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Dienstag, 28. April 2026

Neues Altes (Februar-April '26 + Nachtrag)

  • [nachgereicht] Forscher finden mögliches Massengrab von Pestopfern in Thüringen (n-tv.de, 13. Januar) "Durch Auswertung historischer Quellen, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen konnte ein Expertenteam nun ein Massengrab identifizieren, das den beschriebenen Pestgruben aus dem 14. Jahrhundert entspricht. Endgültige Klarheit soll eine archäologische Grabung bringen."
  • Waren die ältesten Kunstwerke Europas beschriftet? (Spektrum.de, 24. Februar) Untersucht wurden die Linien, Kreuze und Punkte auf 260 "Objekten der Altsteinzeit, die zwischen 43 000 und 34 000 Jahre alt sind – darunter [ein Elfenbeinmammut], der rätselhafte Löwenmensch aus dem Hohlenstein-Stadel, Knochen- und Elfenbeinflöten bis hin zu weniger bekannten Werkzeugen". Die Eigenschaften dieser Muster, "beispielsweise wie verschiedenartig die Zeichen gestaltet sind oder wie sie sich wiederholen", wurden "mit denen anderer, jüngerer Zeichensysteme, darunter auch moderner Schrift" verglichen und seien von der Komplexität her tatsächlich der sog. Protokeilschrift nicht unähnlich. (Anm. d. Bloggers: Ich warne vor voreiligen Schlüssen und würde tunlichst davon abraten, von einer "Schrift" zu sprechen.)
  • 2,000-year-old inscriptions found in Valley of the Kings offer fresh insight into Indian presence in Ancient Egypt (The Art Newspaper, 25. Februar, englisch) Im 1. bis 3. Jh. n. Chr. haben Menschen aus Indien nachweislich Austausch mit Ägypten und Griechenland gehabt. Händler hinterließen im Tal der Könige Graffiti in vier verschiedenen Sprachen und Schriften Indiens. Die Mehrheit der knapp 30 Inschriften, die sich auf sechs Gräber verteilen, wurde in der Tamil-Brahmi-Schrift verfasst. "[A]lthough archaeologists knew of an Indian presence on the Red Sea coast of Egypt during the later Roman era [...] 'until this discovery we never had any solid proof of visitors from India to the Nile Valley in this early period'."
  • Wer waren die toten »Sänger des Amun«? ("Spiegel online", 3. März) Dieser Titel taucht auf mehreren der 22 bemalten und verzierten Holzsarkophage auf, die – samt unversehrten Mumien – in Theben freigelegt wurden. In der rechteckigen Grabkammer aus der Dritten Zwischenzeit (1075 bis 652 v. Chr.) lagen zudem Keramikgefäße, "die vermutlich Materialien enthielten, die während des Mumifizierungsprozesses verwendet wurden".
  • Mehr als 43.000 beschriftete Tonscherben in Ägypten entdeckt (Stuttgarter Nachrichten, 13. März) Der Rekordfund aus dem Komplex Athribis gibt beredtes Zeugnis über die Sozialgeschichte der Nilregion. Die Ostraka enthalten "Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren". Die ältesten Texte (aus dem 3. Jh. v. Chr.) liegen dabei in demotischer Schrift vor, die jüngsten (9.-11. Jh. n. Chr.) in arabischer, hinzu kommen viele griechische Inschriften sowie Texte in koptischer und hieratischer Schrift und in ägyptischen Hieroglyphen.
  • When did humans arrive in the Americas? A new study reignites the debate (National Geographic, 19. März, englisch) Die südchilenische Stätte Monte Verde ist neueren Untersuchen zufolge womöglich nur weniger als 8000 Jahre alt, nicht, wie nach ihrer Entdeckung in den 1970ern angenommen, 14.500 Jahre. Damals wurde mittels der Radiocarbonmethode Holz datiert – das sich jedoch ursprünglich nicht in Monte Verde befunden haben, sondern durch Erosionsprozesse von anderswo dorthin gelangt sein könnte. "The difference between a site being 13,000, 14,500, or 21,000 years old is significant because it raises other questions about how early humans arrived. Monte Verde prompted archaeologists to look for explanations as to how people could get to the Americas before the emergence of an ice-free corridor in Canada that only arose near the end of the last Ice Age, around 13,800 years ago."
  • Wurde Pompeji mit einem antiken Maschinengewehr angegriffen? ("Spiegel online", 22. März) Dies könnte zumindest die Erklärung für viereckige, fächerförmig angeordnete Einschusslöcher in den nördlichen Stadtmauern sein. "Um zu überprüfen, ob sie damit richtig lagen, verglichen die Forscherinnen die digitalen Messdaten mit griechischen Ingenieurszeichnungen aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, die die Mechanik eines Polybolos beschreiben."
  • Überreste von Musketier D'Artagnan entdeckt? (Tagesschau, 26. März) "Bei einer Reparatur der Sint-Petrus-en-Pauluskirche in Maastrichter Stadtteil Wolder im Süden der Niederlande wurde das Grab entdeckt", genauer: unter dem Altar, wo i.d.R. "[n]ur königliche oder andere wichtige Personen" begraben wurden. "Auch eine Kugel sei bei den Rippen gefunden worden und eine französische Münze." Ein DNA-Abgleich mit einem Nachfahren des berühmten Anführers der Leibwache Ludwigs XIV. soll in ein paar Wochen Klarheit schaffen.
  • Hügelgräber bei Ausgrabungen in Laußnitzer Heide entdeckt (n-tv.de, 26. März) "Die Grabungen erfolgten vor der Erschließung neuer Abbauflächen durch das Kieswerk Ottendorf-Okrilla." Von den zehn schnurkeramischen Gräbern aus der Zeit zwischen 2750 und 2200 v. Chr. seien neun "ungestört und mit reichen Grabbeigaben ausgestattet" gewesen.
  • Archäologie enthüllt: Alexandria am Tigris war größer als gedacht (Berliner Morgenpost, 26. März) Nach einer Neuverortung mit modernen geophysikalischen Methoden und unter Zuhilfenahme von Drohnenaufnahmen kommt ein internationales Forschungsteam zu dem Schluss, dass die ein halbes Jahrtausend lang höchst bedeutende Stadt im heutigen Irak, unweit der Grenze zum Iran, eine hochkomplexe Metropole war, die es mit ihrer Namensvetterin am Nil aufnehmen konnte.
  • Römische Bootsladung vom Grund des Neuenburgersees gehoben (SRF, 26. März) Die exzellent erhaltenen Gegenstände – Schwerter, Gefäße, Werkzeuge – aus dem Gewässer im Kanton Neuenburg befanden sich wohl an Bord eines im ersten nachchristlichen Jahrhundert gesunkenen zivilen Handelsschiffs und zeugen "von der Nutzung eines dualen Transportsystems, das Land- und Wasserwege miteinander verband".
  • Als Neandertaler einen Elefanten schlachteten ("Spiegel online", 27. März) Bereits 1948 wurden im niedersächsischen Lehringen die ca. 125.000 Jahre alten Überreste eines Waldelefanten entdeckt, dem "ein augenscheinlich von Menschenhand geformter, etwa 2,4 Meter langer Holzstab" zwischen den Knochen steckte. "Nun geben neue Untersuchungen Gewissheit: Der etwa 30 Jahre alte Elefantenbulle wurde höchstwahrscheinlich von Neandertalern getötet, berichtet ein Forschungsteam". Das Tier war zudem noch am Ort des Erlegens ausgenommen und zerteilt worden.
  • Fragmente von Homers »Ilias« in Mumie entdeckt ("Spiegel online", 22. April) Im heutigen ägyptischen Al-Bahnasa, dem antiken Oxyrhynchos, wo bereits "viele beeindruckende Gegenstände aus der griechisch-römischen und byzantinischen Zeit gefunden [wurden], darunter Tausende Papyri", wurde im Inneren einer Mumie aus römischer Zeit ein Papyrus mit Versen aus dem zweiten Buch des Epos aufgespürt.

Donnerstag, 18. September 2025

Ich fliege ins All!

Nächstes Jahr ist es soweit, meinen Boarding Pass habe ich schon:


Nun gut, ich geb's zu: Leibhaftig werde ich an der Artemis-II-Mission nicht teilnehmen. Aber immerhin mein Name wird auf einer SD-Karte gespeichert, zusammen mit (Stand: 18.9.2025) über 510.000 anderen. Diese Karte wird auf der Orion verstaut und saust sodann Richtung Mond. Wer kommt mit?

Mittwoch, 10. September 2025

Byzantinische Botschaften

Gerade ausgelesen:


Das war so packend wie ein Krimi und vollgestopft mit überraschenden Erkenntnissen nach neuestem Forschungsstand. Lediglich eine Passage möchte ich auszugsweise wiedergeben, bezieht sie sich doch zufällig – bzw. angesichts des Themas überhaupt nicht zufällig – auf etwas, das ich vor einiger Zeit hier im Blog behandelt habe: die nordischen Runen in der Hagia Sophia:

Überall in der Kirche finden sich Graffiti, kyrillische und griechische, armenische und lateinische. Die meisten wurden schätzungsweise zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert angefertigt und enthalten sowohl Namen als auch Bilder von Tieren, Waffen und Wappen. [...]

2009 wurde eine neue aufregende Entdeckung gemacht. Auf der Suche nach weiteren kyrillischen Inschriften fotografierte ein Team russischer Forscher akribisch alle Flächen mit möglichen Schriftzeichen und nahm die Bilder genau unter die Lupe. Alles, was irgendwie nach Runen aussah, schickten sie einer Runologin, Elena Melnikova, die schließlich einen Erfolg vermeldete. Eine dritte Runeninschrift, die auf einer marmornen Fensterbank in der nördlichen Galerie gefunden wurde, besagte: "Arinbarðr hat diese Runen geschnitten." Aufgrund ihrer besonderen Ritzart wurden diese Runen von Melnikova auf die Zeit zwischen dem frühen elften und dem zwölften Jahrhundert datiert, also auf das Ende der Wikingerzeit. (S. 346f.)

Aber das ist noch nicht alles!

