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Donnerstag, 7. August 2025

Leisten muss sich wieder lohnen

Jedes Mal, wenn jemand in meiner Gegenwart "Schuster, bleib bei deinen Leisten!" sagt, denke ich: "Es heißt 'deinem Leisten'!" (aber verkneife mir natürlich jedweden Kommentar). Es ist eines dieses Sprichwörter, deren Aussage jeder begreift, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch kaum noch verstanden oder hinterfragt wird. Bei Schusters Leisten geht es jedenfalls nicht um schmale Bretter, sondern um den Leisten, eine "aus Eisen oder Holz hergestellte Nachbildung des Fußes, die für die Anwendung und Reparatur von Schuhen verwendet wird" (Duden, Bedeutungswörterbuch).

Letzte Woche war ich in der Frankfurter Stadtbücherei, und da lag im Bereich Fremdsprachige Literatur tatsächlich schon der neue Stephen King aus, "Never Flinch" (deutsch: "Kein Zurück"). Ich stürzte mich sofort ins Lesevergnügen und stieß auf folgende interessante Stelle im ersten Kapitel:

"This is not my business. Shoemaker, stick to thy last."
One of her father's sayings. [...] What is a shoemaker's last, anyway? She has no idea and quashes the urge to google it. She does know what her last is: [...]

Let me google that for you, Holly: Der last ist nicht das Letzte, sondern das (natürlich etymologisch verwandte) Pendant zum Leisten: "a form (as of metal or plastic) which is shaped like the human foot and over which a shoe is shaped or repaired". Bei Merriam-Webster, wo ich die Definition herhabe, ist sogar eine Illustration dieses Handwerkerutensils zu sehen.

Mir war nicht klar gewesen, dass es eine englische Entsprechung zu dem deutschen Spruch gibt. In der Wikipedia-Liste der geflügelten Worte findet sich der Grund für die überregionale Verbreitung: "Der römische Historiker Plinius der Ältere erzählt vom Maler Apelles, dass er von einem Schuster darauf hingewiesen wurde, er habe auf einem Bild einen Schuh nicht richtig gemalt. Apelles verbesserte daraufhin das Bild. Als der Schuster nun noch mehr an seinem Bild kritisierte, rief er ärgerlich aus: 'Ne sutor supra crepidam!' 'Schuster, nicht über die Sandale hinaus!'"

In diesem Moment wird mir klar, dass "Schuster, bleib bei deinen Leisten" ja genau so korrekt ist wie die Variante mit "deinem Leisten", weil Singular und Plural formgleich sind. Ha! Bei Wikipedia steht denn auch: "Meist wird dieses Sprichwort jedoch in der Mehrzahl gebraucht ('Schuster, bleib bei deinen Leisten'), was mindestens ebenso sinnvoll ist, da ein Schuster nicht nur einen Leisten, sondern viele verwendet (rechte und linke Schuhe, verschiedene Schuhgrößen etc.)." Im Englischen scheint jedoch last und nicht lasts üblich zu sein.

Dienstag, 6. August 2024

Reis' und schein'!

Heute habe ich durch den "Profil"-Kasten der Süddeutschen Zeitung, in dem es um den Flotillenadmiral Axel Schulz ging (nein, nicht der Axel Schulz!), gelernt, dass der morgendliche Weckruf auf deutschen Kriegsschiffen so lautet: "Reise, Reise – Aufstehen!"

Die SZ hat die seemännische Phrase allerdings ein wenig irreführend wiedergegeben. Korrekt ist "Reise reise", das Wort ist nicht das uns bekannte Substantiv, sondern der Imperativ zu einem niederdeutschen Verb, das mit engl. rise "sich erheben, aufstehen" verwandt ist. Dies entnahm ich dem dazugehörigen Wikipedia-Eintrag, der erwartbarerweise eine Reihe weiterer interessanter Fässer aufmacht: "Der Tag an Bord eines Schiffes der Deutschen Marine beginnt wie überall mit dem Wecken, auch Purren, das mit dem Locken eingeleitet wird, einem Pfeifsignal, das in der Regel fünf Minuten vor dem eigentlichen Aufstehen mit der Bootsmannsmaatenpfeife gegeben wird und auf die ein Ausruf folgt. Das eigentliche Wecken beginnt hingegen mit einem langgezogenen Pfiff und dem Ruf Reise reise, aufstehen, Überall zurrt Hängematten!"

Bei der Marine geht es meiner Vorstellung nach noch rauer und also auch verbal rauer zu als beim Heer, was bestätigt wird, wenn man sich die hier versammelten Weckspruch-Varianten zu Gemüte zieht. Beispiel: "Reise reise, aufstehen! Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, ist einer, der die Putzfrau vögelt." Na ja, wenn's hilft, bei heiklen Manövern (Großübung "Indo-Pacific Deployment") auf hoher See (zurzeit: vor Hawaii) die Moral zu heben bzw. ein wenig vom Ernst der Lage abzulenken ...

