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Mittwoch, 4. September 2024

Kamala

Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass der Vorname der demokratischen US-Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris aus dem Altindischen stammt und so etwas wie "Lotosblume" bedeuten soll. Ich wollte noch mehr darüber wissen und schlug das Wort in Monier-Williams' Sanskrit-English Dictionary nach:


Wie man sieht, ist kamala zunächst ein Farbadjektiv, das substantiviert alles Mögliche bezeichnen kann: eine Reh-Art, den Saruskranich (der nach neuestem Stand auf Latein Antigone antigone oder Grus antigone heißt), ein Sternbild, "an excellent woman" (mit Donald-Trump-Stimme zu lesen), vereinzelt auch "Wasser", "Blase" (das Organ) oder, was mit Blick auf Trump am lustigsten ist, eine Orange.

Doch wo kommt das Wort her? Wenn ich einen ganzen Tag Zeit hätte, würde ich mich in die Universitätsbibliothek setzen, um dem Rätsel nachzuspüren. So aber kann ich bloß rasch Mayrhofers EWA (Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen) konsultieren. "Nicht klar" heißt es dort lapidar unter dem Stichwort "kamalá- Adj. Bezeichnung einer Farbe, vielleicht: blaßrot". Und weiter: "Wohl kaum als '*lotosfarbig' zu ep. kl. kamala- 'Lotos' (angeblich dravid[ischen] Ursprungs ...)". Jetzt bin ich verwirrt. War das Wort für die Farbe zuerst da oder das Wort für die Pflanze, das diese Farbe hat? Und wieso liegt der Akzent mal auf der letzten, mal auf der ersten Silbe? Wie gesagt, mir fehlt leider die Zeit, mich in dieses Kaninchenloch zu stürzen.

Samstag, 5. November 2022

When in Rome ...

Eine gehalt- und anspruchsvolle Lektüre stellt Wolfgang Pehnts Städtebau des Erinnerns dar. Wie ein populärwissenschaftliches Werk anmutend, kommt es doch überwiegend akademisch daher, der Autor arbeitet mit vielen Fußnoten, flicht lateinische Zitate ein und droppt als bekannt vorausgesetzte architektonische Fachwörter. Immer wieder musste ich Sätze mehrfach lesen, denn neben ihrer Schwierigkeit eignet ihnen auch eine hohe Informationsdichte. Ich erfuhr viel Staunenswertes über Leitmotive, Vorbilder und Narrative bei der Entstehung und dem Wachsen bedeutender Metropolen (Mythen und Zitate westlicher Städte lautet der Untertitel), und das wenigste davon konnte ich im Gedächtnis behalten.

Das Kapitel über Athen hat es mir besonders angetan. Dass es in der griechischen Hauptstadt keineswegs ein Kontinuum seit der hellenischen Antike gab, war mir ja total unbekannt! Das alte Griechenland musste erst "wiederentdeckt" werden, und die Re-Antikisierung im 18. Jahrhundert erfolgte denn auch zuvörderst durch Rest-Europa, nicht zuletzt spielte Bayern eine gewichtige Rolle ... Aber es steht mir nicht zu und ist nicht mein Anliegen, die ganze faszinierende Geschichte nachzuerzählen, ich möchte lediglich einen kuriosen Nebenaspekt zitieren, der im 19. Jahrhundert, nach dem Ende der osmanischen Herrschaft, aufkam: "Orts-, Straßen- und Firmennamen wurden auf die Helden der griechischen Götter- und Heroenclique getauft. Es gab sogar Versuche, das Altgriechische als gesprochene Sprache wieder zu beleben." (S. 47)

Ein Vorteil der Rückkehr zum Altgriechischen liegt auf der Hand: Man hätte wieder eine durchschaubarere Buchstabe-Laut-Zuordnung und wäre nicht auf "Not"-Schreibungen wie "Ompáma" angewiesen. Darüber hinaus dient so eine Wiederbelebung ausgestorbener Sprachen freilich der Identitätsstiftung und -bewahrung. Im Falle Griechenlands wäre das wohl zu viel des Guten gewesen, denn mit dem Neugriechischen hatte man ja bereits eine autochthone und dem nationalen Bewusstsein genügende Zunge.

Sprach-Revival ist insgesamt ein bemerkenswerter Vorgang, dessen Erfolge von gelungen (wie im Falle des Manx) bis zu schwierig/mühsam/konstruiert reichen (wie im Falle des Tasmanischen). Bis vor gar nicht langer Zeit war übrigens hie und da zu lesen, dass es in Indien eine mindestens vierstellige Zahl an Menschen gebe, insbesondere im als "Sanskrit village" gehandelten Dorf Mattur, die klassisches Altindisch als Erst(!)sprache verwenden – ein Mythos, der inzwischen widerlegt ist, zu dessen Bestehen ich aber leider beigetragen habe, indem ich ihn jahrelang als Partyfakt verbreitet habe.

