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Sonntag, 14. Juli 2024

Lasst mich nicht zappeln!

Dies ist ein Update zum Beitrag "Zwar und Zimmermann". In einem Beitrag auf der Rechts-Seite der FAZ wurde neulich der Vogel abgeschossen:


So weit kann, soll, darf man "zwar" und "aber" bzw. in diesem Fall "doch" doch nicht auseinander stellen. Ich war kurz vorm Hyperventilieren, Leute!

Mittwoch, 25. Mai 2022

Das Unsagbare (1)

Warum verschmäht man gewisse Nahrungsmittel? Nun, es gibt solche, die uns einfach nicht schmecken, und solche, die regelrechte Übelkeit oder schlimmstenfalls allergische Reaktionen auszulösen vermögen. Derart zweiteilen lassen sich auch "unregelmäßige" sprachliche Äußerungen, zumindest in meiner Welt: Manche Formfehler, verhauene Ausdrücke, Stilblüten, Agrammatismen oder sonderbare Vokabeln mag ich halt nicht. Mich hat es beispielsweise jedes Mal erbost, wenn Michael Maar in seinem ansonsten sehr lesenswerten Literaturstreifzug "Die Schlange im Wolfspelz" für Adjektiv das Synonym "Beiwort" verwendet hat. Eine reine Idiosynkrasie meinerseits, und es handelt sich ja nicht mal um einen Fauxpas des Autors, sondern eine leicht dümmliche Wortwahl-Marotte. Ich bin nach jahrelangem Konsum journalistischer Texte aus Deutschland einiges gewohnt – und dabei milde geworden. Nicht umsonst habe ich "unregelmäßig" in Anführungszeichen gesetzt. Durch die Brille des Deskriptivismus betrachtet, sind vermeintliche Fehler ohnehin nur interessante Erscheinungen des Sprachwandels. Und manches, was einst in die Kategorie "verursacht allergische Schocks" fiel, steht heute lediglich auf meiner "Schmeckt mir nicht"-Liste.

Beispiel gefällig? Anfang der 1990er Jahre, wir hatten noch nicht sehr lange "Westsender", lief im Fernsehen ein Werbespot für Fruchtjoghurt o.ä., und darin brüllte ein Knabe den Halbsatz: "... weil er ist gesund!" Ich hatte diese Variante von "weil er gesund ist" noch nie in meinem jungen Leben gehört und bin durchgedreht. "Warum sagt der das so komisch?", fragte ich beinahe unter Tränen meine Mutter, die diese Syntax zum Glück als inkorrekt tadelte. Das blöde Kinder-Testimonial hätte ebenso gut "... weil gesund er ist" sagen können, es hätte in meinem Kopf genauso kaputt geklungen. (Mit Meister Yoda sollte ich erst ein paar Jahre später in Kontakt kommen.) Mittlerweile kann ich über weil-Sätze mit Verbzweitstellung nicht mal mehr die Nase rümpfen. Zumindest wenn sie mir in gesprochener Sprache begegnen: Unlängst hat Ulrich Hermann Waßner im Sprachreport (Ausgabe 4/2021) das "weil er ist"-Phänomen untersucht, befasst sich dabei notwendigerweise mit der Frage der Trennung von sog. gesprochener und geschriebener Sprache und führt den hilfreichen Begriff der "konzeptionellen Mündlichkeit" ein. Entwarnendes Fazit: "Es finden sich tatsächlich nur wenige 'echt' geschriebensprachliche Belege." (a.a.O., S. 35) Und selbst wenn's mehr werden: dann steht halt irgendwann im Grammatik-Duden, dass in weil-Sätzen auch V2-Stellung möglich ist. Darum soll es hier auch gar nicht gehen (in nämlichem Heftbeitrag ist alles gesagt)!

Mit diesem langen Anlauf möchte ich zu zwei Phrasen springen, die wiederum für mich völlig normal sind, aber anderen das Sprachzentrum zum Tilt! bringen könnten ... Morgen verrate ich, welche das sind.