Das ist noch nicht alles, denn in der Kirche wurde noch eine weitere Entdeckung gemacht. Bei der Untersuchung von mehr als 30 Graffiti-Darstellungen von Schiffen stellte der Forscher Thomas Thomov fest, dass es sich bei vier von ihnen um Wikingerschiffe handelte. Das überzeugendste Beispiel ist auf einer Säule in der Ecke derselben Galerie zu sehen, in der, nur erwa zehn Meter entfernt, Halfdans Inschrift gefunden wurde. Man muss allerdings schon genau hinschauen, um das – knapp unter Augenhöhe in den Stein geritzte – Schiff zu erkennen. Ein Teil ist unverwechselbar: der nach links gewendete Kopf eines Drachen mit einem nach vorn schauenden Auge. Der Hals ist nach unten gebogen und geht in den Rumpf eines schlanken Schiffs über, dessen Proportionen von jedem, der schon einmal ein Wikingerschiff gesehen hat, sofort wiedererkannt werden. [...] Eine weitere Zeichnung auf der anderen Seite der Säule könnte zwei weitere Schiffe zeigen, die nebeneinander in einem Hafen liegen. Diese Darstellungen sind überzeugend, und es gibt keinen Grund, sie für Fälschungen zu halten. (S. 347)

Dass die Inschriften und Zeichnungen von Angehörigen der Warägergarde hinterlassen wurden, ist nicht so unzweifelhaft, wie ich es bei meiner Erstrecherche herausgelesen hatte und wie es mein Blogbeitrag vom Mai insinuiert. "Waren Halfdan und Arinbarðr Mitglieder der Warägergarde?", fragt die Autorin auf Seite 350. Tatsächlich spricht einiges dafür. Doch nicht zwangsläufig müssen alle Nordmänner, die sich zu jener Zeit in der Hagia Sophia befanden, der legendären kaiserlichen Leibgarde angehört haben. Umgekehrt waren nicht alle Warägergardisten "Wikinger". Zwar bestand die Warägergarde "überwiegend aus Skandinaviern, aber ihr konnten auch andere Nationalitäten angehören. Nach der Schlacht bei Stamford Bridge zum Beispiel wuchs die Zahl der Angelsachsen, die nach der Niederlage gegen Wilhelm der Eroberer (zufällig ebenfalls ein Nachkomme der Wikinger) aus England geflohen war." (S. 351)

Montag, 4. August 2025

Was sprudelt denn da?

Langsam wird's unheimlich! Vor wenigen Tagen zitiere ich in meiner allmonatlichen Titanic-Rückschau Michael Ziegelwagners Wasserfallkritik: "Schon gut, man hat's verstanden: oben noch Wasserfläche, plötzlich Wasserfall, unten wieder Wasserfläche. [...] Ja, wenn es denn andersrum wäre, das Wasser von unten nach oben stürzte, dann, ja dann! müßte ich zugeben, daß der Wasserfall einen großartigen Trick beherrscht."

Just zwei Tage später zwoscht mir auf "Spiegel online" unter der Überschrift "Wasser, das nach oben stürzt" folgender Wissenschaftsartikel entgegen:
Auf alten Satellitenbildern von Grönlands Gletschern haben Forschende ein bisher unbekanntes Phänomen entdeckt: eine Art aufwärts strömenden, gigantischen Wasserfall.
Im Juli 2014 [...] schoss aus mehreren Hundert Meter Tiefe Wasser durch den Eispanzer, wie in einem machtvollen Wasserfall. Nur dass dieser nicht abwärts, sondern aufwärts stürzte. An der Oberfläche sprengte sich die emporquellende Flut den weiteren Weg frei. Eisbrocken, groß wie achtstöckige Häuser, brachen ab und wurden vom Wasser mitgerissen.
Zehn Tage dauerte das Spektakel. Während dieser Zeit schoss so viel Wasser aufwärts, wie in den Niagarafällen binnen neun Stunden abwärts fällt: insgesamt rund 90 Millionen Kubikmeter Wasser [...]
Um zu erklären, was hier geschehen war, zog das Team aus Lancaster die AWI-Glaziologin Humbert hinzu: Offenbar, so ihre Deutung, war Schmelzwasser an einer nahen, aus dem Eis herausragenden Gebirgskuppe bis hinab aufs Felsbett geflossen, wo es sich in einer Mulde unter dem Eis gesammelt hatte. Weiter abfließen konnte es nicht, denn der Gletscher ist in dieser Region am Grund festgefroren. Die Folge: Das Wasser staute sich. Allmählich blähte sich in der Tiefe eine immer größere flüssige Blase, die den darüber liegenden Eispanzer zu einem Dom emporwölbte. [...]
Die Bedeutung des Vorgangs ist noch nicht absehbar. Möglicherweise handelt es sich um ein extrem seltenes Ereignis, wie es nur unter sehr ungewöhnlichen Umständen passieren kann.
Stark vereinfacht anhand einer Nature Geoscience entnommenen Infographik wiedergegeben: Unter die Eisschicht eines Gletschers gelangt irgendwie Wasser, das sich zu einem See sammelt, welcher immer mehr anwächst, bis die Eisschicht dem Druck nicht mehr standhalten kann und aufbricht. Das Wasser des – schönes Wort! – untereisigen Sees schießt fontänenartig heraus; danach stürzt die verbliebene Eisschicht in sich zusammen und hinterlässt einen Krater. Chapaeu, Natur!

Sonntag, 13. Juli 2025

Neues Altes (Mai-Juli '25)

Wir beginnen mit etwas, das ich im März übersehen hatte:

  • Enträtselt dieses Fundstück die Minoer-Schrift? (scinexx.de, 26. März) Ein Elfenbeinring mit Elfenbeingriff, von der Form an einen Handspiegel erinnernd, weist eine aus 119 Zeichen bestehende Inschrift in Linear A auf. Das Kultobjekt stammt aus einem um 1700 v. Chr. errichteten Heiligtum in Knossos, das unter den Resten eines römischen Tempels verborgen lag.
  • Monumentales Relief aus dem Palast Assurbanipals entdeckt (Spektrum.de, 19. Mai) Das Fragment gehörte zu einer einst etwa zwölf Tonnen schweren, fünfeinhalb Meter langen und drei Meter hohen Reliefplatte im Thronsaal aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Neben dem assyrischen Herrscher selbst zeige das gut erhaltene Relief die Gottheiten Assur und Ištar.
  • Über 100 Ruinen der Chachapoya-Kultur in Peru entdeckt ("Spiegel online", 23. Mai) In einem schwer zugänglichen Gebiet der Anden wurden mithilfe von Lasertechnik Strukturen der als "Wolkenmenschen" oder "Nebelkrieger" bekannten prähispanischen Kultur identifiziert, die zwischen dem 7. und 16. Jahrhundert "hoch entwickelte urbane Zentren, zeremonielle Plattformen, Felsengräber und landwirtschaftliche Terrassen" in erstaunlichen Höhen angelegt hat.
  • Spektakuläres antikes Mosaik ab sofort in Israel zu sehen (Evangelische Zeitung, 27. Mai) Das Mosaik von Be’er Shema (Birsama) stammt aus byzantinischer Zeit (324-638 n. Chr.) und zeigt "55 Medaillons mit Jagdszenen, Tieren und Szenen des täglichen Lebens".
  • Forscher entdecken fast 3000 Jahre alte Mayastätte in Guatemala ("Spiegel online", 30. Mai) Der sich auf 16 Quadratkilometer erstreckende Ort im Regenwald wurde "Los Abuelos" ("Die Großeltern") getauft, "da dort zwei anthropomorphe Steinskulpturen gefunden wurden, die vermutlich dem Kult der Vorfahren gewidmet waren [...]. Bei den Ausgrabungen kamen zudem ein Observatorium, Pyramiden, Altäre, Stelen-Fragmente und Keramiken zum Vorschein." Rund ein Jahrtausend lang soll der unweit Tikal aufgefundene Tempel "für rituelle Zwecke genutzt und dann aufgegeben worden sein, bis er um 800 n.Chr. von späteren Bewohnern wieder in Benutzung genommen wurde".
  • Qumran-Schriftrollen sind wohl älter als gedacht ("Spiegel online", 5. Juni) "Forschende um Mladen Popović von der Universität Groningen haben eine Methode entwickelt, die Radiokarbondatierung mit einem KI-System namens Enoch kombiniert. Diese KI analysiert Schriftmerkmale wie Kurven, Winkel und andere geometrische Details, um das Alter der Manuskripte präzise zu bestimmen. Das Ergebnis: Einige der Schriftrollen könnten sogar aus der Entstehungszeit des Alten Testaments stammen."
  • Magdeburg: Spektakuläre Erkenntnisse zu Überresten im Grab von Otto I. (MDR, 24. Juni) Bei Sanierungsarbeiten am Kaisergrab im Magdeburger Dom wurde dieses geöffnet, und es sind "menschliche Überreste, Textilien und Grabbeigaben sichergestellt worden". Handelt es sich bei dem Skelett tatsächlich um Otto den Großen? "Erste Messungen hätten ergeben, dass der Mann im Sarg etwa 1,79 Meter groß gewesen sei. Damit sei er mindestens zehn Zentimeter größer als viele andere Männer der Zeit gewesen. Die Knochen ließen zudem darauf schließen, dass er Reiter gewesen sei. Alles spreche für Otto, betonte Meller. Die Knochenerhaltung des Schädels sei 'herausragend'. Das würde eine 'perfekte Gesichtsrekonstruktion' ermöglichen und eine realistische Abbildung des Kaisers Otto erlauben: 'In spätestens einem bis eineinhalb Jahren werden wir dem Kaiser, wenn er es denn ist, ins Gesicht sehen.'"
  • Archäologen entdecken 9000 Jahre alte, rätselhafte Beweise für Matriarchat (Chip, 1. Juli) Die Analyse von rund 400 DNA-Strängen aus menschlichen Überresten in Çatalhöyük ergab, "dass die Blutlinien nicht über männliche, sondern über weibliche Nachfolger weitergegeben" wurden, somit "in erster Linie in der Familienpolitik nicht die Männer, sondern die Frauen das Sagen hatten". Dies decke sich mit der Annahme eines durch verhältnismäßig viele Funde weiblicher Figurinen indizierten Göttinnenkultes sowie der Tatsache, dass in der Stätte "weibliche Verstorbene mit weitaus mehr Grabgeschenken bedacht" wurden als männliche.
  • Erstes Genom aus dem alten Ägypten offenbart Verbindung nach Mesopotamien (Der Standard, 3. Juli) Einem Team des Francis Crick Institute und der Liverpool John Moores University ist es gelungen, erstmals das vollständige Genom eines Menschen aus dem alten Ägypten zu entschlüsseln. Der Töpfer, "der vor rund 4500 bis 4800 gelebt hatte und im heutigen Dorf Nuwayrat, 265 Kilometer südlich von Kairo, begraben wurde", wo man 1902 sein Skelett fand, war demnach "zu 80 Prozent ein durchschnittlicher Nordafrikaner", doch "20 Prozent seines genetischen Erbes ließen sich zu Personen zurückverfolgen, die in der Region des Fruchtbaren Halbmonds weiter im Osten gelebt hatten".
  • Hymne an Babylon nach 3.000 Jahren wieder lesbar (Deutschlandfunk, 4. Juli; Audio) Dank einer KI-gestützten Analyse liegt eine populäre, oft kopierte Hymne an die Stadt, ihre Bewohner und den Gott Marduk vollständig vor. (Mitteilung der LMU München)
  • Archäologen legen 3500 Jahre alte Stadt in Peru frei ("Spiegel online", 7. Juli) Es handelt sich um die Stätte Peñico, 200 km nördlich von Lima. Erbaut wurde sie vermutlich zwischen 1800 und 1500 v. Chr. "In den Gebäuden entdeckten [die Wissenschaftler] zeremonielle Gegenstände, Tonskulpturen von menschlichen und tierischen Figuren sowie Halsketten aus Perlen und Muscheln."
  • „Diese Entdeckung verändert unser Verständnis grundlegend“ – Neandertaler betrieben „Fabriken“ ("Welt online", 9. Juli) Eine Studie am Fundort Neumark-Nord 2 bei Halle "legt nahe, dass die Neandertaler prähistorische 'Fettfabriken' an einem gezielt gewählten Seeufer betrieben: Systematisch wurden dort die Knochen von mindestens 172 großen Tieren wie Hirschen, Pferden und Auerochsen verarbeitet. 'Solche komplexe Praktiken galten bislang als typisch für deutlich spätere Menschengruppen – nun ist klar, dass sie bereits vor 125.000 Jahren zum Repertoire der Neandertaler gehörten', heißt es in der Studie."
  • Archäologen bergen Teile des legendären Leuchtturms von Alexandria (Telepolis, 11. Juli) Das antike Weltwunder soll (digital) rekonstruiert werden. 22 bis zu 80 Tonnen wiegende Steinblöcke werden dazu aus dem Meer gehoben und demnächst "millimetergenau per Fotogrammetrie gescannt". "Überraschend stießen die Forscher auch auf Teile eines bislang unbekannten Pylons im ägyptischen Stil aus der hellenistischen Periode."