Samstag, 30. September 2017

Jetzt wird's interessant (naja ...)

Vor vielen Jahren wurde bei "Wer wird Millionär?" folgende Millionenfrage gestellt: "Der zoologische Name der Brillenschlange lautet ...?" Das war, wie ich gerade herausfand, übrigens jene Stufe der Fragenleiter, auf welcher die Kandidatin Meike Winnemuth (genau, die nachmalige und immernochige Stern-Kolumnistin!) nicht weiter wusste und daraufhin mit 500.000 Euro nach Hause ging. Zur Auswahl standen jedenfalls die Antwortmöglichkeiten "A: Oje oje; B: Naja naja; C: Aha aha; D: Soso soso".

Hätte ich die Lösung gekannt? Nun, mit der Pistole auf der Brust hätte ich mich für B entschieden, denn Naja erinnerte mich an ein altindisches Wort für "Schlange", und ist die Brillenschlange nicht in Indien beheimatet? Ich hätte richtig gelegen, der Artname geht letztlich auf nāga zurück, womit diverse Schlangen bezeichnet wurden, speziell aber, so gibt es zumindest das Standard-Sanskrit-Wörterbuch (Monier-Williams) an, die Spezies Coluber naga. Moderne zoologische Enzyklopädien scheinen diese Art allerdings nicht mehr zu kennen, in den Wikipediaeinträgen zur Gattung Coluber (Zornnattern) taucht sie jedenfalls nicht auf, vielmehr heißt es da: "Auf Grund molekulargenetischer Untersuchungen wurde die Gattung Coluber aufgesplittet und umstrukturiert. Die Untersuchungen hierzu sind noch nicht vollständig abgeschlossen." Und: "All Asiatic species of Naja were considered conspecific with Naja naja until the 1990s, often as subspecies thereof. Many of the subspecies were later found to be artificial or composites. This causes much potential confusion when interpreting older literature."

Womöglich weiß die Online-Reptiliendatenbank reptile-database.org mehr? Tut sie. Coluber naga ist demnach ein noch von Linné selbst eingeführtes Synonym zu Naja naja. Wie auch immer: Das bezeichnete Lebewesen ist eine Giftnatter, die man bei uns als "Brillenschlange" oder auch als "Südasiatische Kobra" kennt, im englischen Sprachraum als "Indian cobra" und "Asian cobra", jedenfalls als das Reptil schlechthin, wenn man an Indien denkt. Um noch einmal Wikipedia zu zitieren: "Naja naja is considered to be the prototypical cobra species within the Naja subgenus, and within the entire Naja genus."

Amüsant ist, dass nāga auch "Elefant" heißen kann; in Adolf Friedrich Stenzlers "Elementarbuch der Sanskrit-Sprache" ist dies sogar die einzig angeführte Bedeutung. Erklärung: Es handelt sich um eine Verkürzung aus *nāga-hasta, wörtlich "Schlangenhand", womit der Elefantenrüssel gemeint ist, welcher mit etwas Fantasie an eine Schlange gemahnt. 

Bleibt ein letztes Rätsel: Wieso Naja und nicht Naga? Warum hat Linné das indische -g- zu -j- latinisiert? Auch hier weiß die "Reptile Database" weiter: Das Wort ist nicht direkt von dem altindischen Wort abgeleitet, sondern – warum auch immer – vom singhalesischen Kognat, und dieses heißt naya.

Montag, 4. Januar 2016

Elementary, my dear Mendeleev

Nachdem ich versäumt habe, im Juni 2009 auf den Einzug des radioaktiven Elements Copernicium in das Periodensystem (Ordnungszahl 112, bis dahin Ununbium genannt) sowie auf die Entdeckung der Elemente Nr. 114 (Flerovium, vormals Ununquadium) und 116 (Livermorium, formerly known as Ununhexium) im Juni 2011 hinzuweisen, möchte ich hier und heute nicht hintanstehen, die größte PSE-Revolution seit Jahrzehnten in aller Knäppe zu dokumentieren: Nun gibt es nämlich auf einen Schlag auch die Elemente 113, 115, 117 und 118. Sie heißen in Fortführung des Benennungsmusters vorläufig Ununtrium, Ununpentium, Ununseptium und Ununoctium. Man darf gespannt sein, welche "echten" Namen diese künstlichen Elemente verpasst bekommen werden. Bislang bezeichnete man Ununpentium auch als Eka-Bismut, Ununseptium als Eka-Astat, Ununtrium als Eka-Thallium und Ununoctium als Eka-Radon. Das "Eka-" in diesen Namen ist wunderbarerweise das altindische Zahlwort für 1 (eka) und gibt noch nicht entdeckten Elementen die Bedeutung "eins unter Radon" usw. (= eine Periode unter Radon). Eigentlich auch ganz hübsch.