Donnerstag, 2. April 2020

Kurz notiert: Syntax-Alarm

Eine weitere Ergänzung zur Fallsammlung "Gekommen, um zu bleiben", diesmal aus der Süddeutschen Zeitung:


Gerne hätte ich dazu eine Email an die Rubrik "Sprachlabor" geschickt, aber ich bin mir sicher, dass sie ignoriert worden wäre.

Freitag, 1. März 2019

Mein grüner kleiner Kaktus

Neulich sah ich in Berlin ein Restaurant, auf dessen Fenster stand: "Koreanische traditionelle Gerichte". Müsste es nicht – analog zu "Traditionelle Chinesische Medizin" – korrekt "Traditionelle koreanische Gerichte" heißen?, fragte ich mich und dachte sodann an die saudumme und kreuzgefährliche "Germanische Neue Medizin", deren Name ebenso schief klingt, weswegen er von vielen, die darüber schreiben, unbewusst zu "Neue Germanische Medizin" korrigiert wird (14.100 Google-Treffer).

Warum erscheint uns "koreanische traditionelle Gerichte" falsch? Im Englischen gibt es eine feste Regel, in welcher Reihenfolge attributive Adjektive angeordnet werden, jedes Schulkind kann sie runterbeten:
1 opinion
2 size
3 physical quality
4 shape
5 age
6 colour
7 origin
8 material
9 type
10 purpose
Beispielsatz: "She was a (1) beautiful, (2) tall, (3) thin, (5) young, (6) black-haired, (7) Scottish woman." (Ich beziehe mich hier auf das Cambridge Dictionary; daneben existieren dezente Variationen bezüglich Benennung und word order.)

Der derzeit kursierende "Green New Deal" (6 vor 5!) verstößt freilich nur scheinbar gegen diese Norm, denn der "New Deal" ist ein feststehender, von Franklin D. Roosevelt geprägter Term, den die neuen Reformer aufgegriffen und, weil es um ökologische Maßnahmen geht, mit dem Attribut "grün" versehen und damit spezifiziert/abgewandelt haben, und der, wie Wikipedia weiß, sogar noch tiefer im Lexikon verwurzelt ist: "New Deal ist eine Redewendung der englischen Sprache und bedeutet so viel wie 'Neuverteilung der Karten'. Roosevelt verwandte die Redewendung im Präsidentschaftswahlkampf von 1932 zunächst nur als suggestiven Slogan. New Deal setzte sich dann in der Folgezeit als Begriff zur Bezeichnung der Wirtschafts- und Sozialreformen durch."

Nun stellt sich die Frage, wie diese Reihenfolge zu begründen ist. Handelt es sich um eine natürliche Abfolge, mithin um eine sprachliche Universalie? Und gibt es auch für das Deutsche entsprechende Regeln? Die Problematik streift Bereiche der Funktionalen Grammatik und übersteigt meine Kompetenz. Einen erhellenden Aufsatz zur ersten Übersicht habe ich immerhin im Netz gefunden, nämlich Ludwig Eichinger: Ganz natürlich - aber im Rahmen bleiben. Zur Reihenfolge gestufter Adjektivattribute. In: Deutsche Sprache 4/1991. Denn selbstverständlich hat sich die Germanistik des Themas bereits angenommen! Es gibt mehrere Konzepte (sogar eins von der Duden-Grammatik), wobei die Elemente der Nominalcluster mal semantisch, mal syntaktisch analysiert werden.

Drei von zehn Klassifikationsversuchen (Stand 1991); zum Vergrößern klicken

Mit den ganzen Feinheiten betreffend "Klammerstrukturen", "Artikelähnlichkeit" usw. möchte ich euch verschonen, zumal ich selbst nicht alles verstanden habe. Eichinger schlägt eine Dreiereinteilung vor und operiert mit folgenden Begriffen:


Innerhalb der Nominalklassifikatoren ordnen Descriptiva "äußere Merkmale" zu und Classificativa sind "bereichsangebend", woraus sich dann beispielsweise "quadratische graue metallene skandinavische Türen" ergeben. Ganz so fein gegliedert und streng hierarchisch wie im Englischen geht es also nicht zwangsläufig zu. Interessant ist die Anmerkung "häufig sind insbesondere Kombinationen von 'Länderadjektiven' u.ä. an zweiter Stelle vor dem Nomen mit Bereichsadjektiven, die durch von häufig deverbalen oder sonstwie relationalen Substantiven ausgehende Relationen enger an diese Substantive gebunden sind - bis hin zu (pseudo)terminologischen Doppelformeln", wofür der Verfasser das Beispiel "die amerikanische linguistische Forschung" gibt. Daran lässt sich dann wiederum die "Germanische Neue Medizin" anschließen, und so wollen es diese verbrecherischen Schwachköpfe sicher auch verstanden wissen: eine "Neue Medizin" als globale Bewegung, deren Vorreiterin Germania ist. Klingt trotzdem schräg.

