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Donnerstag, 4. Mai 2023

Captain Ersatzersatz

In den vergangenen Jahren haben sich zwei Strategien zur Bezeichnung veganer Alternativen zu Fleisch und sonstigen tierischen Produkten durchgesetzt.
a) Verwendung vorangestellter Wörter, z.B. der Konjunktion wie: "Wie Leberkäse"; "Aufstrich nach Art einer Teewurst" o.ä.
b) Abwandlung des Wortes für das imitierte Produkt ("Molk"), am liebsten mit dem für "vegan/vegetarisch" stehenden Buchstaben V: "Visch", "Vleischsalat" etc.

Kombiniert man beide Methoden, wird es verwirrend:


"Räucherlaxx" ist für mich als modernen Konsumenten sofort einleuchtend, es handelt sich offensichtlich um Fisch-Ersatz. Das "wie" davor könnte mich nun aber glauben lassen, hier würde ein Fisch-Ersatz nachgeahmt. Handelt es sich mithin um echten Lachs? Aber halt!, danach steht ja auch noch "vegan". Was ist denn nun wieder "veganer Räucherlaxx"? Die vegane Variante eines nicht-veganen Lachsersatzes? Und ist etwas, das wie veganer Lachsersatz ist, am Ende ... echter Fisch? Nun ja, stellen wir uns nicht dümmer, als wir sind.

Mittwoch, 4. August 2021

Das wär' doch nicht schrötig gewesen!

Die schönste Leserbeschwerde an eine Tageszeitung, die ich in letzter Zeit gelesen habe, stand in der ohnehin kaum genug zu preisenden Süddeutsche-Rubrik "Sprachlabor" vom 24. Juli 2021. Ein Ehepaar monierte die Verwendung des Adjektivs "fünfschrötig" als Steigerung von vierschrötig für besonders sinistre Menschen. Das sei "eine unbeabsichtigte Ausdrucksminderung, da der Schrot desto feiner wird, je öfter er vermahlen wird". Zur Verstärkung hätte also "drei-", "zwei-" oder gar "einschrötig" geschrieben werden müssen. Das merke ich mir.
 

Mittwoch, 23. Juni 2021

Unbekannte Sprachobjekte

"Man lernt nie aus", die Parole meines Lebens! In einer Ausgabe des "Omnibus"-Podcasts hörte ich zum ersten Mal – und zwar gleich zweimal – einen Amerikaner das Wort UFO als echtes Akronym aussprechen: "jufo" statt "ju-ef-oh". Zur Erklärung: Im Englischen wird mit acronym generalisierend jede Form der Initialkürzung bezeichnet, während in der deutschsprachigen Linguistik ein Akronym eine (Anfangs-)Buchstaben- oder Silbenkürzung ist, die wie ein "richtiges" Wort ausgesprochen wird. Beispiel: NASA gilt als echtes Akronym, NSA als Buchstabenkurzwort. Das ist zumindest die Unterscheidung, an die ich mich mit H. Bußmann u.a. halte. Die Definitionen gehen allerdings sowohl im Englischen als auch im Deutschen wild durcheinander. Das Wort UFO nun (aus "unidentifiziertes Flugobjekt") wird im Deutschen grundsätzlich "Ufo" ausgesprochen, weshalb diese Schreibung, mit kleinem f und kleinem o, auch gestattet und verbreitet ist. Kein Mensch sagt "Uh-ef-oh". Englisch sprechende Menschen hingegen habe ich bisher immer nur "ju-ef-oh" sagen hören, weshalb ich dachte, allein die Buchstabenaussprache sei zulässig. Nach dem Hören der mir seltsam, ja verboten erscheinenden Variante des "Omnibus"-Co-Moderators konsultierte ich Merriam-Webster, und siehe!, beides ist möglich:


Samstag, 20. März 2021

Oy veh, SPD!

"Spiegel online" zitiert den neuen Vorsitzenden des SPD-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, Thomas Kutschaty: "So etwas Meschugges habe ich über mich noch nie gehört".

Hm, muss es nicht "Meschuggenes" heißen? So kenne ich die nicht-prädikative Form des jiddischen Adjektivs jedenfalls ... nun gut, zumindest aus amerikanischen Filmzeilen. Tatsächlich schreibt das Jewish English Lexicon: "In Yiddish, meshugene(r) – with the "ne(r)" ending – is used as an attributive adjective modifying a noun (e.g., a meshugene froy, 'a crazy woman'), whereas meshuge is a predicative adjective (zi iz meshuge, 'she is crazy'). This distinction is preserved for many speakers of Jewish English (e.g., 'He is absolutely meshuga!' vs. 'He is such a meshgene (guy)!')." Ob diese "Regel" auf "deutsches Jiddisch" anwendbar ist, kann ich nicht beurteilen. Ich habe zwar während meines Studiums an einem Jiddisch-Blockseminar teilgenommen, aber davon ist nichts hängen geblieben, und wenn ich jetzt meine Aufzeichnungen konsultiere, werde ich mich wieder stundenlang damit befassen; in diesen Kaninchenbau stürze ich mich nicht! Fragen wir das Netz. Für "meschugges" liefert Google unwesentlich mehr Belege als für "meschuggenes" (jeweils weniger als 1000 Treffer), aber womöglich könnte der Buchtitel "Das meschuggene Jahr" ein Argument für letztere Form sein.