(Dies ist ein Update zu "Historischer Tag für Fans von den Elementen".)

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Von Löwen und Persern

Serendipity nennt man es, wenn man bei der Suche nach irgendetwas auf etwas anderes stößt, das sich im Nachhinein als viel relevanter als das ursprünglich Gesuchte entpuppt. Ein Musterbeispiel ist die unbeabsichtigte Entdeckung Amerikas durch Herrn Kolumbus. Oft tritt dieser Effekt im Internet zutage: wenn man also bei der Online-Recherche zufällig etwas Interessantes entdeckt.

Interessant ist zum Beispiel die Etymologie von Serendipity. Man kann sie überall nachlesen, weswegen ich sie hier nicht als Eigenleistung verkaufen möchte, sondern nur kurz wiedergebe.
Horace Walpole, Sohn des britischen Premierministers Robert Walpole, schrieb 1754 einen Brief an den britischen Botschafter in Florenz, Horace Mann (damals hießen alle Horace). Darin erklärt Walpole, dass er das Wort dem englischen Titel des persischen Märchens The Three Princes of Serendip entnommen habe. (Das Original von 1557 ist allerdings italienisch und heißt Peregrinaggio di tre giovani figliuoli del re di Serendippo. Der Herausgeber hatte die Geschichte von einem italienischen Autor gehört, der sie wiederum in dem persischen Märchengedicht Hasht-Bihisht von ca. 1302 kennengelernt hatte, welches wiederum auf dem Haft Paykar von ca. 1197 basiert, welches wiederum seine Wurzeln im persischen Königsbuch hat. Uff!)
In besagter Geschichte geht es jedenfalls um drei Prinzen, die immer wieder durch eine Mischung aus Glück und Gewitztheit in erbauliche Abenteuer taumeln. Walpole fand dieses Prinzip offenbar so einleuchtend und faszinierend, dass er dem Begriff mit serendipity einen Namen gab. Das namensgebende Herkunftsland der Prinzen, Serendip, ist ein alter Name Sri Lankas, der eine arabisierte Form des Sanskrit-Wortes Simhala-dvipa darstellt (simha- "Löwe" und dvipa- "Insel", vgl. auch Singapur, wörtlich "Löwenstadt"). Aus Simhala wurde übrigens im Pali (eine mittelindische Sprache) Sihalan und daraus im Malaysischen Sailan, was dann in Europa als Ceylon amtlich wurde.

Dafür, dass es das Wort Serendipity schon so lange gibt, kam es recht spät in Mode. Laut Google Ngram ist ein bemerkenswerter (gleichmäßiger) Anstieg erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auszumachen, im deutschen Sprachraum auch, allerdings mit zwei zwischenzeitlichen Rückgängen. Die deutsche Variante Serendipität gibt es im Übrigen auch, ist aber selten.

Freitag, 30. September 2011

Dumm-Wörter und die Folgen

Es ist erstaunlich, wie viele Leser eine Erwähnung im "BildBlog" zu generieren im Stande ist:

 
(Screenshot vom 29.09.11, 22 Uhr)