Mittwoch, 14. Mai 2025

Neues Altes (Februar-Mai '25)

  • Forscher finden Spuren von Kannibalismus aus der Steinzeit ("Spiegel online", 12. Februar) 18.000 Jahre alte Menschenknochen, die "zwischen Steinwerkzeugen, Knochenspitzen und den Resten von zuvor erbeuteten eiszeitlichen Tieren" in der südpolnischen Maszycka-Höhle gefunden wurden, weisen "Schnittstellen und andere Spuren" auf, die "auf ein systematisches Zerlegen von Verstorbenen und Kannibalismus" in der späten Altsteinzeit hindeuten. "Gewaltkannibalismus" sei dabei wahrscheinlicher als "Kannibalismus aus Not".
  • Jahrhundertelang unentdeckte Basilika in London ausgegraben (Berliner Morgenpost, 15. Februar) Erstaunlich gut erhaltene Kalksteinmauerreste aus dem Untergeschoss eines Bürogebäudes legen Maße von 40 m Länge, 20 m Breite und 12 m Höhe nahe. Die Basilika wurde um 80 n. Chr. in der Nähe des Forums von Londinium errichtet.
  • Forscher entdecken Grab von Thutmosis II. in Ägypten ("Spiegel online", 20. Februar) Ein ägyptisch-britisches Team hat im Tal der Könige von Luxor das letzte bisher nicht lokalisierte königliche Grab aus der 18. Dynastie (ca. 1550 bis 1292 v.u.Z.) gefunden.
  • Forscher entdecken in Dänemark Stonehenge-ähnliche Anlage ("Spiegel online", 27. Februar) Im norddänischen Aars haben Archäologen eine etwa 4000 Jahre alte kreisförmige Anlage entdeckt, die an Stonehenge erinnert, jedoch aus im Abstand von ca. 2 m angeordneten hölzernen Pfählen besteht. Sie sei "ein Beweis für die engen Verbindungen der Himmerländer [= früheren Bewohner der Halbinsel im Norden Jütlands] zu anderen Gebieten und Völkern in Europa".
  • Sagenumwobenes Reitervolk: Genanalyse enthüllt die wahre Herkunft der Hunnen ("Focus online", 2. März) Ein Team des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig "analysierte insgesamt 370 Genome von [...] 35 Menschen, großteils aus dem heutigen Ungarn", aus dem 4. bis 6. Jahrhundert. "Dabei zeigte sich, dass die ethnische Zusammensetzung der Hunnen divers war. Ihre Herkunft lässt sich nicht nur auf das Xiongnu-Reich in der Mongolei zurückführen", wie man ab dem 18. Jahrhundert angenommen hatte. "Es gab auch Einflüsse aus verschiedenen Teilen Europas, aber auch aus dem Kaukasus oder der zentralasiatischen Steppe."
  • Archäologen entdecken bei Leipzig rätselhafte Grubenlinien ("Spiegel online", 4. April) Sechs Grabensysteme, insgesamt mehrere Kilometer lang, zwischen 1 bis 1,50 m tief und rund 3000 Jahre alt: Etwa 500 Jahre lang wurden die Gräben genutzt, doch wofür, muss vorerst Spekulation bleiben (Ackerflächentrennung, Wasserableitung?).
  • Jäger und Sammler reisten schon vor 8500 Jahren nach Malta ("Spiegel online", 9. April) "Die frühen Seeleute im Mittelmeer könnten etwa einen Einbaum oder ein Floß aus Schilfrohr oder Tierhäuten genutzt haben, schreibt Dylan Gaffney von der University of Oxford in einem Nature-Kommentar. Er schließt nicht aus, dass die Menschen aus Nordafrika kamen, auch wenn das unwahrscheinlich ist. 'Zum Zeitpunkt der Seefahrt betrug die Meeresdistanz zwischen Tunesien und Malta 250 bis 300 Kilometer.' Dabei könnten Inseln dazwischen als 'Trittsteine' gedient haben." Bisher galten 50 Kilometer als am weitesten von Jägern und Sammlern zurückgelegte Distanz im Mittelmeer. Grundlage für die neuen Erkenntnisse sind Werkzeugfunde, Feuerstellen- und Essensreste aus der Höhlenausgrabungsstätte Latnija im Norden Maltas.
  • Archäologen finden "fremden" Altar in der Mayastadt Tikal (scinexx.de, 9. April) Malweise und Motivik auf dem 1600 Jahre alten Altar sowie die um diesen herum gefundenen Gräber von rituell Geopferten entsprechen nicht den Traditionen der Maya, sondern deuten auf die rivalisierende Kultur von Teotihuacan.
  • Gladiatoren kämpften wohl auch gegen Löwen ("Spiegel online", 24. April) Mit "Bissspuren an den Überresten eines Menschen, der wahrscheinlich vor etwa 1800 Jahren im nordenglischen York begraben wurde", liegen erstmals physische Beweise für jene römischen Spektakel vor, die bislang nur aus bildhaften Darstellungen bekannt waren.
  • Röntgenanalyse macht antike Tinte auf verkohltem Papyrus lesbar ("Spiegel online", 8. Mai) Zwei Forscher für maschinelles Lernen haben die Tintenschrift auf einer karbonisierten Rolle aus Herculaneum entschlüsselt, die 79 n. Chr. unter der Asche des Vesuv begraben worden war. "Dazu analysierten sie Röntgenscans vom Inneren des Fundstücks mit Computermodellen. So wurden altgriechische Buchstaben sichtbar, die den Philosophen Philodem als Autor ausweisen und das Werk als 'Über die Laster'."
  • Die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt sind vielleicht doch nicht so alt ("Spiegel online", 10. Mai) Das Alter der sog. Schöninger Speere, gefunden in einem Tagebaugebiet in Helmstedt (Niedersachsen), wurde bisher auf 300.000 Jahre geschätzt. "Diese Angaben basierten allerdings auf Altersschätzungen der darüber und darunterliegenden Ablagerungen und nicht von der eigentlichen Fundschicht, schreibt das Forschungsteam um Studienleiter Olaf Jöris vom Monrepos-Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution in Neuwied". Nach der Korrektur aufgrund alternativer Datierungsmethoden gelten die bis zu 2,50 m langen Neandertalerwaffen nun als rund 200.000 Jahre alt.

PS: Ich habe mehrmals ChatGPT darum gebeten, die verlinkten Artikel in vier bis fünf Sätzen zusammenzufassen. Angeboten bekam ich Redundanzen, wörtliche Übernahmen statt Paraphrasierungen, unnötige Informationen bei gleichzeitiger Unterschlagung von Relevantem. Kurzum: Wieder einmal erweist sich "K.I." als herbe Enttäuschung.

Samstag, 10. Mai 2025

Can I crash at your place?

Apropos herrliche Wikipedia-Listen: Hochinteressant ist die leider noch nichts ins Deutsche übertragene "List of landings on extraterrestrial bodies". Es handelt sich um eine Liste sämtlicher bisher durchgeführter Landungen von Menschen und menschgemachten Objekten im Weltall, sortiert nach Himmelskörper. Aufgeführt werden sowohl geplante als auch unbeabsichtigte Landungen. Landungen von Flugkörpern werden grundsätzlich eingeteilt in soft landing (weiche Landung) und hard landing (harte Landung).

Auf 15 Himmelskörpern, die nicht die Erde sind, haben Menschen Zeug aufprallen lassen. Die harte Landung auf dem Asteroidenmond Dimorphos (2022) war die erste, die ein Objekt in unserem Sonnensystem aus seiner Bahn geworfen hat. Nun gut, das liest sich übertrieben dramatisch; "intentionally deviated (slightly) of its orbit" heißt es auf englisch. Die NASA hat damit das geprobt, was wir bisher nur aus unglaubwürdigen Hollywood-Actionern kannten, nämlich durch gezielte Kollision einen unseren Heimatplaneten bedrohenden Asteroiden vom Weg abzubringen.