Das Meschuggene, das Kutschaty im Spiegel-Interview meint, ist übrigens die Äußerung eines anderen Politikers: "Ein Parteifreund aus Ihrem Landesverband beschreibt Sie zum Beispiel als Krokodil: Ein Tier, das träge im Sumpf liegt, meistens nichts macht, doch wenn ein Gegner vorbeikommt, schnappt es zu."

Notiz an mich selbst: Ich muss mal wieder Meshuggah hören!

Mittwoch, 3. Februar 2021

Mein kindliches Gemüt

Pipi-Kacka-Humor ist normalerweise so gar nicht meins, aber wenn er unerwartet kommt, habe ich nichts dagegen.

Ich las Fachlektüre, es ging um griechische Bildungen auf -so-. Als in einer Aufzählung das Beispiel "órsos, Arsch" auftauchte, musste ich zum ersten Mal wiehern, zum zweiten Mal, als ein paar Zeilen darunter stand: "polychesos 'den Durchfall habend' neben chésai 'kacken'".
Ich schäme mich.

Montag, 31. August 2020

Mit Fug' und Recht

Schulerinnerung: Einmal kam unsere cholerische Deutschlehrerin Frau K. mit einem portablen Musikabspielgerät ins Klassenzimmer und stellte es ohne einleitende Worte erst ab und dann an. Es ertönte ein klassisches Musikstück, dem wir ehrfürchtig lauschten. Als es nach einer gefühlten Ewigkeit zu Ende war, wollte die Lehrerin wissen, was das war und warum sie es wohl gespielt habe. Natürlich war niemand von uns Klappskallis in der Lage, die Genialität des anspielungsreichen Unterrichtsauftakts zu erkennen oder wertzuschätzen, weshalb Frau K. sich gewohnt wütend zur Erklärung genötigt sah: "Menschenskinder, das war eine Fuge von Bach! Wir wollen heute über Fugen reden, weil wir die Todesfuge von Paul Celan behandeln."

Den Aufbau einer Fuge (im musikalischen Sinne) kann ich nicht mehr herunterbeten, aber dass ich mich nach über 20 Jahren überhaupt noch an die nämliche Stunde erinnere, spricht wohl für diesen damals eher verwirrenden didaktischen Kniff. Was ein Oxymoron ist, weiß ich immerhin noch, denn das wurde uns bei dieser Gelegenheit ebenfalls eingebläut.

Noch eindrucksvoller wäre es gewesen, wenn Frau K. nach dem Stundenklingeln wortlos ein paar Badkacheln vor uns ausgebreitet und diese mit "Molto Fliesenfix" verfugt hätte. Da es sich um den Deutschunterricht handelte, hätte es auch Sinn gemacht, mit dem grammatikalischen Randthema Fugenelemente einzusteigen. Ein Fugenelement ist z.B. das -s- in Rindswurst, aber auch das mittlere -e- in Schweinebraten und das -n- in Putenbrust. Es gibt zum Phänomen der Fuge überraschend viele Arbeiten, die der/die geneigte Leser/in bei Interesse selbst konsultieren möge.

Montag, 13. Juli 2020

MaMu

In den Durchsagen und auf den Infotafeln der Berliner Verkehrsbetriebe vernimmt man seit neuestem das Wort "Maskenmuffel". Gemeint sind Mitfahrende, die entgegen der Corona-Verordnung keine Mund-Nase-Bedeckung tragen und damit ein Bußgeld von 50 Euro riskieren. (Die entsprechende Strafandrohung fruchtet notabene überhaupt nichts: In einem einzigen U-Bahn-Waggon waren gestern mindestens 15 Unmaskierte unterwegs. Eine Ahndung dieses asozialen Verhaltens erfolgte laut Berliner Morgenpost seit Dienstag lediglich 15 Mal! In Frankfurt habe ich bislang noch niemanden ohne Mundschutz fahren sehen. Nun gut, dafür haben wir hier Opernplatz-Partys mit 2000 Leuten.)
Ich wollte wissen, wann und wo das Wort "Maskenmuffel" zum ersten Mal aufgetaucht ist. Es gibt ja bereits erste wissenschaftliche Aufsätze über die "Sprache der Pandemie" (zum Beispiel von Annette Klosa-Kückelhaus in Ausgabe 2/2020 des Sprachreports) und vermutlich eine Reihe laufender Studien und Forschungsprojekte. Bei "Maskenmuffel" erinnerte ich mich an das Wort "Gurtmuffel", das in linguistischen Einführungsveranstaltungen gerne als Beispiel für Bildungen mit sog. Halbaffixen herangezogen wird. Das Synonym für "Gurtverweigerer" hatte ich vorher gar nicht gekannt, obwohl es immerhin im Duden steht. Interessanterweise wurde neulich irgendwo, ich glaube, im Spiegel, Parallelen zwischen der Maskenpflicht und der allgemeinen Anschnallpflicht gezogen. Die Einführung der Gurtpflicht im Auto Anfang der 1970er Jahre muss bei gewissen Teilen der Bevölkerung für eine Empörung gesorgt haben, die mit jener der "Hygienedemo"-Fans von heute vergleichbar ist. Und so wurde das leicht verharmlosende/verniedlichende Affixoid "-muffel" produktiv.
Leider ist es nicht einfach, den Erstbeleg für "Maskenmuffel" in den Medien zu finden. Schränkt man die (News-)Suche bei Google zeitlich ein – lässt sich also etwa nur Meldungen von vor Februar 2020 anzeigen –, bekommt man trotzdem unzählige Ergebnisse aus der Covid-Krisenzeit angezeigt. Wenn nämlich rezente Nachrichten mit dem Wort "Maskenmuffel" im Titel unter alten Artikeln verlinkt werden (was automatisch geschieht), behält diese Seite weiterhin das alte, ursprüngliche Datum als Zeitstempel, obwohl auch (Teile) neue(rer) Inhalte darauf zu sehen sind.


