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Montag, 31. August 2026

Makes you think ...

Beim Frühstück höre ich im Deutschlandfunk von neuerlichen Angriffen der USA auf den Iran und Vergeltungsschlägen Teherans auf Ziele in Jordanien. Später schaue ich, meinem montäglichen Vor-der-Arbeit-Ritual frönend, noch eine alte Folge "Saturday Night Live". Es ist die Episode vom 18. Februar 1989 (Ep. 14x13, Host: Leslie Nielsen), und das Thema der Woche ist die Verhängung einer Fatwa gegen Salman Rushdie ("Die satanischen Verse") durch den Ajatollah. In der ersten Meldung in "Weekend Update" werden, als Verlängerungswitz, die kommenden Mordaufrufe Chomeinis aufgezählt, nämlich gegen: Sidney Sheldon ("The Sands of Time"), Jackie Collins ("Rock Star") und, als vom Publikum heftig bejubelte Pointe, Donald Trump ("The Art of the Deal").



"Was für eine irrwitzige Verknüpfung!", muss man damals gedacht haben. "Der religiöse Führer des Irans gegen einen vulgären Baulöwen aus New York, lächerlicher geht's nicht!" Ach, hätte man damals in die Zukunft blicken können ...

Donnerstag, 25. Juni 2026

Saturday Night News

Kurzes Status-Update zu meinem Langzeitprojekt "Sämtliche jemals ausgestrahlte Episoden von 'Saturday Night Live' gucken": Es ist eine Achterbahnfahrt! Irgendwann im ersten Quartal 2026 hatte ein heiligzusprechender User auf archive.org alle (!) Staffeln hochgeladen, und zwar VHS-Rips der Original-NBC-Cuts, zum Teil inklusive Werbung. Nicht nur konnte ich somit endlich Season 7 abschließen (die ich, trotz Eddie Murphy, unterwältigend bis schnarchig fand), ich habe mir auch direkt die komplette Staffel 14 heruntergeladen. Nachdem ich davon die ersten drei Ausgaben gesehen habe, lege ich mich fest: Die späten Achtziger sind meine zweitliebste Phase der SNL-Geschichte und haben die Ära, in der ich "eingestiegen" bin und zum Superfan wurde (ca. S34-37), abgelöst und auf Platz 3 verdrängt (unveränderter Favorit: die zweite Hälfte der 1990er). Jedes einzelne Mitglied in diesem überschaubaren, aus heutiger Sicht geradezu winzigen Casts (ich bin übrigens schon sehr gespannt auf Ben Stillers stint als Featured Player!) ist ein unersetzliches Rädchen in einer perfekt geölten Maschinerie, zu deren Funktionieren freilich auch ein brillantes Autorenteam sowie eine Reihe legendärer Hosts gehörten. Der politische Humor ist mit der feinste, den die Show je geliefert hat; außerdem ist es faszinierend, aus der Zukunft den närrischen Bush-vs.-Dukakis-Wahlkampf zu "beobachten". Zusammengezuckt bin ich nur einmal, als in "Weekend Update" ein gewisser Donald Trump Objekt eines Witzes war.

Welche der mir noch fehlenden Staffeln (4-6, 8-13) werde ich mir danach vornehmen? Das steht in den Sternen, denn kurz nach dem Internet-Archive-Upload-Segen waren alle Dateien wieder verschwunden. Hätte ich doch bloß alles instantan gesichert! Jetzt gibt es, wenn überhaupt, lediglich die stark (um-)geschnittenen Peacock-Versionen, die i.d.R. noch unbrauchbarer sind als die Comedy-Central-Reruns, welche man gelegentlich im Netz findet. Argh! Nun, gut Ding will Weile haben, und erst mal liegen ja 17 Folgen eines exzeptionellen Jahrgangs vor mir.

Mittwoch, 19. Februar 2025

Einige Gedanken zu #SNL50

Im Rahmen des 50-jährigen Bestehens von "Saturday Night Live" hat NBC sich nicht lumpen lassen und vor der großen, wirklich gelungenen Jubiläums-Show mehrere nicht minder tolle Specials ausgestrahlt: eine vierteilige Dokumentation (von denen eine ganze Folge ausschließlich dem Making-of von "More Cowbell" gewidmet war!), den Dreistünder "Ladies & Gentlemen" über "50 years of SNL music", ein "Homecoming Concert" in der Radio City Music Hall sowie ein Red Carpet Event.

Insbesondere der erhellende Vierteiler machte noch einmal deutlich, wie stark der Einfluss von Lorne Michaels auf die Show nach wie vor ist. Als Executive Producer könnte der Achtzigjährige sich genauso gut zurücklehnen, ein- bis zweimal die Woche ins Studio kommen und die fertige Sendung abnicken, während die wesentliche Arbeit von einem fähigen Zirkel Vertrauter erledigt wird, aber nein: Bei der Auswahl der Sketche hat Lorne das letzte Wort, keine einzige Zeile geht ohne seinen Segen über den Äther, den exakten Ablauf der Show bestimmt er nahezu allein, nichts wird dem Zufall oder Untergebenen überlassen. Umso schleierhafter ist mir, dass sich immer wieder humoristische Kardinalsünden einschleichen – und zwar seit ungefähr Staffel 42 häufiger als vorher –, die ein Comedy-Fachmann mit über einem halben Jahrhundert Erfahrung niemals durchgehen lassen dürfte. Ich beziehe mich hier vor allem auf das unsägliche "explaining the joke". Dass Witzerklärung der Tod der Pointe ist, hat man bei SNL offenbar vergessen, oder es ist allen Beteiligten egal. Wobei ich seit Beginn von Season 49 wieder eine allgemeine Qualitätszunahme beobachte, nachdem vor fünf, sechs Jahren noch regelmäßig Ausgaben liefen, die das Prädikat unwatchable streiften. Unter anderem die ermüdenden cameo fests und das ständige breaking sind deutlich zurückgegangen. Es gibt auch keine Ensemblemitglieder mehr, die mich nerven, ja sogar solche, die mich früher genervt haben, konnte ich inzwischen liebgewinnen (Mikey Day, Bowen Yang) oder zumindest tolerieren (Please Don't Destroy).

In bleaker news: Mein Projekt "Sämtliche Episoden von SNL sehen" ist zu einem unfreiwilligen Stopp gekommen. Mir "fehlten" nur noch elf Staffeln, welche sich seit 2021 ganz einfach im "Internet Archive" nachholen ließen, weil sie dort zu meiner Freude jemand komplett hochgeladen hatte. Ende 2024, ich war gerade mitten in Season 7, war jedoch plötzlich alles weg. Alle. Episoden. Gelöscht. Und ich dachte, was einmal auf archive.org landet, bleibt auf ewig da! Nun bin ich wieder in der Situation, wo ich mich in zwielichtige Gegenden des Internets begeben muss, denn auf legalem Wege ist historisches SNL-Material berüchtigerweise nicht zu beschaffen. Ein Kommentator im "One SNL a Day"-Blog brachte vor einer Weile die Misere auf den Punkt:

I have to say… the video legacy of SNL has been treated like garbage.

