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Freitag, 23. Januar 2026

Betr.: Co-Produktionen, Zug-Workout, News-Detox, Let's Play

Diese Woche ist die neue Cinema erschienen, und es wurden wieder einige Filme vorgestellt, an deren Produktion jeweils mehr als fünf Länder beteiligt waren, namentlich "Once Upon a Time in Gaza" (F/PS/D/P/Q/JOR), "Zwei Staatsanwälte" (F/D/NL/LV/RO/LT) und "Die Stimme von Hind Rajab" (TN/F/USA/UK/I/SA/CY). Den von "To a Land Unknown" aufgestellten Rekord (?) haben die drei Filme damit zwar nicht gebrochen, beachtlich sind diese Zahlen trotzdem. "CY" steht übrigens für Zypern.

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Regionalexpress Würzburg-Frankfurt. Eine etwa Mitte 60-jährige Frau mit Funktionskleidung und frecher Kurzhaarfrisur steigt zu und nimmt Platz. Nach einer Weile erhebt sie sich, läuft den Gang hinab, bleibt zwischen zwei Doppelsitzen stehen (auf einem dieser Sitze: ich), greift die Griffe an den Lehnen rechts und links von ihr und beginnt, gymnastische Übungen zu machen. Vor und zurück streckt sie sich, lässt sich halb fallen und macht Bewegungen wie an einem Barren, wobei die Füße auf dem Boden bleiben. Mich macht das leicht nervös, aber weil ich unkonfrontativ bin, begebe ich mich in den zen-buddhistischen Zustand des dhyāna und sage eben NICHT: "Oh jaaa, das ist sehr wichtig und gesund, was Sie hier tun, und überhaupt nicht absonderlich und irritierend! Sie haben schließlich gerade zehn Minuten am Stück gesessen, und so eine Zugfahrt ist ja wie ein Langstreckenflug, da drohen verkrampfte Muskeln und eingeschlafene Füße, wenn nicht gar Thrombose und Dekubitus."
Tja, wahrscheinlich hat diese Reisende tatsächlich alles richtig gemacht. Jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich über sie, wenn auch nur insgeheim, gespottet habe.

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Was ich in meiner heutigen Titanic-Newsletter-Kolumne (die ihr bestimmt alle lest, *hüstel*) verkündet habe, ist wahr: Ich habe mir für 2026 vorgenommen, einen Bogen um "Welt online" zu machen, und seit dem 1.1. bin ich auch wirklich kein einziges Mal dort vorbeigesurft. Mir fällt diese selektive Medienabstinenz äußerst leicht, doch meinem Unterbewusstsein offenbar nicht. Heute habe ich nämlich im Traum welt.de aufgerufen, und in dem Moment, wo ich die ersten, gewohnt behämmerten Überschriften las, dachte ich: 'Waaah, mein schöner Vorsatz, bereits im Januar habe ich ihn gebrochen!'

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Das interessiert jetzt sicherlich kein Schwein, aber ich halte es fest, weil ich mich so darüber freue. Mein Lieblings-Youtuber raocow let's-playt zurzeit "Bramble" – auf meinen Wunsch hin! Kurz nachdem ich mich im Dezember erstmals am virtuellen Adventskalender mit einem Geschenk beteiligt hatte (ich bin "Earthquake Joe"), wurde mir dafür gedankt: von Gevatter Zufall. Denn im kurz darauf veröffentlichten "Patreon Wheel", bei dem u.a. Unterstützer ausgelost werden, die ein zu spielendes Game vorschlagen dürfen, blieb das Glücksrad auf meinem Namen stehen. Neben "Bramble" hatte ich als Alternativen noch "Lake" sowie das in meiner Amiga-Kindheit heiß geliebte "PP Hammer" angegeben (man darf drei Titel einreichen, von welchen raocow dann einen auswählt); die hätten gewiss auch witzige(re) Let's Plays ergeben.

Montag, 22. September 2025

Regionalexpress Augsburg-Würzburg

Frau A, Ende Dreißig: "Kann ich mich hier neben Sie auf den Boden setzen? Ich bin nämlich im Home-Office." Sie setzt sich im Gang auf den Boden des heillos überfüllten Zuges und arbeitet am Notebook.

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Damenausflugstruppenmitglied: "Ach, das ist ein COCKTAIL, den ich hier trinke. Habt ihr auch einen COCKTAIL? Inge, hast du deinen COCKTAIL schon getrunken? Hihihi."

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Schaffnerin weist per Durchsage darauf hin, dass der Zug in Treuchtlingen geteilt wird und man der Anzeige entnehmen möge, in welchem Zugteil man sich befinde.
Frau I: "Was, was, was?"
Mann: "Sie hat erklärt, wie man erkennt, welcher Zugteil wohin fährt."
Frau II: "Es müsste mal Schulungen geben für alle, die berufshalber über Lautsprecher reden: Laut, langsam und deutlich!"

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Meine Sitznachbarin, zu der Reisenden ihr gegenüber: "Ich hab jetzt nachgeguckt, und es stimmt wirklich, die Tagesschau hat was dazu gebracht: Die Deutsche Bahn lässt absichtlich Züge ausfallen!"
Gegenüber Sitzende: "Ah ja. Aber irgendwie logisch. So sparen die wieder Geld, für den Einsatz, für das Personal ..."

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Weibliche Stimme im dicht gedrängten Eingangsbereich: "Warum zeigen Sie mir das? Warum soll ich mir das ansehen? Was? Von wegen Fahrgastrechteformular! Was halten Sie davon, wenn ich die Polizei davon informiere? Die würde das sicher sehr interessieren! Nein, nichts 'Pssst'!!! Nach alldem, was die [Familienname] getan haben!!!"

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Frau 1: "Was war das denn?"
Frau 2: "Da hat wohl jemand was über irgendwelche Verbrecher auf dem Handy angeguckt."

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Eine Frau um die Dreißig packt ein nacktes Brötchen aus einer Bäckertüte und eine Flasche Mayonnaise aus einer Tasche, beißt einmal von dem Brötchen ab und quetscht sodann dick Mayo darüber. Ein Mann um die Sechzig steigt hinzu, hantiert mit einem Regenschirm.
Frau: "Au! Passen Sie doch auf mit dem Regenschirm!"
Mann: "Da kann ich doch nix dafür!"

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Frau B: "Als wir den Ausflug nach Weimar gemacht haben, da ham wir ne Bratwurscht gegessen, die war vorzüglich."
Frau C: "Ja, in Thüringen machen sie schon auch sehr gute Würscht."
Frau B: "Ja ja, so hat jede Region ihr Ding ..."

