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Donnerstag, 8. September 2022

Die Korrekturen

Beim Tippen der Überschrift des letzten Beitrags musste ich an eine besprechenswerte Erscheinung im vor allem wissenschaftlichen Literaturbetrieb denken: die Korrekturseite(n). Werden nach Redaktionsschluss bzw. nach Druckbeginn noch Fehler entdeckt, werden diese nebst Korrekturen in einem Verzeichnis aufgeführt, welches entweder auf einer der hintersten Seiten im Buch angehängt oder als separater Ausdruck beigelegt wird. Als Beileger kann das Corrigendum eine lose Einzelseite oder auch mehrere (geklammerte) Seiten umfassen. Im Studium hatten wir ein Lehrbuch, das diesbezüglich den Vogel abschoss (wer's genau wissen will: Die 18. Auflage von Adolf Friedrich Stenzlers Elementarbuch der Sanskrit-Sprache, de Gruyter 1995). In ihm befand sich ein Heftchen mit nicht weniger als 141 Errata auf 11 Seiten! Kann das jemand überbieten?


Streber, der ich war, führte ich brav die (teils folgenschweren) Berichtigungen eine nach der anderen aus, bis das selbst mir zu anstrengend wurde.


Lustigerweise habe ich beim gestrigen Durchblättern des Buches einen weiteren, noch unentdeckten Fehler gefunden! Zur Verteidigung muss man sagen, dass diese 142 Schnitzer und Unstimmigkeiten nicht seit der Erstauflage von 1869 mitgeschleppt wurden. Die 18. Auflage stellt nämlich nicht nur eine Fortführung, sondern eine "völlige Überarbeitung" dar, wie im Vorwort dargelegt, wo zudem angekündigt wird, dass die 19. Auflage (welche dann 2003 erschien) nochmals erweitert werden solle. In deren Corrigenda würde ich auch gerne schnuppern.

Worin die feinen Unterschiede zwischen "durchgesehen", "ergänzt", "verbessert", "umgearbeitet" usf. bestehen, wäre übrigens auch mal eine endgültige Klarstellung wert. Und: Wie viel Überarbeitung darf ein Druckwerk erfahren, bis es keine neue Auflage, sondern ein genuin neues ist? Theseus' Schiff, ick hör' dir hupen ...

Samstag, 6. Juni 2020

Mein Jahr mit der Eule

Ich habe von April 2019 bis April 2020 (fast) jeden Tag eine Übung mit der Sprachlern-App Duolingo gemacht. Dafür gab es dann eine Auszeichung:


Gegen Duolingo ist im Grunde nichts zu sagen. Man trainiert sein Gehirn, prägt sich Vokabeln ein und wird dazu motiviert, sich einmal täglich ein paar Minuten voll und ganz einer Sache zu widmen. Allein, zum richtigen Erlernen einer Sprache taugt diese Anwendung meiner Meinung nach nur bedingt. Das Prinzip beruht auf Repetition, Einprägen, ja, auch auf logischem Denken, aber nicht auf Begreifen. Nennt mich altmodisch, aber ich möchte Flexionstabellen, Wortbildungsschemata, Phrasenstrukturbäume, kurzum: ein theoretisches Fundament vorgesetzt bekommen. Ein Fremdsprachenkurs sollte zunächst einen langen, trockenen Anlauf nehmen, bevor er sich in die praktische Anwendbarkeit stürzt, auch wenn das vielen Lernenden, die möglichst zügig Konversation betreiben wollen, zuwider ist. Natürlich wird es dann anfangs etwas zäh und fordernd, aber umso sattelfester ist man am Ende, und man freut sich, wenn man selbstständig etwas sagt oder schreibt, weil man die dafür notwendigen Regeln verinnerlicht hat.