Mittwoch, 2. Mai 2018

Was regnet denn da?


Dieser xkcd-Comic von vergangener Woche spielt im letzten Panel auf die sogenannten Witterungsverben an, welche "trotz ihrer Häufigkeit im Sprachgebrauch in der Sprachwissenschaft wenig diskutiert" werden, "und die Meinungen zu ihrer syntaktischen Valenz und semantischen Beschreibung sind kontrovers".[1] Das Thema ist hochkomplex, schnell ist man in der Relationalen Grammatik und bei irgendwelchen "Unakkusativitätshypothesen". Im Wesentlichen geht es um die Frage, welche Rolle das es in Phrasen wie "es regnet", "es hagelt" usw. spielt.

Regnen & Co. sind unpersönliche Verben, in dem Satz "Es regnet" scheint es kein logisches Subjekt zu geben. Zumindest nicht mehr, denn historisch könnte das Pronomen es ein tatsächliches Agens, etwa eine Gottheit, ersetzt haben ("Jupiter pluit.").[2] Schön finde ich die metaphysische Erklärung: "Nach dieser Theorie steht das es für eine geheimnisvolle Macht, die nicht näher zu bestimmen sei, und gerade darin wird auch der Zweck der Impersonalien gesehen." (Hans-Jürgen Heringer) Aber zurück zum es als rein formales Subjekt. Dazu "wird u.a. Folgendes angeführt: es ist nicht kommutierbar, d.h. kann durch kein anderes sprachliches Element ersetzt werden". Dagegen möchte ich einwenden, dass Wendungen wie "Hat das geregnet?" durchaus, vor allem im norddeutschen Sprachraum, möglich und geläufig sind.

Weitere Bezeichnungen für das es in den semantisch null- und syntaktisch einwertigen Witterungsverben sind "Pseudoaktant" und – vgl. das "dummy pronoun" im obigen Comic – "Dummy-Subjekt".[3] Die Idee, dass es in der Tat, wie angesprochen, an die Stelle von Götternamen getreten ist, "als die alte Religion und die animistische Interpretation der Welt immer weniger wichtig wurden"[4], gefällt mir immer besser, je länger ich darüber nachdenke. Bei Homer heißt es ja auch: "Zeus regnet" und "Zeus donnert". Das Wetter ist halt wirklich "an entity".

1 Schmitz, Katrin: Die Witterungsverben im Französischen und Italienischen. In: Kailuweit, Rolf / Hummel, Martin (Hgg.): Semantische Rollen. Tübingen: Narr 2004.

2 Alles in diesem Absatz nach Nikula, Henrik: Unpersönliche Konstruktionen. In: Ágel, Vilmos et al. (Hgg.): Dependenz und Valenz. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Vol. 2. Berlin / New York: de Gruyter 2006. 
3 Kolehmainen, Leena: Fennosaxonische Wettervalenzen. Turbulenzen im Valenzverhalten finnischer und deutscher Witterungsverben. In: dies. / Lenk, Hartmut E.H. / Liimatainen, Annikki (Hgg.): Infinite kontrastive Hypothesen. Frankfurt a.M. et al.: Lang 2010.
4 Viti, Carlotta: Variation und Wandel der Syntax der alten indogermanischen Sprachen. Tübingen: Narr 2015.

Dienstag, 28. Februar 2017

Backen

Beim Spazieren durch meine Hood entdeckte ich neulich folgenden Bäckerei-Slogan:

wir backen. du könig.