Dienstag, 5. März 2024

... and I'm all out of bubblegum

In der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung gab es ein Interview mit John Bolton, dem ehemaligen US-Botschafter bei den Vereinten Nationen. Folgende Stelle in seiner Antwort auf die Frage "Im Kongress sind die Ukraine-Gelder blockiert. Wird er sie bald freigeben?" fand ich sprachlich bemerkenswert:
Die Suche nach einem parlamentarischen Weg durch das Repräsentantenhaus läuft auf vollen Touren. Ich stimme den Republikanern zu, die Bidens Grenzpolitik als nutzlos und gefährlich für unser Land kritisieren. Aber die Vereinigten Staaten müssen in der Lage sein, to walk and chew gum at the same time. Es ist selbstzerstörerisch, die Hilfe zu verzögern, weil Bidens Grenzpolitik ungenügend ist.
Da der englischsprachige Nebensatz unübersetzt geblieben ist, gehe ich davon aus, dass es sich um eine stehende Wendung handelt, die auf deutsch für (noch mehr) Verwunderung sorgen würde. Sowohl das englische Wiktionary als auch das mir bisher nicht bekannte "Free Dictionary by Farlex" geben an, dass dieser Phraseologismus in der Regel negiert verwendet wird, "to indicate incompetence" oder "to convey ineptitude". Man schreibt oder sagt also so etwas wie "Der kann doch nicht mal gleichzeitig gehen und Kaugummi kauen". Der Wiktionary-Beleg von 1978 – keine Ahnung, ob es sich um das älteste schriftliche Beispiel handelt – ist allerdings wie unser SZ-Zitat positiv formuliert: Die United States Federal Trade Commission (Statutes and Court Decisions) hat festgehalten, dass "The philosophy communicated to T.E.C. salesmen was to enroll any person who could 'walk and chew gum at the same time'". Es wird eine geistige Mindestanforderung gestellt bzw. akzeptiert, und so wird es auch bei Bolton gemeint sein: Die USA sollten es fertigbringen, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren, müssen das eine ausblenden, wenn sie das andere erreichen wollen.
Dafür wüsste ich auch keine adäquate Übersetzung. "Bis drei zählen können" oder ähnliches würde m.M.n. nicht funktionieren.

Sonntag, 23. April 2023

Zwei hübsche Ausdrücke

1.) im Wahrig drüber gestolpert: huf! hüf! (Interj.) (landsch.): Zuruf, mit dem der Fuhrmann sein[e] Zugtier[e] antreibt: zurück!

2.) in Ludwig Barrings Götterspruch und Henkerhand (1967) eine Umschreibung für die Hinrichtung durch Erhängen am Galgen: die hänfene Hochzeit
 

Mittwoch, 5. April 2023

A noble spirit embiggens the smallest man

Einen Monat ist es noch hin bis zur Krönung des neuen englischen Monarchen, der gar nicht mehr sooo neu im Amt ist. Sogar in Deutschland war er letzte Woche schon auf Staatsbesuch, wo ihm viel Sympathie entgegengebracht wurde und wo man ihn wahlweise "König Charles", "König Karl" oder "King Charles" nennt; die III. lässt man meistens weg, denn man meint selbstverständlich Karl den Dritten, wenn man "König Karl" sagt, so wie man Kleopatra VII. meint, wenn man einfach nur "Kleopatra" sagt.

Mit dem Nachrücken des ewigen Fürsten Charles auf den von seiner Mutter in 70-jähriger Rekordherrschaft gehaltenen Thron ist nun auch Karls erstgeborener Sohn nachgerückt: William ist seit 2022 nicht nur der offizielle Kronprinz (der als König dann Wilhelm V. heißen wird), sondern auch der amtierende Prince of Wales. Wer sich mit dessen Insignien befasst, wird womöglich überrascht sein, einen deutschen Wahlspruch auf der Helmzier zu finden:

"Deutsch anmutend" sollte ich wohl besser schreiben, denn nach einer Gegentheorie zu der, dass hier das Motto Johanns von Böhmen wiederklingt, ist "Ich dien" keltischen Ursprungs: Eduard I. soll dem walisischen Parlament mit den Worten "Eich dyn", was wohl so viel wie "Seht diesen Mann" bedeutet, seinen neugeborenen Sohn präsentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia stellt die deutsche Herkunft indes nicht in Frage. 