Noch schmeichelhafter als der Besucherstrom ist die Tatsache, dass sich ein anderes Blog, Belles Lettres, die Zeit genommen hat, auf meinen Beitrag zu antworten. Nun stehe ich natürlich wieder in der Antwortpflicht. (Achtung: Jetzt wird's langweilig!) (Zitate aus "Belles Lettres" kursiv.)
Komposita im Deutschen danach zu beurteilen, ob es in uralten Grammatiken des Indischen einen Begriff dafür gibt, ist … sagen wir: befremdlich.
Tja, was soll ich dazu sagen? Ich interessiere mich für Befremdliches. Deswegen habe ich den Text auch nicht einer Fachzeitschrift angeboten, sondern in meinem Privatblog veröffentlicht.
Das ist durchaus ein jahrtausendealtes Wortbildungsmuster [...], aber es geht doch nicht darum, ob man es machen kann, sondern ob man es machen soll.
Man merkt, dass "Belles Lettres" ein eher präskriptiv ausgerichtetes Journal ist. Ich verstehe mich als Beobachter, als Analytiker, und dass ich die von Bild immer mehr bevorzugte Wortbildungsart beschrieben habe, ohne auf die Frage des Darf-man-das? einzugehen, ist doch legitim. Wie bereits angedeutet, halte auch ich diese Wörter nicht für stilistisch wertvoll. In dem sie umgebenden Biotop des Boulevardjournalismus ist ihre Existenz aber zumindest nachvollziehbar (Motiv der Bild-Redakteure einerseits, Erwartungshaltung der Leser andererseits etc.).
Alle Wortbildungen führen zu festen Begriffen, an denen nichts mehr zu ändern ist. Sieht man von dichterischen Spontanbildungen ab, werden Begriffe nur dann gebildet, wenn sie vielfach anzuwenden sind.
Das habe ich nie bestritten; ich habe geschrieben, dass die genannten Komposita "als Ad-hoc-Bildungen geringe Chancen haben, irgendwann im Duden zu landen."
Das gilt im Deutschen wie im Altindischen. [...] Den Maharaja gibt es als Wortbildung nur, weil das Großkönigtum eine Instanz ist.
Natürlich nehmen Komposita oft Spezialbedeutungen an, die über die Summe der Bedeutung ihrer Glieder hinausgehen. Der nīlopala beispielsweise ist nicht nur ein "blauer Stein", sondern eben eine spezielle Art Edelstein, ein Saphir (Monier-Williams, Sanskrit-English Dictionary, S. 567). Das ist aber nicht allgemeingültig. Es gibt etwa den priyasakha, den "lieben Freund", der keine Spontanbildung ist, sondern mehrfach belegt ist, ohne eine "Instanz" geworden zu sein (Monier-Williams, S. 710); man denke auch an die vielen zusammengesetzten Substantive mit dem Adjektiv su- "gut". Insofern kann niemand davon abgehalten werden, einen "Schwerkoffer" - um das Beispiel aus "Belles Lettres" aufzugreifen - zu bilden. Ob sich daraus eine Begrifflichkeit und schließlich ein Einzug in den Wortschatz ergibt, liegt in der Hand der Sprecher (die, so ist es nun mal, von den Medien in nicht geringem Maße beeinflusst werden).
Dieses Schema ist überdies lexikalisch und morphologisch falsch: Ein Vermieter bleibt ein Vermieter, ganz gleich wie sein Herz beschaffen ist. Ist er herzlos, ist er ein herzloser Vermieter, aber kein Herzlos--Vermieter. Diese Bildung würde voraussetzen, daß sich Vermieter und Herzlos--Vermieter in ihrem Wesen als Vermieter unterscheiden. Genau das tun sie aber nicht: Beide vermieten.
Das ist nun wirklich Unfug. Selbstverständlich begreift jeder den gemeinten Unterschied zwischen einem Vermieter und einem "Herzlos-Vermieter". Mit derselben Logik könnte man über "Schwermetall" sagen: "Diese Bildung würde voraussetzen, dass sich Metall und Schwer-Metall in ihrem Wesen als Metall unterscheiden. Genau das tun sie aber nicht: Beide stehen im PSE links." (Das Beispiel ist bewusst gewählt, weil es keine "eindeutig[e] wissenschaftlich akzeptiert[e] Definition des Begriffes 'Schwermetall' gibt" [Wikipedia]. Schwermetalle, oder halt Schwer-Metalle, sind willkürlich so genannte schwere Metalle.)
Es soll so aussehen, aber tatsächlich liegt eine billige Zusammenrückung wie Muttergottes oder Bildzeitung vor.
Nix gegen Zusammenrückungen!
PS: Die Übersetzung ›Karma tragend‹ für Karmadhāraya ist ein false friend. Wer des Altindischen mächtig ist, übersetzt formal ›ein Amt tragend‹, aber das Wort ist außerhalb der Panini--Grammatik unerhört, deswegen übersetzt man es nur widerwillig und nie ohne Fußnote.
Verstehe ich nicht. Sicher, Manfred Mayrhofer schreibt, "eine gesicherte Übersetzung des ai. Fachausdruckes ist nicht gefunden" (Sanskrit-Grammatik, S. 102), aber man erlaube mir bitte, es wenigstens zu versuchen, um das Thema anschaulicher darzustellen. Außerdem ist -dhāraya als Ableitung von dhṛ- "halten" bekannt und geläufig (Whitney, Roots, S. 85).
PS: Im Impressum von "Belles Lettres" findet sich das schöne Wort (um nicht zu sagen: Schönwort) "Schönliteratur".