Der erste Einschlag auf einem anderen Planeten erfolgte bereits 1966. Die sowjetische Sonde Venera 1, kurz nach Sputnik 7 gestartet, trat am 1. März in die Atmosphäre der Venus ein, nachdem der Kontakt zur Erde abgebrochen war. Venera 7 konnte dann Ende 1970, nach der ersten weichen Landung auf einem fremden Planeten überhaupt, bereits 23 Minuten übertragen und in diesem Zuge bestätigen, dass der Mensch nicht auf der Venus überleben kann. Dieser Erfolg sowie knapp ein Jahr später die erste (Bruch-)Landung einer Raumsonde auf dem Mars (allerdings ohne Kontakt) entschied das russisch-amerikanische "Space Race" zunächst zugunsten der UdSSR, zumal diese auch – nach drei Fehlversuchen – ebenfalls 1966 die erste weiche Landung auf dem Erdmond vorzuweisen hatte. Dagegen und immerhin hatten es drei Ranger-Missionen der USA zwischen 1964 und 1965 auf drei intentional hard impacts gebracht.

Mit Apollo 11 gewannen das Wettrennen im All 1969 freilich die Amis, wobei ein Jahr später die russische Mission Luna 16 mit der ersten Gesteinsprobenentnahme und -rückführung durch einen Roboter endete. Im neuen Jahrtausend traten dann weitere Nationen ins extraterrestrische Game ein: 2019 führte die chinesische Raumfahrtbehörde die erste weiche Landung auf der erdabgewandten Seite des Mondes durch. In der Südpolregion des Mondes glückte Indien im Jahr 2023 die erste weiche Landung.

Auf den Merkur crashte 2015 die 2004 gestartete NASA-Raumsonde MESSENGER; das war der bislang einzige Eintritt in den Orbit des sonnennächsten Planeten. Bei den Gasriesen Jupiter und Saturn kann mangels festem Boden eine Landung im Wortsinn schlechterdings nicht möglich sein, gleichwohl gab es vonseiten der Vereinigten Staaten bereits Annäherungsversuche: 2003 wurde die Raumsonde Galileo in die Atmosphäre des Jupiter gelenkt und verglühte dort, ebenso fand 2017 der Cassini-Orbiter in der Saturn-Atmosphäre sein Ende. Als Teil von letztgenannter Mission konnte sich auch die ESA Sporen verdienen, deren Sonde Huygens die NASA auf dem Saturnmond Titan landen ließ.

Ich hoffe, in den kommenden Jahr(zehnt/hundert)en wird der Mensch noch viele weitere Himmelskörper ansteuern!

Donnerstag, 8. Mai 2025

Von Bälgern und Wanen

Gestern vorm Einschlafen ist mir doch glatt ein weiteres Anachronym eingefallen: Blasebalg. Die Grundbedeutung von Balg ist zwar eh verblasst – die Hauptbedeutung dürfte heutzutage "freches Kind" sein (wobei auch das schon ziemlich veraltet ist) –, dennoch passt es insoweit in die Liste, als Blasebälge heutzutage "zumeist aus Kunststoff hergestellt" werden. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass z.B. bei Manufactum noch bzw. wieder Blasebälge aus echter Tierhaut zu bekommen sind. Die wenigen, wunderlichen Leute, die einen Blasebalg besitzen wollen, werden doch tunlichst darauf achten, den real deal zu kaufen.

Auf der Suche nach Beispielen für "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind", habe ich mir das Periodensystem der Elemente gegriffen und bin es durchgegangen. Fündig bin ich dabei nicht gefunden, stattdessen musste ich etwas Bemerkenswertes feststellen, nämlich dass bereits mit der Ordnungszahl 23 ein Element auftaucht, von dem ich noch nie gehört hatte: Vanadium. Wie konnte mir das jahrelang entgangen sein? Haben wir in der Schule nie darüber gesprochen, wurde es nicht mal erwähnt? Viel wichtiger: Warum heißt Vanadium Vanadium? Laut der herrlichen Etymologischen Liste der chemischen Elemente benannte der Schwede Nils Gabriel Sefström das Element "nach Freya, der nordischen Göttin der Schönheit, die den Beinamen Vanadis trug". Woher Vanadis kommt, steht dort leider nicht; eine schnelle Recherche ergibt, dass der Beiname "Vanengöttin" bedeutet. Die Etymologie des Göttergeschlechtes der Wanen (altnordisch Vanir, "die Leuchtenden") zu recherchieren, würde mir Spaß machen, ich habe aber gerade keine Zeit dafür.

Übrigens habe ich zweimal bei Google "Dinge, die nicht mehr aus dem Material hergestellt werden, nach dem sie benannt sind" eingegeben. Oben tauchte, wie es seit einiger Zeit üblich ist, ein Block mit Antworten von einer generativen KI auf. Beim ersten Versuch wurden mir als Beispiele "Filme" und "Musik" angeboten, beim zweiten faselte der Bot etwas von geplanter Obsoleszenz. Die "Künstliche Intelligenz" versteht also nicht mal, worauf ich eigentlich hinaus will. Deaktivieren lässt sich der Mist freilich nicht.

Sonntag, 23. Februar 2025

Kosmischer Horror

Galaxien setzen sich zusammen aus Sternen, Planeten und sonstigem Gedöns. (Offenlegung: Ich bin kein Astronom.) Mehrere Galaxien wiederum bilden Galaxienhaufen. Damit ist zwar bereits das Ende meiner Vorstellungskraft, nicht aber das der Fahnenstange erreicht: Es gibt nämlich sog. Supercluster, welche aus Haufen von Galaxienhaufen bestehen.

Die weitläufigste dieser Strukturen ist kürzlich entdeckt worden: Sie wurde "Quipu" getauft (nach der Knotenschrift der Inka, deren Reich auch die Atacama-Wüste umfasste, wo sich die zum Einsatz gekommenen Teleskope befinden), beinhaltet nicht weniger als 68 Galaxienhaufen und hat eine Ausdehnung von 1,4 Milliarden Lichtjahren. Quipu "erstreckt sich von uns aus gesehen über grob drei Viertel des Himmelsrundes" und ist somit "das größte aller Dinge" (FAZ, 18.2.2025), wobei der Zusatz "... des beobachtbaren Universums" nötig ist. Was die Sache bloß noch beunruhigender macht: Es gibt also im für uns nicht sichtbaren Teil des Alls womöglich noch riesigere Strukturen? Ja, sagt der Astrophysiker Hans Böhringer vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik, der die Erkenntnisse zusammen mit seinem Team demnächst im Journal Astronomy & Astrophysics veröffentlichen wird und von dem mich interessieren würde, wie er nachts schlafen kann: "Größere Gebilde könnten – durchaus wahrscheinlich – auftauchen, wenn wir immer größere kosmische Volumina untersuchen" (zit. n. derstandard.de).

Von mir aus müssen "wir" so was nicht untersuchen, denn mir wird schon schwindelig, wenn ich über die Tiefe der Erdozeane nachdenke. Aber spannend ist es schon.

Mittwoch, 5. Februar 2025

Neues Altes (November '24 - Januar '25)

