.000 Walisisch-Kenntnisse, womit das Kymrische die am weitesten verbreitete der keltischen Sprachen ist und die einzige nicht vom Aussterben bedrohte. Verfolgt man nun die Spur reisender Iren, landet man an vertrauten Orten, in Kanada (etwa in Neufundland oder auf Prince Edward Island, das 1770 "New Ireland" genannt werden sollte – mit dem Ziel, irische Siedler überhaupt erst anzulocken), in Argentinien (rund 20.000 ließen sich im 19. Jahrhundert hier nieder), aber auch in Papua-Neuguinea: Als Australien die Insel Neumecklenburg im Bismarck-Archipel nach dem Ersten Weltkrieg in "New Ireland" umbenannte, knüpfte es an die Namensgebung "Nova Hibernia" durch den britischen Seefahrer Philipp Carteret im Jahr 1767 an (analog dazu wurde Neupommern zu Neubritannien). Nun gut, die beiden "Neuirlands" fallen freilich abermals lediglich in Kategorie a).

Jetzt aber eine knifflige Quizfrage, die ich vor ein paar Monaten auch noch nicht hätte beantworten können: Auf welche Flagge und welches Wappen außerhalb Europas hat es sogar eine typisch keltische Allegorie nebst Nationalsymbol geschafft? Auflösung: Montserrat.


Was bitte hat Erin mit der irischen Harfe auf der Flagge eines britischen Überseegebiets mit spanischem Namen zu suchen? 1. Der Name der Karibikinsel geht auf Kolumbus zurück, der das Kloster Montserrat bei Barcelona darin verewigte. 2. Im Rahmen des auch in die West Indies ausgetragenen Englischen Bürgerkriegs (1642-1649) wurden irischstämmige Einwohner/innen von dem benachbarten Eiland St. Kitts hierher umgesiedelt, solche aus den amerikanischen Kolonien folgten nach. Wikipedia: "Noch heute ist ein großer Teil der europäischstämmigen Bewohner irischer Abstammung." Wie groß der gegenwärtige Anteil derer ist, die Neuirisch zumindest als Zweitsprache beherrschen, konnte ich nicht in Erfahrung bringen; er dürfte verschwindend gering bis nicht vorhanden sein.

Und damit endet unsere Rundfahrt um die Welt auf den Spuren der alten wie modernen Keltinnen und Kelten. Mit Sicherheit habe ich den ein oder anderen Schauplatz übersehen, einiges musste ich aus Ökonomiegründen außen vor lassen. Wer Nachlässigkeiten oder Falschbehauptungen entdeckt oder sonstige fruchtbringende Anmerkungen hat, möge die Kommentarfunktion nutzen.

Montag, 8. März 2021

Kurz notiert: Oregon

In der FAZ wurde neulich in einem Artikel über Oregon unvermittelt das Wort "Pazifikstaat" als Synonym verwendet, und das ließ mich stutzen. Pazifikstaat: Da denke ich zuerst an Neuseeland, an Samoa, die Cookinseln, Palau oder auch Nauru, aber nicht an einen Bundesstaat der USA, der zufällig an der Pazifikküste liegt. Das ist natürlich meiner Ignoranz geschuldet, denn als Pacific states sind die Westküstenstaaten Oregon, Kalifornien und Washington (gelegentlich auch Alaska) durchaus etabliert. Oregon bezieht sich in mancher Hinsicht auf den Stillen Ozean, ist beispielsweise stolz auf seinen Wanderweg Pacific Crest Trail, mehrere Restaurants führen das Label "Pacific" im Namen, es gibt die Pacific University in Forest Grove und die Warner Pacific University in Portland. In gewissen Aspekten sind die drei zusammenhängenden Staaten zudem durchaus homogen, so etwa historisch (Pacific Fur Company), politisch ("Left Coast") und klimatisch (mediterranes Klima).