Das ist ein ergiebiges Thema: fremdsprachige Phrasen als Landesmotto, als Wahlspruch eines hohen Hauses oder einer sonstigen altehrwürdigen Institution. Um bei britischen Monarchen zu bleiben: "Dieu et mon droit", französisch für "Gott und mein Recht", wird von denen seit Jahrhunderten verwendet und prangt bis heute auf dem Wappen des Vereinigten Königreichs. Das ist mir übrigens erstmals beim Anschauen der Serie "Justice" aufgefallen. Dass die Devise des Hosenbandordens, "Honi soit qui mal y pense" ("Ein Schelm, wer Böses dabei denkt"), ebenfalls, wenn auch halb verdeckt, auf Karls Wappen zu lesen ist, unterstreicht den subtilen Mutterwitz, der allem im weiteren Sinne Englischen eingeschrieben zu sein scheint.

In Bezug auf die USA denken wir natürlich zuerst an "E pluribus unum" und "Annuit coeptis", aus den Niederlanden kennt man "Luctor et emergo" (Wappen der Provinz Seeland). Und hierzulande? Einen amtlichen Wahlspruch haben wir ohnehin nicht, am nächsten kommt dem Konzept, im Sinne einer identitätsstiftenden Losung, "Einigkeit und Recht und Freiheit". Die Widmung "Dem deutschen Volke" ließe sich noch in den Topf werfen. Als vor ein paar Jahren Andreas Nohls viel beachtete Neuübersetzung von "Gone with the Wind" unter dem Titel "Vom Wind verweht" herauskam, fragte ich mich im Scherz, ob man wohl bald das E aus dem "VOLKE" am Reichstagsgebäude entfernen würde. (Gutes Quizwissen: Die Buchstaben wurden aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigt.) Eine ältere Form, wenn nicht gar eine frühere Sprachstufe zu bewahren hat ja durchaus seinen Reiz. Die Republik Indien führt seit 1950 in ihrem Hoheitszeichen den vedischen Satz satyameva jayate, "Allein die Wahrheit obsiegt", Teil eines jahrtausendealten Mantras aus den Upanishaden. Wie ich gerade lernte, hat Tschechien ein bedeutungsgleiches Motto, auf tschechisch ("Pravda vítězí"). Auf dem Holstentor steht "CONCORDIA DOMI FORIS PAX", "Eintracht innen, draußen Friede" (Ah, Schulwissen: ein Chiasmus!). Das Lübecker Wahrzeichen würde ich gerne mal in natura sehen.

Dienstag, 4. Oktober 2022

Mein rechter, rechter Spruch ist frei

Vergangene Woche hat das Bundesverteidigungsministerium erklärt, dass die Feldjäger-Abteilung der Bundeswehr ihren Wahlspruch beibehalten werde. Zuvor hatte der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus in einem Schreiben an die Ministerin eine Änderung angeregt. Das Motto lautet nämlich seit 1955 Suum cuique, "Jedem das Seine". Und wird es auch weiterhin lauten.

Ich finde das grundfalsch. Egal ob auf Lateinisch oder auf Deutsch, die Wortfolge ist verbrannt, belastet, vergiftet. Sie zu lesen, egal ob auf einem Barrett oder über einem Gitterzaun, erzeugt gewiss nicht nur bei mir ein ganz flaues Gefühl im Magen. Da nützt es auch nichts, dass Ministerin Lambrecht (SPD) "einen aus der Antike überlieferten Rechtsgrundsatz" bemüht und sich auf eine "meritokratische Bedeutung" beruft, welche das entsprechende Emblem als "wertegebundene[s] Identitätssymbol" heraufbeschwöre (zitiert nach "Welt online"). Selbstverständlich kann man "Jedem das Seine" so deuten: Wer immer strebend sich bemüht etc.; ja, neutral gelesen à la "Jedem Tierchen sein Plaisierchen" könnte der Spruch sogar sympathisch liberal wirken. Aber in Buchenwald bedeuteten die Worte nun mal das glatte zynische Gegenteil: Du bist hier, weil du es verdient hast.

Noch einmal: Es mag sein, dass der Stern der Feldjäger und die Wahl von "Suum cuique" "einen bewussten Bruch mit der Militärpolizei im 'Dritten Reich'" (die ihre Plakette ja als "Feldgendarmerie" bzw. "Feldjägerkorps" auswies) darstellen und vielmehr eine "preußische Überlieferung" wiederaufnehmen sollte (welche im Übrigen auch mal zu hinterfragen wäre), aber mit derselben Argumentation könnte man den Olympischen Gruß wieder salonfähig machen, weil der ja auch vor der NS-Zeit und ohne faschistische Bezüge erfunden wurde. Da halte ich es mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster, für den das Symbol "unauslöschlich mit dem nationalsozialistischen Massenmord verbunden" ist (zit. n. welt.de).

Eins noch muss so deutlich wie nötig und so vorsichtig wie möglich festgehalten werden: Es gibt unter den Feldjägern eine Zahl von Mitgliedern größer null, die der Zeit der Lager mindestens unkritisch gegenüber stehen. Mit welch eklem Stolz und barbarischer Berufung tragen die das Sprüchlein wohl durch die Gegend?

