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Mittwoch, 5. August 2026

Einblick in die Textwerkstatt

Im Rahmen meiner redaktionellen Arbeit richte ich einen externen Beitrag ein, der folgenden Satzteil enthält:

mit einer Wärme und Klugheit, die zu Herzen gehen

Daran ist nichts zu beanstanden. Oder doch? Muss oder wenigstens kann es an dieser Stelle nicht ausnahmsweise "die zu Herzen geht" heißen? Weil nur vor "Wärme" ein unbestimmter Artikel steht, so dass "eine Wärme und Klugheit" zu einer Einheit verschmelzen, ähnlich einem Hendiadyoin?

Ich blättere eine ganze Weile in der Duden-Grammatik (6. Aufl.), bis ich im Abschnitt "Der Satz" unter 2.9 "Grammatische Kongruenz" einen auf meinen Zweifelsfall anwendbaren Ratschlag finde:

1294(b)
Stehen die Subjektteile im Singular, so kommt (seltener) beim Finitum auch der Singular vor, vor allem bei Abstrakta in Subjektposition:
Der Hass, die Gewalttätigkeit nützte nichts mehr (Weiss). Die Korruption und die Verkennung der Lage fraß nach unten weiter (Tucholsky) ... da sich in ihrem Haushalt noch ihr 14-jähriger Sohn und ihre 10-jährige Tochter befinden (seltener: befindet).

Hilfreich ist auch der darauffolgende Paragraph:

Eine besonders starke Tendenz (gegen die in 1294 formulierte Grundregel), das Finitum in den Singular zu setzen, besteht in folgenden Fällen:
1. Das Finitum wird auf einen singularischen Subjektteil bezogen, der den anderen Subjektteil inhaltlich einschließt:
Er und alle Welt redet darüber schon seit Wochen. Die Mitschüler und jedermann gab zu ... (Hesse).
[...]
2. Bei formelhaften Subjekten, die oft aus Teilen ohne Artikel u. A. bestehen, steht das Finitum im Singular, wenn das Subjekt als Einheit aufgefasst wird. Der Plural ist zu setzen, wenn die Vorstellung einer Mehrheit ausgedrückt werden soll:
Singular: Grund und Boden darf nicht zum Objekt wilder Spekulationen werden. Groß und Klein (= jedermann) davon. Zeit und Geld fehlt uns. Krankheit und Müdigkeit macht auch Bauern fein (Kafka). Positives und Negatives ist zu beachten. [...] Plural: ... die verdrehten Vorstellungen, die Freund und Feind sich von diesem Lande machen (Koeppen). Unaufhaltsam wachsen ... Missmut und Unbehagen (Der Spiegel).
3. Wird in Sätzen mit zwei gleich lautenden Subjektteilen eines erspart [...], so besteht vor allem bei Abstrakta die Möglichkeit, die zusammengerückten Subjektteile als Einheit aufzufassen und das Finitum in den Singular zu setzen:
Die technische [Begabung) und künstlerische Begabung des Jungen ist (neben: sind) hervorragend.
[...]
Dies gilt auch dann,
[...]
- wenn die Zusammengehörigkeit verschiedener Subjektteile durch einen gemeinsamen Gliedteil betont wird: Alle Zerstörungswut und Herrschsucht in uns durfte sich entfalten (Weiss) ... oft geriet ihr Aussehen und Name schon in Vergessenheit (Kafka). Wir hoffen, dass Ihnen viel Freude, Glück und Gesundheit beschieden sei (neben: seien).

Das passt ja wohl wie Arsch auf Eimer! Kurzum: Ich ändere "gehen" zu "geht". Wenn das jemand in der finalen Korrekturmappe anstreichen sollte, bin ich argumentativ gerüstet.

Freitag, 24. April 2026

Mein Konjunktiv des Tages

... hat glatt das Zeug dazu, meinem Konjunktiv des Jahrtausends den Rang abzulaufen. Begegnet bin ich ihm in Bora Chungs Kurzgeschichtensammlung "Der Fluch des Hasen" (deutsch von Ki-Hyang Lee):

Als er nun volljährig geworden war, schickte sein Vater Abgesandte über die Grenzen seines Reiches hinaus zu den Bewohnern der Graslande, damit sie um eine Prinzessin würben, die die zukünftige Königin des Wüstenlandes werden könne.

Mit der Gesellschaft zur Stärkung der Verben schlage ich vor, analog zu werben (und sterben) auch erben so schön zu konjugieren.

Montag, 29. September 2025

Den Wahrem Schoemen Gutem

Hier ein kleiner Blick hinter die Kulissen von Titanic. Jeder Beitrag wird bis zur Drucklegung von mindestens fünf verschiedenen Personen gelesen. Auch einseitige Cartoons und Fotowitze gehen standardmäßig durch mehrere Hände. Und doch rutschen selbst in solchen wortarmen Bildseiten gelegentlich Fehler bis ins fertige Heft durch, so etwa bei Hannes Richerts Startcartoon in der aktuellen Ausgabe (die Fehlschreibung in einer Sprechblase ist dem Künstler selbst aufgefallen – jedoch niemandem in der Redaktion!). Um ein Haar hätte diesmal zudem in Renke Brandts "Welträumchen" (S. 59) ein Fehler überlebt. Erst nach dem regulären Korrekturlauf fiel mir auf, dass in der Zeile "Verbinden Sie Hausarbeit mit etwas Angenehmen" ein Buchstabe falsch ist: Es muss "Angenehmem" heißen.