Googelt man "Atlantikstaat", erhält man insgesamt nur wenige Treffer, darunter neben naheliegenden wie die unabhängigen Staaten Island und Belize aber auch Verweise auf New Jersey und Rhode Island.

Mittwoch, 26. Juni 2019

Kurz notiert: Umtriebige Künstler

Manchmal finde ich erst nach Ewigkeiten, meist zufällig, heraus, dass irgendjemand, der etwas Bekanntes geschaffen hat, auch für etwas anderes bekannt ist. Jüngstes Beispiel: Kris Straub, Zeichner des witzigen, leider zurzeit pausierenden Webcomics Chainsawsuit, ist der Schöpfer der Online-"Kurzgeschichte" "Candle Cove" (vollständig hier zu lesen), des wohl berühmtesten Creepypastas – meines Wissens das erste, welches es zu einer filmischen Adaptation gebracht hat, nämlich (noch vor dem "Slenderman"-Film von 2018) zu einer TV-Serie bzw., genauer, zur ersten Staffel der Anthologie-Show "Channel Zero". Besagte Season (nach "Candle Cove" erschienen noch drei weitere auf Creepypastas basierende Storys) habe ich mir neulich mit wohligem Schauder angeschaudert, äh: -geschaut. Ich hoffe, der geistige Vater dieser modernen Gruselmär wurde angemessen dafür entlohnt. (Wie ich sehe, hat dieser Cartoonist auch noch etliche andere Projekte am Start.) 

Samstag, 23. Dezember 2017

Jingle bellum

Ich wollte gerade überprüfen, ob man, so wie man den Text der DDR-Nationalhymne zur Melodie des Deutschlandliedes singen kann und umgekehrt, den Text von "Alle Vögel sind schon da" zur Melodie von "Morgen kommt der Weihnachtsmann" singen kann und umgekehrt (ja, kann man). Dabei habe ich zum ersten Mal den ungeheuerlichen Ursprungstext von "Der Weihnachtsmann" aus dem Jahre 1835 gelesen:

"Morgen kommt der Weihnachtsmann,
Kommt mit seinen Gaben.
Trommel, Pfeife und Gewehr,
Fahn und Säbel und noch mehr,
Ja ein ganzes Kriegesheer,
Möcht’ ich gerne haben."

Was zur Hölle, Hoffmann von Fallersleben? Die zweite Strophe schwingt immerhin ins angenehm Bizarre:

"Bring’ uns, lieber Weihnachtsmann,
Bring’ auch morgen, bringe
Musketier und Grenadier,
Zottelbär und Panthertier,
Roß und Esel, Schaf und Stier,
Lauter schöne Dinge."

Zottelbär und Panthertier! Das dürften sich meine Kinder gerne wünschen. Ich würde natürlich einen mahnenden Vortrag darüber halten, dass Bären und Panther zwar als Jungtiere niedlich und verspielt sein mögen, ausgewachsen aber viel Pflege, Auslauf und Lebendfutter benötigen und dazu neigen, ihre kleinen menschlichen Halter/-innen unbarmherzig zu zerfleischen.
In diesem Sinne ein friedvolles Weihnachtsfest!