Donnerstag, 26. Mai 2022

Das Unsagbare (2)

Nach der gestrigen Vorrede ist es nun heute an der Zeit, zwei "Sprachmacken" vorzustellen, die mir persönlich kein Stück beanstandenswert erscheinen, andere aber irritieren (könnten).

Erstens: Wie sage ich verkürzt "eine Sache", wie zu zwei Sachen, drei, vier, n Dingen? Ganz einfach: "ein was", "zwei was" usf. Völlig logischer, geläufiger und richtiger Satz: "Ein was will ich noch klarstellen." Oder: "Wir brauchen noch zwei was." So hat man im Freundeskreis und in der Familie geredet. Wozu "zwei Dinge" sagen, wenn man mit einem handlichen Indefinitpronomen eine ganze Silbe sparen kann? Vor wenigen Jahren geschah es dann, dass mir eine solche Formulierung in einem Text, den ich im Rahmen redaktioneller Tätigkeit verfasste, angekreidet wurde. Da dachte ich zum ersten Mal darüber nach und lernte, dass ein was et al. (auch zusammengeschrieben möglich) nur in einem eng begrenzten Gebiet innerhalb des deutschen Sprachraums üblich ist. Dank dem "Atlas zur deutschen Alltagssprache" (zu dessen Anwachsen beizutragen ich allen ans Herz legen möchte) wissen wir seit kurzem auch, wo genau. Jetzt spreche ich gelegentlich Bekannte auf die Phrase ein was an und stoße damit zuverlässig auf Erheiterung, Verwunderung, Unverständnis oder alles dreis.

"Alles dreis"? Ganz genau. Das ist die zweite Eigentümlichkeit, die ich überhaupt nicht als Eigentümlichkeit begreife. Wie soll man denn, analog zu alles beides, sonst sagen, wenn man sich auf drei von drei Alternativen bezieht und das, sozusagen als Kollektivum, singularisch ausdrücken möchte? "Alles drei" hört sich in meinen Ohren schlicht falsch an; ich verstehe aber, dass die Variante mit -s jene verstören könnte, die von woanders herkommen als ich. Die konkrete regionale Verbreitung hat der AdA noch nicht untersucht; ich werde den Verantwortlichen gleich mal eine entsprechende Erhebung vorschlagen. Vermutlich ist die Bevorzugung von "alles dreis" vor allem im thüringisch-obersächsischen Dialektraum auszumachen. Als Indiz lässt sich eine Stelle in Band 1 der Geschichte Sachsens bis auf die neuesten Zeiten (1826) des in Thüringen gewirkt habenden Historikers Ferdinand Wachter anführen: "wenn wir nun alles dreis zusammen halten". Auch Nietzsche (im Kreis Merseburg geboren, in Naumburg groß geworden) schreibt in einem Brief: "Jacke, Hose, Weste, für alles dreis: 12 1/2 Silbergroschen". Über Google Books findet man gleich zwei einschlägige Zitate Theodor Fontanes, der allerdings bekanntermaßen weiter nördlich aufgewachsen ist: "jeder Zoll ein Ludwig, ein Posa, ein Uriel Acosta, was alles dreis dasselbe bedeutet" (Gesamtausgabe Werke, Schriften und Briefe, Einzelwerk nicht ermittelbar); "Und ich bin eigentlich alles dreis" (L'adultera).

Donnerstag, 31. März 2022

Betr.: Tennis-Aus, Horrorautor, Payback, Freund

Die australische Tennisspielerin Ashleigh Barty hängt den Schläger an die Wand. Hinsichtlich ihrer Entscheidung wird die 25-Jährige mit den Worten zitiert: "I know how much work it takes to bring the best out of yourself. It’s just I don’t have that in me anymore." (Hervorhebung durch mich.) Sprich: Sie hat nicht mehr das Zeug dazu, packt es nicht mehr, traut es sich nicht mehr zu, und was dergleichen idiomatischer Umschreibungen mehr sind. Was aber macht eine große deutsche Qualitätszeitung aus dem Satz und druckt's als Oberzeile in ihren Sportteil? "Ich habe das nicht mehr in mir".

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Apropos schlecht übersetzt: Vor einer Weile habe ich mir Stephen Kings es von der Dicke her fast mit "Es" aufnehmen könnenden Roman "Tommyknockers" aus dem Bücherschrank gekrallt und bin letzte Woche auf Seite 355 angekommen. Dort gibt es einen Schmunzler. Denn wie später in "Elevation" und "Mr. Mercedes" (ich berichtete) hat sich der Autor in die im Bundesstaat Maine angelegte Kulisse selbst eingebaut: "Franks Nichte, Bobbi Anderson, wohnte jetzt dort – natürlich betrieb sie keine Landwirtschaft; sie schrieb Bücher. Ev hatte kaum je ein Wort mit Bobbi gewechselt, aber sie hatte einen guten Ruf in der Stadt. Sie bezahlte ihre Rechungen pünktlich, sagten die Leute, und klatschte nicht. Außerdem schrieb sie gute alte Westerngeschichten, die man verschlingen konnte, nichts mit erfundenen Monstern und unanständigen Wörtern wie in den Büchern von diesem Burschen, der in Bangor wohnte."

