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Mittwoch, 3. April 2024

Der österreich-liechtensteinische Gebietstausch

Fast unbemerkt von der (deutschen) Öffentlichkeit steht nicht mal ein Jahr nach der letzten innereuropäischen Grenzverschiebung die nächste Grenzkorrektur kurz bevor: Im künstlichen Egelsee nahe der Vorarlbeger Stadt Feldkirch soll die nicht mehr nachvollziehbare Linie zwischen Österreich und Liechtenstein begradigt werden. Bevor der entsprechende Staatsvertrag geschlossen werden kann, muss noch der Bundestag von Vorarlberg darüber beraten. Territorialen Verlust macht dabei keines der Länder: Die rund 250 Quadratmeter, die das eine verliert, bekommt es vom anderen wieder. Und umgekehrt. Es ist im Grunde ein Gebietstausch zu niemandes Lasten. Die Kleine Zeitung weiß mehr.

Donnerstag, 9. November 2023

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Sikkim

Das im Himalaya liegende Sikkim trat der indischen Union erst 1975 nach einer Volksabstimmung bei. Zuvor war es für eine kurze Weile ein assoziierter Staat mit konstitutioneller Monarchie, davor wiederum, seit 1642, eine Erbmonarchie, die zeitweise tibetisches, britisches und indisches Protektorat war. Das Königreich Sikkim hatte während seiner Geschichte nicht nur vier verschiedene Hauptstädte, darunter ab 1894 Gangtok, die heutige Hauptstadt des Bundesstaates, sondern auch eine eigene Flagge. Diese hatte ihre wohl wildeste Form von 1877 bis 1914 und 1962 bis 1967:


Tatsächlich war die überbordende Komplexität der Grund dafür, dass man 1967 auf ein leichter zu reproduzierendes Design umschwenkte:

Obwohl mir diese schlichte Version mit dem "Rad des Gesetzes" (Dharmachakra) auch gefällt, hätten sie mal lieber die obige behalten sollen, dann hätte das Königreich womöglich auch noch länger Bestand gehabt ... Ich wüsste zu gerne, was die Piktogramme im Einzelnen bedeuten. Gelegentlich ist zu lesen, es handele sich um sieben Glückssymbole, die mit dem Rad (khorlo) zusammen ein Ashtamangala bilden, jedoch vermag ich in den abstrakten Zeichnungen keines der klassischen Symbole einer der bei Wikipedia gelisteten Ausführungen erkennen. An der verspielten Ornamentik und den Farben kann ich mich dennoch erfreuen.

PS: Keine zwei Stunden nachdem ich diesen Beitrag abgefasst habe, schaue ich "Jeopardy!", und da wird zufällig gefragt, mit welchem Staat Indien 1967 eine militärische Auseinandersetzung an der Grenze seines Protektorats Sikkim hatte. Es war China.

Samstag, 26. August 2023

Wir begrüßen die neuen Schwellenländer!

Die BRICS-Gruppe hat beschlossen, zum Jahresbeginn 2024 sechs weitere Staaten aufzunehmen. Das ging diese Woche nach dem Gipfeltreffen in Johannesburg durch die Medien. Ich erinnere mich noch daran, wie das ursprüngliche "BRIC" zu "BRICS" wurde, als Südafrika dazukam, und dachte: 'Na, das ist doch eine geschickte Erweiterung des Akronyms.' Ab nächstem Jahr soll die Vereinigung allerdings "BRICS plus" heißen. Schade. Man hätte, finde ich, auch die (englischen) Anfangsbuchstaben der Neumitglieder inkorporieren sollen: A für Argentinien, E für Ägypten, E für Äthiopien, I für den Iran, S für Saudi-Arabien und U für die Vereinigten Arabischen Emirate. Aus diesen elf Buchstaben ließen sich etliche sprechbare Abkürzungen bilden. Ein von mir willkürlich gewählter Anagramm-Generator schlägt u.a. vor:

- BASIECRUISE
- ICE AIRBUSES
- BEAU CRISSIE
- ASCII-EREBUS*
- BICAUSERIES
- SIBERIACUES

und mein Favorit, am besten mit Komma und Ausrufezeichen:

- BECAUSE, IRIS!

* Wie sprecht ihr eigentlich "ASCII" aus? Ich so: "Aas-kii".

Montag, 22. Mai 2023

UNregierbar

Neulich stellte ich mir die Frage, ob es auf der Erde Territorien gibt, die keinem Land zugeordnet werden können, sondern vollständig den Vereinten Nationen unterstellt sind. Damit meine ich nicht Treuhandgebiete als Nachfolger von vormaligen Mandats- oder Schutzmachtzonen, sondern tatsächliche "UN-Staatsgebiete", in deren Grenzen sozusagen eine inter- oder supranationale Staatsbürgerschaft gilt.