Gelernt (naja: "gelernt") habe ich übrigens Hindi, und gerade bei dieser Sprache kommt Duolingo an seine Grenzen. Ich finde nämlich, dass Hindi in die Kategorie "hard to learn, easy to master" fällt, im Gegensatz etwa zu Englisch, das relativ leicht zu lernen, aber schwierig zu meistern ist. Viele Seltsamkeiten und scheinbare Irregularitäten habe ich mir erst nach Ewigkeiten durch Zufall erschlossen oder weil ich die Erklärungen in der Kommentarfunktion der App gelesen habe (zum Glück können User zu jeder Aufgabe Anmerkungen hinterlassen, und freundliche native speakers helfen gern). Hier wären einführende Lektionen, die nicht sofort Dinge abfragen, unabdingbar gewesen. Beispielsweise gibt es eine Höflichkeitsregel, nach der die Bezeichnungen älterer Personen im Plural stehen; unzählige Male habe ich intuitiv "mein Großvater" in den Nominativ Singular Maskulinum gesetzt, bevor ich nachgelesen habe, warum mir das als Fehler angekreidet wurde. (Apropos Verwandtschaftswörter: Hindi kennt für "Tante" und "Onkel" jeweils vier Wörter!) Auch ist mir bis heute nicht klar, wann bei einem negierten Aussagesatz das Hilfsverb wegfällt und wann nicht. Anderes Beispiel: Es gibt eine Vergangenheitsform, bei der sich die Konjugation des Verbs quasi nach dem Objekt im Satz richtet. Also, nicht wirklich, man muss es wie eine Passivkonstruktion interpretieren, und das betrifft auch nur transitive Verben, ach, es ist kompliziert, jedenfalls muss man da erst mal drauf kommen! Trotzdem ist das meiste wunderbar sinnvoll.


Sehr löblich und hilfreich: Duolingos Kommentarfunktion

Kennt man all die besonderen Kniffe und Fallstricke (und nach einem Jahr ist das geschätzt lediglich ein Bruchteil), kann man viel Freude an dieser Sprache haben, auch wenn Hindi freilich bei weitem nicht so elegant und edel wie klassisches Sanskrit ist.

Sonntag, 5. Januar 2020

Die spannende Welt der Semantik

Verweilen wir noch ein wenig im Themenfeld missverständliche Zeitangaben. Ein paar Stunden nachdem ich den Beitrag zu den Zwanzigerjahren geschrieben hatte, kam nämlich im Freundeskreis, ohne dass ich das Gespräch dahin gelenkt hätte, abermals die Frage auf, ob das laufende Jahrtausend denn nun am 1.1.2000 oder 2001 angefangen habe. Ein anwesender Rechtsanwalt wusste diesbezüglich zu berichten, dass damals die Neue Juristische Wochenschrift im Editorial eine scheinbar kloßbrühenklare Alternativ-Erklärung auftischte: Wenn Sie im Begriff sind, drei Weinkisten à zehn Flaschen zu trinken, dann ist die zweite Kiste selbstverständlich mit der zehnten Flasche aufgebraucht, und mit der Leerung der dritten beginnen Sie, sobald Sie die erste Flasche aus dieser herausnehmen. Grrr ...

Die Wurzel allen Übels liegt darin, dass es kein historisches Jahr 0 gegeben hat; die ersten Zehnerjahre unserer Zeitrechnung begannen mit dem Jahr 1, nicht mit 0. Leicht verkompliziert wird die Chose freilich durch die sog. astronomische Zählweise, welche dem Jahr 1 n. Chr. tatsächlich ein Jahr null vorausgehen lässt und diesem -1 und diesem -2 usw. Caesars Todesjahr beispielsweise ist nach astronomischer Zählung -43. Haben 43 und 44, genauer: |-43| und 44, hier also dieselbe Bedeutung? Zumindest haben sie dasselbe Referenzobjekt.