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Jedes Mal, wenn ich irgendwo meine Payback-Karte einsetze, erhalte ich eine E-Mail, die mir mitteilt, wie viele Bonuspunkte ich für die eben getätigte Transaktion gutgeschrieben bekommen habe.
Am Montag nun habe ich innerhalb kurzer Zeit erst bei Rewe, dann bei dm eingekauft und jeweils mit der Payback-, die zugleich eine Kreditkarte ist, gezahlt. Wieder daheim, wurde mir vermittels meines Maileingangs erstmals klar, was der Unterschied zwischen Rewe und dm ist: Die Betreffzeile zur Mail mit dem Payback-Update von Rewe lautete "Dein neuer Punktestand!", während die der dm-Mail lautete: "Ihr neuer Punktestand!".

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Neulich von einer besonderen Figur im US-amerikanischen Recht gelesen: der des Amicus Curiae. Dieser "Freund des Gerichts" fungiert als eine Art Berichterstatter oder sachverständiger Zeuge in Prozessen mit gesellschaftlicher Relevanz, darf aber parteiisch sein und im Rahmen seiner Stellungnahme, die stets als formales schriftliches "Gutachten" vorzulegen ist, neue Rechtsfragen aufwerfen. Weltweit gesehen ist der anglo-amerikanische Amicus Curiae ziemlich einzigartig, jedoch zum Beispiel auch am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte etabliert.
"Auch wenn der Amicus Curiae in der deutschen Rechtsordnung nicht normativ verankert ist, so treten in der Praxis durchaus Personen in dieser Rolle an die Gerichte heran. [...] Das bis dato prominenteste Beispiel war eine Stellungnahme der Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V., die diese im September 2018 in einem Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht (Urt. v. 29.1.2020, Az. 6 A 1.19 u.a) eingereicht hatte. Darin ging es um die Frage, ob das Vereinsverbot gegen die Betreiber des Internetportals 'linksunten.indymedia.org' rechtmäßig ergangen war". Ein lesenswerter Gastbeitrag in der "Legal Tribune online" (Zitat von dort) ordnet das Rechtsinstitut historisch ein und erklärt, welche Rolle es hierzulande künftig spielen könnte, nachdem die Tesla Manufactoring Brandenburg SE sich letztes Jahr zum Amicus Curiae aufgeschwungen und am OVG Berlin-Brandenburg unbestellt einen interessegeleiteten Schriftsatz zu einem die sog. Gigafactory betreffenden Verfahren eingereicht hat. Bestehendes Prozessrecht müsste freilich angepasst werden. "Als Vorbild innerhalb des kontinentaleuropäischen Rechtskreises könnte Frankreich dienen. Denn jenseits des Rheins ist der Amicus Curiae bereits seit über zehn Jahren im Code de Justice Administrative normiert – wenngleich er praktisch eher selten genutzt wird."

Mittwoch, 7. April 2021

Wörter unter dem Fernglas

Eine dritte Erklärung ist, dass Friedrich Wilhelm nach dem Dreißigjährigen Krieg für seine Armee schwedische Veteranen als Ausbilder einsetzte. Diese wurden "alte Schweden" genannt, eine Bezeichnung, die im Volksmund bald auf nichtmilitärische Personen übertragen wurde. Eine vierte Erklärung besagt, dass nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges Soldaten der schwedischen Armee von Friedrich Wilhelm für die Ausbildung seiner Truppen akquiriert wurden, die umgangssprachlich als "alte Schweden" adressiert wurden. Diese kumpelhafte Anrede verbreitete sich dann auch außerhalb des Heeres. Eine fünfte Erklärung geht so: Nach dem Dreißigjährigen Krieg bediente sich der Herzog Friedrich Wilhelm ehemaliger schwedischer Soldaten, um preußische Gefreite ausbilden zu lassen. "Alter Schwede" bzw., in der Mehrzahl, "alte Schweden" sagte man zu diesen fremdländischen Militärs. Erklärung Nummer 6 besagt, dass Friedrich Wilhelm nach dem Ende des Dreißigjährigen