Als wie üblich wenige Tage nach Redaktionsschluss die Ausgabe für die App-Version aufbereitet wurde, fragte unser damit betrauter Web-Admin und IT-Chef, ob es nicht "Angenehmen" heißen müsse (ja, das ist ein [mindestens] sechstes Augenpaar, das über jeden Heftinhalt drüberschaut). Ich grübelte, so wie ich zuvor gegrübelt hatte, als mir das inkorrekte n zum ersten Mal ins Auge gestochen war. Denn inkorrekt ist es selbstverständlich; man ersetze "Angenehmem" bloß mal durch ein anderes Wort, schon würde niemand mehr darüber stolpern: "mit etwas Schönem", "mit etwas Rotem" oder auch "mit etwas Unzweideutigem" (die Länge oder "Komplexität" des Wortes spielt keine Rolle, wie man sieht).

Warum kommt uns "mit etwas Angenehmem" mindestens komisch, wenn nicht gar ungrammatisch vor? Da diese Form des (substantivierten) Adjektivs angenehm auch in anderen Verbindungen als mit "mit etwas" befremdlich wirkt (auf mich zumindest; auf Sie ebenfalls?), muss es die Lautfolge -mem sein, die dieses regelrechte Unbehagen auslöst (wie gesagt: bei mir zumindest; für eine repräsentative Umfrage fehlen mir gerade die Mittel). Auch hier hilft uns die Ersatzprobe weiter. Man lasse sich folgende Adjektive, jeweils im Dativ Singular Maskulinum, auf der Zunge bzw. vor der Netzhaut zergehen: anonymem, zahmem, bequemem. Sie sind, sehr laienhaft formuliert, irgendwie doof auszusprechen. Es ist womöglich das Aufeinandertreffen zweier ms am Wortende, die nur durch einen Vokal (genauer: ein Schwa) getrennt sind, das "uns" unschön oder widernatürlich erscheinen will. Bei der Folge -nen stutzen wir nicht, und bei der Artikulation neigen wir dann eher dazu, die zwei Nasale zusammenzuziehen ("wir renn'n"). Nun ja, vermutlich hat mein Rumgespinne hier überhaupt keine Substanz, ich wollte nur schnell aufschreiben, was mir zu "etwas Angenehmen" alles eingefallen ist. Ich könnte mir vorstellen, dass es dazu bereits einen Fachaufsatz oder eine Monographie oder mehrere gibt.

Mittwoch, 5. März 2025

Komma runter!

Im "Sprachlabor" der Süddeutschen Zeitung ging es letztens lang und breit um die Frage, wie man eine gewisse, meist mündlich verwendete Phrase korrekt verschriftlicht:

[B]ei der Redensart "Geht nicht gibt's nicht" [...] entscheidet ein Komma über Sinn oder Nichtsinn. Im Streiflicht war sie in der Version "Geht nicht, gibt's nicht" zu lesen. Das ist die gängigste Fassung [...]
Wozu nun der Lärm? Weil das Komma den Satz in sein Gegenteil verkehrt. Bei Geht nicht gibt's nicht ist Geht nicht ein ganz besonderes Akkusativobjekt. Während Sätze wie Der Bauer pflügt das Feld anstandslos ins Passiv – Das Feld wird vom Bauern gepflügt – gewendet werden können, führte das bei Geht nicht gibt's nicht zu der Albernheit Geht nicht wird nicht gegeben. Die alte Dudengrammatik spricht hierbei von "reinen Existenzialurteilen" und rückt unseren Satz in die Nähe von Es gibt einen Gott, dem ja auch kein Mensch die Passivform Ein Gott wird nicht gegeben verpassen würde.
Jedenfalls darf das Objekt Geht nicht vom Prädikat gibt's nicht so wenig durch ein Komma getrennt werden wie etwa Bielefeld von gibt's nicht oder Bangemachen von gilt nicht. Ohne Komma bedeutet der Satz, dass der Sprecher, die Sprecherin sich vom vermeintlich Unmöglichen nicht beeindrucken lässt: Ein "geht nicht" gibt es bei mir nicht, wär' ja noch schöner! Trennt man jedoch die beiden Elemente durch ein Komma, macht sich Resignation breit: Die Sache ist weder möglich, noch ist sie machbar.

'Endlich schreibt's mal jemand!', dachte ich da. Und kurz darauf: 'Augenblick! Habe nicht ich persönlich mich schon vor langer Zeit über diesen Interpunktionsunfall ausgelassen?' Ich durchwühlte mein Textarchiv, und tatsächlich habe ich 2005 (!) in einer unveröffentlichten "Glosse" (Wie ich neulich schon andeutete: Mitte der Nullerjahre war ich "offenbar vom Studium nicht ausgelastet" ...) dies notiert:

Komplett unfähig scheinen die Werbefritzen der Baumarktkette Praktiker zu sein. Die ersannen sich nämlich den vielversprechenden Leitsatz "Geht nicht, gibt's nicht". Analog dazu wurde im Fernsehen eine Kochsendung mit dem Titel "Schmeckt nicht, gibt's nicht" geboren.

Stichhaltig begründet habe ich meinen Ärger damals nicht, und ganz ehrlich: Auf die Begründung mit der Passivbildung wäre ich nicht gekommen. Fairerweise muss ich außerdem festhalten: Ich habe eben noch mal Promo-Poster und digitale Banner der VOX-Show recherchiert, und da war das Komma eben nicht eingezeichnet.

PS: Oh Mann, hatte Tim Mälzer vor zwanzig Jahren noch ein Babyface!