Dass gerade so etwas definitiv Festgelegtes wie Zahlen und Daten uneindeutig sein kann, empfinde ich, der ich Sprache eher naturwissenschaftlich als philosophisch betrachte
, als zutiefst beunruhigende Störung im System. Und das Beispiel mit den vorchristlichen Jahreszahlen ist kein Einzelfall. In bestimmten Regionen des deutschen Sprachraums, auch da, wo ich aufgewachsen bin, hört man (vor allem ältere) Menschen von "heute in acht Tagen" sprechen, wenn sie "in einer Woche", i.e. in sieben Tagen meinen. Hier "bedeutet" 7 somit dasselbe wie 8. Auch an dieser Formulierung sind die alten Römer schuld, denn mangels des Konzepts null versah man den Tag, an dem man sich befand, stets mit dem Wert 1, wenn man auf Tage in der Zukunft verwies. (Eine schöne Darstellung der Problematik gibt es auf der Seite fichtelgebirge-oberfranken.de)

Zum Glück brachten die Inder die Null ins Spiel. Apropos Indien: Im Hindi gibt es eigene Wörtchen für Brüche wie "eineinhalb" (ḍeṛh) und "zweieinhalb" (ḍhāī), und diese werden auch bei Zeitangaben benutzt, man sagt z.B. "eineinhalb Uhr" für "1 Uhr 30", so wie man nicht "zweitausendfünfhundert", sondern wörtlich "zweieinhalb tausend" (ḍhāī lākh) für 2500 sagt. (Es existiert übrigens extra für 10 Millionen ein kompaktes Zahlwort: karoṛ.) In diesem Zusammenhang fällt mir auch die Sitte im britischen Englisch ein, half past two (2 Uhr 30 bzw. 14 Uhr 30) zu half two zu verkürzen. Auf deutsch eingestellte Gehirne könnten half two als "halb zwei" = 1 Uhr 30 bzw. 13 Uhr 30 interpretieren. In dieser Phrase bedeutet "zwei" also "drei". Wer soll da bitte nicht durchdrehen?

Noch irrer wird es, wenn Wörter auch ihr eigenes Gegenteil meinen. Ein Klassiker des Deutschen ist das Verb anhalten, aber bleiben wir beim (britischen) Englisch: Einmal unterhielt ich mich mit ein paar etwa gleichaltrigen Engländern und Engländerinnen, und gleich zwei von denen erinnerten sich daran, in der Schule eine hochbetagte Lehrerin gehabt zu haben, die ihre Zöglinge mit dem Ruf "Sit!" zum Aufstehen aufforderte. Noch einmal kurz zum Hindi zurückgekehrt: Das Adverb kal kann sowohl mit "morgen" als auch mit "gestern" übersetzt werden, die konkrete Bedeutung lässt sich aber in der Regel aus dem Satzkontext (Zeitform des Verbs) erschließen. Beenden möchte ich diesen Diskurs mit einem Zitat aus Folge 2 von Michael Ziegelwagners "Natur – Der Kanon" (Titanic 12/2019):
Allerdings bezeichnen auch die Wörter "genervt" / "entnervt" trotz ihrer offenkundigen Polarität etwas Ähnliches, wie auch "belohnen" / "entlohnen", und da beschwert sich auch niemand. Hufeisentheorie der Sprache? Vexierbild Buchstabensalat? Die Apparate, von denen man seine U-Bahn-Fahrkarte stempeln lässt, tragen in Wien den deutschsprachigen Hinweis "Entwerter", auf englisch: "Ticket Validator"; je nach Muttersprache wird man hier einmal zum Wertlosmachen, einmal zum Gültigmachen angeleitet.

Samstag, 16. März 2019

Oida!

In einem Wikipedia-Artikel zu einem Indien-spezifischen Thema wurde das Wort, um das es ging, ganz oben in verschiedenen Sprachen aufgeführt, so wie es halt üblich ist. Nach Hindi, Urdu, Nepali, Sanskrit und Marathi stand dort: Odia. Hä, wunderte ich mich, warum habe ich noch nie von dieser Sprache gehört? Das darf nicht sein! Nun gut, in Indien werden über 100 Sprachen gesprochen, aber wenn eine so prominent in einem Artikel auftaucht, sollte ich sie doch kennen.