Die Antwort auf diese Frage lautet tendenziell nein, wobei sich die Sache erwartungsgemäß komplizierter darstellt, zumindest mir, der ich leider kein Völkerrechtler bin. Natürlich sind mir die drei Staatsmerkmale (Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt) bekannt, aber mal ganz praktisch und trivial gefragt: Können die UN beispielsweise Pässe ausstellen? Jein. Tatsächlich geben die Vereinten Nationen eine Art Reisedokument aus, das United Nations laissez-passer (UNLP), allerdings ausschließlich an Angestellte der UN inkl. der IAO sowie von internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation, der Welthandelsorganisation oder der Weltbank. Das LP ist mithin ein diplomatischer Ausweis, den man zusätzlich zu seinem nationalen Reisepass führt. Soweit ich sehe, kann kein Mensch ausschließlich einen "UN-Pass" besitzen. Und das ist auch schon der springende Punkt.

Es existieren, Stand 2023, zwei Gebiete, die meiner in der Ausgangsfrage formulierten Vorstellung nahekommen und bei Wikipedia tatsächlich als "territories governed by the United Nations" geführt werden:
- die Golanhöhen, seit 1974 der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) unterstellt, und
- die Pufferzone auf Zypern, seit ebenfalls 1974 kontrolliert von der United Nations Peacekeeping Force in Cyprus (UNFICYP).
Diese Territorien nennt man nach den dort eingesetzten Kräften auf englisch auch UNDOF Zone on the Golan Heights resp. United Nations Buffer Zone in Cyprus (UNBZC).

Zwei traditionelle "Pulverfässer" also. In beiden Gebieten lebt auch Zivilbevölkerung. Diese hat jedoch nicht eine (alleinige) "UN-Staatsbürgerschaft", sondern setzt sich zusammen aus israelischen bzw. syrischen Staatsangehörigen hier und türkischen bzw. griechischen bzw. zyprischen Staatsangehörigen da. Die jeweilige prozentuale Verteilung konnte ich auf die Schnelle nicht recherchieren. Für die Pufferzone auf Zypern gibt die Webseite der UNFICYP eine Gesamtbevölkerung von 10.000 Menschen an, nicht mitgerechnet sind dabei die britischen Sovereign Base Areas; nicht dazu gehört auch die Geisterstadt Varosha. Beispielhaft für die wenigen vollständig im blauen Gürtel (der eigentlich Grüne Linie heißt) liegenden Ortschaften sei das Dorf Pyla/Pile genannt.

CC BY-SA 3.0

Wie verhält es sich nun mit den Angehörigen der Friedenstruppen? Wie schon erwähnt, sind das keine "reinen" UN-Bürger, sondern ein bunt gemischter Haufen. Die UN-Charta spricht im Abschnitt "Erklärung über Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung" (Kapitel XI) denn auch explizit von "Mitglieder[n] der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben" (Artikel 73). Um beim Fall Zypern zu bleiben: Die derzeitige Kommandeurin ist Generalmajor Ingrid Margrethe Gjerde, eine Norwegerin, und der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs ist der Kanadier Colin William Stewart. Um die vier Sektoren der Pufferzone kümmern sich Kontingente aus Argentinien (Sektor 1), Großbritannien (2) und der Slovakei (4), für den inzwischen in die Sektoren 2 und 4 aufgegangen Sektor 3 war Kanada zuständig. In der UNDOF-Zone stellt Nepal mit 435 Soldaten den Löwenanteil, daneben beteiligen sich mit Kontingenten von 1 bis 219 Mann (Daten von 10/2021): die Niederlande, Ghana, Tschechien, Bhutan, Irland, Fidschi, Uruguay und Indien.

Nicht auszuschließen ist, dass in den genannten Krisenherden auch Personen ohne Staatszugehörigkeit leben, aber Staatenlosigkeit ist noch mal ein ganz anderes Paar Schuhe, zu dem der Hohe Flüchtlingskommissar der VN ein lesenswertes FAQ herausgegeben hat.

Sonntag, 17. Juli 2022

EAZ

Quizfrage: Welches war das erste afrikanische Land, von dem die DDR offiziell anerkannt wurde? Nun, ich habe es in der Überschrift schon verraten: EAZ steht für "East Africa Zanzibar" und war das Kfz-Kennzeichen der kurzlebigen Volksrepublik Sansibar und Pemba. Die – nicht unblutigen – Umstände, die der Gründung des sozialistischen Staates Anfang 1964 vorausgingen, und wie das kleine Land keine vier Monate später in Tansania überging, können Interessierte selbst nachlesen, ich möchte die Gelegenheit aber primär nutzen, um einmal klarzustellen, was Sansibar im engeren und im weiteren Sinne überhaupt ist. Das wusste ich bis vor kurzem nämlich selbst noch nicht.

Der Sansibar-Archipel umfasst ziemlich viele Inseln. Sie waren früher als "Gewürzinseln" bekannt. Die drei größten gelten als Hauptinseln und sind: Pemba (die nördlichste); Unguja (südlich davon), die als Haupt-Hauptinsel ebenfalls Sansibar heißt und auf der die gleichnamige Hauptstadt liegt; und Mafia (die südlichste). Jede der drei großen Inseln ist wiederum von einer Reihe kleinerer Nebeninseln umgeben. Relativ abgeschieden, etwa auf der Höhe von Daressalam nördlich von Mafia, liegt noch Latham Island. Zusammen mit Pemba und Unguja bildet es den halbautonomen tansanischen Teilstaat Sansibar. Mafia hingegen zählt offiziell zu Tanganjika, also zum Festland Tansanias. Als sich Tanganjika 1964 mit der Volksrepublik Sansibar und Pemba zu dem neuen Staat vereinigte, wurde bewusst ein Name gewählt, der die Teilgebiete zum Ausdruck bringt: Tan- (von Tanganjika), -san- (von Sansibar) und -ia (von Azania).