Aside from the excellent season 1-5 DVDs, what do we have? A bunch of cheaply packaged, truck-stop-grade DVDs of chopped up sketches that purport to be the best of certain cast members…. some of whom were barely integral to the show when they were on it, let alone now, decades later.

We have edited-to-death online versions of certain episodes that are buried in other services.

We have a yawning, 25 year gap on Hulu (last I checked) for full episodes — and that’s a service that’s tanking. I can see every millisecond of Peter Saarsgard on Hulu, but screen legend Robert Mitchum is MIA.

Then there’s a totally random selection of sketches on the atrocious NBC website for anyone who loves mislabeled files that are constantly buffering … and they don’t even pick the best ones! I can forgive the omission of sketches for music rights (Buckwheat sings, for example), but from this very episode I’m commenting on, they paid to get Chippendale’s online. No love for Eddie?

And so to find everything else, we’re left with crappy smartphone video shot off a TV screen, horrible sounding Dailymotion uploads that get removed, weird foreign websites sourced from 20 year old Comedy Central broadcasts on VHS, and the occasional sketch that sneaks onto YouTube… till Broadway Video takes it down.

But WHY?

If their goal is to prevent others from profiting, well, what’s stopping you guys from posting the content yourselves? What are you waiting for? Some new format where video is injected directly into the bloodstream with the accompanying pharmaceutical-grade markup?

Does Broadway think reruns on E! and VH1 will suddenly become super profitable and popular again?

Is there some forthcoming SNL paid app with every sketch ever (which would be amazing)?

Are they trying to quash anything embarrassing from the past? Well I have news for you: the stuff that IS being posted up isn’t always the best.

SOMEone is looking at every episode and saying “post this sketch, but not that one.”

And whoever this hipster is has ZERO regard for the audience. They have ZERO sense of history or quality. They have ZERO social media savvy. They have ZERO sense of humor. Maybe send this person back to the NBC legal clerk intern program and choose someone who, oh, I don’t know, watched the show before 2017.

Because right now, SNL from before ‘17 has been treated like crap.

Consider this: I can get every episode of Welcome Back, Kotter (which debuted the same season as SNL) delivered to my door step in 24 hours.

But if I want to see James Brown rocking 8H, or Howard Cosell as Ed Grimley, or Francis Ford Coppola directing George Wendt, or Donald Trump selling chicken, or the “Ghost” sketch from this very episode… it’s close to impossible.

Season 7 zu erleben, war für mich aus mehreren Gründen etwas Besonderes. Nicht nur handelte es sich nach dem auf seine eigene Weise ergründenswerten, weil als desaströs geltenden Jean-Doumanian-Jahr um die erste von mehreren "Wiedergeburten" der Show – sie atmet zudem den Geist einer Ära, die mich ungemein fasziniert. New York war in den 1980ern ein dunkler, rauer, abgerockter Moloch, auf dessen Zustand bereits die opening montage mit ihrem gritty Schwarz-Weiß und Mel Brandts Ansage "From New York, the most dangerous city in America” verweist. Dass in diesen Jahren die gesamte Kreativszene permanent bis in die Haarspitzen zugekokst war, merkt man dem Chaos und der Quirligkeit der von Dick Ebersol produzierten Staffeln an. Und dann ist da noch Eddie Murphy! Glücklicherweise konnte ich bereits die Ausgabe von Halloween 1981 sehen, die erste nach meiner Geburt gelaufene! Die ist insoweit legendär, als sie eine der wildesten, unvorhergesehensten musikalischen Performances der SNL-Geschichte enthielt (Fear!). Wer weiß, wann ich mein fernsehhistorisches Vorhaben werde fortsetzen können. Bis dahin freue ich mich jedenfalls auf die nächsten (wenn auch nicht notwendigerweise 50) Jahre, denn das Anniversary Special hat nicht nur mich versöhnlich gestimmt: "It’s kinda stupid that sometimes I need to be reminded that I love this show because it’s a sketch show and hit & miss by design but goddamn, I do love this show." (@ThatWeekInSNL auf Twitter)

Mittwoch, 14. August 2024

Ich war noch niemals in New York (2024/25-Edition)

Es ist August, und das heißt: Die "Saturday Night Live"-Ticket-Lotterie läuft wieder! Allein ich werde mich heuer nicht um Eintrittskarten für die legendäre Show bewerben. Grund #1: Weil die kommende Staffel die Jubiläums-Season ist (50!), gehe ich davon aus, dass die Plätze noch begehrter sind als eh schon und also die Wahrscheinlichkeit, gezogen zu werden, noch geringer ist. Grund #2: Mein nächstes halbes Jahr ist bereits ziemlich dicht durchgetaktet, ein (zudem relativ spontaner) Trip in die USA eigentlich nicht machbar; im schlimmstmöglichen Ausgang bekomme ich ein Datum zugewiesen, an dem ich nicht kann, und meine Tickets verfallen – Klappe zu, Affe tot, ein zweites Mal würde ich bestimmt nicht gewinnen.

Aufgerufen habe ich die NBC-Seite trotzdem mal, und I'll be a son of a gun, die haben die Regeln modifiziert! Zum einen ist jetzt die Rede von "a set number of tickets", die man im Gewinnfall zugestellt bekomme; ich bin mir zu 95 % sicher, dass zuvor exakt zwei Tickets für jede erfolgreiche Bewerbung ausgelobt worden waren. Und dann steht da noch: "tell us why YOU would like to be a part of our studio audience!" Waaas?! Soll ich jetzt jedes Jahr ein Motivationsschreiben anfertigen? Okay. Ein gutes Argument dafür, ausgerechnet mich ins Studio 8H zu lassen, ist, dass ich das seit nunmehr 15 Jahren versuche. Über weitere kann ich 2025 nachdenken.

Montag, 12. Juni 2023

Kurz notiert: Die legendäre Late-Night-Tasse

In meinem fortlaufenden Projekt "Alle Folgen von 'Saturday Night Live' gucken" befinde ich mich gerade in den Staffeln 3 bzw. 16. Zuletzt habe ich die Ausgabe vom 6. Oktober 1990 gesehen (16x02, Susan Lucci / Hothouse Flowers) und etwas Bemerkenswertes entdeckt: In einem Sketch mit Mike Myers als zu nah am Wasser gebautem Bürokollegen kommt ein Ike-Eisenhower-Kaffeepott vor, und ich will verdammt sein, wenn das nicht exakt derselbe mug ist, der später jahrelang bei Conan auf dessen Late-Night-Schreibtisch stand.