Des Rätsels Lösung: Odia ist eine Alternative zu Oriya als Transliteration von ଓଡ଼ିଆ und seit der Verabschiedung eines Verfassungszusatzes im Jahr 2011 die offizielle Schreibweise. Analog wurde auch der Name des Staates, in welchem diese Sprache am weitesten verbreitet ist, von Orissa zu Odisha geändert. Ich habe natürlich gleich versucht herauszufinden, woher dieses -r- in den alten Bezeichnungen kommt, und es scheint sich um einen sog. stimmhaften retroflexen Flap als intervokalisches Allophon von -ḍ- zu handeln, grob vergleichbar mit dem "alveolaren Tap" im amerikanischen Englisch, dem r-Sound in der Mitte von better bei einigen Dialekten.

Festzuhalten ist jedenfalls, dass sich nicht nur Sprachen ändern, sondern auch Namen von Sprachen. Man sollte immer die Augen offen halten.

Dienstag, 5. Juli 2016

The Biryani Incident

Möglicherweise ist euch, liebe Leserinnen und Leser, schon aufgefallen, dass ich nicht ungern übers Essen schreibe, und möglicherweise erinnert ihr euch an meine konstante Unentschiedenheit bezüglich der Frage, ob ich die indische oder die thailändische Küche für die beste der Welt halten soll. Jedenfalls: Momentan hat die Thaiküche die Nase vorn.

Hintergrund: Am Sonntag hatte ich nichts im Hause, was mir als Abendbrot hätte dienen können, weshalb ich bei einem von mir sehr geschätzten Imbisshaus telefonisch etwas bestellte, das ich später abholen würde. In der Vergangenheit hatte ich schon fast alle Gerichte aus der Sektion "Indisch" (mit großer Befriedigung) probiert, allein um die Biryanis hatte ich einen Bogen gemacht, halte ich diese doch für die langweiligsten kulinarischen Hervorbringungen des Indischen Subkontinents. Nun aber war mein Blick doch auf jenen Teil der Speisekarte gefallen, und beim Lesen der Nummer 174 – "Basmatireis mit Gemüse, Mandeln, Cashewkernen, Rosinen, Sauce" – dachte ich: 'Ach, yolo!' Ich rief an, orderte und holte das Gericht wenig später ab. Daheim war die Enttäuschung größer als mein Hunger. Nicht nur fehlte die versprochene Soße, welche die fade Reispfanne weitaus weniger trocken gemacht hätte, sie beinhaltete obendrein: Zwiebeln! "Tja, in indischen Mahlzeiten finden sich halt manchmal Zwiebeln, du Eumel!", mögt ihr jetzt rufen. Dazu will ich anmerken: Bei allen anderen Speisen dieses Hauses, in denen Zwiebeln vorkommen, ist dies ausdrücklich vermerkt. Bei Nr. 174 aber eben nicht! 

Trotzdem gebe ich zu, dass es eine Dummheit war, nicht extra nachgefragt zu haben. Immer wieder tappe ich in diese Falle, wo ich es doch langsam besser wissen sollte! Erst neulich hatte ich in einem Hotel an der Omelette-Bar frohen Mutes ein "Gemüseomelette" in Auftrag gegeben, nur um es dann an einen Mitreisenden zu verfüttern, weil unter "Gemüse" leider auch Zwiebeln verstanden worden waren. Und vor wenigen Monaten war ich so töricht, nicht davon auszugehen, dass in der Vorstellung mancher Küchenchefs Zwiebeln ein essentieller Bestandteil überbackener Nachos sind ... Zurück zum Biryani. Des Zwiebelpickens war ich alsbald überdrüssig, der Reis war erkaltelt und leichter Brechreiz setzte ein; die Hälfte des Mahls musste leider im Abfalleimer landen. Da wurde mir klar: Anders als in der indischen Küche gibt es in der thailändischen nichts wirklich Schlechtes – zumindest ist es mir noch nicht untergekommen.

Sonntag, 25. Januar 2015

O Brotherr, where art thou?

Indien darf man, wie das alte Hethiterreich, nicht nur als das Land der tausend Götter, sondern auch als Land der tausend Brote bezeichnen. Weil ich jedes Mal, wenn ich die Speisekarte eines indischen Restaurants oder Lieferservices vor mir habe, so angestrengt wie vergeblich versuche mich zu erinnern, was denn nun noch mal welches Brot war, habe ich ein paar kleine Merksprüche gedichtet, die mir – und vielleicht auch euch – die zukünftige Beilagenwahl erleichtern sollen.