Halten wir fest, dass "Sansibar" vier verschiedene Dinge meinen kann: eine Inselgruppe, eine Insel darin, eine Stadt darauf sowie einen Teilstaat der Republik Tansania. Zudem kann man das historische Sultanat Sansibar kurz so bezeichnen, welches, nebenbei bemerkt, in dem knappen Monat vor der Ausrufung der Volksrepublik eine Flagge führte, in der Gewürznelken zu sehen waren:


Ich hatte tatsächlich schon überlegt, ob ich diesen Beitrag in meine Reihe "Hübsche Flaggen untergegangener Staaten" integriere, aber die Flagge von Sansibar und Pemba war unspektakulär:


Das ist allerdings nur die zweite Version! Der kaum auffälligere Vorgänger, schwarz-gelb-blau, war bis zum 29. Januar 1964 in Gebrauch. Seit 2005 hat die Region Sansibar eine eigene Fahne, die alte Tricolore, mit der tansanischen Nationalflagge in der Ecke:


Der Vollständigkeit halber hier noch die in der Volksrepublik-Phase vorübergehend genutzte eigene Flagge von Pemba, die mich mit meiner leichten Rot-Grün-Farbschwäche ein wenig anstrengt:

Die übrigen Staaten in Afrika, welche die DDR anerkannt haben und sich damit gegen die Hallstein-Doktrin stellten, waren übrigens: Guinea, Algerien, der Sudan, Ägypten, die Republik Kongo (i.e. Kongo-Brazzaville, nicht das ehemalige Zaire), die Zentralafrikanische Republik und Somalia. In welcher Reihenfolge die Anerkennungen erfolgten, konnte ich auf die Schnelle nicht recherchieren.

Freitag, 17. Juni 2022

Kurz notiert: Der Frieden von Hans

Der jahrzehntelange Streit um die winzige, unbewohnte Insel Hans im Kennedy-Kanal hat ein Ende. Beigelegt wurde der dänisch-kanadische Konflikt, den die Medien wegen seiner kreativ ritualisierten Austragung gerne "Whisky-Krieg" nannten, mittels der unkreativsten aller möglichen Lösungen: indem man eine offizielle Grenze quer über das Eiland gezogen hat. Einen entsprechenden Einigungsvertrag unterzeichneten diese Woche Kanadas Außenministerin Mélanie Joly, Dänemarks Außenminister Jeppe Kofod und der grönländische Premierminister Múte B. Egede bei einer Zeremonie in Ottawa, an deren Ende noch einmal Spirituosen ausgetauscht wurden, wie u.a. die Süddeutsche Zeitung berichtete. Irgendwie ist es bedauerlich, dass dieses politisch-geographische Kuriosum nun der Vergangenheit angehört, andererseits sind territoriale Auseinandersetzungen nicht lustig. "Angesichts von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine betonte Joly die Bedeutung der friedlichen Einigung in einem Grenzstreit: 'Wir wissen, dass wir diplomatisch zusammenarbeiten können, um Streitigkeiten auf der Grundlage von Regeln und Prinzipien beizulegen.'" (SZ)

Eine nicht uninteressante Fußnote der Chose ist, dass Grönland mit der Teilung der Hans-Insel seine erste Landgrenze bekommen hat. Kanada hat dadurch (nach jener zu den USA) eine zweite erhalten, genau wie das Königreich Dänemark (nach jener zu Deutschland; nein, die Grenze zu Schweden auf der Öresundbrücke zählt nicht). Falsch ist die Behauptung von n-tv: "Die Europäische Union grenzt zukünftig an Kanada!" Grönland ist 1985 nach einem Referendum im Jahr 1982 aus der EG ausgetreten.

Samstag, 24. August 2019

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Königreich der Idrisiden


Marokko konnte in seiner Geschichte schon so manche ungewöhnliche Flagge vorweisen. Die älteste überlieferte Form (11.-13. Jh.) zeigte ein Schachbrett auf rotem Hintergrund; vom 17. bis zum 19. Jahrhundert war eine Schere auf der Flagge abgebildet; die Kriegsflagge von 1848 war blau und hatte einen Arm, der ein Schwert hält, auf der linken Seite; im 18. Jahrhundert reaktivierten einige Stämme den aus zwei übereinander gelegten Quadraten gebildeten Stern der Mariniden-Dynastie; unter den Alawiden ab dem 17. Jahrhundert wurde die rein rote Flagge geführt, die bis zur Ablösung durch die moderne Version mit dem Pentagramm anno 1915 die offizielle Flagge Marokkos war. (Heute gibt es keine einzige einfarbige Nationalflagge mehr; bis zum Fall Gaddafis hatte Libyen ein grünes Rechteck.)