Dennoch gibt es Anhaltspunkte dafür, dass "Maskenmuffel" in Bezug auf Mund-Nase-Bedeckungen eine taufrische Schöpfung ist. Der Ngram Viewer findet im deutschprachigen Corpus nullkommanull Belege, und die Google-Büchersuche stößt lediglich auf eine Stelle in Renate Matthaeis "Der kölsche Jeck" (2009), wo das Wort im Kontext von Karnevalsverkleidung verwendet wird.

Freitag, 21. Juni 2019

Ado und ade

1.
Ist der Titel des Shakespeare-Lustspiels "Much Ado About Nothing" mit "Viel Lärm um nichts" gut übersetzt? Ich finde nicht. Man muss dabei vielleicht anmerken, dass es bei August Wilhelm von Schlegel noch "Viel Lärmen um nichts" heißt, was mir aber auch nicht zu 100 % gelungen erscheint. Die Entsprechung von ado sollte eine sein, die auch in der Übersetzung der Wendung without further ado funktioniert. "Aufhebens" ist ganz nett und ähnlich antiquiert wie ado: "Viel Aufhebens um nichts"; "ohne weiteres/viel Aufheben(s)" – passt. Eine wörtliche Übersetzung wäre "Getue", was ich aber nicht so schön finde wie "Gehabe", wobei das nun wieder die Hauptbedeutung "Geziere", "gekünsteltes Benehmen" trägt. Im Sächsischen gibt es das Verb "mähren": Jemand, der sich mit einer Sache unnötig viel Zeit lässt, "mährt (sich nicht aus)". "Viel Gemähre um nüschd" könnte eine mundartliche Umsetzung des Stücks heißen.

2.
Auf koreanischen Speisekarten findet man oft die Kategorie "Ade". Es handelt sich dabei um das von lemonade abgetrennte Schein-Suffix -ade, welches als selbstständiges Lexem fruchthaltige Sprudelgetränke im Allgemeinen bezeichnet. Niedlich und clever!

Sonntag, 18. März 2018

Die drei Schriftzeichen und das verschwundene e

Zu den zahllosen Unzulänglichkeiten der alten Rechtschreibung gehörte die – rein ästhetisch motivierte – Regel, bei Aufeinanderfolgen von drei gleichen Konsonanten in Wortzusammensetzungen einen der Buchstaben zu streichen. Statt Brennnessel schrieb man also Brennessel, statt Schifffahrt Schiffahrt usw. Konsonantentripel waren nur dann erlaubt, wenn nach dem dritten ein weiterer Konsonant folgte, z.B. in Wetttrinken.

Wie verhielt es sich beim Zusammentreffen von drei gleichen Vokalen? Anders als man denken könnte, waren Schreibungen wie Teei oder Schneesser nicht korrekt; der Duden forderte die Kenntlichmachung aller Buchstaben nebst Setzung eines Bindestrichs: Tee-Ei, Schnee-Esser. Diese Formen sind auch heute die empfohlenen Schreibungen, auch wenn Seeelefant & Co. möglich sind. Eine spaßige Aufgabe wäre es, ein Wort mit drei -u- hintereinander zu finden. Substantive auf -ee gibt es, wie eben gesehen, einige, mit 3xo wären zumindest Komposita mit Zoo- denkbar (Zooonkel, Zooorganisation), mit -i- gibt es natürlich die Hawaiiinsel(n), und mit drei -a- kann man sich mit etwas Mühe und Wortspielfreude einen Aaangler vorstellen ("Aa. Substantiv, feminin - Name europäischer Flüsse und Bäche", Duden).