Fluffig-dick, wie Pizzaboden:
Du hältst Naan in deinen Pfoten.

Rund und flach ist dieses Broti,
auf Metall bäckt man das Roti.

Aufgeplustert und frittiert,
so wird Puri stets serviert.

Magst du Crêpes und Pfannekuchen,
musst du Dosa mal versuchen.

Ist es knackig wie ein Pringle,
naschst du Papadam, du Schlingel.

Damit sind zumindest die verbreitetsten/beliebtesten Sorten abgehandelt. Verdammt, jetzt habe ich Appetit bekommen ...

Samstag, 4. Mai 2013

Der etwas andere Personenname

"Welt online" hat vergangene Woche über die jüngste Namensstatistik Rumäniens berichtet. Abgefahrene Vornamen wie "Minister", "Müll" oder "Verrückt" (also entsprechend auf Rumänisch) sind dort offenbar keine Seltenheit.

In diesem Zusammenhang muss ich natürlich auf die Namenskonventionen im indischen Bundesstaat Meghalaya hinweisen. Dort trifft man unter anderem auf Politiker namens Adolf Lu Hitler Marak oder Billy Kid Sangma. "When the indigenous tribes first converted to Christianity, the locals named their children after the missionaries who preached to them. Subsequent generations started favoring words and names they were familiar with but didn't have a good understanding of." (CNN)

Neulich dachte ich darüber nach, ob es neben Tennessee Williams und Dakota Fanning noch mehr Prominente gibt, deren Vorname wie ein US-Staat lautet. Indiana Jones gilt nicht (weil fiktional), Utah Ranke-Heinemann auch nicht (Spaß). Ich entdeckte dann diesen Blogeintrag und lernte u.a. Illinois Jacquet, Texas Guinan und Vermont Connecticut Royster kennen.

Ach ja: and then there's Dresden.

Freitag, 30. September 2011

Dumm-Wörter und die Folgen

Es ist erstaunlich, wie viele Leser eine Erwähnung im "BildBlog" zu generieren im Stande ist:

 
(Screenshot vom 29.09.11, 22 Uhr)