Minimalistisch ging es auch auf dem Boden des heutigen Marokko zur Zeit der Idrisiden, also der von den muslimischen Prinzen Idris I. und II. begründeten Dynastie, zu. Ein weißes Seidenbanner wurde gehisst, in späterer Abwandlung durch die Almoraviden erweitert um den Spruch "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet." (Weil der Hintergrund dieses Blogs weiß ist, wurde die Farbe auf dieser eher untypischen geometrischen Figur ein wenig eingedunkelt.)

Freitag, 26. Juli 2019

Albernes zum Wochenschluss

Kohlrabi steht für Kenia

"Meister Anton Theodor Lamprecht ärgert manchmal minderjährige Nichtschwimmer, trägt schwere, ebenhölzerne Äste, singt gegebenenfalls garstige Gesänge, säuft lachend eimerweise Bier, grillt Tausende Buletten nebst Koteletts, züchtet gelegentlich Kohlrabi und kuckt sonntags (abends) Sport beziehungsweise Tatort, natürlich, bis seine Mutter mit Sorgfalt Labskaus serviert." 

Dieser Satz eignet sich hervorragend, um sich die Staaten Afrikas von Nordwesten nach Südosten (von links nach rechts, "reihenweise") zu merken. Die Anfangsbuchstaben darin entsprechen nämlich den Anfangsbuchstaben der Länder Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Mauretanien, Mali, Niger, Tschad, Sudan, Eritrea, Äthiopien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Zentralafrikanische Republik, Gabun, Kongo, Uganda, Kenia, Somalia, Angola, Sambia, Burundi, Tansania, Namibia, Botsuana, Simbabwe, Malawi, Mosambik, Südafrika, Lesotho und Swasiland. 

Ich habe jedoch nur die Binnenländer aufgenommen, die Zwergstaaten habe ich auch rausgekickt. Wer sich trotzdem noch Äquatorialguinea, São Tomé & Príncipe, Madagaskar und die Kapverdischen Inseln einprägen möchte, dem sei folgendes Dialogfragment als Eselsbrücke ans Herz gelegt:
"Mathilda, asoziale Totalversager lieben ärmliche Karohemden mit mausgrauen Nähten." 
"Tatsächlich, Swantje? Ein ästhetisches Subjekt gleicher Größenordnung gastiert seit langem erfolgreich bei Gertrude Tannenbaum."
"Barfuß, nackt, krumm, zerzaust, schmutzig, Äpfelwein gluckernd, krank und keimig! Sie atmet schwer."
"Billiger Tabak! Nichtsdestotrotz besucht sie manchmal Millionäre. Möchten Sie lieber sterben?"

Anm.: Diesen Schwachsinn habe ich im Jahre 2004 geschrieben, weswegen der erst später in Erscheinung getretene Staat Südsudan nicht auftaucht.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Palmyra and beyond

Nein, es geht jetzt nicht um die Stadt in Syrien. USS Palmyra hieß das Schiff von Captain Cornelius Sowle, mit dem dieser am 7. November 1802 auf einem zu jener Zeit zwar schon bekannten, aber noch unbenannten Riff strandete. Er hatte Schiffbruch erlitten inmitten eines aus circa 50 Inselchen bestehenden Archipels, welcher heute Palmyra-Atoll heißt, 1000 Meilen südwestlich von Hawaii im Pazifik liegt und einen hochinteressanten politischen Status innehat: Er stellt das einzige sogenannte "eingegliederte, unorganisierte Territorium" der USA dar. 

Zum Verständnis: Als Territorium bezeichnet man alles, was kein Bundesstaat war oder ist. (Die seltsamen administrativen Sonderzustände von Washington, D.C., und Guantanamo Bay seien in diesem Zusammenhang direkt außen vor gelassen.)
Man unterscheidet

1. eingegliederte, organisierte Territorien (incorporated organized territories): Gebiete, die irgendwann in Bundesstaaten übergegangen sind, d.h. ausschließlich historische Territorien werden so bezeichnet; die berühmten Nordwest- und Südwest-Territorien zählten dazu, die letzten beiden mit diesem Status waren bis zu ihrer state-Werdung 1959 Hawaii und Alaska.