Donnerstag, 10. Oktober 2024

Ich und du und ees und alle

Auf einer Südtiroler Alm schlug ich eine Speisekarte auf und fand darin etwas vor, das mir als historisch-vergleichenden Sprachwissenschaftler das Herz höher schlagen ließ:


enk heißt "euch", hatte aber ursprünglich die Bedeutung "euch beide" und fiel somit in die Numeruskategorie Dual. Zur Auffrischung: Singular = Einzahl ("du"), Plural = Mehrzahl ("ihr"). Mit Letzterem ist der indogermanische Dual, die Zweizahl, zusammengefallen – in manchen Einzelsprachen früher, in manchen später. (Einige nicht-indogermanische Sprachen kannten bzw. kennen sogar einen Trial.)

Dass dieses grammatische Kuriosum in meinem Hirn präsent war, verdankte ich einem Zufall: Als ich im Juli den Blogbeitrag "What's that(')s?" schrieb, konsultierte ich die Mittelhochdeutsche Grammatik von Helmut de Boor und Roswitha Wisniewski (Berlin 1956), las mich darin fest und entdeckte im Kapitel über das Pronomen diesen Absatz (§ 93.3):
Alte Dualformen, die Pluralbedeutung angenommen haben, finden sich im Bairisch-Österreichischen des 14./15. Jhs. (2. Pl.Nom. ëʒ, Dat.Akk. ënc).
Ergänze: "... und bis ins 21. Jh. hinein"! Was ich übrigens nicht erst seit dem entzückenden Berghüttenfund weiß; mein in München teilsozialisierter Kollege Moritz Hürtgen klärte mich schon vor Jahren darüber auf, dass dort bisweilen die Form es (mit langem e) als Alternative zu "ihr" zu hören ist. Bestimmt war mir dieses Relikt auch schon im Studium begegnet. Und weil Gevatter Zufall gern doppelt, sozusagen dual, zuschlägt, widmet sich auch ein Punkt der 13. Fragerunde des "Atlas zur deutschen Alltagssprache" dem bairischen Spezialpronomen. Hier kann man sehen, wo "ees/es/ös" noch verwendet wird:

Donnerstag, 18. Juli 2024

What's that(')s?

Letzte Woche bin ich im Something-Awful-Forum über folgenden Satz gestolpert:

One could almost say that Ozymandias is an inscription that's message has been rendered ironic by the passage of time and history...

"Muss es nicht 'an inscription whose message' heißen?", dachte ich. Bisher war mir that's ausschließlich als Kurzform von that is begegnet, noch nie als Possessivpronomen. Bzw. genauer: als relative possessive. Man braucht nicht tief zu graben, um Erklärungen zu Tage zu fördern: Auf der Seite der Uni Yale findet sich ein anschaulicher, konziser und leicht verständlicher Abriss des Phänomens. Kurzum: "Some English speakers", nämlich in den USA, Teilen Kanadas, in England, Schottland und Australien, akzeptieren und verwenden that's anstelle von whose.

Ich möchte hier nicht alle Unterpunkte hineinkopieren, festhaltenswert erscheint mir vor allem:
1. dass das Wort mitunter, analog zu its, als thats verschriftlicht wird;
2. dass Experimenten zufolge Kinder eher bereit sind, that(')s mit Substantiven zu verbinden, die Unbelebtes bezeichnen, als mit solchen, die Belebtes bezeichnen. "The children's preference for inanimate nouns might be related to the presence of an animacy distinction in the relative pronouns in English who (for animates) vs. which (for inanimates), since which does not have a possessive form". Das scheint Englisch-Frischlingen generell so zu gehen, oder? Mir jedenfalls kam whose in Bezug auf Dinge/Gegenstände sehr lange irgendwie unnatürlich vor (so wie mir auch that als Relativpronomen-Alternative zu who komisch vorkam).
3. dass that's historisch aus that his hervorgegangen ist, wie anhand des inhaltlich unerfreulichen Beispiels "dhe maan ut hiz bairn deed" = "the man that his child died" gezeigt wird. "The idea is that the ’s on that’s started out as a weakened form of his. Then the use of that’s was extended to feminine and neuter nouns as well".

Martinez, Randi and Jim Wood. 2023. Relative possessive that's. Yale Grammatical Diversity Project: English in North America. (Available online at http://ygdp.yale.edu/phenomena/. Accessed on 2024-07-17

Donnerstag, 6. Juni 2024

Nomen est ... ja, was eigentlich?

Vorgestern konnte ich endlich "Jeopardy! Masters" zu Ende schauen. Im dritten Halbfinal-Match wurde für 200 Punkte* folgende Frage in der Kategorie "There's 'A' noun for that" gestellt: "A person or thing that's out of place in time". Die Kandidatin Victoria Groce, die später Siegerin werden sollte, antwortete mit "What is 'anachronistic'?", was Ken als korrekt durchgehen ließ. Ich dachte in dem Moment: 'Na na na, es sind doch eindeutig nouns gefordert, also Substantive!' Wie ich soeben ergoogelte, ging es nicht nur mir so, auch im Subreddit r/Jeopardy (ich wusste gar nicht, dass es das gibt, aber ich bin eh so gut wie nie bei Reddit) sprangen mehrere Leute darauf an:


Tatsächlich, nach der Werbepause wurde die Entscheidung revidiert, nur "What is 'anachronism'?" hätte als richtig gegolten.

Dann aber schoss mir dies durch den Kopf: In der deutschen Grammatik (und in anderen, wie z.B. der altgriechischen) umfasst Nomen sowohl Substantive als auch Adjektive, es hätten also sowohl "Anachronismus" als auch "anachronistisch" gepasst und somit auch, zumindest wenn man Nomen mit noun gleichsetzt, sowohl "anachronism" als auch "anachronistic".