Mittwoch, 28. September 2011

Kommen jetzt die Dumm-Wörter?

Folgende Wörter waren in den vergangenen Monaten in der BILD-Zeitung bzw. auf bild.de zu finden:

  • Herzlos-Vermieter
  • Billig-Mini
  • Gemein-Wurf
  • Nackt-Ukrainerinnen
  • Brutal-Attacke
  • Peinlich-Auftritt
  • Schrill-Outfit

Ihnen gemein ist eine besondere Bildungsweise, die im Deutschen so gut wie nicht vorkommt. All diese Komposita (= zusammengesetzte Wörter) bestehen aus einem Adjektiv und einem Substantiv, wobei ersteres das zweitere näher bestimmt: Ein "Herzlos-Vermieter" ist ein herzloser Vermieter, ein "Peinlich-Auftritt" ist ein peinlicher Auftritt.

Ich habe geschrieben, dass diese Wortbildungsart so gut wie nicht vorkommt - einige Ausnahmen gibt es natürlich. Der "Freistaat" etwa ist ein freier Staat, ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert; ein "Schnellschuss" ist ein schneller Schuss, wird aber heute meist als Metapher ohne direkten Bezug auf das Schießen von Bällen oder Projektilen verwendet ("Nowotny gegen Schnellschuss bei Euro-Bonds"; derStandard.at, 18.08.2011). Man denke auch an "Starkbier", "Schnellzug", "Engpass", "Kurzgeschichte" oder "Heimlich-Manöver" (kleiner Scherz). Eine etwas größere Gruppe dieser Komposita kommt aus dem Tier- und Pflanzenreich, wobei oft ein Farbadjektiv das Erstglied ist: Braunbär, Blaualge, Gelbkiefer, Faultier, Kleinpferd.

Hiervon abzutrennen sind Wortbildungsprodukte nach dem Muster "Langohr", "Dummkopf", "Rotkäppchen" oder "Plattnase". Im Gegensatz zu den oben genannten Wörtern ist hier nämlich nicht das Zweitglied das Bezeichnete, sondern ein "außenstehendes" Subjekt, für welches das, was durch das Kompositum ausgedrückt wird, charakteristisch ist. "Langohr" bedeutet eben nicht "langes Ohr", sondern "Träger von langen Ohren", nämlich eine Fledermausart. "Rotkäppchen" heißt nicht der Kopfschmuck, sondern das Mädchen mit dem roten Käppchen. Solche exozentrischen Zusammensetzungen heißen Possessivkomposita oder auch, bevorzugt in der Vergleichenden Sprachwissenschaft, Bahuvrīhi (von altindisch "Vielreis" --> "jmd., der viel Reis hat").

Nun stellt sich die Frage, wie man Wörter à la "Nackt-Cowboy" (bild.de, 27.09.11) in der Sprachwissenschaft nennt. Wieder einmal helfen uns hier die alten Inder weiter. Die hatten für solche Komposita nämlich einen grammatikalischen Fachausdruck: Karmadhāraya ("Werk/Karma tragend"). Das wohl bekannteste Beispiel für ein Karmadhāraya ist mahārāja - "Großkönig"/"großer König". Weitere Vertreter: suputra "guter Sohn", nīlotpala "blauer Lotus", kṛṣṇaśakuni "schwarzer Vogel". In den gängigen Sanskrit-Lehrbüchern werden Karmadhārayas oft "appositionellbestimmte Komposita" genannt. Es ist ein einleuchtendes Verfahren der Wortschatzerweiterung. Und auch wenn die Beispiele aus der BILD nicht unbedingt die Krönung sprachlicher Ästhetik sind und als Ad-hoc-Bildungen geringe Chancen haben, irgendwann im Duden zu landen, kann man ihren Erfindern nicht den Vorwurf der "Sprachpanscherei" machen, allenfalls den, auf jahrtausendealte Wortbildungsmuster zurückgegriffen zu haben.

PS: Ganz verrückt wird es bei "Nackt-Beichte" (BILD) und "Schwanger-Glück" (Bunte): Es ist nämlich nicht eine nackte Beichte gemeint, sondern eine Beichte über ein vorangegangenes Nackigsein, und auch kein "schwangeres Glück", sondern das Glück über eine Schwangerschaft.

PPS: Vor ein paar Tagen erschien mir das Wort karmadhāraya tatsächlich als Captcha auf einer Filehoster-Seite. Unheimlich?