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Frau A, die kurzzeitig auf einem Sitzplatz gearbeitet hat, kommt zurück und hockt sich wieder in den Gang.
"So, ich setz mich wieder hier unten hin, mir gefällt das hier."
Mitfahrerin: "Sehr gerne, wir mögen Ihre Gesellschaft!"

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Frau X: "Setz dich doch alldieweil, wenn der Paul aufm Klo ist!"
Frau Y: "Nein, der kommt doch gleich wieder."
Frau X: "Aber das dauert doch ewig, bis der sich den Weg durch die ganzen Menschen gebahnt hat!"
Frau X: "Ha, guck, da kommt er doch!"
Frau Y: "Nanu, Paul, das ging ja schnell."
Paul: "Ich war gar nicht. Hier ist doch kein Durchkommen."

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Damenausflugstruppenmitglied 2, die Älteste im Bunde, sehr streng zu der Bodensitzerin: "Darf ich fragen, warum Sie hier auf dem Boden sitzen? Vorhin hatten Sie doch Gelegenheit, auf einem Stuhl zu sitzen!"
Frau A: "Ach, mir macht das nichts aus, und die anderen stört das nicht."
DATM2, plötzlich ausnehmend freundlich: "Na, dann ist ja gut. Sie haben mir bloß so leid getan! Wären Sie doch da sitzen geblieben!"

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DATM1 oder 3: "So, wir nehmen jetzt schon mal unser Gepäck runter, damit es gleich beim Aussteigen schneller geht. Entschuldigung, ob Sie mir vielleicht meine Tasche runterheben könnten?"
Mann, zwischen 60 und 70 Jahre, sehr barsch: "Muss das denn jetzt schon sein? Bis Steinach sind es noch zehn Minuten!"
DATM: "Wir wollen nachher die Leute nicht behindern ..."
Mann: "So was Unvernünftiges!"

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Mayonnaisefrau, in ihr Handy: "Ja, ich wollte dir nur sagen, dass du jetzt bei der Polizei aktenkundig bist. Die kennen jetzt deinen Namen ... Das weißt du ganz genau. [lauter] Lass mich ausreden! Denk dran, was ihr 2016 getan habt, du und deine Nazi-F***en-Familie. [brüllt etwas auf Türkisch] Ihr seid jetzt polizeibekannt! AKTENKUNDIG! Mafia-F***e!!!"

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Das waren, wohlgemerkt, Dialoge und Dialogfetzen während einer einzigen, rund zweistündigen Bahnfahrt. Etliche weitere bemerkenswerte Gesprächsteile habe ich leider vergessen.

Montag, 30. September 2024

Shoppen in einem Zug

Ich halte das Folgende fest für den Fall, dass dieser Service der Deutschen Bahn – denn um einen solchen geht es – irgendwann abgeschafft wird und nur noch in nostalgischen Erzählungen fortbesteht: "Es gab doch mal diesen Service der Deutschen Bahn, erinnert ihr euch? Im Jahr 2024 muss das gewesen sein, dieses eine Blog hat das mal festgehalten ..."

Also, im Jahr 2024 konnten Bahnreisende auf dem Weg nach Leipzig dies tun:


Ich stelle mir per App oder im Webbrowser einen vollständigen Rewe-Einkauf zusammen und hole die Waren nach meinem Ankunft im Leipziger Hauptbahnhof in der dortigen Filiale ab. Wann die Bezahlung erfolgt, ob online oder im Markt, ist der Kurzanleitung nicht zu entnehmen. So oder so, das Herz jedes Fans von geschicktem Zeitmanagement sollte angesichts dieser Möglichkeit höher schlagen. Ich bin schon oft von Dresden nach Frankfurt bzw. von Frankfurt nach Dresden gefahren und hatte in Leipzig Umstiegsaufenthalte, in welche solch ein Abholmanöver gewiss locker reingepasst hätte. Wie oft der Service wohl genutzt wird?

UPDATE: Im Grunde ist dieser Post vollkommen unbrauchbar. Mit der Deutschen Bahn hat der Aushang nichts zu tun, das Beworbene ist der ganz normale Abholservice, wie ihn jede Rewe-Filiale anbietet.

Sonntag, 17. März 2024

Bye Bye Bahnie

Letzte Woche habe ich meinen BahnBonus-Goldstatus verloren. Jetzt darf ich nie mehr in den für Vielfahrende reservierten Sonderbereichen von IC und ICE Platz nehmen. Ich bekomme keine Freigetränke im Bordbistro mehr. (Stücker zwölf gab's für Gold-Mitglieder per annum!) Und in die DB-Lounge wurde man ja sowieso nur noch mit am jeweiligen Tag gültiger Fahrkarte gelassen. (Früher habe ich manchmal einfach so die Lounge betreten, wenn mir während eines Stadtganges/Einkaufsbummels der Sinn nach Ruhe und Kaffee stand. Good times.) Es ist mir einfach nicht gelungen, die dafür notwendigen 2000 Bonuspunkte innerhalb von zwölf Monaten zusammenzubekommen.

Einen Tag vor diesem drastischen Einschnitt in mein Leben informiert mich eine E-Mail, dass "Ihre BahnCard mit Gültigkeitsbeginn ab dem 09.06.2024 oder später ausschließlich in digitaler Form zur Verfügung stehen wird". Heißt: Erst werde ich downgegraded, nächstes Jahr habe ich gar keinen Vergünstigungsnachweis mehr im Portemonnaie. Den Klimaschutzgedanken dahinter kann ich nachvollziehen und gutheißen, ich sehe allerdings einen entscheidenden Nachteil: Ich werde künftig immer darauf achten müssen, mein Handy vor Reiseantritt ausreichend geladen zu haben. Mit ausgedrucktem Ticket und physischer BahnCard ist man unabhängiger bzw. war es die längste Zeit gewesen. Mir ist es schon passiert, dass ich mit weniger als 20 % Ladung einen Zug bestiegen habe und dachte 'Okay, das Telefon kann ich ja während der Fahrt chargen', nur um dann wegen Überfüllung weit weg von einer Steckdose zu stehen. Man wird doch panisch, wenn ein Kontrolleur naht, dem man etwas auf einem jeden Moment die Grätsche machen könnenden Elektrogerät vorzeigen muss! Genau deshalb habe ich mir auch das Deutschlandticket in Plastikform ausstellen lassen.

Davon abgesehen macht die kommende Umstellung BahnCard-Kunden ohne Smartphone das Zugfahren schwerer – aber wenigstens nicht unmöglich: "Dann nutzen Sie als Nachweis für die BahnCard das Ersatzdokument, welches Ihnen ab dem 09.06.2024 ebenfalls in Ihrem Kundenkonto [...] als Download zum Ausdrucken zur Verfügung gestellt wird." Vor allem für Ältere und deren Angehörige wird das natürlich eine zusätzliche Belastung darstellen. Ins Internet gehen, ein Dokument runterladen, ausdrucken, und das Jahr für Jahr: Da wird wieder das ein oder andere Enkelkind seine helfende Hand reichen müssen ...