Darüber kann man sich schon mal den einen oder anderen Gedanken machen. Dies hat zum Beispiel Diana Marossek auf ihrem Sprachforschungs-Blog getan, welches ich auf der Google-Suche nach dem reichlich nichtssagenden Werbespruch fand: 

"Was will man uns damit eigentlich sagen?
Vielleicht die naheliegendste Bedeutung: 'Wir backen. Du BIST der König' (Verbvermeidung) oder doch sowas wie 'Wir backen, du König!' ???? Eindeutig ist anders."

Ich hätte noch eine dritte Interpretation anzubieten: "Wir sind Backen. Du bist der König." Ob Gesichts- oder Gesäßbacken gemeint sind, weiß allein der König der Kette "Back König", deren Filialschilder die fragliche Zeile ziert.

Mittwoch, 16. November 2016

Satzbaustellenwarnung

(Dies ist ein kleines Update zu "Gekommen, um zu bleiben".)


Noch einmal: Wenn man den Satz so formuliert wie oben, bedeutet er, dass die Eltern Sprachen, Mathe und Rechtschreibung pauken möchten und deswegen Grundschüler in Lerncamps schicken.

Noch einmal²: Ich betreibe dieses grammatikalische Nitpicking nicht, um mich über andere zu erheben oder lustig zu machen. Mir ist bewusst, dass man auch mir zig Orthographie-, Stil- und sonstige Verstöße nachweisen könnte, wenn man es drauf anlegte. Ich mache lediglich (nicht zuletzt aus eigenem Interesse) auf sprachliche Phänomene aufmerksam, die sonst an vielen Deutschsprechenden und -schreibenden vorbeigehen würden. Selbst am Personal des altehrwürdigen Spiegel.

Dienstag, 19. Juli 2016

Ich denke, also bin ich

Sprachkritiker wie Bastian Sick (um den es zuletzt erfreulich ruhig geworden ist) oder auch Quatschseiten wie die Huffington Post ("Es gibt 5 nervige Anglizismen, die Sie wahrscheinlich auch verwenden - ohne es zu merken") monieren den angeblich inflationären Gebrauch der Phrase "Ich denke, ...". Sie behaupten, das sei eine faule Übernahme des englischen "I think". Es kann natürlich sein, dass sich "Ich denke" in den letzten zwei Jahrzehnten etwas stärker verbreitet hat; ich bin indes kein Korpuslinguist, und mir fehlen die entsprechenden Data-Mining-Tools, um diese Vermutung zu bestätigen. Meine These ist die: Früher, als der Mensch noch bescheidener war als heute, bevorzugte er mehr unpersönliche Wendungen, vgl. etwa "mich friert", "mich dürstet" und eben auch "mich dünkt" (wobei denken und dünken zwei zwar verwandte, aber eigenständige Verben sind). Im Englischen war's ähnlich, siehe methinks. Als wir mehr und mehr ich-bezogen wurden, gaben wir der persönlichen Form mit denken den Vorzug. Das geschah aber gewiss nicht unter dem Einfluss der bösen englischen Sprache im ausgehenden 20. Jahrhundert. Bei den Grimms findet sich ein viel älteres Beispiel: "Ich denke, das ist nur ein Trost, den ein geiziger Vater oder Mutter für ihre Kinder erdacht haben" (C.F. Gellert), und für die Bedeutung von denken "in der Erwartung leben" führen sie den Beispielsatz "Ich denke, das Unternehmen gelingt." an. Sogar bei Goethe heißt es in einem Brief: "[...] ich denke daß Sie es in zehen Tagen lesen werden". Goethe! Ich denke also, man darf ruhig mal etwas "denken" statt immer nur Dinge zu "glauben" oder zu "finden".