Wahrscheinlich hat Conan O'Brien, der zu jener Zeit Autor bei SNL war, den Pott später einfach als Souvenir mitgenommen, oder ihm hatte dieser bereits eh gehört. Stooge vom "One SNL a Day"-Blog mutmaßt, dass der nämliche Büro-Sketch von Conan (mit-)geschrieben wurde, und ich stimme ihm eingedenk der Conan-typischen Pointe zu.

Mittwoch, 15. Juni 2022

Into the Learoverse

In meinem "Saturday Night Live"-Durchlauf noch nicht gesehener Staffeln war neulich Episode 29x17 dran (10. April 2004). Host war Janet Jackson, ein Gig, der sich hauptsächlich dem Umstand verdankte, dass Amerika während jener unschuldigen Zeit wochenlang über nichts anderes redete als über den Super Bowl nip slip. (Die Älteren werden sich erinnern.) Jacksons Verpflichtung begünstigte aber auch das Zustandekommen eines Sketches, mit dem ich zunächst nichts anfangen konnte: der Parodie einer Sitcom namens Good Times, in welcher die junge Janet Jackson eine wiederkehrende Rolle gehabt hatte. Nebenbemerkung: Wer sich den verlinkten Youtube-Clip anschaut, wird den vor allem aus Curb Your Enthusiasm bekannten Komiker J.B. Smoove entdecken; der hatte sich nämlich als Ensemblemitglied bei SNL beworben, ist dann "nur" im Schreibteam gelandet, war aber hin und wieder vor der Kamera zu sehen, und dies dürfte sein markantester Auftritt gewesen sein.

Ich wollte Näheres über die Serie wissen und erfuhr so allerlei. "Good Times" lief von 1974 bis 1979 in sechs Staffeln auf dem Sender CBS und wurde produziert von Norman Lear. Und dieser Kerl ist nicht weniger als eine Legende. Er wird nächsten Monat 100 Jahre alt und hat in seiner jahrzehntelangen Karriere Formate entwickelt, die aus der amerikanischen Popkultur nicht wegzudenken sind. Dass er auch bei "The Princess Bride" mitwirkte, ist da nur eine Fußnote. Wie es Gevatter Zufall so will, stolperte ich wenige Tage nachdem ich genannte SNL-Folge gesehen hatte, auf die Meldung, dass ein animiertes Reboot von "Good Times" noch dieses Jahr auf Netflix starten soll – produziert vom unermüdlichen Norman Lear! Leider finde ich die Nachricht nicht mehr; die meisten News dazu stammen von 2020 und vermelden, dass sowohl Seth MacFarlanes Produktionsfirma Fuzzy Door als auch der Basketballspieler Steph Curry darin involviert sein sollen.

"Good Times" ist eine in zweifacher Hinsicht typische Lear-Produktion. Erstens war sie für das Sitcom-Genre einigermaßen fortschrittlich insofern, als sie gesellschaftliche Vielfalt abbildete, das durchschnittliche US-Publikum auch vor unangenehmen Themen nicht verschonte und von der Unterhaltungsindustrie oft übersehene Schichten in den Fokus rückte, in diesem Fall eine von Fortuna nicht gerade begünstigte Schwarze Familie aus den projects (Stichwort Cabrini-Green). Dass die Zuschauer in den wilden Siebzigern durchaus offen für solche Stoffe waren, zeigte sich in den herausragenden Quoten, die erst nach Besetzungsänderungen infolge interner Querelen peu à peu einbrachen.

Das zweite Lear'sche Trademark, für das "Good Times" beispielhaft steht, ist sein, Lears, Geschick darin, die Networks zu überzeugen, eine Kuh bis zum Äußersten zu melken, dabei aber regelmäßiger Frischzellenkuren zu unterziehen, wenn mir diese schiefe Tiermetapher gestattet sei. "Good Times" gilt als das erste Spin-off eines Spin-offs der Fernsehgeschichte. Eine der Hauptfiguren in "Good Times" entstammte der Sitcom Maude: Florida Evans (gespielt von Esther Rolle) hatte die beim Publikum überaus beliebte Haushälterin der titelgebenden Maude verkörpert, und auch ihr Mann Henry Evans (John Amos, u.a. bekannt aus den "Prinz aus Zamunda"-Filmen) war schon bei "Maude" aufgetaucht, wurde für "Good Times" dann allerdings in James umbenannt. Er und Lear überwarfen sich nach Staffel 3, was dazu führte, dass die Figur des James aus der Serie geschrieben = off-screen getötet wurde. So was kennt man ja. Etwas befremdlicher dürfte dagegen die Entscheidung gewirkt haben, die 5. Staffel – nach ungehörten Beschwerden der Darstellerin – ohne die Hauptfigur Florida über den Äther laufen zu lassen, bevor diese in der finalen 6. Staffel zurückkehrte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Einschaltquoten jedoch schon im Sinken begriffen.

Man sieht: Hinter den Kulissen war nicht alles eitel Sonnenschein, doch der Erfolg gab dem Prinzip Lear recht. In der TV-Saison 1974/75 hatten drei der zehn meistgesehenen Serien einen überwiegend afro-amerikanischen Cast, und an allen dreien war Norman Lear beteiligt: "Good Times", "The Jeffersons" und "Sanford and Son". Über die letzten beiden sind separat ein paar Worte zu verlieren. Und zwar jetzt.

Sanford and Son brachte es von 1972 bis 1977 auf 136 Episoden in sechs Staffeln. Den ins Ohr gehenden Titelsong dürfte man auch hierzulande schon mal gehört haben. Weniger bekannt ist, dass die Serie ein Remake der BBC-Produktion Steptoe and Son war (8 TV- und 6 Radio-series, zwei Filme, 1962-1976). Norman Lear war Ausführender Produzent und Co-Developer, tauchte aber nie in den Credits auf, was daran gelegen haben mag, dass er mit dieser NBC-Show quasi seine eigene Konkurrenz lanciert hatte, nämlich zu "All in the Family" auf CBS (dazu gleich). Vater Sanford verkörperte die Stand-up-Legende Redd Foxx (warum hat der keinen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag?), den Sohn Demond Wilson (* 1946). Fun fact: An zwei Drehbüchern von "Sanford and Son" war eine weitere Stand-up-Legende beteiligt, nämlich Richard Pryor! 1977 gab es den Versuch eines Spin-offs ohne die zwei Hauptcharaktere: Von Sanford Arms wurden, mit Norman Lear als Consultant, acht Folgen produziert, vier davon ausgestrahlt, die restlichen vier erst im Rahmen einer Wiederholung 1991. Etwas erfolgreicher war Sanford (1980-1981), das wieder Redd Foxx in seiner alten Rolle zeigte (das Fehlen seines Sohnes wurde damit erklärt, dass dieser an der Trans-Alaska-Pipeline mitarbeitete); Lear hatte damit nichts mehr zu tun.