Ein ungeschriebenes, d.h. im amtlichen Rechtschreibwerk nicht vorgesehenes Gesetz ist mir neulich beim Biertrinken aufgefallen. Die Vokaltilgung ist zwar bei Zusammensetzungen verboten, nicht jedoch bei Wortbildungen mit dem Ableitungssuffix -er! Im Gegenteil, dort scheint das Elidieren eines -e- das einzig Zulässige zu sein. Das Bier vom Tegernsee heißt eben nicht "Tegernseeer", sondern "Tegernseer". Genauso verhält es sich beim "Chiemseer" (was allerdings gar nicht am Chiemsee, sondern in Rosenheim gebraut wird, weswegen vor einigen Jahren sogar eine Anpassung der Etiketten gerichtlich verordnet wurde). Auch das City-Magazin der Brandenburgischen Ortschaft Falkensee nennt sich Falkenseer Stadtjournal. Nota bene: Die vielen Googletreffer für "Tegernseeer" in nicht-offiziellen Dokumenten legen den Verdacht nahe, dass viele Deutschsprechende das Tripelvokalverbot intuitiv beherzigen. (Für "Chiemseeer" und "Falkenseeer" fällt die Zahl der Suchmaschinen-Ergebnisse interessanterweise überraschend niedrig aus.)

Beenden möchte ich diesen eher trockenen Beitrag, indem ich noch einmal auf das flüssige Gold zurückkomme. Ich trinke gerne mal ein Bayerisches Helles und dachte – Saupreiß, der ich quasi bin – bis vor kurzem noch: "Kennste eins, kennste alle". Zwischen den beiden "See"-Bieren herrscht allerdings ein gewaltiger Unterschied: Während ich das "Tegernseer Hell" als "süffig" zu preisen bereit bin, ist mir das "Chiemseer" dann doch zu untergärig. Das ist doch Wasser mit Biergeschmack! (Nicht böse gemeint.)

Dienstag, 27. Februar 2018

Word of the week

Gestern bin ich zum ersten Mal in meinem Leben dem englischen Wort busyness begegnet. Klar, dass ich zunächst stutzte, es gar für einen Tippfehler hielt. Wenn Adjektive, die auf -y enden, mit -ness substantiviert werden, wird das y in der Regel zu i: happy > happiness, lazy > laziness usw. Nach einer Weile leuchtete es mir ein: Die Bedeutung von business hat sich mittlerweile (parallel zu seiner Aussprache) so weit von "Geschäftigkeit, Betriebsamkeit" entfernt (vgl. das deutsche Lehnwort), dass man, um Verwechslung zu vermeiden, ausnahmsweise busyness schreibt, wenn man "the state of being busy" meint.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Lasst uns froh und Vermonter sein

In Michael Moores prophetischem Viraltext über den Wahlgewinn Donald Trumps habe ich zum ersten Mal das Wort Michigander gelesen. Dies ist (neben Michiganite) eine inoffizielle Bezeichnung der Einwohner des Staates Michigan. Das vom United States Government Publishing Office empfohlene Demonym ist Michiganian. Die Endung -ian ist tatsächlich die geläufigste bei Ableitungen von US-Bundesstaaten, wie ein Blick auf diese Wikipedia-Liste zeigt; sie kommt nicht nur bei Ortsnamen vor, die auf -n enden (Michigan > Michiganian, Oregon > Oregonian), sondern auch bei solchen auf -a (Alabama > Alabamian; inoffiziell aber auch Alabaman) und -y (Kentucky > Kentuckian). Staaten mit -i am Ende ergeben i.d.R. ebenfalls die Demonym-Endung -ian: Missouri > Missourian. Überraschend rar ist die Endung -er: Maine > Mainer, Maryland > Marylander, Connecticut > Connecticuter (aber inoffiziell Connecticotian und Connecticutensian), Vermont > Vermonter, New York > New Yorker, Rhode Island > Rhode Islander. Noch seltener ist die Endung -ite: New Hampshire > New Hampshirite, Wisconsin > Wisconsinite, Wyoming > Wyomingite, Massachusetts > Massachusite (inoff.), Michigan > Michiganite (inoff.; in diesem Staat geht's wahrlich drunter und drüber!), New Jersey > New Jerseyite. Dann gibt es noch Ableitungen auf -(a)n: Nebraska > Nebraskan, Colorado > Coloradan (aber: Idaho > Idahoan), Delaware > Delawarean, Tennessee > Tennessean, Utah > Utahn. The more you know...

Sonntag, 22. Mai 2016

Gib mir Tiernamen!

Das Chamäleon ist ein außergewöhnliches Tier. Es kann seine Farbe ändern, es hat riesige Glubschaugen und eine lange Zunge, die es mit hoher Geschwindigkeit ausrollt, um Beute zu fangen. Ins Deutsche übersetzt heißt Chamäleon indes "Erdlöwe". Das finde ich doof. Man sollte Tiere eigentlich nach ihrer auffallendsten Eigenschaft benennen. Warum Erdlöwe? Weil das Tier zur Erde hin kriecht und wie ein Löwe vier Beine hat? Das trifft auch auf Hunderte anderer Tiere zu! Das ist ja so, als hätte man den Säbelzahntiger "Fischfresser" genannt.
Oder nehmen wir das Schnabeltier: Das heißt auf Englisch platypus, also "Plattfuß"*. Das Krasse an dem Tier ist aber, dass es ein eierlegendes Säugetier ist. Diese Krassheit kann man vom Namen her nicht unbedingt ableiten. Der wissenschaftliche Name des Schnabeltiers lautet übrigens Ornithorhynchus anatinus, also "entenschnabelige Vogelnase". Der Tausendfüßler hat im Englischen nur 100 Füße** Im Englischen heißt der Igel "Heckenschwein" und der Pottwal "Spermawal".
Die deutschen Namen von Murmeltier, Vielfraß und Meerkatze haben wiederum ganz andere Ursprünge als man denkt.