2. uneingegliederte, organisierte Territorien (unincorporated organized territories): Puerto Rico, Guam, die Nördlichen Marianen, Amerikanisch-Samoa und die Amerikanischen Jungferninseln zählen nicht als Teil (i.S.v. Gliedstaat) der USA, werden aber von diesen kontrolliert. Der Souverän ist die US-Regierung, die Verfassung ist jedoch nicht umfänglich gültig. Dem Wortlaut nach gelten ausschließlich die Grundrechte ("fundamental rights apply as a matter of law, but other constitutional rights are not available"), was wohl gerade im Bereich des Wahlrechts einige Ungerechtigkeiten nach sich zieht (John Oliver hat letztes Jahr einen längeren Beitrag darüber gebracht). Die exakte Definition von "organisiert" wiederum leuchtet mir nicht so recht ein; "selbstverwaltet" (self-governing) trifft es wohl am ehesten. Um die Sache zu verkomplizieren, sei angemerkt, dass Puerto Rico nach der Entscheidung eines Bezirksgerichts 2008 als "eingegliedert" zu betrachten sei und ein Referendum im Jahr 2012 zugunsten einer Umwandlung in einen eigenen Bundesstaat ausfiel – dieses ignorierte der Kongress allerdings, weil um die 500.000 Stimmzettel leer geblieben waren. Der nächste Volksentscheid steht nun nächste Woche an; die Unabhängigkeit von den USA ist dabei eine weitere Option, aktuellen Umfragen zufolge stehen aber alle Zeichen darauf, dass der Star-spangled banner demnächst um einen Stern reicher wird. Amerikanisch-Samoa wiederum ist trotz Selbstverwaltung de iure immer noch "unorganisiert", weil der Kongress es bisher versäumt hat, einen sog. Organic Act zu verabschieden. Side note: Die Jungferninseln feiern dieses Jahr ihr 100. Jahr als US-Territorium, sie wurden am 31. März 1917 für 25 Mio. $ in Goldmünzen dem Königreich Dänemark abgekauft (Hauptbeweggrund dafür war übrigens die Angst, Deutschland könnte dort eine U-Boot-Basis errichten).

3. uneingegliederte, unorganisierte Territorien (unincorporated unorganized territories): Der Begriff der "Unorganisiertheit" scheint sich bei diesen zehn Territorien lediglich daraus zu ergeben, dass sie bis auf immer wieder vorübergehend hier stationiertes wissenschaftliches Personal gänzlich unbewohnt sind. Die im Pazifik, im Nordatlantik / in der Karibik verstreuten Gebiete werden bzw. wurden vom US-Innenministerium, vom Verteidigungsministerium, von der Navy und von der Air Force beansprucht und/oder verwaltet. Auf den Wake-Atoll erheben zusätzlich die Marshallinseln Ansprüche, auf die Insel Navassa zudem Haiti. Die Serranilla-Bank und die Bajo-Nuevo-Bank werden derzeit von Kolumbien verwaltet, aber auch Jamaika, Honduras und Nicaragua streiten immer wieder um diese Fleckchen Land. Etliche dieser Territorien wurden im Zuge des Guano Island Act von 1856 annektiert: US-Hoheit dank Vogelkacke ...

4. eingegliederte, unorganisierte Territorien (incorporated unorganized territories): müssten wie gesagt im Singular stehen, denn einzig Palmyra ist ein solches. Dazu kam es, weil das Atoll im Jahr 1900 mit dem Territorium von Hawaii miteingegliedert wurde (also den unter 1. dargestellten Status erhielt); als Hawaii 59 Jahre später der 50. Bundesstaat werden sollte, wurde Palmyra explizit davon abgetrennt – mit welcher Begründung, weiß ich nicht. Geographisch wird das Palmyra-Atoll den Line-Inseln oder auch Zentralpolynesischen Sporaden zugerechnet; die US-Territorien Jarvis Island und das Kingman-Riff zählen ebenfalls dazu, der Rest des "Linieninseln" gehört Kiribati. Witzige Randnotiz: Das Filippo Reef verortet die deutschsprachige Wikipedia ebenfalls hier, allein es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um ein Phantomriff, wenngleich es in einem Atlas von 2005 noch, nun ja, auftaucht (Buchtipp: Dirk Liesemer – "Lexikon der Phantominseln"). Zensus-technisch werden die unter 3. & 4. aufgeführten Territorien als United States Minor Outlying Islands zusammengefasst.

Die Hauptinsel von Palmyra ist Cooper Island. Hier befand sich während des Zweiten Weltkriegs erstmals eine größere Gruppe Menschen. "Zu dieser Zeit wurden neben der Landebahn zahlreiche Straßen gebaut, die inzwischen fast vollständig überwuchert sind. Doch noch heute sind Teile des Atolls wegen Relikten aus dieser Zeit gesperrt." (Wikipedia) Heute leisten hier rund 20 "non-occupants" Klima- und andere Forschung im Dienste verschiedener Behörden sowie der Nature Conservancy, in deren privatem Besitz der Archipel z.T. liegt. Auch der Rotfußtölpel, welcher den lateinischen Namen Sula trägt (bekannt aus diesem Blog!), nennt Palmyra sein Zuhause. Und dann gibt es da noch die Legende um einen spanischen Piratenschatz ...


Samstag, 20. Mai 2017

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Republik Venedig


Der ehrwürdige und 1100 Jahre lang stabile Stadtstaat der Dogen und des Rates der Zehn, die Lagunen- und Kanalmetropole, die Serenissima genannte See- und Kolonialmacht, in welcher der venezische Dialekt (den man nicht mit der venetischen Sprache verwechseln darf) Amtssprache war, gebot über eine angemessen stilvolle und mittelalterliche Schwere ausstrahlende Flagge.