Freitag, 20. September 2013

Patent zu verschenken

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen mit gelockerter Gesetzestreue an eine Tanksäule fahren, ihren Wagen volltanken und dann ohne zu zahlen weiterfahren! 
Deshalb habe ich folgende Erfindung konzipiert (im Kopf): Man installiert kurz vor der Tankstellenausfahrt schwere Straßenfallen (in Form sog. "motorisierter Nagelsperren"), die nur über eine Fernsteuerung in die Fahrbahn eingeklappt werden können. Diese Fernsteuerung bedient das Kassenpersonal erst, nachdem der Kunde / die Kundin die Tankrechnung beglichen hat. 
Soweit ich sehe, ist bisher noch niemand auf diese Idee gekommen. Allerdings wurde 1995 eine Zapfpistole mit Wegfahrsperre zum Patent angemeldet. Dabei "hängt" das betankte Auto solange an der Zapfsäule, bis die Zahlung erfolgt ist.
Hier sehe ich sofort das Problem, dass findige Gaunerwerkstätten die Einfüllstutzen dergestalt manipulieren könnten, dass diese gegen das Einkrallen der Zapfpistolen resistent sind (mit extragroßen Löchern oder so).
Meine Erfindung hat außerdem den Vorteil, dass der Wagenführer nach dem Tankvorgang schon mal vorfahren kann und die Säule für den nächsten freigibt, während er bezahlen geht. 
Ich bin zu faul, diese geniale Erfindung genau zu formulieren oder gar zu zeichnen, weswegen ich sie der Gemeinheit vermache.

Hier noch zwei schöne Dinge, die ich gerade bei Wikipedia gefunden habe:
1) Tschechenigel (Es gab mal so eine Panelshow im Fernsehen, bei der Comedians die Bedeutung seltsamer Wörter erraten mussten; der "Tschechenigel" hätte gut darein gepasst.)
2) diese Brainfuck-Graphik


Mittwoch, 26. Dezember 2012

Von Löwen und Persern

Serendipity nennt man es, wenn man bei der Suche nach irgendetwas auf etwas anderes stößt, das sich im Nachhinein als viel relevanter als das ursprünglich Gesuchte entpuppt. Ein Musterbeispiel ist die unbeabsichtigte Entdeckung Amerikas durch Herrn Kolumbus. Oft tritt dieser Effekt im Internet zutage: wenn man also bei der Online-Recherche zufällig etwas Interessantes entdeckt.

Interessant ist zum Beispiel die Etymologie von Serendipity. Man kann sie überall nachlesen, weswegen ich sie hier nicht als Eigenleistung verkaufen möchte, sondern nur kurz wiedergebe.
Horace Walpole, Sohn des britischen Premierministers Robert Walpole, schrieb 1754 einen Brief an den britischen Botschafter in Florenz, Horace Mann (damals hießen alle Horace). Darin erklärt Walpole, dass er das Wort dem englischen Titel des persischen Märchens The Three Princes of Serendip entnommen habe. (Das Original von 1557 ist allerdings italienisch und heißt Peregrinaggio di tre giovani figliuoli del re di Serendippo. Der Herausgeber hatte die Geschichte von einem italienischen Autor gehört, der sie wiederum in dem persischen Märchengedicht Hasht-Bihisht von ca. 1302 kennengelernt hatte, welches wiederum auf dem Haft Paykar von ca. 1197 basiert, welches wiederum seine Wurzeln im persischen Königsbuch hat. Uff!)
In besagter Geschichte geht es jedenfalls um drei Prinzen, die immer wieder durch eine Mischung aus Glück und Gewitztheit in erbauliche Abenteuer taumeln. Walpole fand dieses Prinzip offenbar so einleuchtend und faszinierend, dass er dem Begriff mit serendipity einen Namen gab. Das namensgebende Herkunftsland der Prinzen, Serendip, ist ein alter Name Sri Lankas, der eine arabisierte Form des Sanskrit-Wortes Simhala-dvipa darstellt (simha- "Löwe" und dvipa- "Insel", vgl. auch Singapur, wörtlich "Löwenstadt"). Aus Simhala wurde übrigens im Pali (eine mittelindische Sprache) Sihalan und daraus im Malaysischen Sailan, was dann in Europa als Ceylon amtlich wurde.

Dafür, dass es das Wort Serendipity schon so lange gibt, kam es recht spät in Mode. Laut Google Ngram ist ein bemerkenswerter (gleichmäßiger) Anstieg erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auszumachen, im deutschen Sprachraum auch, allerdings mit zwei zwischenzeitlichen Rückgängen. Die deutsche Variante Serendipität gibt es im Übrigen auch, ist aber selten.