Montag, 23. Oktober 2023

Die südwestdeutsche Beinkleid-Provokation

Vor ein paar Wochen stieg ich irgendwo zwischen Koblenz und Mainz in eine sehr volle Regionalbahn. Lediglich ein Viererplatz war noch zu drei Vierteln frei: Ein Mann, gar nicht mal allzu desolat wirkend, hing isoliert in seinem Sessel. Ich hatte sofort die Eingebung: 'Hm, wenn die ganzen Passagiere hier lieber stehen als sich neben oder gegenüber diesem Kerl niederzulassen, muss irgendwas an ihm unangenehm sein.'
Zum Glück befand sich ein paar Reihen weiter doch noch eine Sitzgelegenheit für mich. Von dort aus konnte ich, da ich rückwärts fuhr, erkennen, was mit dem bärtigen, mittelalten, vorwärts fahrenden Mann nicht stimmte: Im Schritt seiner dünnen Stoffhose klaffte ein gewaltiges Loch und gewährte mangels darunter getragener Wäsche großzügigen Einblick in seinen Intimbereich. Diese subtile Form von Exhibitionismus fiel freilich auch anderen Mitreisenden auf, darunter einem älteren Wanderer vor mir, der den Freischwinger-Zausel alsbald in breitestem Pfälzisch zusammenstauchte: "Setz dich ordentlich hin ... Ich ruf die Polizei ... Ich lass dich aus dem Zug werfen ... so wie du aussiehst!" Diese Worte missfielen nun wiederum einer dem derart Beschimpften abgewandt hockenden Frau, Typ Waldorf-Pädagogin: "Niemand soll für sein Aussehen bloßgestellt werden!" Darauf der Pfälzer energisch: "Aber der hat ein Loch in der Hose! Man sieht den Schwanz und die Eier!"
Das machte mich schmunzeln. Der Zerschlissene setzte seine Füße auf den Boden und rückte seine Knie zusammen, dabei sagte er kein Wort.

Mittwoch, 6. September 2023

Der Ausstieg

Das Folgende hat sich bereits im Oktober 2020 zugetragen. Ich habe es (fast) noch niemandem erzählt.

Ich kam mit der Regionalbahn von einer Solo-Wanderung zurück, alles war normal bis zufriedenstellend verlaufen. Frankfurt am Main Hauptbahnhof sollte der nächste und letzte Stopp sein. Doch bis dahin kamen wir nicht: Kurz vor Verlassen des Stadtwaldes (für Eingesessene: etwa auf der Höhe der Station Louisa) gab es eine spürbare Erschütterung, begleitet von einem kräftigen Ka-wumm! oder auch Pardauz! Dann eine Vollbremsung. Alsbald war klar: Der Zug war über etwas gerollt, das dort nicht hätte sein sollen, und es war kein Ast. Es war auch kein Tier.

Rückblick: Wiederum etliche Jahre zuvor saß ich in einem ICE, der mit fast 200 Sachen ein Reh erfasste und am nächsten Betriebshalt seine Fahrt nicht fortsetzen konnte, weil der wuchtige Kadaver blockierend im Radsatz des Triebwagens hing. Ich versäumte es leider, während unserer Zwangsrast ein Bild des unfreiwilligen Passagiers zu machen und dieses auf Twitter mit der Zeile "Im Bordrestaurant servieren wir heute Wildgulasch" zu teilen.

Zurück zur Geschichte, bei welcher mir ganz und gar nicht nach schwarzem Humor zumute war. 
Es passierte zunächst minutenlang: nichts. Verwirrung und Besorgnis machte sich unter den Mitreisenden breit, wobei die übliche Unruhe und Flucherei ausblieb, die sich normalerweise einstellt, sobald eine Zugfahrt außerplanmäßig unterbrochen wird. Endlich erschien ein Mitarbeiter. Er schritt stracks vom hinteren zum vorderen Waggonende, dabei sich ihm in den Weg Stellende kurz angebunden auffordernd, sitzen zu bleiben und sich zu gedulden. Eine weitere Zugbegleiterin flitzte irgendwo hin; ich vermag nicht mehr zu sagen, wie viel Personal involviert war und was es im einzelnen tat. Nie vergessen werde ich aber jenen Schaffner im Vorruhestandsalter, der die Frage eines Passagiers, ob man aussteigen dürfe, in breitestem Sächsisch beantwortete. Es ist schon putzig – egal, wo in der Republik man den Bahnverkehr nutzt, ein sächsischer DB-Bediensteter ist nie weit. Jedenfalls brüllte dieser Sachse: "Sie können da ni' raus, da draußen is' Hackfleisch!"

Eine knappe Stunde verging ohne für uns Eingesperrte erkennbare Entwicklungen. Doch dann wurden Einsatzkräfte sichtbar. Viele Einsatzkräfte: Feuerwehr, Polizei, Sanitäter usw. Eine Ärztin erschien und fragte jeden einzelnen Fahrgast, ob alles in Ordnung sei, ob Hilfe benötigt werde. Als nächstes bat ein Feuerwehrmann um Aufmerksamkeit: Es werde gleich eine (und zwar nur eine) Tür geöffnet, durch die wir einer nach dem anderen nach draußen geleitet würden. Das geschah dann auch. Weil sich der Ausgang ein gutes Stück erhöht befand, wir waren schließlich außerhalb eines Bahnsteigs zum Stehen gekommen, war eine metallene Leiter vor ihn positioniert worden. Darüber kletterten wir ins Freie, wobei uns links und rechts stützende Hände führten. Durch eine mit Verkehrshütchen markierte Notgasse begaben wir uns über Schotter und Schienen zur nächstgelegenen Tram-Haltestelle. Dort wartete auch direkt eine Straßenbahn, mit der ich günstigerweise bis vor meine Haustür fahren konnte. "Wer so viel und oft durchs Land juckelt wie ich, muss ja rein statistisch früher oder später derartiges erleben", versuchte ich mir den Vorfall zu rationalisieren. Meine Knie zitterten an diesem Abend trotzdem noch ein Weilchen.


Rund zwei Jahre später las ich eine Publikation von Mark Benecke, worin dieser den Wert historischer Lehrbücher der Gerichtsmedizin hervorhob: In solchen finde man nämlich zuweilen aussagekräftige Fotos von Eisenbahnüberrollungsopfern, wie man sie heute kaum noch sehe – unsere schnellen Züge moderner Bauart verursachten keine so "schönen, sauberen Schnitte" mehr. Die Umschreibung "Hackfleisch" war in jenem Fall wohl treffend.