Wikipedia (zum Konsultieren von Fachliteratur fehlt mir gerade die Zeit) stellt dazu fest: "Similarly, the Latin term nōmen includes both nouns (substantives) and adjectives, as originally did the English word noun, the two types being distinguished as nouns substantive and nouns adjective (or substantive nouns and adjective nouns, or simply substantives and adjectives). (The word nominal is now sometimes used to denote a class that includes both nouns and adjectives.)" Mit viel Toleranz hätte man also das Adjektiv akzeptieren können. Spielte in diesem Fall eh keine Rolle. Mir war die Diskussion um Wortarten schon immer einerlei. Ich war bass erstaunt, als ich in einer der ersten von mir besuchten Linguistik-Vorlesungen lernte, dass die Einteilung von Wörtern derart umstritten und uneindeutig ist, wie sie ist. Gibt es nicht Wichtigeres und Spannenderes? (Ja, gibt es.)

* Bei "Jeopardy! Masters" wird um Punkte statt um Dollar-Beträge gespielt, weil die Preisgelder fix sind (500.000 $ für den oder die Gewinner/in, 250.000 $ für Platz 2 und immerhin 150.000 $ für Platz 3).

Donnerstag, 21. Dezember 2023

Geschmack schlägt Sprachgefühl

Im Jahr 2017 echauffierte ich mich anhaltend und lautstark (Facebook) über die Ritter-Sport-Sorte "Honig-Salz-Mandel", deren Verpackung mit der Zeile "mit Honig und Salz verfeinerten, gerösteten Mandeln" beschriftet war.


Inzwischen haben sie die Beschreibung geändert, sogar unter eleganter Vermeidung zweier aufeinander folgender "mit"s:


Dieser schokoladige Fauxpas war indes eine Lappalie, wie ich letzte Woche feststellen musste, als ich im Aldi-Kühlregal das hier liegen sah:

Samstag, 11. November 2023

Der Konjunktiv des Jahrtausends

Vor mehr als sechzehneinhalb Jahren (!) erklärte ich das Wort schmölzen zum "Konjunktiv der Woche". Heute ist es endlich an der Zeit, das gesamte Paradigma schmölz- zum Konjunktiv des Jahrtausends zu küren, nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern im Sinne zahlreicher anderer, wie man nicht nur in der Süddeutschen Zeitung weiß. Ich zitiere das "Sprachlabor" vom 3. November 2023:

Gewundert wurde sich [...] über die Einsendung von Leser A., die sich zunächst wie ein Text gewordener Begeisterungssturm ausnahm. Es ging um die Formulierung "Schmölze der ganze grönländische Eisschild ...", genauer gesagt um die aus dem "Hamlet" geläufige Verbform schmölze, über die Herr A. sich derart freute, dass er sie gleich dreimal wiederholte: "Schmölze, schmölze, schmölze." (Hier passt, was Ulrich Seidler einmal in der Frankfurter Rundschau schrieb: dass, wer "schmölze" mit ein bisschen Genuss spricht, sich selbst einen Zungenkuss schenke.) So ging es noch eine ganze Weile weiter, im hohen Ton und mit Konjunktiv-II-Bildungen vom Feinsten, bis dann des Pudels Kern ans Tageslicht kam. Herr A. war nämlich nur vom zitierten Halbsatz angetan. Der ganze Satz hatte so gelautet: "Schmölze der ganze grönländische Eisschild, würde der Meeresspiegel um etwa sieben Meter steigen." Worauf A. hinauswollte, das war nichts Geringeres als ein Parallelismus membrorum, also ein mit schmölze korrespondierender Konjunktiv II von steigen, auf dass der Nachsatz so begönne: "... stiege der Meeresspiegel."

Dazu möchte ich Folgendes anmerken. Im Seminar "Einführung ins Neutestamentliche Griechisch" empfahl unser Dozent uns damals, es bei der Übersetzung von Bedingungssätzen analog zu conditional clauses im Englischen zu handhaben: im Nebensatz, also im irrealen "wenn"-Satz, Konjunktiv II, im Hauptsatz Infinitiv nach modalem Hilfsverb ("würde" : would). Weil ich das schön so finde, halte ich mich seit mehr als zwanzig Jahren (!) daran, nicht nur bei Übersetzungen. Der von A. gerügte SZ-Satz hat mein vollumfängliches Okay.

Im Übrigen stelle ich mit Genugtuung fest, dass ich denselben Geschmack wie Connaisseure klassischer deutscher Shakespeare-Ausgaben zu haben scheine.

Sonntag, 23. Oktober 2022

Des Landes Oberhaupt

Neulich lief, weil es sich halt manchmal nicht vermeiden lässt, der Fernseher, und in einer sich als seriöses Format gebenden Sendung fiel die Formulierung "Ukraines Präsident". Huh? Hatte ich mich verhört? "Ukraines Präsident": Ob das wohl schon mal jemandem rausgerutscht ist? Ich googelte und fand erschreckend viele Belege für diese Wortfolge, darunter in der FAZ, beim Stern, auf zdf.de, im Hamburger Abendblatt und beim BR.

Es ist doch nicht sonderlich kompliziert. Das Land heißt die Ukraine. Genitiv: der Ukraine. Wer Präsident dieses Landes ist, ist "der Präsident der Ukraine" oder, will man das Substantiv vermeiden, "der ukrainische Präsident". Man sagt doch auch nicht "Mongoleis Präsident", "Schweiz' Ständerat" oder "Walacheis Täler". Oder "Türkeis Präsident" (bzw. schon, zumindest bei RTL, in der Welt, beim Tagesspiegel u.v.a.m.).