Links sehen wir den durch einen Filmpreis und aus vielen Darstellungen bekannten geflügelten Markuslöwen mit einem aufgeschlagenen Buch, in dem zu lesen ist: Pax tibi, Marce, evangelista mens ("Friede [sei mit] dir, Markus, mein Evangelist"). (Der Markuslöwe ist nicht nur auf dem heutigen Wappen der Stadt Venedig zu sehen, sondern u.a. auch auf dem der baden-württembergischen Gemeinde Marxzell.) "Die Bedeutung bzw. Definition der anderen Elemente auf der Fahne sind noch weitgehend unbekannt", sagt Wikipedia, und auch die bei Google Books dazu verfügbaren Bücher schweigen sich aus. Naheliegend ist, dass die sechs Streifen zur Rechten die sechs historischen Stadtteile Venedigs, die sestieri, deren Vertreter in der Anfangszeit den Kleinen Rat bildeten, symbolisieren. Aber wofür stehen die Kugeln?

Im Jahr 2014 gab es eine inoffizielle und daher nicht bindende Onlinepetition über die Unabhängigkeit Venedigs. Sagenhafte 89,1% stimmten für einen souveränen Staat Veneto. (Das war nicht das erste Aufbäumen venetischer Nationalisten in der jüngeren Vergangenheit.) Wenig überraschend ist, dass bei diesem "Plebiscito.eu" auch die traditionelle Flagge der Republik Venedig in leicht aktualisierter Form (ohne Kugeln!) zu sehen war. Sollte sich diese Region wirklich einmal abspalten, stehen die Chancen gut, dass der Markuslöwe in der Alten und der Neuen Welt den Bekanntheitsgrad von anno dazumal wiedererlangt.

Dienstag, 24. März 2015

Sprechen Sie Seegurkisch?

Aus traurigem Anlass (Zyklon "Pam") hat es der kleine südpazifische Inselstaat Vanuatu neulich in die Nachrichten geschafft. Ich sah den Präsidenten im Fernsehen eine Presseerklärung auf Englisch abgeben und wollte wissen, ob Englisch dort Amtssprache ist. Ja, ist es, ebenso Französisch; beides sind allerdings Erstsprachen von einer nurmehr verschwindend geringen Sprecherzahl. Tatsächlich hat Vanuatu die höchste Sprachendichte der Welt: 108 Sprachen auf eine Viertelmillion Einwohner!

Sprache des täglichen Lebens ist die dritte Amtssprache, eine auf dem Englischen basierende Kreolsprache namens Bislama, welche laut Wikipedia von 210.000 Menschen gesprochen wird, wobei die Zweitsprecher schon eingerechnet sind; was die Muttersprachler angeht, so gibt Ethnologue 10.000 an (plus 2.300 in Neukaledonien) und die Seite Omniglot 6.200. Abgesehen von einigen ozeanischen Lehnwörtern (französische gibt es auch) versteht man den Inhalt von Bislama-Textsampeln ganz gut, v.a. wenn man eine englische Übersetzung danebenstellt: "Evri man mo woman i bon fri mo ikwol long respek mo ol raet. Oli gat risen mo tingting mo oli mas tritim wanwan long olgeta olsem ol brata mo sista." = "All human beings are born free and equal in dignity and rights. They are endowed with reason and conscience and should act towards one another in a spirit of brotherhood." (Beispiel aus "Omniglot" übernommen)

Kurios ist die Herkunft des Namens Bislama: Es handelt sich letztlich um eine Verballhornung des französischen bêche de mer, was "Seegurke" heißt. Bislama wurde im 19. Jahrhundert von den lokalen Arbeitern als Kontaktsprache entwickelt und genutzt – und eine von deren Hauptbeschäftigungen war das Einsammeln von ebenjenen Stachelhäutern.

Neben Seegurken sind auch Schweine von Bedeutung für die ni-Vanuatu (so heißen die Einwohner/-innen). Wer viele Schweine besitzt, gilt als reich. Sie dienen als Nahrung, Handelsgut und Opfertiere. Das Rot in der Flagge Vanuatus symbolisiert denn auch das Blut geopferter Schweinsviecher. Indigene Religionen sind jedoch von allerlei (reformierten) christlichen Glaubensrichtungen verdrängt worden. Eine kleine Rolle spielt noch die sogenannte Prinz-Philip-Bewegung, ein Kult, in welchem der britische Prinzgemahl als Gott verehrt wird! 
(Neuer Eintrag auf meiner To-do-Liste: Gottheit in einem Südseekult werden)


Mittwoch, 21. Mai 2014

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Republic of Maryland


Die Republic of Maryland ist ein Kapitel der überschaubaren US-amerikanischen Kolonisationsgeschichte und hieß auch "Maryland in Liberia", weil sie später Teil ebendieses, soweit ich sehe, einzigen echten afro-amerikanischen Staates (Liberia) wurde. Seine Geschichte beginnt 1834, als erste freigelassene (und frei geborene) afro-amerikanische Sklaven in ein vom US-Staat Maryland gekauftes Gebiet an der Westküste Afrikas rückgeführt werden. Dieses Gebiet lag im heutigen Liberia, welches selbst als eine Art "amerikanische Kolonie" gegründet wurde und seinerseits 1847 unabhängig wurde. Davon unabhängig erklärte sich wiederum die Republic of Maryland per Referendum 1853. Die Staatsgründung erfolgte am 29.5.1954; nur knapp drei Jahre später ging es dann schließlich in Liberia über und existiert seitdem als "Maryland County" mit der Hauptstadt Harper.