Noch schmeichelhafter als der Besucherstrom ist die Tatsache, dass sich ein anderes Blog, Belles Lettres, die Zeit genommen hat, auf meinen Beitrag zu antworten. Nun stehe ich natürlich wieder in der Antwortpflicht. (Achtung: Jetzt wird's langweilig!) (Zitate aus "Belles Lettres" kursiv.)
Komposita im Deutschen danach zu beurteilen, ob es in uralten Grammatiken des Indischen einen Begriff dafür gibt, ist … sagen wir: befremdlich.
Tja, was soll ich dazu sagen? Ich interessiere mich für Befremdliches. Deswegen habe ich den Text auch nicht einer Fachzeitschrift angeboten, sondern in meinem Privatblog veröffentlicht.
Das ist durchaus ein jahrtausendealtes Wortbildungsmuster [...], aber es geht doch nicht darum, ob man es machen kann, sondern ob man es machen soll.
Man merkt, dass "Belles Lettres" ein eher präskriptiv ausgerichtetes Journal ist. Ich verstehe mich als Beobachter, als Analytiker, und dass ich die von Bild immer mehr bevorzugte Wortbildungsart beschrieben habe, ohne auf die Frage des Darf-man-das? einzugehen, ist doch legitim. Wie bereits angedeutet, halte auch ich diese Wörter nicht für stilistisch wertvoll. In dem sie umgebenden Biotop des Boulevardjournalismus ist ihre Existenz aber zumindest nachvollziehbar (Motiv der Bild-Redakteure einerseits, Erwartungshaltung der Leser andererseits etc.).
Alle Wortbildungen führen zu festen Begriffen, an denen nichts mehr zu ändern ist. Sieht man von dichterischen Spontanbildungen ab, werden Begriffe nur dann gebildet, wenn sie vielfach anzuwenden sind.
Das habe ich nie bestritten; ich habe geschrieben, dass die genannten Komposita "als Ad-hoc-Bildungen geringe Chancen haben, irgendwann im Duden zu landen."
Das gilt im Deutschen wie im Altindischen. [...] Den Maharaja gibt es als Wortbildung nur, weil das Großkönigtum eine Instanz ist.
Natürlich nehmen Komposita oft Spezialbedeutungen an, die über die Summe der Bedeutung ihrer Glieder hinausgehen. Der nīlopala beispielsweise ist nicht nur ein "blauer Stein", sondern eben eine spezielle Art Edelstein, ein Saphir (Monier-Williams, Sanskrit-English Dictionary, S. 567). Das ist aber nicht allgemeingültig. Es gibt etwa den priyasakha, den "lieben Freund", der keine Spontanbildung ist, sondern mehrfach belegt ist, ohne eine "Instanz" geworden zu sein (Monier-Williams, S. 710); man denke auch an die vielen zusammengesetzten Substantive mit dem Adjektiv su- "gut". Insofern kann niemand davon abgehalten werden, einen "Schwerkoffer" - um das Beispiel aus "Belles Lettres" aufzugreifen - zu bilden. Ob sich daraus eine Begrifflichkeit und schließlich ein Einzug in den Wortschatz ergibt, liegt in der Hand der Sprecher (die, so ist es nun mal, von den Medien in nicht geringem Maße beeinflusst werden).
Dieses Schema ist überdies lexikalisch und morphologisch falsch: Ein Vermieter bleibt ein Vermieter, ganz gleich wie sein Herz beschaffen ist. Ist er herzlos, ist er ein herzloser Vermieter, aber kein Herzlos--Vermieter. Diese Bildung würde voraussetzen, daß sich Vermieter und Herzlos--Vermieter in ihrem Wesen als Vermieter unterscheiden. Genau das tun sie aber nicht: Beide vermieten.
Das ist nun wirklich Unfug. Selbstverständlich begreift jeder den gemeinten Unterschied zwischen einem Vermieter und einem "Herzlos-Vermieter". Mit derselben Logik könnte man über "Schwermetall" sagen: "Diese Bildung würde voraussetzen, dass sich Metall und Schwer-Metall in ihrem Wesen als Metall unterscheiden. Genau das tun sie aber nicht: Beide stehen im PSE links." (Das Beispiel ist bewusst gewählt, weil es keine "eindeutig[e] wissenschaftlich akzeptiert[e] Definition des Begriffes 'Schwermetall' gibt" [Wikipedia]. Schwermetalle, oder halt Schwer-Metalle, sind willkürlich so genannte schwere Metalle.)
Es soll so aussehen, aber tatsächlich liegt eine billige Zusammenrückung wie Muttergottes oder Bildzeitung vor.
Nix gegen Zusammenrückungen!
PS: Die Übersetzung ›Karma tragend‹ für Karmadhāraya ist ein false friend. Wer des Altindischen mächtig ist, übersetzt formal ›ein Amt tragend‹, aber das Wort ist außerhalb der Panini--Grammatik unerhört, deswegen übersetzt man es nur widerwillig und nie ohne Fußnote.
Verstehe ich nicht. Sicher, Manfred Mayrhofer schreibt, "eine gesicherte Übersetzung des ai. Fachausdruckes ist nicht gefunden" (Sanskrit-Grammatik, S. 102), aber man erlaube mir bitte, es wenigstens zu versuchen, um das Thema anschaulicher darzustellen. Außerdem ist -dhāraya als Ableitung von dhṛ- "halten" bekannt und geläufig (Whitney, Roots, S. 85).
PS: Im Impressum von "Belles Lettres" findet sich das schöne Wort (um nicht zu sagen: Schönwort) "Schönliteratur".

Mittwoch, 28. September 2011

Kommen jetzt die Dumm-Wörter?