Gleich zwei Meldungen – die neben vielem anderen hier natürlich nicht unerwähnt bleiben sollen – sorgten Ende letzten Jahres auch über die Archäologie-Community hinaus für Aufsehen: der rheinland-pfälzische Manipulationsskandal und die Frankfurter Silberinschrift. Los geht es aber mit einem Nachzügler aus dem Oktober:
  • Der Mann im Brunnen: Genanalysen bestätigen eine nordische Saga (Tagesspiegel, 31. Oktober) Mithilfe von Erbgutanalysen und der Radiokarbonmethode konnten Forscher Licht in eine in der Sverris Saga überlieferte Begebenheit bei der Schlacht zwischen den "Baglern" und den "Birkebeinern" im Jahr 1197 bringen. Untersucht wurden menschliche Überreste aus den Ruinen der norwegischen Festung Sverresborg.
  • Rätselhafte Zeichen aus Syrien sollen älteste Spuren eines Alphabets sein (Der Standard, 23. November) In Gräbern aus der frühen Bronzezeit fand ein Forschungsteam 2004 in der "Stätte Tell Umm-el Marra, die eine der ersten Städte mittlerer Größe im Westen Syriens war", neben Skeletten, Schmuck und Gebrauchsgegenständen vier kleine "Zylinder aus gebranntem Ton, die mit einfachen Zeichen verziert waren". Könnte es sich um Buchstaben handeln, die mithin älter als die frühesten Alphabete der Welt wären?
  • Archäologie-Skandal in Koblenz weitet sich offenbar aus (swr.de, 25. November) Ein Mitarbeiter der Generaldirektion Kulturelles Erbe in Koblenz soll reihenweise archäologische Funde falsch datiert haben. Unter anderem stellte sich ein Schädel des "Neandertalers von Ochtendung" als 160.000 bis 170.000 Jahre jünger heraus. "Die Ergebnisse datieren demnach das Fragment ins Frühmittelalter (7./8. Jahrhundert nach Christus) und nicht in die Altsteinzeit." Weitere Verdachtsfälle werden untersucht.
  • Was Archäologen auf Karls Erdbeerhof in Döbeln freilegen (Mitteldeutsche Zeitung, 26. November) "'Anhaltspunkte gab es bereits, doch die bronzezeitliche Siedlung ist viel größer als angenommen', sagte Grabungsleiter Thomas Lukas. 'Bislang gab es ein Haus aus dieser Zeit, aber jetzt wurden in etwa 50 bis 60 Metern Entfernung weitere Gruben entdeckt. Die Siedlung ist rund 4.000 Jahre alt und gehört zur Aunjetitzer Kultur, die Epoche, aus der auch die Himmelsscheibe von Nebra stammt.'" Aus einer Siedlung aus der frühen Jungsteinzeit wiederum wurden die Grundrisse von 50 Häusern freigelegt, zudem "etliche große Speichergruben sowie Baugruben, [...] über 30.000 Keramikscherben, rund 7000 Feuerstein-Objekte, rund 500 Mahlsteinfragmente, 200 Steinbeile und Steinäxte sowie 250 Schleifsteine".
  • Seltene römische Brutus-Münze für 1,98 Millionen Euro versteigert ("Spiegel online", 10. Dezember) Sie wurde kurz nach Caesars Ermordung geprägt und zeigt den Mitverschwörer von einem Lorbeerkranz umgeben.
  • "Der älteste Christ nördlich der Alpen war Frankfurter" (Hessenschau, 11. Dezember) Ein 2018 entdecktes Amulett an einem Skelett aus dem Gräberfeld im heutigen Frankfurter Stadtteil Praunheim ist auf den Zeitraum zwischen 230 und 270 n. Chr. datiert worden. "Insgesamt 18 gravierte Zeilen zeigen: Das Amulett ist ein christliches Fundstück, das etwa 1.800 Jahre alt ist. 'Damit ist die sogenannte Frankfurter Inschrift der älteste Nachweis für christliches Leben und die Ausübung christlicher Religion nördlich der Alpen', sagte [Oberbürgermeister Mike] Josef." Eine Umzeichnung der Inschrift, der lateinische Originaltext sowie ihre deutsche Übersetzung finden sich auf der Seite des Archäologischen Museums. (Siehe auch: Überwältigende Presseresonanz auf Frankfurter Silberinschrift, RheinMainVerlag, 29. Januar. Viele weitere Artikel über Googlesuche "Frankfurter Silberinschrift".)
  • Höhle in Galiläa war ritueller Versammlungsort (mdr.de, 12. Dezember) "In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Autoren, dass die gewonnenen Erkenntnisse darauf hindeuten, dass die Bewohner der Manot-Höhle aus dem Jungpaläolithikum gemeinschaftliche Aktivitäten ausübten, die sich um ein symbolisches Objekt drehten, das sich im tiefen, dunklen Teil der Höhle befand", nämlich einen "mit Gravuren verzierte[n] Felsblock [...], der in einer Nische der Höhle platziert war und in dessen Oberfläche ein Schildkrötenpanzer-Muster eingeritzt ist".
  • Knochen aus der Bronzezeit zeugen von kannibalischem Massaker ("Spiegel online", 16. Dezember) Knochen von 37 Frauen, Männern und Kindern, die bereits in den 1970er Jahren einer Grube der Stätte Charterhouse Warren in der britischen Grafschaft Somerset entnommen wurden, weisen Spuren massiver Gewalteinwirkung auf. Für die fragliche Zeit von ca. 2000 bis 1500 v. Chr. sei ein solches Massaker, bei dem die Opfer teilweise verzehrt wurden, eher ungewöhnlich.
  • Hunderten Legionären wurde einfach der Kopf abgeschlagen ("Welt online", 30. Dezember) Das Archäologische Museum Frankfurt zeigt bis zum 15. Juni eine Ausstellung über das Massengrab von Scupi, die ich mir auf jeden Fall angucken werde. Im Norden von Skopje wurden 2011 in einer Nekropole südöstlich von dessen antikem Vorgänger mehr als 200 Skelette aus der Zeit der sog. Reichskrise des 3. Jahrhunderts freigelegt. Die überwiegend männlichen Individuen waren entkleidet, wahllos ausgerichtet und allesamt enthauptet worden; höchstwahrscheinlich gehörten sie dem römischen Heer an. "Drei Szenarien sind denkbar: An den Opfern wurde eine Strafe exekutiert [die berüchtigte decimatio]. Oder sie wurden von Invasoren aus dem Barbaricum hingemetzelt. Oder sie fielen in einem Bürgerkrieg?"
  • Hat Bleiverschmutzung den IQ in Europa gesenkt? ("Spiegel online", 7. Januar) Ein internationales Forschungsteam hat "drei Eisbohrkerne aus der Arktis auf Blei-Isotope, vor allem für die Zeit von 500 vor Christus bis 600 nach Christus", untersucht, um Schlüsse auf kognitive Veränderungen der Menschen während der Blüte des Römischen Reiches zu ziehen. "Demnach sank der Intelligenzquotient (IQ) im Römischen Reich bleibedingt im Mittel um 2,5 bis 3 Punkte, in Teilen der Iberischen Halbinsel sogar um mehr als 4 Punkte." Der intensive Bergbau führte u.a. dazu, "dass die Bleibelastung der Atmosphäre im späten 2. Jahrhundert vor Christus ein erstes Maximum erreichte. Einen starken Anstieg verortet das Team dann um das Jahr 15 vor Christus bis in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christus". "Außerdem wurde aus dem 10./11. Jahrhundert ein slawisches Gräberfeld mit 35 Körpergräbern entdeckt."
  • Byzantinisches Kloster bei Grabung in Israel entdeckt (Deutschlandfunk Kultur, 7. Januar) Reste von mindestens zehn Gebäuden haben die Forschenden freigelegt. Zu den reichen Funden innerhalb des Klosterkomplexes aus dem 5. bis 6. Jahrhundert zählen Münzen, Gefäße, eine Weinpresse und ein Mosaikboden, der u.a. einen Bibelvers in griechischer Sprache enthält.
  • Archäologen entdecken Grab von Chefzahnarzt der Pharaonen ("Spiegel online", 9. Januar) Ein französisch-schweizerisches Archäologenteam hat in der Totenstadt Sakkara bei Kairo das rund 4000 Jahre alte Grab eines Mannes namens Teti Neb Fu entdeckt, bei dem es sich den Inschriften auf einer Scheintür-Stele zufolge um den "Chefarzt des Palastes, Chefzahnarzt und Leiter der Heilpflanzenabteilung" handelte. Die Grabkammer ist "von bunten Wandgemälden geschmückt".
  • 500 Jahre alte Königskronen lagen in Geheimversteck (Spektrum.de, 14. Januar) In einer Krypta der Kathedrale von Vilnius wurden im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs Insignien polnischer und litauischer Herrscher versteckt, die erst 1931 entdeckt worden waren. Nun sind sie wiederentdeckt worden und sollen noch dieses Jahr ausgestellt werden.
  • Historisches Schiffswrack an Sylter Strand freigespült ("Spiegel online", 15. Januar) Durch heftige Stürme wurden Holzbohlen eines alten Schiffswracks freigelegt, sind jedoch nur bei Flut sichtbar und inzwischen teilweise wieder versandet. 3D-technikgestützte Untersuchungen sollen in Kürze Klarheit schaffen.
  • "Frauenpower" im Keltenreich (scinexx.de, 16. Januar) Analysen der DNA von 57 Toten, die zwischen 100 v. bis 100 n. Chr. "in einer Siedlung des keltischen Stammes der Durotriges in Südengland bestattet worden waren", legen eine matrilineare und matrilokale Gesellschaft nahe – "eine Sozialstruktur, in der Frauen Status und Besitz an ihre Töchter weitergaben und auch den Wohnort der Familien bestimmten". Dies deckt sich mit entsprechenden Andeutungen römischer Geschichtsschreiber über das keltische Britannien.
  • Antikes Luxus-Spa in Pompeji entdeckt ("Spiegel online", 17. Januar) In einem noch relativ unerforschten Gebiet im Zentrum Pompejis, wo kürzlich bereits "eine Bäckerei, eine Wäscherei, zwei Villen und die Knochen von drei Menschen" gefunden worden waren, stand mit Platz für 30 Personen der laut Gabriel Zuchtriegel "vielleicht größt[e] Thermalkomplex in einem Privathaus in Pompeji". "'Die Mitglieder der herrschenden Klasse von Pompeji richteten in ihren Häusern riesige Räume ein, um Bankette abzuhalten', so der Archäologe. [...] 'Es war eine Gelegenheit für die Besitzenden, ihren Reichtum zu zeigen und ihren Gästen eine angenehme thermische Behandlung anzubieten.'"
  • Römischer Goldschatz in Luxemburg entdeckt (Tagesschau, 23. Januar) In den luxemburgischen Ardennen wurden 141 Goldmünzen – darunter allerdings auch Fälschungen – gefunden, die ein wohlhabender Römer um 408 n. Chr. aus Furcht vor raubenden Germanen eingegraben haben muss. Drei davon zeigen den selten abgebildeten Kaiser Eugenius, der das Weströmische Reich nur zwei Jahre lang regiert hat.
  • Mit diesen Superwaffen bewiesen Fürsten ihre Macht ("Welt online", 24. Januar) "In der Nähe von Canterbury in der Grafschaft Kent haben Archäologen auf einem angelsächsischen Friedhof aus dem 6. Jahrhundert ein Langschwert freigelegt, das zu Superlativen anregt." Zu den feinen Verzierungen auf der außerordentlich gut erhaltenen Waffe gehört eine noch nicht identifizierte Runeninschrift. Auch weitere Schätze kamen an der bislang geheim gehaltenen Stätte zutage.
  • Forscher entschlüsseln 1900 Jahre alten Papyrus und stoßen auf antiken Kriminalfall ("Spiegel online", 31. Januar) "Der Papyrus wurde vermutlich bereits in den Fünfzigerjahren in einer Höhle nahe dem Toten Meer gefunden. Lange lagerte er unbeachtet in den Archiven der israelischen Antikenbehörde, im Jahr 2014 entdeckte ihn dort eine Forscherin und begann mit einem Team, den schwer entzifferbaren Text zu übersetzen. Das Dokument stammt ungefähr aus dem Jahr 130 nach Christus, als in Judäa das römische Recht galt und die dortigen Bewohner Steuern nach Rom abführen mussten." Es geht u.a. um Steuerhinterziehung, Erpressung und Urkundenfälschung.
And finally (ab 3:44):

Freitag, 10. Januar 2025

Putting "ade" in "academia"

Ein neues Kalenderjahr ist ein willkommener Anlass, sich von unnötigem Ballast zu trennen. (Ist Ballast nicht immer überflüssig? Nö.) Mein Monat für Monat wachsendes privates Titanic-Archiv verdrängte jüngst einen Ordner mit der Aufschrift "Reader & Scripte" aus dem Billy-Regal. Natürlich brachte ich es nicht über mich, diese Uni-Mappe im Ganzen der Altpapiertonne zu überantworten, zumal sie eh nicht so dick ist, dass damit ein immenser Platzgewinn verbunden wäre. Manches darin kann und muss aber weg. Und zwar jetzt. Let's Marie Kondō the shit out of that folder!

Also, zuoberst liegt ein Aufsatz, den ich mir (erst nach dem Studium!) aus dem Sammelband Grammatikalisierung im Deutschen kopiert habe: "Von in die über in'n und ins bis im. Die Klitisierung von Präposition und Artikel als 'Grammatikalisierungsbaustelle'" von Damaris Nübling. Moment, habe ich daraus nicht sogar mal in diesem Blog zitiert? Sauspannendes Zeug jedenfalls. Das behalte ich!