Die Motivation hinter dem Fehlerchen ist freilich klar: Man behandelt den geographischen Namen so, als hätte er keinen Artikel, und dann kann man, analog zur Personennamen-Deklination ("Käthes Opa"), ein -s auch an den femininen Genitiv hängen. Ich sehe allerdings überhaupt keine Tendenz, dass der Ländername die Ukraine ihren Artikel verliert, wie es bei(m) Iran oder Jemen seit einigen Jahren in der Berichterstattung der Fall ist. Nun ja, mehr fällt mir dazu auch nicht ein, außer vielleicht noch dies: Manche Ländernamen haben im Deutschen einen Artikel und im Englischen keinen, andere haben im Englischen einen und im Deutschen nicht (Gambia vs. The Gambia; die Slowakei vs. Slovakia).

PS: Bei Zweifelsfällen bzgl. Namen von Orten in der Ukraine konsultiere man die Website des hier schon einmal gewürdigten Ständigen Ausschusses für Geographische Namen, der 2021 eine handliche Tabelle erstellt hat.

Mittwoch, 25. Mai 2022

Das Unsagbare (1)

Warum verschmäht man gewisse Nahrungsmittel? Nun, es gibt solche, die uns einfach nicht schmecken, und solche, die regelrechte Übelkeit oder schlimmstenfalls allergische Reaktionen auszulösen vermögen. Derart zweiteilen lassen sich auch "unregelmäßige" sprachliche Äußerungen, zumindest in meiner Welt: Manche Formfehler, verhauene Ausdrücke, Stilblüten, Agrammatismen oder sonderbare Vokabeln mag ich halt nicht. Mich hat es beispielsweise jedes Mal erbost, wenn Michael Maar in seinem ansonsten sehr lesenswerten Literaturstreifzug "Die Schlange im Wolfspelz" für Adjektiv das Synonym "Beiwort" verwendet hat. Eine reine Idiosynkrasie meinerseits, und es handelt sich ja nicht mal um einen Fauxpas des Autors, sondern eine leicht dümmliche Wortwahl-Marotte. Ich bin nach jahrelangem Konsum journalistischer Texte aus Deutschland einiges gewohnt – und dabei milde geworden. Nicht umsonst habe ich "unregelmäßig" in Anführungszeichen gesetzt. Durch die Brille des Deskriptivismus betrachtet, sind vermeintliche Fehler ohnehin nur interessante Erscheinungen des Sprachwandels. Und manches, was einst in die Kategorie "verursacht allergische Schocks" fiel, steht heute lediglich auf meiner "Schmeckt mir nicht"-Liste.

Beispiel gefällig? Anfang der 1990er Jahre, wir hatten noch nicht sehr lange "Westsender", lief im Fernsehen ein Werbespot für Fruchtjoghurt o.ä., und darin brüllte ein Knabe den Halbsatz: "... weil er ist gesund!" Ich hatte diese Variante von "weil er gesund ist" noch nie in meinem jungen Leben gehört und bin durchgedreht. "Warum sagt der das so komisch?", fragte ich beinahe unter Tränen meine Mutter, die diese Syntax zum Glück als inkorrekt tadelte. Das blöde Kinder-Testimonial hätte ebenso gut "... weil gesund er ist" sagen können, es hätte in meinem Kopf genauso kaputt geklungen. (Mit Meister Yoda sollte ich erst ein paar Jahre später in Kontakt kommen.) Mittlerweile kann ich über weil-Sätze mit Verbzweitstellung nicht mal mehr die Nase rümpfen. Zumindest wenn sie mir in gesprochener Sprache begegnen: Unlängst hat Ulrich Hermann Waßner im Sprachreport (Ausgabe 4/2021) das "weil er ist"-Phänomen untersucht, befasst sich dabei notwendigerweise mit der Frage der Trennung von sog. gesprochener und geschriebener Sprache und führt den hilfreichen Begriff der "konzeptionellen Mündlichkeit" ein. Entwarnendes Fazit: "Es finden sich tatsächlich nur wenige 'echt' geschriebensprachliche Belege." (a.a.O., S. 35) Und selbst wenn's mehr werden: dann steht halt irgendwann im Grammatik-Duden, dass in weil-Sätzen auch V2-Stellung möglich ist. Darum soll es hier auch gar nicht gehen (in nämlichem Heftbeitrag ist alles gesagt)!

Mit diesem langen Anlauf möchte ich zu zwei Phrasen springen, die wiederum für mich völlig normal sind, aber anderen das Sprachzentrum zum Tilt! bringen könnten ... Morgen verrate ich, welche das sind.

Montag, 9. November 2020

Auf der Suche nach dem verlorenen Teilchen

Wusstet ihr, dass Marcel Prousts À la recherche du temps perdu nicht nur unter dem Titel "Remembrance of Things Past" ins Englische übersetzt wurde, sondern auch als "In Search of Lost Time"? Also ich nicht! Bei mir hat auch noch nie eine Madeleine lange Assoziationsketten ausgelöst, über die ich schreiben könnte, dafür aber muss ich seit vergangener Woche anlasslos an Mandarinen-Quarkplunder denken, und zwar konkret an jene, die es im Café der Neuen Mensa meiner Alma Mater zu kaufen gab. Wenn ich zwischen der 4. und der 6. Doppelstunde, also zwischen 14.30 und 16.40, keine Lehrveranstaltung hatte, aber auch keine Lust, nach Hause zu gehen (was ich hätte tun können, denn ich wohnte nur zehn Fahrradminuten vom Campus entfernt), holte ich mir in ebenjener Cafeteria oft eine Tasse Kaffee und dazu einen Mandarinen-Quarkplunder, setzte mich an einen Tisch, las irgendwas (nicht Proust) und vesperte gemütlich. Manchmal kam das Gebäck frisch aus dem Ofen, warm schmeckte die Quarkfüllung noch köstlicher.