Samstag, 8. Februar 2020

Housemitteilung

Das treibt mich seit einer Weile um: Kann es sein, dass man in amerikanischen Medien, zumindest in audiovisuellen, die Bezeichnung House Speaker heute viel öfter vernimmt als die längere* Titulierung Speaker of the House, während letztere früher häufiger verwendet wurde? Ich kann diesen rein gefühlsmäßigen Verdacht nicht empirisch erhärten, aber wenn ich die Kombination [Amtsbezeichnung_Name] hinsichtlich der letzten drei Speaker gedanklich Revue passieren lasse, kommt mir "Speaker of the House John Boehner" – etwa aus dem Munde eines Late-Night-Hosts – viel vertrauter vor als "House Speaker John Boehner". "House Speaker Paul Ryan" meine ich hingegen etliche Male mehr gehört zu haben als "Speaker of the House Paul Ryan". Und in Verbindung mit Nancy Pelosi habe ich aus deren erster Amtszeit die längere Form im Ohr, während mir seit Anfang 2019 "House Speaker Nancy Pelosi" bevorzugt zu werden scheint.
Die (schleichende) "Trendwende" muss also vor ungefähr zwei bis drei Jahren begonnen haben. Wahrscheinlich spinne ich aber einfach nur.

* aber nicht vollständige; die lautet nämlich Speaker of the United States House of Representatives

Montag, 15. Oktober 2018

Tortenheber der Demokratie

Ich stelle fest, dass das Wort "Totengräber" als Metapher in der Presse häufig falsch verwendet wird, nämlich als vorwurfsvolle Bezeichnung für eine Person oder eine Gruppe, die den sprichwörtlichen Tod von etwas aktiv oder durch Unterlassen herbeiführt. Die österreichische Kronenzeitung etwa mutmaßte kurz vor der bayerischen Landtagswahl, dass "Seehofer und Söder als Totengräber der Alleinregierung durch die Christlich-Sozialen in die bayrische Geschichte eingehen" könnten. Auch die "Totengräber der Demokratie" sind beliebte wiederkehrende Figuren im Mediensprech. Weitere Beispiele ließen sich mühelos finden.
Nun ist ein Totengräber jedoch in den seltensten Fällen der Mörder von dem, den er unter die Erde bringt. Auch nimmt er den Tod der oder des zu Beerdigenden nicht billigend in Kauf, noch kann er ihn voraussehen; er wird als Unbeteiligter bestellt, wenn es zu spät ist, und erledigt dann möglichst neutral seinen Job.
Da scheint mir also wieder mal ein verunfalltes Metapherngespenst herumzuspuken. Aber es klingt halt gut.

Mittwoch, 28. Februar 2018

Kurz notiert: Trumps Spickzettel

Vor einer Woche hat Donald Trump im Weißen Haus Überlebende des jüngsten High-School-Shootings empfangen. Dabei fingen die Kameras eine Art Erinnerungsstütze mit Konversationsfragmenten ein, die der Präsident in Händen hielt. Ein Punkt auf dem Notizzettel lautete "I hear you". Mich hat gewundert, dass diverse deutschsprachige Medien (u.a. n-tv) diese Phrase mit "Ich höre euch zu" oder "Ich höre Ihnen zu" übersetzt haben, denn das ist eine ziemlich ungenaue Wiedergabe dieser "Floskel, deren Bedeutung zwischen 'Ich höre euch zu' und 'Ich respektiere euch' schwankt; sie wird oft benutzt, um ein Gespräch am Laufen zu halten, auch wenn nicht alle einer Meinung sind" (Süddeutsche Zeitung) bzw. "bedeutet im Deutschen so viel wie: Ich höre dir zu, ich verstehe dich, ich respektiere dich. Im englischen Sprachgebrauch wird der Satz ähnlich einer Floskel der Zustimmung und Empathie verwendet." (FAZ) "Ich verstehe, was ihr meint" und "Ich sehe euren Standpunkt" wären zwei Vorschläge, die ich ins Rennen um das angemessenste Äquivalent schicken würde. Dass die eine Sprechergemeinschaft in drei Wörtchen etwas auszudrücken vermag, wofür bei der anderen ein vielsilbiges Gestammel nötig wird, darüber könnte man eine nicht dünne Monographie schreiben, aber dieser Blogpost ist mit "Kurz notiert" überschrieben, weswegen er auch jetzt (eh schon viel zu spät) endet.

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Betr.: Worte, Portraits, Linguistenhumor


"Fragen?" Allerdings! Was bedeutet der Spruch "Ein Anruf sagt mehr als 100 Worte"? Sagt ein Anruf (bis zu) 900 Worte weniger als ein Bild? Und sagt ein Bild mehr als 100 Pinselstriche?

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Es ist wieder Verlagskatalogsaison, und beim Durchblättern all der Neuerscheinungspamphlete überkommt mich mal wieder ein für mich typischer Gedanke:


Der Literaturgott möge verhüten, dass ich jemals bei einem Haus unter Vertrag komme, das die Portraitfotos seiner Autoren und Autorinnen so riesig wie z.B. Knaus (s.o.) da rein druckt! Frau Sichelschmidt (s.o.) kann sich ja wie die meisten anderen Menschen durchaus sehen lassen und dürfte kein Problem mit der Abbildung ihres Konterfeis haben, allein ich würde den KLAGEWEG bestreiten, würde ein Verlag versuchen, mein Buch mit meiner lebensgroßen FRESSE zu bewerben!