Weiter. Aha, mehrere Einführungstexte zur Erzähltheorie, verblieben aus den drei Semestern meines abgebrochenen Studiums der Nordamerikanischen Literaturwissenschaft. Hm, leider auch nicht uninteressant – was, wenn ich mal wissen will, wie sich moderne Narratologie von traditioneller Epiktheorie abgrenzt? Da sind sogar ein paar handschriftliche Notizen von mir drin.Das Glossary of literary and cinematographic terms kommt aber weg. Es scheint mir eh lediglich an der Oberfläche zu kratzen, und die meisten Fachwörter kann man im Zweifel online nachschlagen.

Was haben wir hier? "Der Tod des Autors" und eine Analyse von James Joyce' Dubliners. Ebenfalls mit Stichworten aus meiner Hand, an die ich mich null erinnern kann: Was zum Kuckuck ist ein proairetic code, was ein superhelper? Hinfort damit!

Als nächstes haben wir einen 202-seitigen Handapparat (6,06 €; das waren damals zwei Mahlzeiten in der Mensa inklusive Nachtisch) zum Einführungskurs "Philosophie in Japan". Es war nämlich so: Für mein Grundstudium sah die Studienordnung die Teilnahme an Wahlpflichtveranstaltungen in mehreren fachfremden bzw. angrenzenden Disziplinen vor – auf dass an jenem Exotenlehrstuhl nicht nur Fachidioten herangezüchtet werden –, darunter zwei Semesterwochenstunden Philosophie. Zu den "echten" Philosophen mochte ich mich jedoch nicht hinzugesellen, also hielt ich Ausschau, was im Ostasienzentrum so angeboten wurde. In der Folge erfuhr ich Dinge über den Buddhismus der Heian-Zeit, konfuzianische Ethik im 17. Jahrhundert und die "Neun Stufen" nach Motokiyo Zeami. So gut wie nix verstanden, alles vergessen, nie wieder werde ich einen Gedanken daran verschwenden. Sorry, mit diesem Papierstoß mach' ich den Denis Scheck.

Die letzten zwei Stapel stammen aus dem Proseminar "Neutestamentliches Griechisch": das Johannes-Evangelium und der Römerbrief. Auch davon kann ich leichten Herzens Abschied nehmen. Die Texte finde ich im Internet, und meine gekritzelten Übersetzungen kann ich kaum entziffern.

Das war's! Eine befreiende und befriedigende Ausmistungsaktion. Wahrscheinlich nicht die letzte in diesem Jahrzehnt ...

Samstag, 30. November 2024

Süße Zwischenbilanz

Meine letzte Notiz über Süßstoffe ist rund eineinhalb Jahre her. Anlass für ein kurzes Update ist ein halbseitiger Artikel im aktuellen Stern über natürliche und synthetische Zuckeralternativen. Auszug:

Einige Wissenschaftler sehen in ihren Studien Hinweise auf Störungen des Mikrobioms, also der Darmflora. Und: Der Plan, Süßstoffe einzusetzen, um Gewicht zu verlieren, scheint nicht aufzugehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt, dass die Mittel zwar kurzfristig dabei helfen, abzunehmen, langfristig steige aber das Risiko einer Gewichtszunahme. Zudem wird diskutiert, ob einige Süßungsmittel Herzinfarkte und Schlaganfälle wahrscheinlicher machen. [...] Im Fall von Erythrit kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit 2023 trotzdem zu dem Schluss, dass bisherige Daten noch kein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen belegen. Für Xylit steht die Neubewertung noch aus.

Unterm Strich gelte einmal mehr: Die Menge macht's. Speziell zum "möglicherweise krebserregenden" Aspartam heißt es, dass ein Normalgewichtiger mehr als neun Dosen Cola light trinken müsse, um die zulässige Tagesdosis zu überschreiten.

Montag, 8. Juli 2024

Hier sind Brennstäbe!

Ungemein spannend ist der Komplex Atomsemiotik. Der Online-Auftritt des ORF hat eine tolle Einführung in die Problematik aufbereitet, und auch der Wikipedia-Eintrag ist ergiebig. Atomsemiotik als Zweig der Zeichentheorie beschäftigt sich, kurz gesagt, mit der Frage, wie man den Menschen der Zukunft (konkret: den in 10.000 Jahren lebenden) begreiflich machen soll, sich von Atommüll und sonstigen radioaktiven Hinterlassenschaften fernzuhalten. Zu den teils sehr schönen Ideen gehören (alle zitiert nach orf.at):

- "Es müssten Warnschilder aufgestellt werden, die je nach Entwicklung mit anderen Sprachen ergänzt werden."
- "Wenn nicht das eine Zeichen, das noch in 10.000 Jahren vor Atommüll warnt, gefunden werden kann, muss ein kultureller Kontext geschaffen werden, der die Zeit überdauert. [Der Semiotiker Thomas Sebeok] sprach sich für eine 'atomare Priesterschaft' aus, die mit Hilfe von Legenden und Ritualen Fremde von atomaren Lagerstätten fernhält."
- "Eine Studie aus der Schweiz empfahl, ein Endlager mit Millionen von Tonscherben zu markieren, die zu Symbolen wie Totenschädeln angeordnet werden."
- "Zwei Forscher wollten etwa Katzen genetisch so manipulieren, dass sich ihr Fell verfärbt, wenn sie radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden." (Anm.: Diese "Strahlenkatzen" hat kein Geringerer als Stanisław Lem erdacht.)

Als ich zum ersten Mal mit diesem weiten Feld konfrontiert wurde, meldete sich sogleich der Zyniker in mir: Pff, als ob wir in 10.000 Jahren nicht eh ausgestorben sind ... Aber, dachte ich weiter, sollten wir nicht wenigstens etwaige Außerirdische, die nach uns auf der Erde siedeln, davon abhalten, sich gefährlicher Strahlung unnötig auszusetzen? Nun gut, die sind womöglich resistent gegen ionisierende Strahlen und haben ohnehin diverse genetische und technische Vorteile entwickelt, wenn sie in der Lage sind, sich auf fernen Welten niederzulassen. Hm, und was ist mit Tieren, etwa unseren nächsten Verwandten, die bis dahin so weit auf der evolutionären Leiter nach oben geklettert sein werden, dass sie Symbole deuten können und entsprechend handeln? Ihr merkt schon, man verliert sich recht bald in Spinnereien, wenn man in das Thema einsteigt.

Setzen wir einfach mal voraus, dass unsere Spezies in 10.000 Jahren noch existiert. Wie kommunizieren wir mit unseren Erben? Das Naheliegendste sind Schilder mit schriftlichen Hinweisen. Ebenso naheliegend ist leider, dass diese irgendwann entweder nicht mehr verstanden werden oder schlicht nicht ernst genommen werden, wie es mit den Tsunami-Steinen der alten Japaner geschehen ist ("Baut nicht unterhalb dieses Punktes!"). Bei jeder Sprachstufe eine neue Übersetzung und ein paar zusätzliche Ausrufezeichen oder sonstige Dringlichkeitsmarker eingravieren? Kann man machen, aber wer weiß schon, ob nicht die überübernächste Stufe beispielsweise des Deutschen ("Spätneohochdeutsch" oder so) die letzte ist? Sprachen sterben aus.

Und selbst scheinbar universelle Zeichen mögen verblassen. Die Person, die den Diskos von Phaistos gestempelt hat, dachte sich bestimmt auch: "Das ist was für die Ewigkeit!" Das von der Internationalen Atomenergieorganisation für verständlich gehaltene Warnschild nach der ISO-Norm 21482 sieht seit 2007 so aus:


Das rennende Männchen halte ich für einigermaßen nachhaltig begreiflich. Zwei Beine, zwei Arme, Kopf, das wird auch noch in ein paar tausend Jahren dem Phänotyp des Homo sapiens entsprechen. Die Beine sind in Bewegung, dazu ein Pfeil, Fluchtverhalten, klar. Mit einem Toten(!)schädel auf drohenden Tod zu verweisen, macht ebenfalls Sinn, wobei ich da an den alten Witz von Jack Handey denken muss: "The tired and thirsty prospector threw himself down at the edge of the watering hole and started to drink. But then he looked around and saw skulls and bones everywhere. 'Uh-oh,' he thought. 'This watering hole is reserved for skeletons.'" Das Strahlenwarnzeichen in Kombination mit abfallenden Wellen ist heutzutage freilich einleuchtend (hehe), ist aber das für Bedeutungsverblassung anfälligste Element von allen. Zuletzt: Wie kann sichergestellt werden, "dass es sich überhaupt um eine Mitteilung handelt" (Wikipedia)?

Den Vorschlag mit der mündlichen Tradierung, auch wenn er belächelt worden ist, finde ich tatsächlich attraktiv. Verwandte, die eine Generation voneinander entfernt sind, werden immer einander verstehen. Ein Vater erzählt seiner Tochter einmal im Jahr, möglichst in den immerselben Worten, vielleicht sogar gereimt, das Märchen vom glühenden Fass. Die Tochter gibt es später an ihre Kinder weiter und so fort. Auch hier besteht die Gefahr, dass die Sprache ausstirbt, weil das sie verwendende Volk ausstirbt; bzw. die Familienlinie endet, oder Änderungen in der Sprache werden nicht berücksichtigt, so dass Teile des Textes nicht mehr kapiert werden, aber trotzdem stur weitergegeben werden. Oder, oder, oder. Dennoch: Ohne dass ich mich je eingehender mit Oral History beschäftigt hätte, weiß ich, dass Überlieferungen in Kulturen ohne Schriftlichkeit stabiler sind als der Laie denkt. Und mitunter wertvoller als schriftliche Überlieferung, wie schon Platon erkannte:

Wer also glaubt, eine Kunst in Schriften zu hinterlassen, und wieder, wer sie annimmt, als ob aus Buchstaben etwas Deutliches und Zuverlässiges entnommen werden könnte, der wird wohl einfältig genug sein und in der Tat den Wahrspruch des Ammon nicht kennen, indem er glaubt, geschriebene Reden seien etwas mehr als eine Gedächtnishilfe für den, der das schon weiß, wovon das Geschriebene handelt. [...] Dieses Mißliche nämlich, o Phaidros, hat doch die Schrift, und sie ist darin der Malerei gleich. Denn die Werke auch dieser stehen wie lebendig da, wenn du sie aber etwas fragst, schweigen sie sehr vornehm.
(Sokrates im Phaidros-Dialog)

Einen "Zukunftsrat" einzurichten, scheint mir auch etwas blauäugig. Jede Organisation kann sich wegen irgendwelcher Umstände von heute auf morgen auflösen. Gehen wir zum Schluss auf das Konzept der "feindlichen Architektur" ein. Meterhohe Granitsäulen wie am Waste Isolation Pilot Plant in New Mexico, dornenbewehrte Mauern oder "Verbietungsblöcke" machen nur neugierig. "Eingewendet wurde bei diesen Warnsystemen, dass diese Hochsicherheitsmaßnahmen die Nachfahren dazu verleiten könnten, erst recht nach 'Schätzen' zu graben." (ORF) Eben! Hat denn niemand von denen, die so was anregen, "Riptide" von Preston/Child gelesen? Ich kenne doch die Menschen. Eine bombensichere Lösung, sie vor Gift und Verderben zu bewahren, habe ich derzeit leider auch nicht.