Montag, 21. November 2022

Der Rosetta-Stein der Deutschen Bahn

Bei meiner letzten ICE-Fahrt habe ich zum ersten Mal einen genaueren Blick auf das über dem Nothammer hängende Warnschildchen geworfen:


Ich kam nicht umhin, die Nuancen, die sich in dem viersprachigen Hinweis finden, zu bemerken.
"Missbrauch strafbar" heißt es auf Deutsch, auf Englisch aber nicht analog "Misuse punishable", sondern "Misuse will be punished". Ein kleiner, aber feiner Unterschied: Deutschsprechende können bei Hammermissbrauch bestraft werden, Englischsprechende werden es in jedem Fall. Genau so alternativlos sind die Folgen, welche die französische und die italienische Zeile versprechen: "... wird bestraft". Man beachte außerdem, dass in jenen auch noch ein "jeder" vorangestellt ist (tout/ogni), während man sich bei der englischen Version ein "any" gespart hat.
Ob das irgendeine tiefere Bedeutung hat, kann ich nicht sagen, ich bin ja kein Kulturwissenschaftler. Vermutlich sind die Abweichungen so beliebig wie bei Mirácoli.
 

Sonntag, 28. August 2022

Der Sommer unseres Fahrvergnügens

Ausnahmsweise muss ich ein aktuelles Thema behandeln. Es ist mir ein Bedürfnis, für die Nachwelt festzuhalten, dass es vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 in Deutschland etwas gab, das man als erfreulich bezeichnen konnte. Ja, in der Tat, es war das erste und einzige Schöne seit circa fünf Jahren: das 9-Euro-Ticket. Man durfte für nur 9,- € im Monat bundesweit den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Was für ein Luxus, eine Erleichterung, ein Gewinn! Nicht nur, dass man die eigene Region mal richtig er-fahren konnte, man konnte auch weiter auseinander liegende Städte mit dem Regionalexpress als Alternative zu IC, ICE & Co. erreichen, sofern man sich etwas Zeit nahm und ein dickes Fell hatte. Dresden-Frankfurt? 8 Stunden, ja mei. Kostenlos auf die Documenta in Kassel fahren? Easy-peasy, hab ich gemacht. Angenehm war es auch, am Zielort aussteigen und einfach mit der örtlichen Tram oder mit dem Bus weiterfahren zu können, ohne sich mit Tarifzonen befassen oder ständig Kleingeld für Fahrkartenautomaten dabei haben zu müssen. Ich fühlte mich an die goldenen zwei Jahre, in denen ich eine BahnCard 100 besaß, zurückversetzt.

Das 9-Euro-Ticket machte Lust aufs Reisen im eigenen Land, es brachte Menschen nach draußen, die sonst kaum Anreize dazu haben, ermöglichte, kurzum, Teilhabe, zudem entlastete es die Umwelt und den Straßenverkehr, stellte einen leichten Puffer angesichts der kriegsbedingten Energiepreisexplosion dar, stieß Diskussionen an, stellte potenzielle Weichen für weitere Elektrifizierungs-Innovationen, die Deutsche Bahn und das Umweltbundesamt zogen eine positive Bilanz ... Unnötig zu erwähnen, dass die Politik das 9-Euro-Ticket nicht verlängern wird. Als Hauptargument wird dabei der – nicht zu verschweigende! – Fakt ins Feld geführt, dass der Zugverkehr in diesem Sommer an seine Grenzen kam. Überfüllte Wagen, Verspätungen und sonstiges Chaos waren permanente Begleiter der Niedrigpreisaktion. Doch daraus ziehen die meisten Regierenden nun nicht den Schluss, dass man halt großzügig (!) Kohle (!) in den Ausbau von Personal und Schienennetz zu stecken hat, so wie es ja auch mir nichts, dir nichts mit der Bundeswehraufrüstung möglich war. Nein: Strohmannargumente werden bemüht ("Menschen, die aufs Auto angewiesen sind, würden ungefragt ein Ticket, das sie nicht nutzen, mitsubventionieren"), freidemokratische Widerlinge sprechen gar von "Gratismentalität", und überhaupt dürfe man das System nicht von heute auf morgen an seine Belastungsgrenze bringen, was übersetzt heißt, dass man weiterhin einen Teil der Gemeinschaft von der regelmäßigen Bahnnutzung ausschließen muss, indem man die Preise mindestens knapp über deren Budget hält. Da kann man froh sein, dass beispielsweise Bildung und Gesundheitsversorgung als Grundrechte gelten, sonst würde man womöglich morgen das kostenlose Studium abschaffen ("damit die Hörsäle nicht überfüllt sind") und übermorgen den freien Zugang zu ärztlicher Behandlung ("damit nicht Hinz und Kunz wegen jedem Wehwehchen die Praxen einrennen"). Notabene: Ältere erinnern sich, dass es eine Weile in Deutschland eine sog. Praxisgebühr gab und in einigen Bundesländern Studiengebühren anfielen. Die rechtlichen Grundlagen dafür müsste ich gesondert nachzuvollziehen versuchen, aber solange derlei möglich ist, dürfte es schwierig sein, aus der Verfassung ein Grundrecht auf Mobilität abzuleiten, egal welche Parteien gerade an der Macht sind.

Aber es gibt Hoffnungsschimmer. Berlin hat eine zunächst dreimonatige Neun-Euro-Fortsetzung ab Oktober angekündigt (wenn auch nur für Berlin). Ein bundesweit geltendes 29-Euro-Angebot ist im Gespräch, was ich ohne zu zögern annehmen würde. Bei 69 Euro, eine weitere oft genannte Summe, wäre ich schon nicht mehr dabei. Was auch immer kommen mag: Die glücklichen Erinnerungen an den Sommer unseres Fahrvergnügens wird uns niemand nehmen können.

Donnerstag, 9. Juni 2022

Promi an Bord

Seht ihr auch manchmal Leute, von denen ihr direkt denkt: 'Der/die ist bestimmt berühmt!'? Mir ist es schon mehrmals so ergangen. Ich erblicke eine Person und fühle aufgrund des Habitus, dass sie prominent sein muss. Zuerst fällt es einem aufgrund von Äußerlichkeiten auf: Die Kleidung enthält ein nicht ganz massentaugliches Gimmick, etwa eine mutige Kopfbedeckung oder schrilles Geschmeide, im Styling werden extravagante Akzente gesetzt. Nach einer Weile machen sich dann zusätzlich gewisse Vibes bemerkbar, das ganze Gebaren fußt auf einem übertriebenen Selbstbewusstsein und signalisiert: Mir gehört die Welt.