Noch einmal nach Großbritannien. Dort liefen von 1965 bis 1975, zum Teil noch in schwarz-weiß, sieben Staffeln der Serie Till Death Us Do Part. Aufgrund der berüchtigten Wiping-Praxis der BBC – Bänder wurden routinemäßig überspielt oder gelöscht – sind 16 der 54 Episoden verschollen. Großen Einfluss erlangte die Sitcom so oder so, nicht nur in der Heimat: Etliche Remakes erblickten im Ausland das Licht der Welt, darunter die deutsche Kultreihe Ein Herz und eine Seele und in den USA eben All in the Family. Mit dieser Blue-collar-Comedy landete Schöpfer Norman Lear, wenn auch anfänglich eher bei den Kritikern denn beim Publikum, seinen ersten und gleichzeitig epochalsten Hit. Der TV Guide hievte "All in the Family" auf Platz 4 seiner Liste der "50 Greatest TV Shows of All Time", die Writers Guild of America wählte sie zur viertbestgeschriebenen Serie aller Zeiten, und der Sender Bravo kürte die Hauptfigur Archie Bunker zum "Greatest TV Character". "All in the Family" führte fünf Jahre in Folge die Nielsen-Ratings an, das war vorher noch keinem Format gelungen. CBS ließ zwischen 1971 und 1979 insgesamt 205 Folgen in neun Staffeln produzieren und ausstrahlen. (Bemerkenswert: Knapp zwei Jahrzehnte später startete auf diesem Sender mit King of Queens eine ebenfalls über neun Seasons, sogar mit zwei Folgen mehr, laufende Serie, die sich mit "All in the Family" den Schauplatz teilte.)

Die Serie um Carroll O'Connor als bigotten, aber liebenswerten Familienvater war nicht nur quotenmäßig bahnbrechend, sondern auch inhaltlich. Themen, die zuvor als tabu galten, wurden hier regelmäßig zur besten Sendezeit verhandelt, so etwa (ich übersetze die englischsprachige Wikipedia) Rassismus, Antisemitismus, Untreue, Homosexualität, Emanzipation, Vergewaltigung, Religion, Fehlgeburten, Abtreibung, Brustkrebs, der Vietnamkrieg, Menopause und Impotenz. Wohlgemerkt hat man diese heiklen Terrains nicht erst aufmerksamkeitsheischend in späteren Staffeln betreten; die meisten davon spielten bereits in Season 1 eine Rolle. Später wurden auch noch behandelt: Arbeitslosigkeit, Schusswaffenreglementierung, Partnertausch, Kleptomanie, Hassverbrechen, Spielsucht, geistige Behinderung, Organspende, Cross-dressing, häusliche Gewalt, Medikamentenmissbrauch, Depression, Altersdiskriminierung, Sterbehilfe und, das noch als kleines Kuriosum, Behördenchaos durch Computerfehler (im Jahr 1973!). Jawohl, ich habe soeben alle Inhaltsangaben gelesen. Der Humor kam trotzdem nie zu kurz. Für den gigantischsten Brüller – das Live-Publikum lachte so lange, dass die Szene für die Ausstrahlung stark geschnitten werden musste – sorgte Sammy Davis Jr. (ja, von solchem Kaliber waren die Gaststars), der Archie einen Knutscher auf die Wange versetzte.

Mit dem Finale der 2. Staffel wurde dann das erste Spin-off eingeleitet, die Folge "Maude" war der Backdoor pilot für die gleichnamige Serie, nachdem die Figur der Maude in Episode 2x12 als Cousine von Archies Frau Edith Bunker (Jean Stapleton) eingeführt worden war. Bis 1978 sollte Beatrice "Bea" Arthur (später eines der drei Golden Girls) in der Rolle der an Norman Lears damalige Ehefrau Frances angelehnte Maude Findlay schlüpfen. Galt "All in the Family" schon als progressiv, sollte "Maude" im Verlauf ihrer sechs Seasons noch mehrere Schippen drauflegen, womit Unmut in konservativen Kreisen programmiert war. Die zu Beginn 47 Jahre alte, zum vierten Mal verheiratete Maude war eine ultra-liberale Feministin und ging als erste fiktive Person im US-Fernsehen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch unterzieht, in die Annalen ein. Schon in der ersten Staffel, rund zwei Monate vor der wegweisenden Supreme-Court-Entscheidung Roe v. Wade, lief die entsprechende Episode, die zu wiederholen sich Dutzende Affiliates weigerten. Auch von der ersten Staffel an dabei war Haushaltshilfe Florida, die schließlich 1974 ihre eigene Serie erhielt; siehe oben.

Und damit schließt sich der Kreis ... noch nicht ganz: Noch vor Maude, nämlich direkt im Piloten von "All in the Family", wurde der Nachbar der Bunkers, George Jefferson, eingeführt. George und seine Familie verabschiedeten sich in Folge 5x16 ("The Jeffersons Move Up") nach Manhattan. Die Black comedy The Jeffersons konnte sich sagenhafte elf Staffeln lang halten, mit 253 Episoden bis 1985. Weniger Glück war dem Hausmädchen der Jeffersons, Florence Johnston (Marla Gibbs), beschieden, deren Ableger Checking In 1981 nach gerade mal vier Folgen abgesetzt wurde. "The Jeffersons" spielt außerdem im selben Serien-Universum wie E/R (1984-1985, nicht zu verwechseln mit "ER", bei uns "Emergency Room"): Eine der darin vorkommenden Krankenschwestern (Lynne Moody) ist die Nichte von George und Louise Jefferson.

Wenn vorhin der Eindruck entstanden sein sollte, Familie Bunker habe sich "nur" bis 1979 die Ehre gegeben, so stimmt das nicht. Denn angesichts des anhaltenden Erfolgs bestand CBS auf einer zehnten Staffel, während Norman Lear nach dem Motto "Aufhören, wenn es am schönsten ist" einen Schlussstrich ziehen wollte. Der Kompromiss war eine Fortsetzung mit neuem Setting und neuem Titel: Archie Bunker's Place war geboren. Jean Stapleton, die ebenfalls das Gefühl gehabt hatte, die Luft sei raus, ließ sich zu fünf Gastauftritten als Edith Bunker in der ersten Staffel breitschlagen. Ab Season 2 war Archie dann Witwer, Edith war mit einem tödlichen Schlaganfall aus der noch bis 1983 fortgesetzten Reihe gezaubert worden. Die finale, 29. (!) Episode der dritten Staffel stellte dann einen weiteren Backdoor pilot dar, nämlich für Gloria. Darin behauptete sich Archies Tochter (Sally Struthers) 21 weitere Folgen lang als alleinerziehende, von ihrem Partner (Rob Reiner) sitzen gelassene Mutter in Upstate New York.