Dienstag, 19. April 2016

Es muss leider sein: Ein Beitrag über Bahndurchsagen

Schon seit Ewigkeiten juckt's mich in den Fingern, folgendes Thema anzusprechen. Wenn in deutschen Zügen angesagt wird, an welcher Seite bei der nächsten Station auszusteigen ist, geschieht dies nämlich fast ausschließlich in dieser Form: "Der Ausstieg in Fahrtrichtung links/rechts." Diese Unentschlossenheit zwischen Ellipse ("Ausstieg in Fahrtrichtung links/rechts") und richtigem Satz ("Der Ausstieg ist in Fahrtrichtung links/rechts") macht mich fertig. Das Problem treibt auch andere Bahnfahrende um, bei der Suche nach der nämlichen Floskel stößt man u.a. auf eine Facebookunterhaltung, in der es einerseits heißt " Mit Verben hat's die Deutsche Bahn nicht so ...", andererseits ein Kommentator einwirft, es handele sich sehr wohl um eine Ellipse, bei der man sich halt einen Doppelpunkt mitdenken müsse: "Der Ausstieg: in Fahrtrichtung rechts." Je nun, eine Pause, die so ein Satzzeichen normalerweise markiert, hört man bei den Durchsagen nie!
Okay, eigentlich sollte man dankbar sein für jedes weggelassene Wort, geraten die ohnehin viel zu ausführlichen und mindestens zwei- (hinter Aachen z.B.: vier-)sprachigen Lautsprechermitteilungen doch so wenigstens um eine Hundertstelsekunde kürzer.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Satz ein, den ich vor etlichen Jahren von einer Servicekraft in einem ICE vernahm: "Noch jemand frisch gebrühten Kaffee gewünscht?" Die Frage ist eine Mischung aus "Noch jemand frisch gebrühten Kaffee?" und "(Wird noch) frisch gebrühter Kaffee gewünscht?", klingt aber wie "Hat noch jemand frisch gebrühten Kaffee gewünscht?" – als würde man den Kaffee vorher irgendwo bestellen. Satzbaustelle deutsches Bahnnetz ...

Mittwoch, 3. Dezember 2014

Adorno und (s)ich

Ich habe nur ganz wenig von Adorno gelesen, nahezu nichts, doch selbst mir ist beizeiten eine Schrulle des Kultdenkers wo nicht aufgestoßen, so doch wenigstens aufgefallen: nämlich die eigentümliche satzbauliche Behandlung des Reflexiv- oder auch Reziprokpronomens "sich".

Just vorgestern entdeckte ich nun folgende Notiz Eckhard Henscheids zu genau diesem Sachverhalt:

"Adornos neuerdings auffallend oft zitierter Satz, geliebt werde man einzig da, wo man schwach zeigen sich dürfe, ohne Stärke zu provozieren, krankt m.E. sehr daran, daß, wo, wie auch immer, Menschen dieses Satzes sich bedienen, sie vor allem zu dem imponierenden und syntaktisch reizvoll placierten 'sich' sich hingezogen fühlen, ohne seines Gehaltlichen weiters sich zu versichern, um endlich, verfangen in seinen kierkegaardisch-dialektisch brandenden Prämissen sich, sich immer geschmeichelter sich zu verheddern, und zu verludern und zu sich vergammeln sichsich"
(Sudelblätter. Haffmanns Verlag 1987. S. 215f.)

Hahahaha!

Dienstag, 19. Februar 2013

Zwar und Zimmermann

Bei Yahoo Answers findet man folgende (etwas unglücklich formulierte, aber immerhin "gelöste") Frage:
Geht es nur mir so, dass ich Sätze mit "zwar" ohne ein folgendes "aber" als unfertig empfinde?
Darauf möchte ich antworten: Das geht nicht nur dir so. Ich selbst empfinde solche Sätze nicht nur als unfertig, sie lösen in mir regelrechte Beklemmungen aus. Ich werde nervös, beinahe panisch. "Wo bleibt denn jetzt das verdammte 'aber'?", möchte ich schreien. Neulich erst wieder in der FAZ, im Mosebach-Kommentar zum Papstrücktritt:
Bei Benedikt wird man von einer Flucht aus dem Amt aus „Angst und Zagen“ freilich nicht sprechen dürfen. An Widerständen hat es seinem Pontifikat zwar nicht gefehlt.
Punkt. Das ist schon mal nicht gut. Wenn's nach mir ginge, müssten "zwar" und "aber" stets im selben Satz stehen.
Vor allem in Deutschland ist er auf zum Teil maßlose Kritik gestoßen.
Ja ja ja, jetzt aber aber. Bitte?
Hier fehlte jedes Verständnis für die Aufgabe, die er sich gestellt hatte: die Kirche an ihre Überlieferung zu erinnern, eine theologische Fehlentwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu korrigieren, die so tat, als sei erst auf diesem Konzil die katholische Kirche gegründet worden.
Arghhhhh!!! (Es folgt auch im gesamten Rest des Textes kein "aber" mehr.)
Merke: Trenne nie 'ne Doppelkonjunktion, denn das untergräbt meine Antizipation.