Da ich viele Menschen, die in Deutschland als Stars gelten, nicht (er)kenne, wirkt eine solche Begegnung (wenn man es denn so nennen mag) noch lange zaubrisch nach. 'Mit wem ich mir wohl vorhin einen Raum geteilt habe?', schießt es mir noch stundenlang durch den Kopf. Gibt es nicht ein Hörspiel von Helge Schneider, in dem ein Mann einen anderen fragt: "Entschuldigung, sind Sie populär?"? Das zu tun, reizt mich jedes Mal, aber verbietet sich selbstverständlich. Richtig hochkarätige VIPs vermag ich freilich zu identifizieren. Einmal zum Beispiel saß ich mit Kurt Biedenkopf zusammen in einem ICE-Wagen! Überhaupt finden viele solcher mutmaßlichen Celebrity-Sichtungen an Orten statt, die mit dem Bahnfahren in Zusammenhang stehen. Heute erst habe ich in der Frankfurter DB-Lounge einen (unangenehmen) Typen beobachtet, der die oben beschriebene Ausstrahlung ausstrahlte.

Apropos bzw. was ganz anderes ... Seht ihr auch manchmal so etwas vor euch halten und denkt direkt: 'Hach, ich sollte einfach reinspringen, alles hinter mir lassen und mich in ein ungewisses Nirgendwo (Belgien?) transportieren lassen!'? Nein?

Montag, 31. Mai 2021

Nach Diktat in den Schlafwagen

Keine Sorge, das hier wird nicht noch ein Zug-Anekdotenbeitrag – von denen versuche ich Abstand (zur Bahnsteigkante) zu nehmen –, aber anlässlich des 30. Geburtstags des ICE sei es mir wenigstens festzuhalten gestattet, dass ich gestern eine Borddurchsage gehört habe, die ich so noch nicht kannte: "An die Passagiere in den Wagen 1, 2 und 3, der Bahnsteig in Göttingen ist leider nicht lang genug für unseren Zug. Bitte begeben Sie sich zum Aussteigen in den Wagen 4."

Hauptsächlich soll es in diesem Beitrag allerdings um eine Einrichtung gehen, von der ich erst kürzlich durch Zufall (Lektüre einer alten Titanic-Ausgabe) erfuhr. Bis zum Jahr 1982 gab es in bundesdeutschen Zügen sog. Schreibabteile, in die man sich einmieten konnte, um mit einer stationären Schreibmaschine Schriftstücke zu erstellen. Bzw. erstellen zu lassen: Denn natürlich gab es, wie es sich für die gute alte Bonner Zeit schickte, eigens angestellte Zugsektretärinnen, die den werten Herren Generaldirektoren & Co. bei Bedarf das Tippen abnahmen. Auch Telegramme konnte man den zusätzlich in Englisch und Französisch geschulten und zur Verschwiegenheit verpflichteten Damen diktieren. Details sind bei Wikipedia nachzulesen, was ich hiermit empfehle.
 

Mittwoch, 24. Februar 2021

Ex- und Wikipeditionen

Wenn ich mit der Regionalbahn Wege weit abseits bekannter Metropolen bestreite, gebe ich immer gerne die Namen der anliegenden Ortschaften in das Wikipedia-Suchfeld meines Smartphones ein – dafür reicht die Internetverbindung ja meistens. Schwuppdiwupp hat man sich festgelesen, findet dies und das über lokale Eigentümlichkeiten heraus, hangelt sich Verlinkungen und Querverweisen entlang; ihr kennt das.

Eine wahre Fundgrube in Artikeln über Orte ist oft der Abschnitt "Persönlichkeiten". Zwei Entdeckungen der jüngeren Vergangenheit:
1. In der Ortsgemeinde Balduinstein – welche zwar nur 596 Einwohner zählt, dafür aber sowohl eine Burgruine gleichen Namens als auch ein Schloss, die Schaumburg, unterhält – lebt der 1960 im südindischen Chandepalle geborene Avatar Mutter Meera. Sie gibt nahe der Schaumburg vorab angemeldeten Personen ihren Segen, den sog. Darshana (zurzeit jeden Abend im Livestream). Auf Schloss Schaumburg wurde außerdem der Fernsehfilm "
Schrei – denn ich werde dich töten!" gedreht (RTL 1999), dessen Hauptrolle Katharina Wackernagel spielt, die übrigens eine Nachfahrin des Indogermanisten Jacob Wackernagel ist, dem Vater des Wackernagelschen Gesetzes, aber jetzt muss ich wirklich aufhören mit dem Wikipedia-Hopping, denn ich komme zu Entdeckung Nummer
2. In Limburg-Eschhofen wurde ein Schlagersänger mit dem Künstlernamen "Ikke Hüftgold" geboren. Als ich das las, musste ich schmunzeln ... und wenige Tage später erneut, als mir, in einem typischen Fall unerklärlicher Doppelbegegnung, der Name in einer Schlagzeile auf "Bild online" begegnete.

Dienstag, 19. Januar 2021

Eine Bahnfahrt, die ist lustig

In seinem neuen Roman "Hamster im hinteren Stromgebiet" erzählt Joachim Meyerhoff von Situationen, in denen er unkontrolliert kichern musste:

Durch mein Gelächter kam schon die nächste Begebenheit und die nächste und dann noch eine. Eine Nachricht fiel mir ein. Es war erst wenige Tage her, dass ich sie im Flugzeug gelesen und herausgerissen hatte. Ich musste meine Lektüre mehrmals unterbrechen und aus dem Fenster schauen, um meine Mitreisenden durch meinen Lachkrampf nicht zu stören.

Das kenne ich allzu gut! Nicht nur durch Lektüre (etwa von Meyerhoff-Büchern), sondern auch bei diversen Spoken-word-Hörgenüssen wurde ich schon mehrmals im Zug zu brutalsten Lachattacken provoziert. Ich bin kein Mensch, der viel und gerne lacht, aber wenn es mich erwischt, dann so richtig.

Mein erster größerer Lachanfall auf Schienen ist schon etliche Jahre her und hatte gar nichts mit Medienrezeption zu tun. In Frankfurt-Sachsenhausen gibt es eine deutsch-griechische Gaststätte mit dem so behämmerten wie brillanten Namen "Qualitäts-Eck". In meinem Freundeskreis entwickelte sich im Laufe der Zeit ein regelrechter Kult um dieses Lokal, der nur entzaubert werden konnte, indem wir es schließlich einmal besuchten. Irgendwann fuhr ich mit dem ICE aus dem Frankfurter Südbahnhof heraus und blickte arglos aus dem Fenster, als plötzlich in einem gut versteckten Winkel – das "Qualitäts-Eck" sichtbar wurde. Ich las das Wort, ließ es mir mehrmals durch den Kopf gehen und rastete aus.