Inzwischen ist das ganze Mensagebäude leer und verschlossen, der Betrieb stillgelegt, und ich wohne eh in einer anderen Stadt. Diese schönen Nachmittage werde ich mithin nie wieder nacherleben können, allein in meiner immer blasser werdenden Erinnerung. Wir befinden uns in der Ära der Ablenkung, der Dauerbeschallung und des Eindrucks-Overflows, so dass uns droht, zu vergessen, hin und wieder nichts zu tun als in uns zu gehen und Vergangenes zu rekapitulieren, Momente des Glücks gedanklich nachzuspielen. Schreiben hilft auch – selbst wenn dann aus einem Stück Zwieback eine Madeleine wird oder werweiß aus einem Plunder ein Krapfen.

Themenwechsel! Gustave Flauberts Roman Éducation sentimentale erfuhr kürzlich eine Neuübersetzung ins Deutsche durch Elisabeth Edl und heißt jetzt "Lehrjahre der Männlichkeit". Die Frage der Süddeutschen Zeitung, ob das ein "Auswuchs der Genderdebatte" oder ein "philologischer Scoop" sei, interessiert mich weniger als folgende Passage aus dem dazugehörigen Artikel: "Das Problem liegt schon im Titel des Originals begründet, einem Titel, um den Flaubert lange gerungen hatte, dem aber schon Marcel Proust in seinem bahnbrechenden Essay über den Stil Flauberts attestiert hat, dass er 'grammatisch' inkorrekt sei." Wer kann mir erklären, was es mit diesem Vorwurf auf sich hat und wieso "grammatisch" in Anführungszeichen steht? Im engeren Sinne scheint es mir grammatisch korrekt zu sein: éducation ist ein feminines Substantiv im Singular und das Adjektiv sentimentale dazu astrein kongruent. Ich muss an dieser Stelle betonen, dass ich meine letzte Französisch-Lektion nicht mal in der Uni, sondern in der Schule hatte, und so weit möchte ich nun wirklich nicht zurückdenken!

Dienstag, 17. September 2019

Scharlachrote Buchstabe (= r)

Erinnerung an die Schulzeit, es muss in der 9. oder 10. Klasse gewesen sein. Unsere Physiklehrerin schreibt das Thema der Stunde an die Tafel: "Elektrische Widerstand". Einige Schüler, darunter ich, monieren, dass es "Elektrischer Widerstand" heißen müsse. Das sieht die Lehrkraft nicht ein und blafft uns an, es heiße schließlich "Der elektrische Widerstand", ohne -r. Wir versuchen sie zu überzeugen, dass sie dann auch den Artikel mit hinschreiben müsse. Leider werde ich erst ein paar Jahre später vom Phänomen der Gemischten Deklination erfahren, so dass ich unsere Einwände nicht mit harten Fakten untermauern kann. Die krumme Überschrift "Elektrische Widerstand" bleibt für den Rest der Stunde stehen.

Letzte Woche nun entdeckte ich bei Rewe diesen Brotaufstrich:


Er ist sehr lecker, aber auch hier stört mich das falsch gebeugte Adjektiv ungemein. Die Auseinanderschreibung von "Karottenaufstrich" ist da nur die Spitze des Eisbergs. Man könnte versuchen, die zwei Zeilen "Würzige Karotten Aufstrich" als separat stehend zu interpretieren, also etwa "Würzige Karotten: ein Aufstrich", aber würzige Karotten soll mir erst mal jemand zeigen. Karotten sind von Natur aus reichlich fad, und nur mit weiteren Zutaten (in diesem Fall u.a. Ingwer, Petersilie und Knoblauch) lässt sich aus ihnen ein würziger Aufstrich herstellen.

Vom elektrischen Widerstand habe ich weder vor zwei Jahrzehnten noch späterhin irgendwas verstanden, aber im Gegensatz zu Sprache und Lebensmitteln spielt er in meinem Leben auch keine Rolle mehr.

Freitag, 1. März 2019

Mein grüner kleiner Kaktus

Neulich sah ich in Berlin ein Restaurant, auf dessen Fenster stand: "Koreanische traditionelle Gerichte". Müsste es nicht – analog zu "Traditionelle Chinesische Medizin" – korrekt "Traditionelle koreanische Gerichte" heißen?, fragte ich mich und dachte sodann an die saudumme und kreuzgefährliche "Germanische Neue Medizin", deren Name ebenso schief klingt, weswegen er von vielen, die darüber schreiben, unbewusst zu "Neue Germanische Medizin" korrigiert wird (14.100 Google-Treffer).

Warum erscheint uns "koreanische traditionelle Gerichte" falsch? Im Englischen gibt es eine feste Regel, in welcher Reihenfolge attributive Adjektive angeordnet werden, jedes Schulkind kann sie runterbeten:
1 opinion
2 size
3 physical quality
4 shape
5 age
6 colour
7 origin
8 material
9 type
10 purpose
Beispielsatz: "She was a (1) beautiful, (2) tall, (3) thin, (5) young, (6) black-haired, (7) Scottish woman." (Ich beziehe mich hier auf das Cambridge Dictionary; daneben existieren dezente Variationen bezüglich Benennung und word order.)