Die Flagge gefällt mir, weil sie einfach, aber elegant ausschaut. Schwarz-gelbe Streifen – auf welcher Flagge gibt es dieses Bienenmuster denn sonst noch? Dazu das weiße Kreuz auf dunkelblauem Grund: ein wirklich schöner Kontrast. Die Flagge des Countys Maryland ist auch nicht schlecht (der Leuchtturm!):


(Ich sehe gerade: Die Flaggen fast aller liberianischen Countys sind total ästhetisch, z.B. Rivercess.)

Samstag, 2. November 2013

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Loango

Loango, was ungefähr "königliche Macht des Panters" bedeutet, war ein Land, das erst relativ spät, nämlich 1561, erstmals urkundlich erwähnt wird. Es existierte als eigenständiges Königreich auf dem Gebiet der heutigen Republik Kongo vom 16. bis zum 19. Jahrhundert: Die Abspaltung vom Königreich Kongo erfolgte irgendwann "zwischen 1512 und 1570" (Wikipedia), sein Ende war 1883 erreicht, als Loango französisches Protektorat wurde. Dennoch scheint das "Royaume Loango" und seine Herrschaftslinie noch heute zu bestehen, zumindest hat das (jedoch in keiner offiziellen Liste als autonomer Staat aufgeführte) Land einen Internetauftritt, leider in französischer Sprache, die ich nicht gut beherrsche. Die Flagge jedenfalls war und ist die hier:


Hände sind als Flaggensymbole nicht sehr häufig. Auf der Flagge Abchasiens und auf der 1953 bis 1973 von Nordirland geführten "Red Hand Flag of Ulster" ist eine Hand zu sehen. Im Falle Loangos repräsentiert die Hand den König, und die sieben Sterne stehen sowohl für die sieben Provinzen als auch Augen, Ohren, Nasenlöcher und Mund des Königs – heißt es zumindest auf einer Seite ohne weitere Quellenangaben. Hm. 

Donnerstag, 23. Mai 2013

Beinahe 7 Fakten über Hymnen

Nicht ganz so interessant wie Nationalflaggen sind Nationalhymnen. Dies gesagt habend, präsentiere ich: 6 Fakten über Hymnen.
  1. Die Nationalhymne des Kaiserreichs Abessinien (heute: Äthiopien) hieß "Lasst uns fröhlich sein, Äthiopier" 
  2. Die mikronesische Hymne "Patriots of Micronesia" hat die Melodie des deutschen Studentenliedes "Ich hab mich ergeben" und einen daran angelehnten (englischsprachigen) Text
  3. Von 2000 bis 2010 hieß die Hymne der Niederländischen Antillen "Het Volkslied zonder titel" ("Die Hymne ohne Titel")
  4. Bei der Marseillaise kann's einem eiskalt den Rücken runterlaufen
  5. Bis 2011 hatte die autonome russische Republik Tuwa als Hymne ein Volkslied, dessen Titel übersetzt "Der Wald ist voller Pinienkerne" lautete
  6. "Oben am jungen Rhein" und "God Save the Queen" basieren ... ach, das weiß eh jeder!

Mittwoch, 22. Mai 2013

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Sitawaka

Das Königreich Sitawaka existierte von 1521 bis 1594 auf einem Gebiet im Südwesten des heutigen Sri Lankas. Es ging in einem historischen Ereignis mit dem schönen englischen Namen "The Spoiling of Vijayabahu" aus dem Königreich Kotte hervor und fiel mit dem Tod seines zweiten Herrschers, Rajasinha I., an die Portugiesen. 
Die Flagge von Sitawaka zeigte einen Elefanten auf weißem Grund. Leider konnte ich nicht herausfinden, was dieser (oder die ihn umgebenden Symbole) bedeuten, weswegen ich lediglich auf Wikipedia verweisen und das Bild für sich sprechen lassen möchte.

(Der Elefant scheint zu sagen: "Hey, wartet mal, Leute, ich glaube, ich hab' was gehört.")

Freitag, 26. April 2013

Hübsche Flaggen untergegangener Staaten: Ryukyu

Let's talk about vex, baby! "Vex" ist die soeben von mir geprägte Kurzform von vexillology. Ich hätte auch schreiben können "Let's talk about flags", denn Vexillologie ist die Flaggenkunde. Warum Flaggen? Weil es sehr hübsche davon gibt – und gab! Die Flagge des Königreichs Ryukyu (exakte Umschrift: Ryūkyū) ist die schönste Flagge, die ich jemals sah.