1994, elf Jahre nach Archies Schwanengesang, wurde Amerika noch einmal in die alte Bunker-Residenz in Queens eingeladen. Das Haus auf der Hauser Street wurde nämlich von Ernie Cumberbatch (John Amos aus "Good Times") und seiner Familie bezogen. Die Serie 704 Hauser, die nach sechs Episoden nicht verlängert wurde, war eine Art "All in the Family" mit umgekehrten Vorzeichen ("A pair of liberal black parents struggles with their conservative son and his white girlfriend"; Wikipedia) und sollte laut Norman Lear ein Zeichen setzen in einer Phase, da reaktionäre Radioformate wie das von Rush Limbaugh fröhliche Urständ feierten – wie auch schon die Radio-Predigten des Antisemiten Charles Coughlin die Initialzündung für den neunjährigen jüdischen Norman gewesen waren, sich zeit seines Lebens auf die Seite marginalisierter Gruppen zu stellen.

Ungefähr zur selben Zeit, da Norman Lear fürchtete, "All in the Family" würde seinen Drive verlieren, nahm er sich vor, auch "Maude" einen Tapeten-, konkret: einen Ortswechsel zu verpassen. Im dreiteiligen Finale der 6. Staffel geht Maude als Kongressabgeordnete nach Washington. Bea Arthur war von dieser Neuausrichtung nicht überzeugt, zumal die Quoten zuletzt ein bescheidenes Niveau erreicht hatten, und ließ sich auf keine Vertragsverlängerung ein. Lear, nach wie vor an das Konzept glaubend, ersetzte kurzerhand die Hauptfigur mit einem afro-amerikanischen Mann (zunächst abermals John Amos, nach "kreativen Differenzen" jedoch Cleavon Little) und realisierte drei Halbstünder von Mr. Dugan. Keine davon wurde gesendet, der Hauptgrund dafür war ein lautstarker Einspruch seitens des Congressional Black Caucus: Die Darstellung des inkompetenten Nachrücker-Politikers Mr. Dugan sei dem Fortkommen der Community nicht dienlich ("The impact would be disastrous"). Lear sah die Bedenken ein, überarbeitete die Drehbücher – jetzt ging es um einen Footballspieler, der über Nacht Präsident einer Hochschule wird – und konnte schließlich im August 1979 die Iteration Hanging In platzieren. Die CBS-Seher hatten kein Interesse daran, auch wenn die zentrale Figur des Lou Harper mit Bill Macy, der ihnen als Maudes Gemahl vertraut war, besetzt worden war. Nach vier Folgen (das scheint die Schicksalszahl zu sein) wurde "Hanging In" gecancelled.

Die gelegentlichen Flops werden durch die Meilensteine, die Norman Lear gesetzt hat, locker aufgewogen. Man kommt an diesem fünffachen Emmy-Gewinner nicht vorbei. Übrigens führt die imdb "All in the Family" unter dem deutschen Titel "Es bleibt in der Familie". Lief die Bunker-Saga womöglich irgendwann synchronisiert im BRD-Fernseh? Ich bin zum Recherchieren zu erschöpft; während ich diesen Beitrag verfasst habe, hätte ich locker "Sanford Arms" und "Checking In" durchbingen können. Dank und Glückwunsch allen, die mir bis hierher gefolgt sind!
 

Samstag, 23. Januar 2021

What is "a real mensch"?

Am 8. November letzten Jahres starb Alex Trebek, seit 1984 der Moderator von "Jeopardy!", an den Folgen von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dass wenige Tage zuvor Sean Connery das Zeitliche gesegnet hatte, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, die freilich nicht nur mir aufgefallen ist: In den wiederkehrenden "Celebrity Jeopardy"-Sketchen von "Saturday Night Live" war Connery, in der Parodie von Darrell Hammond, die ewige Nemesis Trebeks (Will Ferrell).

Abgesehen von diesen Comedy-Spoofs hatte ich nie einen besonderen Bezug zu der weltbekannten Rateshow, welche – die Älteren erinnern sich – eine Zeitlang auch in Deutschland lief. Erst im Januar 2020 hatte ich zum ersten Mal reingeschaut, als nämlich das mehrtägige Spezial "Greatest of All Time" ausgestrahlt wurde, in dem die drei erfolgreichsten Kandidaten der "Jeopardy!"-Geschichte gegeneinander antraten. Das war äußerst unterhaltsam, rasant und lehrreich, und insbesondere der zu diesem Zeitpunkt bereits 79-jährige Alex Trebek als Spielleiter nahm mich mit seiner ruhigen, professionellen und warmherzigen Art für sich ein. Ich bereue es zutiefst, dass ich nach dem "GOAT"-Special nicht zum regelmäßigen Zuschauer wurde. Es gab halt so viel anderes zu konsumieren!

Als der Tod der TV-Legende verkündet wurde, war ich traurig und nahm mir vor, alle folgenden noch nicht gesendeten Folgen von "Jeopardy!" anzusehen. Derer gab es glücklicherweise 35 Stück, denn die Sendung wird mit einigem Vorlauf blockweise aufgezeichnet, und Trebek war noch bis zum 29. Oktober in der Lage gewesen, seinen Moderationspflichten (sein Vertrag lief bis 2022) nachzukommen. Am 8. Januar 2021 lief sein allerletzter Auftritt – mit überragenden Einschaltquoten – im Fernsehen. Ich habe es bis zur vergangenen Woche aufgeschoben, mir diese Episode anzuschauen. Sie war wunderbar unspektakulär und nur insofern (für mich) außergewöhnlich, als es das einzige dieser letzten 35 Male war, dass ein Kandidat von "Final Jeopardy" ausgeschlossen wurde, weil er am Ende der zweiten Runde im Minus stand. Die Antwort auf die letzte Frage bzw. die Frage zur letzten Antwort war "What is 'isotope'?"; ich hätt's gewusst! (Wenn ich kurz angeben darf: Es ist schon mehr als einmal vorgekommen, dass ich etwas wusste, worauf keine/r der Teilnehmenden gekommen ist.)

Jedenfalls wurde diese gleichzeitig harmlose und spannende Sendung über die letzten drei Monate zu einem lieben Part meiner Morgenroutine, umso mehr, als ich direkt nach dem eindeutigen Wahlgewinn Joe Bidens beschlossen hatte, dass es Zeit für eine Latenight-Show-Pause sei: Was sollten mir Colbert und Meyers noch groß über die so fruchtlosen wie kindischen Aktionen eines scheidenden und so schnell wie möglich einzusperrenden Versager-Präsidenten erzählen? Vergeudete Minuten!