Der derzeit kursierende "Green New Deal" (6 vor 5!) verstößt freilich nur scheinbar gegen diese Norm, denn der "New Deal" ist ein feststehender, von Franklin D. Roosevelt geprägter Term, den die neuen Reformer aufgegriffen und, weil es um ökologische Maßnahmen geht, mit dem Attribut "grün" versehen und damit spezifiziert/abgewandelt haben, und der, wie Wikipedia weiß, sogar noch tiefer im Lexikon verwurzelt ist: "New Deal ist eine Redewendung der englischen Sprache und bedeutet so viel wie 'Neuverteilung der Karten'. Roosevelt verwandte die Redewendung im Präsidentschaftswahlkampf von 1932 zunächst nur als suggestiven Slogan. New Deal setzte sich dann in der Folgezeit als Begriff zur Bezeichnung der Wirtschafts- und Sozialreformen durch."

Nun stellt sich die Frage, wie diese Reihenfolge zu begründen ist. Handelt es sich um eine natürliche Abfolge, mithin um eine sprachliche Universalie? Und gibt es auch für das Deutsche entsprechende Regeln? Die Problematik streift Bereiche der Funktionalen Grammatik und übersteigt meine Kompetenz. Einen erhellenden Aufsatz zur ersten Übersicht habe ich immerhin im Netz gefunden, nämlich Ludwig Eichinger: Ganz natürlich - aber im Rahmen bleiben. Zur Reihenfolge gestufter Adjektivattribute. In: Deutsche Sprache 4/1991. Denn selbstverständlich hat sich die Germanistik des Themas bereits angenommen! Es gibt mehrere Konzepte (sogar eins von der Duden-Grammatik), wobei die Elemente der Nominalcluster mal semantisch, mal syntaktisch analysiert werden.

Drei von zehn Klassifikationsversuchen (Stand 1991); zum Vergrößern klicken

Mit den ganzen Feinheiten betreffend "Klammerstrukturen", "Artikelähnlichkeit" usw. möchte ich euch verschonen, zumal ich selbst nicht alles verstanden habe. Eichinger schlägt eine Dreiereinteilung vor und operiert mit folgenden Begriffen:


Innerhalb der Nominalklassifikatoren ordnen Descriptiva "äußere Merkmale" zu und Classificativa sind "bereichsangebend", woraus sich dann beispielsweise "quadratische graue metallene skandinavische Türen" ergeben. Ganz so fein gegliedert und streng hierarchisch wie im Englischen geht es also nicht zwangsläufig zu. Interessant ist die Anmerkung "häufig sind insbesondere Kombinationen von 'Länderadjektiven' u.ä. an zweiter Stelle vor dem Nomen mit Bereichsadjektiven, die durch von häufig deverbalen oder sonstwie relationalen Substantiven ausgehende Relationen enger an diese Substantive gebunden sind - bis hin zu (pseudo)terminologischen Doppelformeln", wofür der Verfasser das Beispiel "die amerikanische linguistische Forschung" gibt. Daran lässt sich dann wiederum die "Germanische Neue Medizin" anschließen, und so wollen es diese verbrecherischen Schwachköpfe sicher auch verstanden wissen: eine "Neue Medizin" als globale Bewegung, deren Vorreiterin Germania ist. Klingt trotzdem schräg.

Dienstag, 25. Dezember 2018

Wo ein Wille ist

Die unverschämteste Möglichkeit der deutschen Sprache, Modalität auszudrücken, ist die folgende:
wollen in der 3. Person (Singular oder Plural) Indikativ Präsens + Infinitiv Perfekt

Beispiel: Sie will einen Schuss gehört haben.
Diese Konstruktion bringt einen stärkeren Zweifel zum Ausdruck als die Variante mit soll. Wenn etwas geschehen sein soll, basiert das Gesagte auf der Aussage einer Person, die bekannt oder unbekannt, beteiligt oder unbeteiligt ist, womöglich auch gar keiner Person; es ist ein zu einem Satz geronnenes Ondit, dessen Wahrheitsgehalt man für nicht oder nur schwer zu ermitteln hält. "Sie soll einen Schuss gehört haben", munkelt man und ist aber geneigt, die Behauptung nicht sofort als Schmarrn abzutun. Sagt oder schreibt man dagegen "Sie will einen Schuss gehört haben", bedeutet das in der objektivsten Lesart: "Sie behauptet, einen Schuss gehört zu haben." Mehr noch: Sie behauptet das nicht nur, sie ist auch nicht nur überzeugt davon, sie wünscht sich, dass es wahr sei. Man kann sich richtig vorstellen, wie jemand, der einen Satz wie "Sie will einen Schuss gehört haben" in die Tasten haut, dabei mit den Augen rollt. 
Für mich sind solche Formulierungen ein Indikator für schlechten und tendenziösen Journalismus. Gerade im Zusammenhang mit Zeugenaussagen muten will-Sätze geradezu höhnisch an: Der Subtext eines Satzes wie "Er will von einer Straßenbande überfallen worden sein" lautet "Ja ja, das hätte er wohl gerne!", indes man annehmen darf, dass derlei garantiert keiner will.
Das waren ein paar ungeordnete und gewiss unpräzise Überlegungen von mir zu einem spannenden Thema, über das ich leider keine Aufsätze und sonstigen Texte bei Google Books finden konnte, da ich nicht einmal weiß, ob es einen Namen für das gibt, wonach ich suche. Falls jemand entsprechende Literatur kennt (gerne auch nicht-digital), bin ich dankbar für Tipps.

Montag, 27. August 2018

Kurz notiert: Kasus-Chaos

Da schalte ich einmal den Fernseher ein und muss mich sofort aufregen! Das "Europamagazin" im Ersten Deutschen Fernsehen wird mit diesen Worten der Moderatorin eröffnet: "Tomaten aus Italien schmecken gut und gibt's in jedem Supermarkt".