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Worüber ich lachen kann, Folge 1.095:


Wortspiele gehen immer, und dass die Vergleichende Sprachwissenschaft sich nicht vor ihrem Gebrauch scheut, ist schweinesympathisch. Was aber hat es nun mit Caland auf sich? Nun, das ist seit ein paar Jahren der heißeste Scheiß und – ach, ich lasse lieber den Ankündigungstext des (bereits vergangenen) Workshops sprechen:


Mittwoch, 29. Juni 2016

Redewendungen, deren Herkunft und tieferer Sinn mir lange verborgen war

"... und da verließen sie ihn." Diesen Satz habe ich mehr als einmal aus dem Munde von Hochschullehrern vernommen, wenn ein befragter Student mit seinem Latein am Ende war. Irgendwann forschte ich dann nach und erfuhr, dass diese Wendung wie so viele in der Bibel vorkommt. Man findet solche (oder zumindest ähnliche) Formulierungen z.B. bei Mt 26,56b und Mk 14,50.
Auch den Ausruf "Ja, wo laufen sie denn?" hörte ich immer wieder mit Ratlosigkeit. Er entstammt einem anscheinend kultigen Loriot-Sketch. Danke, Google!
Eine hübsch bescheuert und künstlich veraltend klingende Verbalphrase, die ich heute selbst gern verwende, ist "fröhliche Urständ feiern". Sie bedeutet, dass etwas wieder auflebt, das man eigentlich schon für tot gehalten hat. Der Duden-Band 11, "Redewendungen und sprichwörtliche Redensarten", schreibt dazu: "'Urständ' ist ein heute nicht mehr gebräuchlicher Ausdruck für 'Auferstehung'." Und Wikipedia ergänzt: "Das Wort [...] ist im 17. Jh. noch lebendig, etwa in Friedrich Spees Die ganze Welt, Herr Jesu Christ (1623): 'Die ganze Welt, Herr Jesu Christ, Halleluja, Halleluja, in deiner Urständ fröhlich ist. Halleluja, Halleluja.' Bereits in diesem Lied ist das Wort mit 'fröhlich' verbunden (hier allerdings prädikativ zu 'Welt'), weshalb es als Ursprung der modernen Redensart in Frage kommt. Das isolierte 'fröhliche Urständ' wird von heutigen Sprechern oft als Plural empfunden, ist aber ein femininer Singular. Es findet sich zumeist in journalistischen Texten. Nach Ansicht von Wolf Schneider und Paul-Josef Raue (Handbuch des Journalismus) ist es eine 'Floskel, die die meisten Leser noch nie verstanden haben'." Naja, sage ich da, "Sprachpapst" Schneider hat allmählich auch seine Schuldigkeit getan. Den Sinn konnte ja sogar ich mir aus dem Kontext erschließen, und wer will, kann sich in Nullkommanix Hintergrundsinfos besorgen.

Montag, 16. Mai 2016

Bandar Seri BegaWAS?

Oft hört man in Film und Fernseh Dialoge wie diesen:
"Das nennt man Determinismus!"
"Determi-was?"
Mich stört diese Art, Nichtverstehen auszudrücken. Ich denke dann: 'Komm schon, du hast es so weit geschafft, aber die letzten zwei Silben konntest du dir nicht mehr merken? Pft!' Als Faustregel gelte: Die Ersatzpartikel "was?" ist innerhalb der ersten 50% des Wortes zu verwenden. Okay: "Deter-was?" Unrealistisch: s. Überschrift.

Themenwechsel. Wieso gilt im englischen Sprachraum ausgerechnet Raketenwissenschaft als schwerstverständliche und ehrfurchtgebietendste Disziplin? Was soll das überhaupt sein? In der deutschen Wikipedia hat "Raketenwissenschaft" nicht einmal einen eigenen Eintrag. In der englischen landet man auf einer Erklärungsseite: "Rocket science may refer to: Aerospace engineering, as a colloquial term for a primary branch of engineering". Der Artikel zu "Aerospace engineering" wiederum enthält einen kleinen Unterabschnitt zur umgangssprachlichen Verwendung von "rocket scientist" für eine Person mit hoher Intelligenz. Dass "rocket science" zum Inbegriff menschlichen Forschungsdrangs und geistiger Leistung wurde, mag auf die große Ära der Raumfahrt zurückgehen. Die Wissenschaftler, denen es gelungen ist, die ersten Männer auf den Mond zu schicken, müssen für gottgleiche Wesen gehalten worden sein. Mittlerweile setzen sich Alternativen für "It's not rocket science!" durch. Ich habe zum Beispiel schon irgendwo den Satz "It's not astrophysics!" gehört, und für "It's not brain surgery" findet Google 53.500 Seiten. Wer weiß, was für komplizierte Gebiete es in 100 Jahren geben wird? Dann lacht man womöglich über das simple Zusammenschrauben einer Rakete.