Ich werde auch in Zukunft in unregelmäßigen Abständen bei Ken Jennings vorbeigucken. Der hat nämlich bis auf weiteres die Rolle eines "guest host" übernommen und macht das recht versiert und charmant. Jennings hatte 2004 für Furore (und ein regelrechtes "Jeopardy!"-Fieber) gesorgt, als er in 74 Partien die Rekordsumme von insgesamt 2.522.700 US-$ erspielte; auch das oben erwähnte "GOAT"-Tournament konnte er für sich entscheiden. Dass mit dem Gamemaster die Qualität einer Quizshow steht und fällt, ist klar. Es gibt bei "Jeopardy!" aber neben der horizonterweiternden Auswahl der Wissensgebiete immer wieder kleine Überraschungen, die für mich den Reiz ausmachen, beispielsweise Außenaufnahmen, in denen Korrespondent(inn)en der Show on location interessante Fragen stellen: in der Weihnachtszeit etwa aus einer Lebkuchenbäckerei in Nürnberg (wovon in der lokalen Presse nichts zu lesen war!).

Apropos Rekorde: Nicht nur hat die Show sage und schreibe 39 Emmys gewonnen, auch wurde ihr inzwischen 92-jähriger Ansager Johnny Gilbert 2017 als Dienstältester in diesem Job ins Guinness-Buch aufgenommen. "Thank you, Johnny!" (Zitat) Und: Thank you, Alex!

Samstag, 28. November 2020

Die besten Weblogs

Ich liebe es, dass ich diese Rubrik im Jahr 2020 immer noch befüllen kann, wenn auch sehr selten. Zumal das Blog, das ich vorstellen möchte, bereits 2018 ins Leben gerufen wurde. Aber erst jetzt bin ich darauf gestoßen.

The 'One SNL a Day' Project bietet genau das, was es verspricht: Der Autor, "Stooge", hat sich vorgenommen, jeden Tag (!) eine Ausgabe von "Saturday Night Live" zu schauen, zu rezensieren und zu bewerten. Stand heute hat er es bis zur 9. Episode der 38. Staffel geschafft, er dürfte das Projekt also nächstes Jahr abgeschlossen haben. Dafür gibt es von meiner Seite Respekt und Neid. Falls es jemanden interessiert: Ich selbst habe alle Folgen ab 30x01 bis zur aktuellsten (46x06) gesehen, außerdem Staffel 19 bis 27 komplett; durch 28 und 29 arbeite ich mich gerade durch, von Season 17 und 18 kenne ich nur einzelne Ausgaben. (Die "Beschaffung" dieser Show ist außerhalb Amerikas fast ein Ding der Unmöglichkeit.) Auf YouTube gibt es freilich viele Sketche aus vergangenen Jahren abzurufen, aber das ist für mich nicht dasselbe. Gespannt bin ich, ob das Blog auch nach dem faktischen Ende weitergeführt werden wird (dann halt mit einem Recap pro Woche). Nun heißt es aber erst mal: Archive binging!

Samstag, 10. August 2019

Zum zehnten Mal (wahrscheinlich) kein Glück

Dies ist ein Update zu Ich war noch niemals in New York.
Zum "Jubiläum" gab es sogar eine Neuerung: eine automatische Antwortmail von NBC: "Thank you so much for entering the lottery for the SNL 2019-2020 season! You will be notified through the email address you provided only in the event you are chosen. Winners are notified on a rolling basis and may be selected any time throughout the season."
Und so weiter. Klappen wird es vermutlich wieder nicht. Insgehein hoffe ich es sogar, denn, so pathetisch das klingen mag, ich will eigentlich gar nicht nach Amerika, solange dieser Präsident Präsident ist. So!

Dienstag, 7. Mai 2019

Ich habe Victoria Jacksons Autobiografie gelesen, damit ihr es nicht müsst

Victoria Jackson (*1959) war von 1986 bis 1992 Teil des Ensembles von "Saturday Night Live" und übernahm dort regelmäßig die Rolle dessen, was man im amerikanischen Englisch bimbo oder ditz nennt, also dem blonden Dummchen, wie man es heutzutage zum Glück kaum noch in Comedyshows zu sehen bekommt. Mit ihrem Look sowie einer kindlich-naiven Quakstimme war sie prädestiniert dazu bzw. wurde halt type-gecasted, wobei sie auch über hohes akrobatisches Geschick und musikalisches Talent verfügt(e), so dass sie regelmäßig Ukulele spielend oder radschlagend auf der Bühne glänzte. Johnny Carson war ein Fan von ihr, 20 Mal war sie in seiner Late-Night-Show zu Gast.

Weil ihre Karriere in der Unterhaltungsbranche nach 1992, wie bei so vielen SNL-Alumni, nicht so recht Fahrt aufnehmen wollte, begann sie sich allmählich auf ungute Art zu politisieren und wurde Anfang der Zehnerjahre zu einem der prominenteren Gesichter der Tea-Party-Bewegung. Über diesen Werdegang hat sie 2012 ein Buch geschrieben ("Is My Bow Too Big?"), welches ich vor kurzem endlich ausgelesen habe. Ich lese grundsätzlich alle Biografien aus dem "Saturday Night Live"-Umfeld, und diese Geschichte interessierte mich ganz besonders, denn ich finde es zu gleichen Teilen spannend und unbegreiflich, wenn jemand peu à peu ideologisch "abdriftet". Beispiel Dennis Miller: War der Comedian in seiner Zeit als "Weekend Update"-Anchor noch keinem konkreten Spektrum zuzuordnen, begriff er sich nach 9/11 plötzlich als konservativer Patriot und ging die Jahre darauf schließlich full FOX News mindset.

Auch bei Victoria Jackson war dieses zweifellos traumatische Datum offensichtlich ein Erweckungserlebnis. Jedoch scheint mir in diesem speziellen Fall die Veranlagung zum Rechtsruck noch tiefer zu liegen, nämlich in einer von früh an verabreichten Überdosis Religion. Die Jacksons waren strenge Baptisten, und weil das Familienleben im Wesentlichen harmonisch ablief und kaum Anlässe bot, die diversen schrägen Dogmen infrage zu stellen, hat sich Victoria nie davon emanzipiert. Im Gegenteil: Bibelcollege und selbstauferlegte "Reinheit" bis in die wilde New Yorker Ära hinein waren logische Folgen. Und noch die übelsten fundamental-christlichen Urteile (Abtreibung ist Mord! Homosexuelle kommen in die Hölle!) galten ihr als unanfechtbar. Dann kam der 44. Präsident der Vereinigten Staaten und das Fass lief über. Bereitwillig ließ sie sich in die Verschwörungs- und Hetz-Maschinerie der far-right einspannen: Selbstverständlich zweifelt sie Obamas Staatsbürgerschaft an, die Vorbereitung eines muslimisch-kommunistischen Umsturzes wirft sie ihm vor, nicht weniger als Jesu erneute Ermordung befürchtet sie von der "liberalen Elite". "Socialist agenda" und "anti-American ideology" sind weitere gern verwendete Schlagwörter. Dass Andrew Breitbart (in dessen Haus sie sogar übernachten durfte) seine Anhänger anhielt, Obama lediglich als "Kulturmarxisten" zu titulieren, nimmt sie immerhin zur Kenntnis, verwendet aber mehrfach und allen Ernstes das Wort jihadist. Klar, in diesem Dunstkreis gelten ja schon Bernie und Ocasio-Cortez als Ultrastalinisten, weil sie stinknormale sozialdemokratische Visionen wie das Recht auf kostenlose Ausbildung und Gesundheitsversorgung haben.