Folgende Wörter waren in den vergangenen Monaten in der BILD-Zeitung bzw. auf bild.de zu finden:

  • Herzlos-Vermieter
  • Billig-Mini
  • Gemein-Wurf
  • Nackt-Ukrainerinnen
  • Brutal-Attacke
  • Peinlich-Auftritt
  • Schrill-Outfit

Ihnen gemein ist eine besondere Bildungsweise, die im Deutschen so gut wie nicht vorkommt. All diese Komposita (= zusammengesetzte Wörter) bestehen aus einem Adjektiv und einem Substantiv, wobei ersteres das zweitere näher bestimmt: Ein "Herzlos-Vermieter" ist ein herzloser Vermieter, ein "Peinlich-Auftritt" ist ein peinlicher Auftritt.

Ich habe geschrieben, dass diese Wortbildungsart so gut wie nicht vorkommt - einige Ausnahmen gibt es natürlich. Der "Freistaat" etwa ist ein freier Staat, ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert; ein "Schnellschuss" ist ein schneller Schuss, wird aber heute meist als Metapher ohne direkten Bezug auf das Schießen von Bällen oder Projektilen verwendet ("Nowotny gegen Schnellschuss bei Euro-Bonds"; derStandard.at, 18.08.2011). Man denke auch an "Starkbier", "Schnellzug", "Engpass", "Kurzgeschichte" oder "Heimlich-Manöver" (kleiner Scherz). Eine etwas größere Gruppe dieser Komposita kommt aus dem Tier- und Pflanzenreich, wobei oft ein Farbadjektiv das Erstglied ist: Braunbär, Blaualge, Gelbkiefer, Faultier, Kleinpferd.

Hiervon abzutrennen sind Wortbildungsprodukte nach dem Muster "Langohr", "Dummkopf", "Rotkäppchen" oder "Plattnase". Im Gegensatz zu den oben genannten Wörtern ist hier nämlich nicht das Zweitglied das Bezeichnete, sondern ein "außenstehendes" Subjekt, für welches das, was durch das Kompositum ausgedrückt wird, charakteristisch ist. "Langohr" bedeutet eben nicht "langes Ohr", sondern "Träger von langen Ohren", nämlich eine Fledermausart. "Rotkäppchen" heißt nicht der Kopfschmuck, sondern das Mädchen mit dem roten Käppchen. Solche exozentrischen Zusammensetzungen heißen Possessivkomposita oder auch, bevorzugt in der Vergleichenden Sprachwissenschaft, Bahuvrīhi (von altindisch "Vielreis" --> "jmd., der viel Reis hat").

Nun stellt sich die Frage, wie man Wörter à la "Nackt-Cowboy" (bild.de, 27.09.11) in der Sprachwissenschaft nennt. Wieder einmal helfen uns hier die alten Inder weiter. Die hatten für solche Komposita nämlich einen grammatikalischen Fachausdruck: Karmadhāraya ("Werk/Karma tragend"). Das wohl bekannteste Beispiel für ein Karmadhāraya ist mahārāja - "Großkönig"/"großer König". Weitere Vertreter: suputra "guter Sohn", nīlotpala "blauer Lotus", kṛṣṇaśakuni "schwarzer Vogel". In den gängigen Sanskrit-Lehrbüchern werden Karmadhārayas oft "appositionellbestimmte Komposita" genannt. Es ist ein einleuchtendes Verfahren der Wortschatzerweiterung. Und auch wenn die Beispiele aus der BILD nicht unbedingt die Krönung sprachlicher Ästhetik sind und als Ad-hoc-Bildungen geringe Chancen haben, irgendwann im Duden zu landen, kann man ihren Erfindern nicht den Vorwurf der "Sprachpanscherei" machen, allenfalls den, auf jahrtausendealte Wortbildungsmuster zurückgegriffen zu haben.

PS: Ganz verrückt wird es bei "Nackt-Beichte" (BILD) und "Schwanger-Glück" (Bunte): Es ist nämlich nicht eine nackte Beichte gemeint, sondern eine Beichte über ein vorangegangenes Nackigsein, und auch kein "schwangeres Glück", sondern das Glück über eine Schwangerschaft.

PPS: Vor ein paar Tagen erschien mir das Wort karmadhāraya tatsächlich als Captcha auf einer Filehoster-Seite. Unheimlich?