Das auf den Ryūkyū-Inseln südwestlich von Japan im Pazifik liegende Königreich existierte von 1429 bis 1879. Heute sind die ehemaligen Staatsgebiete Teil der japanischen Präfekturen Okinawa und Kagoshima. Herrscher des Reichs waren die zwei Shō-Dynastien, deren Emblem auf der Flagge zu sehen ist. Es handelt sich um ein sog. tomoe, ein Symbol aus "komma"-ähnlichen Formen, in diesem Fall derer drei (mitsudomoe). Es repräsentierte ursprünglich den Kriegs- und Bogenschützengott Hachiman, der u.a. von den Wōkòu-Piraten als Schutzgottheit verehrt wurde. "Möglicherweise durch Vermittlung der Wakō [= Wōkòu] wurden sowohl Hachiman als auch das Tomoe-Symbol im Inselreich Ryūkyū (heute Okinawa) bekannt und vom dortigen Königshaus übernommen." (Wikipedia) Was der darunterliegende Streifen symbolisiert, konnte ich leider nicht herausfinden. 

Dienstag, 7. August 2012

Wie die Staaten heißen

Weil gerade die Olympischen Spiele stattfinden, hört und liest man überall die Namen der teilnehmenden Länder. Und weil ich schon in der Vergangenheit einige Zeilen über Ländernamen verfasst habe, nutze ich die Gelegenheit, diese hier zu recyceln, hihi.

Zur stundenlangen Lektüre lädt die Online-Dokumentesammlung des Ständigen Ausschusses für geographische Namen (StAfGN) ein. Besonders lohnend: die Liste der Staatennamen und ihrer Ableitungen im Deutschen. Journalisten und andere Personen, die es etwas angeht, finden darin empfohlene Schreibungen sämtlicher Ländernamen, wobei für jeden Staat eine Vollform (z.B. "Bundesrepublik Deutschland") und eine Kurzform ("Deutschland") aufgeführt ist. 
Hier sind ein paar erstaunliche Fakten:
  • Bolivien heißt offiziell "Plurinationaler Staat Bolivien" 
  • die Schreibung "Botswana" ist nicht mehr zulässig; es heißt "Botsuana" 
  • ein Dominicaner ist ein Einwohner von Dominica (Vollform: "Commonwealth Domenica"), ein Dominikaner ein Einwohner der Dominikanischen Republik 
  • auch erst gelernt: Der Staat Guyana wird anders geschrieben als das "Guayana" in "Französisch-Guayana" 
  • die Schweizer schreiben das Adjektiv "kapverdisch" zusammen, alle anderen Deutschsprachigen auseinander ("kap-verdisch")
  • Libyen sollte in der Kurzform "Libysch-Arabische Dschamahirija", in der Vollform "Sozialistische Libysch-Arabische Volks-Dschamahirija" genannt werden; zu Recht hält sich niemand daran 
  • Einwohner der Marshallinseln heißen Marshaller 
  • weder in Österreich noch in Deutschland sollte man von "Russland" oder "Russen" sprechen, nur von der "Russischen Föderation" und von "Einwohnern" derselben 
  • die Vollform von Uruguay lautet "Republik Östlich des Uruguay" 
  • die Vollform von Venezuela lautet "Bolivarische Republik Venezuela"
Quiz: Wie heißt das Land, dessen Hauptstadt Bischkek ist? Kirgistan (FAZ), Kirgisistan (heute.de) oder Kirgisien (Spiegel)?
Die meisten scheinen zu erster Variante zu tendieren, aber welche ist richtig? Wer ganz sicher gehen will, verwendet den offiziellen Namen "Kirgisische Republik"; die deutsche – nicht eineindeutige und daher schlechte – Transkription wäre Kyrgysstan, die genaue Transliteration ist Kyrgyzstan. Hier ist die iranische Endung -stan "Land" deutlich zu erkennen (evtl. stand mal ein Vokal zwischen dem z und dem s?). Kyrgyzstan ist somit das "Land der Kyrgyz" (was Kyrgyz bedeutet, ist anscheinend nicht ganz klar). Ich spreche mich also entschieden für den Namen Kirgisistan aus, wie es im Übrigen auch der StAfGN tut.
Natürlich befasst sich auch die gute Wikipedia mit dem Problem des Namens von Kirgisdings. Demnach enthalten die verschiedenen Benennungen "jeweils unterschiedliche politische Untertöne". Kirgisien wurde in der Sowjetzeit verwendet. Heißt das, dass die Leute vom Spiegel die Unabhängigkeit der GUS-Staaten nicht anerkennen?

PS: Neulich las ich, dass Bischkek, die Hauptstadt Kirgisistans, früher Frunse hieß. Frunse - was für ein putziger Name! Klingt wie direkt aus einem Dieter-Hallervorden-Sketch entsprungen: "Palim-palim, ich hätte gerne eine Frunse." – "Eine was?" – "Eine Frunnnnse!" Frunse könnte auch ein Fachbegriff aus dem Stellmacherhandwerk sein (die Knäpel über die Frunse pleißeln), ebenso könnte man sich "alte Frunse" als besonders derbes Schimpfwort für eine Hure vorstellen. Der wahre Hintergrund ist ernüchternd: Frunse hieß ein russischer Feldherr, nach dem noch eine Reihe weiterer, überwiegend ukrainischer, Städte benannt ist.