PS: Dies wird nicht der letzte Beitrag über meine derzeitige Obsession sein, habe ich doch gerade begonnen, "Die Kunst der Benennung" von Michael Ohl zu lesen.

* Plattfuß hieß auch Bud Spencer in einigen Filmen. "Plattfuß am Nil" fällt mir zum Beispiel ein.

** Stimmt so nicht. Siehe Kommentar.

Montag, 6. Oktober 2014

Warum ich gerne Japanisch sprechenden Menschen zuhöre

Wichtiger Bestandteil der japanischen Sprache sind die so genannten Ideophone, in der englischsprachigen Literatur "mimetics" genannt: Lautspielereien, die meist als verdoppelte Silbenpaare auftauchen, was für fremde Ohren ganz ulkig klingt. Man unterscheidet dabei zwischen Giongo und Gitaigo.

Giongo ist Onomatopoesie im engeren Sinne, also v.a. Naturlaute wie kokekokkoo "Kikeriki!" oder zaazaa (Regengeräusch), aber auch kusyon "Hatschi!". Gitaigo ist die interessantere, aber auch schwerer zu fassende Gruppe. Sie umfasst Wörter, die innere Zustände widerspiegeln. Die Silbenfolge gakugaku etwa wird verwendet, um das Zittern der Beine zu verbalisieren, kankan drückt große Verärgerung aus. Zwei etwas bekanntere Beispiele: 1. Nico Nico Douga, das japanische YouTube-Äquivalent, enthält nikoniko "lächeln", 2. Doki Doki Panic, die Vorlage für das zweite Super-Mario-Bros.-Spiel, enthält dokidoki, was für heftiges Herzklopfen steht.

Eine kurze Einführung in die Materie gibt der Aufsatz "Sounds of the Heart and Mind. Mimetics of Emotional States in Japanese" von Debra J. Occhi in Languages of Sentiment: Cultural Constructions of Emotional Substrates (Hrsg. v. Gary B. Palmer & Debra J. Occhi), Amsterdam/Philadelphia 1999 (bei GoogleBooks verfügbar). Darin erfährt man auch, dass japanische Schulkinder Giongo in Katakana lernen und Gitaigo in Hiragana, sowie dass es auch eine alternative Einteilung der mimetics in drei Kategorien gibt. Eine zitierte Wissenschaftlerin meint: "giongo/gitaigo are the hardest parts of the Japanese language for non-native speakers to grasp", und "they cannot be explanied satisfactorily to non-native speakers by native speakers" (S. 157). Schön isses allemal. (Offenlegung: Ich kann kein Japanisch.)

Mittwoch, 7. Mai 2014

Alter Falter

Neulich grübelte es so vor mich hin in meinem Hirnkastl und es manifestierte sich der folgende Gedanke. Von deutschen Verben kann man mithilfe der Endung -er Substantive bilden, die bedeuten "jemand, der Verb x macht". Beispiel: sprechen --> Sprecher. Solche Ableitungen heißen Nomen agentis. Nun fragte ich mich: Warum existieren Nomina agentis mit Umlaut neben solchen ohne Umlaut (sofern Umlautung möglich ist)? Also: Warum wird z.B. a manchmal zu ä umgelautet und manchmal nicht? Warum gibt es Jäger, Schläger, Schläfer, Räuber und Säufer, aber Raser, Raucher, Taucher, Walter und Frager? Meine erste Vermutung: Es hängt von dem Konsonanten ab, der dem umlautbaren Basisvokal folgt. Aber schon nach kurzem Vergleich wurde klar: Eine Regel lässt sich nicht erkennen. Aus backen wird Bäcker, aber aus packen wird Packer. Auch gibt es sowohl den Kläger wie auch den Frager.

Ich konsultierte die "Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache" von Fleischer/Barz – ein germanistisches Standardwerk, von dem ich eine eindeutige Antwort erwartete. Was lese ich dort auf Seite 201 der 4. Auflage? "Das Suffix wird aus lat. -ārius hergeleitet [...], woraus sich der Umlaut der Derivationsbasis erklärt." ("Derivationsbasis" = das zugrunde liegende Verb) "Der Umlaut ist jedoch schon in alter Zeit – in Abhängigkeit von umlauthemmenden Folgekonsonanten und in regionaler Differenzierung – nicht konsequent eingetreten und durch spätere umlautlose Neubildungen sind die Verhältnisse weiter kompliziert worden. Verallgemeinerbare Umlautregeln lassen sich heute daher nicht aufstellen." Das hat mich als Verfechter der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze natürlich getroffen wie ein Schlag in die Magengrube. Aber nehmen wir mal drei Punkte aus dem Zitat unter die Lupe. 