Entsprechend zermürbend und enervierend gestaltet sich die Lektüre, und einzig die Passagen über die Welt des Showbiz haben mich bei der Stange gehalten. Fast schon schade ist zudem, dass das Buch mitten in Obamas erster Amtszeit endet. Ich wüsste gern, was Frau Jackson von Donald Trumps Wahlsieg 2016 und den Folgen gehalten hat. Ist für sie der Messias gekommen? Findet sie, dass seitdem alles in ihrem Sinne läuft? Oder dass im Gegenteil alles nur noch schlimmer geworden sei, weil in Wahrheit linke Massenmedien die Fäden ziehen? Vielleicht hat sie sich ja in einer ihrer Glossen dazu geäußert, die auch noch zu lesen mir aber die Kraft fehlt. 2017 hat sie sich zumindest – Quelle: Wikipedia – via öffentlicher Ankündigung endgültig aus der Politik zurückgezogen ("The article blamed her politics for her lack of career success"). Man wünscht ihr Glück.

Montag, 10. September 2018

Ich war noch niemals in New York (2018/19-Edition)

Am 29. September beginnt die 44. Staffel von "Saturday Night Live", und ich habe es zum nunmehr neunten Mal nicht geschafft, Tickets für die Live-Aufzeichnung zu ergattern. Langsam verliere ich den Mut, zumal die Show in den vergangenen drei Jahren wirklich deutlich an Qualität abgenommen hat. Einzig Heidi Gardner und Kyle Mooney waren Lichtblicke; ob sie auch Teil des diesjährigen Ensembles sein werden, steht noch nicht mal fest. 


Samstag, 24. Juni 2017

See you next Tuesday

Einem Artikel in Cinema über Amy Schumer entnehme ich folgende Behauptung: "Zu ihren Verdiensten zählt auch, dass sie in ihrer Show auf Comedy Central 'pussy' sagen darf – als Erste überhaupt im US-Kabelfernsehen." Mooooment! Hat nicht Sarah Silverman schon vor einem guten Jahrzehnt im "Sarah Silverman Program" (welches ebenfalls auf Comedy Central lief) "pussy" gesagt? Jein, wie mir nach längerem Nachdenken wieder einfällt. Auf ulkige Weise hat sie damals die Artikulation so verändert, dass das böse P-Wort unzensiert über den Äther gehen durfte; in diesem Tweet steht sogar, wie's geht:


Es ist dies ein klassischer Fall von "Getting Crap Past the Radar": Zensurwürdige Inhalte werden dergestalt verschlüsselt, modifiziert, getarnt, dass sie unbeanstandet bleiben (müssen), aber für ein halbwegs ab- bzw. aufgeklärtes Publikum als die ursprünglich gemeinte Sauerei erkennbar sind. Im Basic-Cable-Fernsehen scheinen die (Sprach-)Regeln nun also gelockert zu werden, sogar was "härtere" Wörter angeht. Beim Sender FX beispielsweise gab es meines Wissens bis vor kurzem grünes Licht für "shit", nicht jedoch für "fuck". In der gerade zu Ende gegangenen 3. Staffel "Fargo" jedoch konnte man mehrfach Leute "fuck" fluchen hören. Oder zahlt der Sender halt einfach jedes Mal eine Vertragsstrafe? Ich entsinne mich auch an das Finale von "Bates Motel" (A&E), wo sich die Macher eine wohlplatzierte "f-bomb" geleistet haben; sogar in der Wiederholung blieb es unverpiept, wie bei Reddit zu lesen war. Ebendort brachte ein User die Bigotterie des Systems auf den Punkt: "I'm glad they warned me before fuck was said. Not sure how that would have impacted my viewing of bloody murders for entertainment. It might have corrupted me." Das Klischee stimmt wohl immer noch, sowohl im Kabel- wie im Network-TV: Gewalt ist okay, aber weh schmutzigen Vokabulars!

Die ewige NBC-Comedyshow "Saturday Night Live" macht sich seit jeher einen Spaß daraus, jedes erdenkliche der "seven dirty words" auf die Bildschirme des Landes zu schmuggeln. Unvergessen der Sketch, in dem Janet Jackson auf einem Weingut die Kunst des Korkeneinweichens erklärt bekommt: "cork soaking" und "cork soakers" klingt dann natürlich, obendrein in pseudo-italienischem Akzent gesprochen, wie ... nun, schon klar, gell? Kaum weniger mutig und amüsant war der "Sofa King"; nicht unverlinkt bleibe auch der Klassiker "Schweddy Balls". Nonverbal hat SNL vor ziemlich genau zehn Jahren den Vogel abgeschossen, als in einer "Sopranos"-Parodie ganz unverhohlen das hier gezeigt wurde (ab 3:45). Ich traute damals meinen Augen kaum!

Man muss eigentlich dankbar sein für die strengen Auflagen im amerikanischen Nicht-Pay-TV. Welche kreativen Spielereien wären nie geschrieben und inszeniert worden! Und wenn überall immer und alles erlaubt ist, stumpft man ja auch irgendwann ab. Außerdem: Wo wäre der Jux, wenn SpongeBob tatsächlich das allerschlümmste Four-letter-word der englischen Sprache geäußert hätte statt Mrs. Puff ein herzhaftes "See you next Tuesday" entgegenzuschleudern?

Montag, 22. August 2016

Lucky Number Seven?