(Beim Schreiben dieser Zeilen erinnere ich mich an unseren Besuch dieser Lokalität und einen etwas unangenehmen Vorfall dabei: Während der Essensbestellung stand der Kellner hinter mir – ich ließ mir wie so oft reichlich Zeit mit meiner Entscheidung – und fing auf einmal an, mir eine spaßig gemeinte Schultermassage zu verpassen. Normalerweise reagiere ich auf unerwünschten Körperkontakt mit spitzen Schreien oder indem ich den Übergriffling ausknocke, doch in diesem Fall blieb ich genau so ungerührt wie meine Kollegen.)

Ein ander Mal lauschte ich während der Fahrt der Hörbuch-Version von Heinz Strunks "Junge rettet Freund aus Teich". An der Stelle, wo der Ich-Erzähler fantasiert, dass der übermütig herumspringende Hund der Oma kein Hund ist, sondern in Wahrheit "ein Mensch, den es von einem Moment zum nächsten in einen Dackelkörper verschlagen hat", und der sich nun nicht verständlich machen kann, packte es mich. Tränen liefen mir herunter; peinlich.

Die zwei jüngsten Explosionen ereilten mich nach Inkrafttreten der Hygienebestimmungen, und ich war froh, dass ein Mund-Nase-Schutz mein grinsend verzerrtes Antlitz zum größten Teil verdeckte. Eine Episode von "The Dollop" – einer meiner Lieblings-Podcasts – befasste sich mit dem Leben des britischen Magiers und Komikers Tommy Cooper. Obwohl ich schon das ein oder andere über diesen Exzentriker gewusst hatte, brachte mich eine mir unbekannte Anekdote dann doch zum Durchdrehen: Einmal hätte Cooper um ein Haar im Live-TV die Talkshow-Legende Michael Parkinson enthauptet, wenn nicht eine Bühnenkraft im letzten Moment bemerkt hätte, dass Cooper vergessen hatte, den Sicherheits-Schnapper der Trick-Guillotine umzuschalten. Was für eine Vorstellung! Ich muss gerade schon wieder intensiv feixen. Wenig später erwischte es mich beim Ron-Burgundy-Podcast, aber damit hätte ich nach zwei Staffeln rechnen müssen ... Warum höre ich so was auch in der Öffentlichkeit?!

Dienstag, 8. September 2020

Ein- und ausgeklinkt

Wer erinnert sich noch daran, dass ICEs der ersten drei Generationen standardmäßig Kopfhörerausgänge neben ihren Sitzen eingebaut hatten, über die man mehreren Kanälen eines Bordprogramms lauschen konnte? Ich erinnere mich daran! Gut 15 Jahre muss es her sein, dass ich dieses Hörangebot zum letzten Mal nutzte; auf einem der Sender lief tatsächlich ein Hörspiel von Max Goldt (entweder "Ein Leben auf der Flucht vor der Koralle" oder "Die Radiotrinkerin").

Inzwischen ein seltener Anblick: Kopfhörer an verstummtem Audiomodul, hier in der 1. Klasse eines ICE-T

Diesen Entertainment-Bonus bietet die DB schon lange nicht mehr. 2009 berichtete die Frankfurter Rundschau (zitiert nach player.de), dass die Bahn "in den Jahren 2004 bis 2008 sukzessive in rund einem Drittel der ICE-Züge das gewohnte Bordprogramm gegen zusätzliche Steckdosen an den Sitzplätzen ausgetauscht und die Züge teilweise mit WLAN-Netzen ausgestattet" hat. Schade? I wo! Unterhaltung fürs Ohr hat man doch heute sowieso immer dabei, eine Steckdose ist mir da wichtiger – wobei der ICE-3 zeitweise beides hatte und ja ohnehin über einige Luxus-Features verfügte: Nicht nur befand sich in ihm wie im ICE-T und ICE-TD ein Panorama-Abteil, nein, "[e]inige Plätze in der ersten Klasse (ursprünglich auch in der zweiten) waren mit Videobildschirmen ausgestattet, auf denen Dokumentationen und Filme von Bahn TV gezeigt wurden" (Wikipedia, bekanntermaßen ein Fakten- und Geschichts-Dorado für Bahnfans). Schade, dass ich diese Ausstattungsmerkmale nie genießen durfte. Wenigstens war es mir in letzter Zeit mehrmals vergönnt, in einem alten Metropolitan zu reisen.

Sonntag, 8. Dezember 2019

Die besten Weblogs

Heute: Bahnsozialstudie.de. Erlebnisse mit der Deutschen Bahn, aber keine Angst: Es geht nicht ausschließlich um nervige Passagiere, Störungen im Betriebsablauf und crazy Durchsagen! Neugierigen Vielfahrern wie mir beschert die (unregelmäßig befüllte) Seite den einen oder anderen Aha-Moment. Die Einträge drehen sich um wenig bekannte Zugtypen, Streckentipps, außergewöhnliche Verbindungen und manches mehr.

Montag, 26. März 2018

Der große Eisenbahnbetrug

Das goldene Zeitalter, in dem regelmäßig bewaffnete Männer ohne Gewissen, aber mit einem zum Dreieck gefalteten Stofftuch vorm Munde wagemutig dampfbetriebene Züge bestiegen, um die Passagiere um ihre Habseligkeiten zu erleichtern, sind gottlob vorbei. Ich habe allerdings schon erlebt, wie ein ICE, in dem ich saß, außerplanmäßig anhielt, um eine Einheit Polizisten zusteigen zu lassen, die wenig später drei flüchtige Verbrecher abführte. Das ruchloseste Monster, das sich je in der Nähe meines Sitzplatzes aufgehalten hat, wurde indes in einer Regionalbahn aufgegriffen und an Ort und Stelle zurechtgewiesen – ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte, kann ich gar nicht sagen, da die Person von einer couragierten Schaffnerin temporär mundtot gemacht wurde: "Sie haben ein Ticket mit Rabatt gelöst, obwohl Sie keine Bahncard haben", brüllte jene, und nach einem kleinlauten Rechtfertigungsversuch der/des Gestellten weiter: "Egal, ob Ihr Freund das gebucht hat und eine Bahncard besitzt. Sie haben sich eine Leistung erschlichen, das ist eine STRAFTAT. Ich könnte Sie direkt aus dem Wagen werfen!" Nach einer Weile schließlich: "Ich lasse Sie ausnahmsweise weiterfahren. Aber Sie dürfen das NIE WIEDER machen, versprechen Sie mir das!" Kurz nach Ende des Schauspiels sagte ein anderer Fahrgast zu der resoluten Zugbegleiterin "Das war aber nett von Ihnen", und ich weiß bis heute nicht, ob das ernst oder sarkastisch gemeint war.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Entgleist