1. Mit meiner Annahme der Abhängigkeit des umzulautenden Vokals vom folgenden Laut lag ich nicht falsch: Es gibt tatsächlich "umlauthemmende Folgekonsonanten", zu denen -ch- (/x/) zu gehören scheint. Rauchen, tauchen, machen usw. ergeben allesamt Nomina agentis ohne Umlaut: Raucher, Taucher, Macher. Aber was bewirkt z.B. ein -f-, das ja derselben Artikulationsart angehört? Da geht's wieder wild durcheinander: Raufer vs. Käufer, Strafer vs. Schläfer (nun gut, Raufer und Strafer sind nicht sehr geläufige Wörter. Hmmmm ...). Band 43 ("Das Adjektiv") der IDS-Reihe "Sprache der Gegenwart" erklärt, wenn auch in anderem Zusammenhang: "Auch die Konsonantenverbindungen l + Konsonant, r + Konsonant, n + Konsonant erschweren den Umlaut des vorangehenden Basisvokals weitgehend", wogegen allerdings die Bildung Mörder spricht. Seufz.
2. "regionale Differenzierung": Umlautbezogene Schwankungen kennt man vor allem aus dem süddeutschen Raum, man denke an "er frägt" oder "er schlagt". Fleischer/Barz liefern auch Belege aus der Literatur: "Rauber (Gryphius), Abläder (Goethe), Täucher (J. Paul)". Das verkompliziert die Sache in der Tat.
3. "spätere umlautlose Neubildungen": Ich kann es auf die Schnelle nicht beweisen, aber ich habe das Gefühl, dass neuere Bildungen eher auf Umlaute verzichten. Ist der Beruf des Packers (oder wenigstens dessen Benennung) jünger als der des Bäckers? Das Grimmsche Wörterbuch kennt beide. 

Frisch ans Werk, junge Forscherinnen und Forscher: Schließt diese sprachwissenschaftliche Lücke! Findet "verallgemeinerbare Umlautregeln"! Entdeckt Muster! Lest! Schreibt! Helft!

UPDATE: Kurz vor dem Posten dieses Eintrags bin ich bei Google Books auf die Monographie "Abgeleitete Personenbezeichnungen im Deutschen und Englischen: kontrastive Wortbildungsanalysen im Rahmen des Minimalistischen Programms und unter Berücksichtigung sprachhistorischer Aspekte" von Heike Baeskow gestoßen. Darin scheint das Rätsel gelöst zu werden; es geht u.a. um mysteriöse "freischwebende Merkmale [- hint]", um Positionen und Akzente. Leider fehlen in der Google-Ansicht zwei entscheidende Seiten, und da ich mir nicht extra das Printexemplar für 180 € kaufen möchte, werde ich mir das Packer-Bäcker-Phänomen wohl nie gänzlich erschließen können.

Sonntag, 16. Februar 2014

Die neuen Pornos sind da!

Vor kurzem tauchte in diesem Blog die Bezeichnung "Book porn" auf: ein Schlagwort, das sich auf die Abbildung von Bücherbergen, Bibliotheken und Lexikonmeterware zur Ergötzung bibliophiler Tumblr-Nutzer bezog. Das Wort "porn" ist auf dem besten Weg, ein reihenbildendes Halbsuffix zu werden. Das erste nichtpornographische mit "porn" bezeichnete Filmgenre war "Torture porn", dessen erster Vertreter, glaube ich, der dämliche Metzelfilm Hostel war. Von "Landschaftspornographie" war dann im Zusammenhang mit The Tree of Life die Rede. 
Neue "porns" beziehen sich heute nicht ausschließlich auf Bewegtbilder. "Food porn", also hochauflösende, exzessiv-instagegrammte Close-up-Fotos, hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Das Umsichgreifen dieser neuen Pornographien liegt vermutlich begründet zum einen in der Verbreitung/Verfügbarkeit der technischen Mittel, zum anderen darin, dass heutzutage alles zum Fetisch erhoben werden kann. Kurzum: Dem Kapitalismus haben wir es zu verdanken, dass es wahrscheinlich bald bzw. bereits folgende Arten von "~ porn" gibt.
  • Uhrenpornographie. Machen Wochenmagazine ja schon ewig! Diese quälend langen, kaum erkennbar als Werbung gekennzeichneten Uhrenstrecken im Zeit-Magazin zum Beispiel. Dahinter stecken kommerzielle Interessen; ich könnte mir aber vorstellen, dass ein Blog mit Fotos teurer Armbanduhren seine Fans finden würde.
  • Architecture porn. Bauwerke, exploitativ in Szene gesetzt. Außenaufnahmen, Innenaufnahmen. Detailaufnahmen von Fensterrahmen, Schweißnähten, Ziegelsteinen. Geil!
  • Font porn. Der Schönheit von Schriften kann auch ich etwas abgewinnen. Riesenhaft vergrößerte Darstellungen von Buchstaben? Ich säh's mir an! (Sidenote: Das Buch "Just my Type" von Simon Garfield sei hiermit empfohlen. Darin geht es u.a. um die Geschichte der Comic-Sans-Verachtung und die eigentlich harmlosen Hintergründe der Entstehung dieser Schriftart. Auch erfährt man, dass der berühmte Typograph Eric Gill praktizierender Advokat nicht gesellschaftsfähiger Paraphilien war; daran sollte man denken, wenn man das nächste Mal seiner Mutter einen Brief in Perpetua schreibt.)
  • Tech porn. So möchte ich Dokumentationen über die Herstellung technischer Geräte bezeichnen. Nahaufnahmen von Platinen, filigranes Werkeln im Halbleiter-Labor (das alte Reinraum-Spiel), Fließbandarbeit im Akkord, das ganze angereichert mit Tabellen, Zahlen, Fakten, Daten. 
Wie gesagt, ich beanspruche nicht, diese "Kunst"-Formen und/oder ihre Bezeichnungen erfunden zu haben. Ich möchte jedoch nicht danach googeln – wer weiß, was man dabei alles findet!