Dienstag, 15. Mai 2012

Falsche Fragestellung bei WWM? (Achtung: Haarspalterei)

Am 7. Mai wurde in der Quizshow Wer wird Millionär? eine 16000-Euro-Frage gestellt, die mich irritierte, und zwar nicht inhaltlich, sondern syntaktisch:


"Welche politische Bewegung stellt in Argentinien derzeit nicht zum ersten Mal das Staatsoberhaupt?" -- Unterliege ich einem Denkfehler, oder müsste es nicht korrekt heißen: "Welche politische Bewegung stellt in Argentinien derzeit zum ersten Mal nicht das Staatsoberhaupt?" So, wie die Frage formuliert war, hätte der Kandidat davon ausgehen können, dass drei der genannten Gruppen derzeit zum ersten Mal das Staatsoberhaupt stellen und eine nicht.
(Das ist natürlich Blödsinn, denn abgesehen davon, dass drei der Antwortmöglichkeiten keine in Argentinien aktive politische Bewegung sind, vertritt das Staatsoberhaupt normalerweise nur eine Partei.)
Der Kandidat konnte die Frage mithilfe des Zusatzjokers beantworten. Wäre ihm das nicht gelungen, hätte er im Nachhinein womöglich den Satzbau der Frage als Grund für sein Scheitern geltend machen können. Das wäre mal ein spannender Rechtsstreit geworden.

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Gekommen, um zu bleiben

Eine kleine grammatische Schludrigkeit macht sich breit.
Material:

1. Süddeutsche Zeitung vom 9.3.2011: "Irgendwie hat er herausgefunden, dass mit zwei Töpfchen brennender Paste die Würstchen gerade noch nicht platzen, aber heiß genug sind, um sie zu verkaufen." Es geht um den Teil ab dem vorletzten Komma. Die Würstchen sind heiß genug, um sie zu verkaufen. Da stimmt doch was nicht! Die Würstchen sind hier eindeutig das Subjekt, und Subjekte stehen im Nominativ. In dem finalen Satzanschluss mit "um zu" stehen sie aber im Akkusativ (der dem Nominativ zufällig gleicht). Das (grammatische) Subjekt ist hier jedoch "er" (die Rede war von einem Imbissbudenbesitzer). Richtig wäre also: "[...] aber heiß genug sind, um verkauft zu werden." Ist es sehr päpstlich, diesen Lapsus zu bemerken und zu bemängeln? Ein Einzelfall ist dieses Beispiel nicht:

2. Die Historikerin Sybille Steinbacher im Zeit-Interview vom 17.3.11: "In der frühen Bundesrepublik wurden ehemalige NS-Verbrecher systematisch amnestiert, um sie in die Gesellschaft zu integrieren." Das Prädikat steht hier im Passiv ("wurden amnestiert"), der Infinitiv im finalen Satzanschluss aber im Aktiv. Korrekt wäre m.M.n. nur: "[...] um in die Gesellschaft integriert zu werden."

3. Süddeutsche Zeitung vom 17.3.11: "Deren Kleidung und Rucksäcke werden vor und nach den Besuchen außerdem penibel gereinigt, um keine Pflanzen oder Viren auf den Kontinent einzuschleppen." Hier ist es noch verrückter, denn das einschleppen bezieht sich hier weder auf die Kleidung und Rucksäcke noch auf die Reinigenden, sondern auf ein drittes "Subjekt", nämlich jenes, das sich hinter "deren" am Satzanfang verbirgt (im Satz davor ging es um Antarktis-Touristen). Mein Vorschlag: "Damit sie keine Pflanzen oder Viren auf den Kontinent einschleppen, werden ihre Kleidung und Rucksäcke vor und nach den Besuchen penibel gereinigt."