Querulanten können einem schon leidtun. Sie machen nicht nur anderen, sondern auch sich selbst das Leben schwer, und man sollte sie lieber – behutsam – darauf hinweisen, dass sie professioneller Hilfe bedürfen, statt sich mit ihnen zu raufen. (Wusstet ihr, dass Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mal ein Vorwort zur Neuauflage einer Fachschrift zum "Querulantenwahn" aus dem Jahr 1926 verfasst hat?) Deswegen liegt es mir fern, derartige Zeitgenossen vorzuführen oder herabzusetzen. Andererseits sorgen sie halt doch immer wieder für allgemeine Belustigung, beispielsweise im Zug, vgl. Max Goldts Text "Ein Querulant hört was knarren". Deshalb an dieser Stelle einfach mal danke! Ohne euch wäre der folgende Beitrag nicht zustande gekommen.

Am Vierertisch saß ein etwa 65-jähriger Sachse in Begleitung seiner Frau. Zwei gleichaltrige Dazugestiegene fragten, ob da noch Platz sei, und wurden dafür von dem Rentner regelrecht angebellt: "In die Richtung befinden sich noch vier Wagen, die so gut wie leer sind! Gehen Sie doch dorthin!" Bedröppelt zogen die beiden weiter. Eine andere, in der Nähe sitzende Reisegruppe erzeugte durch angeregte Gespräche für erhöhten Lärmpegel, was der schlechtgelaunte Herr ununterbrochen kommentierte ("Hier ist ein Ruheabteil!" etc.). Als die Gruppe sich an ihrer Zielhaltestelle zum Aussteigen aufmachte, stöhnte er gut hörbar: "Na eeendlich!" Den Fahrkartenkontrolleur nahm er sogleich mit einem Verweis auf die Klimaanlage in Beschlag, und zwar simultan, während seine Frau eine Frage stellte. Kontrolleur: "Entschuldigung, ich kann nicht zwei Personen gleichzeitig zuhören." Querulant: "Frauen können das!" Kontrolleur: "Ich bin aber keine Frau." Als später ein anderer Schaffner ("Personalwechsel!") die Tickets zu sehen verlangte, musste der Griesgram auch dazu seinen Senf abgeben, nämlich mit einem genervten "Wie oft werden wir denn hier noch kontrolliert?". Der Schaffner erkannte, mit welcher Sorte Mensch er es zu tun hatte, und beharrte nun erst recht auf Vollzug des gesamten Kontrollprozederes: "Die Bahncard bitte." Der Querulant: "Sie sehen doch den Zangenabdruck, da müssen Sie doch nicht erst fragen!" Schaffner: "Doch, doch, wir spielen jetzt das ganze Spiel durch. Personalausweis bitte." Nun öffnete der Arsch sein Portemonnaie und zog sämtliche seiner Dokumente hervor: "Hier, bitte sehr! Wenn wir das ganze Spiel spielen, nehmen Sie ruhig alles!" Der Zugbegleiter, seelenruhig: "Nein, ich brauche nur Ihre Bahncard und Ihren Personalausweis. Danke, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." – "Ich Ihnen nicht!" – "Das glaube ich Ihnen."

Geschnodder ähnlichen Kalibers durchzog die restliche Fahrt. An irgendeinem Haltepunkt spießte der Ochse durch das Fenster hindurch eine Person auf dem Bahnsteig auf und brummte "Nimm ja deinen Müll mit, du Sack!" Zwischendurch mansplainte er seine arme Gemahlin ("Na, wofür ist Hanau bekannt?") oder widmete sich mit kritischem Blick über die Brille seinem Frühstück, was dankbare Pausen in diesem belastenden Zetermarathon darstellte. Irgendwann, es war circa 10 Uhr, verkündete er "So, jetzt gibt's ein Bier!" und öffnete feierlich eine Dose Billig-Gerstensaft. Das besänftigte ihn bis zur Endstation.

Sonntag, 26. Februar 2017

Pfennigfuchser auf Reisen

Ich bin gestern viereinhalb Stunden mit dem ICE in der 1. Klasse gefahren und habe dafür dank Bonuspunkte-Upgrade und BahnCard-25-Rabatt nur 21,75 € bezahlt. Dabei ging mir folgende Kalkulation durch den Kopf: Jemand, der gerne mehrere Tageszeitungen liest, legt die Strecke im Grunde kostenlos zurück! Für 1.-Klasse-Reisende liegen nämlich gratis aus: die Süddeutsche (3,40 € am Samstag), die Welt (2,70 € am Samstag) die Bild (0,80 €) und das Handelsblatt (3,40 €). Damit sind wir bei 10,30 Euro, die ein Pressefan womöglich ohnehin ausgegeben hätte. Aber das war's ja noch nicht! Jeder Gast bekam vom Zugbegleiter eine 10-Gramm-Tüte "Haribo Goldbären" und einen "Keks'n Cream Choco" (NEU!) von Leibniz geschenkt. Die Gummibärchen kann man mit 6 Cent veranschlagen, der Doppelkeks kostet circa 15 Cent. Man hätte übrigens auch mehrfach zugreifen können. Die Hälfte des Fahrpreises ist nun schon allein mit Lese- und sonstigem Futter abgedeckt. Weitere fünf Euro sind abzuziehen, weil das Ticket mit der "City"-Option zur Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im Start- und Zielort berechtigt (bei durchschnittlich 2,50 € für eine Einzelfahrt in einer deutschen Großstadt). So, und die restlichen sechs Euro vertrinkt man halt, öffnet einem das 1.-Klasse-Billett doch die Pforte zur zaubrischen "DB-Lounge", wo man sich an Kaffee und Kaltgetränken gütlich tun kann. Dass es seit einer Weile freies Wlan im ICE gibt, habe ich noch nicht mal berücksichtigt.