Muss ich erklären, warum der Satz falsch ist? Nein? Gut. Ich habe auch gerade keine Lust dazu. An Formulierungen wie "vor, während und nach dem Spiel" hat man sich ja schon gewöhnt, aber dass jetzt sogar von meinen ZWANGSgebühren im sogenannten Qualitätsfernsehen [wird behutsam aus dem Blog entfernt]

Montag, 9. Juli 2018

Gut Wink will Weile haben

Kurz nach meinem letzten "Facebook und Sprache"-Beitrag fällt mir schon wieder etwas auf: Benutzen zwei Chattende die wozu auch immer gut seiende Winke-Funktion, erscheint im Chatfenster folgende Meldung:


Aber hier will ich nachsichtig sein. Neben dem korrekten Partizip gewinkt akzeptiert selbst der Duden inzwischen die Form gewunken, versieht sie gar mit dem Prädikat "häufig". Ein doppelt bemerkenswerter Prozess vollzieht sich hier. Zum einen wandelt sich ein Verb vom schwachen zum starken – üblich ist das Gegenteil (backte statt buk; schaffte statt schuf; in einem Seminar, an dem ich teilnahm, fiel sogar einmal der Übersetzungsvorschlag "er schwörte" und niemand nahm daran Anstoß). Zum anderen hat die "Stärkung" noch nicht das gesamte Paradigma erfasst: Anders als bei backen, schaffen et al. hat die alternative Konjugation von winken beim Partizip II begonnen und sich vorerst darauf beschränkt. An das Präteritum "wank" (analog zu sank und stank) hat sich noch niemand herangewagt.

Kennt eigentlich noch jemand "Gruscheln"?

Samstag, 30. Juni 2018

Ordnungsgemäß verwendete Wörter

Dieser Hinweis wurde zwar nicht mir angezeigt, sondern jemand anderem, der ihn daraufhin screenshottete und öffentlich teilte, aber er ist echt:


Ich selbst bekam dies zu Gesicht:


Die alte "scheinbar"/"anscheinend"-Verwechslung, im Jahr 2018 und bei einem der bedeutendsten Unternehmen auf dem Erdenrund! Was machen eigentlich die unzähligen Angestellten den ganzen Tag? 

Ich möchte nicht kritteln, ich stelle nur Dinge fest. Zum Beispiel stelle ich fest, dass Facebook Seitenbetreibende nicht länger mit "Bewerbe Beitrag xy für 9 €" ermuntert, sondern mit "Bewirb". Gut.

Zuvor in diesem Blog: 

Mittwoch, 2. Mai 2018

Was regnet denn da?


Dieser xkcd-Comic von vergangener Woche spielt im letzten Panel auf die sogenannten Witterungsverben an, welche "trotz ihrer Häufigkeit im Sprachgebrauch in der Sprachwissenschaft wenig diskutiert" werden, "und die Meinungen zu ihrer syntaktischen Valenz und semantischen Beschreibung sind kontrovers".[1] Das Thema ist hochkomplex, schnell ist man in der Relationalen Grammatik und bei irgendwelchen "Unakkusativitätshypothesen". Im Wesentlichen geht es um die Frage, welche Rolle das es in Phrasen wie "es regnet", "es hagelt" usw. spielt.

Regnen & Co. sind unpersönliche Verben, in dem Satz "Es regnet" scheint es kein logisches Subjekt zu geben. Zumindest nicht mehr, denn historisch könnte das Pronomen es ein tatsächliches Agens, etwa eine Gottheit, ersetzt haben ("Jupiter pluit.").[2] Schön finde ich die metaphysische Erklärung: "Nach dieser Theorie steht das es für eine geheimnisvolle Macht, die nicht näher zu bestimmen sei, und gerade darin wird auch der Zweck der Impersonalien gesehen." (Hans-Jürgen Heringer) Aber zurück zum es als rein formales Subjekt. Dazu "wird u.a. Folgendes angeführt: es ist nicht kommutierbar, d.h. kann durch kein anderes sprachliches Element ersetzt werden". Dagegen möchte ich einwenden, dass Wendungen wie "Hat das geregnet?" durchaus, vor allem im norddeutschen Sprachraum, möglich und geläufig sind.

Weitere Bezeichnungen für das es in den semantisch null- und syntaktisch einwertigen Witterungsverben sind "Pseudoaktant" und – vgl. das "dummy pronoun" im obigen Comic – "Dummy-Subjekt".[3] Die Idee, dass es in der Tat, wie angesprochen, an die Stelle von Götternamen getreten ist, "als die alte Religion und die animistische Interpretation der Welt immer weniger wichtig wurden"[4], gefällt mir immer besser, je länger ich darüber nachdenke. Bei Homer heißt es ja auch: "Zeus regnet" und "Zeus donnert". Das Wetter ist halt wirklich "an entity".

1 Schmitz, Katrin: Die Witterungsverben im Französischen und Italienischen. In: Kailuweit, Rolf / Hummel, Martin (Hgg.): Semantische Rollen. Tübingen: Narr 2004.

2 Alles in diesem Absatz nach Nikula, Henrik: Unpersönliche Konstruktionen. In: Ágel, Vilmos et al. (Hgg.): Dependenz und Valenz. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Vol. 2. Berlin / New York: de Gruyter 2006. 
3 Kolehmainen, Leena: Fennosaxonische Wettervalenzen. Turbulenzen im Valenzverhalten finnischer und deutscher Witterungsverben. In: dies. / Lenk, Hartmut E.H. / Liimatainen, Annikki (Hgg.): Infinite kontrastive Hypothesen. Frankfurt a.M. et al.: Lang 2010.
4 Viti, Carlotta: Variation und Wandel der Syntax der alten indogermanischen Sprachen. Tübingen: Narr 2015.