Mittwoch, 17. Juli 2013

Fastfood und Verbrechen

Lustiges Fundstück:


Man sieht: Die Beziehung zwischen Grund- und Bestimmungswort in Determinativkomposita ist nicht nur im Deutschen manchmal vertrackt. Da aber besonders. Erinnern wir uns an das mediale Unwort "Döner-Morde": Morde, die von Dönern begangen wurden, könnten damit genauso gemeint sein wie Morde, bei denen Döner als Tatwaffe eingesetzt wurden. Gemeint war natürlich was ganz Anderes. Kennt man eigentlich den Erfinder dieses Schlagwortes? Und kann man dem vielleicht mal mit einem Sandwich eins auf die Rübe geben?

Vor ein paar Monaten warben die Grünen übrigens mit ähnlich mehrdeutigen Plakaten für eine Diskussionsrunde in meiner Stadt. "NSU-Versagen" stand groß darauf. Auch wenn die intendierte Bedeutung hier schon eher klar ist (= Behördenversagen im NSU-Fall), könnte man das Wort auch als "Versagen des NSU" verstehen. 

Die wahre Bedeutung des "Cheeseburger stabbing" ist leider die unlustigste der aufgeführten Möglichkeiten: "A Central Toledo teenager [...] was upset with his mother for not bringing him home a cheeseburger, along with the fast food she brought home for herself. The teen attacked his mother, stabbing her in the right arm with a large butcher knife. In the altercation, Vergie stabbed her son in the hand with another knife, according to authorities."


Mittwoch, 30. Januar 2013

-bar jeder Vernunft?

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung war vor kurzem diese Notiz zu lesen:


Die "gründliche Erörterung" des Lesers B. hätte ich nur zu gerne gelesen! Auf jeden Fall möchte ich ihm zustimmen. 
Meiner Meinung nach ist auch das Wort unleugbar streng genommen inkorrekt. Auch wenn 79.600 Googletreffern für unleugbar nur 761 für unleugenbar gegenüberstehen, halte ich letztere für die "richtigere" Form. Schauen wir uns das Verb öffnen an: Es bildet ebenfalls ein Adjektiv auf -bar, und das lautet auch wenn es seltsam klingt öffenbar ("ein öffenbares Fenster" und nicht "ein öffbares Fenster").  
Verben, die auf -nen enden, sind verhältnismäßig selten. Ihre -bar-Ableitungen werden aber alle, soweit möglich, nach dem gleichen Muster gebildet: berechnen → berechenbar, zeichnen → zeichenbar, vervollkommnen → vervollkommenbar (immerhin 19 Treffer bei Google). Aus der Endung -nen (wenn man vom Infinitiv ausgeht) wird also -en, und nicht nichts (-Ø). 
"Aber im Duden steht auch nur 'unleugbar'. Soll ich jetzt dort anrufen und 'Stoppt die Maschinen!' rufen?" Aber nein. Ich bin ja eigentlich ein Anhänger des Deskriptivismus. Wenn man genügend Belege für "einordbar" findet, ja mei, dann isses halt grammatisch. Man vergleiche auch die Dissertation Idiomatische Sätze im Deutschen von Rita Finkbeiner (Stockholm 2008). Dort stößt man auf folgende Bemerkung: "Grundsätzlich sind bei Verben auf -nen zwei verschiedene -bar-Derivationen möglich, wie es das Verb einordnen illustriert: einordbar/einordenbar. Die präferierte Möglichkeit – nach Stichproben in Google – scheint die zweite zu sein, vgl. *berechbar/berechenbar, *trockbar/trockenbar, *einebbar/??einebenbar. Deshalb erscheint öffbar bislang noch ungewöhnlich, ist aber möglicherweise bereits auf dem Weg der Konventionalisierung. In Google finden sich z.B. folgende Belege: exe.dateien nicht öffbar; USB-Stick nicht öffbar; Flash nicht öffbar; Schlafsäcke, die bis ans Fußende öffbar sind; drei Kettenschlösser, wovon zwei nicht öffbar sind." [S. 221, Fn. 223]

Freitag, 19. Oktober 2012

Seltsame englische Plurale

Wie im Deutschen, so werden auch im Englischen die Mehrzahl-Endungen üblicherweise an das Ende eines Wortes gehängt (daher auch "Endungen"). Ich schreibe "üblicherweise", weil es eine Ausnahme gibt, bei der der Plural-Marker -s in die Mitte des (zusammengesetzten) Wortes gefügt wird.

passer-by "Passant" --> passers-by "Passanten"

Verrückt, verrückt. Noch verrückter: Gestern stieß ich beim Lesen der Geschichte "Old Bugs" von H.P. Lovecraft (ein sehr früher und Lovecraft-untypischer Text) auf ein zweites Beispiel: hangers-on, als Plural von hanger-on ("one that hangs around a person, place, or institution especially for personal gain", Merriam-Webster).