Dienstag, 3. Januar 2017

Abermals dreierlei Zugiges

1.) Im Großraumabteil schaut ein Mann die Pilotfolge von "Battlestar Galactica" auf seinem Notebook. Ich denke: 'Hihi, mal sehen, wie er sich verhält, wenn die Sexszene kommt.' Bald ist "es" soweit, und er reagiert wie zu erwarten: Er verkleinert das Videofenster, schiebt es gschamig in alle Ecken des Desktops, dippt es schließlich zur Hälfte in den Bereich außerhalb des Bildschirms. Doch bald erbarmt sich seine Sitznachbarin, die unangenehme, aber gewiss alltägliche Situation mit einem befreienden Lachen zu entspannen. Ein launiger Kurzdialog wird geführt, das Video läuft weiter, und der Zug fährt ruckelnd in einen Tunnel hinein (Koitus-Sinnbild).
Anm.: Von "Battlestar Galactica" kenne ich tatsächlich nur ebenjenen Pilotfilm, den ich zufällig im vergangenen Jahr gesehen habe. Man steinige mich, aber ich fand ihn so langweilig, dass ich den restlichen Episoden keine Chance geben mochte.

2.) Auf dem Fahrgastinfodisplay im ICE wird ja regelmäßig der folgende Satz eingeblendet (aus dem Kopf zitiert): "Wussten Sie, dass Sie mit dieser Fahrt aktiv die Umwelt schützen?" WIE??? Ich könnte mir kaum eine Situation vorstellen, in der ich passiver bin als beim Bahnfahren. Einzige aktive Handlung, die dem Sichrumkutschierenlassen vorausgegangen ist: die Online-Buchung, welche bekanntlich auch CO2 verbraucht. Ansonsten habe ich natürlich nichts dagegen, wenn man versucht, mir ein gutes Gewissen einzureden.

3.) Eine Zugbegleiterin sagt am Ende jeder Haltestellenankündigung: "Danke mit der Reise der Deutschen Bahn!" Die Formulierung muss ihr in Fleisch und Blut übergegangen sein, sie bemerkt den Lapsus gar nicht mehr, hat ihn womöglich nie bemerkt, und ihre Kollegen sind sich zu fein, sie darauf hinzuweisen, oder nehmen selber keinen Anstoß daran. 
(Ja, das war ein Beitrag über schlechtes Zug-Deutsch. Bitte vergebt mir, es ist früh im Jahr ...)

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Der Alterscode

Neulich im ICE, Fahrkartenkontrolle. Der Schaffner sieht sich mein Ticket an, sieht sich meine Bahncard an, sieht mich an und verlangt sodann meinen Personalausweis zu sehen. Ich gebe ihn ihm bzw. ihm ihn. "Kommen Sie mal bitte mit", flüstert der Zugbegleiter. Den anderen Fahrgästen einen Gesichtsausdruck zuwerfend, der sagt "Pff, was hat der denn für'n Problem?", folge ich dem Schaffner ins passagierlose Wagenende. Dort führt er dies aus: "Ich habe Sie jetzt mal weggeholt, denn das brauchen die anderen nicht zu hören. Sehen Sie die dreistellige Zahl rechts unten auf Ihrer Bahncard? Die letzten zwei Ziffern sind Ihr Alter. Da steht, dass Sie 58 Jahre alt sind. Laut Personalausweis sind Sie aber 35. Klären Sie das unbedingt mit dem Bahncard-Service!" Ich erkläre, dass ich in all meinen Jahren als Bahnkunde noch nie darauf angesprochen worden bin. Darauf er: "Es schauen halt nicht alle Kollegen so genau hin. Streng genommen könnte man ja auf den Verdacht des Betrugsversuchs kommen. Klären Sie das." Ich kehre in den Großraum zurück, den anderen Fahrgästen einen Gesichtsausdruck zuwerfend, der sagt "Haha, alles nur ein Missverständnis!"

Nachgedanke #1: Uff, wie lange ich das jetzt wohl vor mir herschieben werde ...
Nachgedanke #2: Hurra, ich sehe jünger aus als ein Achtundfünfzigjähriger!

Mittwoch, 13. Juli 2016

Post hoc ergo propter hoc

Ich räume ein, dass auch Kybersetzung-Fans nicht vor Erzählungen aus den Räumlichkeiten der Deutschen Bahn AG gefeit sind. Doch sind meine Berichte i.d.R. harmlose Keckheiten, sie verzichten auf billiges Anklagen und Augenrollen. Verspätungs-Storys und Co. gehören geächtet und haben hier nichts zu suchen! Jäh auflachen musste ich gestern, als mein pendelnder Kollege Moritz Hürtgen (Autor dieser Bahn-Anekdote) an halböffentlicher Stelle schrieb: "Hier im Abteil gucken sich die Leute wieder so ekelhaft an, lästern gemeinsam über die Bahn. Mich gucken sie auch an, wollen mich in ihr schmutziges Spiel hineinziehen. Ich möchte schreien: 'DAS MÖCHTE ICH SEHEN, WIE SIE ARSCHLOCH EIN DERART KOMPLEXES SCHIENENNETZ KOORDINIEREN!!!!'"

Noch weniger Groll als gegen die Bahn hege ich gegen die Deutsche Post. Die jährlichen Portoerhöhungen im Centbereich tu ich mit einer lässigen Winkgeste ab, und verloren gegangen ist noch keine einzige von mir abgeschickte Sendung. So trat ich denn gestern wieder mal zielstrebig an einen Schalter in meiner Stammpost heran, um einen Umschlag mit über eBay verkaufter Ware abzugeben, und sprach: "Ganz normal verschicken, bitte." Die Frau hinter dem Schalter fragte: "Kein Einschreiben?" Ich wiederholte: "Nein, ganz normal." Sie: "Ist aber sicherer ..." Ich: "Bis jetzt ist immer alles angekommen." Sie: "Na gut, müssen Sie wissen ..." Ich, amüsiert: "Haben Sie kein Vertrauen in den Service Ihres Arbeitgebers?" Sie: "Ich arbeite ja eigentlich für die Postbank." Das ist leider wahr. Die Brief- und Logistikdienste werden lediglich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in jener Postbank(!)filiale mitübernommen (früher standen dort Beamte!), wobei die Postbank seit 2015 nicht mal mehr zur "Deutsche Post DHL Group" gehört. Nun ja, ich sollte schon froh sein, meine Päckchen nicht in irgendeinen Supermarkt oder Waschsalon bringen zu müssen. Jedenfalls werde ich künftig vorbereitet sein auf Sätze wie: "Sind Sie sicher, dass Sie keine Zusatzversicherung möchten? Wäre doch zu schade, wenn Ihrer Sendung etwas zustoßen würde. Unfälle passieren ..."

Eins noch. Einmal bin ich im Auto eines Absolventen der Musikhochschule mitgefahren. Als wir uns über Musik unterhielten, fragte er mich, ob der Begriff Post Rock etwas mit der Post zu tun habe, "weil sich diese Musikrichtung wie die Post ausbreitet". Begegnungen wie diese waren mit dafür verantwortlich, dass ich der Mitfahrzentrale vor einigen Jahren den Rücken kehrte und heute lieber die ach so verpönte Bahn nutze.