Zum siebten Mal in Folge habe ich mich heute um ein Ticket für eine Aufzeichnung von "Saturday Night Live" beworben. Sowohl meine Hoffnung als auch mein Enthusiasmus sind inzwischen nicht mehr ganz so hoch wie noch 2010. Damals waren noch Kristen Wiig und Bill Hader und Fred Armisen dabei, das hätte sich richtig gelohnt! Die letzten zwei bis drei Staffeln von SNL haben mich indes meist ermüdet, und auch an Season 42 (!) stelle ich keine riesigen Erwartungen. Freuen würde ich mich natürlich trotzdem wie Bolle, wenn ich irgendwann mal in das ehrwürdige Studio 8H des Rockefeller Centers einrücken dürfte. Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Mittwoch, 18. Juli 2012

Ein paar Podcast-Empfehlungen (für Nerds)

Ohne besonderen Anlass möchte ich heute meine Lieblings-Podcasts vorstellen:
  • Der Overthinking It Podcast: "Where we subject the popular culture to a level of scrutiny it probably doesn't deserve" - der etwas sperrige Slogan spricht für sich. Sowohl auf der Webseite als auch im dazugehörigen Cast trifft sich die Nerd-Elite Amerikas, um Filme, Serien, Musik und Videospiele kaputtzuanalysieren. Das ist hochintelligent und dabei ungeheuer witzig. (wöchentlich, ca. 60 Min., englisch)
  • Spieleveteranen: Ein Projekt älterer (d.h. z.T. über 40jähriger!) Computerspiele-Journalisten, darunter die "PC Player"-Legenden Jörg Langer, Heinrich Lenhardt und Boris Schneider (verh. Boris Schneider-Johne). Sie unterhalten sich über aktuelle Spieletrends und die guten alten Zeiten. (etwa monatlich, bis zu 100 Min., deutsch)
  • Der Whocast: der deutsche Podcast zur britischen Kultserie "Doctor Who". Die Moderatoren sind in ihren Bewertungen - um mal ein abgedroschenes Wort zu verwenden - gnadenlos und scheuen sich auch nicht vor harscher Kritik. Obwohl dieser Cast natürlich in erster Linie Who-Fans anspricht, soll es Leute geben, die ihn hören, ohne die Serie zu kennen ... bzw. erst durch ihn zum Anhänger geworden sind. (im Schnitt alle 2 Wochen, 30-120 Minuten, deutsch)
  • The Geekbox: Popkulturdiskussionen, ähnlich wie OTI (s.o.), nur nicht ganz so anspruchsvoll. Es gibt auf der Homepage auch ein paar Spin-offs und Nebenprojekte, u.a. "Good Job, Brain", ein Cast über Fakten, Wissen und Trivia. (wöchenlich, ca. 75 Min., englisch)
  • The HP Podcraft: "The H.P. Lovecraft Literary Podcast". In dieser Reihe werden Geschichten von H.P. Lovecraft (auszugsweise oder vollständig) vorgelesen (mit stimmungsvoller Musik unterlegt) und besprochen. Mittlerweile ist man mit dem Original-Kanon durch; wie es weitergeht, weiß ich noch nicht, da ich die letzte Folge noch nicht gehört habe. (wöchentlich, 30-60 Min., englisch)
Und hier noch ein paar Sendungen, die leider inzwischen abgeschlossen sind:
  • Allmovietalk: der beste Movie-Podcast, den es je gegeben hat. Zwei Kinobuffs unterhalten sich über Klassiker wie Neuheiten, schauen hinter die Kulissen und geben wertvolle Filmtipps. 
  • The ABC's of SNL: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Cast wirklich abgeschlossen ist, aber die Beschreibung zu Folge 5 (die ich noch nicht angehört habe) sagt, es handele sich um "the final chapter". Host Kevin Smith (genau, der Regisseur!) unterhält sich vor Studiopublikum mit Jon Lovitz, der von 1985 bis 1990 Castmember bei "Saturday Night Live" war. Absolut epischer Shit, wenn man sich für SNL interessiert!
  • Der GameStar Podcast: PC-Spiele-Podcast der Zeitschrift "GameStar", der Ende 2010 kommentarlos abgesetzt wurde. Natürlich heute nicht mehr von hoher Relevanz, aber wegen der locker-sympathischen Expertengespräche hörenswert.
  • The Plate: Wie "The Dish", auf dessen Seite er gehostet wurde, ein Podcast über Webcomics, nur um Längen anarchischer. Zum Panel gehörte der kanadische Kult-Let's-Player raocow.

Samstag, 28. November 2009

Roomies

Durch eine Folge der Serie Undeclared (doofer deutscher Titel: American Campus) habe ich gelernt, dass in amerikanischen Studentenwohnheimen, in denen sich in der Regel zwei gleichgeschlechtliche Studenten ein Zimmer teilen, folgendes üblich ist: Wenn einer der Zimmerbewohner einen Partner mit auf die Bude nimmt, muss der andere sich irgendwo - z.B. im Aufenthaltsraum - einen Alternativ-Schlafplatz suchen. Wie unverschämt! Ich würde mich weigern, meinen teuer bezahlten Raum nicht zu betreten, nur weil mein Mitbewohner eine Krawatte an die Klinke gehängt hat. Sollen die sich halt ein Stundenhotel suchen. Oder sich beim Akt beobachten lassen. Wer in einem Studentenwohnheim wohnt, hat eh jedes Privileg auf Sex verwirkt. Erbärmlicher ist nur noch, bei seinen Eltern zu wohnen. Ich rede hier natürlich nicht von deutschen Studenten. In den Wohnheimen, die ich kenne, hat zumindest jeder ein eigenes Schlafzimmer. Ich selbst habe grundsätzlich keine Probleme damit, in einem Mehrbettzimmer zu nächtigen - bei Gott, ich teilte mir mal eins mit sieben Australiern (und wie jeder weiß sind Australier die größten Proleten unter der Sonn'). Aber ein bisschen Ruhe tut, gerade in Prüfungszeiten, Not.

Bonus-Text für Nerds Es muss noch erwähnt werden, dass sich Judd Apatow, der Erfinder von Undeclared sowie dessen quasi-Vorgänger Freaks & Geeks, sich mal einen dorm room mit Adam Sandler geteilt hat - Filmmaterial aus diesen Tagen ist in dem Film Funny People (doofer deutscher Titel: Wie das Leben so spielt) (Regie: Apatow) zu sehen. Adam Sandler habe ich eine Zeit lang mit Ben Stiller verwechselt, und tatsächlich wird in einer Undeclared-Episode, in der Sandler einen Gastauftritt hat, dieser von Oliver Rohrbeck synchronisiert, dem deutschen Stamm-Sprecher von Ben Stiller. Laut dem Oracle of Bacon kommen Ben Stiller und Adam Sandler sogar in einem gemeinsamen Cast vor, nämlich dem von dem Film Happy Gilmore. Das Drehbuch dazu schrieb Tim Herlihy, ein langjähriger Autor bei Saturday Night Live. Adam Sandler war in vier Staffeln bei SNL zu sehen, aber auch Ben Stiller hatte darin einige Cameos, u.a. als Tom-Cruise-Parodist.