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Dienstag, 19. Juli 2016

Ich denke, also bin ich

Sprachkritiker wie Bastian Sick (um den es zuletzt erfreulich ruhig geworden ist) oder auch Quatschseiten wie die Huffington Post ("Es gibt 5 nervige Anglizismen, die Sie wahrscheinlich auch verwenden - ohne es zu merken") monieren den angeblich inflationären Gebrauch der Phrase "Ich denke, ...". Sie behaupten, das sei eine faule Übernahme des englischen "I think". Es kann natürlich sein, dass sich "Ich denke" in den letzten zwei Jahrzehnten etwas stärker verbreitet hat; ich bin indes kein Korpuslinguist, und mir fehlen die entsprechenden Data-Mining-Tools, um diese Vermutung zu bestätigen. Meine These ist die: Früher, als der Mensch noch bescheidener war als heute, bevorzugte er mehr unpersönliche Wendungen, vgl. etwa "mich friert", "mich dürstet" und eben auch "mich dünkt" (wobei denken und dünken zwei zwar verwandte, aber eigenständige Verben sind). Im Englischen war's ähnlich, siehe methinks. Als wir mehr und mehr ich-bezogen wurden, gaben wir der persönlichen Form mit denken den Vorzug. Das geschah aber gewiss nicht unter dem Einfluss der bösen englischen Sprache im ausgehenden 20. Jahrhundert. Bei den Grimms findet sich ein viel älteres Beispiel: "Ich denke, das ist nur ein Trost, den ein geiziger Vater oder Mutter für ihre Kinder erdacht haben" (C.F. Gellert), und für die Bedeutung von denken "in der Erwartung leben" führen sie den Beispielsatz "Ich denke, das Unternehmen gelingt." an. Sogar bei Goethe heißt es in einem Brief: "[...] ich denke daß Sie es in zehen Tagen lesen werden". Goethe! Ich denke also, man darf ruhig mal etwas "denken" statt immer nur Dinge zu "glauben" oder zu "finden".

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Goethe und wir

Gestern fiel mir Folgendes ein: Es ist, rein theoretisch, möglich, dass heute noch jemand lebt, der jemanden kannte, der Goethe persönlich gekannt hat. Nehmen wir an, 1820 wurde Person x geboren und ist im Alter von 10 Jahren (ein Alter, das man ja schon sehr bewusst erlebt) dem Dichterfürsten zwei Jahre vor dessen Tod begegnet. Person x wurde 100 Jahre alt und hat 1920 der dann ebenfalls zehnjährigen Person z (geb. 1910) von Goethe erzählt. Und z könnte heute noch unter uns weilen. 

Zugegeben, das ist abwegig, aber es zeigt, wie greifbar Goethe noch ist. Ein Glück zudem, dass seine Texte schriftlich tradiert werden. Jeder Schüler wird zwar irgendwann mal eine Ballade oder ein Gedicht auswendig gelernt haben, aber wer merkt sich sowas schon bis an sein Lebensende? 

In der 11. oder 12. Klasse wurde in dem Deutsch-Leistungskurs, den ich besuchte, eine Goethe-Rezitation angeordnet, und ich erinnere mich noch, wie fast alle Mitschüler entweder Prometheus oder Willkommen und Abschied aufsagten. Allein ich entschied mich für das recht unbekannte, aber lustige Gedicht Ritter Kurt's Brautfahrt, was unser Lehrer mit dem Prädikat "Herrlich!" quittierte. 

Noch eine weitere Goethe-Anekdote fällt mir ein: Als Knabe saß ich in der Straßenbahn. Als die Haltestelle Johann-Wolfgang-von-Goethe-Straße angesagt wurde, verdeckten ein paar mitfahrende kreative Jugendliche mit ihren Händen bestimmte Buchstaben an der elektronischen Anzeigetafel, so dass dort stand: "Johann Wolfgang on the Straße".