Montag, 4. März 2024

Mond-News zum Montag

Was lese ich da in der heutigen FAZ? Es wurden schon wieder neue Monde entdeckt, drei an der Zahl. Damit hat der Uranus nun 28 Monde, von denen wir wissen. Die Anzahl derer des Neptun steigt um zwei auf 17. Wie die neuen Trabanten heißen werden, ist noch nicht bekannt, fest steht nur, dass der Jupitermond gemäß alter Tradition nach einer Figur aus den Werken Shakespears benannt werden soll.

Samstag, 30. September 2023

Back to School

Ich bin ja nun schon 41 und entwickle unvermeidbarerweise Affinitäten für Alte-Leute-Sachen: Heimatforschung, klassische Musik, Kreuzworträtsel (nee – das mochte ich schon immer) und neuerdings auch Vereinsmeierei. Seit diesem Jahr bin ich Mitglied im Deutschen Alpenverein, im Deutschen Quizverein und in der Indogermanischen Gesellschaft. In Letztere hätte ich schon viel früher eintreten sollen! Um meine temporäre Abkehr von der gediegensten und wahrhaftigsten aller Geisteswissenschaften ein Stück weit wiedergutzumachen, meldete ich mich direkt für die Arbeitstagung zum Thema "Lautwandel und morphologische Analogie" an, welche vom 12. bis 14. September in Köln stattfand. Arbeitstagungen der IG gibt es zwischen den alle vier Jahre durchgeführten Fachtagungen, von welchen ich bereits zwei besucht hatte, nämlich die XII. Fachtagung 2004 in Krakau (im Rahmen einer Exkursion mit unserem Lehrstuhl; da war ich noch im Grundstudium) sowie die XV. Fachtagung 2016 in Wien (auch da hatte ich, längst Alumnus, Sehnsucht nach akademischer Befruchtung). Aus Termingründen konnte ich nicht von Anfang bis Ende dabei sein, aber ein voller Programmtag netto war mir vergönnt. Hier sind meine Eindrücke in Stichpunkten.

- Das Hauptgebäude der Universität zu Köln, in dessen Hörsaal Nr. II die Konferenz ablief, ist stattlich, zweckmäßig, schmucklos, typisch 1934 halt. Man findet sich einwandfrei zurecht, und als ich mich ihm näherte, dachte ich: 'Och, hier könnte ich mir vorstellen zu studieren.' Mit einigem Abstand muss ich jedoch sagen: Noch besser als solche unübersehbaren Klötze (vgl. die Frankfurter Goethe-Uni) finde ich Hochschulbauten, die entweder extrem modern, luftig, pfiffig, auf Hightech getrimmt sind, oder noch älter, knorrig-knarzig, verwinkelt, efeuumrankt, ich denke da an einzeln stehende Backsteinhäuser meiner Alma mater in Dresden. Ein dezentralisierter Campus hat eben auch Vorteile, oder wenigstens einen: Abwechslung.

- Dass es dem Fach schlecht geht, war mir bewusst. Wie viele Professuren existieren hierzulande überhaupt noch? Ein halbes Dutzend? Dabei mangelt es an Nachwuchs keineswegs! Ich war positiv überrascht, wie hoch der Anteil junger Leute war. Ein regelrechter Generationenwechsel hat sich vollzogen. Dominierten in den vergangenen Jahrzehnten noch die Alten, deren Standardwerke und nach ihnen benannte Gesetze man kannte (und die live zu sehen ohne Frage ein Ereignis darstellte!), war die Mehrheit der Vortragenden heuer um die 30 Jahre alt. Kaum ein Name sagte mir was (was gewiss auch daran lag, dass ich nun schon eine Weile "raus" bin aus dem "Business"), aber ich sah, dass es gut war: Dieser Nachwuchs taugt was, das sind feine Geister, die die kümmerliche Fackel der Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft mit Stolz, Verantwortung und Tatendrang weitertragen.
So oder so, der IG fehlt es offensichtlich an Mitteln. Kaffee und Wasser wurden zwar immerhin angeboten, eine schöne Begleitmappe wie damals in Krakau oder gesellige Rahmenveranstaltungen waren indes Fehlanzeige. Sogar unsere Namensschildhüllen sollten wir am Ende wieder abgeben, aus ökonomischen wie ökologischen Gründen. Dafür wurde keine Teilnahmegebühr erhoben.

- Was nett war: Wir erhielten Gästepässe für die Mensen und Cafeterien, und so kam ich seit Ewigkeiten mal wieder in den Genuss von Mensaessen. In meiner Studienzeit war ich großer Fan der Dresdner Mensen. An die Qualität, die ich von daher kannte, kam das Angebot in der Zülpicher Straße nicht heran, aber hey: 6,15 € für vegetarische Moussaka plus Salat und Nachtisch, da kann man nicht meckern.


- Mir scheint, die "großen" Sprachen sind sozusagen auserforscht. Zahlreiche speeches drehten sich um kleinere und/oder vormals stiefmütterlich behandelte Dialekte, allein am ersten Tag ging es um Hieroglyphenluwisch, Mittelarmenisch, Altfranzösisch und die Trümmersprache Messapisch; Altindisch zum Beispiel spielte gar keine Rolle, immerhin zwei Referate gab es zum Lateinischen (die fand ich sogar am spannendsten). Ein Vortrag zum Tocharischen, welches in meiner Unizeit praktisch gar keine Rolle gespielt hatte, überforderte mich dermaßen, dass mir schwindelig wurde und mich kurzzeitig Anfälle von Imposter Syndrome heimsuchten: 'Hilfe, was tu ich hier? Ich weiß nichts und kapiere nichts!'


- Erfreuliche Tendenz: Fast die Hälfte der speakers war weiblich. Die Institutionen, die beteiligt waren, verteilten sich über den ganzen Globus, es gab Vertreterinnen und Vertreter aus Italien, Japan, Österreich, den USA ... Apropos: Es fiel einmal mehr auf, dass in Amerika einfach eine ganz andere Vortragskultur herrscht. Allein die Powerpoint-Folien sind lebendig, humorvoll, graphisch ansprechend. Da kann ich als Deutscher nur anerkennend lächeln bzw. abschätzig das grimme Haupt schütteln.


- Für den September 2024 ist die XVII. IG-Fachtagung in Basel terminiert, Schwerpunkt: "The Speakers of Indo-European and their World". Das klingt nach Realienkunde und also right up my alley. Aber ob ich mich da blicken lasse? Ich glaube, ich traue mir das nicht mehr zu. Kann ja dann fünf Jahre später die Proceedings lesen.

Donnerstag, 24. August 2023

Der Siegeszug der Luftklingen

Am 9.2.2012 veröffentlichte ich auf meinem alten Blog diesen kurzen Beitrag mit der Überschrift "Wider die elenden Handtrockner":

Die Meinung, dass Heißluft-Handtrockner des Teufels sind, verfechte ich schon lange. Jetzt habe ich einen längeren Zeitungsartikel zum Thema Händetrocknen gelesen, und darin kamen die Geräte nicht besser weg als der klassische Papiertuchspender. Was dieser nämlich an Müll verursacht, gleichen die Warmluftbläser mit ihrem hohen Energieverbrauch locker aus. Genaue Zahlen liegen leider nicht vor, weil solche Studien oft von Unternehmen gesponsert werden und daher dem Verdacht unterliegen, biased zu sein. Hygieneexperten empfehlen jedenfalls Tücher, weil beim mechanischen Abtrocknen noch Restschmutz entfernt wird. Die elektronischen Lufttrockner sind dagegen echte Keimschleudern bzw. -wirbel. Und wie lange es dauert, bis der Sensor reagiert! Und dann gehen sie oft nach kurzer Zeit wieder aus, so dass man erneut wie ein Irrer davor herumfuchtelt!

Das dollste neue Ding ist allerdings der Dyson Airblade, ein Kasten, in den man links und rechts seine Hände einführt*, die dann von "Luftklingen" getrocknet werden: Das Wasser wird von Druckluft weggedroschen! Die Teile sind extrem laut, allerdings soll es auch nur 10 Sekunden dauern, bis die Hände trocken sind. Bei den alten Gebläsen braucht man 60 Sekunden, und wirklich leise sind die auch nicht gerade.

* Nachtrag 2023: Das hatte ich mir wohl falsch gemerkt. Selbstverständlich führt man die Hände von oben ein. 

Elfeinhalb Jahre später hat sich der Airblade flächendeckend durchgesetzt. Er ist sicher noch nicht die am häufigsten anzutreffende Handtrocknungslösung in öffentlichen Bedürfnisanstalten (ich müsste mal eine private Erhebung durchführen), aber er ist inzwischen ein vertrautes Bild. Dabei erinnere ich mich daran, dass es vor einiger Zeit einen Backlash gab, als nämlich Bedenken hinsichtlich der Hygiene laut wurden. Google sagt: Das Jahr 2016 war es, in welchem mehrere Artikel desselben Tenors erschienen. "Angeblich filtere der Händetrockner 99,9 Prozent aller Bakterien aus der Luft heraus, die er mit großem Druck ausstößt. Doch eine neue Studie der University of Westminster scheint das genaue Gegenteil zu belegen: Bei sogenannten Jet-Händetrocknern wie dem Dyson Airblade handelt es sich offenbar um wahre Bakterienschleudern." (Yahoo Nachrichten, 18.4.2016) Die Rheinische Post wusste am 14.4. zu vermelden: "Das [Trocknen mit Düsenhandtrocknern] geht zwar besonders schnell, ist aber nicht immer besonders gesund. Denn nicht nur die Feuchtigkeit wird von den Händen gepustet, sondern auch Bakterien in den Raum. Das zeigt eine aktuelle Studie, die im 'Journal of Microbiology' veröffentlicht wurde. Insbesondere ein Gerät fiel den Wissenschaftlern dabei auf: der Dyson Airblade. Der Handtrockner versprühte im Test 60-mal mehr Bakterien als herkömmliche Geräte — und bis zu 1300-mal mehr Keime, als bei der Nutzung von Papiertüchern durch die Luft gewirbelt werden."