Freitag, 5. September 2014

Sprichwörter und Volksweisheiten - deconstructed

Ausnahmen bestätigen die Regel. Falsch! Jede Ausnahme macht die Regel ungültig. Wo kommwa denn da hin? Das widerspricht doch jeder Wissenschaftlichkeit.

Das geht runter wie Öl. Öl geht total schlecht "runter". Das musste ich erst letzte Woche wieder merken, als sich das Öl aus einer undichten Antipasti-Schale über meine Finger ergoss.

Gegensätze ziehen sich an. So so, und weshalb gibt es einen Spruch, der genau das Gegenteil besagt: "Gleich und gleich gesellt sich gern"?

Es gibt keine dummen Fragen. Schon mal einen Blick auf gutefrage.net geworfen?

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Hüstel, räusper, hust.

Scherben bringen Glück. Erzähl das mal allen, die in eine schmutzige Scherbe getreten und an Tetanus gestorben sind.

Morgen ist auch noch ein Tag. Stimmt gar nicht! Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass morgen ausnahmsweise kein Tag ist.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Klar, Leid ist ja wie ein Kuchen, weswegen zum Beispiel Hunger (wegen Kuchenmangel) kein Leidverursacher sein kann, denn wenn du dein Leid mit 842 Millionen anderen teilst, leidest du ja nur zu gut einem Achthundertzweiundvierzigmillionstel.

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Ach was, das ist gar keine Weisheit mehr, seit Prokrastination zum Volkssport geworden ist. Außerdem: Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden. Alle Wege führen nach Rom. Si fueris Romae, Romano vivito more. Krass, wie viele Sprüche über Rom es gibt! (Drei.)

Man lebt nur einmal. Weiß man's?

Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln. Aus dieser Redewendung spricht der pure Neid. So etwas sagen gehässige Leute, die anderen nichts zutrauen und dann deren Erfolge auf unverdientes Glück zurückführen. Pfui!

Kindermund tut Wahrheit kund. Unsinn! Kinder hauen sich gegenseitig die Taschen voll und sind zu Recht als Zeugen vor Gericht nicht verwertbar. Beispiel: "Ich hab 200 Pokémon-Karten!" – "Ich hab 500 Pokémon-Karten!" – "Immer einmal mehr als du!" – "Sternzahl!"

Die Zeit heilt alle Wunden. Leider nein. :( Allenfalls die schleichende Demenz vermag dies.

Das ist grottenschlecht. Hinter dieser Wendung vermute ich Antigrottenpropaganda der Wald- und Wiesenlobby. Grotten sind total geil! Ich empfehle zum Beispiel die Gautschgrotte in der Sächsischen Schweiz! 

Dummheit frisst, Intelligenz säuft. Ha! Ich kenne nicht wenige intelligente Leute, die gerne fressen. Dumme Leute, die saufen, soll es auch geben.

Dienstag, 4. Juni 2013

Kurz notiert: Drastische Redewendungen

Ab welchem Alter beginnt man eigentlich, Metaphern zu erkennen und zu deuten? Ich jedenfalls erinnere mich noch daran, dass ich als Kind Sprüche und Wendungen, die mir unbekannt waren, ganz genau analysiert, d.h. mir bildlich vorgestellt habe. Wenn jemand sagte "Der hat geschrien wie am Spieß!", sah ich vor meinem inneren Auge genau das: einen Menschen am Spieß. 'Ja, da würde ich aber auch schreien', dachte ich mir.
Grausen tat's mich auch, als ich zum ersten Mal las: "Das ist mir ein Dorn im Auge." In einem Donald-Duck-Comic tauchte der Satz auf. Iiiih, ein Dorn im Auge! Damit verwandt: "ein Auge ausfahren" (nach Aussage mehrerer Linguistinnen und Linguisten eine DDR-spezifische Phrase). Ebenso staunte ich über das Wort "fuchsteufelswild". Was zum Teufel ist ein Fuchsteufel? Und regelrechten Ekel löste "jmd. etw. aus der Nase ziehen" aus.
Heute bin ich zum Glück völlig abgestumpft, gehärtet und verroht.

Montag, 14. Mai 2012

Per Mausklick


Diese Google-Graphik zeigt das Auftauchen der Wendung "per Mausklick" in deutschen Nachrichtenportalen von 2004 bis heute. Ich bin weder Hellseher noch Extrapolationsexperte, doch ich meine, es besteht Hoffnung, dass die ausgeleierte Floskel "per Mausklick" in wenigen Jahrzehnten endgültig verschwunden sein wird. Die "Datenautobahn" haben wir ja auch hinter uns gelassen.