Dazu habe ich ein paar Fragen:
1) Gibt es möglicherweise noch weitere Beispiele für diese ungewöhnliche Pluralbildung?
2) Warum existieren überhaupt Substantive des Musters "Nomen agentis + Präposition"? Warum sind die genannten Wörter nicht analog zu bystander gebildet, also bypasser oder onhanger? Und gibt es auch hierfür noch weitere Beispiele?
Ich warte auf Ihre Antworten ...

Dienstag, 2. Oktober 2012

Klassiker des Wissens: 21ff.

Es gibt eine Organisation namens Verein zwanzigeins, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das deutsche Zahlwortbildungssystem nach dem Vorbild des Englischen und anderer Sprachen umzugestalten. Man solle z.B. statt "einundzwanzig" fürderhin "zwanzigeins" sagen (: engl. twenty-one, norw. tjueen). Angeblich behindere das aktuelle System nicht nur Kinder und Deutschlernende, es entstehe zudem durch Verständigungsprobleme ein nicht unerheblicher volkswirtschaftlicher Schaden. 
In der Tat gibt es Situationen, wo unser System krankt, etwa wenn jemand eine Telefonnummer ansagt: "Drei ... undvierzig, fünf ... zehn ..." – "Wie jetzt? 15 oder 5 und 10?" 
Wie man sieht, müsste man bereits ab der 13 "umstellen". Ich frage mich aber, wie die neue Methode bei sehr hohen Zahlen funktionieren soll. Dreihundertzwanzigviertausendneunhundertsechzigzwei? Okay, klingt plausibel. 

Man stelle sich jedoch folgendes Verkaufsgespräch vor: 

- "Ich hätte gerne zwanzigsechs Hefte."
- "Was? Zwanzig Sex-Hefte?"
- "Ja. Ich bin Lehrerin und brauche die für meine Klasse."

Oder wenn einer der Gesprächspartner noch die alte Methode benutzt (zugegeben, jetzt wird's ein wenig absurd): 

- "Bitte geben Sie mir vierzig Zweige." 
- "Ge? Was für Ge?" 
- "Vierzig Zweige." 
- "Vierzigzwei was? Was sind Ge?" 

Hier wurde wieder einmal nicht zu Ende gedacht.

Samstag, 21. Januar 2012

Rumliegendes

Vor einiger Zeit erinnerte ich mich aus heiterem Himmel an ein Wort aus dem Geographieunterricht, das ich schon damals, als ich es kennen lernte, überaus amüsant fand:

Rotliegendes

Ich schlug den Begriff bei Wikipedia nach (er bezeichnet eine Gesteinseinheit) und las dort, dass die Form Rotliegendes "fachlich nicht empfohlen" wird, "da sie als internationale Bezeichnung in nicht deutschsprachigen Ländern schwerer anwendbar ist". Stattdessen solle die nicht-deklinierbare Form Rotliegend verwendet werden. Das ist der Hammer! Denn dieses Wort wäre das einzige Beispiel einer echten sog. Nullableitung eines Partizips I!

Zur Erklärung: Eine Nullableitung liegt vor, wenn ein Wort von einer Wortart in eine andere Wortart übergeht, ohne dass sich die Form des Wortes verändert. Das passiert zum Beispiel, wenn man aus dem Infinitiv eines Verbs ein Substantiv macht: rennen --> das Rennen. Man nennt diesen Vorgang auch Konversion, wobei Konversion oft weiter gefasst wird und von vielen Linguisten auch Beispiele wie schlecht --> der/die/das Schlechte dazu gezählt werden. Demnach würde auch das Wort Rotliegendes <-- Partizip I rotliegend in diese Wortbildungskategorie fallen. Allerdings haben wir bei Rotliegendes bereits zwei Buchstaben mehr, nämlich die Nominativ-Singular-Endung -es.

Rotliegend aber ist eine Konversion im strengsten Sinne und als Derivation eines Partizips I einzigartig. Oder kennt ein Leser / eine Leserin ein weiteres Beispiel, möglicherweise ebenfalls aus einer Fachsprache? Dann her damit!

PS: Rotliegend heißt auf Englisch ebenfalls rotliegend. Andere geologische Fachwörter deutschen Ursprungs wurden leicht angepasst. Aus Gneis wurde gneiss, aus Quarz wurde quartz und aus Feldspat lustigerweise feldspar.