Tja, derartige Erkenntnisse haben dem Siegeszug der Luftklingen nichts anhaben können, und das trotz einer zwischenzeitlichen Pandemie, wo die Gesellschaft auf die Vermeidung von Krankheitserreger-Aufwirbelungen besonders erpicht war bzw. hätte sein sollen. Ich hand(!)habe es so: Wo immer es die Wahl zwischen Airblade und Papiertuchspender gibt, entscheide ich mich für Letzteren. Der hat nämlich noch einen Vorteil gegenüber allen föhnartigen Geräten, den ich damals gar nicht angeführt hatte: Mit Papier kann man sich auch den Mund oder das ganze Gesicht abtrocknen, wenn man sich, etwa in einem Restaurant, das Schnütchen waschen oder sich die Wangen erfrischen möchte. Unter einen Heißlufttrockner hält man seinen Kopf gewiss nicht, und in einen Dyson Airblade passt er gar nicht erst rein, so dass man im Zweifel eine Weile mit klatschnasser Visage rumlaufen muss, nachdem man diese aus welchen Gründen auch immer benetzt hat.

Sonntag, 16. Juli 2023

Süßer Paradigmenwechsel

"Aspartam gilt heute als sicher", schrieb ich 2015 im Rahmen meines kleinen Streifzugs durch die Welt der alternativen Süßungsmittel. Nun ja, was ist schon sicher? Neue Erkenntnisse, in diesem Fall: eine neue Einstufung, drängen Aspartam womöglich bald aus den Regalen oder wo immer Aspartam rumliegt. Aber mal halblang.

"Die neue Einstufung als 'möglicherweise krebserregend' für Aspartam stammt von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon. Sie gehört zur WHO. Die IARC veröffentlichte ihre Erkenntnisse am Freitag in der Fachzeitschrift 'The Lancet Oncology'. Sie sah in drei Studien mit Menschen begrenzte Hinweise auf einen Zusammenhang mit einer bestimmten Form von Leberkrebs (hepatozelluläres Karzinom)." So die FAZ (abgerufen auf faz.net am 14. Juli). Nun der springende Punkt: "Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ändert ihre Richtlinien trotz der neuen Einstufung nicht." Und: "Die IARC-Fachleute beurteilen nur, ob ein Stoff im Prinzip Krebs verursachen könnte. Sie berücksichtigen nicht, wie viel davon ein Mensch zu sich nehmen müsste, um ein Krankheitsrisiko zu haben, erklärte Mary Schubauer-Berigan. Sie leitet das für die Einstufung zuständige IARC-Monographs-Programm." Mitglieder eines gemeinsamen Expertenkomitees von WHO und Welternährungsorganisation "betonten, dass die bisher geltenden Grenzwerte für den täglichen Konsum auch weiter sicher seien", ergänzt die Süddeutsche.

Conclusio: Ruhe bewahren! Solange man sich weder kellenweise Aspartam in den Kopp schüttet noch vorsorglich auf "Zucker only" setzt, braucht man keine Angst vor Krebs zu haben. Doch, muss man natürlich trotzdem, aber Maßhalten ist hier wie so oft nicht der falscheste Weg.

Montag, 19. Juni 2023

Haste nich gesehen

Aus Randall Munroes "What if? 2", deutschsprachige Ausgabe 2022, S. 183:

Die Nacht vom 18. auf den 19. März 2008 war in weiten Teilen Nordamerikas bewölkt, doch der Himmel in Mexiko und im Südwesten der USA war klar. Hätten Sie in jener Nacht genau zum richtigen Zeitpunkt hoch zum Himmel geschaut, dann hätten Sie womöglich für rund 30 Sekunden einen schwachen Punkt im Sternbild Bärenhüter auftauchen sehen. Dieses Licht war der Blitz vom Kollaps eines supermassereichen Sterns in etwa 10 Milliarden Lichtjahren Entfernung1, viele Tausend Male ferner als Andromeda. Damit stellte er einen neuen Rekord für das am weitesten entfernte bekannte Objekt auf, das mit bloßem Auge sichtbar war.

1 Obwohl sich die Explosion vor etwa 7,5 Milliarden Jahren ereignete, hat die Ausdehnung des Universums sie seither weiter davongetragen, sodass sie weiter als 7,5 Milliarden Lichtjahre weg war.

Ich wette, auch wenn das Ereignis im Jahre 2008 vor Christus eingetreten wäre, hätte es genügend Menschen gegeben, denen es aufgefallen wäre – weil die Menschen schon immer neugierig in den Himmel geschaut haben. Heute kann man solche kosmischen Spektakel durch Berechnungen vorhersagen und sie sich durch Hightech-Teleskope anschauen. So oder so, auch ohne ein Astronomie-Geek zu sein, muss man es unendlich faszinierend finden, dass man ein kurzes Aufleuchten am Sternenhimmel wahrnimmt, weil vor einer unvorstellbar langen Zeit an einem unvorstellbar weit entfernen Ort ein Stern von unvorstellbarer Größe in sich zusammengestürzt ist.
Das Weltall macht mir seit je Angst, bereitet mir buchstäblich cosmic horror. Schon als Kind habe ich stundenlang wach im Bett gelegen, weil ich versucht habe, auch nur annähernd zu erahnen, was Unendlichkeit bedeutet, was die "Grenzen des Universums" sein sollen oder wie man sich die Zeit vor dem Urknall vorzustellen hat.

Sonntag, 27. November 2022

Die neuen Vorsätze sind da

Ein historischer Tag für Fans von großen und kleinen Zahlen war der 18. November dieses Jahres. Da wurden nämlich im Rahmen der 27. Generalkonferenz für Gewichte und Maßeinheiten im Schloss von Versailles vier neue SI-Präfixe eingeführt: zwei Vorsilben für sehr hohe und zwei für sehr winzige metrische Maßangaben. Bisher stellte das Präfix Yotta- das benennbare Maximum dar, eine 1 gefolgt von 24 Nullen. Ein Yottabyte sind 1024 Bytes, nein, schlechtes Beispiel, bei Bytes rechnet man ja in 1024er-Schritten ... Anderer Bereich: 1 Yottagramm sind 1024 Gramm. "So ein abstrakter Theoriequatsch!", mag man nun einwerfen. "Was bitte schön bringt denn eine Quadrillion Gramm auf die Waage?" Tja, man halte sich fest: Unsere Erde wiegt nach aktuellen Erkenntnissen sechs Ronnagramm (6 Rg)!

Ronna- repräsentiert ab sofort schwindelerregende 27 Nachkommastellen. Damit ist der Gipfel aber noch nicht erreicht, denn hinzugekommen ist auch Quetta- für 10^30. Die Ausweitung der, ich nenn's mal: Nomenklatur ergab sich aus wachsenden Bezifferungs-Anforderungen in der Data Science ("because data science is requiring these really big quantities of data to be described", wie es ein Sprecher ausdrückte). Die neuen Vorsilben seien zukunftssicher, mindestens für die nächsten 25 Jahre. Die letzte entsprechende Anpassung lag über 30 Jahre zurück. Inoffiziell waren, ausschließlich in der Computerwissenschaft, bereits die Präfixe Bronto- und Hella- verwendet worden. Gegen diese hat das Gremium vor allem deswegen votiert, weil die Buchstaben b und h bereits in Gebrauch sind, h für Hekto-, b (selten) für Bit.

Wie man am Beispiel der Erdenmasse sieht, finden die Extrem-Maßangaben auch außerhalb von Informatik & Co. ihre Anwendung. Über den Planeten Jupiter lässt sich jetzt sagen, dass er rund zwei Quettagramm wiegt, 2 Qg. Und am enderen Ende des Spektrums? Da haben wir r für Ronto- (10-27) und q für Quekto- (10-30). Ein Rontogramm ist beispielsweise die Masse eines Elektrons. Und ein Bit Information auf einem Smartphone lässt dieses um ein Quektogramm schwerer werden (Quelle: Guardian).

Da man sich stets aus dem Vorrat von Buchstaben bedienen muss, die "noch übrig sind", sind die Bildungen dieser Wortteile mitunter wild. Bei Quetta- etwa hat man irgendwie das griechische deka mit dem lateinischen decem ("zehn") vermischt und das noch freie Q- vorangestellt, wobei angeblich zwischenzeitlich die Variante Quecca- im Raum stand, die man jedoch für zu schwer aussprechbar hielt. Ähnlich wurde auch bei Ronna-, Ronto- und Quekto- (engl./frz. Quecto-) verfahren: Griechisches und lateinisches Zahlwort, zerpflückt und neu arrangiert, plus noch nicht in Gebrauch befindlicher Anfangsbuchstabe.

Samstag, 15. Oktober 2022

Bockch auf Bildung

Vor kurzem fiel mir die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (Band 89) in die Hände. 'Was man so alles erforschen kann!', dachte ich mit Blick auf den Aufmacherbeitrag von Andrin Büchler et al.:


Wer sich unter "k-Affrizierung" nichts vorstellen kann: Das ist das schweizerdeutsche Phänomen, in der gesprochenen Sprache Silben auf -k einen Hintergaumen-Reibelaut anzuhängen, also "Glückch", "Sackch" usw. zu sagen. Aus Zeitgründen habe ich den Artikel nur überflogen, hier ist ein Teil der Zusammenfassung:


Ich will nicht angeben, aber ich hätte durch bloßes Nachdenken ähnliche Schlüsse gezogen. Mit bloßem Nachdenken betreibt man jedoch keine Wissenschaft, sondern mit Empirie! Ein Sample von 16 Gewährspersonen ist natürlich nicht besonders aussagekräftig, aber es wird im Fazit angekündigt, noch weitere Untersuchungen folgen zu lassen.

Meine private (nicht ganz ernst gemeinte) Theorie zur Berner -k-Aussprache ist ja, dass diese vom jahrelangen Toblerone-Konsum herrührt: Der harte Gaumen (Palatum) wird durch die Schokodreiecke zerstört und artikulatorisch unbrauchbar gemacht, so dass sich alles nach hinten verschiebt.